Archiv der Kategorie ‘Skills und Kompetenzen‘

 
 

Schattenseite der Aufmerksamkeitsökonomie

Es bleibt dabei: Ich halte es für einen Fehler, wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern die Nutzung Sozialer Netzwerke einschränken, verbieten oder gänzlich sperren. Im Kern deshalb, weil ich glaube, dass Informationsbeschneidung und mangelnde Transparenz keine geeigneten Mittel sind, selbstständig denkende Menschen anzulocken. Und die braucht man.

Mit sinnlosem Rumdaddeln und kollektivem information overload sind die populärsten Argumente, die gegen die Nutzung Sozialer Netzwerke ins Feld geführt werden, vorgeschoben. Das sind Kinderkrankheiten digitaler Kulturtechnik, die mit ein wenig Medienkompetenz, Mut zur Komplexitätsreduktion und der Beherrschung einiger Filtertechniken überwunden werden können.

Jedes Kind weiß, dass man etwas, das einmal ins Internet eingeflossen ist, nicht mehr löschen kann“, sagt Kevin Kelly und nennt damit andererseits den Preis, der in der digitalen Welt immer bezahlt werden muss: die grenzenlose Kopierbarkeit fast aller Eingriffe - je aktiver, desto sichtbarer.

Im Umkehrschluss liegt es nahe, dem wenigen, was nicht kopierbar ist, gesteigerten (ökonomischen) Wert zuzuweisen: An dieser Stelle werden oft die Begriffe Reputation und Vertrauen gebraucht, die auf der persönlichen Schiene - SOZIALE Medien eben - zu erlangen sind.

Es ist deshalb nicht übertrieben zu sagen, dass die aktive Nutzung Sozialer Netzwerke immer auch ein Stückchen Ökonomisierung der Privatsphäre ist, ob das intendiert sein mag oder nicht. Auf Facebook zum Beispiel wird deutlich, dass es inzwischen durchaus üblich ist, das innere Freundes- oder zumindest Kollegen-Ranking mehr oder weniger subtil öffentlich zu machen - mit dem letztendlichen Ziel, selbst gut dazustehen: “Every profile is a carefully planned media campaign.”

Zwei gute Gründe werden so auch zukünftig viele Leute davon abhalten, Soziale Netzwerke aktiv zu nutzen (ob das der Jobgeber - sofern vorhanden - nun gerne sieht oder nicht): berufliches und privates Leben trennen und keinesfalls Protagonist einer Medienkampagne sein zu wollen. Und dagegen ist ernsthaft nichts einzuwenden.

Doppelmoral à la Wiwo

Fünf fette Seiten widmet die neueste Wirtschaftswoche der, so der Tenor, wachsenden Entfremdung zwischen Managern und Politikern in Deutschland. Zeilen satt für “Wirtschaftswoche-Reporterin Cornelia Schmergal”, Autorin des Textes. Warum die “neue Managergeneration” die Politik nicht versteht, macht sie unter anderem an einer laut Artikel (der, wenn ich das richtig sehe, online bislang nicht verfügbar ist) noch nicht veröffentlichten Studie des Max-Planck-Institutes fest.

Die Studie beschäftige sich mit den Karrierewegen der deutschen Spitzenmanager und zeige, dass “die juristische Ausbildung (…) in der Wirtschaftselite deutlich an Relevanz” verliere. Demnach geben mehr als zuvor Betriebswirte und Techniker den Ton an in der deutschen Wirtschaft. Doch das sei schlecht für das Verständnis zwischen Politik und Wirtschaft, seien es doch vor allem die Juristen, deren Ausbildung ein besonderes Verständnis für politische Fragen produziere.

Da hätte ich gerade der angelsachsen-affinen Wirtschaftswoche mehr zugetraut: Wer sagt denn eigentlich, dass die maßgeblichen Personen großer Wirtschaftsunternehmen sich nur aus Betriebswirtschaftlern, Technikern und Juristen zusammensetzen sollten? Ist es nicht vielmehr so, dass gerade im internationalen Vergleich - oder genauer: im Vergleich mit den von der Wiwo regelmäßig gelobten angelsächsischen Wirtschaftsverhältnissen - in Deutschland die Vertreter anderer Ausbildungswege krass unterrepräsentiert sind?

Dazu noch nicht einmal ein Nebensatz von Frau Schmergal: Das nenne ich Doppelmoral.

Microcontent, Textatome und Zitationskartelle

So etwas wie Microcontent (beim Twittern) oder von mir aus auch “Mediumcontent” (beim Bloggen) gibt es wahrscheinlich, seitdem Menschen miteinander per Sprache kommunizieren. Aus ihrem Kontext gelöste, für sich selbst stehende Sprachbilder hießen früher nur anders (Schlagzeile, Slogan, Schlachtruf). Neu ist eher, dass sich der Verbreitungskreis von Microcontent ins Globale gesteigert hat (Internet) und in einem zuvor nicht erreichten Ausmaß schriftlich festgehalten wird - was die Sache wesentlich bedeutendsamer macht.

Twittern, Bloggen, Bookmarken, Taggen sind zwar neue Kommunikationswerkzeuge, wie und was dort aber geredet bzw. geschrieben wird, ist so neu nicht, würde ich also behaupten. Daran musste ich denken, als ich neulich im Blog HEAD.Z einen Beitrag Mandy Schiefners las, in dem sie Rolf Schulmeister zitierte. Schulmeister, Pädagogik-Professor und E-Learning-Experte im Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Uni Hamburg, ist durch seine Studie ”Gibt es eine Net Generation?” und der wissenschaftlich fundierten Verneinung dieser Frage so etwas wie der erhobene Zeigefinger der Sozialwissenschaften, wenn es um die zukünftige Rolle des Internets für die universitäre Lehre und Forschung geht.

Ganz in dieser (skeptischen) Rolle hat nun Schiefner Schulmeister wiedergegeben:

“Die Technik des RSS Feed, auf der das „social tagging“ beruht, bietet sichtlich Vorteile für den schnellen Zugriff auf Quellen und stellt eine effiziente Methode für die Vernetzung untereinander dar – aber diese Methode der Netzbildung hat aus sozialwissenschaftlicher Sicht auch Nachteile und birgt Risiken: Man liest die Gedankenschnipsel der Geistesverwandten in Weblogs und nimmt sich kaum noch Zeit für die umfangreichen Originale und die anspruchsvollen Monographien. Was auf diese Weise entsteht, das sind nicht wissenschaftliche Schulen wie ehedem, auch nicht echte Diskurszirkel, sondern Zitationskartelle. Neue Pseudotheorien und Mythen und Moden entstehen in einer Geschwindigkeit, der die Bildung des kritischen Geistes nicht zu folgen vermag.”

In den Kommentaren zu diesem Post steht ganz richtig, dass ja auch dieses Zitat aus dem Zusammenhang gerissen wurde und so die Gefahr besteht, über etwas zu urteilen, das man gar nicht richtig einordnen kann, wenn man dazu Stellung nimmt. Aber dennoch möchte man Schulmeister entgegnen, dass sich in seine Äußerung eventuell ein ideologischer Restbestand, ein Spritzer Kulturpessimismus eingeschlichen hat. Zitationskartelle - zugegebenermaßen eine außergewöhnliche Wortschöpfung - gab es ja wohl schon immer und überall. Bestimmt auch in der Mensa der Uni Hamburg, wenn sich die Gelehrten beim Gulasch die Textatome um die Ohren hauen, um ihre Belesenheit zu dokumentieren. Heisenberg? Unschärferelation! - Sarah Kirsch? Wiepersdorf! - Derrida? Differenz! Für diese Gespräche muss man keine Studien, kein gelehrtes Buch gelesen haben. Sie dienen auch nicht dem Erkenntnisgewinn, sondern sind nur der Kitt, der eine Community nun einmal zusammen hält, indem sie Gemeinsamkeiten stiften.

Ein schönes Beispiel von Microcontent, Zitationskartellen und Textatomen findet sich in Tolstois Krieg und Frieden, das nun wahrlich ein Werk der Weltliteratur ist. Da twittert die gehobene russische Gesellschaft des beginnenden 19. Jahrhunderts, was das Zeug hält, nur das der Ort des Gezwitschers nicht das Internet, sondern - der damaligen Zeit angemessen - der Salon ist. Meisterhaft führt uns Tolstoi da in den ersten 20, 30 Seiten des Romans in die Gesellschaft, ihre Rankünen und gesellschaftlichen Verflechtungen ein, indem er ein Soiree bei Anna Pawlowna Scherer beschreibt, “Hofdame und Vertraute der Kaiserin Maria Fjedorowna”. Ihr erster Follower/Gast ist der Fürst Wassilij, den sie bei Laune hält, indem sie verspricht, seinen Sohn mit einer reichen Jungfrau zu verkuppeln. Denn Fürst Wassilij hat weit reichende Kontakte, die weitere Follower/Gäste versprechen. Und die lassen auch nicht lange auf sich warten:

“Der Salon Anna Pawlownas begann sich allmählich zu füllen. Die angesehensten Persönlichkeiten Petersburg fanden sich ein. Es waren dies Menschen von verschiedenem Alter und Charakter. Und doch war die gesellschaftliche Sphäre, der sie angehörten, die gleiche.”

Und später:

“Der Abend bei Anna Pawlowna wurde lebhaft. Von allen Seiten schnurrten die Spindeln gleichmäßig und ununterbrochen. (…) (D)ie ganze Gesellschaft hatte sich in drei Gruppen geteilt. In der einen Gruppe, die vorwiegend aus Herren bestand, führte der Abbé das Wort; er war der Mittelpunkt. Zu der zweiten Gruppe, die von der Jugend gebildet war, gesellte sich auch die Prinzessin Elena, die Tochter des Fürsten Wassilij, und die hübsche, blühende, für ihr Alter nur etwas zu starke, kleine Fürstin Bolkonskaja. In der dritten Gruppe führten Montemart und Anna Pawlowna das Wort.” 

Abgesehen von dem ganzen technischen Brimborium, das vielen Kritikern (Schulmeister ist da ja nur ein Beispiel) die Sicht auf den wahren Sinn und Unsinn digitaler Kommunikationsarten zu nehmen scheint, sind die Textstellen ein super Beispiel für - sprechen wir es aus, so komisch es auch klingt - Twittern im 19. Jahrhundert. Ein wenig wie auf einer Party “mit schnellen mündlichen Nebenbei-Kommunikationen unter Leuten, die man mag und interessant findet” (Martin Lindner). Ob zukünftig weniger wissenschaftliche Studien gelesen und tiefschürfende “Diskurszirkel” entstehen werden, hängt eher von der Zahl der Studierenden und der Qualität der Lehre ab als vom Nutzergrad digitaler Kommunikationswerkzeuge, würde ich sagen.

Indien oder Ikarus?

Bescheidene 4 Monate und 27 Einträge wird dieses Blog nun beschrieben, immer noch beta ist es, und wohin die Reise letztendlich gehen soll, ist auch noch nicht klar. Etwas klar geworden ist mir bei der Bloggerei bislang aber schon, beta hin oder her: Menschen, Personen, Individuen, Charaktere aus echtem Fleisch und Blut sind häufiger der Aufhänger der Einträge, kommen öfter vor als ursprünglich geplant. Und ich dachte vor 4 Monaten und 27 Einträgen noch, es solle hier eher um, hmmm, sagen wir Themen, Fakten, Zusammenhänge, Sachverhalte gehen.

Anfang der 90er Jahre saß ich schließlich noch in Proseminaren im Studienfach Geschichte rum und lernte von systemkritischen Hochsemestern, dass die Historie mitnichten auf Personen, Politik, Institutionen und Kriege zu reduzieren sei. Die Soziologie und die französische Annales-Schule hatte das Aufmerksamkeitsspektrum um Themen wie Wirtschaft, Gesellschaft, Klima, Mentalität erweitert. Das sah namentlich das ältere Lehrpersonal nicht unbedingt so, das war seinerzeit im Blauen Turm in Göttingen in der Regel stramm konservativ-bürgerlich, trug Namen wie Pistohlkors oder Gesichter mit Schmissen - und war, nun ja, einfach alt - aus meiner damaligen, jugendlichen Perspektive.

Warum also mehr Personal als gedacht? Da dürften einmal die Gesetze des Erzählens ihren Einfluss haben: Leo´ Charbonneau benennt im kanadischen Magazin University Affairs das Salz in der Suppe beim Storytelling am Beispiel des Wissenschaftsjournalismus:

“remember that the most important thing about story telling – that is what we’re doing, after all – is to tell a good story. Where’s the human interest, the challenges, the pitfalls, the dramatic story arc?

And who are the people involved?”

Mit den in die Historie Involvierten brauchte man linken Göttinger Geschichte-Studenten Anfang der 90er aber nicht kommen. Der Ausspruch des preußischen Gelehrten Heinrich von Treitschke, dass es vor allem die Männer seien, die die Geschichte machten, war verpönt. Der Historismus auch. Das prägt.

Insofern bin ich Alexander Demandt für seinen Beitrag in der Zeit dankbar, in dem er beiden Seiten Rechte einräumt, wenn er einerseits sagt:

“Gewiss kann man gegen Treitschke einwenden, dass Geschichte überhaupt nicht gemacht werden kann, sondern allenfalls das ist, was dabei herauskommt, wenn Männer versuchen, Geschichte zu machen, die Frauen erleiden müssen”,

andererseits aber betont,

“dass der individuelle Einfluss der großen Männer auf das Geschehen von der Wahrscheinlichkeit abhängt, mit der dieses zu erwarten war: geringer, wo man es kommen sah; größer, wo es überraschte.”

Als Beispiel nennt er unter anderem ganz klassisch Alexanders Indienritt: Da vor ihm kein Grieche je auf die Idee gekommen sei, gen Indien zu ziehen, sei es unwahrscheinlich, dass eben dies ohne den Großen vonstatten gegangen wäre, begründet Demandt seine Sichtweise. 

Andrew Sullivan bewegt sich in der Sunday Times auf einer ähnlichen Spur und wagt einen Blick auf die zukünftigen Aufgaben des gerade vereidigten 44. US-amerikanischen Präsidenten: Barack Hussein Obama.  Sullivan, der auch bloggt, wagt es tatsächlich, es für möglich zu halten, dass Obamas Führungsstil (und Charakter) alle brennenden Fragen der USA (und, nebenbei, der Welt) zwar nicht unbedingt auf die Schnelle, irgendwann aber doch lösen kann: die kulturelle Spaltung des Landes, die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, Guantanamo, vielleicht sogar den Konflikt im Nahen Osten. Obamas Integrität, seine Großherzigkeit, auch ehemalige Gegner ins Regierungsboot zu holen, seine Fähigkeit zuhören zu können, sein Pragmatismus und sein Mut, sich mit einem Haufen hoch geschätzter Experten zu umgeben, ohne um sein Ego zu fürchten, künde von einem fundamentalen Wechsel des politischen Führungsstils des Landes und sei mehr als eine reine Projektion von Hoffnungen, schreibt Sullivan.

Ist es aber nicht wahrscheinlicher, dass Obama in die gleichen Mühlen gerät wie andere Hoffnungsträger vor ihm und somit auch nicht anders ist als andere: als Clinton zum Beispiel:

“Clinton ist der Repräsentant einer neuen Generation von Politikern, die die Weltherrschaft antritt. Nach Jahren der Herrschaft massiger, düsterer, verbissener, mürrischer Ideologen bricht nun die Zeit der leichten Kaliber an, postmodernistischer Lockerheit, einer elastischen Linie. Wichtig sind die aktuelle Situation und die momentanen Interessen. Die Gegenwart regiert und entscheidet. Es werden Verpflichtungen ohne Bedeutung eingegangen und Versprechen gemacht, die nur ein Spiel sind”,

schrieb Ryszard Kapuściński in seiner bereits Anfang der 90er.

Doch gerade Clinton ist nach Sullivans Sicht Obama eben nur in einer Teildisziplin gewachsen, im Intellektuellen:

“Intellectually, Obama is in Bill Clinton´s league. But what he has over Clinton is emotional intelligence to buttress his grasp of policy.”

Emotionale Intelligenz ist zwar sicher wichtig und kann eine immense Rolle spielen; eine Idee, die etwas Großes ins Rollen bringen kann, ist sie aber nicht, möchte man Sullivan mit Demandt entgegnen. Wollen wir mal hoffen, dass Obama wird nicht zum Ikarus statt zum Indienreiter.

“Mut zur abweichenden Meinung”

Zu Hans-Werner Sinn, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung, und seiner Äußerung, ein “anonymer Systemfehler” habe das ganze Schlamassel verursacht, das uns die internationalen Finanzmärkte eingebrockt haben und noch einbrocken werden, ist mit dem Eintrag “Hans-Werner von Sinnen” von meiner Seite alles gesagt worden. Und mit “Der systemimmanente Lutscher-Effekt” und “Auswahl der Besten” kam noch der Versuch hinzu, die Angelegenheit in einen breiteren thematischen Kontext zu stellen.

Entgegen meiner ursprünglichen Vermutung hat die Rede vom “anonymen Systemfehler” auch Widerspruch aus den eigenen Reihen provoziert: Siemens-Chef Peter Löscher nimmt, denke ich, darauf zumindest implizit Bezug, wenn er explizit betont, die Krise sei von Menschen gemacht.

Und Miriam Meckel hat jetzt sogar ein Plädoyer “Lauter kleine Diederiche. Für den Mut zur abweichenden Meinung” geschrieben, welches wunderbar in die oben angeführte Reihe passt und ich nicht nur deshalb empfehlen möchte. Lustig, dass eine Professorin der Universität St.Gallen, die mit ihrem ausgezeichneten Ruf und ihrer Kunst der effizienten Netzwerkbildung unter Entscheidern ein gutes Stück europäischer Elitenbildung repräsentiert, in Sachen Konformitätsdruck und Hans-Werner Sinn zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt wie, nun ja, irgendein Blogger. Sie schreibt:

“Und es gibt sogar solche, die daran glauben, “anonyme Systemfehler” hätten den gegenwärtigen Kapitalmarktkollaps ausgelöst. Welches System? Woraus besteht es denn? Aus denen, die die Entscheidungen treffen zum Beispiel. Die Einschätzungen des Ökonomen Hans-Werner Sinn sind symptomatisch für die faule Stelle der politischen Kultur in Deutschland: Manager sind Sündenböcke, keine Sünder.”

(Eine Bemerkung am Rande: Gestoßen bin ich auf den Artikel nicht etwa beim Spiegel selbst, sondern bei Carta – dem “Mehrautoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie”, ein Projekt Robin Meyer-Luchts, das bislang gegensätzliche Reaktionen hervorgerufen hat: von der Sehnsucht nach einer deutschen Huffington Post bis zur Ablehnung des dort zu findenden “neologistischen Bombastes.”)

Auswahl der Besten

 

Peu à peu ist sie wieder salonfähig geworden, so ab den späten 90ern: Deutschlands Elite. Ihre Liaison mit der braunen Bestie war lange her, und das Land nach seiner Wiedervereinigung in einer neuen Situation. Und weil die Deutschen sich ja gerne an anderen Nationen orientieren, um einen Normalitäts-Backup zu haben, und weil Eliten in Ländern wie Frankreich offensichtlicher und selbstbewusster als hierzulande gesellschaftliche Schlüsselpositionen besetzen, gabs bald einen neuen Konsens: Elite, wir brauchen Dich! Man denke nur an die Exzellenz-Initiative zur Förderung universitärer Forschung, für die  Bund und Länder bis 2011 knapp 2 Milliarden Euro auf den Tisch legen. Da wurden die Geldströme ganz im Sinne des neuen Konsenses kanalisiert.

 

Nebenbei: Dieser Konsens wurde von oben nach unten gebildet. Die Personen in den Funktionen, die das dafür notwenige Umdenken und neue Meinungsbildungsprozesse steuern können - und die Elite im Allgemeinen - entstammen ganz überwiegend ein und demselben sozialen Milieu, dem (groß-)bürgerlichen. Womöglich wurde nach dem Motto gehandelt: Bleibt ja eh in der Familie. Und diese homogene Einheit koppelt sich zusehends vom Rest der Gesellschaft ab, wie zum Beispiel der Elitenforscher und Soziologie-Professor Michael Hartmann angemerkt hat – weitaus deutlicher übrigens als in anderen europäischen Ländern (Was ist mit dem Backup?)

 

Spätestens seitdem die vermeintlich fleischgewordene Harmlosigkeit Klaus Zumwinkel nur nicht wegen Steuerhinterziehung eingebuchtet wurde, weil er offenbar einen Haufen Asche für eine “Sicherheitsleistung” übrig hatte, wird das neue Konzept der Elite aber wieder in Frage gestellt. Viel diskutiert wurde zum Beispiel Julia Friedrichs Selbstversuch zur Elitebildung in ausgewählten Lehranstalten, “Gestatten Elite”, die mit journalistischen Mitteln auf die gleichen Ergebnisse kam wie der Wissenschaftler Hartmann. Dennoch wurde mitunter die “Versuchsanordnung” Friedrichs in Zweifel gezogen.

 

War schon interessant, wer von vornherein nicht mitspielen wollte: Der Historiker Paul Nolte zum Beispiel kritisierte, dass Friedrich die Selbstbeschreibung einer Gruppe mit den wahren Eliten verwechselt habe  – der Nolte übrigens, dem wir den Begriff Unterschichtenfernsehen zu verdanken haben und der bildungsfernen Milieus auch schon mal nahe gelegt hat, sich auf andere Dinge als Bier oder Lotto zu konzentrieren. Das hörte sich so an wie der Neid eines Bücherwurms auf Leute, die auch mal loslassen können. Ich kann mir jedenfalls schwer vorstellen, dass Nolte die Unterschicht besser kennt als Friedrich die Elite, nur weil er methodisch besser aufgestellt sein mag.

 

Vorstellbar jedenfalls, dass es ihm wie William Deresiewicz ergehen könnte, wenn er mal wirklich in Kontakt mit denen kommt, über die er doziert. Deresiewicz, ehemals Dozent in Yale, hat im American Scholar eine alltägliche Situation mit einem Klempner beschrieben, der einst seine Küche reparierte. Da sei ihm plötzich klar geworden: Er hatte keinen Schimmer, wie und worüber er mit diesem Mann sprechen sollte. Diese Szene nimmt der Autor zum Anlass, über elitäre Ausbildungs- und Erziehungsinstitutionen wie Yale nachzudenken und nennt einige problematische Effekte auf die Lernenden in solchen Anstalten, zum Beispiel die Unfähigkeit, mit Menschen anderen Bildungsstandes zu kommunizieren oder der Glaube, ein hoher IQ bedeute automatisch einen ebensolchen Charakter.

 

Schuld daran seien, so Deresiewicz, die Strukturen solcher Eliteschmieden, die bei den Lernenden das Bewusstsein produzierten, zu Höherem geboren zu sein. Und das hänge auch damit zusammen, dass allein der Eintritt in eine solche Schmiede bessere Chancen verheiße, einmal auf einen prestigeträchtigen, gut dotierten Posten zu landen. Ein klientelwirtschaftliches System sozusagen, was sich zum Beispiel daran zeige, dass auch den Mittelmäßigen unter den Auserwählten eine endlose Reihe zweiter Chancen geboten werde, bis sie endlich ihr berufliches Ziel erreicht hätten (George Bush, “the apotheosis of entitled mediocrity”, sei ein herausragendes Beispiel).

 

Der Preis für dieses vermeintlich bequeme Polster ist der systemimmanente Lutschereffekt: ein Konformitätsdruck, der die belohne, die mit dem Strom schwimmen, der Absolventen hervorbringe, die nicht gewohnt sind, über den Tellerrand zu schauen, und der Fächer wie Wirtschaft, Medizin, Jura einseitig bevorzuge. Wirtschaftsgeschichte gehört offenbar nicht mehr dazu, anders ist es nicht zu erklären, dass Wall-Street-Manager vom Entstehen, Platzen und den Folgen der Internetblase 2000 keine Kenntnis besitzen.

 

Obama, zur eierlegenden Wollmilchsau hochgejazzt, könnte auch hier Wirkung zeigen: Im New Yorker hat sich jetzt Malcolm Gladwell Gedanken über eine neu erschienene Biographie Sydney Weinbergs gemacht, der Goldmann-Sachs-Chef war, aus unterprivilegierten Verhältnissen stammte und als Straßenzeitungsverkäufer sein erstes Geld verdiente. Er macht daraus die allgemeine Frage, welche Vorteile man in der Businesswelt als Außenseiter hat und wie die Businesswelt von den Außenseitern profitiert. Der Autor hält in den USA die gelebte Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Einstellung für längst vergangen und meint, dass man heutzutage der Armut zu entfliehen sucht, indem man sich ihrer Insignien zumindest nach außen hin möglichst komplett entledigt. Konvertierung zur Leitkultur sei die Devise. Dumm nur, dass die totale Anpassung es schwierig macht, authentisch zu sein und seine Stärken einzubringen

 

Wie es Sydney Weinberg geschafft hat, abgesehen von dem ganzen Mehl, das nötig ist? “Weinberg was not a financial wizard. His gifts were social.” Ich finde, das klingt einleuchtend. Raftingausflüge für Führungskräfte kompensieren soziale Inkompetenz - wenn sie denn vorhanden ist - nunmal nicht wirklich.

Der systemimmanente Lutscher-Effekt

Es lässt mich ja nicht los, das Thema Hans-Werner von Sinnen: Dieses Jammern, die Manager badeten einen “anonymen Systemfehler” aus und seien die Sündenböcke der Nation. Mein Mitleid hält sich in Grenzen; als Journalist weiß ich auch, wie das ist, einer nicht gerade angesehenden Berufsgruppe anzugehören. (Gut bezahlt wird man dafür aber nur selten - im Gegensatz zu den ‘Anonyme-Systemfehler-Ausbadern’.)

Also, mal von vorne und vereinfacht: Grundsätzlich ist ein System eine Menge aufeinander bezogener, in Wechselwirkung stehender Elemente, die eine Einheit bilden. Und die so genannte Systemtheorie wiederum untersucht Funktionsweisen und Strukturen von Systemen, um komplexe Zusammenhänge offen zu legen, zu beschreiben und zu interpretieren.

Naiv formuliert hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass man es in der gegenwärtigen Welt - im Informationszeitalter, in der Wissensgesellschaft - mit der Analyse von Einzelphänomenen nicht weit bringt, nicht der Komplexität dieser Welt gerecht wird, gerecht werden kann. Es kommt eben auch immer auf den (systemischen) Zusammenhang an, in dem ein Phänomen steht, um diesem auch gerecht zu werden.

Diese Einsicht ist bereits Mainstream, was man zum Beispiel daran sieht, das momentan alles und jeder als System aufgefasst werden kann und wird - von der Heizungsanlage über das Finanzwesen bis zur Familie. Selbst die Karriereseiten der Tageszeitungen transportieren die Auffassung, es komme nicht mehr nur auf den einen entscheidenden Skill mehr an, sondern darauf, möglichst viele Schnittstellen zu anderen Bereichen möglichst sinnvoll miteinander zu verknüpfen (und das auch kommunizieren zu können: Soft Skills!), in den öffentlichen Diskurs. Die Devise lautet also, Verbindungen zu schaffen, in Netzwerken zu arbeiten, interdisziplinär zu denken - und darüber zu sprechen und sich auszutauschen. Deshalb sind derzeit auch Hybridberufe wie Mechatroniker nachgefragt und werden systemische Tätigkeiten (systemischer Coach, Berater, Therapeut…) als zukunftsweisend gepriesen.

Weil aber die Systeme komplex und die Lebenswelten unübersichtlich sind - so komplex und unübersichtlich, dass es der menschliche Intellekt häufig nicht mehr fassen kann - muss der Mensch sein Grundvertrauen in diese Welt, in der nunmal lebt, von sich selbst und den Menschen, die ihn umgeben, auf die Systeme als solche transferieren - sonst würde er nicht weit kommen. Systemvertrauen nennt man das dann: Generalisiertes  Vertrauen, aus der Erfahrung gespeiste Glaubwürdigkeit - wenn man zum Beispiel in ein Flugzeug steigt und guten Mutes ist, dass schon alles gut gehen wird, obwohl man keine Ahnung hat, wie so ein Flugzeug wirklich funktioniert und welchen Menschen man gerade sein Schicksal in die Hand gegeben hat.

Man kann sich vorstellen, dass man Probleme bekommt, wenn das Misstrauen Systemen gegenüber zu weit geht. Im Grunde ist man dann handlungsunfähig. Und das ist, glaube ich, auch der Punkt des bereits an anderer Stelle erwähnten Stephan A. Jansen, Gründungs-Präsident der Zeppelin University in Friedrichshafen, der durch die, wie er behauptet, Unterminierung des allgemeinen Systemvertrauens durch Wissenschaft, Medien und Web 2.0 Tendenzen befördert sieht, die der Funktionstüchtigkeit unserer Welt nicht gerade zuträglich sind.

Um das ein wenig näher zu betrachten, verweise ich erneut auf ein Interview Jansens in der brand eins. Im Kern sagt er dort, dass es innerhalb von Systemen, in denen etwas schiefgelaufen ist, in der Tat nicht möglich ist, konkret einen oder mehrere Schuldige zu benennen; das zeige zum Beispiel die Korruptionsforschung, in der der systemische Zusammenhang eine allgemeine Kultur des Mauschelns zustande gebracht habe, die auf die Schnelle jedenfalls nicht personalisiert werden könne. (Da kann man dann höchstens sagen: Alle in einen Sack und draufjehauen, aber wozu würde das führen?) Deshalb sei die Benennung von Sündenböcken auch kontraproduktiv: Einer wurde geopfert, das System arbeitet unverändert weiter.

Wenn das Systemvertrauen aber dekonstruiert wird, kommt es zwangsläufig zu der Angst vor Fehlern und davor, Entscheidungen zu treffen - zuallererst und mit den einschneidendsten Folgen bei denen, die innerhalb solcher Systeme agieren, gerade in den komplexeren.

Das blöde ist daran laut Jansen, dass sich dann gerade die Köpfe, die eigentlich qua Ausbildung und Fähigkeiten dafür prädestiniert sind, sich gar nicht mehr in derartige Systemmühlen begeben möchten, nicht die Last der Entscheidungen und ihrer Folgen zu tragen bereit sind. Ein Grund zum Beispiel, warum jetzt alle NGOs so sexy finden - da ist man auf der sicheren, sprich guten Seite. Und da komme dann das Paradoxe dieser Entwicklung zum Tragen: Systeme brauchen einerseits eigenständige Köpfe, die Risiken in Kauf nehmen, um etwas voranzubringen, doch werden diese andererseits von den Systemen selbst abgestoßen.

Mal kurz am Rande, ohne eine Anmerkung zur allgegenwärtigen Finanzkrise gehts ja derzeit nicht: Tom Wolfe hat in einem Interview im New Yorker Observer neulich diesen Umstand, ich nenne ihn mal den systemimmanenten Lutscher-Effekt, schön beschrieben, indem er das Personal von Investmentbanken und Hedgefonds verglich. Denn, so Wolfe, welcher smarte und ambitionierte Nachwuchsökonom wolle denn schon bei einer Bank angestellt sein, in der er den Angestellten und Direktoren ständig das Händchen halten, darüber hinaus jederzeit freundlich und die richtigen Klamotten tragen müsse, wenn sie anderenorts in kleinen, effizienten Teams am ganz großen Rad drehen könnten. Das sei der Grund, warum das Personal der Investmentbanken eben nur aus “second ratern” bestehe -im Gegensatz zu dem der Hedge Fonds.

Was brauchen wir also: Menschen, die den Spagat beherrschen, sich in Systemen ein-, ja auch unterzuordnen, oder sagen wir neutraler zu integrieren, ohne den eigenen Kopf zu opfern, das Hirn auszuschalten, den permanenten Kotau zu machen. Dafür braucht es Cojones, Eier - einerseits. Andererseits bräuchten wir aber auch die Strukturen, die solchen Typen auch den Platz einräumten, den sie benötigen. Das ist mindestens genau so schwierig, so lange nur Betriebswirtschaftler und Juristen an den (ökonomisch entscheidenden) Hebeln sitzen, Qualifikationen so viel mehr zählen als Kompetenzen, Stromlinienförmige belohnt werden, und Unkonventionelle rasiert.

Denn, und das ist ja wohl der eigentliche Kern des Problems: Die Hebelwirkung von Systemen ist ungleich größer als die von Individuen. Die Finanzkrise ist allerdings, denke ich, kein besonders gutes Beispiel, um die Gefahren dieser Hebelwirkungen zu verdeutlichen. Dafür ist Geld einfach zu abstrakt.  Also nehmen wir die Holzhammermethode, sprechen von Menschenleben und nehmen als Gewährsmann den englischen Historiker Eric Hobsbawm, der sich seine Gedanken zu der Tatsache gemacht hat, warum die Kriege im 20. Jahrhundert so unvergleichlich viel mehr Tote und Zerstörungen brachten als zuvor in der von Kriegen vollen menschlichen Historie. Für Hobsbawm begann 1914 das “Zeitalter der Massaker.” Ich zitiere aus seinem Buch Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts:

“Ein (…) Grund für die Brutalisierung war (…) die neue Unpersönlichkeit der Kriegsführung, die das Töten oder Verstümmeln auf einen Akt reduzierte, der sich auf das Drücken einer Taste oder Bewegen eines Hebels beschränkte. Technologie macht ihre Opfer unsichtbar. (…) Die schlimmsten Grausamkeiten unseres Jahrhunderts waren die unpersönlichen, die systematisch oder routiniert aus der Ferne entschieden wurden - besonders dann, wenn sie als bedauerliche, aber unumgängliche Handlungen gerechtfertigt werden konnten.”

Und das ist es, was mich an Hans-Werner Sinns Rede vom anonymen Systemfehler so sackig macht, sackiger noch als sein unsäglicher Juden-Manager-Vergleich: Wie kann es sich jemand in einer derartigen Position mit einem so weit reichenden Blick in das “Wirtschafts- und Finanzsystem” so leicht machen? Das ist ja wohl das angesprochene Sündenbock-Syndrom, dass Sinn ganz offensichtlich heraufbeschwören will, um bloß nichts am bestehenden System zu ändern.

Was bleibt also, wenn die Hoffnung auf andere Strukturen, und wenn nicht das, zumindest auf eine andere Perspektive, eine veränderte Mentalität oder neue Zielsetzungen für die Katz sein wird? Wenn - was damit nicht wenig zusammen hängt - auch die Hoffnung, die wirklich Fähigen träumten demnächst nicht mehr nur davon, entweder Banker oder Maria Theresa zu werden, trügerisch ist?

Nicht viel bleibt dann. Ich kann mir jedenfalls momentan schwer vorstellen, dass die ganzen alternativen Nischen, die derzeit hoffnungsvoll diskutiert werden, irgend wann einmal so etwas wie gesellschaftliche Sprengkraft entwickeln werden - ob die Nische nun digitale Boheme, long tail, Netzwerkkultur oder sonstwie heißt. Dafür sind mir die Exponenten dieser “Digibabble”-Community (nochmal Tom Wolfe) viel zu selbstverliebt und hedonistisch - einfach zu satt.

la vida es una tombola

Die hohe Kunst der Führung, die hierzulande aus den bekannten historischen Gründen gerne neudeutsch als leadership bezeichnet wird, erfordert - sagen derzeit alle Experten - vor allem bestimmte charakterliche Merkmale. Mehr noch als Fachwissen.

Seit die bösen bösen Manager unter Beweis gestellt haben, dass Sie die Kohle, die sie sich in die eigene Tasche stecken, nicht aus dem Nichts generiert wird, sondern durchaus mal an anderer Stelle fehlen kann (Finanzkrise), ist auf angelsächsischen, businessorientierten Blogs ein Thema richtig angesagt: the art of leadership.

Ich zitiere: “During these difficult economic times clear and meaningful communication is critical. People are looking to their leaders for direction and hope.”

Vielleicht wird die Musik aber auch ganz woanders gespielt? Eventuell ist die Avantgarde der Businesswelt weder US-amerikanisch noch chinesisch, oder indisch, oder russisch, oder dubai-isch? Kohle ist halt doch nicht alles.

In Sachen leadership ist die Avantgarde…

…argentinisch: TUSCH!

Diego Armando Maradona, Fußballgott, ist der neue Nationaltrainer Argentiniens!


Das dürfte doch allen verkannten Führungspersönlichkeiten Hoffnung machen: Kein Skandal, keine Drogensucht, weder Fettleibigkeit noch mangelnde Erfahrung, auch nicht Doping oder Dummheiten, noch nicht einmal die Freundschaft Castros und Chavez’ wiegen das auf, was gemeinhin als Halo-Effekt bezeichnet wird - wenn also bestimmte Merkmale eines Menschen alle anderen Eigenschaften in den Hintergrund treten lassen.

Maradonas ganz persönlicher Halo-Effekt ist, das weiß die Herald Tribune zu berichten, dass er nach eigener Aussage das männliche Pedant zu Evita Perón sei: Maradona, (Fußball-)Gott!

Wie dem auch sei, die Argentinier nehmens erstaunlich locker, der Sportableger Argentiniens größter Tageszeitung, Clarin, problematisiert die Entscheidung überhaupt nicht, spekuliert über Personalien und zitiert des Landes derzeit größten Star, Lionel Messi, mit den Worten, ich übersetze mal frei: “Diego als Trainer: Das ist der Traum meiner Mama.

Die Deutschen indes verstehen mal wieder gar nichts und bemühen sich um Hintergründe, so zum Beispiel der (von mir hoch geschätzte) Journalist Jens Weinreich. Ich empfehle allen Romantikern mit der lesenswerten Lektüre seines Blogeintrages einige Tage zu warten, ist dem Halo-Effekt einfach nicht zuträglich: Die Inthronisierung Diegos sei das Werk des anrüchigen Julio Humbertos Grondonas, des “Paten des argentinischen Fußballs”, um seine Pfründe zu sichern, schreibt Weinreich und zitiert den argentinischen Journalisten Ezequiel Fernandez Moores zum Thema. Ein tolles Detail sei aber noch verraten: Grondona, schreibt Weinreich, trage einen “schweren, goldenen Siegelring”, auf dem stehe sein Motto: Todo pasa.

Todo pasa!

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