Archiv der Kategorie ‘Konzepte und Ideen‘

 
 

25 Jahre World Wide Web

David Weinberger erklärt, warum die Unterscheidung zwischen Internet und Web (By analogy, the Internet is like an operating system, and the Web, Skype, and email are like applications that run on top of it) wichtig ist, und pocht darauf dass es das Web ist, das nunmehr 25 Jahre existiert. Unter Druck sieht er jedoch beide derzeit, das Internet durch die Unternehmen, die den Zugang dazu kontrollieren, und das Web durch Apps, unter anderem weil sie dem Grundgedanken des Webs der wechselseitigen Verlinkung und des Teilens zuwiderlaufen:

If we forget the Internet’s essence, we may very well end up with just another paid medium for selling us content. The Internet is in danger of becoming like cable TV because that’s the most lucrative model for the handful of companies that control the majority access to the Internet.

It’s not just the Internet that’s under threat. So is the Web. No, the Web isn’t going away. But it’s losing its dominance as the way we interact with the Internet. As we move to mobile devices, apps are becoming more and more important. Most apps run on the Internet, but they generally are not part of the Web.

Saskia Sassen vs. analytische Siesta

In Washington DC sind seit 2001 insgesamt 33 Gebäudekomplexe entstanden, in denen Daten u.a. zu Überwachungszwecken gesammelt werden. Ihre Fläche entspricht 3 Pentagons oder 33 Kapitolen, sagt Saskia Sassen.

Diese Materialität des Überwachungsapparates sei erst nach Snowden greifbar geworden, während die Folgen in Gänze weiterhin unsichtbar blieben - ähnlich wie bei der Subprime-Marktkrise, die bis heute 16 Millionen Menschen weltweit das Dach über den Kopf gekostet hat, während die Massenmedien sich auf die Rettung der Banken konzentriert haben.

(Es ist eigentlich unzumutbar, auf ein einstündiges Video zu verlinken; wer nur die Stelle mit Snowden, Surveillance und Citizenship sehen möchte, kann ab Minute 52 gut einsteigen.)

Sassen hielt diesen Vortrag Mitte Februar an der Durham University in England, wo sie ihr neues Buch Expulsions - Brutality and Complexity in the Global Economy vorstellte.

Darin konzentriert sie sich ihren eigenen Worten nach auf das “konzeptionell Unsichtbare” an den “systemic edges” der globalen Netzwerkgesellschaft und wie wir es schaffen können, deren tiefer liegende Bewegungen ( “deeper trends” ) wieder ins Blickfeld bekommen.

Sie beschreibt in diesem Zusammenhand zwei global signifikante “Shifts”, die durch “gewollte Verflüssigung” zustande kämen:

- die Unklarheit ehemals eherner Begriffe und Konzepte wie Nationalstaat oder Armut, die sich untergründig veränderten und ebenso neue Tatsachen schafften

- und die kognitiv nicht nachvollziehbaren Operationen der Finance, dem großen “Kapazitätenbereitsteller”, die vor allem eines bewirkten: die “Mobilisierung des Territoriums” und der Übergang großer, ehemals privater oder staatlicher nationaler Gebiete in internationale Hände.

Ihre Frage: What does this mean today - to be a citizen?

Das Web ist eine Frontier und Los Angeles nicht Novosibirsk

Neulich hatte ich den Gedanken, mir das Web als Frontier vorzustellen - also als soziale Kontaktsituation, in der Menschen unterschiedlichster Prägung ohne gemeinsame Staats- oder Rechtsordnung aufeinandertreffen und in der die Karten um die Macht neu gemischt werden.

Frederick Jackson Turner hat das Konzept der Frontier erdacht, als er die Expansion der USA in Richtung Westen beobachtete. Für den US-Historiker begründete der Aufeinanderprall der modernen Zivilisation mit den amerikanischen Ureinwohnern den Ausgangspunkt für die Theorie, wonach die USA eine Sonderstellung innerhalb der entwickelten Industrienationen einnehmen - die Theorie des amerikanischen Exzeptionalismus mit seinem göttlichen Auftrag der Expansion.

Später wurde das Frontier-Konzept weiter entwickelt und unter anderem umgedeutet in die allgemeine Expansion des europäischen Kapitalismus in nicht-europäische Gebiete. Mit einem entscheidenden Unterschied: Schon der dritte US-Präsident Thomas Jefferson grenzte die Frontier-Bewegung auf dem nordamerikanischen Kontinent gegenüber der europäischen Aufklärung ab, da letztere auf die Entwicklung der Menschheit in der Zeit bezogen, die Frontier aber eine Entwicklung im Raum sei.

Jürgen Osterhammel beschreibt in seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts die Frontier als Öffnung kommunikativer Räume, in der Fragen nach dem Eigentum, der Arbeitsorganisation und der Märkte neu gestellt wurden - mit dem Ziel, neue Ressourcen zu erschließen. Frontiers seien Orte gewesen, an denen ständig Unruhe herrschte und die von den imperialen Staaten in Erwartung späterer Gewinne als vorübergehende Anomalie in Kauf genommen wurden. Eine Anomalie mit einer überaus starken Anziehungskraft auf die Menschen: Neben den Städten seien die Frontiers die Wanderungsmagneten des 19. Jahrhunderts schlechthin gewesen, schreibt Osterhammel.

Im Gegensatz zu anderen Frontiers im 19. Jahrhundert sticht bei den USA nun heraus, dass am Ende der Bewegung - an der kalifornischen Pazifikküste - wirtschaftliche und gesellschaftliche Erfolge verbucht wurden, die nicht unmittelbar an der Eroberung des Raumes festzumachen sind, sondern aus eigener Kraft erreicht wurden: Kalifornien gebar Los Angeles, Russland hingegen brachte es mit seiner Frontier nur zu Novosibirsk. Die Folge: Bis heute, zuletzt in der Verbindung der Familie Bush mit den texanischen Ölmagnaten, haben es in den Vereinigten Staaten immer wieder Menschen an die Spitze und in gesellschaftlich maßgebliche Positionen geschafft, die dort als Hardliner exzeptionalistischen Ideen und Umgangsformen des Westens gesellschaftliche Allgemeingültigkeit verleihen konnten. Das macht für Osterhammel die Sonderstellung der Frontier in den USA aus.

Der Grundgedanke der so genannten kalifornischen Ideologie, dieser merkwürdigen Mischung aus dem Glauben an die emanzipatorischen Möglichkeiten der Informationsgesellschaft und libertären Ideen, besagt nun, dass die Expansion der USA über die Grenzen der Pazifikküste nicht allein mit der Ausdehnung des Walfangs in den Pazifik weitergeführt wurde, sondern später, ab den 1980er Jahren, vom Silicon Valley ausgehend mitten in den Cyberspace hinein.

Nun hat aber die globale Überwachungs- und Spionage-Affäre um den US-Geheimdienst NSA dazu geführt, dass das Ende der kalifornischen Utopie eingeläutet worden ist. Man könnte allerdings auch relativieren und sagen, dass die kalifornische Ideologie nicht komplett zerstört wurde, sondern lediglich der sympathischere Teil davon: der Glaube an das emanzipatorische Potential des Netzes.

Insofern müssen wir uns vielleicht gar keine Theorie des Internet im Kapitalismus zulegen, sondern können uns zunächst einmal mit dem übrig gebliebenen Torso der kalifornischen Ideologie beschäftigen.

Die Frage lautet dann also: Was kann uns denn die Web-Frontier-Analogie im historischen Vergleich verdeutlichen?

Folgende Punkte bieten sich dafür auf den ersten Blick an:

  • Der Staat ist der Feind, aber ohne Staat keine Frontier.

    Frontiers sind ohne staatliche Unterstützung - sei es durch militärische, logistische oder finanzielle Hilfen - nicht denkbar. Es muss erst eine kritische Masse an Menschen und ein Minimum an Infrastruktur vorhanden sein, sonst haben die Siedler keine Chance zu überleben. Dennoch sind sie im Vergleich zu traditionell gewachsenen Gesellschaftsformen wesentlich ungeschützter und deshalb eben nicht nur gezwungen, sondern auch freier, bestehende Normen in Frage zu stellen und neu auszuhandeln. Dies hat in der Geschichte schon immer dazu geführt, dass die Menschen an der Frontier althergebrachte Autoritäten in Frage gestellt haben bzw. Eingriffen von oben ablehnend gegenüber standen.

    Die Staatsfeindlichkeit des Silicon Valley, das ohne die massiven finanziellen Entwicklungsgelder des staatlich-militärischen Komplexes in den USA niemals entstanden wäre, ist insofern ganz normal; sie ist der typische Reflex eines Frontier-Milieus.

  • Dem Reichtum der Wenigen steht das Elend der Vielen gegenüber.

    Das Leben an der Frontier birgt außerordentliche Opfer aller Beteiligten, mitunter sogar die Auslöschung ganzer Kulturen. Zu Leitbildern werden aber die wenigen Erfolgreichen, die sich in der Regel über ganz außerordentliche Gewinne freuen können. Sie unterhalten gerne eine untergeordnete Kaste die - relativ gesehen - davon immer noch mehr profitiert als der große Rest. Diese Milieus tendieren zur Abschottung; das Misstrauen gegenüber den Verlierern wächst.

    Im Silicon Valley wird bereits überlegt, künstliche Inseln anzulegen, auf denen die Reichen und Erwählten dieser Erde ihr ganz eigenes Sozialexperiment durchziehen könnten - jedenfalls solange man sich noch nicht komplett abspalten kann vom Staat.

    Wer darin etwas Neues sieht, täuscht sich allerdings: Auch im 19. Jahrhundert zogen sich die ausländischen Kolonialherren in Kanton/China aus Angst vor dem Pöbel auf eine künstliche Insel im Perlfluss zurück.

  • It´s the economy, stupid.

    Frontiers haben die Eigenschaften, neue und erweiterte Formen von Kommunikation und damit die Herausbildung neuer Identitäten zu ermöglichen. Es entstehen “Kontaktzonen des Austauschs” (Osterhammel). Aber:

    Die wichtigsten Konfliktlinien liegen auf nicht-kulturellen Gebieten: Zum einen geht es um den Kampf um Land und die Sicherung von Ansprüchen durch Konzepte von Bodeneigentum, zum anderen um unterschiedliche Formen der Arbeitsorganisation und Ordnung von Arbeitsmärkten.

    Die Marginalität solcher sozialen Hybridgebilde wie der Blogosphäre oder der Netzgemeinde - sie sind sozusagen dem System der Frontier immanent. Es bedarf schon eines Massenprotestes weit über den Wirkungsbereich einer Avantgarde hinaus, um übergeordnete Interessen nachhaltig zu beeinflussen.

  • Jeder Machbarkeitswahn stößt früher oder später an seine Grenzen.

    Jede Frontier hat ihre Grenzen, seien sie zunächst auch noch so schwer erkennbar. Der nordamerikanische Westen wirkte auf die Menschen zunächst grenzenlos und voller Weite. Ein Mangel herrschte aber dennoch von Anfang an, bestimmte maßgeblich das Geschehen und sorgte für Interessenkonflikte: der häufig vorkommende Mangel an Wasser.

    Im Cyberspace ist das ganz genauso: Man ersetze nur das Wort Wasser durch das Wort Zeit.

    Hinzu kommt, dass der Staat dazu tendiert, sich nach einer erfolgreich verlaufenden Frontier-Bewegung seine Investitionen zurück erstatten zu lassen. Nach jedem Laissez Faire kam bislang immer eine Zeit der rechtlichen Einhegung und Regulierung.

    Das wissen auch die Gewinner aus dem Silicon Valley: Die erfolgreichsten unter ihnen investieren ihren Reichtum nicht unbedingt wieder ins Netz. Am konsequentesten ist dabei vielleicht das Paypal-Mafia-Mitglied Elon Musk. Der gebürtige Südafrikaner wettet auf die letzte verbliebene endlose Weite neben dem Cyberspace: das Weltall.

  • Facebook ist eine Stadt und Frösche platzen, wenn sie aufgeblasen werden

    Jürgen Osterhammel unterscheidet in der Verwandlung der Welt, seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts, Verstädterung bzw. Urbanisierung von Industrialisierung und meint, es sei seinerzeit ein wahrlich globales Phänomen gewesen, dass es die Menschen in die Stadt zog. So schafften sie es, “Räume gesteigerter menschlicher Interaktion entstehen zu lassen, in denen Informationen schnell ausgetauscht und optimal genutzt und neues Wissen geschaffen werden konnte.”

    Das geschah schon immer am intensivsten in den großen Städten: Babylon soll bereits 1700 v. Chr. 300.000 Einwohner gehabt haben, Rom 200 n. Chr. die erste Millionenstadt gewesen sein. Die Neuzeit erreichte in Gestalt von Peking die Millionengrenze erst wieder im späten 18. Jahrhundert. Seitdem ist die Urbanisierung anscheinend unaufhaltsam unterwegs wie allein der Vergleich der jeweils bevölkerungsreichsten Großstädte zwischen 1800 und 2010 zeigt:

    Städte um 1800:

    1. Peking (1 Mio.)
    2. London
    3. Kanton

    Städte um 2000 (inkl. Ballungsräume):

    1. Tokio (35 Mio.)
    2. Mexiko City
    3. New York

    Urbanisierung bzw. Verstädterung verdichten und beschleunigen menschliche Gesellschaften und sorgen für neue Möglichkeiten, Erfahrungen und Abwechslung. Städte sind soziale Netzwerke. Und Soziale Netzwerke sind insofern auch wie Städte - auch wenn der Vergleich oberflächlich sein mag.

    Ein Vergleich der derzeit größten Städte und der größten Sozialen Netzwerke auf dem Globus macht imo dennoch ganz offensichtlich: Da ist eine Macht herangewachsen, die sich ihrer selbst überhaupt noch nicht bewusst geworden ist:

    Städte um 2000 (inkl. Ballungsräume):

    1. Tokio (35 Mio.)
    2. Mexiko City
    3. New York

    Soziale Netzwerke 2014:

    1. Facebook (1 Mrd.)
    2. Twitter
    3. Google Plus

    Im globalen Mikrokosmos Deutschland wird die Macht der Masse im Moment bevorzugt eingesetzt, um wahlweise Politiker oder Fernsehmoderatoren zu grillen. Aber das ist Kinderkram und erinnert mich an die bösen Jungs damals auf dem Spielplatz, die Frösche fingen, ihnen hinten Strohhalme reinsteckten und dorthinein bliesen, bis sie zerplatzten.

    Die Macht der Masse ist aber viel viel größer, und der Sturm auf die Bastille ist bis heute das Sinnbild schlechthin für die Eliten geblieben, um sich immer daran zu erinnern, dass sie die Menschen fürchten und kontrollieren müssen.

    Momentan haben ja ganz ähnlich wie im 19. Jahrhundert wieder einige Leute feuchte Träume, dass es Grundformeln einer sozialen Physik geben könnte, die eine von vorne bis hinten gelenkte Massengesellschaft ermöglichen.

    Weiß nicht. Ich mochte Wahrscheinlichkeiten noch nie; deshalb setze ich auf schwarze Schwäne und die Kräfte menschlicher Entscheidungen, weil die immer so schön unlogisch sind.

    Und überhaupt: Ich glaube an die Liebe. Das ist ja nun ein zutiefst irrationales Konzept, machen wir uns nichts vor.

    NSA und American Empire aus der Sicht Herfried Münklers

    Die Überwachungs- und Spionage-Affäre um den US-Geheimdienst NSA hat ein globales Ausmaß und deshalb dürfte sie auch nur global zu verstehen sein. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat sich zuletzt in mehreren Interviews unter Bezugnahme auf seine Imperialismus-Theorie zu der Affäre geäußert - und diese Sichtweise wirft durchaus ein anderes Licht auf die ganzen Umstände, die auf den ersten Blick so unverständlich erscheinen: warum die USA nicht bereit sind, auch nur einen Jota von ihrer weltweiten und verdachtsunabhängigen Überwachungspraxis abzuweichen, warum weder die Europäische Union noch die deutsche Bundesregierung daraus nennenswerte politische Konsequenzen zieht und warum sich trotz der durchaus hartnäckigen Berichterstattung zumindest einiger Massenmedien die Empörung der Bürger der westlichen Hemisphäre in Grenzen hält.

    Es sei naheliegend, schrieb Münkler in der Neuen Zürcher Zeitung, dass

    die Art der offenbar global angelegten Überwachung mit der imperialen Rolle und dem entsprechenden Selbstverständnis der «Supermacht» in Verbindung zu bringen. Nach wie vor nämlich sind die USA der Garant der globalen Ordnung; daran haben der Aufstieg Chinas und das Wiedererstarken Russlands nichts geändert. Beide verfolgen bloss ihre jeweils eigenen Interessen. Das tun die USA zweifellos auch, aber darüber hinaus stellen sie die Einhaltung der Regeln sicher, nach denen diese Interessenverfolgung stattfindet. Es sind amerikanische Regeln, und sie sind so angelegt, dass die USA keinen prinzipiellen Nachteil davon haben. Aber die Alternative dazu sind nicht andere Regeln, es ist vielmehr der Regelverlust.

    In der tageszeitung gab er zu Protokoll, dass es sich bei der NSA um eine “technische Kontrollagentur” handele, die

    ein wesentliches Element imperialer Macht [ist]. Darin sind Elemente ökonomischer, kultureller und politischer Macht gebündelt. Es geht dabei auch um die Frage, was im 21. Jahrhundert eine Waffe ist. Und was die Räume sind, die man kontrollieren muss, um Herrschaft auszuüben. (…) Sie können Spähstrategien als Kompensation für Kriegsstrategien verstehen. Wir könnten auch hämisch sagen: Das ist die wahre Humanisierung des Krieges.

    Solange Deutschland und Europa spähtechnologisch von den USA abhängig bleiben, sieht Münkler keine realistischen Möglichkeiten, die US-amerikanische Regierung zu einem Kompromiss unter gleichberechtigten Partnern zu bewegen:

    Wer mit den USA auf Augenhöhe reden will, müsste im Prinzip die Möglichkeiten haben, auch Herrn Obama abzuhören – jedenfalls solange die USA die Fähigkeit haben, Politik und Wirtschaft in Europa auszuspähen. (…) Nicht Deutschland allein, aber Europa insgesamt muss in zentralen Fragen strategische Ziele formulieren können, ein strategisches Bewusstsein und strategische Fähigkeiten entwickeln. Es wird im 21. Jahrhundert weltweit vier oder fünf handlungsfähige Mächte geben, und die Europäer sollten ein Interesse daran haben, dabei zu sein und nicht überall betteln gehen zu müssen.

    Kurzformel

    radikale Privatisierung des Öffentlichen + radikale Öffentlichkeit des Privaten - Konformismus = das Web als inwendig gestülpte Gesellschaft.

    Achtung, Öffentlichkeit!

    Es sind Phantomschmerzen, die Daniél Kretschmar da in den taz.blogs skizziert: die Phantomschmerzen des Staatsbürgers, der aufgrund der NSA-Affäre feststellen muss, dass Souveränität ein Relikt aus der Ära der Nationalstaaten ist und die meisten Menschen dies lediglich schulterzuckend zur Kenntnis nehmen.

    Solange eine Bevölkerung den Wert von Information nicht erkenne und nicht mit den unmittelbaren Folgen der informationsgestützten Intervention der fremden Macht konfrontiert werde, meint Kretschmar, entwickele sie auch kein Schutzbedürfnis: “Ohne Bewusstsein für die Macht der Daten gibt es kein Bewusstsein für verlorene Souveränität.”

    Das meine ich mit Phantomschmerzen: Natürlich gibt es ein Bewusstsein für schwindende nationalstaatliche Souveränität. Und natürlich wissen die Menschen, dass der Europäische Gerichtshof, die Europäische Kommission und die Europäische Zentralbank ebenso wenig wie der Internationale Währungsfonds, die Weltbank oder die Welthandelsorganisation demokratisch irre legitimiert sind und dennoch ihre Geschicke inzwischen wohl nachhaltiger prägen und lenken als jede denkbare Bundesregierung.

    Dieses Wissen schlägt sich bereits konkret in Verhaltensweisen nieder: Während die Eliten laut Franz Walter unter der Hand die Funktionalität der Demokratie für die komplexen Probleme auf globaler Ebene bereits anzweifeln, hat es sich der große Rest mit den Worten Georg Seeßlens in einer Kultur bequem gemacht, in der man lernt, nichts wirklich ernst zu nehmen - alle positiven und negativen Nebenwirkungen eines solchen Zeitgeistes inklusive:

    Zu Recht misstraut die Kultur des Unernstes den großen Welterzählungen und heroischen Mythen der Geschichte, zu Recht misstraut sie Lösungen, Modellen, Projektionen, Helden und Vordenkern; zu Unrecht aber glaubt sie, man könne sich durch Ironie, Moderation und Distanz von der Verantwortung für den Lauf der Dinge befreien. Zu Unrecht glaubt sie an eine Möglichkeit, sich rauszuhalten und trotzdem alles zu sehen. Zu Unrecht glaubt die Kultur von Abklärung und Unernst, den Mächtigen sei am besten mit taktischer Nachgiebigkeit und einem Hauch von Subversion zu begegnen.

    Insofern braucht es kein “Bewusstsein für den Wert und die Macht der Informationen und eine glaubhafte Erzählung darüber, dass die Verfügungsgewalt darüber nur vom Individuum selber - souverän - ausgeübt” werden kann, wie Daniél Kretschmar meint - das Bewusstsein dafür ist bereits vorhanden, wird offenbar aber als nicht zeitgemäß bzw. zielführend betrachtet. Es verstellt vielleicht sogar den Blick, zum Beispiel auf die materiellen Konsequenzen dieses ganzen Schauspiels, wie Günter Hack angemerkt hat.

    Wir sind nackt auf weitem Feld. Kein Schutz in Sicht, schreibt Hans Hütt. Das ist es letztendlich, was die politische Klasse am Abhören des Handys der Kanzlerin stört: Wenn das Gefühl der Schutzlosigkeit sich in den Köpfen der Menschen weiter festsetzen sollte, dann ist nicht “nur” die Souveränität der Staaten bedroht, sondern auch und nicht zuletzt ihre Einnahmequellen - etwa die Legitimation, Steuern zu erheben.

    Insofern ist es nicht das öffentliche Bewusstsein, das sich den Realitäten annähern sollte; es geht um den öffentlichen Raum, in dem ein solches, teilweise durchaus bereits vorhandenes Bewusstsein sich entfalten könnte: Es ist dieser Raum, den Funktionsträger der herkömmlichen Ordnung wie Alexander und Cameron freihalten wollen von den mühsamen Prozessen der Meinungsbildung. Weil die Meinungen bereits feststehen und eine Diskussion ebendieser dann wirklich das “leere parlamentarische Gerede” à la Carl Schmitt wäre. Und das jedem auch auffallen würde.

    Es gebe keine menschliche Verrichtung, welche des Wortes in gleichem Maße bedürfe wie das Handeln, hat Hannah Arendt einmal zu Papier bebracht. Taten aber, die nicht von Reden begleitet seien, schafften dagegen nackte Tatsachen und sabotierten alle Möglichkeiten einer Verständigung - allein weil die Handelnden nicht identifizierbar und somit auch nicht haftbar zu machen seien.

    Wir haben also keine Krise des Bewusstsein; dem Bewusstsein der Krise werden vielmehr seine angestammter Plätze verwehrt: die Öffentlichkeit, in der es sich ausbreiten darf, und der öffentliche Raum, in dem Veranwortlichkeiten zugewiesen werden können.

    (Vielen Dank an Michael Wald für das Foto.)

    Postdemokratie und Partizipationsgesellschaft

    Was die Substanz des Postdemokratie-Begriffes ausmacht, warum Demokratisierung für Depolitisierung sorgt und Intransparenz erzeugt, wieso eine Partizipationsgesellschaft einer Zensusgesellschaft ähnelt und wie das alles zusammen hängt - das erklärte der Politikwissenschaftler Franz Walter auf der Konferenz Denk ich an Deutschland ebenso anschaulich wie lebendig. Anschauenswert.

    Hannah Arendt über Gesellschaft und #bigdata

    In der Massengesellschaft hat das Gesellschaftliche den Punkt erreicht, wo es jeweils alle Glieder einer Gemeinschaft gleichermaßen erfasst und mit gleicher Macht kontrolliert. Das Gleichmachen ist aber der Gesellschaft unter allen Umständen eigentümlich, und der Sieg der Gleichheit in der modernen Welt ist nur die politische und juristische Anerkennung der Tatsache, dass die Gesellschaft den Bereich des Öffentlichen erobert hat, wobei automatisch Auszeichnung und Besonderheit zu Privatangelegenheiten von Einzelindividuen werden.

    Auf dem gleichen Konformismus, den die Gesellschaft verlangt und durch den sie handelnde Menschen in sich verhaltene Gruppen organisiert, beruht auch die Wissenschaft, die dem Entstehen der Gesellschaft auf dem Fuße folgte, nämlich die Nationalökonomie, deren wichtigstes wissenschaftliches Rüstzeug die Statistik ist. Einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit konnten Wirtschaftstheorien erst erheben, als die Gesellschaft ein einheitliches Sich-Verhalten durchgesetzt hatte, dessen Formen man nun erforschen und einheitlich systematisieren konnte, weil alle Unstimmigkeiten als Abweichungen von einer in der Gesellschaft geltenden Norm und daher als asozial oder anomal verbucht werden konnten.

    Dieser statistische Standpunkt hat seine Berechtigung, weil Taten oder Ereignisse ihrem Wesen nach selten sind und stets ein Alltägliches unterbrechen, das in der Tat berechenbar ist. Nur vergisst man dabei, dass auch diese Alltäglichkeit den ihr eigenen Sinn nicht aus dem Alltag selbst bezieht, sondern aus dem Ereignis oder der Tat, die diesen Alltag und seine Alltäglichkeit allererst konstituiert haben.

    Aus der unbestreitbaren Gültigkeit statistischer Gesetze im Bereich großer Zahlen folgt leider für die Welt, in der wir leben, nur, dass jede Zunahme der Bevölkerung diesen Gesetzen eine erhöhte Geltung verleiht, der gegenüber die “Abweichungen” immer gegenstandsloser werden.

    Je mehr Menschen es gibt, desto wahrscheinlicher wird es, dass Menschen sich wirklich nur noch verhalten, und desto unwahrscheinlicher, dass sie solche, die sich anders benehmen, auch nur tolerieren.

    Aus: Hannah Arendt. Vita Activa (1958)

    Diskurshäuflein mit Katzenjammer

    Ok, die Bundestagswahl hat uns also gezeigt, dass Deutschland ein strukturkonservatives Land ist, die Verletzung bestehender Grundrechte von Seiten der Geheimdienste niemanden interessiert, der Weg zur digitalen Gesellschaft weit und die Netzpolitik mitsamt Piratenpartei am Ende ist, während die Netzgemeinde kein Schwein ernst nimmt und am Diskurstropf der Massenmedien hängt - ohne Einfluss und ohne Macht, geschweige denn Geld, um das zu ändern.

    Kurz: Die Bundestagswahl hat uns nichts gebracht, was wir nicht schon vorher gewusst haben, mindestens aber hätten wissen können.

    Das vorläufige Fazit lautet mit Sascha Lobo also: Die Bürger fürchten den Veggie-Day in der Firmenkantine mehr als die Totalüberwachung des Internets. (…) Das ist demokratisch zu akzeptieren, so schwer es fällt. Was nicht bedeuten darf, netz- und gesellschaftspolitisch zu resignieren, so schwer es fällt.

    Nun sind in den vergangenen Tagen eine ganze Reihe von Gründen angeführt worden, warum es denn in aller Welt so weit kommen konnte. Streichen wir dabei allerdings jene, die die Schuld bei den allesamt pöhsen Wählern, Politikern und Medien suchen, scheint sich vor allem eine Lesart des Geschehens herauszuschälen: Es mangelt allem Anschein nach an einer anschaulichen Geschichte, die deutlich macht, dass es für alle bald ans Eingemachte gehen könnte, nicht nur für irgendwelche exotischen Asylsuchende, die auf Namen wie Assange oder Snowden hören.

    So meint Felix Schwenzel: was fehlt, um die themen der netzpolitik, der freiheit und der grundrechte nach vorne zu bringen oder zu einem wahlentscheidenden thema zu machen, so wie vor 20 oder 30 jahren die umweltpolitik, ist nicht aufklärung oder bessere vermittlung, sondern emotionale aufladung. betroffenheit kann man kaum intellektuell erzeugen, sondern eher emotional oder dramatisch.

    Na gut, wovon reden wir hier eigentlich? Doch offensichtlich nicht von Formen des Netz-Protestes, auch nicht von Forderungen an die Netz-Politik, sondern von den Möglichkeiten, den Netz-Diskurs zu beeinflussen und in den der Massenmedien einzupflanzen. Wir reden also über Öffentlichkeit im Internetzeitalter.

    Felix Schwenzel hat natürlich seinen Punkt, wenn er sich an der Umweltbewegung orientiert und meint, dass das geringe Interesse an Netzthemen an den fehlenden Emotionen liegt, die nun einmal am besten über Personen und ihren Geschichten hervorzurufen sind. Wobei ich nicht glaube, dass wir unbedingt ein paar neue Opfer benötigen, die den Leuten in Deutschland näher stehen als Assange oder Snowden, damit sie endlich schlucken, dass das Thema sie sehr wohl betrifft bzw. ganz schnell betreffen könnte. Die Umweltbewegung inklusive der Klimadebatte hat Emotionen und Identifikation zwar auch über eine Personalisierung der Themen, aber nicht über Opfer, sondern eher über prominente Köpfe hinbekommen: Al Gores An Inconvenient Truth mag zum Beispiel kein guter Dokumentalfilm über die globale Erwärmung sein. Wichtig war aber, dass Gore seinen Promikopf für diesen Film hergab und dieser so erst seine Wirksamkeit entfalten konnte.

    Personalisierungen und Prominente allein werden dem Netz-Diskurs bestimmt nicht zu mehr Durchschlagskraft verhelfen. Dafür müssten sich schon einige Strukturen und Voraussetzungen ändern: Kurz gesagt, müsste der Netz-Diskurs unabhängiger von den Massenmedien werden und gleichzeitig seine Kanäle in dieselben ausbauen. Auf Anhieb fallen mir dazu drei Baustellen ein, die die Netzmenschen durchaus aus eigener Kraft schaffen bzw. unterstützen könnten: die Reanimierung der Piratenpartei, die Schaffung einer eigenen Diskurs-Plattform und die Beseitigung der blinden Flecken im eigenen Denken.

    Reanimierung der Piratenpartei: Es ist zwar nicht ganz klar, was aus der Piratenpartei nach dem desaströsen Ergebnis bei der Bundestagswahl werden wird. Das ändert aber nichts daran, dass da gerade eine Generation erwachsen wird, die viele Ansichten der Piraten teilt und den Anspruch hat, die Gesellschaft mitzugestalten. Da wir die Piraten nun einmal haben und sie so heißen, wie sie dummerweise heißen, ist es wahrscheinlich das beste, wenn sie überleben, aus ihren Fehlern lernen und wieder neu angreifen. Allerdings wird das mit Sicherheit nicht funktionieren, wenn ihre Basis die in der Öffentlichkeit stehenden, führenden Köpfe der Partei weiterhin mobbt und grillt und fertig macht. Anders formuliert: Die Piratenpartei muss endlich ihre Ablehnung gegenüber jeglichen repräsentativen Funktionen überwinden und zu einer Organisationsform finden, die diesen Namen auch verdient. Dann kann sie auch wieder über Online-Mitgliederversammlungen und Liquid Feedback nachdenken. Im Schwenzelschen Personalisierungssinne müsste man sich als Sahnehäubchen obendrauf dann eigentlich noch Marina Weisband als Parteivorsitzende wünschen - ob sie sich das persönlich wirklich antun möchte, kann ohnehin nur sie selbst beantworten; für die Partei wäre sie mit Sicherheit keine schlechte Lösung.

    Schaffung einer eigenen Diskurs-Plattform: Das letzte netzaktivistische Projekt, das wenigstens versuchte, vom Diskurstropf der Massenmedien wegzukommen, war telepolis, bevor der Heise Verlag die Sense ansetzte und das Geld kürzte. Das ist in etwa zehn Jahre her. Momentan gibt es neben netzpolitik, der Plattform mit kruden Texten und technischem Zuschnitt für den männlichen Nerd, nur perlentaucher und carta, die von den Journalisten der Massenmedien regelmäßig gelesen und verwurstet werden. (Der Rest besteht aus twitter, vielleicht noch rivva sowie einzelnen Autoren - man könnte auch sagen: Sascha Lobo.) Nun ist der perlentaucher eher ein Aggregator als eine Diskurs-Plattform. Und carta ist zwar kein reiner Aggregator, aber hat sich zu einer Plattform entwickelt, die alles veröffentlicht, was irgendwie Aufmerksamkeit verspricht und dadurch völlig beliebig wirkt: carta hat inzwischen den Charme einer Sauna für alte Männer, in der selbst entkleidete Mspro-Textkörper eine jugendliche Aura verströmen. Was fehlt, ist also ein Aggregator mit einem klaren inhaltlichen Konzept, einem formidablen Algorithmus, der die wichtigen Texte im Netz zum Thema herausfischt, und einigen guten Leuten, die in der Lage sind, Themen sinnvoll zu clustern, weiterzuentwickeln und eine Community bei Laune zu halten. Dann käme die Aufmerksamkeit der Massenmedien von ganz allein, und die so genannte Netzgemeinde hätte eine neue publizistische Heimat.

    Beseitigung der blinden Flecken im eigenen Denken: Es fällt auf, wie sehr viele Netzaktivisten der kalifornischen Ideologie anhängen, die neben den ganzen freiheitlichen und bürgerrechtlichen Idealen eben auch tief sitzende libertäre Elemente hat: die Ablehnung von staatlichen Institutionen, von Regulierung und Einmischung. Dieser Internetpositivismus, dass man im Grunde genommen nur Wissen zugänglich machen muss und sich die Dinge dann von selbst erledigen, alles sich von selbst löst, das ist eine zentrale Idee (…). Eine Idee, die davon ausgeht, dass sie nicht ideologisch ist, sondern praktisch. Das ist genau der Punkt. Nun gehen die Meinungen darüber, wie diese aus der kalifornischen Ideologie kommende Internet-Gegenkultur zu bewerten ist: Steht sie für ein neues Stadium kapitalistischer Wertschöpfung im positiven Sinne, für mehr Freiheit und mehr Selbstbestimmung des Einzelnen oder ist sie doch nur eine perfide agierende Entwicklungsabteilung des Kapitalismus, die die kulturelle und immaterielle Produktion vorbereitet und zur Zerschlagung und Abwertung von Institutionen der alten Arbeiterbewegung beigetragen hat? Um diese Frage zu beantworten, müsste die Internetszene nicht nur kritisch mit “dem Staat”, sondern auch mit “der Wirtschaft” umgehen, die heiligen Kühe (google, apple, etc.) schlachten, sich aus der geistigen Abhängigkeit von der Techindustrie befreien - und damit sich den eigenen Biasen stellen. Das würde Glaubwürdigkeit schaffen.

    tl;dr: Ey Netzgemeinde, Du hast genug gejammert. Mach mal was.

    blogoscoop