Profiling ist der gläserne Preis für die informationstechnische Freiheit des Einzelnen - und sei es für einen Twitter-Wetterbericht
Die digitale Öffentlichkeit ist die erste Öffentlichkeit, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne Bewusstsein dieses Planeten auch noch mit dem mächtigsten geisteskollektiven Knotenpunkt zu verknüpfen und Wirkung zu erzielen. Nicht nur für Stefan Heidenreich ist deshalb diese informationstechnische Freiheit des Einzelnen das entscheidend Neue im Web 2.0.
Heidenreich hielt auf der re:publica einen Vortrag zum Thema Netzwerkanalyse und politische Öffentlichkeit und berichtete dabei auch über ein Projekt, mit dem er sich gerade zusammen mit Kollegen, der Twitter-Kontextsuchmaschine Tame und der Unterstützung Twitters selbst vorgenommen hat, zur anstehenden Bundestagswahl eine Art politische Wetterprognose für die digitale Echtzeit-Anwendung zum Mikroblogging zu basteln. Der Vortrag wurde leider nicht per Video aufgezeichnet; immerhin gelang es aber Philip Banse, den Wissenschaftler und Medientheoretiker für dctp vor das Mikrophon zu bekommen.
Eine politische Wetterprognose für Twitter - das wäre ganz nach dem Geschmack der politischen Klasse, die natürlich auch mitbekommen hat, dass die Menschen, die das Internet bzw. Soziale Medien als Bestandteil ihres natürlichen Lebensraums betrachten, Fleisch gewordenes Stimmenpotential sind: Derzeit oszilliert dieses bekanntlich zwischen 10 Prozent (Piratenpartei im Zenit) und 20 Prozent (Grillo), zumindest in Westeuropa.
Nun stehen die Informatik und die Sozialwissenschaften bei der Entwicklung geeigneter Analyseverfahren für Netzwerke im Internet laut Heidenreich noch ganz am Anfang. Klar ist eigentlich nur, dass es etwas zu holen gibt, denn im Vergleich zu den herkömmlichen statistischen Verfahren ist es mit Netzwerkanalysen möglich, weit mehr über die Menschen zu erfahren: Jedes Nutzerprofil ist individuell und hat zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt eine ganz bestimmte Position im Netzwerk; das ist der gläserne Preis für die informationstechnische Freiheit des Einzelnen - und das macht das Profiling für unterschiedlichste Zwecke ebenso möglich wie attraktiv.
Heidenreich ist nun bei seinen Recherchen über mögliche Arten der Netzwerkanalyse für seine Zwecke an einem hochinteressanten Punkt angekommen: an dem Unterschied nämlich, ob man ein Netzwerk einfriert und in seiner Gänze sozusagen statisch betrachtet oder ob man sich auf die Veränderung desselben konzentriert und es ausschnittsweise im Zeitverlauf, also an den Stellen, wo Veränderungen stattfinden, analysiert.
Bei Heidenreich hat sich dabei inzwischen die Vermutung festgesetzt, dass die Dynamiken eines Netzwerkes spannender sind als das Netzwerk selbst: Nur bei einer dynamischen Netzwerkanalyse ist es vermutlich möglich zu beobachten, wie sich Informationen verbreiten, Meme bilden, Shitstorms und Informationskaskaden entstehen, etc.
Und wenn es richtig gut läuft, können daraus dann auch Prognosen entstehen, die voraussagen, welche Themen demnächst wichtig werden - und damit sind wir wieder beim Wetterbericht. (Ganz abgesehen davon, träumen natürlich viele Leute davon, einen Shitstorm vor seinem Entstehen zu identifizieren und dann auch nicht stattfinden zu lassen …)
Ein Wetterbericht für Twitter wäre also schon die hohe Schule, denn mit Stefan Heidenreich ist nicht die Aggregation von Informationen zu einem bestimmten Thema die eigentliche Schwierigkeit, sondern ihr qualitativer Umschlag: die Informationen sinnvoll zusammen zu stellen und die richtigen Schlüsse aus ihnen zu ziehen.







