Die Street View-Freunde trauen Google mehr als dem Staat, die Gegner trauen Google weniger. Dabei gibt es keinen Anlass, Google einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. (…) Der Vorteil bei den Datenspeichereien des Staates ist, dass man dagegen wirksam klagen kann. Gegen den Staat gibt es guten Rechtsschutz, weil es Gesetze gibt, die ihn binden. Gesetze, die eine umfassende Datenerfassung und deren globale Verbreitung à la Street View regeln, gibt es nicht. Bislang scheute sich der Staat vor der Regulierung.
Da ist meiner Meinung nach etwas dran; allein weil wie zum Beispiel auch beim Thema Zensur wir aus historischer Perspektive einfach sensibler gegenüber staatlichen Eingriffen sind als gegenüber solchen, die von unternehmerischer Seite kommen.
So sagt auch Gustav Seibt zwar ganz richtig, dass die Einwände gegen Street View vorwiegend aus einer ganz bestimmten Ecke kommen:
Der jetzige Widerspruch gegen Street View zeigt kultursoziologisch die Privatstraßenmentalität von Laubenpiepersiedlungen, Vorortvierteln und Villenkolonien.
Aber, so Seibt, das eigentliche Problem sei ein anderes, nämlich - selbst unter Ausschließung des Sonderfalls Soziale Netzwerke, in denen “wenigstens eine Art Symmetrie”, also Austausch von Nutzer(n) zu Nutzer(n), gewährleistet sei - die Herstellung einer “digitalen Öffentlichkeit” bzw. öffentlicher Daten, die vor allem von einem Unternehmen (sprich: wirtschaftlichen Interessen) erst ermöglicht wird.
Denn Google sei eine
Firma (…), die inzwischen den übergroßen Teil personenbezogener Daten nicht nur zugänglich macht, sondern auch selbst generiert. Und das wird zum Problem auch dann, wenn all diese Daten zweifelsfrei öffentlich sind. (…) Das Google-Problem besteht nicht in der Verletzung der Privatsphäre, sondern in der Monopolisierung des öffentlichen Raums.
Auch Google geht es um wirtschaftliche Interessen, was seit der Sache mit der Netzneutralität und Verizon auch in der Blogosphäre gemeinhin bekannt sein dürfte, und nicht um die Qualität und Rahmenbedingungen digitaler Öffentlichkeiten.
Darüber denken die Google-Strategen tatsächlich nach: Wie kann das Unternehmen auch in zehn oder zwanzig Jahren noch im Zentrum des Internet-Suchgeschäfts und damit der so lukrativen Online-Werbung stehen? (…) Was das mit Street View zu tun hat? Der Dienst ist ein kleiner Baustein in der Strategie von Google, sich für die künftigen Anwendungen im Internet zu rüsten. Dabei geht es nicht um das Ausspionieren von Menschen, sondern um die Möglichkeit, dem künftig in der Regel mobilen Internetnutzer zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort geeignete Werbeangebote machen zu können.
Das Problem seien nicht die öffentlichen Daten an sich, sondern deren Masse und Verknüpfungsmöglichkeiten:
Die Menschen wissen nicht mehr, wie viele Daten wo von ihnen öffentlich oder nur für den Staat zugänglich gespeichert sind. Man hat den Überblick verloren – und ahnt, dass das in der Zukunft noch schlimmer wird, wenn noch mehr Daten von Amazon, Apple, Google, Microsoft oder anderen Unternehmen in dezentralen Rechenzentren, also der Datenwolke „Cloud“, gespeichert und miteinander verknüpft werden.
Die Monopolisierung des öffentlichen Raums durch “die Wirtschaft” - das kann keine Alternative zu staatlicher Regulierung oder gar Willkür sein. Wenn es so etwas wie die digitale Öffentlichkeit gibt, sollte sie sich für die Rechte der eigentlichen Akteure - der Nutzer - einsetzen und sich nicht auf eine von beiden Seiten schlagen.
Es wäre nichts weniger als ihre eigentliche Existenzberechtigung.
Ein freies Internet ohne staatliche oder wirtschaftliche Eingriffe ist Garant für freien Meinungsaustausch weltweit und damit die direkte Ableitung des Rechts auf Meinungsfreiheit. Netzneutralität ist elementar für unsere Demokratie.
Das sehen leider nicht alle so, worauf zum Beispiel Don Dahlmann aufmerksam macht, der die Interessen der Wirtschaft und der Politik zusammen mit denen der Webgemeinde auf die Waage legt:
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das Ende des Netz, so wie ich es kenne, nur eine Frage der Zeit ist. Zu viele wirtschaftliche und politische Interessen hängen mittlerweile am Netz, als dass man es seiner Unabhängigkeit überlassen würde. (…) Ich sehe im Moment nicht, wie die User sich auf Dauer gegen diesen Beschuss wehren können.
Ein wichtiges Problem “der User” ist in meinen Augen nach wie vor, dass sie in Sachen Netz argumentativ vor allem auf Potentiale und weniger auf bereits vorhandenen konkreten Nutzen verweisen können. Nehmen wir zum Beispiel den Satz aus der Erklärung der Initiative für Netzneutralität, der das Netz als Garanten für freien, weltweiten Gedankenaustausch hinstellt.
Das mag möglich sein, in der Realität aber sieht es derzeit mit Ethan Zuckerman eher so aus, als ob
die Fernsehsender und Zeitungen unserer Eltern und Großeltern ein viel umfassenderes Weltbild vermittelt hätten als das Internet uns. (…)
(Auch) im Jahr 2010 sind Atome letztlich mobiler als Bits. Es ist wahrscheinlicher, eine Flasche Wasser aus Fiji auf einem amerikanischen Konferenztisch zu finden, als Nachrichten aus Fiji zu bekommen, geschweige denn Filme oder Musik aus Fiji, obwohl es in diesem Lande akute politische Probleme gibt.
So gesehen ist es kein Wunder, dass die Argumente der Netzbürger außerhalb ihrer “tolerierten Subkultur” (Geert Lovink) vor allem als eine Art Netz-Lobbyismus gesehen werden. Nehmen wir dieses Argument aus der Netzneutralitätserklärung:
Die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft wird gestärkt wenn Entwicklungen frei online verfügbar sind und auch in neuen kollaborativen Ansätzen weiterentwickelt werden können. Innovationen brauchen Offenheit – die Möglichkeiten des Internets auf einige wenige Privileigierte (sic) zu beschränken, läuft dem entgegen.
Das ist ja alles richtig und bedenkenswert und überhaupt. Mich stört immer nur an diesen plakativen Sätzen, dass die Anwesenheit solcher Schlüsselworte wie “frei” oder “kollaborativ” ausreichen, um geschätzte 72 Prozent der Webgemeinde in grundloses Entzücken zu versetzen. Das war vor einigen Tagen übrigens mit dieser Studie zum Urheberrecht im 19. Jahrhundert der Fall, wo man irgendwann den Eindruck bekam, ALLEIN das fehlende Urheberrecht habe im 19. Jh. dafür gesorgt, dass Deutschland innerhalb weniger Jahre vom Agrar- zum Industriestaat wurde.
“Technopolitik ist nun mal komplex, weil die Materie eben so ist. Wir müssen also aufpassen, worüber wir genau reden”, sagt Geert Lovink. Dem ist wenig bis nichts hinzuzufügen. (Und wer sich etwas tiefer gehender mit Netzneutralität - durchaus auch im technischen Sinne - beschäftigen möchte, könnte zum Beispiel bei Kristian Köhntopp reinlesen.)
Unterstützt das Internet vor allem demokratische Prozesse oder können von ihm ebenso totalitäre Regime profitieren? Stärkt es wirklich das Individuum, weil es mehr Transparenz und neue Partizipationsmöglichkeiten schafft, oder wird es etwa den global agierenden Datenkraken auf dem Silbertablett serviert? Gibt es überhaupt einen nachhaltigen Kontrollverlust, der alte Strukturen und Hierarchien hinweg fegt oder ist die Konterrevolution bereits auf den Weg gebracht?
Entlang dieser Linien verläuft so ungefähr die argumentative Wasserscheide, die Internet-Befürworter von Internet-Gegnern trennt. Und die Lektüre einiger Essays Vilém Flussers, der als einer der Klassiker der Medienkritik des 20. Jahrhunderts gilt, zeigt: Diese Fragen bestehen länger, als viele glauben dürften. (Was eine positive Antwort nicht unbedingt wahrscheinlicher macht.)
Die folgenden Zeilen sind der Versuch, die Gedankenwelten bzw. das Medienverständnis Flussers nachzuvollziehen und ab und zu als Folie auf den gegenwärtigen Webdiskurs zu legen.
Webdiskurs
Konzeptionell habe sich das Web jeden Funken Theorie ausgetrieben, hat Markus Spath in seinem klasse Rückblick zu fünf Jahren Web 2.0 (und fünf Jahren live.hackr) geschrieben. Allein bei Clay Shirky (Cognitive Surplus) und Umair Haque (Kapitalismus 2.0) seien in dieser Hinsicht Ansätze einer Theorie zu erkennen, “die konsequent den wirklichen Wert für den User (entlang des gesamten Spektrums Individuum – Gruppe – Gesellschaft – System) in den Mittelpunkt stellt.”
Es ist wirklich bemerkenswert, dass das Web einerseits schwer “vergisst“, seine User andererseits aber ziemlich geschichtsvergessen sind. Das kann nicht gut für die Qualität der Diskussionen und des Webdiskurses sein und bringt ihm darüber hinaus den Vorwurf der Oberflächlichkeit ein.
Dieser Frust, den der Webdiskurs bisweilen produziert und die Frage, warum er denn hierzulande bloß so oft so schwachbrüstig daherkommt, hat dazu geführt, dass ich mir neulich einen Essayband Vilém Flussers (1920 - 1991) geschnappt und gelesen habe. Frei nach dem Motto: Mal gucken, was der alte Kommunikologe - dieser Pionier der Kritik an den Neuen Medien - bereits vor Jahrzehnten zu sagen hatte. (Die Wahl Flussers war Zufall; ich stand in einer mittelmäßigen Buchhandlung vor dem einschlägigen Regal und habe das gezogen, was mir am vielversprechensten erschien.)
Und - was soll ich sagen - der Schluck aus der Quelle war außerordentlich erfrischend. Ich will mal im Folgenden versuchen zu beschreiben, was ich aus diesem Buch (Vilém Flusser: Medienkultur, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1997) für mich und für gegenwärtige Debatten im Web herausgezogen habe. Wobei es natürlich eine Frechheit ist und Internet-Skeptikern eine Bestätigung für die Oberflächlichkeit des Webdiskurses sein dürfte, wenn da ein Blogger angeritten kommt und über Flusser rumphilosophiert, weil er ein 240-Seiten-Taschenbuch gelesen hat.
Kontext
Dennoch: Bevor ich hier jetzt loslege, müssen noch wenigstens ein paar Worte über Flusser und seine Bedeutung fallen. Nach Frank Hartmann kann man Vilém Flusser einer Richtung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kommunikationsmedien zuordnen, die “sich gegen die subjektzentrierte Auffassung von Geschichte und ihre Privilegierung von Geist und Bewußtsein stellt.” Stattdessen rücke nun die “Veränderung sozialer und psychischer Verhältnisse und Wahrnehmungen” durch die Medien in den Blick. Anders gesagt: “Technologie prägt die Kultur einer Gesellschaft.”
Für Hartmann ist Harold A. Innis - Begründer der Toronto School of Communication, der auch Marschall McLuhan angehörte - einer der Klassiker dieser Herangehensweise. Für die späten 1940er, frühen 1950er Jahre sei folgende Aussage Innis` “fast revolutionär” gewesen, so Hartmann:
Wir können wohl davon ausgehen, daß der Gebrauch eines bestimmten Kommunikationsmediums über einen langen Zeitraum hinweg in gewisser Weise die Gestalt des zu übermittelnden Wissens prägt. Auch stellen wir fest, daß der überall vorhandene Einfluß des Mediums irgendwann eine Kultur schafft, in der Leben und Veränderungen zunehmend schwieriger werden, und daß schließlich ein neues Kommunikationsmittel auftreten muß, dessen Vorzüge eklatant genug sind, um die Entstehung einer neuen Kultur herbeizuführen.
Flusser wiederum sehe, so Hartmann weiter, anders als zum Beispiel McLuhan eine zweite industrielle Revolution erst mit der “Elektrizität der Speicher- und Übertragungsmedien”, also nach dem Zweiten Weltkrieg, gegeben. Sein Ansatz sei dabei phänomenologisch, und seine Kommunikationstheorie “ziele auf die Veränderung des unsere Kultur bestimmenden alphanumerischen Codes.”
Codes
Alphanumerischer Code - das ist für Flusser die Schriftkultur des Westens, die nicht einfach alphabetisch heißen könne, da sie von Beginn an auch “formal-kalkulatorische” Elemente - sprich Zahlen - in sich aufgenommen habe, die sich der normalen, linearen Lesart von Texten widersetzten (zeitlos vs. linear). Denn das Neue an der Schrift sei im Kern das Aufrollen des vormodernen Bildes, zum Beispiel der Höhlenmalerei, in Zeilen bzw. Linien gewesen. Diese Linearität habe das Entstehen eines geschichtlichen Bewusstseins erst ermöglicht.
Doch dieses Bewusstsein, so Flusser, verflüchtige sich nun, da Techno-Bilder alphabetische Texte zunehmend ersetzten, die Gesellschaft aber von Texten programmiert sei. Dies sei eine revolutionär neue Lage:
Die gegenwärtig an der okzidentalen Gesellschaft Beteiligten (…) sind vorwiegend für lineare Codes programmiert - obwohl sie selbstredend auch Bildercodes, Raumzeitcodes usw. empfangen und senden können -, aber sie sind unfähig, die aus den Inseln der technischen Codes strömenden und sie täglich berieselnden Informationen zu speichern (…). Dadurch werden sie für diesen Typ von Informationen bloße Durchgangskanäle - nicht eigentlich Gedächtnisse, sondern Kanäle -, also das, was man gewohnt ist, “Empfänger der Massenmedien” zu nennen.
Mit dem Informationszeitalter und der Erfindung des Computers werde das prozessuale historische Denken (linear) nach und nach dem formal-kalkulatorischen (zeitlos) unterworfen - durch eine naturwissenschaftlich gebildete, neue Elite:
Eine Elite, deren hermetische Tendenz sich laufend verstärkt, entwirft Erkenntnis-, Erlebnis- und Verhaltensmodelle mit Hilfe sogenannter “künstlicher Intelligenzen”, welche von dieser Elite programmiert werden, und die Gesellschaft richtet sich nach diesen für sie unlesbaren aber befolgbaren Modellen.
Das elitäre Denken (…) erkennt, erlebt und wertet die Welt und sich selbst nicht mehr als Prozesse, sondern als Komputationen, etwa als Ausbuchtungen von Relationsfeldern.
Schaltpläne
Wie Flusser aus der Nummer mit den manipulierten Medienkonsumenten via Massenmedien herauskommen will, nimmt dann nicht nur den Grundgedanken Sozialer Medien vorweg, sondern verweist nebenbei auch noch auf das derzeit vielzitierte Konzept des Cognitive Surplus (Clay Shirky). Er will das Fernsehen (und die Computer sowieso) mit reversiblen Kabeln versehen, damit nicht alle stumpf und gleichgeschaltet vor dem Bildschirm sitzen, sondern gleichzeitig konsumieren, kommunizieren und produzieren können:
So wie sie gegenwärtig geschaltet sind, machen die neuen Medien Bilder zu Verhaltensmodellen und Menschen zu Objekten, aber sie können anders geschaltet werden und damit Bilder in Bedeutungsträger und Menschen zu gemeinsamen Entwerfern von Bedeutung verwandeln.
Leider verhindere aber die allgegenwärtige Tendenz, das Fernsehen und auch die Computer aus ihrem gesellschaftlichen Kontext zu reißen und zu mythologisieren - diese “Idolatrie”, Medien “zu einer Art selbständigen und selbstentscheidenden Götzen zu erheben” -, eine Änderung der Schaltpläne ernsthaft in Erwägung zu ziehen, schreibt Flusser. (Das mag sich geändert haben. “Idolatrie” oder technoider Determinismus aber sind weiterhin en vogue.)
Probleme
Für Flusser ist die Frage nach der Art der Schaltpläne nicht weniger als existenziell für den Fortbestand der Demokratie. Allerdings sieht er zwei Probleme, die zu lösen sind, wenn jeder mit jedem jederzeit und überall kommunizieren könnte.
Die an sich wünschenswerte Reversibilität der Medien würde zwar mehr Dialog produzieren - dies allerdings ginge dann auf die Kosten des Diskurses. Angesichts der angesprochenen Kritik am Webdiskurs lohnt es sich, das näher auszuführen: Flusser unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Kommunikationssystemen, die er einerseits Netz und andererseits Rundfunk nennt.
Im Rundfunksystem ist ein zentraler Sender strahlenförmig und eindeutig (”univok”) mit einer Anzahl von peripheralen Empfängern verbunden. Der Kommunikationsprozeß in solch einem System heißt “Diskurs”. Im Netzsystem ist eine Anzahl von Teilnehmern “bi-univok” so miteinander verbunden, daß alle Beteiligten senden und empfangen können. Der Kommunikationsprozeß in solch einem System heißt “Dialog”. Der Zweck des ersten Systems ist, vorhandene Informationen zu verteilen (…). Der Zweck des zweiten Systems ist, aus vorhandenen Teilinformationen neue zu synthetisieren.
(…) Die Verdrängung des Dialogs durch den Diskurs im Hinblick auf Elitebildung - Parlamente, Komitees, Studiengruppen, elitäre Ausstellungen usw. - ist überhaupt für die industrielle Revolution charakteristisch. Sie bedeutet das Ende der Volkskultur (Folklore) und das Aufkommen der manipulierten Masse.
In einer vernetzten Gesellschaft sieht Flusser das entgegengesetzte Problem: Die Förderung des Dialoges käme einer allgemeinen Politisierung der Menschen gleich, der mit einem Mangel an öffentlichen Diskurs bezahlt werden müsste. Denn früher seien Informationen im öffentlichen Raum publiziert worden, und die Menschen hätten ihr Heim verlassen müssen, um an diese heranzukommen. Heute aber würden die Informationen direkt von privaten Räumen aus in andere private Räume übertragen.
Der Mangel an öffentlichem Diskurs geht also laut Flusser mit einer Zerbröselung der Privatheit einher, da die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit nicht mehr funktional erscheint. Ein Beispiel dafür sei, dass Häuser immer weniger als Schutz vor der Außenwelt dienten, da materielle und immaterielle Kabel diese “wie einen Emmentaler” durchlöchert hätten. (An dieser Stelle dürften sich die Vertreter des Post-Privacy-Gedankens nicht gerade widerlegt fühlen.)
Diese Erosion der Privatheit verspreche auf der einen Seite mehr Freiheit, auf der anderen aber weniger Schutz für das Individuum. Und das sei deshalb problematisch, weil die Menschen für eine solche Situation kompetent sein müssten. “Und diese Voraussetzung ist nicht gegeben.”
Das ist nach wie vor ein brandaktuelles Problem. Vom Versagen der Universitäten in dieser Hinsicht ist schon oft geschrieben worden. Und die Forderung, in den Schulen ein Unterrichtsfach mit Namen “Online-Erziehung” einzuführen - was schon seit langem gefordert wird, zum Beispiel von Sascha Lobo - ist sicher keine schlechte Idee.
Menschenbild
Die “grundlegende Frage, vor der wir angesichts der neuen Technologien gestellt sind”, ist für Flusser also die nach der Schaltungsart der Kanäle - und was das aus den Menschen macht, wenn die Kabel in den Kanälen reversibel geschaltet sind. Denn dies würde ein Menschenbild “als Verknotung von Beziehungen” bedeuten:
Wir haben uns ein Netz von zwischenmenschlichen Beziehungen vorzustellen, ein “intersubjektives Relationsfeld”. Die Fäden dieses Netzes sind als Kanäle zu sehen, durch welche Informationen wie Vorstellungen, Gefühle, Absichten oder Erkenntnisse fließen. Diese Fäden verknoten sich provisorisch und bilden das, was wir “menschliche Subjekte” nennen. Die Gesamtheit der Fäden macht die konkrete Lebenswelt aus, und die Knoten darin sind abstrakte Extrapolationen. Das erkennt man, wenn man sie entknotet. Sie sind kernlos wie Zwiebeln. Anders gesagt: Das “Selbst” (”Ich”) ist ein abstrakter, gedachter Punkt, um welchen sich konkrete Beziehungen hüllen.
(…) Der Mensch muss als dichte Streuung von Teilchen gesehen werden.
Das liest sich auf den ersten Blich einigermaßen fantastisch, aber wenn man sich eine Bemerkung ansieht, die Kathrin Passig neulich mal in Bezug auf den Internet-User an sich gemacht hat, kommt man zu dem Schluss, dass das, was Flusser da ausspricht, in der Webgemeinde derzeit durchaus als Konsens zu bezeichnen ist. Sie schrieb im Merkur:
Der Mensch ist nicht das kleinste Modul. (…) [Im Internet gibt es] keine erwünschten oder unerwünschten Personen, es gibt nur erwünschte und weniger erwünschte Verhaltensweisen.
Darin sieht Flusser einen Paradigmenwechsel: Früher sei der Mensch das Subjekt und die ihn umgebene Welt das Objekt gewesen. Nun beginne der Mensch aber, formal und damit relativistisch (postmodern) zu denken:
Was wir real nennen und auch so wahrnehmen und erleben, sind jene Stellen, jene Krümmungen oder Ausbuchtungen, in denen die Partikel dicht gestreut sind und sich die Potentialitäten realisieren. (…) Wir haben uns selbst - unser “Selbst” - als eine derartige “digitale Streuung”, als eine Verwirklichung von Möglichkeiten dank dichter Streuung zu begreifen. (…) Wir sind nicht mehr Subjekte einer gegebenen objektiven Welt, sondern Projekte von alternativen Welten.
Was den Geist der Post-Moderne (…) vom modernen Geist wohl am deutlichsten unterscheiden wird, ist dieses bewusste Auf-sich-nehmen der Tatsache, daß wir absurderweise in einer absurden Welt da sind und daß wir nichts anderes tun können, als diesem Geheimnis des Sinnlosen einen Sinn zu verleihen. (…)
Wir werden erwachsen. Wir wissen, daß wir träumen. (…)
Dieses vorläufig unvorstellbare Weltbild ist jenes der zukünftigen Informationsgesellschaft.
Immaterielle vs. energetische Kultur
Der Informationsgesellschaft, bei “welcher Informationen ins elektromagnetische Feld eingetragen und dort übertragen werden”, wird ja gerne unterstellt, eine immaterielle Kultur zu haben. Flusser hält das für hanebüchen und spricht lieber von einer energetischen bzw. “verstofflichenden” Kultur.
Es hat keinen Sinn, fragen zu wollen, ob “1 +1 = 2″ auch um 4 Uhr nachmittags in Semipalatinsk wahr ist. Es hat aber ebensowenig Sinn, von der Formel zu sagen, daß sie “immateriell” sei. (…) Früher ging es darum, die gegebene Welt zu formalisieren, und jetzt, die entworfenenen Formen zu alternativen Welten zu realisieren. Das meint “immaterielle Kultur”, sollte aber eigentlich “verstofflichende Kultur” heißen. (…) Das Kriterium der Informationsgesellschaft ist (…) folgendes: Inwieweit sind die eingeprägten Formen mit Stoff auffüllbar, inwieweit sind sie realisierbar? Wie operativ, wie fruchtbar sind die Informationen?
“Die Abkehr von den Dingen” nennt Flusser das. Wertvoll sei allein die Information, das “Programm” in den Maschinen.
Ich bin mir da nicht ganz sicher, ob ich da die Kategorien durcheinanderwürfele. Jedenfalls musste ich bei diesen Zeilen an diejenigen denken, die die Formulierung “Diebstahl geistigen Eigentums” für reine Kampfrhetorik halten und diese gerne spitzfindig zu widerlegen suchen (Beispiel: “unautorisierte Distribution statt Diebstahl“).
Humanismus/Nächstenliebe
Flussers Weltbild ist nicht ohne Tücken. Wenn er zum Beispiel die Schriftkultur des Westens als Voraussetzung für historisches Bewusstsein sieht, schließt er gleichzeitig aus, dass andere, schriftlose Kulturen so etwas wie Geschichtsbewusstsein überhaupt haben können.
Ähnlich ist es mit seinem Bild, den Menschen als “digitale Streuung” und die Gesellschaft als naturwissenschaftlich geprägt zu begreifen:
Die Aufklärung beruht auf dem Glauben an die Fähigkeit der Vernunft - und vor allem der Logik und der Mathematik -, die Hintergründe zu erklären. Sie ist eine Tochter des Humanismus, der seinerseits auf dem Glauben beruht, der Mensch sei gut. (…) Wie Midas verwandelt die Vernunft [aber] alles, was sie berührt: zwar nicht in Gold, aber in Wertfreies, in ethisch Neutrales. Je weiter die Vernunft in die Hintergründe vordringt, desto mehr werden Ethik und Politik zugunsten einer Wissenschaft mit Totalitätsansprüchen abgesetzt: Einzig wissenschaftliche Erklärungen gelten. Und damit ist selbstredend sowohl der Aufklärung wie dem Humanismus der Boden entzogen.
Ohnehin passe angesichts der anzustrebenden (demokratischen) Medienkultur der reversiblen Kabel und der damit einhergehenden Dialogkultur der Rückgriff auf das jüdisch-christliche Konzept der Nächstenliebe besser.
Nichts gegen praktizierte Nächstenliebe. Aber Humanismus und Aufklärung als erledigt zu erklären, das ist schon - sagen wir - stark gewöhnungsbedürftig.
Sprache
Flusser ist nicht nur ein begnadeter, mehrsprachiger (deutsch, englisch, französisch, portugiesisch) Schreiber mit beeindruckendem philosophischen und etymologischen Wissen - der Mann konnte auch druckreif reden. Das vermittelt zum Beispiel nachstehendes You-Tube-Video, in dem er über den Menschen als digitale Streuung und die Zerbröselung des Privaten spricht (abgesehen davon hört man, dass Marcel Reich-Ranicki keinen hyperindividuellen Sprechduktus besitzt, sondern die Sprache eines intellektuellen (und zu großen Teilen jüdischen) deutschen Kulturmilieus, das in der Nazizeit praktisch ausgelöscht wurde.)
Netzquellen
Im Netz gibt eine Menge Informationen zu Flusser, zum Beipiel an folgenden Stellen:
Nun habe ich den mit Abstand längsten Post meines Bloggerdaseins geschrieben. Ich bewundere jeden, der bis hierhin durchgehalten hat.
Die Essenz, die aus den Texten Flussers mitnehme, ist weder originell noch besonders kreativ: Wenn das Netz uns “als Bürgern” etwas bringen soll, dann müssen wir etwas dafür tun: Partizipation einfordern, Voraussetzungen schaffen (Bildung), Aufklären. Denn wie die Sache ausgeht, ist nicht ausgemacht. Bis dahin lohnt es sich aber, ab und zu die Klassiker zu lesen. Nach dem Motto: Das Netz vergisst vielleicht nicht, wir hingegen aber schon.
Manchmal frage ich mich, warum die Blogosphäre Web-Intelligentsia Institutionen so reserviert bis ablehnend gegenübersteht. Ein Essay von Vilém Flusser, den der “Medienphilosoph” 1978 geschrieben hat, zeigt in dieser Frage einen Zugang auf. Um das kurz zusammenzufassen:
“Die kodifizierte Welt”” heißt das gute Stück, in dem Flusser sich mit der “geheimnisvollen Fähigkeit” des Menschen beschäftigt, “nicht nur ererbte, sondern auch erworbene Informationen an künftige Generationen weiterzugeben.”
Und das mache der Mensch mit Hilfe von Symbolen bzw. Symbolsystemen, sprich Codes. Ein Code in diesem Sinne stellt zum Beispiel magische Szenen voller Bedeutung bereit: Höhlenmalereien, Fresken, Kirchenfenster. Abgelöst, wenn auch nie wirklich komplett verdrängt, wurde dieser Code durch einen namens Schrift, der die Einzelteile einer Szene in eine lineare Reihenfolge brachte und den Betrachter so zwang, bis zum Ende zu lesen, wenn er die Botschaft vollständig verstehen wollte.
“Mit der Erfindung der Schrift beginnt die Geschichte, nicht weil die Schrift Prozesse festhält, sondern weil sie Szenen in Prozesse verwandelt. Sie erzeugen das historische Bewusstsein.”
Und genau dieses Bewusstsein sei gerade im Begriff sukzessive zu zerbröseln durch “Techno-Codes” wie “Fotografieren, Filmen, Videomachen oder analoges Programmieren.”
“Die Techno-Codes sind ein (…) Schritt weg von den Texten, denn sie erlauben, sich von Begriffen Bilder zu machen. (…) Der ‘Glaube an Texte’ - an Erklärungen, Theorien, an Ideologien - geht verloren, weil die Texte, wie einst die Bilder, als ‘Vermittlungen’ erkannt werden. (…) Das ist es, was wir mit Krise der Werte meinten: daß wir aus der linearen Welt der Erklärungen hinausschreiten in die techno-imaginäre Welt der ‘Modelle’. (…) Das ist eine ‘Krise’, weil nämlich mit dem Überschreiten der Texte alte Programme wie zum Beispiel Politik, Philosophie, Wissenschaft außer Kraft gesetzt werden, ohne von neuen Programmen ersetzt zu werden.”
“Fostering an ecosystem and then making money in various other ways”: Das ist laut Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales die wirtschaftliche Essenz einer offenen Internetkultur, die frei von restriktiven Urheberrechtsbestimmungen Kreativität fördert. Dementsprechend kommen die Kritiker dieses Modells, das dem “Free-Culture-Konzept” des US-Juristen Lawrence Lessig viele Anregungen verdankt, aus den Reihen der Copyright-Lobbyisten, namentlich den Verlagen und der Musikindustrie.
Interessant ist, dass inzwischen nicht mehr nur analoge Betonköpfe, sondern auch netzaffine Figuren Zweifel an dem Free-Culture-Konzept äußern - und das mit Begründungen, die Lessig ursprünglich den Copyright-Verteidigern entgegenhielt: Die meisten Nationen seien durch multinationale Konzerne vereinnahmt worden, deren Interesse eher in der Anhäufung von Kapital als im freien Austausch von Ideen liege. Mit dem Ergebnis, dass Machtkonzentrationen bei der Nutzungskontrolle über Produkte der Kreativindustrie niemals zuvor so unangezweifelt akzeptiert worden seien wie heutzutage.
Wenn zum Beispiel Matteo Pasquinelli nun sagt, Free Culture sei eine Methode, “um lebendiges Wissen in einem rückversichernden juristischen System für globale Monopole zu vereinnahmen”, dann hört sich das verdammt ähnlich an, nur dass er nicht pro, sondern contra Free Culture argumentiert. Pasquinelli spricht in diesem Zusammenhang von Digitalem Feudalismus und sagt, dass Netzkooperationen nicht “unabhängig von der materiellen Wirtschaft und Marktgesetzen” funktionierten und der “Unterschied zwischen gewinnorientiert und nicht-gewinnorientiert (…), wenn er auf das Internet angewendet wird, irreführend” sei.
“Der Punkt ist, dass diese Kultur sehr leicht intellektuelles Eigentum oder symbolisches Kapital für das Geschäft oder die Hardware von jemand anderem werden kann. (…) Wir haben bereits eine gigantisch große digitale Klasse nicht gewinnorientierter Kulturarbeiter”,
sagt Pasquinelli. Bezogen auf Wikipedia spricht Christian Fuchs dann das konkret aus, was Pasquinelli abstrakt umreisst:
“Würde (…) die Lizenz von Wikipedia plötzlich in normales Urheberrecht umgewandelt, so würde die gesamte Arbeit von Millionen von Menschen plötzlich in unbezahlte, Mehrwert generierende Arbeit transformiert, wodurch hohe ökonomische Profite erzielt werden könnten.”
Somit wird klar, wie netzaffine Figuren so etwas wie Digitalen Feudalismus als existierend ansehen, warum sie an Free Culture ihre Zweifel haben können: Es geht um die (wirtschaftliche und politische) Macht globaler Konzerne, die sich die Errungenschaften einer freien Internetkultur langsam, aber sicher einverleiben. So wie es Facebook zum Beispiel seit einiger Zeit mit den privaten Daten seiner Nutzer vorexerziert.
Warum der globalisierten Wirtschaft derzeit mehr noch als der Politik zugetraut wird, Internetraubbau zu betreiben und die zarten Früchte dieser vergleichsweise jungen Kultur zu schlucken, verdeutlicht Fuchs, Privatdozent an der Uni Salzburg, in einer Schrift, die den theoretischen Rahmen seiner Habilitation “Internet and Society: Social Theory in the Information Age” umreisst. Darin geht er davon aus, dass “es notwendig ist, eine große Theorie der Gesellschaft und der kapitalistischen Gesellschaft auszuarbeiten, um darauf aufbauend verstehen zu können, wie heute Technik und Medien die Gesellschaft (und umgekehrt) prägen”.
Und der Dreh- und Angelpunkt seiner Argumentation ist “die unheimliche ökonomische Macht der Wissenskonzerne”, deren ersten 6 (AT&T, Vodafone, Verizon, Deutsche Telekom, Nippon, Telefónica) im Jahr 2007 über mehr Kapital verfügten als gesamte Bruttoinlandsprodukt Afrikas zusammengenommen:
“Als zentrale Kategorie [einer dialektischen Analyse der Gesellschaft, die zugleich reale Gefahren und potenzielle Chancen aufzeigt] erscheint mir daher jene des transnationalen informationellen Kapitalismus angebracht, um die Veränderungen und Kontinuitäten zu erfassen: Akkumulation, Herrschaft, Macht, Ausbeutung, Hegemonie, Gegenmacht, Ökonomie, Politik und Kultur bauen heute auf transnationalen Organisationsmodellen auf, die Inklusion und Exklusion ins vernetzte Sozialsystem ist global und dynamisch. Die zugrundeliegenden Dynamiken werden durch IKT vermittelt und verstärkt (…).”
Und weiter:
“Es war ein Irrtum von Bertolt Brecht, Walter Benjamin und Hans-Magnus Enzensberger, dass die Emergenz des Prosumenten [der Verschmelzung von Produzenten und Konsumenten] zu einer Mediendemokratie jenseits des Kapitalismus führen würde. (…) Dass dies ein Irrtum war, zeigt die kapitalistische Realität des Web 2.0, in der die Tendenz zum Prosumenten nicht automatisch zur Emanzipation vom Kapitalismus führt, sondern eingebettet ist in einen antagonistische Dialektik von Kooperation und Konkurrenz, also zugleich Keimform einer kooperativen Gesellschaft und repressiv ist.”
Vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen gleicht die Gegenüberstellung der Möglichkeiten von Prosumenten auf der einen und der global agierenden Wissenskonzerne auf der anderen Seite also dem Kampf Davids gegen Goliath. Kann nicht schaden, sich dessen bewusst zu sein.
Das Internet ist nach herkömmlicher Lesart ein gigantisches Computernetz-Netzwerk und als solches zum Massenmedium geworden. Nun hat Peter Kruse einen anderen Vorschlag gemacht, was das Netz sein und vor allem bedeuten könnte.
Kruse ist Geschäftsmann, Organisationspsychologe, Honorarprofessor, Unternehmensberater. Und er ist auch der - ich wiederhole mich da gerne, weil ich die Bezeichnung so niedlich finde - “graubärtige Posteronkel der Netzgemeinde“. Kruse hielt auf der re:publica 2010 einen viel beachteten und ebenso gelobten Vortrag, in dem er in der Heftigkeit, in der das Thema Internet diskutiert wird, einen “Indikator für die Existenz unzureichend reflektierter Wertedifferenzen” sah.
Diese Differenzen bestehen laut Kruse zwischen “Digital Residents” und “Digital Visitors”, also denen, die den “Kulturraum Internet”, den so genannten achten Kontinent, bewohnten, und denen, für die dieser neue Raum weitestgehend noch terra incognita sei. Das Netz ist für Kruse also mehr als ein Medium, es ist ein Kulturraum.
Na gut, die meisten Netzbewohner fanden diese These allein deshalb gut, weil damit das Internet mehr als irgendetwas sei, in diesem Falle als ein Medium. Dennoch wurden auch Zweifel an diesem Konzept geäußert: Jörg Wittkewitz zum Beispiel schreibt, Kruses Ansatz erscheine ihm ein wenig “verstaubt”; für ihn sei das Internet eher so etwas wie ein Werkzeugkoffer, und was es mit dessen Instrumenten zu entdecken gelte, sei vor allen Dingen das eigene Selbst. (Jens Jessen, Feuilletonchef der Zeit, meinte gar, Kruses Trennung in Visitors und Residents sei “rassistische Rhetorik”, aber dazu was zu sagen, ist mir nun wirklich zu blöd.)
Das wäre durchaus ehrenwert, dennoch ist die Unterscheidung zwischen Visitors und Residents aus meiner Sicht nicht viel mehr als die altbekannte Trennung zwischen Digital Natives und Digital Immigrants - mit dem Unterschied, dass nun nicht mehr das biologische Alter der Internetnutzer, sondern deren Vernetzungsgrad und Fähigkeit zum Umgang mit digitalen Techniken das Kriterium für drin sein und draußen sein ist.
Zumal die Rede vom Kulturraum und achten Kontinent dazu verleiten könnte, außer Acht zu lassen, dass die Art und Weise, wie dieser Raum besiedelt wird, von den Netzbewohnern nicht frei ausgehandelt werden kann. Siehe zum Beispiel die aktuelle Debatte um Netzneutralität. Oder die Tatsache, dass das Netz eben nicht unabhängig von der materiellen Wirtschaft und deren Marktgesetzen funktioniert, wie manche vielleicht träumen.
Der US-amerikanische Juraprofessor Tim Wu sagt, dass Zensur in den westlichen Gesellschaften inzwischen eher von der Wirtschaft (Private Censorship) als vom Staat ausgeht. Daran müssten wir uns erst einmal gewöhnen, da wir aus historischer Perspektive darauf trainiert seien, eher auf staatliche Eingriffe in die Freiheit der Meinungsäußerung sensibel zu reagieren als auf Interventionen von Unternehmensseite.
Ein inspirierender Beitrag Wus zum Thema Netzneutralität, allein schon wegen seines Beispieles, mit dem er Private Censorship erläutert, indem er den Zusammenhang von privater bzw. privatwirtschaftlicher Zensur und dem typischen Happy End von Hollywoodfilmen aufzeigt (Quelle: re:publica-youtube-Kanal).
Wer Tim Wu im Interview sehen möchte, sei zusätzlich noch auf das Interview mit Philip Banse auf dctp verwiesen:
Auch die Evolutionsenthusiasten unter uns dürften einräumen, dass ein Mem einerseits ein faszinierendes Konzept, andererseits ein ziemlich unklares Dings darstellt. Wie die Evolutionstheorie im Allgemeinen und Meme im Besonderen die Geschichtswissenschaft besser machen könnten und wo die Grenzen einer solchen Betrachtungsweise liegen, beschreibt Donald Worster ausführlich im American Scholar.
Historiker, schreibt Worster zusammenfassend, könnten die Naturwissenschaften und damit die Umweltbedingungen als Kraft für das menschliche Leben durchaus ernster nehmen bzw. stärker berücksichtigen, müssten gleichzeitig aber ein Auge für die Besonderheiten kultureller Spielregeln bewahren:
“Historians would need to acknowledge, with the aid of evolutionary psychology, the reality of a human nature that evolves through time. At the same time they would need to think about the role of cultural beliefs and rules as a quasi-independent but never isolated force on the planet (…).
(via aldaily.com/Blogpost weder verwandt noch verschwägert mit @dings)