Archiv der Kategorie ‘Konzepte und Ideen‘

 
 

Machen wir uns nicht vor LI

Niemand sagt von sich, er sei ein Element einer quantitativ sehr mächtigen Menge (…) [oder] von Mengen, die sich überschneiden, auch wenn sie kausal nicht miteinander zusammenhängen. Unser Leben läuft sozusagen in einem Meer von unzähligen simultanen Statistiken ab, und die Zivilisation ist eine Einrichtung, welche die Zufälle real aus dem allgemeinen Dasein verbannen soll (…), während die Kultur die Zufälligkeit durch eine ihr eigentümliche “Wegerklärung” ausschaltet. (…) Deshalb ist der Argwohn, daß Zufallserscheinungen etwas Äußerliches seien, hinter dem sich kausale Zusammenhänge verbergen, (…) nicht die Ausnahme von der Regel kultureller Verhaltensweisen, sondern gerade deren normale, allerdings übersteigerte Konsequenz.

Stanisław Lem: Summa technologiae (1964)

Was Transparenz und Öffentlichkeit verbindet

Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider vermutet, dass es der griechische Dichter Äsop gewesen sein könnte, der die Idee der Transparenz der Menschheit in den Kopf gesetzt hat. Das wäre dann so um 600 v.Chr. der Fall gewesen.

Äsop schrieb eine Fabel über Momos, den Gott des Spottes und des Tadels, der einen Wettstreit zwischen Zeus, Athene und Prometheus zu beurteilen hatte. Sie stritten sich um den Titel des besten göttlichen Gestalters, und Zeus erschaffte den Stier, Athene das Haus und Prometheus den Menschen.

Doch Momos war nicht zufrieden: Er tadelte Zeus, dass er dem Stier die Augen nicht zwischen die Hörner gesetzt hatte, damit er sehe, wohin er stoße. Er tadelte Athene, weil sie ihr Haus nicht mit Rädern versehen hatte, um sich unliebsamen Nachbarn zu entziehen. Und ihm gefiel nicht, dass Prometheus das Bewußtsein des Menschen nicht außen an den Körper angebracht hatte, um zu sehen, was er wirklich denke. (Zeus verbannte Momos daraufhin aus dem Götterhimmel, aus dem Olymp.)

Nur etwas, das offen für alle Augen zu Tage liegt, ist gewiss - dieses Credo ist nicht weit weg vom mittelalterlichen Glauben an das Licht als den Ort der Tugend im Gegensatz zum Dunkeln als dem des Lasters. Dass “in der öffentlichen Manifestation der Dinge ihre Evidenz begründet liegen müsse” (Lucian Hölscher), schwang beim deutschen Begriff öffentlich schon immer mit.

Natürlich sind Öffentlichkeit und Transparenz nicht ein und dasselbe. Man kann aber sagen, das erstere ohne ein gewisses Maß der letzteren zwar möglich, aber sinnlos ist.

Die Gretchenfrage lautet: Was wird veröffentlicht – und was bleibt geheim? Das ist die Testfrage. Was wird bei dieser Art von Öffentlichkeit nicht gesagt? Das ist das Entscheidende.

Momentan kommt dabei heraus, dass zwar die Kommunikationsmöglichkeiten extrem ausgeweitet wurden, Kommunikation als solche aber an Bedeutung verliert. Und deshalb kommt es mir so vor, als ob die Öffentlichkeit zur Soap gemorpht sei.

No Logo für Digital Natives

Die Dokumentarfilmerin Astra Taylor hat mit The People´s Platform ein Buch geschrieben, das bei einigen Beobachtern des Technologie- und Internetdiskurses bereits als No Logo für Digital Natives ins Spiel gebracht wird.

Das vor knapp 15 Jahren erschienene No Logo ist bis dato eines der populärsten globalisierungskritischen Bücher ever gewesen. Astra Taylor holt nun diese Kritik in den Netzdiskurs und stellt sie gleichberechtigt neben die NSA-Überwachungsaffäre.

Ihre These: Wir benötigen eine politische Ökonomie des Internet, da die gut vs. böse-Denke vieler netzaffiner Beobachter und Akteure weder die Rolle der Internetwirtschaft als Informationszulieferer für den globalen Überwachungsapparat noch ihr toxisches Erbe, das sie der globalen Finanzwirtschaft und den old economy-Medien zu verdanken hat, ausreichend in Rechnung stellt. (”Despite the exciting opportunities the Internet offers, we now have Hollywood moguls and Silicon Valley tycoons.”)

Deutlich wird das zum Beispiel in einem Eurozine-Interview, in dem sie gefragt wird, wie sie ihr Buch nach Snowden ergänzen würde. Sie antwortet:

I have tremendous respect for Edward Snowden, Glenn Greenwald and Laura Poitras, who did a brave public service. If I updated the book, I would discuss the disclosures in greater detail but I would also try to draw more attention in the context of the surveillance debate to structural inequality. The NSA disclosures typically get presented in a way that reinforces knee-jerk anti-government sentiment, strengthening the libertarian worldview that is especially dominant in tech circles (…). To counter this tendency I’d say more about the way state surveillance is facilitated by and depends on a digital economy centred on advertising revenue and intensive data collection, and emphasize the role of private corporations and market forces play in the everyday invasion of our privacy.

While there is the image of heroic (always white male) hackers resisting state spooks, people of colour and the poor are disproportionately scrutinized. They are the victims of surveillance we need to look to. When we do, we get a less sexy but more accurate image of the present and the future: invasive infiltration of Arab and Muslim communities, tracking people through welfare and social benefits programs, price and credit discrimination based on profiles compiled by unaccountable data miners, and so on.

Surveillance is a free speech issue and an economic justice issue, but work still needs to be done to connect those dots. (Fettung von mir.)

#Öffentlichkeit

Die Öffentlichkeit, auf die ich mich berufe, ist kein Subjekt. Da sie kein Subjekt ist, kann ich mit ihr auch nicht verhandeln. Öffentlichkeit ist ein Resonanzboden für diejenigen, die Stimmen einspeisen und reflektorisch Stimmen zurückerhalten. Das wäre meine Metapher.

Die Gretchenfrage lautet: Was wird veröffentlicht – und was bleibt geheim? Das ist die Testfrage. Was wird bei dieser Art von Öffentlichkeit nicht gesagt? Das ist das Entscheidende. Das weiß man als Historiker so wenig wie als Journalist. Die Frage ist, wie man an die Informationen herankommt, die nicht öffentlich sind …

Natürlich ist Öffentlichkeit eine Projektion derer, die sie definieren wollen. Sie wird gemacht, im Sinne der Urheberschaft seitens der Intellektuellen, das sind die Presseleute, die Professoren, Priester, alle, die heute PR betreiben, die sechs großen Ps – Professoren, Pastoren, PR-Leute, Presse, Poeten und natürlich die Politiker. Das sind die, die sagen, was die öffentliche Meinung zu sein hat.

Der theoretische Anspruch von Öffentlichkeit ist natürlich universal. De facto ist die Öffentlichkeit begrenzt durch die Fähigkeit der Sprache und durch die kulturelle Basis, von der Sprache lebt und auf die sie Bezug nimmt, und da besitzt die arabische Welt (…) sicher eine andere Art von Öffentlichkeit, so wie früher die chinesische und die japanische eine andersartige hatten und bis heute haben, oder die Inder und Pakistani. Aber der Anspruch des Öffentlichkeitsprinzips, dass nämlich alles kommunizierbar sein sollte, ein normativer Anspruch, den Habermas mit großer moralischer Emphase vorträgt, der ist natürlich universal gedacht. Nur in der Empirie ist er immer gebrochen, da hat sich noch nicht viel geändert. Es sind eben verschiedene Konfessionen, verschiedene Religionen, verschiedene Nationen, verschiedene Wirtschaftssysteme – alles mögliche Subjekte, die in der Öffentlichkeit sich artikulieren.

Wenn über Öffentlichkeit geredet wird, meint ja jeder immer irgend etwas anderes, und in den Gesprächen darüber geht alles fürchterlich durcheinander und einander vorbei, und das dürfte unter anderem daran liegen, dass es einen Unterschied macht, ob man Öffentlichkeit mit einer Erwartung auflädt und sie daran misst oder ob man vor allem guckt, was sie macht und wie sie zusammen gesetzt ist. Darauf will der Historiker Reinhart Koselleck in diesem Interview hier offensichtlich hinaus.

25 Jahre World Wide Web

David Weinberger erklärt, warum die Unterscheidung zwischen Internet und Web (By analogy, the Internet is like an operating system, and the Web, Skype, and email are like applications that run on top of it) wichtig ist, und pocht darauf dass es das Web ist, das nunmehr 25 Jahre existiert. Unter Druck sieht er jedoch beide derzeit, das Internet durch die Unternehmen, die den Zugang dazu kontrollieren, und das Web durch Apps, unter anderem weil sie dem Grundgedanken des Webs der wechselseitigen Verlinkung und des Teilens zuwiderlaufen:

If we forget the Internet’s essence, we may very well end up with just another paid medium for selling us content. The Internet is in danger of becoming like cable TV because that’s the most lucrative model for the handful of companies that control the majority access to the Internet.

It’s not just the Internet that’s under threat. So is the Web. No, the Web isn’t going away. But it’s losing its dominance as the way we interact with the Internet. As we move to mobile devices, apps are becoming more and more important. Most apps run on the Internet, but they generally are not part of the Web.

Saskia Sassen vs. analytische Siesta

In Washington DC sind seit 2001 insgesamt 33 Gebäudekomplexe entstanden, in denen Daten u.a. zu Überwachungszwecken gesammelt werden. Ihre Fläche entspricht 3 Pentagons oder 33 Kapitolen, sagt Saskia Sassen.

Diese Materialität des Überwachungsapparates sei erst nach Snowden greifbar geworden, während die Folgen in Gänze weiterhin unsichtbar blieben - ähnlich wie bei der Subprime-Marktkrise, die bis heute 16 Millionen Menschen weltweit das Dach über den Kopf gekostet hat, während die Massenmedien sich auf die Rettung der Banken konzentriert haben.

(Es ist eigentlich unzumutbar, auf ein einstündiges Video zu verlinken; wer nur die Stelle mit Snowden, Surveillance und Citizenship sehen möchte, kann ab Minute 52 gut einsteigen.)

Sassen hielt diesen Vortrag Mitte Februar an der Durham University in England, wo sie ihr neues Buch Expulsions - Brutality and Complexity in the Global Economy vorstellte.

Darin konzentriert sie sich ihren eigenen Worten nach auf das “konzeptionell Unsichtbare” an den “systemic edges” der globalen Netzwerkgesellschaft und wie wir es schaffen können, deren tiefer liegende Bewegungen ( “deeper trends” ) wieder ins Blickfeld bekommen.

Sie beschreibt in diesem Zusammenhand zwei global signifikante “Shifts”, die durch “gewollte Verflüssigung” zustande kämen:

- die Unklarheit ehemals eherner Begriffe und Konzepte wie Nationalstaat oder Armut, die sich untergründig veränderten und ebenso neue Tatsachen schafften

- und die kognitiv nicht nachvollziehbaren Operationen der Finance, dem großen “Kapazitätenbereitsteller”, die vor allem eines bewirkten: die “Mobilisierung des Territoriums” und der Übergang großer, ehemals privater oder staatlicher nationaler Gebiete in internationale Hände.

Ihre Frage: What does this mean today - to be a citizen?

Das Web ist eine Frontier und Los Angeles nicht Novosibirsk

Neulich hatte ich den Gedanken, mir das Web als Frontier vorzustellen - also als soziale Kontaktsituation, in der Menschen unterschiedlichster Prägung ohne gemeinsame Staats- oder Rechtsordnung aufeinandertreffen und in der die Karten um die Macht neu gemischt werden.

Frederick Jackson Turner hat das Konzept der Frontier erdacht, als er die Expansion der USA in Richtung Westen beobachtete. Für den US-Historiker begründete der Aufeinanderprall der modernen Zivilisation mit den amerikanischen Ureinwohnern den Ausgangspunkt für die Theorie, wonach die USA eine Sonderstellung innerhalb der entwickelten Industrienationen einnehmen - die Theorie des amerikanischen Exzeptionalismus mit seinem göttlichen Auftrag der Expansion.

Später wurde das Frontier-Konzept weiter entwickelt und unter anderem umgedeutet in die allgemeine Expansion des europäischen Kapitalismus in nicht-europäische Gebiete. Mit einem entscheidenden Unterschied: Schon der dritte US-Präsident Thomas Jefferson grenzte die Frontier-Bewegung auf dem nordamerikanischen Kontinent gegenüber der europäischen Aufklärung ab, da letztere auf die Entwicklung der Menschheit in der Zeit bezogen, die Frontier aber eine Entwicklung im Raum sei.

Jürgen Osterhammel beschreibt in seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts die Frontier als Öffnung kommunikativer Räume, in der Fragen nach dem Eigentum, der Arbeitsorganisation und der Märkte neu gestellt wurden - mit dem Ziel, neue Ressourcen zu erschließen. Frontiers seien Orte gewesen, an denen ständig Unruhe herrschte und die von den imperialen Staaten in Erwartung späterer Gewinne als vorübergehende Anomalie in Kauf genommen wurden. Eine Anomalie mit einer überaus starken Anziehungskraft auf die Menschen: Neben den Städten seien die Frontiers die Wanderungsmagneten des 19. Jahrhunderts schlechthin gewesen, schreibt Osterhammel.

Im Gegensatz zu anderen Frontiers im 19. Jahrhundert sticht bei den USA nun heraus, dass am Ende der Bewegung - an der kalifornischen Pazifikküste - wirtschaftliche und gesellschaftliche Erfolge verbucht wurden, die nicht unmittelbar an der Eroberung des Raumes festzumachen sind, sondern aus eigener Kraft erreicht wurden: Kalifornien gebar Los Angeles, Russland hingegen brachte es mit seiner Frontier nur zu Novosibirsk. Die Folge: Bis heute, zuletzt in der Verbindung der Familie Bush mit den texanischen Ölmagnaten, haben es in den Vereinigten Staaten immer wieder Menschen an die Spitze und in gesellschaftlich maßgebliche Positionen geschafft, die dort als Hardliner exzeptionalistischen Ideen und Umgangsformen des Westens gesellschaftliche Allgemeingültigkeit verleihen konnten. Das macht für Osterhammel die Sonderstellung der Frontier in den USA aus.

Der Grundgedanke der so genannten kalifornischen Ideologie, dieser merkwürdigen Mischung aus dem Glauben an die emanzipatorischen Möglichkeiten der Informationsgesellschaft und libertären Ideen, besagt nun, dass die Expansion der USA über die Grenzen der Pazifikküste nicht allein mit der Ausdehnung des Walfangs in den Pazifik weitergeführt wurde, sondern später, ab den 1980er Jahren, vom Silicon Valley ausgehend mitten in den Cyberspace hinein.

Nun hat aber die globale Überwachungs- und Spionage-Affäre um den US-Geheimdienst NSA dazu geführt, dass das Ende der kalifornischen Utopie eingeläutet worden ist. Man könnte allerdings auch relativieren und sagen, dass die kalifornische Ideologie nicht komplett zerstört wurde, sondern lediglich der sympathischere Teil davon: der Glaube an das emanzipatorische Potential des Netzes.

Insofern müssen wir uns vielleicht gar keine Theorie des Internet im Kapitalismus zulegen, sondern können uns zunächst einmal mit dem übrig gebliebenen Torso der kalifornischen Ideologie beschäftigen.

Die Frage lautet dann also: Was kann uns denn die Web-Frontier-Analogie im historischen Vergleich verdeutlichen?

Folgende Punkte bieten sich dafür auf den ersten Blick an:

  • Der Staat ist der Feind, aber ohne Staat keine Frontier.

    Frontiers sind ohne staatliche Unterstützung - sei es durch militärische, logistische oder finanzielle Hilfen - nicht denkbar. Es muss erst eine kritische Masse an Menschen und ein Minimum an Infrastruktur vorhanden sein, sonst haben die Siedler keine Chance zu überleben. Dennoch sind sie im Vergleich zu traditionell gewachsenen Gesellschaftsformen wesentlich ungeschützter und deshalb eben nicht nur gezwungen, sondern auch freier, bestehende Normen in Frage zu stellen und neu auszuhandeln. Dies hat in der Geschichte schon immer dazu geführt, dass die Menschen an der Frontier althergebrachte Autoritäten in Frage gestellt haben bzw. Eingriffen von oben ablehnend gegenüber standen.

    Die Staatsfeindlichkeit des Silicon Valley, das ohne die massiven finanziellen Entwicklungsgelder des staatlich-militärischen Komplexes in den USA niemals entstanden wäre, ist insofern ganz normal; sie ist der typische Reflex eines Frontier-Milieus.

  • Dem Reichtum der Wenigen steht das Elend der Vielen gegenüber.

    Das Leben an der Frontier birgt außerordentliche Opfer aller Beteiligten, mitunter sogar die Auslöschung ganzer Kulturen. Zu Leitbildern werden aber die wenigen Erfolgreichen, die sich in der Regel über ganz außerordentliche Gewinne freuen können. Sie unterhalten gerne eine untergeordnete Kaste die - relativ gesehen - davon immer noch mehr profitiert als der große Rest. Diese Milieus tendieren zur Abschottung; das Misstrauen gegenüber den Verlierern wächst.

    Im Silicon Valley wird bereits überlegt, künstliche Inseln anzulegen, auf denen die Reichen und Erwählten dieser Erde ihr ganz eigenes Sozialexperiment durchziehen könnten - jedenfalls solange man sich noch nicht komplett abspalten kann vom Staat.

    Wer darin etwas Neues sieht, täuscht sich allerdings: Auch im 19. Jahrhundert zogen sich die ausländischen Kolonialherren in Kanton/China aus Angst vor dem Pöbel auf eine künstliche Insel im Perlfluss zurück.

  • It´s the economy, stupid.

    Frontiers haben die Eigenschaften, neue und erweiterte Formen von Kommunikation und damit die Herausbildung neuer Identitäten zu ermöglichen. Es entstehen “Kontaktzonen des Austauschs” (Osterhammel). Aber:

    Die wichtigsten Konfliktlinien liegen auf nicht-kulturellen Gebieten: Zum einen geht es um den Kampf um Land und die Sicherung von Ansprüchen durch Konzepte von Bodeneigentum, zum anderen um unterschiedliche Formen der Arbeitsorganisation und Ordnung von Arbeitsmärkten.

    Die Marginalität solcher sozialen Hybridgebilde wie der Blogosphäre oder der Netzgemeinde - sie sind sozusagen dem System der Frontier immanent. Es bedarf schon eines Massenprotestes weit über den Wirkungsbereich einer Avantgarde hinaus, um übergeordnete Interessen nachhaltig zu beeinflussen.

  • Jeder Machbarkeitswahn stößt früher oder später an seine Grenzen.

    Jede Frontier hat ihre Grenzen, seien sie zunächst auch noch so schwer erkennbar. Der nordamerikanische Westen wirkte auf die Menschen zunächst grenzenlos und voller Weite. Ein Mangel herrschte aber dennoch von Anfang an, bestimmte maßgeblich das Geschehen und sorgte für Interessenkonflikte: der häufig vorkommende Mangel an Wasser.

    Im Cyberspace ist das ganz genauso: Man ersetze nur das Wort Wasser durch das Wort Zeit.

    Hinzu kommt, dass der Staat dazu tendiert, sich nach einer erfolgreich verlaufenden Frontier-Bewegung seine Investitionen zurück erstatten zu lassen. Nach jedem Laissez Faire kam bislang immer eine Zeit der rechtlichen Einhegung und Regulierung.

    Das wissen auch die Gewinner aus dem Silicon Valley: Die erfolgreichsten unter ihnen investieren ihren Reichtum nicht unbedingt wieder ins Netz. Am konsequentesten ist dabei vielleicht das Paypal-Mafia-Mitglied Elon Musk. Der gebürtige Südafrikaner wettet auf die letzte verbliebene endlose Weite neben dem Cyberspace: das Weltall.

  • Facebook ist eine Stadt und Frösche platzen, wenn sie aufgeblasen werden

    Jürgen Osterhammel unterscheidet in der Verwandlung der Welt, seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts, Verstädterung bzw. Urbanisierung von Industrialisierung und meint, es sei seinerzeit ein wahrlich globales Phänomen gewesen, dass es die Menschen in die Stadt zog. So schafften sie es, “Räume gesteigerter menschlicher Interaktion entstehen zu lassen, in denen Informationen schnell ausgetauscht und optimal genutzt und neues Wissen geschaffen werden konnte.”

    Das geschah schon immer am intensivsten in den großen Städten: Babylon soll bereits 1700 v. Chr. 300.000 Einwohner gehabt haben, Rom 200 n. Chr. die erste Millionenstadt gewesen sein. Die Neuzeit erreichte in Gestalt von Peking die Millionengrenze erst wieder im späten 18. Jahrhundert. Seitdem ist die Urbanisierung anscheinend unaufhaltsam unterwegs wie allein der Vergleich der jeweils bevölkerungsreichsten Großstädte zwischen 1800 und 2010 zeigt:

    Städte um 1800:

    1. Peking (1 Mio.)
    2. London
    3. Kanton

    Städte um 2000 (inkl. Ballungsräume):

    1. Tokio (35 Mio.)
    2. Mexiko City
    3. New York

    Urbanisierung bzw. Verstädterung verdichten und beschleunigen menschliche Gesellschaften und sorgen für neue Möglichkeiten, Erfahrungen und Abwechslung. Städte sind soziale Netzwerke. Und Soziale Netzwerke sind insofern auch wie Städte - auch wenn der Vergleich oberflächlich sein mag.

    Ein Vergleich der derzeit größten Städte und der größten Sozialen Netzwerke auf dem Globus macht imo dennoch ganz offensichtlich: Da ist eine Macht herangewachsen, die sich ihrer selbst überhaupt noch nicht bewusst geworden ist:

    Städte um 2000 (inkl. Ballungsräume):

    1. Tokio (35 Mio.)
    2. Mexiko City
    3. New York

    Soziale Netzwerke 2014:

    1. Facebook (1 Mrd.)
    2. Twitter
    3. Google Plus

    Im globalen Mikrokosmos Deutschland wird die Macht der Masse im Moment bevorzugt eingesetzt, um wahlweise Politiker oder Fernsehmoderatoren zu grillen. Aber das ist Kinderkram und erinnert mich an die bösen Jungs damals auf dem Spielplatz, die Frösche fingen, ihnen hinten Strohhalme reinsteckten und dorthinein bliesen, bis sie zerplatzten.

    Die Macht der Masse ist aber viel viel größer, und der Sturm auf die Bastille ist bis heute das Sinnbild schlechthin für die Eliten geblieben, um sich immer daran zu erinnern, dass sie die Menschen fürchten und kontrollieren müssen.

    Momentan haben ja ganz ähnlich wie im 19. Jahrhundert wieder einige Leute feuchte Träume, dass es Grundformeln einer sozialen Physik geben könnte, die eine von vorne bis hinten gelenkte Massengesellschaft ermöglichen.

    Weiß nicht. Ich mochte Wahrscheinlichkeiten noch nie; deshalb setze ich auf schwarze Schwäne und die Kräfte menschlicher Entscheidungen, weil die immer so schön unlogisch sind.

    Und überhaupt: Ich glaube an die Liebe. Das ist ja nun ein zutiefst irrationales Konzept, machen wir uns nichts vor.

    NSA und American Empire aus der Sicht Herfried Münklers

    Die Überwachungs- und Spionage-Affäre um den US-Geheimdienst NSA hat ein globales Ausmaß und deshalb dürfte sie auch nur global zu verstehen sein. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat sich zuletzt in mehreren Interviews unter Bezugnahme auf seine Imperialismus-Theorie zu der Affäre geäußert - und diese Sichtweise wirft durchaus ein anderes Licht auf die ganzen Umstände, die auf den ersten Blick so unverständlich erscheinen: warum die USA nicht bereit sind, auch nur einen Jota von ihrer weltweiten und verdachtsunabhängigen Überwachungspraxis abzuweichen, warum weder die Europäische Union noch die deutsche Bundesregierung daraus nennenswerte politische Konsequenzen zieht und warum sich trotz der durchaus hartnäckigen Berichterstattung zumindest einiger Massenmedien die Empörung der Bürger der westlichen Hemisphäre in Grenzen hält.

    Es sei naheliegend, schrieb Münkler in der Neuen Zürcher Zeitung, dass

    die Art der offenbar global angelegten Überwachung mit der imperialen Rolle und dem entsprechenden Selbstverständnis der «Supermacht» in Verbindung zu bringen. Nach wie vor nämlich sind die USA der Garant der globalen Ordnung; daran haben der Aufstieg Chinas und das Wiedererstarken Russlands nichts geändert. Beide verfolgen bloss ihre jeweils eigenen Interessen. Das tun die USA zweifellos auch, aber darüber hinaus stellen sie die Einhaltung der Regeln sicher, nach denen diese Interessenverfolgung stattfindet. Es sind amerikanische Regeln, und sie sind so angelegt, dass die USA keinen prinzipiellen Nachteil davon haben. Aber die Alternative dazu sind nicht andere Regeln, es ist vielmehr der Regelverlust.

    In der tageszeitung gab er zu Protokoll, dass es sich bei der NSA um eine “technische Kontrollagentur” handele, die

    ein wesentliches Element imperialer Macht [ist]. Darin sind Elemente ökonomischer, kultureller und politischer Macht gebündelt. Es geht dabei auch um die Frage, was im 21. Jahrhundert eine Waffe ist. Und was die Räume sind, die man kontrollieren muss, um Herrschaft auszuüben. (…) Sie können Spähstrategien als Kompensation für Kriegsstrategien verstehen. Wir könnten auch hämisch sagen: Das ist die wahre Humanisierung des Krieges.

    Solange Deutschland und Europa spähtechnologisch von den USA abhängig bleiben, sieht Münkler keine realistischen Möglichkeiten, die US-amerikanische Regierung zu einem Kompromiss unter gleichberechtigten Partnern zu bewegen:

    Wer mit den USA auf Augenhöhe reden will, müsste im Prinzip die Möglichkeiten haben, auch Herrn Obama abzuhören – jedenfalls solange die USA die Fähigkeit haben, Politik und Wirtschaft in Europa auszuspähen. (…) Nicht Deutschland allein, aber Europa insgesamt muss in zentralen Fragen strategische Ziele formulieren können, ein strategisches Bewusstsein und strategische Fähigkeiten entwickeln. Es wird im 21. Jahrhundert weltweit vier oder fünf handlungsfähige Mächte geben, und die Europäer sollten ein Interesse daran haben, dabei zu sein und nicht überall betteln gehen zu müssen.

    Kurzformel

    radikale Privatisierung des Öffentlichen + radikale Öffentlichkeit des Privaten - Konformismus = das Web als inwendig gestülpte Gesellschaft.

    blogoscoop