Es lässt mich ja nicht los, das Thema Hans-Werner von Sinnen: Dieses Jammern, die Manager badeten einen “anonymen Systemfehler” aus und seien die Sündenböcke der Nation. Mein Mitleid hält sich in Grenzen; als Journalist weiß ich auch, wie das ist, einer nicht gerade angesehenden Berufsgruppe anzugehören. (Gut bezahlt wird man dafür aber nur selten - im Gegensatz zu den ‘Anonyme-Systemfehler-Ausbadern’.)
Also, mal von vorne und vereinfacht: Grundsätzlich ist ein System eine Menge aufeinander bezogener, in Wechselwirkung stehender Elemente, die eine Einheit bilden. Und die so genannte Systemtheorie wiederum untersucht Funktionsweisen und Strukturen von Systemen, um komplexe Zusammenhänge offen zu legen, zu beschreiben und zu interpretieren.
Naiv formuliert hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass man es in der gegenwärtigen Welt - im Informationszeitalter, in der Wissensgesellschaft - mit der Analyse von Einzelphänomenen nicht weit bringt, nicht der Komplexität dieser Welt gerecht wird, gerecht werden kann. Es kommt eben auch immer auf den (systemischen) Zusammenhang an, in dem ein Phänomen steht, um diesem auch gerecht zu werden.
Diese Einsicht ist bereits Mainstream, was man zum Beispiel daran sieht, das momentan alles und jeder als System aufgefasst werden kann und wird - von der Heizungsanlage über das Finanzwesen bis zur Familie. Selbst die Karriereseiten der Tageszeitungen transportieren die Auffassung, es komme nicht mehr nur auf den einen entscheidenden Skill mehr an, sondern darauf, möglichst viele Schnittstellen zu anderen Bereichen möglichst sinnvoll miteinander zu verknüpfen (und das auch kommunizieren zu können: Soft Skills!), in den öffentlichen Diskurs. Die Devise lautet also, Verbindungen zu schaffen, in Netzwerken zu arbeiten, interdisziplinär zu denken - und darüber zu sprechen und sich auszutauschen. Deshalb sind derzeit auch Hybridberufe wie Mechatroniker nachgefragt und werden systemische Tätigkeiten (systemischer Coach, Berater, Therapeut…) als zukunftsweisend gepriesen.
Weil aber die Systeme komplex und die Lebenswelten unübersichtlich sind - so komplex und unübersichtlich, dass es der menschliche Intellekt häufig nicht mehr fassen kann - muss der Mensch sein Grundvertrauen in diese Welt, in der nunmal lebt, von sich selbst und den Menschen, die ihn umgeben, auf die Systeme als solche transferieren - sonst würde er nicht weit kommen. Systemvertrauen nennt man das dann: Generalisiertes Vertrauen, aus der Erfahrung gespeiste Glaubwürdigkeit - wenn man zum Beispiel in ein Flugzeug steigt und guten Mutes ist, dass schon alles gut gehen wird, obwohl man keine Ahnung hat, wie so ein Flugzeug wirklich funktioniert und welchen Menschen man gerade sein Schicksal in die Hand gegeben hat.
Man kann sich vorstellen, dass man Probleme bekommt, wenn das Misstrauen Systemen gegenüber zu weit geht. Im Grunde ist man dann handlungsunfähig. Und das ist, glaube ich, auch der Punkt des bereits an anderer Stelle erwähnten Stephan A. Jansen, Gründungs-Präsident der Zeppelin University in Friedrichshafen, der durch die, wie er behauptet, Unterminierung des allgemeinen Systemvertrauens durch Wissenschaft, Medien und Web 2.0 Tendenzen befördert sieht, die der Funktionstüchtigkeit unserer Welt nicht gerade zuträglich sind.
Um das ein wenig näher zu betrachten, verweise ich erneut auf ein Interview Jansens in der brand eins. Im Kern sagt er dort, dass es innerhalb von Systemen, in denen etwas schiefgelaufen ist, in der Tat nicht möglich ist, konkret einen oder mehrere Schuldige zu benennen; das zeige zum Beispiel die Korruptionsforschung, in der der systemische Zusammenhang eine allgemeine Kultur des Mauschelns zustande gebracht habe, die auf die Schnelle jedenfalls nicht personalisiert werden könne. (Da kann man dann höchstens sagen: Alle in einen Sack und draufjehauen, aber wozu würde das führen?) Deshalb sei die Benennung von Sündenböcken auch kontraproduktiv: Einer wurde geopfert, das System arbeitet unverändert weiter.
Wenn das Systemvertrauen aber dekonstruiert wird, kommt es zwangsläufig zu der Angst vor Fehlern und davor, Entscheidungen zu treffen - zuallererst und mit den einschneidendsten Folgen bei denen, die innerhalb solcher Systeme agieren, gerade in den komplexeren.
Das blöde ist daran laut Jansen, dass sich dann gerade die Köpfe, die eigentlich qua Ausbildung und Fähigkeiten dafür prädestiniert sind, sich gar nicht mehr in derartige Systemmühlen begeben möchten, nicht die Last der Entscheidungen und ihrer Folgen zu tragen bereit sind. Ein Grund zum Beispiel, warum jetzt alle NGOs so sexy finden - da ist man auf der sicheren, sprich guten Seite. Und da komme dann das Paradoxe dieser Entwicklung zum Tragen: Systeme brauchen einerseits eigenständige Köpfe, die Risiken in Kauf nehmen, um etwas voranzubringen, doch werden diese andererseits von den Systemen selbst abgestoßen.
Mal kurz am Rande, ohne eine Anmerkung zur allgegenwärtigen Finanzkrise gehts ja derzeit nicht: Tom Wolfe hat in einem Interview im New Yorker Observer neulich diesen Umstand, ich nenne ihn mal den systemimmanenten Lutscher-Effekt, schön beschrieben, indem er das Personal von Investmentbanken und Hedgefonds verglich. Denn, so Wolfe, welcher smarte und ambitionierte Nachwuchsökonom wolle denn schon bei einer Bank angestellt sein, in der er den Angestellten und Direktoren ständig das Händchen halten, darüber hinaus jederzeit freundlich und die richtigen Klamotten tragen müsse, wenn sie anderenorts in kleinen, effizienten Teams am ganz großen Rad drehen könnten. Das sei der Grund, warum das Personal der Investmentbanken eben nur aus “second ratern” bestehe -im Gegensatz zu dem der Hedge Fonds.
Was brauchen wir also: Menschen, die den Spagat beherrschen, sich in Systemen ein-, ja auch unterzuordnen, oder sagen wir neutraler zu integrieren, ohne den eigenen Kopf zu opfern, das Hirn auszuschalten, den permanenten Kotau zu machen. Dafür braucht es Cojones, Eier - einerseits. Andererseits bräuchten wir aber auch die Strukturen, die solchen Typen auch den Platz einräumten, den sie benötigen. Das ist mindestens genau so schwierig, so lange nur Betriebswirtschaftler und Juristen an den (ökonomisch entscheidenden) Hebeln sitzen, Qualifikationen so viel mehr zählen als Kompetenzen, Stromlinienförmige belohnt werden, und Unkonventionelle rasiert.
Denn, und das ist ja wohl der eigentliche Kern des Problems: Die Hebelwirkung von Systemen ist ungleich größer als die von Individuen. Die Finanzkrise ist allerdings, denke ich, kein besonders gutes Beispiel, um die Gefahren dieser Hebelwirkungen zu verdeutlichen. Dafür ist Geld einfach zu abstrakt. Also nehmen wir die Holzhammermethode, sprechen von Menschenleben und nehmen als Gewährsmann den englischen Historiker Eric Hobsbawm, der sich seine Gedanken zu der Tatsache gemacht hat, warum die Kriege im 20. Jahrhundert so unvergleichlich viel mehr Tote und Zerstörungen brachten als zuvor in der von Kriegen vollen menschlichen Historie. Für Hobsbawm begann 1914 das “Zeitalter der Massaker.” Ich zitiere aus seinem Buch Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts:
“Ein (…) Grund für die Brutalisierung war (…) die neue Unpersönlichkeit der Kriegsführung, die das Töten oder Verstümmeln auf einen Akt reduzierte, der sich auf das Drücken einer Taste oder Bewegen eines Hebels beschränkte. Technologie macht ihre Opfer unsichtbar. (…) Die schlimmsten Grausamkeiten unseres Jahrhunderts waren die unpersönlichen, die systematisch oder routiniert aus der Ferne entschieden wurden - besonders dann, wenn sie als bedauerliche, aber unumgängliche Handlungen gerechtfertigt werden konnten.”
Und das ist es, was mich an Hans-Werner Sinns Rede vom anonymen Systemfehler so sackig macht, sackiger noch als sein unsäglicher Juden-Manager-Vergleich: Wie kann es sich jemand in einer derartigen Position mit einem so weit reichenden Blick in das “Wirtschafts- und Finanzsystem” so leicht machen? Das ist ja wohl das angesprochene Sündenbock-Syndrom, dass Sinn ganz offensichtlich heraufbeschwören will, um bloß nichts am bestehenden System zu ändern.
Was bleibt also, wenn die Hoffnung auf andere Strukturen, und wenn nicht das, zumindest auf eine andere Perspektive, eine veränderte Mentalität oder neue Zielsetzungen für die Katz sein wird? Wenn - was damit nicht wenig zusammen hängt - auch die Hoffnung, die wirklich Fähigen träumten demnächst nicht mehr nur davon, entweder Banker oder Maria Theresa zu werden, trügerisch ist?
Nicht viel bleibt dann. Ich kann mir jedenfalls momentan schwer vorstellen, dass die ganzen alternativen Nischen, die derzeit hoffnungsvoll diskutiert werden, irgend wann einmal so etwas wie gesellschaftliche Sprengkraft entwickeln werden - ob die Nische nun digitale Boheme, long tail, Netzwerkkultur oder sonstwie heißt. Dafür sind mir die Exponenten dieser “Digibabble”-Community (nochmal Tom Wolfe) viel zu selbstverliebt und hedonistisch - einfach zu satt.