Archiv der Kategorie ‘Interkulturelles und Milieus‘

 
 

Monadenmenschen

Egon Friedell beschreibt in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit (1927 - 1931) das stark von den Gedanken Descartes bestimmte Weltbild des Barockzeitalters. Ähnlichkeiten zwischen den damaligen Monandenmenschen und heutigen Ichisten sind natürlich rein zufällig:

Der irrationalen Wirklichkeit hält der cartesianische Mensch sein magisches Koordinatenkreuz entgegen; und damit bannt er sie gleichsam in seine Gefolgschaft. (…)

Wie die Mathematik soll nun auch die Metaphysik aus unmittelbar durch sich selbst gewissen Prinzipien deduktiv ihre Sätze entwickeln. (…)

Nur die Mathematik hat die Möglichkeit, ihre Objekte in die letzten Bestandteile zu zerlegen, und nur sie ist imstande, an der Hand einer lückenlosen Kette von Beweisen und Schlüssen zu ihren letzten Erkenntnissen emporzusteigen. Im Grunde ist daher alles ein mathematisches Problem: die gesamte physische Welt, die uns umgibt, unser Geist, der sie aufnimmt, und sogar die Ethik. (…)

Kurz: alles ist ein Problem der Analysis, der analytischen Geometrie (…), der Kunst, Gesetz und Gestalt einer Sache zu finden, ohne hinzusehen: die Gleichung des Kreises, der Ellipse, der Parabel zu finden, ehe diese da sind, denn sie folgen ganz von selber aus der Gleichung, sie müssen folgen, logisch-mathematischen Gehorsam leisten. (…)

Da die Form in einem gewissen Grade erlernbar ist, so setzte sich damals die Ansicht fest, daß alles durch Fleiß und Studium erworben werden könne oder doch zumindest zum Gegenstand einer höchst bewußten, streng wissenschaftlich fundierten Virtuosität gemacht werden müsse. (…)

Die stärkste und wesentlichste Funktion des Verstandes besteht aber darin, daß er analysiert, und das heißt: auflöst, trennt, scheidet, isoliert. Und in der Tat kann man bemerken, dass es in jener Zeit eigentlich nur Individuen gibt. Die Menschen bilden untereinander bloße Aggregate, keine wirklichen Verbindungen.

Jeder war nur eine Welt für sich, aber eben eine Welt, ein Mikrokosmos. Das ganze Weltbild der Zeit ist ein Mosaik (…) aus unendlich kleinen Vorstellungen, und jeder Mensch ist eine Monade, in sich abgeschlossen, ohne Fenster (…).

Links aus Mangel an Visionen/Internet und Postdemokratie

Wir brauchen wieder Visionen:

Visionslose Zeiten befördern ein Klima der Kontrolle, der Feindbilder und der regulatorischen Ansprüche. Gesellschaften wenden sich nach innen und suchen ihr Heil in der Verdichtung der Lebensregeln. (…)

Der bis in die entlegensten Randzonen öffentlich gewordene Planet erschöpft in den alt gewordenen Welten seine Energien auf Kosten einer Zukunft, die nicht deshalb nicht eintrifft, weil sie unbequem, ja gefährlich werden könnte. Visionen braucht die Epoche, Auferstehung täte not.

Ein Ostertext von NZZ-Feuilleton-Chef Martin Meyer.

Jean-François Lyotard hatte in Das postmoderne Wissen bereits 1979 (!) folgende Vision:

Die Öffentlichkeit müßte freien Zugang zu den Speichern und Datenbanken erhalten. (…) Denn die Spieleinsätze werden dann durch Erkenntnisse - oder, wenn man will, Informationen - konstituiert sein, und der Vorrat an Erkenntnissen, der der Vorrat der Sprache an möglichen Aussagen ist, ist unerschöpflich.

Diese Vision ist nach wie vor aktuell, obwohl die Formation einer globalen Netzwerkgesellschaft zu Macht- und damit Geldkonzentrationen geführt hat, die das Gegenteil befördern, wie zum Beispiel Markus Spath schreibt:

netzwerkeffekte (…) sind (…) zwar beachtlich (man denke an die ins immer absurdere abtriftenden unterschiede in den vermögensverhältnissen), aber nicht verwunderlich, die mathematischen modelle und prinzipien dahinter sind schon länger bekannt. ein in jedem fall von der gesellschaft zu behandelnder netzwerkeffekt ist, dass ‘gewinne’ in keiner relation mehr zu einer eigenen ‘leistung’ stehen, sondern eben nur effekte innerhalb einer statistischen verteilung sind. (…)

Historisch gesehen ist das äußerst problematisch, woran Ilja Trojanow erinnert:

Selbst wer den kausalen Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum leugnet, wird das historische Faktum nicht abstreiten können, dass materielle Ungleichheit zu sozialen Konflikten führt. Statt dies zu problematisieren, erklärt eine Armada von Analysten der Öffentlichkeit mit der Regelmäßigkeit einer Gelddruckmaschine, das Wohl der wenigen komme der Mehrheit zugute (der Trickle-Down-Effekt), eine Schutzbehauptung, die empirisch so eindeutig bewiesen ist wie die unbefleckte Empfängnis.

Das Problem ist, dass wir ist postdemokratischen Zuständen leben, in denen weder Politik noch Wirtschaft helfen können oder wollen; ja, inzwischen so untrennbar miteinander verwoben sind, dass die Gemengelage der Interessen gar nicht mehr zu unterscheiden ist, wie Henry Farrell beschreibt:

As one looks from business to state and from state to business again, it is increasingly difficult to say which is which. The result is a complex web of relationships that are subject neither to market discipline nor democratic control. Businesses become entangled with the state as both customer and as regulator. States grow increasingly reliant on business, to the point where they no longer know what to do without its advice. Responsibility and accountability evanesce into an endlessly proliferating maze of contracts and subcontracts.

Ob ausgerechnet das Internet unter diesen Umständen als “Öffentlichkeits- und Demokratisierungsinstrument” dienen kann, das sowohl vom Staat als auch von der Wirtschaft in die Zange genommen wird, ist so natürlich fraglich:

Die gesellschaftlichen Mechanismen, die eigentlich für einen Interessenausgleich und eine Beschränkung von Machtkonzentration sorgen sollten, funktionieren angesichts des doppelten Angriffs auf die Privatsphäre durch Staat und Internet-Großkonzerne nicht mehr.”

(Von Daten und Macht, Essay von Frank Rieger. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 15 und 16/2013 zum Thema Transparenz und Privatsphäre.)

Felix Stalder fragt zum Beispiel in diesem Zusammenhang:

Wie können wir sicherstellen, dass Community-Bereiche sich nach ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen entwickeln können, auch wenn starker Druck von außen, durch wirtschaftliche Ansprüche und endloses Security-Denken, auf allen Ebenen ausgeübt wird?

Und er antwortet sogleich:

Drei Dinge scheinen notwendig. Erstens, neue Gesetzgebung, die den Missbrauch der Macht durch deren Konzentration im Back End einschränkt. Zweitens, öffentlicher Zugang zu den Back End generierten Daten, oder zumindest deren Interoperabilität, um Monopole zu verhindern. Drittens, ökonomische Modelle, die es erlauben, die Dynamiken des Back Ends denen des Front Ends unterzuordnen (anstatt umgekehrt, wie es aktuell der Fall ist).

Noch grundsätzlicher wird Hans-Christian Voigt, der für die generelle Forderung auf gleichberechtigte Mitbestimmung bei der Regelung und Verwaltung des Internet plädoyiert:

Es bedarf der anerkannten und durchsetzbaren Teilhaberechte am Internet selbst. (…) Nur durch Rechte nicht allein auf sondern am Internet, wird Schutz vor staatlicher wie auch privatwirtschaftlicher Willkür, die Abwehr von Eingriffen in den geschützten Freiheitsbereich der Einzelnen abgesichert.

tacit alliance

Für den US-amerikanischen Science Fiction-Autor Bruce Sterling ist der Hacker Space das Gehirn und Nervensystem des Austeritätsprogramms der sich formierenden globalen Netzwerkgesellschaft:

in the start up world you work hard and you move fast in order to make other people rich. other people, not you. you are a smart elite of very smart young people who are working very hard for an even smaller elite of mostly baby boomer financiers

so they can buy national governments, shut the governments down, destroy the middle class and the nation state

you are part of a tacit alliance between the hacker space and offshored money

(Vortrag auf der SinnerSchrader-Veranstaltung für die europäische Digitalökonomie, der so genannten Next. Gefunden via Siggi Becker.)

Wurst, Lutscher und prätentiöser Scheißer

Edit: Ach nein, das will ich doch gar nicht.

mein fremd sein ist mir wohl vertraut

Mein fremd sein ist mir wohl vertraut. Ich kenne dieses Gefühl so gut, weil es mich schon immer begleitet hat. Das hat unterschiedliche Gründe: Einer davon ist, dass ich in den 1970er und 1980er Jahren auf dem Dorf aufgewachsen bin - zumal in einem Milieu, das auf der damaligen Höhe der Zeit des Mainstreams noch lange nicht angekommen war. In der guten Stube meiner Großeltern saßen zu den Geburtstagen die alten Bauern, tranken Fürst Bismarck oder Hardenberg, aßen Bienenstich und konnten dem Kaiserreich noch eine ganze Menge abgewinnen. Wer lange Haare hatte, war suspekt und “hasch-verdächtig”, und die 68er sind dort von einigen wenigen Lehrern abgesehen bis heute nicht angekommen.

Großstädtisches Leben fühlt sich für mich deshalb bis heute irgendwie komisch an. Ebenso das Landleben, da ich es seit vielen Jahren nicht mehr lebe.

Ein anderer Grund ist, dass ich aus einer Familie stamme, deren Mitglieder immer nur einen von vier möglichen Berufen ergriffen haben: Landwirt, Gastwirt, Hausfrau oder Dorfschullehrer. Von den Dorfschullehrern habe ich keinen mehr kennen lernen dürfen, und deshalb war es etwas Besonderes, Abitur zu machen, geschweige denn zu studieren. Und so blieb mir der akademische Betrieb bis zum Ende meines Studiums immer fremd, die Diskussionen zu abgehoben und die großen Bibliotheken zu anonym.

Das hat erst das Internet geändert, das für mich vor allem eine große Bibliothek mit sozialem Anschluss ist. Namentlich im Web ZwoPunktNull interessiert es erst einmal (fast) niemanden, welchen Status man besitzt. Man findet immer jemanden, der sich gerade mit der gleichen Frage beschäftigt und einem weiterhelfen kann: Im Vergleich zu den Staatsbibliotheken ist das Internet deshalb der sozialere Ort. (Wobei dafür die Bibliotheken natürlich nichts können, weil sie darauf ja gar nicht angelegt sind. Ich würde mich sofort für die nächsten Jahre in eine Bibliothek setzen, um noch einmal zu studieren, wenn ich denn könnte.)

Was ich bis heute verabscheue, sind Leute, die meinen, dass sie aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Bildung auf andere herunterschauen können. Glauben, etwas Besseres zu sein. Leute, die nicht in der Lage sind, mit stinknormalen Leuten ein halbwegs vernünftiges Gespräch auf Augenhöhe zu führen.

Ich hab meinem fremd sein also eine Menge zu verdanken.

Netzöffentlichkeit: Wer sich klein macht, kann schlecht groß denken

Über die fehlende politische Schlagkraft der Netzgemeinde ist in den vergangenen Tagen mehr als genug geschrieben worden. Hans Hütt, von dem das unten stehende Zitat stammt, ist aber der einzige, der das Verständnis von Öffentlichkeit, das die Netzgemeinde mehr oder weniger bewusst mit sich herumschleppt, als Voraussetzung ihrer Bedeutungslosigkeit benannt hat.

Um nur drei Beispiele zu nennen:

1. Sie hat die Annahme, dass kleinteilige, fragmentierte Öffentlichkeiten wie auf Twitter grundsätzlich problematisch, minderwertig, nicht der Rede wert sind, widerspruchslos geschluckt und hält starrköpfig an alten massenmedialen Bewertungskonzepten wie Resonanz und Reichweite fest. (Long Tail? Ach was, gilt doch nur für Waren.)

2. Sie schluckt den turbokapitalistischen Dummbackenscheiß der googles und facebooks dieser Welt, ohne mit der Wimper zu zucken, und regt sich höchstens mal auf, wenn jemanden religionskritische Kommentare gelöscht werden. (Hey, Nicht etwa Taxi-Sixtus, sondern Google selbst soll während der Leistungsschutzrecht-Debatte Astroturfing betrieben haben - ach was, kann gar nicht sein, das sind doch die Guten.)

3. Sie ist theoretisch in der Steinzeit des Internets stehen geblieben und glaubt immer noch, dass der Shift von Institutionen zu Personen ihnen auf Dauer einen Vorteil verschaffen wird. In den USA sind sie da schon weiter und haben bemerkt, dass Personen nicht skalieren. Da wird an neuen Konzepten gebastelt. (Neue konzepte, wtf?)

Fazit:

Faktisch sind wir völlig irrelevant, ob wir dafür Hundekekse vorgesetzt bekommen oder nicht, ändert daran nichts. Diese Irrelevanz ist voraussetzungs- und folgenreich, nicht mit Geltungsansprüchen, Wortgefechten, Duell-gleichen Attacken, sondern infolge eines implizit gesetzten Verständnisses von Öffentlichkeit, das hier unter unseren Augen und unter Mitwirkung vieler Stimmen Gestalt annimmt.

Kaffeepause beim Bierzeitankündiger

Felix Schwenzel hat einen schön zu lesenden Text geschrieben, in dem er sein Blog (stellvertretend für das Internet) als “mein kleines kaffeehaus” beschreibt - als offenen Ort für Gäste, an dem Publikationen aus aller Welt herumliegen, die zum Verweilen oder auch zum gegenseitigen Austausch einladen. Und mit Habermas und Wikipedia betont er dann “die Funktion der Kaffeehäuser als wichtigen Bereich der öffentlichen Sphäre, durch die sich eine bürgerliche Öffentlichkeit etablieren konnte”.

das internet ist genau das geworden, was ich mir als ideales kaffeehaus vorgestellt habe. zeitschriften und zeitungen aus aller welt hängen kostenlos rum, überall sitzen intellektuelle, es herrscht lärm und rauschen — und doch findet man hier seine innere ruhe (beispielsweise wenn man ins internet reinschreibt). das internet ist ein wichtiger bereich der öffentlichen sphäre, in dem sich derzeit eine neue öffentlichkeit etabliert.

Nun gilt Schwenzel als der Bierzeitankündiger der Blogosphäre, und insofern hätte es eigentlich besser gepasst, wenn er sein Blog nicht als Kaffeehaus, sondern als Schankwirtschaft bezeichnet hätte. Denn dort zum Beispiel - in den holländischen Wirtshäusern der Renaissance - entwickelte sich Öffentlichkeit ebensosehr und sogar früher als in den berühmten Kaffeten.

Und was soll das überhaupt sein, “bürgerliche Öffentlichkeit”? Es wird gerne und nicht nur von Schwenzel angeführt, dass Kaffeehäuser ein “natürliches Habitat von Intellektuellen” seien und einen Austausch über Standesgrenzen hinweg ermöglichten. Dabei gibt es selbst heutzutage, wo auf dem europäischen Kontinent Intellektuelle höchstens an seinen östlichen Grenzen überhaupt noch irgendeine (politische) Bedeutung haben, kaum einen Geistesarbeiter, der Standesdünkel nicht als symbolisches Kapital für sein Prestige einsetzen würde.

Diese Öffentlichkeit-Kaffeehaus-Intellektuellen-Verknüpfung geht natürlich auf Jürgen Habermas und seiner über 40 Jahre alten These vom Strukturwandel der Öffentlichkeit zurück. Und dagegen - weder gegen Kaffeehäuser noch gegen Habermas - ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Eigentlich.

Uneigentlich kommt aber kaum ein Text oder eine Studie, die sich mit dem Thema Öffentlichkeit auseinander setzt, ohne den Hinweis auf die Habermas-Öffentlichkeit aus. Selbst diese unfassbar schlechte Abhandlung der von einem recht bekannten Unternehmen namens google finanzierten Denkbude (”Think Tank”) Co:Lab in Berlin bezieht sich auf den Philosophen, indem der Verfasser behauptet, dass sich “trotz der Möglichkeiten der Erweiterung des Öffentlichen durch die Entwicklung sehr vieler lokaler und spezialisierter Massenmedien (…) während des 20. Jahrhunderts speziell in hoch industrialisierten Gesellschaften eine Schwächung der Öffentlichkeit feststellen” lasse.

Klar, diese These passt google natürlich gut in den Kram. Da kann man sich dann ganz leicht selbst als Retter der Öffentlichkeit präsentieren; und es fällt auch nicht weiter ins Gewicht, dass der gute alte Jürgen H. das Internet ja eigentlich ziemlich blöd findet. Dummerweise ist es nur so, dass diese These seit langem und mehrfach widerlegt worden ist: Weder ist Öffentlichkeit erst in der Moderne (und damit auch nicht in irgendwelchen Kaffeehäusern) entstanden noch ist sie im Verfall begriffen.

Die so oft und speziell von Habermas problematisierten Teilöffentlichkeiten kann man ebensogut auch als Ausdifferenzierungen und damit als Gewinn für die öffentliche Sphäre deuten, weil die unterschiedlichsten Interessen in ihnen bedient werden können. Entscheidend ist dabei nur, ob diese Teilöffentlichkeiten auf Verknüpfung mit anderen angelegt sind.

Das Internet ist doch ganz im Gegensatz zu einer Verfallsgeschichte der Öffentlichkeit eine Verheißung, eine unfassbare Chance für einen (sozial) breiter und durchmischter angelegten öffentlichen Raum. Für eine Sphäre, in der weder Intellektuelle noch ihre publizistischen (Feuilleton)-Organe als maßgebliche Gatekeeper fungieren, die Themen und Menschen je nach Gusto einlassen oder außen vorhalten können. Insofern würde ich mir wünschen, dass wir neue Vergleiche und Geschichten (er)finden, mit denen die digitale Öffentlichkeit anschaulich beschrieben werden kann. Und dass wir andere Gewährsleute für unseren Öffentlichkeitsbegriff angeben als immer nur den Habermas.

Das Internet ist eben kein klassisches Massenmedium. Deshalb sollten wir uns auch nicht an den alten Dispositiven der Massenmedien orientieren. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn Felix Schwenzel bald einen ebenso schönen, aber doch ganz anderen Text schrübe.

Machen wir uns nichts vor XLIII

Soziale Netzwerke sind fluide Selbstvergewisserungsmantras, in denen das Panta Rhei immer in dieselben ontologischen Bahnen abfliesst. Echokammer und Filter Blase war gestern; heute haben wir die Ontlosschleife.

(Selbstzitat.)

(Ich betätige mich ja nur ungern als Spaßbremse, aber die Reaktionen auf den Rant Frank Schirrmachers zur Zukunft des Journalismus offenbaren einige Brüche, die im Selbstverständnis der Netzbohémiens so schlummern. Wenn er die Ontologien der Netzaktivisten kritisiert, muss das demzufolge besser verschwiegen bzw. darauf nicht reagiert werden, weil es ja sonst auffiele, wie viel Metaphysik eigentlich in den Sozialen Netzwerken steckt. Stattdessen wird der Rant fleißig widerlegt - faktisch, ökonomisch, entwicklungstheoretisch, wie auch immer (wtf, seit wann müssen Rants Sinn ergeben?). Einer der wenigen Blogposts, der diesem Text Paroli bietet, ist ein kleiner, unscheinbarer von Markus Spath; der schlägt Schirrmacher mit den einzig möglichen Waffen - seinen eigenen:

das lustige an ihm ist, dass er selbst quasi ein glaubender der von ihm kritisierten ‘internetideologien/-en’ ist, nur die angedachten ergebnisse, visionen, utopien negativ und dystopisch bewertet. er selbst denkt technodeterministisch, nur verzweifelt seine humanistische seele an den entwürfen.

(Lustig, dass Markus und ich - apropos Schleife - uns hier gegenseitig zitiert haben. )

An Quantitäten orientiert

Nachtrag zum vorherigen Post: Das Berufsbild der nächsten Gesellschaft, das ich dort versucht habe, herauszuschälen, ist nicht ganz unbeeinflusst von einem Text im Washington Monthly, der neben der Digitalisierung (und damit Demokratisierung) der Hochschulbildung auch anschaulich beschreibt, wie die Start Up-Entrepreneure und Risikokapitalgeber im Silicon Valley ticken, woran sie sich orientieren.

Im Kern sind das der Glaube an die Macht der Daten in einer global gedachten Gesellschaft in einem global gedachten Markt: Es wird alles daran gemessen, ob es skalierbar ist. Und das Mittel der Umsetzung ist vorzugsweise die Plattform, die - weil virtuell und nicht physisch - mit vergleichsweise geringen Kosten aufgebaut werden kann. Das wiederum hat dazu geführt, dass die Kapitalgeber auf viele Pferde/Geschäftsmodelle zu setzen in der Lage sind (”iterate like crazy”) und dementsprechend viele Start Ups auf Venture Capital hoffen dürfen.

Sie sind wie gesagt die vanguards of their generations’ and our culture’s reorientation from lived to statistical experience.

Auf google plus schrub ich dazu:

Kevin Carey, Direktor des Education Policy Program der New America Foundation, hat im Washington Monthly einen #longread veröffentlicht, der das Wettrennen im Silicon Valley beschreibt, wer denn nun zuerst “the dominate higher education platform” bauen wird. Sind es doch die Elite-Universitäten mit ihren Onlinekursen for free, ist es Udacity oder Udemy oder Minerva oder gar Peter Thiel?

Sehr informativ, und nebenbei erklärt Carey auch noch, wie das Valley gerade tickt bzw. woraus es seine Motivation letztendlich bezieht: Es sind demnach

- der Fetisch der Skalierung
- und die Orientierung am Plattformgedanken

Skalierung:

scale is the oxygen feeding the combustible mix of money, ambition, and technology-driven transformation in the valley. Low margins, uncertain business models, limited marketing budgets—all of these limitations and more can be overcome by scale. And the rapid growth of mobile telecommunications technology means that the number of people in the world who are potential customers is quickly moving toward the number of people in the world.

Plattform:

Making a lot of money on the Internet tends to involve building platforms for electronic commerce. The great thing about it is that you don’t have to build thousands of different platforms that are physically located near your customers. You only have to build one. EBay? A platform for auctions and person-to-person sales. Amazon? First a platform for books and now for a great many other things. Craigslist is a platform for buying and selling things that are inherently local, like concert tickets, apartment rentals, used stereo equipment, and prostitutes. Netflix is a platform for buying and selling movie rentals, iTunes for music, the iPhone for apps. The platform builders are kings of the virtual universe. And, of course, Facebook: the social platform.

Facebook is different. Its pays nothing for the untold terabytes of valuable information exchanged on its platform. The users generate it themselves. It doesn’t pay for the telecommunications infrastructure needed to exchange information—that’s between users and giant telecoms like Verizon, Comcast, and AT&T. The only cost to Facebook is software development and data storage, which becomes ever cheaper as Moore’s law and its storage equivalents march on.

Diese beiden Gedanken zusammen genommen, zeigen, warum (neben health) gerade die akademische Bildung ein (ökonomisch) lohnendes Ziel der Digitalisierung sein könnte:

So the VC guys and the start-ups look at K-12 and higher education, which between them cost over $1 trillion per year in America, and much more around the world. They see businesses that are organized around communication between people and the exchange of information, two things that are increasingly happening over the Internet. Right now, nearly all of that communication and exchange happens on physical platforms—schools and colleges—that were built a long time ago. A huge amount of money is tied up in labor and business arrangements that depend on things staying that way. How likely are they to stay that way, in the long term?

Der Excelant

Nicht der Informatiker oder Hacker ist das emblematische Berufsbild der nächsten Gesellschaft, sondern der Excelant.

Der Excelant ist die Mainstreamversion des Informatikers/Hackers. Eine vermasste, oberflächliche Version eines Datenexperten.

Er durchdringt die Daten nicht, sondern benutzt sie lediglich. Nimmt sie aus der Black Box.

Der Excelant repräsentiert den Shift unserer Kultur von gelebter zu statistischer Erfahrung. Daten sind sexy, und jede Skalierung verspricht einen Höhepunkt. Im Beruf genauso wie am eigenen Körper.

Excelanten übertracken sich mit Daten und glauben an das Konzept des Quantified Self.

Es ist das alte, technikphilosophische Motiv der Entfremdung vom eigenen Ich, das bereits von Rousseau, Marx oder Heidegger verwendet wurde und jeder Abiturient aus dem Homo Faber von Max Frisch kennt:

Technik als Kniff, die Welt so einzurichten, dass wir sie nicht erleben müssen.

Aber die gelebte Erfahrung schläft nicht. Der Excelant wird ihr früher oder später zum Fraß vorgeworfen. Spätestens mit seinem Tod.

Meistens wirft er sich ihr aber zuvor selbst zum Fraß vor. Irgendwann. Will die Lust. Will den Schmerz. Will etwas spüren.

Irgendwas. Möglichst stark.

Ein Opfer.

blogoscoop