Archiv der Kategorie ‘Interkulturelles und Milieus‘

 
 

“it must be that journalism has a role now in creating non-surveilled spaces”

Emily Bell, Professorin am Tow Center für Digitalen Journalismus an der New Yorker Columbia Journalism School, hat am Reuters Institute in Oxford eine Rede gehalten, die den Status Quo des Journalismus und der Öffentlichkeit (vor allem in den USA) in aller Nüchternheit beschreibt. Besonders interessant ihre Quintessenz, die sie von Ethan Zuckerman übernommen hat: If the leaks of Edward Snowden taught us anything, it must be that journalism has a role now in creating non-surveilled spaces.

Die Aufgabe scheint also ebenso klar wie kompliziert: Integriert das Kommentariat, statt es auszuschließen; akzeptiert die neue Rolle des Publikums als so genannte Fünfte Gewalt; nutzt die Kommunikationstechnologien, statt sie zu verdammen; macht Kundendaten nicht zu Geld - und setzt euch nicht zuletzt für die Abschaffung des Listenprivilegs ein.

The press is no longer in charge of the free press and has lost control of the main conduits through which stories reach audiences. The public sphere is now operated by a small number of private companies, based in Silicon Valley. (…)

Professional journalism is augmented by untold numbers of citizen journalists who now break news, add context and report through social platforms. To have our free speech standards, our reporting tools and publishing rules set by unaccountable software companies is a defining issue not just for journalism but the whole of society.

I am not going to argue that this is a reversible trend. It isn’t. But I am going to argue that journalism has an important role in building and deploying new technologies, shaping non-commercial parts of a new public sphere and holding to account these new extensive systems of power. (…)

Engineers who rarely think about journalism or cultural impact or democratic responsibility are making decisions every day that shape how news is created and disseminated.

In creating these amazingly easy-to-use tools, in encouraging the world to publish, the platform technologies now have a social purpose and responsibility far beyond their original intent. Legacy media did not understand what it was losing, Silicon Valley did not understand what it was creating.
(…)

The most vivid example of the friction between the new platforms and the traditional role of the press sits of course in the remarkable set of stories published by Alan Rusbridger and his team. We saw through the excellent work of the Guardian and others on the NSA leaks brought to light by whistleblower Edward Snowden, that the tools we use for journalism - Gmail, Skype, social media - are already fatally compromised by being part of a surveillance state. (…)

This week Ethan Zuckerman, who directs the Civic Media Lab at MIT delivered a very thought provoking talk at the Tow Center as part of a series we have called ‘Journalism After Snowden’ where he argued persuasively that if the leaks of Edward Snowden taught us anything, it must be that journalism has a role now in creating non-surveilled spaces.

Morphing Public Sphere

In dieser ganzen Kladderadatsch-Debatte um den Zustand des Journalismus und der politischen Öffentlichkeit gibt es vielleicht einen einzigen Lichtblick - und man sollte ja immer auch das Positive sehen: Bislang wurde dem Web und den Sozialen Netzen gerne der Status als fester Bestandteil der Öffentlichkeit gerne mal mit dem Hinweis abgesprochen, die Teilöffentlichkeiten dort seien zu klein, zu fraktal, zu zersplittert und zu sehr von privatem Mitteilungsmüll angefüllt, als dass sie irgendetwas Substantielles zur allgemeinen Meinungsbildung beizutragen hätten.

Nun aber kommen weder die Verlage noch die Feuilletonisten, die sich traditionell voller Hingabe und durchaus aus eigennützigen Motiven (Reputation, Deutungshoheit) um den Zustand der Öffentlichkeit sorgen, um das kommentierende Publikum mehr herum - und das (kommentierende) Publikum ist es ja, das hier mit den neuen Formen digitaler Öffentlichkeiten einen größeren Einfluss geltend macht, als dass bislang der Fall war.

Das war es dann aber auch schon mit den guten Nachrichten. Der Rest ist Fremdschämen: Die Journalisten verachten die Kommentatoren. Die Kommentatoren die Journalisten. Beide verachten die Verlage, wobei nur die Kommentatoren dies auszusprechen wagen. Und die Verlage: verachten die Welt, vor allem aber google.

Damit haben wir - kleiner geht es nicht - eine neue historische Situation, entstand doch im 18. Jahrhundert die Presselandschaft mit einem bis ins 21. Jahrhundert haltenden Pakt zwischen den Verlegern und dem Publikum: Erstere waren die Sachverwalter der letzteren, die auf diese Weise ihr wachsendes Bedürfnis an der Teilnahme am öffentlichen Leben befriedigen konnten. Und die Journalisten waren die Gatekeeper, die für das Funktionieren dieses Teilnahmesystems sorgten.

Dieser Pakt, so umstritten und fragil er immer war, er existiert nicht mehr.

Die Frage ist, wohin nun dieser Resonanzboden namens Öffentlichkeit morphen wird, der einmal durchaus mit Recht als nationale politische Öffentlichkeit bezeichnet wurde. Wahrscheinlich ist, dass er bestehen bleibt, aber weiter an Bedeutung verlieren wird.

Das läge imho aber weniger an pöbelnden Kommentatoren oder unfähigen Journalisten, eher schon an den Verlegern, die - eine These Wolfgang Blaus - immer noch nicht erkannt haben, dass nationale Öffentlichkeiten in einem zunehmend globalisierten Informationszeitalter keine Öffentlichkeiten mehr sind - sondern bestenfalls Interessenvertretungen für ein alterndes Klientel. (Bestimmt kein Zufall, dass in den vergangenen Tagen das Thema Europäische Öffentlichkeit wieder stärker in den Fokus gerückt ist.)

Ausgebloggt?

Das Nachdenken und die Berichterstattung über den „digitalen Strukturwandel“, über Szenen und Technik, ist im Mainstream angekommen. Unter diesen Umständen kann es kein Blog mehr geben, das den Anspruch erhebt, hierfür sozusagen eine Agentur zu sein, wo etwas Besonderes sich abspielt oder das sich sonst vom Rest der Debatte abheben würde. (…)

Wir haben alles schon mal geschrieben, alles schon mal gedacht. Alles schon mal ausprobiert. Und wir können davon immer noch nicht leben, sondern wir gehören zu den Überzeugungstätern und zu den Zeitreichen. (…)

Wir haben also auskommentiert. Es ist vorbei. Wir schreiben nur noch weiter, ungefähr so, wie das Orchester auf der Titanic bis ganz zum Schluß immer weiter gespielt hatte. Ob sich die Musiker dabei zu einem bestimmten Zeitpunkt ein neues Design verpaßt hatten, ist nicht überliefert.

Jürgen Fenn aka Schneeschmelze denkt über die Schlammschlacht beim Mehrautorenblog Carta und über den Stand der Blogosphäre an sich nach. Wobei Fenn seinen Ansatz selbst einen idealistischen nennt: Für ihn ist ein(e) wahre(r) Blogger(in) jemand, der (vor allem materiell) unabhängig schreibt und versucht, eine “kommunikative und gesellschaftliche Funktion” zu erfüllen, nämlich “den Diskurs zu fördern und aufzuklären”.

Insofern hat er natürlich recht: Das “echte Bloggen” ist etwas für, nun ja, seltene Vögel.

Innere Emotionalisierung

Es gibt ja diesen altbekannten Spruch, wonach die Leute in Deutschland eher die Risiken als die Chancen sehen, wenn es um Technik, Digitalisierung und Internet geht.

In den Sozialen Netzwerken ist diese Binse inzwischen zu einem Mantra geworden, das ständig in den verschiedensten Varianten gesprochen wird, um sich zu vergewissern, auf der richtigen Seite zu stehen.

Schade eigentlich, dass nur die wenigsten unter den Netzbewegten zu merken scheinen, dass sie damit nur die Gräben zwischen der Online- und der Offline-Welt bestätigen, die sie so gerne zuschütten würden: Ihre immer wiederkehrenden Klagen sind ein Akt der inneren Emotionalisierung der eigenen Peergroup und insofern ebenso rückwärtsgewandt wie der nächste Anti-Google-Artikel im Feuilleton der FAZ.

Absurd wird es dann, wenn diese innere Emotionalisierung nach außen getragen und zur Forderung nach Unterstützung des Schönen, Wahren, Guten wird. Das war zum Beispiel bei den Krautreportern, einem journalistischen Crowdfunding-Projekt, zu besichtigen: Im Grunde bestand das Hauptargument, die Krautreporter zu unterstützen, darin, dass sie unterstützungswert seien, weil sie eben auf der richtigen Seite stünden. Kritische Stimmen waren offensichtlich nicht erwünscht.

Herausgeber Sebastian Esser verstieg sich im Nachgang der mit Ach und Krach erfolgreich absolvierten Fundingphase sogar zu der Aussage, das Alles-oder-nichts-Prinzip, die Emotionalisierung, sei das Wesen von Crowdfunding, und deshalb sei die Kritik um so ärgerlicher gewesen.

Irgendwie glauben derzeit ohnehin ja alle, dass man am besten alles alles mit Jefühlen aufladen müsse. Insofern ist die Emotionalisierung eine Schwester von Big Data: Sie ist so hip, dass es vor allem darauf ankommt, sie zu betreiben. Ob etwas und was dabei herauskommt, scheint eher nebensächlich zu sein.

(Vielleicht mit dem kleinen Unterschied, dass die Netzbewegten möglicherweise eine Menge über Big Data wissen, aber ganz offensichtlich nur wenig über Emotionen.)

No Logo für Digital Natives

Die Dokumentarfilmerin Astra Taylor hat mit The People´s Platform ein Buch geschrieben, das bei einigen Beobachtern des Technologie- und Internetdiskurses bereits als No Logo für Digital Natives ins Spiel gebracht wird.

Das vor knapp 15 Jahren erschienene No Logo ist bis dato eines der populärsten globalisierungskritischen Bücher ever gewesen. Astra Taylor holt nun diese Kritik in den Netzdiskurs und stellt sie gleichberechtigt neben die NSA-Überwachungsaffäre.

Ihre These: Wir benötigen eine politische Ökonomie des Internet, da die gut vs. böse-Denke vieler netzaffiner Beobachter und Akteure weder die Rolle der Internetwirtschaft als Informationszulieferer für den globalen Überwachungsapparat noch ihr toxisches Erbe, das sie der globalen Finanzwirtschaft und den old economy-Medien zu verdanken hat, ausreichend in Rechnung stellt. (”Despite the exciting opportunities the Internet offers, we now have Hollywood moguls and Silicon Valley tycoons.”)

Deutlich wird das zum Beispiel in einem Eurozine-Interview, in dem sie gefragt wird, wie sie ihr Buch nach Snowden ergänzen würde. Sie antwortet:

I have tremendous respect for Edward Snowden, Glenn Greenwald and Laura Poitras, who did a brave public service. If I updated the book, I would discuss the disclosures in greater detail but I would also try to draw more attention in the context of the surveillance debate to structural inequality. The NSA disclosures typically get presented in a way that reinforces knee-jerk anti-government sentiment, strengthening the libertarian worldview that is especially dominant in tech circles (…). To counter this tendency I’d say more about the way state surveillance is facilitated by and depends on a digital economy centred on advertising revenue and intensive data collection, and emphasize the role of private corporations and market forces play in the everyday invasion of our privacy.

While there is the image of heroic (always white male) hackers resisting state spooks, people of colour and the poor are disproportionately scrutinized. They are the victims of surveillance we need to look to. When we do, we get a less sexy but more accurate image of the present and the future: invasive infiltration of Arab and Muslim communities, tracking people through welfare and social benefits programs, price and credit discrimination based on profiles compiled by unaccountable data miners, and so on.

Surveillance is a free speech issue and an economic justice issue, but work still needs to be done to connect those dots. (Fettung von mir.)

25 Jahre World Wide Web

David Weinberger erklärt, warum die Unterscheidung zwischen Internet und Web (By analogy, the Internet is like an operating system, and the Web, Skype, and email are like applications that run on top of it) wichtig ist, und pocht darauf dass es das Web ist, das nunmehr 25 Jahre existiert. Unter Druck sieht er jedoch beide derzeit, das Internet durch die Unternehmen, die den Zugang dazu kontrollieren, und das Web durch Apps, unter anderem weil sie dem Grundgedanken des Webs der wechselseitigen Verlinkung und des Teilens zuwiderlaufen:

If we forget the Internet’s essence, we may very well end up with just another paid medium for selling us content. The Internet is in danger of becoming like cable TV because that’s the most lucrative model for the handful of companies that control the majority access to the Internet.

It’s not just the Internet that’s under threat. So is the Web. No, the Web isn’t going away. But it’s losing its dominance as the way we interact with the Internet. As we move to mobile devices, apps are becoming more and more important. Most apps run on the Internet, but they generally are not part of the Web.

Diskurshäuflein mit Katzenjammer

Ok, die Bundestagswahl hat uns also gezeigt, dass Deutschland ein strukturkonservatives Land ist, die Verletzung bestehender Grundrechte von Seiten der Geheimdienste niemanden interessiert, der Weg zur digitalen Gesellschaft weit und die Netzpolitik mitsamt Piratenpartei am Ende ist, während die Netzgemeinde kein Schwein ernst nimmt und am Diskurstropf der Massenmedien hängt - ohne Einfluss und ohne Macht, geschweige denn Geld, um das zu ändern.

Kurz: Die Bundestagswahl hat uns nichts gebracht, was wir nicht schon vorher gewusst haben, mindestens aber hätten wissen können.

Das vorläufige Fazit lautet mit Sascha Lobo also: Die Bürger fürchten den Veggie-Day in der Firmenkantine mehr als die Totalüberwachung des Internets. (…) Das ist demokratisch zu akzeptieren, so schwer es fällt. Was nicht bedeuten darf, netz- und gesellschaftspolitisch zu resignieren, so schwer es fällt.

Nun sind in den vergangenen Tagen eine ganze Reihe von Gründen angeführt worden, warum es denn in aller Welt so weit kommen konnte. Streichen wir dabei allerdings jene, die die Schuld bei den allesamt pöhsen Wählern, Politikern und Medien suchen, scheint sich vor allem eine Lesart des Geschehens herauszuschälen: Es mangelt allem Anschein nach an einer anschaulichen Geschichte, die deutlich macht, dass es für alle bald ans Eingemachte gehen könnte, nicht nur für irgendwelche exotischen Asylsuchende, die auf Namen wie Assange oder Snowden hören.

So meint Felix Schwenzel: was fehlt, um die themen der netzpolitik, der freiheit und der grundrechte nach vorne zu bringen oder zu einem wahlentscheidenden thema zu machen, so wie vor 20 oder 30 jahren die umweltpolitik, ist nicht aufklärung oder bessere vermittlung, sondern emotionale aufladung. betroffenheit kann man kaum intellektuell erzeugen, sondern eher emotional oder dramatisch.

Na gut, wovon reden wir hier eigentlich? Doch offensichtlich nicht von Formen des Netz-Protestes, auch nicht von Forderungen an die Netz-Politik, sondern von den Möglichkeiten, den Netz-Diskurs zu beeinflussen und in den der Massenmedien einzupflanzen. Wir reden also über Öffentlichkeit im Internetzeitalter.

Felix Schwenzel hat natürlich seinen Punkt, wenn er sich an der Umweltbewegung orientiert und meint, dass das geringe Interesse an Netzthemen an den fehlenden Emotionen liegt, die nun einmal am besten über Personen und ihren Geschichten hervorzurufen sind. Wobei ich nicht glaube, dass wir unbedingt ein paar neue Opfer benötigen, die den Leuten in Deutschland näher stehen als Assange oder Snowden, damit sie endlich schlucken, dass das Thema sie sehr wohl betrifft bzw. ganz schnell betreffen könnte. Die Umweltbewegung inklusive der Klimadebatte hat Emotionen und Identifikation zwar auch über eine Personalisierung der Themen, aber nicht über Opfer, sondern eher über prominente Köpfe hinbekommen: Al Gores An Inconvenient Truth mag zum Beispiel kein guter Dokumentalfilm über die globale Erwärmung sein. Wichtig war aber, dass Gore seinen Promikopf für diesen Film hergab und dieser so erst seine Wirksamkeit entfalten konnte.

Personalisierungen und Prominente allein werden dem Netz-Diskurs bestimmt nicht zu mehr Durchschlagskraft verhelfen. Dafür müssten sich schon einige Strukturen und Voraussetzungen ändern: Kurz gesagt, müsste der Netz-Diskurs unabhängiger von den Massenmedien werden und gleichzeitig seine Kanäle in dieselben ausbauen. Auf Anhieb fallen mir dazu drei Baustellen ein, die die Netzmenschen durchaus aus eigener Kraft schaffen bzw. unterstützen könnten: die Reanimierung der Piratenpartei, die Schaffung einer eigenen Diskurs-Plattform und die Beseitigung der blinden Flecken im eigenen Denken.

Reanimierung der Piratenpartei: Es ist zwar nicht ganz klar, was aus der Piratenpartei nach dem desaströsen Ergebnis bei der Bundestagswahl werden wird. Das ändert aber nichts daran, dass da gerade eine Generation erwachsen wird, die viele Ansichten der Piraten teilt und den Anspruch hat, die Gesellschaft mitzugestalten. Da wir die Piraten nun einmal haben und sie so heißen, wie sie dummerweise heißen, ist es wahrscheinlich das beste, wenn sie überleben, aus ihren Fehlern lernen und wieder neu angreifen. Allerdings wird das mit Sicherheit nicht funktionieren, wenn ihre Basis die in der Öffentlichkeit stehenden, führenden Köpfe der Partei weiterhin mobbt und grillt und fertig macht. Anders formuliert: Die Piratenpartei muss endlich ihre Ablehnung gegenüber jeglichen repräsentativen Funktionen überwinden und zu einer Organisationsform finden, die diesen Namen auch verdient. Dann kann sie auch wieder über Online-Mitgliederversammlungen und Liquid Feedback nachdenken. Im Schwenzelschen Personalisierungssinne müsste man sich als Sahnehäubchen obendrauf dann eigentlich noch Marina Weisband als Parteivorsitzende wünschen - ob sie sich das persönlich wirklich antun möchte, kann ohnehin nur sie selbst beantworten; für die Partei wäre sie mit Sicherheit keine schlechte Lösung.

Schaffung einer eigenen Diskurs-Plattform: Das letzte netzaktivistische Projekt, das wenigstens versuchte, vom Diskurstropf der Massenmedien wegzukommen, war telepolis, bevor der Heise Verlag die Sense ansetzte und das Geld kürzte. Das ist in etwa zehn Jahre her. Momentan gibt es neben netzpolitik, der Plattform mit kruden Texten und technischem Zuschnitt für den männlichen Nerd, nur perlentaucher und carta, die von den Journalisten der Massenmedien regelmäßig gelesen und verwurstet werden. (Der Rest besteht aus twitter, vielleicht noch rivva sowie einzelnen Autoren - man könnte auch sagen: Sascha Lobo.) Nun ist der perlentaucher eher ein Aggregator als eine Diskurs-Plattform. Und carta ist zwar kein reiner Aggregator, aber hat sich zu einer Plattform entwickelt, die alles veröffentlicht, was irgendwie Aufmerksamkeit verspricht und dadurch völlig beliebig wirkt: carta hat inzwischen den Charme einer Sauna für alte Männer, in der selbst entkleidete Mspro-Textkörper eine jugendliche Aura verströmen. Was fehlt, ist also ein Aggregator mit einem klaren inhaltlichen Konzept, einem formidablen Algorithmus, der die wichtigen Texte im Netz zum Thema herausfischt, und einigen guten Leuten, die in der Lage sind, Themen sinnvoll zu clustern, weiterzuentwickeln und eine Community bei Laune zu halten. Dann käme die Aufmerksamkeit der Massenmedien von ganz allein, und die so genannte Netzgemeinde hätte eine neue publizistische Heimat.

Beseitigung der blinden Flecken im eigenen Denken: Es fällt auf, wie sehr viele Netzaktivisten der kalifornischen Ideologie anhängen, die neben den ganzen freiheitlichen und bürgerrechtlichen Idealen eben auch tief sitzende libertäre Elemente hat: die Ablehnung von staatlichen Institutionen, von Regulierung und Einmischung. Dieser Internetpositivismus, dass man im Grunde genommen nur Wissen zugänglich machen muss und sich die Dinge dann von selbst erledigen, alles sich von selbst löst, das ist eine zentrale Idee (…). Eine Idee, die davon ausgeht, dass sie nicht ideologisch ist, sondern praktisch. Das ist genau der Punkt. Nun gehen die Meinungen darüber, wie diese aus der kalifornischen Ideologie kommende Internet-Gegenkultur zu bewerten ist: Steht sie für ein neues Stadium kapitalistischer Wertschöpfung im positiven Sinne, für mehr Freiheit und mehr Selbstbestimmung des Einzelnen oder ist sie doch nur eine perfide agierende Entwicklungsabteilung des Kapitalismus, die die kulturelle und immaterielle Produktion vorbereitet und zur Zerschlagung und Abwertung von Institutionen der alten Arbeiterbewegung beigetragen hat? Um diese Frage zu beantworten, müsste die Internetszene nicht nur kritisch mit “dem Staat”, sondern auch mit “der Wirtschaft” umgehen, die heiligen Kühe (google, apple, etc.) schlachten, sich aus der geistigen Abhängigkeit von der Techindustrie befreien - und damit sich den eigenen Biasen stellen. Das würde Glaubwürdigkeit schaffen.

tl;dr: Ey Netzgemeinde, Du hast genug gejammert. Mach mal was.

Aufmerksamkeitsökonomistenbias

Jeder Diskurs wird nicht zuletzt von seinen materiellen Grundlagen mitbestimmt - das ist auch bei Intellektuellen nicht anders, obwohl gerade sie ihre Legitimation gerne mit geistiger Unabhängigkeit begründet sehen wollen.

In den 1920er-Jahren war es zum Beispiel die Presse, die Schriftstellern und Privatgelehrten, die weder mit Verkaufszahlen noch mit Anstellungen im akademischen Betrieb ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, ein meist bescheidenes, aber eben doch ein Auskommen ermöglichte - Siegfried Kracauer, Karl Kraus, Joseph Roth, Georg Simmel und wie sie alle hießen.

Henry Farrell hat sich nun unter dieser Perspektive das Wirken einiger “Technologie-Intellektueller” angeschaut, die in Nordamerika einen nicht unwesentlichen Einfluss auf öffentliche Diskussionen haben, die sich um Internet, Digitalisierung und damit verbundenen gesellschaftlichen Wandel drehen.

Seine These: Die Tech-Intellektuellen blenden zentrale, unmittelbar mit der Netzwirtschaft zusammen hängende sozio-ökonomische Realitäten wie zum Beispiel die reality of skyrocketing political and economic inequality aus, da sie am Tropf der Aufmerksamkeitsökonomie hängen. Stattdessen pflegten sie ihre wachsweiche rhetoric about the Internet’s openness to new and wonderful things, so Farrell:

Technology debate relies tacitly or indirectly on the tech industry for many things: funding of conferences, support of fellowship positions, speaking engagements, a purchasing public for technology books. And this reliance manifests itself in the culture of argument. Nearly all prominent technology intellectuals (Siva Vaidhyanathan and Susan Crawford are honorable exceptions) share technology entrepreneurs’ conviction that business has a crucial role to play either in pushing back government to make room for market-driven entrepreneurialism (the libertarian version) or working together with government to make balky bureaucracy more publicly responsive (the liberal-leaning-toward-left version).

Das Opfer-Ich

Die ganzen Honks, die das Internet vollmeinen. Die Ichisten, die aus Egomanien in die Sozialen Netzwerke eingewandert sind. Die Aufmerksamkeitsökonomen, die ihr Qualia-Ich zum numeroiden skalieren wollen.

Sie opfern das Ich mit ihrem eigenen Fleisch. Die Diagnose lautet: autoaggressiver Narzissmus.

The Whole Earth

Meine Augen waren gestern im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Die Ausstellung: The Whole Earth. Das Thema laut Ausstellungstext: Im 20. Jahrhundert bricht die Welle der Expansion der westlichen Welt an der „Mauer des Pazifik“ (Lyotard) und schwappt zurück – in psychedelische Innenwelten, Phantasien von globaler Verständigung, kybernetischer Kontrolle und der Erlösung durch Technologie.

Es entsteht eine kulturelle Gegenbewegung, die sich inzwischen, rund 40 Jahre später, in den Köpfen der neuen, technokratischen Globalelite breit gemacht hat: mitsamt Ganzheitlichkeitsfetisch und Machbarkeitswahn. Von Kalifornien aus haben Technologien, Kulturtechniken und Bildökonomien die gesamte kapitalistische Welt erobert:

Dieser Internetpositivismus, dass man im Grunde genommen nur Wissen zugänglich machen muss und sich die Dinge dann von selbst erledigen, alles sich von selbst löst, das ist eine zentrale Idee (…). Eine Idee, die davon ausgeht, dass sie nicht ideologisch ist, sondern praktisch. Das ist genau der Punkt.

Am Anfang der Bewegung steht aber der Protest gegen eine andere, nicht weniger technokratische Elite, die aus der Industrie und den Massenmedien besteht:

Die 1950er Jahre standen in den USA im Schatten der nuklearen Bedrohung und des Ausbau des militärisch-industriellen Komplexes (…) Die Verbindung von Industrialisierung und Massenmedien hatte (…) zu einer auf Zwang zur Konformität aufgebauten, autoritären Gesellschaftsform geführt, die Differenz systematisch unterdrückte.

Der Trick der Gegenbewegung besteht nun darin, die Technologiefeindlichkeit zu überwinden und für ein neues Projekt einzuspannen: das Zeitalter globaler Planung.

Und das neue Zauberwort lautet: Information.

In den Wissenssystemen und der Technologie vollzog sich ein grundlegender Wandel. In dessen Zentrum standen die Informationstheorie, die Kybernetik und die Entwicklung der Computer. Information wurde zum vorherrschenden Realitätsprinzip.

Die Hoffnung war weitverbreitet, dass wissenschaftlicher Fortschritt und neue Technologien das alte, irrationale System rivalisierender Nationalstaaten bald ablösen und durch ein Zeitalter der technologisch-rationalen Kontrolle unterstellt werden könnte. Effizientes Management, nicht hierarchische Macht und Ideologie, lautete die Losung.

Überhaupt, die Kybernetik:

Die Kybernetik, die als Wissenschaft zwischen den Disziplinen angesiedelt war, wurde bis in die 1970er hinein zu einer neuen Art von Universalsprache. Auf den neuen begrifflichen Grundlagen von Information, Feedback und der Unterscheidung analog/digital wurde aus der Kybernetik eine universale Theorie der Regulation, Steuerung und Kontrolle, die für Lebewesen wie für Maschinen, für ökonomische wie für psychische Prozesse, für soziologische wie für ästhetische Phänomene zu gelten beanspruchte.

Und die Spieltheorie:

Die Spieltheorie wurde zur neuen Leitdisziplin der Modellierung von Wirklichkeit, speziell von Entscheidungssituationen. Was bestimmt “rationales” Verhalten in Konfliktsituationen, was bestimmt ökonomisches Verhalten?

The Whole Earth - das Konzept:

Es folgt eine historische Periode der symbolischen “Rückkehr zur Erde”, die aus kybernetischer Sicht gleichzeitig ein Prozess ist, bei dem wir Menschen lernen, uns immer schon als Teil von Systemen, als Knoten und Muster innerhalb von Energie- und Informationsströmen wahrzunehmen und innerhalb dieser zu agieren. (…) Die Menschen der westlichen Zivilisation, so ein weitverbreiteter, eng mit der Ökobewegung verbundener Glaube, müssen wieder lernen, sich in das als harmonisch und selbstregulierend vorgestellte Naturganze zu fügen.

Das Bild der ganzen Erde konnte natürlich niemals als Konzept ernst genommen werden, es war ein Bild, das alle möglichen Ideen, Utopien und Denkmöglichkeiten anregte. (…) Dass aber die Anrufung des gemeinsamen Interesses aller Menschen ohne gleichzeitige Anerkennung der politischen Ursachen ihrer Unter- und Geschiedenheit Ideologie bleiben muss, war nicht von Anfang an offensichtlich.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schien es vielen, als wäre die Vision der “einen Erde” in greifbare Nähe gerückt. Der neue universelle Diskurs der Globalisierung, des Netzwerks, des Austauschs, der Mobilität und der Kommunikation riss die alten Grenzen nieder. An die Stelle von Hierarchien und Ideologien schienen insbesondere in der New Economy neue, selbstregulierende und protodemokratische soziale Kollaborationen zu treten.

Viele der Ziele und Obsessionen der Counterculture kamen erfolgreich in der Mitte der Gesellschaft an - nicht zuletzt der Kult um das eigene Selbst:

Therapie und psychologische Selbstbeobachtung sind nicht mehr freiwillige Beschäftigungen (…), sondern notwendig, um im Arbeitsleben bestehen zu können. Von dieser in den letzten Jahren vielfach beschriebenen Entwicklung gibt es zwei Interpretationen. Die eine ist die pessimistische (…): Die Gegenkultur war nur eine Entwicklungsabteilung des Kapitalismus, die die kulturelle und immaterielle Produktion vorbereitet hat und zur Zerschlagung und Abwertung von Institutionen der alten Arbeiterbewegung beigetragen hat. Die andere ist weniger pessimistisch (…): Dieser Position zufolge stehen die weniger hierarchischen, immateriellen Arbeitsverhältnisse des Postfordismus zwar durchaus für ein neues Stadium kapitalistischer Wertschöpfung, sie stellen aber auch einen Fortschritt gegenüber fordistischer Industriearbeit dar.

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