Archiv der Kategorie ‘Interkulturelles und Milieus‘

 
 

“Supermeme”

Jakob Jochmann alias Erz hat sich aus der Vogelperspektive mit dem derzeit medial omnipräsenten Namen Sarrazin auseinandergesetzt und dabei unter anderem über Rückkopplungseffekte in der digitalen Aufmerksamkeitserheischungskultur nachgedacht.

Hier deu­tet sich ein neues Phä­no­men für die Medi­en­theo­rie an: Weil die Emp­fän­ger von Infor­ma­tio­nen den Gehalt der Infor­ma­tion über ihre aktive Suche mit­ge­stal­ten, weil sie zum Bei­spiel in Such­ma­schi­nen nach ein paar Schlüs­sel­wor­ten suchen, ent­steht eine posi­tive Rück­kopp­lung (…).

Die Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie tut ihr übri­ges. Alle Medi­en­pro­du­zen­ten, die ihre Inhalte an Leser ver­brei­ten wol­len, müs­sen deren Such­an­fra­gen berück­sich­ti­gen. (…) Such­ma­schi­nen­op­ti­mie­rung bringt »Super­meme« her­vor, Schlüs­sel­worte, die sich in der posi­ti­ven Rück­kopp­lungs­schleife gegen andere Deu­tungs­mus­ter des glei­chen Sach­ver­hal­tes unwei­ger­lich durch­set­zen.

Obwohl Erz die so entstehenden “Supermeme” problematisiert, weil sie so dominant sein können, dass sie selbst “die Wahrheit” absorbieren, ist seine Sichtweise nicht pessimistisch: Internetnutzer partizipieren nach dieser Lesart aktiv, vielleicht sogar bewusst an Meinungsbildungsprozessen, indem sie Suchmaschinen nutzen und die digitalen Spuren dieser Nutzung in ihrer Gesamtheit spürbare Auswirkungen haben.

Andererseits - Stichwort Supermeme - gehören massenpsychologische Phänomene im Internet tatsächlich zum täglich Brot. Tech Crunch-Gründer Michael Arrington hat das neulich beschrieben, als er Bloggen als eine der besten Methoden charakterisierte, um solche Phänomene zu verstehen - und aktiv zu beeinflussen (”a training ground for mass psychology and manipulation”).

In seinem Blogpost geht Arrington anders als Erz nicht vom Nutzer, sondern vom Urheber der Information (in diesem Fall: Blogger) aus, die später zum “Supermem” oder zumindest zum Shitstorm anwachsen kann. Und dieser Urheber habe enorme Einflussmöglichkeiten auf seine Leser, da er - im Gegensatz zu den Autoren der traditionellen Massenmedien - über unmittelbare Feedbackmöglichkeiten verfüge:

Old media types (…) generally have an editorial agenda, certain writing rules, and editors to please. There are too many layers between them and the direct feedback loop. so they evolve much more slowly. Bloggers have a direct line to the collective mind.

Wenn Arrington diese Feedbackmöglicheiten dann von der digitalen in die kohlenstoffliche Welt projiziert, indem er die Möglichkeiten von Bloggern mit denen von Politikern und Predigern vergleicht, spricht er meines Erachtens einen interessanten Punkt an:

I imagine priests and rabbis and career politicians have much the same experience. Speaking publicly so frequently they learn exactly how to manipulate the audience, or the camera, to get the reaction they want. It doesn’t work on every individual, but the masses as a group are easy to manipulate.

Interessant, weil Leute wie Geert Lovink und Evgeny Morozov an dieser Stelle unter Umständen widersprechen würden - zum Beispiel wenn es um die wirklichen Möglichkeiten geht, die sich Digitalaktivisten so bieten in der Politik.

Aber ich denke, die beiden würden auch nicht grundsätzlich abstreiten, dass die digitale Öffentlichkeit wächst und mit den Nebenwirkungen klarkommen muss.

Stuttgart 21

Die Schwaben wieder. Dieses Mal protestieren sie - das hätte man ihnen gar nicht zugetraut.

Bemerkenswert.

Einmal, weil das ja wirklich ein anschwellender Protestgesang ist (von @notizenmacher):

Nix gegen die Gegner der ‘Gegner’ von #S21, aber sie haben nicht die Stimme ihrer Gegner und werden sie nicht bekommen; diese Vielfalt…

Zum anderen aber auch wegen der Sache, gegen die protestiert wird (@ennomane):

Ich finde das ja immer noch krass — es passiert so viel Scheiße auf der Welt, aber die Stuttgarter asterixen gegen einen … äh … Bahnhof

Ich hab mal zum besseren Verständnis den Grundriss von Stuttgart 21 abgebildet.

(Denkpause)

(noch ne Denkpause)

Ja, gut, ist doch nur ein Frühstück im ICE-Sprinter von Berlin nach Frankfurt/Main (20 Euro Aufpreis, rund 30 Minuten schneller - deshalb Sprinter).

Bücher lesen als Stigma

Der Economist hat einen Artikel in der New York Times kommentiert, der von Austin Considine geschrieben wurde und nicht zufällig in der Fashion-&-Style-Rubrik erschienen ist. “E-Books Make Readers Less Isolated” heißt das Ding, und selten habe ich eine uncoolere Begründung gelesen, warum E-Books cooler sind als Bücher - da bin ich ganz beim Economist-Kommentar.

Einmal werde man häufig von Leuten angesprochen, wenn man mit einem solch hippen Technogerät wie dem ipad durch die Gegend laufe, schreibt Considine. Das könne durchaus dazu führen, dass das Lesen in der Öffentlichkeit bald nicht mehr mit dem “sozialen Stigma” des Bücherwurms belegt werde. Dann zitiert er einen Kommunikationsprofessoren, der die unterstellte bessere Ansprechbarkeit von E-Reader-Lesern gegenüber Bücher-Lesern auch auf die technologischen Voraussetzungen der Medien bezieht (Buch geschlossenes, Reader offenes System) und sich im Folgenden eher wie ein abgewichster Agenturmarketingmensch als ein Gelehrter anhört:

“Buying literature has become cool again.”

(Immerhin bringt Considine zum Schluss des Artikels noch eine Stimme, die das Gegenteil behauptet - quasi als journalistische Reminiszenz.)

Die Entgegnung im Economist geht jetzt nicht in die neurologische Richtung, wie Nicholas Carr sie zum Beispiel vertritt nach dem Motto: Wir sind nur noch in der Lage, Texthäppchen zu konsumieren; ein Buch wie Krieg und Frieden liest keiner mehr durch, und daran ist Technologie schuld.

Aber sie macht auf einen Aspekt aufmerksam, den konzentriertes, fokussiertes Lesen mit sich bringt: den der Realitätsausklinkung sozusagen.

I was always under the impression that books served a dual purpose: not only do they offer a world to enter, but also they offer an affordable means of escape from the world we’re in. What a nice cloak a book can be on the subway or the train, or while sitting at a bar, enjoying the buzz of humanity while absorbed in something else.

Jo, das hat mich unter anderem auch am Lesen von Anfang an fasziniert. Wahrscheinlich habe ich mir deshalb irgendwann einmal ein Zitat Margarete Mitscherlichs notiert, dessen Quelle ich leider verbaselt habe; ich meine, es war ein Interview, in der Zeit oder so:

Lesen hieß für mich immer, neue geistige Welten zu erschließen (…). Außerdem hieß Lesen, unansprechbar zu sein.

Allein.

Noch sind Atome mobiler als Bits

Auch ich habe die Erklärung der Initiative Netzneutralität unterzeichnet. Damit habe ich mir unter anderem folgenden Satz freiwillig unterjubeln lassen:

Ein freies Internet ohne staatliche oder wirtschaftliche Eingriffe ist Garant für freien Meinungsaustausch weltweit und damit die direkte Ableitung des Rechts auf Meinungsfreiheit. Netzneutralität ist elementar für unsere Demokratie.

Das sehen leider nicht alle so, worauf zum Beispiel Don Dahlmann aufmerksam macht, der die Interessen der Wirtschaft und der Politik zusammen mit denen der Webgemeinde auf die Waage legt:

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das Ende des Netz, so wie ich es kenne, nur eine Frage der Zeit ist. Zu viele wirtschaftliche und politische Interessen hängen mittlerweile am Netz, als dass man es seiner Unabhängigkeit überlassen würde. (…) Ich sehe im Moment nicht, wie die User sich auf Dauer gegen diesen Beschuss wehren können.

Ein wichtiges Problem “der User” ist in meinen Augen nach wie vor, dass sie in Sachen Netz argumentativ vor allem auf Potentiale und weniger auf bereits vorhandenen konkreten Nutzen verweisen können. Nehmen wir zum Beispiel den Satz aus der Erklärung der Initiative für Netzneutralität, der das Netz als Garanten für freien, weltweiten Gedankenaustausch hinstellt.

Das mag möglich sein, in der Realität aber sieht es derzeit mit Ethan Zuckerman eher so aus, als ob

die Fernsehsender und Zeitungen unserer Eltern und Großeltern ein viel umfassenderes Weltbild vermittelt hätten als das Internet uns. (…)
(Auch) im Jahr 2010 sind Atome letztlich mobiler als Bits. Es ist wahrscheinlicher, eine Flasche Wasser aus Fiji auf einem amerikanischen Konferenztisch zu finden, als Nachrichten aus Fiji zu bekommen, geschweige denn Filme oder Musik aus Fiji, obwohl es in diesem Lande akute politische Probleme gibt.

So gesehen ist es kein Wunder, dass die Argumente der Netzbürger außerhalb ihrer “tolerierten Subkultur” (Geert Lovink) vor allem als eine Art Netz-Lobbyismus gesehen werden. Nehmen wir dieses Argument aus der Netzneutralitätserklärung:

Die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft wird gestärkt wenn Entwicklungen frei online verfügbar sind und auch in neuen kollaborativen Ansätzen weiterentwickelt werden können. Innovationen brauchen Offenheit – die Möglichkeiten des Internets auf einige wenige Privileigierte (sic) zu beschränken, läuft dem entgegen.

Das ist ja alles richtig und bedenkenswert und überhaupt. Mich stört immer nur an diesen plakativen Sätzen, dass die Anwesenheit solcher Schlüsselworte wie “frei” oder “kollaborativ” ausreichen, um geschätzte 72 Prozent der Webgemeinde in grundloses Entzücken zu versetzen. Das war vor einigen Tagen übrigens mit dieser Studie zum Urheberrecht im 19. Jahrhundert der Fall, wo man irgendwann den Eindruck bekam, ALLEIN das fehlende Urheberrecht habe im 19. Jh. dafür gesorgt, dass Deutschland innerhalb weniger Jahre vom Agrar- zum Industriestaat wurde.

“Technopolitik ist nun mal komplex, weil die Materie eben so ist. Wir müssen also aufpassen, worüber wir genau reden”, sagt Geert Lovink. Dem ist wenig bis nichts hinzuzufügen. (Und wer sich etwas tiefer gehender mit Netzneutralität - durchaus auch im technischen Sinne - beschäftigen möchte, könnte zum Beispiel bei Kristian Köhntopp reinlesen.)

Zwischen Krautrock und Transhumanismus

Das Schöne am Bloggen jenseits aller ökonomischen Interessen ist ja zum Beispiel, dass man ganz ungeniert auch mal knallharten Nepotismus betreiben darf. Nehmen wir zum Beispiel meinen Kumpel Ben Barks, der hier gerne und gut im Sinne seines Steckenpferdes, des Transhumanismus, kommentiert - ansonsten aber vor allem für eine Sache brennt: seine Musik.

Ben spielte zusammen mit Tanja Geke und Steve Crock bei LongTrigger; und nun hat sich LongTrigger in LT-Royce umbenannt, weil Natti Reed zu der Gruppe hinzugestoßen und Tanja Geke erst aus- und nun wieder eingestiegen ist. Hört sich irre kompliziert an, aber hier hat auch noch niemand behauptet, dass das Leben unkompliziert sei. Auf jeden Fall ist die ganze Sache mehr als eine Umbenennung, weil sich auch die Musik geändert hat: mehr Rock, weniger Pop.

Wie es dabei zum Namen LT-Royce kam, erzählt Ben am besten selbst:

Es war im Sommer 2009. Tanja hatte uns zu einer Party eingeladen, auf der sie mit ihrer neuen Band “Tante Bob” auftreten wollte. Mitten im Herzen Berlins. Auf dem Dach eines Hauses. Nicht ganz neu, aber trotzdem, auch nach all den Jahren ein immer noch bestechendes Konzept.

Ich fuhr mit Steve in dem verspiegelten Fahrstuhl nach oben. Dort erwarteten uns Batmans Erzrivale, der Joker, sowie Justus Jonas, Capt. Jack Sparrow und wie sie alle heißen. Nachdem ich die viel zu dunkle Sonnenbrille endlich von meinen Augen gepopelt hatte, konnte ich erkennen, dass wir jedoch lediglich auf dem Dach des audible.de Büros gelandet waren. Dort hörten wir brav der Band zu und lästerten über dieses und jenes bei Bier und Burgern.

Dort kamen wir auf “LT” [für ehemals LongTrigger]. Die ersten Tracks waren da schon eingespielt (Last Night, A Little Left, Outback). Der Sound kam uns viel brachialer vor. Laut stampfend nahm da ein Monster Fahrt auf. Die Gitarren waren dichter als je zuvor bei LongTrigger und der Beat erinnerte an eine Lokomotive oder an einen wirklich teuren hubraumstarken Motor. “Mustang-LT?”, “LT-Dodge RAM?”, “Harley-LT?”, nee – zu rockig zu analog. Die elektronischen Komponenten, die wir zur Abrundung des Sounds eingesetzt hatten waren klarer, fast wie akustisches Chrom. “Hey, wie wär’s mit LT-Royce?”, fragte jemand, der nur Steve oder Ben sein konnte.

Inzwischen sind aus den drei fertig gestellten Songs ein ganzes Album geworden, und da will ich selbstverständlich niemanden hier länger auf die Folter spannen: Jetzt gibt es erst einmal etwas für die Ohren, und den Rest dieses Blogposts kann der geneigte Leser dann durch den LT-Royceschen Klangteppich hindurch aufnehmen. (Falls es jemanden interessiert: Bei diesem Player-Widget kann man sich ja durch die Titel klicken. Mein Anspieltipp ist der 8. Song, Strange Lovers; das beste Intro hat für mich der 4., Somewhere.)

Grundsätzlich ist das natürlich hochsympathisch, dass LT-Royce sich via Jamendo unter eine Creative-Commons-Lizenz begeben hat. Zumal da ein ganz konkreter Gedanke hintersteht, den sich auch die erratisch agierende Musikindustrie beizeiten mal aneignen könnte:

Am meisten verkauft man sowieso direkt bei Konzerten. Da kann man den Fans ruhig die Downloads kostenlos zur Verfügung stellen, finden wir. Bei Jamendo gibt es übrigens auch ein kommerzielles Verwertungssystem. Unternehmen können für einen Obolus Stücke von Jamendo streamen. Die Künstler bekommen dafür dann einen kleinen Anteil. Damit werden europaweit vor allem Restaurants, Autohäuser und Hotels beschallt. Ist schon komisch, wenn man bedenkt, dass man plötzlich in einer Hotelhalle in Bratislava “Get up” hören könnte. Schöne neue Welt!

Und die Mucke? Irgendetwas zwischen Krautrock und Transhumanismus. (Longversion: Leicht psychedelischer Elektrorock mit Indieelementen und einer Prise elektronisch getrocknetem Kraut - das Ganze im Spannungsfeld von Gitarre und Synthesizer sowie Perry-Rhodan-Aura.)

So eine Art angerocktes Raumtauchen mit festen Songstrukturen als Flossen; die Texte unterstützen das:

yeah the desert lies in front of me
open legs between my bones
well I hate you and your economy
lonely soul between the stones

Fazit: Weiter so. Da steckt ne Menge drin. Je länger man die Scheibe hört, desto interessanter wird sie. (Auf der nächsten wünsche ich mir noch mehr Mut zum Experiment: Songstrukturen weiter aufbrechen, den Tablaspieler von der Müllerstraße ab und zu mal mitspielen lassen, ein 15 Minuten wabernder Sphärentitel - so etwas würde mich interessieren.)

Und jetzt will ich wissen, was Ihr live so macht! Hitzewelle und saisonbedingte Unclubbigkeit - Gründe der fehlenden Ankündigung an dieser Stelle - werden ja auch nicht ewig anhalten. Kann mir dann mal jemand Bescheid sagen, wenn es so weit ist?

Cognitive Surplus als Label

“Die Kommunikationsmaschinen bringen uns einander näher”, hat Peter Glaser neulich geschrieben, und diese Quintessenz seines Essays begründete er damit, dass im Netz “herkömmliche Signale der direkten Kommunikation wie Aussehen, Mimik oder Status keine Rolle mehr” spielten und es deshalb soziale Schranken aufhebe.

Peter Kruse traut den Sozialen Medien zudem gesellschaftspolitische Relevanz zu:

“Aufgrund des im Internet realisierten strukturellen und funktionalen Entwicklungsstandes entsteht ein generell wachsendes Bedürfnis der Menschen, sich aktiv an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen.”

Glaser und Kruse befinden sich damit in bester Gesellschaft. Das Positive an den neuen Medien sehen, ihren emanzipatorischen Charakter betonen und hintenraus utopisch angehauchte Gesellschaftsmodelle am Horizont heraufziehen sehen: Das ist - auch wenn das jetzt bissig klang - eine historische Haltung, die Intellektuelle schon immer gerne eingenommen haben - siehe in Deutschland zum Beispiel Brecht mit seiner Radiotheorie.

Insofern ist auch der Gedanke eines so genannten Cognitive Surplus nicht gerade neu: Dass neue Medien keineswegs zwangsläufig im dem Sinne funktionieren müssen, wonach ein Sender zwar viele Empfänger bedient, diese aber weder auf ihn reagieren noch andere Empfänger kontaktieren können, das hat nicht nur Brecht ausgesprochen. Und von der Zeit, die man dann gewinnen würde, wenn man - anstatt zum Beispiel stumpf vor der Glotze zu hängen - sich mit der Hilfe dialogzulassender und -fördernder Medien aktiv in gesellschaftliche Prozessen einbringen könnte, ist auch schon viel geredet worden.

Ersteres ist die Voraussetzung eines Cognitive Surplus; letzteres die Grundidee dieses Konzeptes. Clay Shirky wiederholt im Kern also nichts weiter als Altbekanntes und hat es mit dem Label Cognitive Surplus fest im Webdiskurs positioniert (hier der Link zum Ted-Talk-Video, in dem er es präsentiert).

Generell ist gegen diese Sichtweise überhaupt nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Wir sollten hoffen, dass es irgendwann funktioniert. (Was wäre denn die Alternative?) Vorsichtig sollte man vielleicht eher vor einer allzu instrumentellen Sicht auf das Internet sein: Die Kommunikationsmaschinen bringen uns nicht einander näher, sie geben uns lediglich die Möglichkeit dazu. Dass das Medium die Botschaft sei, ist nicht unbedingt wörtlich zu nehmen.

Alles weitere dürfte erst einmal offen bleiben: Clay Shirky zum Beispiel ist von Evgeny Morozov unter vielem anderen auch dafür kritisiert worden, weil er den Punkt, der überschritten werden muss, um vom Medienkonsumenten zum -partizipanten zu werden, sehr niederschwellig ansetzt. (Shirky reicht es bereits, wenn man ein Lolcat-Bild kreiert und ins Netz hochlädt.)

Aber solche kleinteiligen Aktionen, deren weiterer Nutzen auf den ersten Blick zweifelhaft ist, unterscheiden sich zum Beispiel auch nicht groß vom Betätigen des “Gefällt-mir-Buttons” bei Facebook. Atomarisierte Entscheidungsmöglichkeiten haben ihren Charme, da man unmittelbar einen Effekt erzielt. (Die Teilnahme an einer Bundestagswahl ist da schon abstrakter, wenn man die Wirkung der eigenen Stimme spüren möchte.) Ob der Nutzer solcher kleinstteiliger Entscheidungsmöglichkeiten dann auch in Gänze und als Gesamtperson kleinstteilig denkt, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Maradona

Argentinien ist im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft ausgeschieden. Die Niederlage gegen Deutschland zeigte, dass im Nationalteam kein ausgewogenes Verhältnis zwischen Offensive und Defensive besteht. Insofern ist Diego Armando Maradona als Trainer der Albiceste gescheitert.

Andererseits ist Maradona einer der großen Gewinner der WM: Vor dem Turnier wurde er als Marionette des argentinischen Fußballverbandes gesehen, der an der Seitenlinie stehen und nach den Spielen mit der Presse sprechen darf, während andere im Hintergrund die Strippen ziehen. Bei den Spielen aber wurde deutlich, dass Maradona dem Team durchaus seinen Stempel aufgedrückt hat und dass es für die Spieler Argentiniens eine Ehre ist, für ihr großes Idol zu kicken.

Vor allem aber: Maradona verkörperte an der Seitenlinie die pure Freude am Fußball - abseits von Taktiktafeln, Fitnesswerten und einstudierten Laufwegen.

“That enthusiasm reminds us that soccer is a simple game. (…) The further your team goes, the closer you get to stripping away the myth and mystique that team management is a science and that a manager can only succeed through years of study of the manual”,

rief die New York Times Maradona zu und entschuldigte sich stellvertretend für die vielen Kritiker, die den großen Fußballromantiker für eine Fehlbesetzung hielten.

Ja, es ist wahr: Für den Titel hat es zwar nicht gereicht. Die WM aber wäre unendlich ärmer gewesen ohne Maradona.

Das alte Verlagsschiff und ein Seemann in der Spätpubertät

Die Online-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat das Blog Michael Seemanns (CTRL-Verlust) vom Netz genommen. Anlass war der (lässige) Umgang des Autors mit Bilderrechten. Der Eindruck drängt sich aber auf, dass sich die FAZ bei passender Gelegenheit eines unliebsamen freien Mitarbeiters entledigt hat.

So weit, so alltäglich.

Der Aufschrei in der Blogosphäre ist dennoch groß - selbst bei Facebook hat sich bereits eine Gruppe formiert, die gegen die Aktion der FAZ protestiert. Und Carta erklärt die Sache gar zum Präzedenzfall für den “Clash publizistischer Kulturen“.

Ich glaube, das ist nicht nur stark übertrieben. Ich glaube vor allem, dass man Michael Seemann keinen Gefallen tut, für ihn und seinen Blog Welpenschutz zu fordern oder ihn gar als fleischgewordene “publizistische Kultur” hochzujazzen.

Denn es ist nicht nur die FAZ, die bei dieser Sache schlecht aussieht. Auch Seemann sollte sich in einigen Dingen hinterfragen.

Bei der FAZ rächt sich, dass man für die Blogsparte zwar Geld (für Autoren) in die Hand genommen hat, auf eine übergeordnete Moderation derselben aber verzichtete. Eine solche Instanz wäre prädestiniert dafür gewesen, den Lesern die Gründe dafür zu nennen, warum das Blog vom Netz genommen wurde. (Abgesehen davon ist es ohnehin ein Armutszeugnis der FAZ, Content einfach “abzuschalten”, ohne irgendeine Begründung zu liefern.)

Seemann hingegen sollte sich fragen, warum er offenbar davon ausgegangen ist, dass er anders behandelt wird als jeder andere freie Schreiberling auch: Wenn er gemeint haben sollte, seine Beiträge seien so wichtig, überschätzte er sich. Wenn er gemeint haben sollte, FAZ-Blogs flottierten frei von der FAZ-Marke, war er einfach nur naiv.

Michael Seemann wehrt sich dagegen, in irgendwelche Erwartungsschubladen gesteckt zu werden. Das ist durchaus sympathisch, aber auch realitätsfremd: Wenn man bei der FAZ schreibt, und sei es “nur” für ein Blog, werden nun einmal Erwartungen geweckt - allein weil FAZ drübersteht. Und wer “Fickt Euch” schreibt, läuft Gefahr, beizeiten selbst gefickt zu werden.

Es reicht auf Dauer nicht zu sagen:

“Insgesamt habe ich (unbewusst) immer mein Leben danach ausgerichtet, von anderen nicht beurteilt werden zu können. (…) Insgesamt ist eine Strategie Beurteilungen, bei denen andere den Maßstab vorgeben, aus dem Weg zu gehen.”

In diesem Fall hat das die FAZ für ihn erledigt. Das war zwar dirty, aber so ist das Leben. Nicht mehr und nicht weniger.

Anmerkung: Das Wort Spätpubertät in der Überschrift kommt von Martin Lindner, der der deutschen Blogosphäre insgesamt dieses Attribut verpasst hat. Und nein, dieser Blogpost hat nichts mit Seemann persönlich zu tun und auch nichts mit Schadenfreude: Er wurde hier schon gelobt und kritisiert. Siehe oben: Wer sich öffentlich äußert, wird zwangsläufig bewertet, kategorisiert, beurteilt - ob man will oder nicht.

Nachtrag: Es gibt nun eine Stellungnahme der FAZ.

Ihr Tröten!

Stichwort Vuvuzela: Was ist das eigentlich für eine Haltung, verbieten zu wollen, was einem nicht in den Kram passt? Hat jemand 2006 ein Bratwurstverbot gefordert? Nein? Na also.

Allen Vuvuzela-Hassern wünsche ich einen temporären Tröten-Tinnitus, auch hier an dieser Stelle.

Auf der Suche nach Knotenpunkten

Die deutschsprachige Blogosphäre ist ein Dorf, der Webdiskurs, der in ihr stattfindet, ist lausig, und überhaupt sind uns in dieser Hinsicht gerade die Angelsachsen weit voraus. Das findet nicht nur Martin Lindner, doch die “Sphinx von der Isar” hat das Offensichtliche einfach mal deutlich ausgesprochen.

Und Namen genannt, was die Sache natürlich interessant macht: Es sei erstaunlich, dass in Deutschland allein Sascha Lobo und Mario Sixtus in ihrer Rolle anerkannt seien, dem Mainstream das Internet zu erklären. Bemerkenswert sei auch, dass Peter Kruse, der sich mit seinem bejubelten re:publica-Vortrag sowie einem gemeinsam mit Sixtus und Lobo absolvierten TV-Auftritt ebenfalls in einer solchen Rolle wiederfinde, genauso wie die beiden erstgenannten optisch ziemlich schräg daherkomme.

Hierzulande muss man sich als Freak verkleiden, um Stimme des Web sein zu können“, sagt Lindner deshalb - und angesichts der Bedeutung, die die digitale Revolution unbestritten besitzt, sei das kaum zu glauben.

Doch nicht nur dem Mainstream gegenüber, auch innerhalb der Netzgemeinde sieht Lindner hinsichtlich der Debattenkultur und der inhaltlichen Tiefe Defizite. Allerdings gebe es durchaus viel versprechende Ansätze: Via Twitter (@martinlindner) nannte er aus einem “idiosynkratischen Gefühl” heraus einige Namen, die in seinen Augen für einen neuen Zugang zu Netzthemen in deutscher Sprache stehen: Christian Heller (@plomlompom), Felix Neumann (@fxneumann), Michael Seemann (@mspro) und Markus Spath (@hackr).

Interessant dabei ist, dass Lindners Namensreihe offenbar eher durch sprachliche als durch inhaltliche Eigenheiten zustande gekommen ist, wie im folgenden, höchst unterhaltsamen Videointerview mit Lutz Berger gut nachzuvollziehen ist. Tenor: Eine deutsche Websprache mit ganz eigenem Zungenschlag sei bislang nur in Ansätzen zu erkennen. (Interessante Analogie: In dieser Hinsicht gehe es ihr heute so ähnlich wie ehedem den deutschen Popmusiktexten auf ihrem langen Weg von Drafi Deutscher zu Tocotronic.)


(Quelle: Lutzland)

Lindner sieht - da ist er ganz wohlwollender Mentor - der kommenden “Web-Intelligentsia” mitunter inhaltlich auftretende spätpubertäre Anwandlungen nach - wichtiger erscheint ihm offenbar, dass sich eine solche Gruppierung überhaupt etabliert. (Mit Peter Kruse ging er in dieser Hinsicht kritischer um und mahnte unter anderem eine konsequente Cluetrainisierung “Professor Silberzunges” an.)

Auffallend ist auch, dass er von vorneherein nach Individuen sucht und bestehende Gruppierungen (um von Institutionen noch gar nicht zu sprechen) wie zum Beispiel die Piratenpartei oder den Chaos Computer Club nicht in seine Überlegungen miteinbezieht. Martin Lindner ist also auf der Suche nach Knotenpunkten, die sich in einzelnen, für den Webdiskurs wichtigen Personen manifestieren. (Dass solche Individual-Knotenpunkte mitunter hohen Belastungen ausgesetzt sind, die von den jeweiligen Personen nicht immer ausgehalten werden, hat jüngst der öffentliche Rückzug des Wissenschaftlers Christian Spannagel aus zahlreichen Sozialen Netzwerken sehr plastisch demonstriert.)

Was aber verbindet nun Christian Heller, Felix Neumann, Michael Seemann und Markus Spath wenn schon nicht inhaltlich, so doch von der Herangehens- und Schreibweise ihrer Texte? Welche Auswahlkriterien abseits der spontanen Wahl aus dem Bauch heraus verbergen sich hinter der wunderbaren Lindnerschen Formulierung von der aus ideosynkratischen Gefühlen gespeisten Reihe? (Ich persönlich hätte Heller und Seemann durchaus zusammengebracht, Felix Neumann aber nicht in diese Reihe sortiert, da beim letzteren weit weniger Futurologie und Fantastismus im Spiel sind als bei den beiden erstgenannten. Über Spath kann ich nicht viel sagen; dafür habe ich zu wenig von ihm gelesen.)

Meine These: Abgesehen davon, dass alle Genannten wohl aus dem Mittelstand stammende (abgeschlossene oder abgebrochene) Akademiker sind, die über ein gewisses Maß an Crosswissen (Technik- plus Geisteswissenschaften) verfügen, ist es für mich die Herangehensweise an die jeweiligen Themen. Pathetisch gesagt: Sie könnte durchaus die Überzeugung einen, dass die gesellschaftlichen Umwälzungen, die da fürderhin passieren werden, im Brennglas der digitalen Revolution schneller passieren und besser sichtbar sind als in anderen gesellschaftlichen Milieus. Dementsprechend ist die Bereitschaft groß, ohne Scheuklappen und Denkverbote an die Sache heranzugehen und auch scheinbar Unumstößliches in Frage zu stellen. Augenfälligstes Beispiel ist da Christian Heller mit seinen ebenso geistreichen wie frechen Post-Privacy-Vorstößen. (Das ist dann selbst Sascha Lobo zu viel).

Und noch eine Bemerkung am Rande: Implizit schwingen da auch ein wenig die ökonomischen Bedingungen mit, wenn von der Web-Intelligentsia die Rede ist. Schließlich bezeichnete der Begriff ursprünglich eine soziale Klasse, die (zumindest in der UdSSR) gewissen Produktionsbedingungen unterlag. Anders gesagt: Je mehr Leute Geld verdienen mit ihrem Internetgeschwurbel, desto fruchtbarer dürfte der Webdiskurs werden - einfach weil sie dann mehr Zeit haben nachzudenken.

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