Archiv der Kategorie ‘Konzepte und Ideen‘

 
 

Profiling ist der gläserne Preis für die informationstechnische Freiheit des Einzelnen - und sei es für einen Twitter-Wetterbericht

Die digitale Öffentlichkeit ist die erste Öffentlichkeit, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne Bewusstsein dieses Planeten auch noch mit dem mächtigsten geisteskollektiven Knotenpunkt zu verknüpfen und Wirkung zu erzielen. Nicht nur für Stefan Heidenreich ist deshalb diese informationstechnische Freiheit des Einzelnen das entscheidend Neue im Web 2.0.

Heidenreich hielt auf der re:publica einen Vortrag zum Thema Netzwerkanalyse und politische Öffentlichkeit und berichtete dabei auch über ein Projekt, mit dem er sich gerade zusammen mit Kollegen, der Twitter-Kontextsuchmaschine Tame und der Unterstützung Twitters selbst vorgenommen hat, zur anstehenden Bundestagswahl eine Art politische Wetterprognose für die digitale Echtzeit-Anwendung zum Mikroblogging zu basteln. Der Vortrag wurde leider nicht per Video aufgezeichnet; immerhin gelang es aber Philip Banse, den Wissenschaftler und Medientheoretiker für dctp vor das Mikrophon zu bekommen.

Eine politische Wetterprognose für Twitter - das wäre ganz nach dem Geschmack der politischen Klasse, die natürlich auch mitbekommen hat, dass die Menschen, die das Internet bzw. Soziale Medien als Bestandteil ihres natürlichen Lebensraums betrachten, Fleisch gewordenes Stimmenpotential sind: Derzeit oszilliert dieses bekanntlich zwischen 10 Prozent (Piratenpartei im Zenit) und 20 Prozent (Grillo), zumindest in Westeuropa.

Nun stehen die Informatik und die Sozialwissenschaften bei der Entwicklung geeigneter Analyseverfahren für Netzwerke im Internet laut Heidenreich noch ganz am Anfang. Klar ist eigentlich nur, dass es etwas zu holen gibt, denn im Vergleich zu den herkömmlichen statistischen Verfahren ist es mit Netzwerkanalysen möglich, weit mehr über die Menschen zu erfahren: Jedes Nutzerprofil ist individuell und hat zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt eine ganz bestimmte Position im Netzwerk; das ist der gläserne Preis für die informationstechnische Freiheit des Einzelnen - und das macht das Profiling für unterschiedlichste Zwecke ebenso möglich wie attraktiv.

Heidenreich ist nun bei seinen Recherchen über mögliche Arten der Netzwerkanalyse für seine Zwecke an einem hochinteressanten Punkt angekommen: an dem Unterschied nämlich, ob man ein Netzwerk einfriert und in seiner Gänze sozusagen statisch betrachtet oder ob man sich auf die Veränderung desselben konzentriert und es ausschnittsweise im Zeitverlauf, also an den Stellen, wo Veränderungen stattfinden, analysiert.

Bei Heidenreich hat sich dabei inzwischen die Vermutung festgesetzt, dass die Dynamiken eines Netzwerkes spannender sind als das Netzwerk selbst: Nur bei einer dynamischen Netzwerkanalyse ist es vermutlich möglich zu beobachten, wie sich Informationen verbreiten, Meme bilden, Shitstorms und Informationskaskaden entstehen, etc.

Und wenn es richtig gut läuft, können daraus dann auch Prognosen entstehen, die voraussagen, welche Themen demnächst wichtig werden - und damit sind wir wieder beim Wetterbericht. (Ganz abgesehen davon, träumen natürlich viele Leute davon, einen Shitstorm vor seinem Entstehen zu identifizieren und dann auch nicht stattfinden zu lassen …)

Ein Wetterbericht für Twitter wäre also schon die hohe Schule, denn mit Stefan Heidenreich ist nicht die Aggregation von Informationen zu einem bestimmten Thema die eigentliche Schwierigkeit, sondern ihr qualitativer Umschlag: die Informationen sinnvoll zusammen zu stellen und die richtigen Schlüsse aus ihnen zu ziehen.

Öffentlichkeit-Overloads und Total-Noise-Tsunamis

Für Lothar Müller markiert der 11. September 2001 den Durchbruch des Online-Journalismus. Alle, die damals halbwegs bei Bewusstsein waren, haben 9/11 in Echtzeit und damit auch den “Anfang vom Ende des Wettbewerbs um die rein temporale Aktualität” miterlebt, schreibt der Literaturwissenschaftler in seinem Essay zur Geschichte der Aktualität, der in der Aprilausgabe des Merkur erschienen ist. Online-Publikationen markieren, so Müller, den “Fluchtpunkt der größtmöglichen Annäherung von Ereignis und Nachricht”, mit denen weder Radio noch TV und schon gar nicht Zeitungen mithalten können.

Das ist seitdem vielfach bestätigt worden, und immer sind es große, häufig auch tragische Ereignisse (Terrorakte, Naturkatastrophen, politische Umwälzungen, Königshochzeiten, etc.), die das Interesse vieler Menschen auf sich ziehen und zeigen, dass die Online-Medien am äußersten Rand der Beschleunigungsskala angekommen sind.

Zuletzt haben wir das beim Bombenattentat erlebt, das während des Bostoner Marathons verübt wurde. Für den Wissenschaftsjournalisten James Gleick zeigt sich in der medialen Welle, die dieses Attentat auslöste, dass keine Grenzen mehr zwischen Cyberspace und realer Welt existieren: Die Massenmedien veröffentlichten fehlerhafte Meldungen unter dem Druck, schnell berichten zu müssen; die Polizei rief Twitterer dazu auf, nicht über ihre Aktionen zu posten, um zu verhindern, dass die Verdächtigen von diesen Informationen Gebrauch machten. Und die ganze Welt sah zu, wie sämtliche Einwohner der Stadt, sofern sie ein Handy in der Tasche hatten, für eine Berichterstattung in Echtzeit sorgten, mit der keine Institution und kein Massenmeidum mithalten konnte, schreibt Gleick:

We’ve entered the condition that David Foster Wallace called Total Noise: “the tsunami of available fact, context, and perspective.” (…) We’re starting to sense what may happen when everything is seen and everyone is connected.

Öffentlichkeit-Overloads solcher Art zeigen, dass gerade die traditionellen Massen-, aber auch die Online-Medien sich auf Dauer selbst schaden, wenn sie diesen “Wettbewerb um die rein temporale Aktualität” weiterführen. Lothar Müller spricht sich in seinem Essay dafür aus, ihn durch einen Wettstreit um “weiche Aktualität” zu ersetzen:

Die Formel dafür lautet: “nach einiger Zeit die beste Geschichte zu haben, die im Netz empfohlen, versendet, verlinkt wird.” (…) Darum ist die Zeitung im Printformat gegenüber der Fülle elektronischer Optionen nicht lediglich ein Mängelwesen. Für die aus ihren Produktionsbedingungen und ihrem Trägermedium resultierende Abgeschlossenheit werden sich in den Online-Formaten Entsprechungen bilden müssen, die sich der Abundanz (dem Überfluss) von Optionen entgegenstellen.

Sprich: Wir brauchen mehr und bessere Aggregatoren, um zu zeigen, dass die digitalen Öffentlichkeiten mehr zustande bringen als allein Extreme und Fluchtpunkte: fragmentierte Teilöffentlichkeiten auf der einen oder Öffentlichkeit-Overloads auf der anderen Seite der public sphere.

Links aus Mangel an Visionen/Internet und Postdemokratie

Wir brauchen wieder Visionen:

Visionslose Zeiten befördern ein Klima der Kontrolle, der Feindbilder und der regulatorischen Ansprüche. Gesellschaften wenden sich nach innen und suchen ihr Heil in der Verdichtung der Lebensregeln. (…)

Der bis in die entlegensten Randzonen öffentlich gewordene Planet erschöpft in den alt gewordenen Welten seine Energien auf Kosten einer Zukunft, die nicht deshalb nicht eintrifft, weil sie unbequem, ja gefährlich werden könnte. Visionen braucht die Epoche, Auferstehung täte not.

Ein Ostertext von NZZ-Feuilleton-Chef Martin Meyer.

Jean-François Lyotard hatte in Das postmoderne Wissen bereits 1979 (!) folgende Vision:

Die Öffentlichkeit müßte freien Zugang zu den Speichern und Datenbanken erhalten. (…) Denn die Spieleinsätze werden dann durch Erkenntnisse - oder, wenn man will, Informationen - konstituiert sein, und der Vorrat an Erkenntnissen, der der Vorrat der Sprache an möglichen Aussagen ist, ist unerschöpflich.

Diese Vision ist nach wie vor aktuell, obwohl die Formation einer globalen Netzwerkgesellschaft zu Macht- und damit Geldkonzentrationen geführt hat, die das Gegenteil befördern, wie zum Beispiel Markus Spath schreibt:

netzwerkeffekte (…) sind (…) zwar beachtlich (man denke an die ins immer absurdere abtriftenden unterschiede in den vermögensverhältnissen), aber nicht verwunderlich, die mathematischen modelle und prinzipien dahinter sind schon länger bekannt. ein in jedem fall von der gesellschaft zu behandelnder netzwerkeffekt ist, dass ‘gewinne’ in keiner relation mehr zu einer eigenen ‘leistung’ stehen, sondern eben nur effekte innerhalb einer statistischen verteilung sind. (…)

Historisch gesehen ist das äußerst problematisch, woran Ilja Trojanow erinnert:

Selbst wer den kausalen Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum leugnet, wird das historische Faktum nicht abstreiten können, dass materielle Ungleichheit zu sozialen Konflikten führt. Statt dies zu problematisieren, erklärt eine Armada von Analysten der Öffentlichkeit mit der Regelmäßigkeit einer Gelddruckmaschine, das Wohl der wenigen komme der Mehrheit zugute (der Trickle-Down-Effekt), eine Schutzbehauptung, die empirisch so eindeutig bewiesen ist wie die unbefleckte Empfängnis.

Das Problem ist, dass wir ist postdemokratischen Zuständen leben, in denen weder Politik noch Wirtschaft helfen können oder wollen; ja, inzwischen so untrennbar miteinander verwoben sind, dass die Gemengelage der Interessen gar nicht mehr zu unterscheiden ist, wie Henry Farrell beschreibt:

As one looks from business to state and from state to business again, it is increasingly difficult to say which is which. The result is a complex web of relationships that are subject neither to market discipline nor democratic control. Businesses become entangled with the state as both customer and as regulator. States grow increasingly reliant on business, to the point where they no longer know what to do without its advice. Responsibility and accountability evanesce into an endlessly proliferating maze of contracts and subcontracts.

Ob ausgerechnet das Internet unter diesen Umständen als “Öffentlichkeits- und Demokratisierungsinstrument” dienen kann, das sowohl vom Staat als auch von der Wirtschaft in die Zange genommen wird, ist so natürlich fraglich:

Die gesellschaftlichen Mechanismen, die eigentlich für einen Interessenausgleich und eine Beschränkung von Machtkonzentration sorgen sollten, funktionieren angesichts des doppelten Angriffs auf die Privatsphäre durch Staat und Internet-Großkonzerne nicht mehr.”

(Von Daten und Macht, Essay von Frank Rieger. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 15 und 16/2013 zum Thema Transparenz und Privatsphäre.)

Felix Stalder fragt zum Beispiel in diesem Zusammenhang:

Wie können wir sicherstellen, dass Community-Bereiche sich nach ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen entwickeln können, auch wenn starker Druck von außen, durch wirtschaftliche Ansprüche und endloses Security-Denken, auf allen Ebenen ausgeübt wird?

Und er antwortet sogleich:

Drei Dinge scheinen notwendig. Erstens, neue Gesetzgebung, die den Missbrauch der Macht durch deren Konzentration im Back End einschränkt. Zweitens, öffentlicher Zugang zu den Back End generierten Daten, oder zumindest deren Interoperabilität, um Monopole zu verhindern. Drittens, ökonomische Modelle, die es erlauben, die Dynamiken des Back Ends denen des Front Ends unterzuordnen (anstatt umgekehrt, wie es aktuell der Fall ist).

Noch grundsätzlicher wird Hans-Christian Voigt, der für die generelle Forderung auf gleichberechtigte Mitbestimmung bei der Regelung und Verwaltung des Internet plädoyiert:

Es bedarf der anerkannten und durchsetzbaren Teilhaberechte am Internet selbst. (…) Nur durch Rechte nicht allein auf sondern am Internet, wird Schutz vor staatlicher wie auch privatwirtschaftlicher Willkür, die Abwehr von Eingriffen in den geschützten Freiheitsbereich der Einzelnen abgesichert.

Hinter dem Horizont

Nehmen wir einmal an, das Bewusstsein eines einzelnen Menschen wäre im Grunde das, was die Öffentlichkeit für viele Menschen ist: eine Technik, um sich mit anderen Menschen über das zu verständigen, was alle angeht. Nehmen wir also an, dass die Evolution uns ein individuelles Bewusstsein herbei entwickelt hat, damit wir zusammen mit anderen Menschen Herausforderungen in beidseitigem Einvernehmen und zu ebensolchem Nutzen meistern können.

Dann wäre das Bewusstsein ein Werkzeug der gegenseitigen Verständigung und eine ursprüngliche Form der Öffentlichkeit. Und Öffentlichkeit wäre eine Weiterentwicklung dessen: ein Produkt der kulturellen Evolution, das es den Menschen gestattet, über ihre biologischen Grenzen hinaus Millionen, ja Milliarden von Menschen in Gesellschaften mehr oder weniger identitätsstiftend zusammenzuhalten.

Öffentlichkeit wäre damit mit ihrer neuen digitalen Form nach einigen 1.000 Jahren dort angekommen, wo das Bewusstsein schon immer war: Die digitale Öffentlichkeit wäre die erste Öffentlichkeit, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne Bewusstsein dieses Planeten auch noch mit dem mächtigsten geisteskollektiven Knotenpunkt zu verknüpfen und Wirkung zu erzielen.

Die digitale Öffentlichkeit wäre also, um es kurz zu sagen, Weltöffentlichkeit.

Die elektronischen Medien (…) belegen, wie eng die öffentlichen Prozesse der Information und Kommunikation mit den Leistungen des Einzelbewusstseins verknüpft sind.

(Parafrisierung des Grundgedankens von Volker Gerhardt, Philosophie-Professor an der Berliner Humboldt-Uni, in seinem Buch Öffentlichkeit: Gerhardt weitet darin den Beobachtungshorizont für Öffentlichkeit weitest möglich aus und betrachtet den Menschen als Homo Publicus - als Lebewesen, das ohne Öffentlichkeit nicht überleben kann.)

Foto: Nordkap/Mark Jetzkowitz (Creative Commons)

#postpluralismus

Wie jede erfolgreiche Begriffsschöpfung bündelt “Postdemokratie” eine Reihe von diffusen Erfahrungen – in diesem Fall vor allem politische Ohnmachtserfahrungen. Der Begriff scheint aber auch eine neue historische Konstellation zu treffen: Einerseits gibt es zur Legitimationsfigur der “Volksherrschaft” keine Alternative – sogar Putin will die Demokratie, wenn auch eine “gelenkte”. Andererseits aber sind die Bürger immer weniger überzeugt, das eigene politische Schicksal in der Hand zu haben. (…)

In so gut wie allen westeuropäischen Staaten wurde nach 1945 die Macht von Parlamenten eingeschränkt, aus Sorge, Volksvertretungen könnten noch einmal alle Macht an Figuren wie Hitler oder Pétain übertragen; stattdessen traten nicht durch Volkswahl direkt legitimierte Institutionen wie Verfassungsgerichte einen Siegeszug an. Auch standen die Parlamente keineswegs in besonders hohem Ansehen (…)

Wenn Postdemokratie also nicht Postparlamentarismus ist (jedenfalls kein neuer), was ist sie dann? Sie ist, mit einem Wort, Postpluralismus. Das Gleichgewicht gesellschaftlicher Kräfte, so die eigentliche These, habe sich entscheidend zugunsten grosser Unternehmen verschoben. Deren Interesse besteht nicht darin, einen freien Markt, sondern vielmehr ihre Vormachtstellung zu sichern – eine Befürchtung, die auch wirtschaftsliberalen Gegnern von Marktmonopolen nicht fremd ist. Und die Firmen, so die Diagnose weiter, setzten ihre Interessen durch, indem sie immer mehr Geld in eine Politik pumpten, die nicht mehr Parteien alten Schlages, sondern Meinungsmanager und politische Manipulatoren brauche.

Jan-Werner Müller setzt sich im Rahmen einer Artikelreihe in der NZZ zum Thema Volksherrschaft mit dem Begriff Postdemokratie und dem gleichnamigen Buch Colin Crouchs auseinander.

Kaffeepause beim Bierzeitankündiger

Felix Schwenzel hat einen schön zu lesenden Text geschrieben, in dem er sein Blog (stellvertretend für das Internet) als “mein kleines kaffeehaus” beschreibt - als offenen Ort für Gäste, an dem Publikationen aus aller Welt herumliegen, die zum Verweilen oder auch zum gegenseitigen Austausch einladen. Und mit Habermas und Wikipedia betont er dann “die Funktion der Kaffeehäuser als wichtigen Bereich der öffentlichen Sphäre, durch die sich eine bürgerliche Öffentlichkeit etablieren konnte”.

das internet ist genau das geworden, was ich mir als ideales kaffeehaus vorgestellt habe. zeitschriften und zeitungen aus aller welt hängen kostenlos rum, überall sitzen intellektuelle, es herrscht lärm und rauschen — und doch findet man hier seine innere ruhe (beispielsweise wenn man ins internet reinschreibt). das internet ist ein wichtiger bereich der öffentlichen sphäre, in dem sich derzeit eine neue öffentlichkeit etabliert.

Nun gilt Schwenzel als der Bierzeitankündiger der Blogosphäre, und insofern hätte es eigentlich besser gepasst, wenn er sein Blog nicht als Kaffeehaus, sondern als Schankwirtschaft bezeichnet hätte. Denn dort zum Beispiel - in den holländischen Wirtshäusern der Renaissance - entwickelte sich Öffentlichkeit ebensosehr und sogar früher als in den berühmten Kaffeten.

Und was soll das überhaupt sein, “bürgerliche Öffentlichkeit”? Es wird gerne und nicht nur von Schwenzel angeführt, dass Kaffeehäuser ein “natürliches Habitat von Intellektuellen” seien und einen Austausch über Standesgrenzen hinweg ermöglichten. Dabei gibt es selbst heutzutage, wo auf dem europäischen Kontinent Intellektuelle höchstens an seinen östlichen Grenzen überhaupt noch irgendeine (politische) Bedeutung haben, kaum einen Geistesarbeiter, der Standesdünkel nicht als symbolisches Kapital für sein Prestige einsetzen würde.

Diese Öffentlichkeit-Kaffeehaus-Intellektuellen-Verknüpfung geht natürlich auf Jürgen Habermas und seiner über 40 Jahre alten These vom Strukturwandel der Öffentlichkeit zurück. Und dagegen - weder gegen Kaffeehäuser noch gegen Habermas - ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Eigentlich.

Uneigentlich kommt aber kaum ein Text oder eine Studie, die sich mit dem Thema Öffentlichkeit auseinander setzt, ohne den Hinweis auf die Habermas-Öffentlichkeit aus. Selbst diese unfassbar schlechte Abhandlung der von einem recht bekannten Unternehmen namens google finanzierten Denkbude (”Think Tank”) Co:Lab in Berlin bezieht sich auf den Philosophen, indem der Verfasser behauptet, dass sich “trotz der Möglichkeiten der Erweiterung des Öffentlichen durch die Entwicklung sehr vieler lokaler und spezialisierter Massenmedien (…) während des 20. Jahrhunderts speziell in hoch industrialisierten Gesellschaften eine Schwächung der Öffentlichkeit feststellen” lasse.

Klar, diese These passt google natürlich gut in den Kram. Da kann man sich dann ganz leicht selbst als Retter der Öffentlichkeit präsentieren; und es fällt auch nicht weiter ins Gewicht, dass der gute alte Jürgen H. das Internet ja eigentlich ziemlich blöd findet. Dummerweise ist es nur so, dass diese These seit langem und mehrfach widerlegt worden ist: Weder ist Öffentlichkeit erst in der Moderne (und damit auch nicht in irgendwelchen Kaffeehäusern) entstanden noch ist sie im Verfall begriffen.

Die so oft und speziell von Habermas problematisierten Teilöffentlichkeiten kann man ebensogut auch als Ausdifferenzierungen und damit als Gewinn für die öffentliche Sphäre deuten, weil die unterschiedlichsten Interessen in ihnen bedient werden können. Entscheidend ist dabei nur, ob diese Teilöffentlichkeiten auf Verknüpfung mit anderen angelegt sind.

Das Internet ist doch ganz im Gegensatz zu einer Verfallsgeschichte der Öffentlichkeit eine Verheißung, eine unfassbare Chance für einen (sozial) breiter und durchmischter angelegten öffentlichen Raum. Für eine Sphäre, in der weder Intellektuelle noch ihre publizistischen (Feuilleton)-Organe als maßgebliche Gatekeeper fungieren, die Themen und Menschen je nach Gusto einlassen oder außen vorhalten können. Insofern würde ich mir wünschen, dass wir neue Vergleiche und Geschichten (er)finden, mit denen die digitale Öffentlichkeit anschaulich beschrieben werden kann. Und dass wir andere Gewährsleute für unseren Öffentlichkeitsbegriff angeben als immer nur den Habermas.

Das Internet ist eben kein klassisches Massenmedium. Deshalb sollten wir uns auch nicht an den alten Dispositiven der Massenmedien orientieren. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn Felix Schwenzel bald einen ebenso schönen, aber doch ganz anderen Text schrübe.

Warum Twitter Öffentlichkeit ist

“jede erfolgreiche plattform erzeugt ihr soziales objekt aus dem nichts. (es gibt kein ungebundes soziales, das an keine konkrete formation gebunden ist. sozial ist im web immer an eine konkrete formation gebunden)”, hat Markus Spath mal gesagt.

Man könnte also auch sagen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer zufälligen Ansammlung von Menschen und einer Ansammlung von Menschen, die womöglich einmal zufällig zustande kam, ab einem gewissen Umschlagpunkt aber Muster kollektiven Handels oder Denkens aufweist - nur dass dies leider nicht planbar ist.

Man kann aber wenigstens eine Voraussetzung angeben, die erfüllt sein muss, damit dieser Umschlagpunkt stattfinden kann - Gleichzeitigkeit.

Nehmen wir Twitter: Der Clou dort ist nicht, dass alle gleichzeitig etwas lesen. Sondern dass alle gleichzeitig etwas Bestimmtes lesen (können) und das auch wissen. Diese gemeinsame Erfahrung ist die kollektive Magie des 140-Zeichen-Dienstes, und deshalb ist Twitter auch “Öffentlichkeit”

Urs Stäheli benennt in der Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 5 “Konsequenzen für eine gegenwärtige Theorie des Kollektiven”:

1. Kollektive sind flüssig und werden immer wieder neu aus unterschiedlichen Einheiten zusammengesetzt (Menge der eingeloggten Twitter-User an einem gegebenen Tag zu einem gegebenen Zeitpunkt, die auf den Bildschirm schauen)

2. Es bedarf gewisser (Infra-)Strukturen, damit sich “ein temporäres Wir” bilden kann. (140 Zeichen pro Nachricht …)

3. Die Infrastruktur und das Kollektiv müssen durch wiederholbare Bewegungsmuster für die Individuen verknüpft werden, um selbst wiederholbar zu sein. (…immer und für jeden zu jeder Zeit)

4. Das Kollektiv verhält sich parasitär zur Infrastruktur und bestimmt das Nutzungsverhalten emergent und eigenständig. (Gespräch, Hashtag, Shitstorm - keiner weiß warum)

5. Kollektive beschreiben sich nicht selbst und sind deshalb als Phänomen an sich mit hoher Bedeutung aufgeladen. (”Twitter ist demokratiefördernd”)

(via Jan-Felix Schrape)

Nachtrag: Dazu passt ein Blogpost Christian Michael Schenkels, den ich vor Monaten fand und in dem er sich mit dem Thema Masse und Social Media anhand Elias Canettis Masse und Macht auseinander setzt.

Eine Offenlegung meines Blogger-Exoskeletts

Ich lese im Netz herum und daraus entstehen Texte - Festes aus Flüssigem, wie ein Kirchturm im See.

Zwar nicht zufällig (Auswahl der Quellen und Filter), aber auch nicht bis ins Allerletzte durchgeplant (Serendipitätsprinzip bzw. Empfehlungen, die ich aufschnappe).

So ist das im Netz.

Ein Beispiel:

Text 1 Schreiben kann die Gedanken der Lesenden nicht anders als Marketing oder politisches Agenda Setting beeinflussen - genaue Kenntnisse über die Zielgruppe sind deshalb besonders hilfreich, um medial Wirkung zu entfalten.

Text 2 Denn auch Schreiben ist - genau genommen - ein Akt der Gewalt, ein Versuch, jemanden dazu zu bewegen, die Dinge aus einer anderen, fremden Sicht zu sehen.

Text 3 Es gibt keinen anderen Weg. Die Fakten allein will niemand lesen; erst müssen die Emotionen der Leser geweckt werden, damit sie diesen feindlichen Akt des Fremde-Brille-Überstülpens akzeptieren und sich auf eine neue Sichtweise einlassen.

Text 4 Deswegen kommt es zunächst auf die Haltung an, mit der man etwas vermitteln möchte. Sie öffnet die emotionale Tür zum Leser.

Text 5 Es ist weltfremd, das nicht sehen zu wollen und auf ein Objektivitätsdogma zu pochen, das nicht einzuhalten ist, nie eingehalten werden konnte.

Text 6 Das heißt nicht, dass man keine Fakten präsentieren kann oder sollte. Im Gegenteil. Es heißt nur, dass man ein Narrativ benötigt, um den Kopf des Lesers zu erreichen - eine Erzählung, die ihn auch emotional anspricht. Nur dann ist er auch bereit, sich mit harten Daten und Fakten auseinander zu setzen.

(Apropos Festes aus Flüssigem: Die Struktur dieses “Textes” ist natürlich nicht zufällig entstanden, sondern beeinflusst von dem Text, den ich gerade sozusagen oben drüber lese. So ist das überall, btw: Wenn man krank ist, sieht man nur Kranke; wenn ich fürchte, dass meine Freundin ungewollt schwanger wird, sehe ich vor allem dicke Bäuche, etc.tralala.)

Nachtrag: Siggi Becker und danach Christoph Kappes haben den Gedanken aufgenommen und ebenfalls etwas zur “Dialektik zwischen Texten und Strömen” (siehe Trackback von Markus Spath) geschrieben.

Panta Rhei - alles fließt. Das war wunderbar.

4 Jahre thorstena.de

Tja, recht (oder sogar zu) spät angefangen, immerhin einige Zeit durchgehalten, und momentan gibt es mit Markus Spath eigentlich nur zu sagen:

blogs sind tatsächlich nur noch als soziale zumutung nützlich.

Ich mach erstmal trotzdem weiter. Oder eben, drum - wie auch immer.

small pieces loosely joined

Kolumnismus ist nicht die Lösung.

Das Internet hat Inhalte entbündelt und personalisiert. Und dabei heraus gekommen ist ein digitales Schimmern der Autorenschaft und der Kolumne.

Aber mit Kolumnen ist es so: Sie sind nicht skalierbar

In a world of functionally infinite content, relying on authorship doesn’t scale. We need people to mash things up, to point things out, to sample, to remix.

(Es ist zu heiß, um lang zu schreiben.)

Nachtrag:
Auf google plus hat sich eine Diskussion zu diesem Post entwickelt, die sich vor allem um die Zukunft der Autorenschaft dreht.

blogoscoop