Archiv der Kategorie ‘Zitate und Bonmots‘

 
 

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Siggi Becker hat recht: Weniger Links als freiwillige Geistblutspende in FB oder G+ abladen, sondern direkt in den eigenen Blog reinposten, um Verfügungsgewalt zu behalten und ein durchsuchbares Archiv zu haben. Also habe ich gestern, soweit mir Twitter, einer dieser vampiristische Mentoren in der Aufmerksamkeitsökonomie, dies im Zugriff auf die eigene Linkchronologie gestattete, mal gescannt, was ich in den vergangenen 14 oder 15 Monaten an Links dort hineingeschleudert habe und das hier rübergezogen, was ich noch nicht ganz vergessen möchte bzw. unter Umständen noch einmal gebrauchen kann.

Berufe im Misskredit: #Lehrer

Nicht erst seit den (…) PISA-Untersuchungen stehen die (…) Lehrer in Deutschland unter verschärfter öffentlicher Beobachtung. (…) Sie sind an allem schuld und sollen alles richten. (…)

So wie der Arzt für die Gesundheit, der Rechtsanwalt für das Recht ist der Lehrer (…) für die Bildung zuständig. Aber im Unterschied zu den freien Berufen hat er nicht mit Betroffenen zu tun, sondern mit Schutzbefohlenen, die sich ihn nicht aussuchen können. Gegen diesen mit der Schule einfach gesetzten Zwang, gegen den weder das Kinder- noch das Elternrecht etwas auszurichten vermag, steigt unweigerlich ein tiefer Groll auf. Außerdem muss der Lehrer sich nicht wie der Arzt und der Rechtsanwalt am, zugegeben reglementierten Markt bewähren, sondern kann als Festangestellter mit Pensionsberechtigung an der Biegung des Flusses sitzen und die Leichen an sich vorüberschwimmen lassen. (…)

Dass dieser Machtanspruch notwendig, aber nur angemaßt ist, verübeln wir (…) dem Lehrer. (…) Man delegiert also an die Lehrkraft, was die komplexe Gesellschaft vom kindlichen Ich verlangt, und führt zugleich Beschwerde darüber, dass diese auch tut, was sie tun soll.

(Aus: Heinz Bude: Bildungspanik.)

Zeitalter der Simulation

Das Zeitalter der Simulation wird überall eröffnet durch die Austauschbarkeit von ehemals sich widersprechenden oder dialektisch einander entgegengesetzten Begriffen: (…) die Austauschbarkeit des Schönen und Hässlichen in der Mode, der Linken und der Rechten in der Politik, des Wahren und des Falschen in allen Botschaften der Medien, des Nützlichen und Unnützlichen auf der Ebene der Gegenstände, der Natur und der Kultur auf allen Ebenen der Signifikation. Alle großen humanistischen Wertmaßstäbe, die sich einer ganzen Zivilisation moralischer, ästhetischer und praktischer Urteilsbildung verdanken, verschwinden aus unserem Bilder- und Zeichensystem. Alles wird unentscheidbar, das ist die charakteristische Wirkung der Herrschaft des Codes, die auf dem Prinzip der Neutralisierung und der Indifferenz beruht.

Jean Baudrillard (1982)

we need to update our nightmares

Einer der anschaulichsten, wenn nicht besten Texte zum Überwachungs-SocialMedia-Postdemokratie-Protest-BigData-Komplex - Zeynep Tufekci mixt ihre Erlebnisse im Gezi-Park in Istanbul mit Studienergebnissen aus ihrer tech-soziologischen Forschungsrichtung und erklärt, warum Huxley (Brave New World) uns eher weiterhilft als Orwell (1984) oder Bentham (Panoptikum): An der gesellschaftlichen Oberfläche haben wir anscheinend die Wahl, die zur Wahl stehenden Entscheidungen aber sind so konfiguriert, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach genau die Entscheidungen treffen, die wir treffen sollen.

Digitale Spähstrategien bündeln ökonomische, kulturelle und politische Macht, indem sie Kommunikation kontrollieren, überwachen und steuern - in den Räumen, die man zu kontrollieren müssen glaubt, um Herrschaft auszuüben: Insofern ist Soft Power eine Waffe des 21. Jahrhunderts.

Resistance and surveillance: The design of today’s digital tools makes the two inseparable. And how to think about this is a real challenge. Our understanding of the dangers of surveillance is filtered by our thinking about previous threats to our freedoms. But today’s war is different. We’re in a new kind of environment, one that requires a new kind of understanding. (…)

Companies want to use this power to make us buy products. For political parties, the aim is to attract support based on a tailored presentation of that party’s politicians and policies. Both want us to click, willingly, on a choice that has been engineered for us. Diplomats call this soft power. It may be soft but it’s not weak. It doesn’t generate resistance, as totalitarianism does, so it’s actually stronger.

Internet technology lets us peel away layers of divisions and distractions and interact with one another, human to human. At the same time, the powerful are looking at those very interactions, and using them to figure out how to make us more compliant.

Machen wir uns nichts vor XLIX

Es ist eine Eigenart digitaler Technologie, dass jede Handlung, die wir durch sie und mit ihr ausführen, gleichzeitig auf zwei Ebenen stattfindet, auf der menschenlesbaren Ebene der Kommunikation und der maschinenlesbaren Ebene der Daten. (…) In der ersten Phase des Internets wurden nun alle Eigenschaften der Kommunikation extrem erweitert. (…) Flexible, einbeziehende, offene Strukturen, die bisher nur in kleinen Gruppen funktionierten, wurden auf viel größere übertragen. (…) Das Symbol der zweiten Phase ist nicht mehr die Community, sondern das Datencenter - eine Blackbox mit industriellen Dimensionen, kapitalintensiv, komplex und opak. (…) Es ermöglicht das “Profil”, das zunehmend bestimmt, wie wir uns durch Welt (offline und online) bewegen können, und es brachte den “großen Bruder” zurück, jene allwissende Obrigkeit, von der wir glaubten, wir hätten sie hinter uns gelassen. (…) Repression ist aber die Ausnahme. Mit großen, gut organisierten Datenmengen lassen sich Menschen steuern, ohne dass ihnen diese Steuerung bewusst wird. Die Polizei wird nur im Notfall, wenn alles andere versagt hat, losgeschickt. (…) In der Folge entsteht ein neues Machtgefälle zwischen denen, die Zugang zu den Daten und damit den entsprechenden Wissensvorsprung besitzen, und denen, die auf der Ebene der Kommunikation verharren müssen. Unterm Strich kommt heraus, dass zwar die Kommunikationsmöglichkeiten extrem ausgeweitet wurden, Kommunikation als solche aber an Bedeutung verliert. (…) Die Gewichtsverschiebung von der Kommunikation zu den Daten ist keineswegs auf das Internet beschränkt. In unseren zunehmend postdemokratischen Gesellschaften kommuniziert Macht nicht mehr, sie managt, möglichst ohne wahrgenommen zu werden.

Felix Stalder stellt Kommunikation gegen Daten und erklärt so, warum Öffentlichkeit zur Soap gemorpht ist.

Betr.: Debattenkultur in Deutschland

In Deutschland fehlt die Tradition einer höfischen Gesellschaft. Anders als in den westlichen Vorbildnationen Frankreich und England haben wir keine literarische Adelskultur, die auf Eleganz, Fasslichkeit und Einfachheit des Ausdrucks größten Wert legt. Statt des homme des lettres und des Gentleman haben wir den Bildungsbürger, der sich als Weltwisser und Gottsucher aufführt. Die Bildungsbürger kommen aus den Beamten-, Handwerker- und Pfarrerhaushalten, sie träumen davon, alles in sich zu begreifen, schaffen es aber nicht, im wirklichen Leben die Rolle und den Platz zu wechseln. Es fehlt der Hof, der einem Takt zumutet, Indirektheit abverlangt und Nüchternheit gebietet. Daher kommt der bildungsbürgerliche Zug ins Innerliche und Tiefe, Prinzipielle und Radikale ebenso wie ins Abseitige und Abstruse.

Aus: Heinz Bude: Bildungspanik.

Machen wir uns nichts vor XLVIII

It makes people much more enthusiastic and cooperative when they have ego goals to fulfill, but ultimately that kind of motivation is destructive. Any effort that has self-glorification as its final endpoint is bound to end in disaster. Now we´re paying the price. When you try to climb a mountain to prove how big you are, you almost never make it. And even if you do it´s a hollow victory. In order to sustain the victory you have to prove yourself again and again in some other way, and again and again and again, driven forever to fill a false image, haunted by the fear that the image is not true and someone will find out. That´s never the way.

Zitat aus Robert M. Pirsig: Zen and the Art of Motorcycle Maintenance.

Machen wir uns nichts vor XLVI

Biopolitik und Kontrollgesellschaft: Foucault und Deleuze hatten Recht.

Mit Biopolitik versuchte man seit dem 18. Jahrhundert die Probleme zu rationalisieren, die der Regierungspraxis durch die Phänomene gestellt wurden, die eine Gesamtheit von als Population konstituierten Lebewesen charakterisieren: Gesundheit, Geburtenziffer, Hygiene, Lebensdauer, Rassen … (…) Man kann diese Probleme nicht vom Rahmen politischer Rationalität trennen, innerhalb dessen sie aufgetreten sind und ihre Zuspitzung erfuhren. Insbesondere nicht vom “Liberalismus”, denn durch die Beziehung zu ihm haben sie eine Herausforderung angenommen. Der Liberalismus ist als Prinzip und Methode der Rationalisierung der Regierungsausübung zu analysieren - einer Rationalisierung, die der internen Regel der maximaler Ökonomie gehorcht. Während jede Rationalisierung der Regierungsausübung darauf gerichtet ist, ihre Wirkungen zu maximieren, geht die liberale Rationalisierung vom Postulat aus, dass die Regierung keine eigene Existenzberechtigung in sich trägt.

Michel Foucault (komprimiertes, leicht bearbeitetes Zitat aus: Die Geburt der Biopolitik (1978/79))

Machen wir uns nichts vor XLV

Wenn sich beschleunigte Zeiten durch eins auszeichnen, dann durch eine Fülle von fesselnden Details, die den Einzelnen hypnotisch das Gesamtbild verschwinden lassen machen. In so einer historischen Situation ist es mitunter gut, sich heftig herauszuzoomen, förmlich vom Detailschlamassel zu dissoziieren um aus gehörigem Abstand mit genügend Popcorn und Neugier versorgt aus Bekanntem, Unbekanntem und 3 Schnurrhaaren ein unaufgeregtes, aber aufregendes Bild von allem zu machen.

Es gibt sie noch: Aphoristiker, die dem Manierismus unverdächtig sind. Siggi Becker zum Beispiel.

Machen wir uns nichts vor XLIV

There was a time when it was meaningful thing to say that you’re a blogger. It was distinctive. Now being introduced as a blogger is a little bit like being introduced as an emailer.

Anil Dash während eines Vortrags im Berkman Center for Internet and Society über den Bedeutungswandel des Bloggens von cool zu uncool.

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