Archiv der Kategorie ‘Zitate und Bonmots‘

 
 

Machen wir uns nichts vor XXI

ganz witzig, dass der linke und autonome diskurs von anfang an die entwicklungen eher mit skepsis beobachtet hat, weil ausgerechnet der rechte diskurs sich einige traditionelle linke konzepte auf das internet zurechtgemappt und umkodiert hat (postmoderner lingo wird zur kalifornischen ideologie, technischer fortschritt dient automagisch dem staat (überwachungstechnologien, ..) und/oder dem freien markt (biotech, …) und/oder den telcos und medienkonzernen (we will like totally rock the cyberspace), ..), was den linken diskurs auf eine seltsame position des befürchtens festnagelte. gleichzeitig haben sie den gegner und seine kommende macht so hoch phantasiert, dass nur aktivismus, sabotage der netze, symbolische interventionen, usw. als handlungsspielraum blieb (…).

(wir wissen alle, dass informationen und wissen nichts anderes als mittel eines herrschaftsapparates sind, den gilt es also an der wurzel zu bekämpfen; unterm strich wurde das baby jedenfalls mit dem grundsätzlichen antikapitalismus ausgeschüttet).

Markus Spath sichtet alte Bücher bzw. vergessene Webdiskurse aus den 1990er Jahren und stellt fest: seinerzeit war politisiert, was heutzutage “gebabbelt” ist.

Boulevard

Man sollte das Netz auch nicht zu ernst nehmen. Und überhaupt: diese ganze Street-View-Debatte. Irrationale Ängste und Culture-Clash-Fronten auf der einen Seite; Charakterlose und asoziales Pack auf der anderen.

Ehrlich gesagt bin ich ganz schön angenervt - jetzt nicht nur von dieser speziellen Debatte, sondern auch von der so genannten und viel beschworenen Diskussionskultur im Netz überhaupt. (Ja ja, ich weiß, ist jetzt auch nichts Neues).

Ich für meinen Teil bin seinerzeit nicht ins Netz und ans Bloggen gegangen, um Recht zu haben, sondern weil ich neugierig und an fachlichem Austausch interessiert war (und bin). Militante Rechthaber kenne ich im kohlenstofflichen Leben bereits zu Genüge. (Aber das ist natürlich naiv; das hat so ein bisschen was von Sozialwissenschaften studieren statt Jura oder BWL, weil man meint, da trifft man einfühlsamere Naturen; dabei ist wahrscheinlich nur die Häufung von Toleranzfanatikern und Doppelnamenträgern anders als anderswo.)

Aber aufhören und den Leberhorst machen ist natürlich auch keine Lösung. Wie gesagt: Nicht zu ernst nehmen, das Ganze.

Also halte ich mit meinen begrenzt-bescheidenen Mitteln dagegen und picke ab sofort ab und zu ein Zitat oder einen Wortwechsel aus dem Netz heraus, das oder der mich amüsiert hat, lustig oder geistreich ist. Den Anfang mache ich mit einem Zitat über einen Netzprotagonisten, der hier allen bekannt sein dürfte: Sascha Lobo. (Und das hat übrigens jetzt gar nichts damit zu tun, wie genau er zu street view steht.)

Sascha habe ich hier schon einmal als eitlen Pfau bezeichnet, aber eingeräumt, dass ich ihn nicht kenne, und meine Meinung gerne korrigiere, falls ich das Kennenlernen vielleicht mal bei einem Kaffee nachholen darf. Das haben wir mal nachgeholt, und - ohne ihn jetzt wirklich wirklich zu kennen oder gar mit ihm richtig richtig befreundet zu sein: Er ist in Ordnung. Vielleicht ist er sogar schwer in Ordnung. Auf jeden Fall ist er mir sympathisch. Und - auch wenn das einigen ja so gar nicht in den Kram passt - es ist ganz wichtig für die deutsche Webgemeinde, dass es ihn gibt. Allein weil er in seiner nach wie vor exponierten Position als “Internet-Erklärer für den Mainstream” anders als viele andere in der Lage ist, sich selbst zu hinterfragen und nicht alles im Netz unbedingt allzu ernst nehmen muss.

Ja, ich glaube, der Mann hat Humor.

Aber er ist natürlich auch “ein kluger Kopf, obwohl er Werber ist”, was Martin Lindner einmal über ihn gesagt hat, bei dem sich in meinen Augen einige eine Scheibe abschneiden können, wenn es darum geht, Ehrlichkeit und Höflichkeit im Webdiskurs geistreich zu kombinieren. Und das hat er zum Beispiel mit folgendem Zitat, das aus einem Text zum Thema “Identität 2.0″ stammt, blumig unter Beweis gestellt:

Die alte “bürgerliche Fassade” gibt es nicht mehr. Das Private und Intime ist längst so durcheinander geraten wie jetzt unsere Vorstellung von Öffentlichkeit. Das Abendland ist untergegangen. Im Fernsehen spricht das Internet in Gestalt eines höflichen Mannes im Anzug, der einen orangen Irokesen und einen Asozialen-Punker-Schnauzbart trägt. Und selbst der weiß nicht genau, wie er künftig sein Geld verdienen wird: Die lustige Lifestyle-Werbung, die er als Werbetexter einmal machen wollte, ist ja auch schon von Gestern.

(So in etwa stelle ich mir Diskussionsbeiträge im Netz vor: exakt und kritisch einerseits, aber auch mit einem Schuss Empathie für den Kritisierten andererseits. Auf jeden Fall aber in einem Ton, der einen anschließenden Dialog zulässt, vielleicht sogar befördert - aber das ist wahrscheinlich erneut naiv.)

Machen wir uns nichts vor XX

Die wahrhaft unangenehme Überlegung aber ist die Frage, was für eine Gesellschafts- und Herrschaftsform wir haben, wenn es eine Organisation wie Wikileaks braucht, um den Militärs Grenzen zu setzen, und die Gesellschaft ein Stück weit ehrlich zu informieren.

Don Alphonso über Wikileaks und anschließend mit einem ungewohnt optimistischen Blick auf die Zukunft der Zivilgesellschaft. (Wenn “Wikileaks Bestand hat, wird es (…) schon gut werden.”).

Machen wir uns nichts vor XIX

Bedeutet die technische Entwicklung der Medien (…) nur eine Steigerung der Verblendungsmöglichkeiten und damit eine Depotenzierung aufklärerisch-emanzipatorischer Hoffnungen? Oder treten wir in eine geschichtlich neue Situation, die mit neuen Techniken auch neue Formen der ‘Mediatisierung’ bzw der neuen anthropologischen Situation der ‘Medienzivilisation’ schafft? Das ist, changierend zwischen Apokalypse und Integration, die ‘medienphilosophische’ Frage des zwanzigsten Jahrhunderts.

Tja, so viel an dieser Einschätzung Frank Hartmanns hat sich auch im laufenden Jahrhundert bislang nicht geändert. Ansonsten will ich derzeit weder integrativ und schon gar nicht apokalyptisch werden, nur weil es gerade gefühlte 37 Grad heiß ist. Es ist eher so, dass ich gerade nach den Anfängen dieser ganzen Debatte um Neue Medien und Internet und Dings schaue, und dazu hat Hartmann auf seiner Seite übrigens einige sehr interessante Links und Verweise und Texte zusammengetragen.

Machen wir uns nichts vor XVIII

Beim papiergebundenen Schreiben ist der Verleger ein Raster, ein Relais und eine Antenne. Die Strahlen der Texte kommen bei ihm an, er wählt unter ihnen jene aus, die “verlegt” werden sollen, er macht sie für ein Weiterstrahlen zurecht (”druckreif”) und strahlt sie dann als ein Bündel in den leeren Raum aus, um auf etwa vorbeigehende Empfänger (zum Beispiel in Buchläden) zu stoßen.

Beim elektromagnetischen Schreiben wird der Verleger zum Brennpunkt des im Weben begriffenen Gewebes: zu einer Art von Datenbank, die mit immer neuen Informationen gefüttert wird, aus der diese Informationen rückgestrahlt werden und in der sie miteinander verglichen oder miteinander konfrontiert werden.

Vilém Flusser (1987)

Machen wir uns nichts vor XVII

“Der Mensch ist nicht das kleinste Modul. (…) [Im Internet gibt es] keine erwünschten oder unerwünschten Personen, es gibt nur erwünschte und weniger erwünschte Verhaltensweisen.”
Kathrin Passig im Merkur

Machen wir uns nichts vor XVI

“In Berlin wohnen ist wie Tuba spielen: Hauptsache, Du pupst ordentlich rum!”
Wolli

Machen wir uns nichts vor XV

“der epistemologische test: bei jedem kulturbezogenen argument ‘brain’ streichen und prüfen, ob dann etwas fehlt. es fehlt nie etwas.”

Martin Lindner glaubt anlässlich seiner Kritik an den Positionen Peter Kruses nicht, dass Neurowissenschaften und Biometaphern taugen, um Web 2.0 zu erklären.

Machen wir uns nichts vor XIV

Facebook has fallen into its own advertisement trap. You can’t protect privacy on behalf of your user base, if your core business model is advertisement.

Alexander van Elsas nennt das Dilemma, in dem Zuckerbergs Facebook steckt, beim Namen. Bleibt die Frage, was nun besser ist, wenn man nicht gut findet, dass Internet-Unternehmen wie Facebook aus wirtschaftlichen Interessen ein Post-Privacy-Zeitalter ausrufen und gesellschaftliche Kollateralschäden billigend in Kauf nehmen: Account abmelden oder Protest anmelden.

Machen wir uns nichts vor XIII

Dostojewskis “‘Verbrechen und Strafe’ ist einer der bewegendsten Texte, und wie alle großen Texte hat er einen eigenen Rhythmus. Dieser Rhythmus ist ein Presto, ist also der schnellste, den es gibt. Aber im letzten Absatz des Buchs, in den letzten sechs oder sieben Zeilen, wird ein Wort wiederholt, auf Russisch heißt dieses Wort ‘postepenny’, es ist ein langsames Wort, auch durch das doppelte n. Es heißt ‘allmählich’, ein wunderbares deutsches Wort übrigens. Der ganze Roman verläuft also in einem rasanten Tempo, und im letzten Absatz wiederholt sich dreimal das Wort allmählich. Das hat etwas zu sagen: Leben geht allmählich. Wenn man nach der Lektüre dieses Romans sonst nichts gelernt hat, damit hat man schon genug gelernt. Gewalt ist schnell und plötzlich, Leben geht allmählich.”

Swetlana Geier im Spiegel-Interview

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