Bescheidene 4 Monate und 27 Einträge wird dieses Blog nun beschrieben, immer noch beta ist es, und wohin die Reise letztendlich gehen soll, ist auch noch nicht klar. Etwas klar geworden ist mir bei der Bloggerei bislang aber schon, beta hin oder her: Menschen, Personen, Individuen, Charaktere aus echtem Fleisch und Blut sind häufiger der Aufhänger der Einträge, kommen öfter vor als ursprünglich geplant. Und ich dachte vor 4 Monaten und 27 Einträgen noch, es solle hier eher um, hmmm, sagen wir Themen, Fakten, Zusammenhänge, Sachverhalte gehen.
Anfang der 90er Jahre saß ich schließlich noch in Proseminaren im Studienfach Geschichte rum und lernte von systemkritischen Hochsemestern, dass die Historie mitnichten auf Personen, Politik, Institutionen und Kriege zu reduzieren sei. Die Soziologie und die französische Annales-Schule hatte das Aufmerksamkeitsspektrum um Themen wie Wirtschaft, Gesellschaft, Klima, Mentalität erweitert. Das sah namentlich das ältere Lehrpersonal nicht unbedingt so, das war seinerzeit im Blauen Turm in Göttingen in der Regel stramm konservativ-bürgerlich, trug Namen wie Pistohlkors oder Gesichter mit Schmissen - und war, nun ja, einfach alt - aus meiner damaligen, jugendlichen Perspektive.
Warum also mehr Personal als gedacht? Da dürften einmal die Gesetze des Erzählens ihren Einfluss haben: Leo´ Charbonneau benennt im kanadischen Magazin University Affairs das Salz in der Suppe beim Storytelling am Beispiel des Wissenschaftsjournalismus:
“remember that the most important thing about story telling – that is what we’re doing, after all – is to tell a good story. Where’s the human interest, the challenges, the pitfalls, the dramatic story arc?
And who are the people involved?”
Mit den in die Historie Involvierten brauchte man linken Göttinger Geschichte-Studenten Anfang der 90er aber nicht kommen. Der Ausspruch des preußischen Gelehrten Heinrich von Treitschke, dass es vor allem die Männer seien, die die Geschichte machten, war verpönt. Der Historismus auch. Das prägt.
Insofern bin ich Alexander Demandt für seinen Beitrag in der Zeit dankbar, in dem er beiden Seiten Rechte einräumt, wenn er einerseits sagt:
“Gewiss kann man gegen Treitschke einwenden, dass Geschichte überhaupt nicht gemacht werden kann, sondern allenfalls das ist, was dabei herauskommt, wenn Männer versuchen, Geschichte zu machen, die Frauen erleiden müssen”,
andererseits aber betont,
“dass der individuelle Einfluss der großen Männer auf das Geschehen von der Wahrscheinlichkeit abhängt, mit der dieses zu erwarten war: geringer, wo man es kommen sah; größer, wo es überraschte.”
Als Beispiel nennt er unter anderem ganz klassisch Alexanders Indienritt: Da vor ihm kein Grieche je auf die Idee gekommen sei, gen Indien zu ziehen, sei es unwahrscheinlich, dass eben dies ohne den Großen vonstatten gegangen wäre, begründet Demandt seine Sichtweise.
Andrew Sullivan bewegt sich in der Sunday Times auf einer ähnlichen Spur und wagt einen Blick auf die zukünftigen Aufgaben des gerade vereidigten 44. US-amerikanischen Präsidenten: Barack Hussein Obama. Sullivan, der auch bloggt, wagt es tatsächlich, es für möglich zu halten, dass Obamas Führungsstil (und Charakter) alle brennenden Fragen der USA (und, nebenbei, der Welt) zwar nicht unbedingt auf die Schnelle, irgendwann aber doch lösen kann: die kulturelle Spaltung des Landes, die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, Guantanamo, vielleicht sogar den Konflikt im Nahen Osten. Obamas Integrität, seine Großherzigkeit, auch ehemalige Gegner ins Regierungsboot zu holen, seine Fähigkeit zuhören zu können, sein Pragmatismus und sein Mut, sich mit einem Haufen hoch geschätzter Experten zu umgeben, ohne um sein Ego zu fürchten, künde von einem fundamentalen Wechsel des politischen Führungsstils des Landes und sei mehr als eine reine Projektion von Hoffnungen, schreibt Sullivan.
Ist es aber nicht wahrscheinlicher, dass Obama in die gleichen Mühlen gerät wie andere Hoffnungsträger vor ihm und somit auch nicht anders ist als andere: als Clinton zum Beispiel:
“Clinton ist der Repräsentant einer neuen Generation von Politikern, die die Weltherrschaft antritt. Nach Jahren der Herrschaft massiger, düsterer, verbissener, mürrischer Ideologen bricht nun die Zeit der leichten Kaliber an, postmodernistischer Lockerheit, einer elastischen Linie. Wichtig sind die aktuelle Situation und die momentanen Interessen. Die Gegenwart regiert und entscheidet. Es werden Verpflichtungen ohne Bedeutung eingegangen und Versprechen gemacht, die nur ein Spiel sind”,
schrieb Ryszard Kapuściński in seiner bereits Anfang der 90er.
Doch gerade Clinton ist nach Sullivans Sicht Obama eben nur in einer Teildisziplin gewachsen, im Intellektuellen:
“Intellectually, Obama is in Bill Clinton´s league. But what he has over Clinton is emotional intelligence to buttress his grasp of policy.”
Emotionale Intelligenz ist zwar sicher wichtig und kann eine immense Rolle spielen; eine Idee, die etwas Großes ins Rollen bringen kann, ist sie aber nicht, möchte man Sullivan mit Demandt entgegnen. Wollen wir mal hoffen, dass Obama wird nicht zum Ikarus statt zum Indienreiter.