Archiv der Kategorie ‘Skills und Kompetenzen‘

 
 

Eine Offenlegung meines Blogger-Exoskeletts

Ich lese im Netz herum und daraus entstehen Texte - Festes aus Flüssigem, wie ein Kirchturm im See.

Zwar nicht zufällig (Auswahl der Quellen und Filter), aber auch nicht bis ins Allerletzte durchgeplant (Serendipitätsprinzip bzw. Empfehlungen, die ich aufschnappe).

So ist das im Netz.

Ein Beispiel:

Text 1 Schreiben kann die Gedanken der Lesenden nicht anders als Marketing oder politisches Agenda Setting beeinflussen - genaue Kenntnisse über die Zielgruppe sind deshalb besonders hilfreich, um medial Wirkung zu entfalten.

Text 2 Denn auch Schreiben ist - genau genommen - ein Akt der Gewalt, ein Versuch, jemanden dazu zu bewegen, die Dinge aus einer anderen, fremden Sicht zu sehen.

Text 3 Es gibt keinen anderen Weg. Die Fakten allein will niemand lesen; erst müssen die Emotionen der Leser geweckt werden, damit sie diesen feindlichen Akt des Fremde-Brille-Überstülpens akzeptieren und sich auf eine neue Sichtweise einlassen.

Text 4 Deswegen kommt es zunächst auf die Haltung an, mit der man etwas vermitteln möchte. Sie öffnet die emotionale Tür zum Leser.

Text 5 Es ist weltfremd, das nicht sehen zu wollen und auf ein Objektivitätsdogma zu pochen, das nicht einzuhalten ist, nie eingehalten werden konnte.

Text 6 Das heißt nicht, dass man keine Fakten präsentieren kann oder sollte. Im Gegenteil. Es heißt nur, dass man ein Narrativ benötigt, um den Kopf des Lesers zu erreichen - eine Erzählung, die ihn auch emotional anspricht. Nur dann ist er auch bereit, sich mit harten Daten und Fakten auseinander zu setzen.

(Apropos Festes aus Flüssigem: Die Struktur dieses “Textes” ist natürlich nicht zufällig entstanden, sondern beeinflusst von dem Text, den ich gerade sozusagen oben drüber lese. So ist das überall, btw: Wenn man krank ist, sieht man nur Kranke; wenn ich fürchte, dass meine Freundin ungewollt schwanger wird, sehe ich vor allem dicke Bäuche, etc.tralala.)

Nachtrag: Siggi Becker und danach Christoph Kappes haben den Gedanken aufgenommen und ebenfalls etwas zur “Dialektik zwischen Texten und Strömen” (siehe Trackback von Markus Spath) geschrieben.

Panta Rhei - alles fließt. Das war wunderbar.

Sommerlektüre

Meine erste ernstzunehmende Sommerlektüre in diesem Jahr ist John Steinbecks Jenseits von Eden gewesen. Angesichts der 702 eng bedruckten, mit Buchstaben für Adleraugen gefüllten Seiten lag meine Chance, diesen Schinken zu bewältigen, statistisch gesehen wohl eher im niedrigen zweistelligen Prozentbereich. (Der intellektuelle Netzskeptiker Nicholas Carr hält ja vom Umfang her Vergleichbares (Krieg und Frieden/Tolstoi) für nicht wirklich mehr lesbar; aus kognitionsphysiologischen Gründen: wegen des Internets, vor allem aber wegen google.)

Aber denkste. Hat doch geklappt mit dem Durchlesen. Und da ich meinen Urlaub noch in den Knochen und auch im Kopf spüre, würde ich derzeit sogar behaupten, dass gar nicht so sehr die schrumpfenden Aufmerksamkeitsspannen der eigentliche Grund sind, warum packende und inspirierende Texte allein wegen ihrer Mächtigkeit nicht mehr gelesen werden, sondern tatsächlich etwas Übergeordnetes, etwas Größeres: die Zeit. Schlichtweg fehlende Zeit. Gar nicht einmal die Zeit, solche Texte zu lesen, sondern vor allem die Zeit, die es braucht, um in der inneren Verfassung zu sein, sich auf sie einzulassen. (Die Zeit ist ebenso groß wie der Hinweis auf sie banal erscheint - aber trotzdem.)

Der Schriftsteller Moritz Rinke hat in der vorletzten Ausgabe der Zeitschrift Die Zeit einen schnellen (und langen) Text veröffentlicht, der die viel diskutierte “Tyrannei des Augenblicks” angesichts der fortgeschrittenen Modularisierung der Zeit beschreibt, die in immer kleinere, einzeln betrachtet verdaulichere Sequenzen geteilt wird. Sehr anschaulich, sehr plastisch. Und ein bisschen unheimlich, da Rinke darüber spricht, wie diese Industrialisierung der Zeit schon lange nicht mehr allein auf eine klar definierte Tätigkeit im wirtschaftlichen Leben ausstrahlt, sondern auf das Leben in allen Bereichen - ob das zum Beispiel, wie Linke schreibt, in der Politik (Merkels SMS-Politik) oder im Privatleben (Internet/Soziale Netzwerke) oder noch ganz woanders der Fall ist.

Das Dumme ist nur: Wenn der Mensch die Zeit zerlegt, dann tut sie dasselbe auch mit ihm. Und wenn sie das in allen Lebensbereichen vollstreckt, in denen auch sie vollstreckt wurde, dann Hallelujah. Und deshalb darf man ruhig ab und zu daran erinnern, dass die Echtzeit total überschätzt und der Augenblick vom leicht verdaulichen Häppchen schnell zum tyrannischen Schweinebratenhund morphen kann.

Ein Augenblick reicht zwar, um alles zu verändern. Aber was sich verändert und vor allem WANN diese Veränderung dann so richtig durchschlägt, ist eine ganz andere Frage. Die Übersetzerin Svetlana Geier hat das einmal in einem Interview auf den Punkt gebracht, anhand Dostojewski (Schuld und Sühne): Gewalt ist plötzlich, Leben geht allmählich. Man könnte also sagen: Die Zeit holt einen immer wieder ein. Die Zeit vergisst nicht, und sie vergisst auch dann nicht, wenn man selbst vergessen hat - ein Augenblick reicht also, um alles zu verändern; um zu verstehen, reicht er aber nicht.

Zurück zu den Dingen

Blogpost über die Auswüchse expertokratischer Sichtweisen.

Aktueller könnte ein Bucheinstieg angesichts der dahinschmelzenden Atombrennstäbe in Japan nicht sein: Richard Sennett nimmt in “Handwerk” die “Furcht vor selbstzerstörerischen materiellen Erfindungen” zum Anlass darüber nachzudenken, wie man die Menschen dazu bringen könnte, vernünftig und rechtzeitig über die Folgen ihres Tuns zu reflektieren. Denn, das dürfte derzeit klar sein: Allein in die Hände von statistischen Wahrscheinlichkeiten und spröden Technokraten sollte die Menschheit ihr Schicksal lieber nicht legen.

Für Sennett sind es die Technik und die Maschinen, die dem Quantitativen den Vorrang vor dem Qualitativen verschafft haben: In der Werkstatt werden die Dinge von Hand hergestellt, und jedes Produkt ist im Grunde ein Unikat; das notwendige Wissen dazu wird von Person zu Person weitergegeben. In der Fabrik dominiert dagegen die maschinelle Massenproduktion, und Wissensträger sind nicht mehr einzelne Menschen, sondern unpersönliche Pläne, Standards und Maßstäbe.

In dieser Trennung von menschlichen Fertigkeiten auf der einen Seite und Technologie auf der anderen, von individuellen Erfahrungswerten und abstrakten Qualitätsstandards, vom Verhältnis zwischen Menschen und Institutionen generell sieht Sennett den Keim grundlegender Probleme menschlicher Zusammenarbeit. Hier liegen für den US-Soziologen die eigentlichen Gründe, warum so viele Menschen sich von ihrer Arbeit entfremdet haben und darüber unmündig geworden sind bzw. gehalten werden.

Nehmen wir ein beliebiges Beispiel, um das zu illustrieren: Neulich hörte ich von einer Mitarbeiterversammlung in einem mittelständischen Verlagshaus, in der herausgekommen sein soll, dass etwa zwei Drittel der Angestellten unzufrieden mit Job und Betriebsklima sind. Woraufhin ein leitender Angestellter angeregt haben soll, sich doch einmal ähnliche Befragungen vergleichbarer Unternehmen anzuschauen; eventuell sei solch ein Ergebnis ja ganz normal. Das ist doch wirklich ein hübsches Beispiel für gelebte, sich in der Person eines Technokraten spiegelnder Entfremdung. Oder sagen wir so: Die Mitarbeiter dürften sich in diesem Moment irre ernst genommen gefühlt haben.

Nun ist Sennett kein Träumer und auch kein Romantiker: Er verklärt die Werkstatt des Handwerkers nicht, will die Maschinen nicht abschaffen und hat auch keinen revolutionären Gesellschaftsentwurf in der Westentasche. Aber er prangert den Fetisch der so genannten Qualifikationsgesellschaft an, ständig die Klugen von den Dummen trennen zu wollen - einer Gesellschaft, in der es, zum Beispiel bei der Ermittlung des Intelligenzquotienten, lediglich von einer statistischen Standardabweichung abhängen kann, ob man als High Potential oder doch nur als Mittelmaß angesehen wird.

Gegen diese zweifelhafte Form des Wirtschaftens bringt Sennett das Handwerk als Gegenentwurf in Stellung:

Wenn man kleine graduelle Unterschiede zu einem großen prinzipiellen Unterschied aufbläst, erhält man eine Legitimation für das System der Privilegien. (…) In der Wirtschaft benutzt man Tests heute zur Identifizierung angeborener Fähigkeitspotenziale, mit denen sich die schnell wechselnden Chancen der globalen Ökonomie nutzen lassen. (…) Tests, mit denen man die Fähigkeit eines Menschen misst, auf Kosten der Tiefe mit vielen Problemen umzugehen, passen zu einer Wirtschaftsform, die schnelles Lernen und oberflächliches Wissen honoriert. Die Fähigkeiten des Handwerkers, in die Tiefe zu gehen, bilden den Gegenpol zu einem so genutzten Fähigkeitspotenzial.

Sennett meint damit nun nicht, dass wir alle zu Hammer und Meißel zurückkehren sollten. Handwerk ist für ihn ganz allgemein der Wunsch, eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen, und er verweist auf die ethischen Bedeutungen, die sich daraus ergeben:

Ich behaupte nicht mehr und nicht weniger, als dass die Fähigkeiten unseres Körpers im Umgang mit materiellen Dingen dieselben sind wie jene Fähigkeiten, auf die wir uns in sozialen Beziehungen stützen.

Für Sennett hat also selbst der abstrakteste Gedankengang seinen Ursprung in einer körperlichen Tätigkeit, und er belegt das mit einer Fülle an Beispielen und Hinweisen zu Studien aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen, die diese Behauptung untermauern sollen. “Handwerkliches Können zeigt den kontinuierlichen Übergang zwischen Organischem und Sozialem gleichsam in Aktion”, schreibt Sennett. Aber leider habe dieser Übergang einen Haken, der nicht so recht in die gegenwärtig vom Menschen bevorzugte Wirtschaftsform passe: Dieser Übergang ist einfach zu ungeregelt, als dass er per ausgeklügeltem Qualitätsmanagementsystem objektiv abgebildet werden könnte. Vor allem aber kostet er viel Zeit.

10.000 Übungsstunden werden in der Regel dafür veranschlagt, um wahre Meisterschaft in einer handwerklichen Tätigkeit zu erlangen - egal ob es sich um Kochen, Klavierspielen oder Programmieren handelt. Die Kunst besteht laut Sennett darin, das Üben dem eigenen inneren Rhythmus anzupassen, damit wirklich etwas hängenbleibt und nicht zur öden Paukerei verkommt. Doch diese Zeit wird im Arbeitsleben weder häufig gewährt noch wird honoriert, wenn sie tatsächlich aufgewendet wurde:

Die Menschen sollen eine Reihe von Qualifikationen erwerben, statt wie einst im Verlaufe ihres ganzen Arbeitslebens eine einzelne Fertigkeit zu entwickeln. (…) Handwerkliches Können scheint besonders anfällig für diese Gefahr zu sein, da es auf langsamen Lernen und Gewohnheiten basiert. (…) Die Veränderung der Anforderungen ist in der modernen Wirtschaft eine ständige Realität. Herauszufinden, wie man auf vorhandenen Fertigkeiten aufbauen kann, indem man sie erweitert oder als Grundlage für den Erwerb anderer Fertigkeiten nutzt, ist eine Strategie, die den Menschen hilft, sich in der Zeit zu orientieren. Gut konstruierte Organisationen nutzen diese Strategie zu ihrer Selbsterhaltung. (…) Schlecht gestaltete Institutionen ignorieren diesen Wunsch ihrer Mitglieder.”

Sennetts Ansatz ist also ein zutiefst demokratischer und partizipativer: Wir alle sind fähig, gute Arbeit zu leisten, und wir alle sollten uns die Frage stellen, wo gute Arbeit aufhört und die Monstrositäten anfangen. Das ist immer noch keine Garantie für Fehlentscheidungen, aber immerhin ein wirksames Gegenmittel gegenüber den Auswüchsen expertokratischer Sichtweisen.

zwo von fünf

Ich scheitere regelmäßig, wenn ich Twitter erklären möchte oder soll. 200 Millionen weltweite Nutzer hört sich zwar irre verbreitet an, aber ich kenne nicht allzu viele Leute, die das Microblogging-Portal wirklich nutzen. Ich kenne eher viele Journalisten, die es nicht nutzen, obwohl es doch eigentlich eine supereffiziente Nachrichtenquelle gerade für spezielle Interessen sein kann, sofern die eigene Timeline darauf eingerichtet ist. Trotzdem steht Twitter immer noch im Verdacht, im Grunde belanglos zu sein.

Das ist natürlich Quatsch, schließlich hat Twitter zum Beispiel bei den politischen Protesten in Ägypten gezeigt, dass es nicht nur sehr sehr schnell relevante Informationen verbreiten, sondern auch ebenso fix und flexibel allen möglichen Aktionen eine adäquate Koordinationsplattform sein kann. Folgerichtig also, dass Twitter zum 5. Geburtstag selbst von den deutschen Mainstreammedien gelobt wird. Und die stehen im Allgemeinen ja nicht gerade in dem Ruf, Netzavantgarde zu sein (siehe z.B. Spiegel, FAZ, Zeit).

Dass Twitter vielen unverständlich erscheint, hat für mich zwei ziemlich einfache und einleuchtende Gründe: Einmal ist der Dienst zwar kinderleicht zu benutzen, man muss sich aber schon eine Zeit lang mit ihm beschäftigen, bevor man aus dem ausufernden Informationsstrom einen maßgeschneiderten Infohäppchenticker für die eigenen Interessen gebastelt hat.

Zum anderen dürfte der Vergleich mit dem allgegenwärtigen Facebook Twitter nicht immer zum Vorteil gereichen: Facebooks Erfolg basiert nicht zuletzt auf der Möglichkeit, sich mit geographisch mehr oder weniger entfernten Bekannten und auch Freunden auszutauschen. Wer in diesem Kosmos heimisch geworden ist, fragt sich vielleicht, warum man ähnliches mit Fremden tun sollte. (Das ist natürlich viel zu kurz gegriffen bzw. trifft überhaupt nicht den Punkt, aber ich habe den Eindruck, dass gerade die im Vergleich zu Facebook schwächeren Bindungen, auf denen Twitter beruht, den Verdacht befeuern, dass es nicht ganz ernstzunehmen sei.)

Ich selbst bin nun unter Thorstena_bln seit zwei Jahren dabei und kann nur sagen, dass mir viele Texte, Anregungen, Quellen, Gestalten, Meinungen nie und nimmer untergekommen wären, wenn ich es gelassen hätte. Das ist auf jeden Fall ein Dankeschön und herzlichen Glückwunsch wert, würde ich meinen. (Übrigens kommt diese Sitte, mich mit irgendeinem gesichtsentstellenden Accessoire abzulichten und dieses Foto dann als Profilbild zu verwenden, aus meiner Angestelltenzeit bei einem Verlag, bei dem es vor zwei Jahren noch nicht ganz klar war, ob dieser solchen Spielereien wohlwollend gegenüber stehen würde. Inzwischen ist es eher Gewohnheit.)

Des Kaisers neue Kleider

Striche man dem (inzwischen ehemaligen) Verteidigungsminister Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg neben der bereits aberkannten Doktorenwürde auch einige Vornamen mitsamt dem von und zu weg, bliebe jemand übrig, den viele Menschen allzu gut kennen: ein Typus, der dem äußeren Schein mehr Wert zubilligt als allem anderen, und der die Rollen, die ihm zufallen, lediglich spielt, anstatt sie mit Leben zu erfüllen.

Auch Guttenberg ist also nur ein stinknormaler Mensch. Aber er ist bekanntlich auch ein Mensch, der keineswegs aus stinknormalen Verhältnissen stammt, eine stinknormale Erziehung genossen und eine stinknormale Ausbildung durchlaufen hat. Und deshalb eignet sich Guttenberg IMHO ganz gut dafür zu benennen, was bei vielen Leuten schiefläuft, die in berufliche Positionen gelangen, in denen sie über andere Leute ein Stück weit bestimmen dürfen.

Es ist soziologisch sicherlich nicht falsch zu sagen, dass Bildung für den Adel an sich keine so zentrale Rolle spielt wie für das Bürgertum, wie es laut taz zum Beispiel Eckart Lohse und Markus Wehner in ihrer neuen Guttenberg-Biographie getan haben. Aber den Satz, den demnach Enoch zu Guttenberg seinem Filius Karl Theodor eingebläut haben soll, wonach es weniger darauf ankomme, was man sagt, als darum, wie man es sagt verkauft, scheint mir nun doch keine blaublütige Spezialität zu sein, ganz im Gegenteil.

Bei Guttenberg ist es lediglich besonders gut zu sehen, dass sein Habitus zur inhaltsleeren Form geronnen ist, weil er einem gesellschaftlichen Milieu entstammt, mit dem Normalsterbliche in der Regel nicht in Kontakt kommen. Das ist schon alles, was ihn so besonders macht - ein aalglatter adliger Karrierist statt des gewöhnlichen aalglatten Karrieristen.

Deshalb halte ich Guttenberg für eine fleischgewordene Illustration einer schlechten Führungspersönlichkeit und Teil einer “Leadership-Kultur”, die unter anderem dafür gesorgt hat, dass sich die Mehrheit der Angestellten on the job schon längst in der inneren Emigration befindet und ihre Kreativität woanders auslebt. Guttenberg ist für mich wie ein Brennglas, durch das das Verhalten vieler so genannter Führungspersönlichkeiten klar zu Tage tritt: Dem äußeren Anschein wird alles geopfert – selbst die persönliche Integrität.

Was übrigens das Internet angeht, finde ich die Frage, ob es etwas gegen diesen Typus ausrichten kann, viel spannender, als die Diskussion darüber, ob das Netz den Verteidigungsminister nun gestürzt hat oder doch eher nicht. Markus Spath hat neulich in Zusammenhang mit der Guttenberg-Affäre geschrieben, dass “sich die informationschronologische hegemonie des politisch-medialen komplexes aufgelöst” haben könnte, da das Internet bzw. in diesem Fall das GuttenPlag-Wiki schneller gewesen sei als eine vernünftige Kommunikationsstrategie/vernünftiges Krisenmanagement für Guttenberg hätte geplant werden können. Damit dürfte Guttenberg inhaltsleeren Persönlichkeitsdarstellern zumindest eine Warnung sein - jedenfalls jenen, die in der Öffentlichkeit stehen.

Schattenseite der Aufmerksamkeitsökonomie

Es bleibt dabei: Ich halte es für einen Fehler, wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern die Nutzung Sozialer Netzwerke einschränken, verbieten oder gänzlich sperren. Im Kern deshalb, weil ich glaube, dass Informationsbeschneidung und mangelnde Transparenz keine geeigneten Mittel sind, selbstständig denkende Menschen anzulocken. Und die braucht man.

Mit sinnlosem Rumdaddeln und kollektivem information overload sind die populärsten Argumente, die gegen die Nutzung Sozialer Netzwerke ins Feld geführt werden, vorgeschoben. Das sind Kinderkrankheiten digitaler Kulturtechnik, die mit ein wenig Medienkompetenz, Mut zur Komplexitätsreduktion und der Beherrschung einiger Filtertechniken überwunden werden können.

Jedes Kind weiß, dass man etwas, das einmal ins Internet eingeflossen ist, nicht mehr löschen kann“, sagt Kevin Kelly und nennt damit andererseits den Preis, der in der digitalen Welt immer bezahlt werden muss: die grenzenlose Kopierbarkeit fast aller Eingriffe - je aktiver, desto sichtbarer.

Im Umkehrschluss liegt es nahe, dem wenigen, was nicht kopierbar ist, gesteigerten (ökonomischen) Wert zuzuweisen: An dieser Stelle werden oft die Begriffe Reputation und Vertrauen gebraucht, die auf der persönlichen Schiene - SOZIALE Medien eben - zu erlangen sind.

Es ist deshalb nicht übertrieben zu sagen, dass die aktive Nutzung Sozialer Netzwerke immer auch ein Stückchen Ökonomisierung der Privatsphäre ist, ob das intendiert sein mag oder nicht. Auf Facebook zum Beispiel wird deutlich, dass es inzwischen durchaus üblich ist, das innere Freundes- oder zumindest Kollegen-Ranking mehr oder weniger subtil öffentlich zu machen - mit dem letztendlichen Ziel, selbst gut dazustehen: “Every profile is a carefully planned media campaign.”

Zwei gute Gründe werden so auch zukünftig viele Leute davon abhalten, Soziale Netzwerke aktiv zu nutzen (ob das der Jobgeber - sofern vorhanden - nun gerne sieht oder nicht): berufliches und privates Leben trennen und keinesfalls Protagonist einer Medienkampagne sein zu wollen. Und dagegen ist ernsthaft nichts einzuwenden.

Doppelmoral à la Wiwo

Fünf fette Seiten widmet die neueste Wirtschaftswoche der, so der Tenor, wachsenden Entfremdung zwischen Managern und Politikern in Deutschland. Zeilen satt für “Wirtschaftswoche-Reporterin Cornelia Schmergal”, Autorin des Textes. Warum die “neue Managergeneration” die Politik nicht versteht, macht sie unter anderem an einer laut Artikel (der, wenn ich das richtig sehe, online bislang nicht verfügbar ist) noch nicht veröffentlichten Studie des Max-Planck-Institutes fest.

Die Studie beschäftige sich mit den Karrierewegen der deutschen Spitzenmanager und zeige, dass “die juristische Ausbildung (…) in der Wirtschaftselite deutlich an Relevanz” verliere. Demnach geben mehr als zuvor Betriebswirte und Techniker den Ton an in der deutschen Wirtschaft. Doch das sei schlecht für das Verständnis zwischen Politik und Wirtschaft, seien es doch vor allem die Juristen, deren Ausbildung ein besonderes Verständnis für politische Fragen produziere.

Da hätte ich gerade der angelsachsen-affinen Wirtschaftswoche mehr zugetraut: Wer sagt denn eigentlich, dass die maßgeblichen Personen großer Wirtschaftsunternehmen sich nur aus Betriebswirtschaftlern, Technikern und Juristen zusammensetzen sollten? Ist es nicht vielmehr so, dass gerade im internationalen Vergleich - oder genauer: im Vergleich mit den von der Wiwo regelmäßig gelobten angelsächsischen Wirtschaftsverhältnissen - in Deutschland die Vertreter anderer Ausbildungswege krass unterrepräsentiert sind?

Dazu noch nicht einmal ein Nebensatz von Frau Schmergal: Das nenne ich Doppelmoral.

Microcontent, Textatome und Zitationskartelle

So etwas wie Microcontent (beim Twittern) oder von mir aus auch “Mediumcontent” (beim Bloggen) gibt es wahrscheinlich, seitdem Menschen miteinander per Sprache kommunizieren. Aus ihrem Kontext gelöste, für sich selbst stehende Sprachbilder hießen früher nur anders (Schlagzeile, Slogan, Schlachtruf). Neu ist eher, dass sich der Verbreitungskreis von Microcontent ins Globale gesteigert hat (Internet) und in einem zuvor nicht erreichten Ausmaß schriftlich festgehalten wird - was die Sache wesentlich bedeutendsamer macht.

Twittern, Bloggen, Bookmarken, Taggen sind zwar neue Kommunikationswerkzeuge, wie und was dort aber geredet bzw. geschrieben wird, ist so neu nicht, würde ich also behaupten. Daran musste ich denken, als ich neulich im Blog HEAD.Z einen Beitrag Mandy Schiefners las, in dem sie Rolf Schulmeister zitierte. Schulmeister, Pädagogik-Professor und E-Learning-Experte im Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Uni Hamburg, ist durch seine Studie ”Gibt es eine Net Generation?” und der wissenschaftlich fundierten Verneinung dieser Frage so etwas wie der erhobene Zeigefinger der Sozialwissenschaften, wenn es um die zukünftige Rolle des Internets für die universitäre Lehre und Forschung geht.

Ganz in dieser (skeptischen) Rolle hat nun Schiefner Schulmeister wiedergegeben:

“Die Technik des RSS Feed, auf der das „social tagging“ beruht, bietet sichtlich Vorteile für den schnellen Zugriff auf Quellen und stellt eine effiziente Methode für die Vernetzung untereinander dar – aber diese Methode der Netzbildung hat aus sozialwissenschaftlicher Sicht auch Nachteile und birgt Risiken: Man liest die Gedankenschnipsel der Geistesverwandten in Weblogs und nimmt sich kaum noch Zeit für die umfangreichen Originale und die anspruchsvollen Monographien. Was auf diese Weise entsteht, das sind nicht wissenschaftliche Schulen wie ehedem, auch nicht echte Diskurszirkel, sondern Zitationskartelle. Neue Pseudotheorien und Mythen und Moden entstehen in einer Geschwindigkeit, der die Bildung des kritischen Geistes nicht zu folgen vermag.”

In den Kommentaren zu diesem Post steht ganz richtig, dass ja auch dieses Zitat aus dem Zusammenhang gerissen wurde und so die Gefahr besteht, über etwas zu urteilen, das man gar nicht richtig einordnen kann, wenn man dazu Stellung nimmt. Aber dennoch möchte man Schulmeister entgegnen, dass sich in seine Äußerung eventuell ein ideologischer Restbestand, ein Spritzer Kulturpessimismus eingeschlichen hat. Zitationskartelle - zugegebenermaßen eine außergewöhnliche Wortschöpfung - gab es ja wohl schon immer und überall. Bestimmt auch in der Mensa der Uni Hamburg, wenn sich die Gelehrten beim Gulasch die Textatome um die Ohren hauen, um ihre Belesenheit zu dokumentieren. Heisenberg? Unschärferelation! - Sarah Kirsch? Wiepersdorf! - Derrida? Differenz! Für diese Gespräche muss man keine Studien, kein gelehrtes Buch gelesen haben. Sie dienen auch nicht dem Erkenntnisgewinn, sondern sind nur der Kitt, der eine Community nun einmal zusammen hält, indem sie Gemeinsamkeiten stiften.

Ein schönes Beispiel von Microcontent, Zitationskartellen und Textatomen findet sich in Tolstois Krieg und Frieden, das nun wahrlich ein Werk der Weltliteratur ist. Da twittert die gehobene russische Gesellschaft des beginnenden 19. Jahrhunderts, was das Zeug hält, nur das der Ort des Gezwitschers nicht das Internet, sondern - der damaligen Zeit angemessen - der Salon ist. Meisterhaft führt uns Tolstoi da in den ersten 20, 30 Seiten des Romans in die Gesellschaft, ihre Rankünen und gesellschaftlichen Verflechtungen ein, indem er ein Soiree bei Anna Pawlowna Scherer beschreibt, “Hofdame und Vertraute der Kaiserin Maria Fjedorowna”. Ihr erster Follower/Gast ist der Fürst Wassilij, den sie bei Laune hält, indem sie verspricht, seinen Sohn mit einer reichen Jungfrau zu verkuppeln. Denn Fürst Wassilij hat weit reichende Kontakte, die weitere Follower/Gäste versprechen. Und die lassen auch nicht lange auf sich warten:

“Der Salon Anna Pawlownas begann sich allmählich zu füllen. Die angesehensten Persönlichkeiten Petersburg fanden sich ein. Es waren dies Menschen von verschiedenem Alter und Charakter. Und doch war die gesellschaftliche Sphäre, der sie angehörten, die gleiche.”

Und später:

“Der Abend bei Anna Pawlowna wurde lebhaft. Von allen Seiten schnurrten die Spindeln gleichmäßig und ununterbrochen. (…) (D)ie ganze Gesellschaft hatte sich in drei Gruppen geteilt. In der einen Gruppe, die vorwiegend aus Herren bestand, führte der Abbé das Wort; er war der Mittelpunkt. Zu der zweiten Gruppe, die von der Jugend gebildet war, gesellte sich auch die Prinzessin Elena, die Tochter des Fürsten Wassilij, und die hübsche, blühende, für ihr Alter nur etwas zu starke, kleine Fürstin Bolkonskaja. In der dritten Gruppe führten Montemart und Anna Pawlowna das Wort.” 

Abgesehen von dem ganzen technischen Brimborium, das vielen Kritikern (Schulmeister ist da ja nur ein Beispiel) die Sicht auf den wahren Sinn und Unsinn digitaler Kommunikationsarten zu nehmen scheint, sind die Textstellen ein super Beispiel für - sprechen wir es aus, so komisch es auch klingt - Twittern im 19. Jahrhundert. Ein wenig wie auf einer Party “mit schnellen mündlichen Nebenbei-Kommunikationen unter Leuten, die man mag und interessant findet” (Martin Lindner). Ob zukünftig weniger wissenschaftliche Studien gelesen und tiefschürfende “Diskurszirkel” entstehen werden, hängt eher von der Zahl der Studierenden und der Qualität der Lehre ab als vom Nutzergrad digitaler Kommunikationswerkzeuge, würde ich sagen.

Indien oder Ikarus?

Bescheidene 4 Monate und 27 Einträge wird dieses Blog nun beschrieben, immer noch beta ist es, und wohin die Reise letztendlich gehen soll, ist auch noch nicht klar. Etwas klar geworden ist mir bei der Bloggerei bislang aber schon, beta hin oder her: Menschen, Personen, Individuen, Charaktere aus echtem Fleisch und Blut sind häufiger der Aufhänger der Einträge, kommen öfter vor als ursprünglich geplant. Und ich dachte vor 4 Monaten und 27 Einträgen noch, es solle hier eher um, hmmm, sagen wir Themen, Fakten, Zusammenhänge, Sachverhalte gehen.

Anfang der 90er Jahre saß ich schließlich noch in Proseminaren im Studienfach Geschichte rum und lernte von systemkritischen Hochsemestern, dass die Historie mitnichten auf Personen, Politik, Institutionen und Kriege zu reduzieren sei. Die Soziologie und die französische Annales-Schule hatte das Aufmerksamkeitsspektrum um Themen wie Wirtschaft, Gesellschaft, Klima, Mentalität erweitert. Das sah namentlich das ältere Lehrpersonal nicht unbedingt so, das war seinerzeit im Blauen Turm in Göttingen in der Regel stramm konservativ-bürgerlich, trug Namen wie Pistohlkors oder Gesichter mit Schmissen - und war, nun ja, einfach alt - aus meiner damaligen, jugendlichen Perspektive.

Warum also mehr Personal als gedacht? Da dürften einmal die Gesetze des Erzählens ihren Einfluss haben: Leo´ Charbonneau benennt im kanadischen Magazin University Affairs das Salz in der Suppe beim Storytelling am Beispiel des Wissenschaftsjournalismus:

“remember that the most important thing about story telling – that is what we’re doing, after all – is to tell a good story. Where’s the human interest, the challenges, the pitfalls, the dramatic story arc?

And who are the people involved?”

Mit den in die Historie Involvierten brauchte man linken Göttinger Geschichte-Studenten Anfang der 90er aber nicht kommen. Der Ausspruch des preußischen Gelehrten Heinrich von Treitschke, dass es vor allem die Männer seien, die die Geschichte machten, war verpönt. Der Historismus auch. Das prägt.

Insofern bin ich Alexander Demandt für seinen Beitrag in der Zeit dankbar, in dem er beiden Seiten Rechte einräumt, wenn er einerseits sagt:

“Gewiss kann man gegen Treitschke einwenden, dass Geschichte überhaupt nicht gemacht werden kann, sondern allenfalls das ist, was dabei herauskommt, wenn Männer versuchen, Geschichte zu machen, die Frauen erleiden müssen”,

andererseits aber betont,

“dass der individuelle Einfluss der großen Männer auf das Geschehen von der Wahrscheinlichkeit abhängt, mit der dieses zu erwarten war: geringer, wo man es kommen sah; größer, wo es überraschte.”

Als Beispiel nennt er unter anderem ganz klassisch Alexanders Indienritt: Da vor ihm kein Grieche je auf die Idee gekommen sei, gen Indien zu ziehen, sei es unwahrscheinlich, dass eben dies ohne den Großen vonstatten gegangen wäre, begründet Demandt seine Sichtweise. 

Andrew Sullivan bewegt sich in der Sunday Times auf einer ähnlichen Spur und wagt einen Blick auf die zukünftigen Aufgaben des gerade vereidigten 44. US-amerikanischen Präsidenten: Barack Hussein Obama.  Sullivan, der auch bloggt, wagt es tatsächlich, es für möglich zu halten, dass Obamas Führungsstil (und Charakter) alle brennenden Fragen der USA (und, nebenbei, der Welt) zwar nicht unbedingt auf die Schnelle, irgendwann aber doch lösen kann: die kulturelle Spaltung des Landes, die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, Guantanamo, vielleicht sogar den Konflikt im Nahen Osten. Obamas Integrität, seine Großherzigkeit, auch ehemalige Gegner ins Regierungsboot zu holen, seine Fähigkeit zuhören zu können, sein Pragmatismus und sein Mut, sich mit einem Haufen hoch geschätzter Experten zu umgeben, ohne um sein Ego zu fürchten, künde von einem fundamentalen Wechsel des politischen Führungsstils des Landes und sei mehr als eine reine Projektion von Hoffnungen, schreibt Sullivan.

Ist es aber nicht wahrscheinlicher, dass Obama in die gleichen Mühlen gerät wie andere Hoffnungsträger vor ihm und somit auch nicht anders ist als andere: als Clinton zum Beispiel:

“Clinton ist der Repräsentant einer neuen Generation von Politikern, die die Weltherrschaft antritt. Nach Jahren der Herrschaft massiger, düsterer, verbissener, mürrischer Ideologen bricht nun die Zeit der leichten Kaliber an, postmodernistischer Lockerheit, einer elastischen Linie. Wichtig sind die aktuelle Situation und die momentanen Interessen. Die Gegenwart regiert und entscheidet. Es werden Verpflichtungen ohne Bedeutung eingegangen und Versprechen gemacht, die nur ein Spiel sind”,

schrieb Ryszard Kapuściński in seiner bereits Anfang der 90er.

Doch gerade Clinton ist nach Sullivans Sicht Obama eben nur in einer Teildisziplin gewachsen, im Intellektuellen:

“Intellectually, Obama is in Bill Clinton´s league. But what he has over Clinton is emotional intelligence to buttress his grasp of policy.”

Emotionale Intelligenz ist zwar sicher wichtig und kann eine immense Rolle spielen; eine Idee, die etwas Großes ins Rollen bringen kann, ist sie aber nicht, möchte man Sullivan mit Demandt entgegnen. Wollen wir mal hoffen, dass Obama wird nicht zum Ikarus statt zum Indienreiter.

“Mut zur abweichenden Meinung”

Zu Hans-Werner Sinn, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung, und seiner Äußerung, ein “anonymer Systemfehler” habe das ganze Schlamassel verursacht, das uns die internationalen Finanzmärkte eingebrockt haben und noch einbrocken werden, ist mit dem Eintrag “Hans-Werner von Sinnen” von meiner Seite alles gesagt worden. Und mit “Der systemimmanente Lutscher-Effekt” und “Auswahl der Besten” kam noch der Versuch hinzu, die Angelegenheit in einen breiteren thematischen Kontext zu stellen.

Entgegen meiner ursprünglichen Vermutung hat die Rede vom “anonymen Systemfehler” auch Widerspruch aus den eigenen Reihen provoziert: Siemens-Chef Peter Löscher nimmt, denke ich, darauf zumindest implizit Bezug, wenn er explizit betont, die Krise sei von Menschen gemacht.

Und Miriam Meckel hat jetzt sogar ein Plädoyer “Lauter kleine Diederiche. Für den Mut zur abweichenden Meinung” geschrieben, welches wunderbar in die oben angeführte Reihe passt und ich nicht nur deshalb empfehlen möchte. Lustig, dass eine Professorin der Universität St.Gallen, die mit ihrem ausgezeichneten Ruf und ihrer Kunst der effizienten Netzwerkbildung unter Entscheidern ein gutes Stück europäischer Elitenbildung repräsentiert, in Sachen Konformitätsdruck und Hans-Werner Sinn zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt wie, nun ja, irgendein Blogger. Sie schreibt:

“Und es gibt sogar solche, die daran glauben, “anonyme Systemfehler” hätten den gegenwärtigen Kapitalmarktkollaps ausgelöst. Welches System? Woraus besteht es denn? Aus denen, die die Entscheidungen treffen zum Beispiel. Die Einschätzungen des Ökonomen Hans-Werner Sinn sind symptomatisch für die faule Stelle der politischen Kultur in Deutschland: Manager sind Sündenböcke, keine Sünder.”

(Eine Bemerkung am Rande: Gestoßen bin ich auf den Artikel nicht etwa beim Spiegel selbst, sondern bei Carta – dem “Mehrautoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie”, ein Projekt Robin Meyer-Luchts, das bislang gegensätzliche Reaktionen hervorgerufen hat: von der Sehnsucht nach einer deutschen Huffington Post bis zur Ablehnung des dort zu findenden “neologistischen Bombastes.”)

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