Monatsarchiv für Oktober 2008

 
 

la vida es una tombola

Die hohe Kunst der Führung, die hierzulande aus den bekannten historischen Gründen gerne neudeutsch als leadership bezeichnet wird, erfordert - sagen derzeit alle Experten - vor allem bestimmte charakterliche Merkmale. Mehr noch als Fachwissen.

Seit die bösen bösen Manager unter Beweis gestellt haben, dass Sie die Kohle, die sie sich in die eigene Tasche stecken, nicht aus dem Nichts generiert wird, sondern durchaus mal an anderer Stelle fehlen kann (Finanzkrise), ist auf angelsächsischen, businessorientierten Blogs ein Thema richtig angesagt: the art of leadership.

Ich zitiere: “During these difficult economic times clear and meaningful communication is critical. People are looking to their leaders for direction and hope.”

Vielleicht wird die Musik aber auch ganz woanders gespielt? Eventuell ist die Avantgarde der Businesswelt weder US-amerikanisch noch chinesisch, oder indisch, oder russisch, oder dubai-isch? Kohle ist halt doch nicht alles.

In Sachen leadership ist die Avantgarde…

…argentinisch: TUSCH!

Diego Armando Maradona, Fußballgott, ist der neue Nationaltrainer Argentiniens!

httpv://www.youtube.com/watch?v=tt4P_iAjA_A

Das dürfte doch allen verkannten Führungspersönlichkeiten Hoffnung machen: Kein Skandal, keine Drogensucht, weder Fettleibigkeit noch mangelnde Erfahrung, auch nicht Doping oder Dummheiten, noch nicht einmal die Freundschaft Castros und Chavez’ wiegen das auf, was gemeinhin als Halo-Effekt bezeichnet wird - wenn also bestimmte Merkmale eines Menschen alle anderen Eigenschaften in den Hintergrund treten lassen.

Maradonas ganz persönlicher Halo-Effekt ist, das weiß die Herald Tribune zu berichten, dass er nach eigener Aussage das männliche Pedant zu Evita Perón sei: Maradona, (Fußball-)Gott!

Wie dem auch sei, die Argentinier nehmens erstaunlich locker, der Sportableger Argentiniens größter Tageszeitung, Clarin, problematisiert die Entscheidung überhaupt nicht, spekuliert über Personalien und zitiert des Landes derzeit größten Star, Lionel Messi, mit den Worten, ich übersetze mal frei: “Diego als Trainer: Das ist der Traum meiner Mama.

Die Deutschen indes verstehen mal wieder gar nichts und bemühen sich um Hintergründe, so zum Beispiel der (von mir hoch geschätzte) Journalist Jens Weinreich. Ich empfehle allen Romantikern mit der lesenswerten Lektüre seines Blogeintrages einige Tage zu warten, ist dem Halo-Effekt einfach nicht zuträglich: Die Inthronisierung Diegos sei das Werk des anrüchigen Julio Humbertos Grondonas, des “Paten des argentinischen Fußballs”, um seine Pfründe zu sichern, schreibt Weinreich und zitiert den argentinischen Journalisten Ezequiel Fernandez Moores zum Thema. Ein tolles Detail sei aber noch verraten: Grondona, schreibt Weinreich, trage einen “schweren, goldenen Siegelring”, auf dem stehe sein Motto: Todo pasa.

Todo pasa!

Hans-Werner von Sinnen

Hans-Werner Sinn, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung, ist ja bekannt dafür, seinen Äußerungen ganz gerne ein populistisches Timbre zu verleihen. Und für einen Wissenschaftler, sofern man den Ökonomen an sich als solchen bezeichnen will, hat er es damit zu einem bemerkenswerten Bekanntheitsgrad gebracht. Genau so wie einige seiner durchaus nicht unoriginellen Wortschöpfungen.

Man denke etwa an den Begriff der Basarökonomie, mit der Sinn darauf aufmerksam machte, dass zumindest in einigen Branchen immer mehr Produktionseinheiten außerhalb des Landes produziert werden und in Deutschland selbst nur noch mit dem fertigen Teilen jongliert werde - wie eben auf einem Markt.

Nun hat Sinn aber einen auf Eva Herman gemacht.

Angesichts der kollektiven Managerschelte, die im Zuge der Finanzkrise immer heftiger wird, ist Sinn ganz offensichtlich der Kragen geplatzt. Ich zitiere: „In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“

Gut, Sinn hat sich inzwischen entschuldigt, insofern hat er nicht die Herman gemacht. Aber das ist schon alles, was daran positiv ist.

Schade schade aber, dass Sinns Lapsus so enorm war, dass er gleich mit den Juden kommen musste. Denn so wird etwas in seiner Formulierung untergehen, was für eine Auseinandersetzung weitaus fruchtbarer gewesen wäre: die Rede vom “anonymen Systemfehler”. Das schlägt dem Fass ja wohl den Boden aus: Wer hat denn das “System” designt, wer sitzt denn an den Knöpfen? Wer hat profitiert davon? Wer hat überhaupt die Chance, es zumindest in Teilen zu begreifen, zu überblicken? Nicht nur Manager, in Ordnung; andererseits nur wenige nicht. Aber, und das ist ja wohl der Punkt, vor allen Dingen doch MENSCHEN AUS FLEISCH UND BLUT!

Haben denn die Manager keinen Anteil daran, dass sich der Eindruck eingeschlichen hat, das ach so “anonyme System” ist nur so anonym, weil gewisse Leute das zu ihrem eigenen Vorteil gerne so hätten? Es werden doch höchstens nur die kleinen Fische identifiziert und damit der Öffentlichkeit sichtbar gemacht, solche Leute wie Jérôme Kerviel zum Beispiel, ehemals Spekulant bei der Socièté Générale. Wo hat sich denn mal in den vergangenen Wochen mal einer der Hechte hingestellt und signalisiert, dass er nur dicke Kiemen hatte und nix dahinter?

Da fällt mir momentan nur - und das ist ja nun traurig bis dorthinaus - Josef Ackermann ein, ausgerechnet! Der hat gesagt, er würde sich schämen, das Hilfspaket der Bundesregierung für “seine” deutsche Bank anzunehmen. Da hat er mal Recht gehabt. Und hat dafür Prügel bezogen, vor allem von der Politik, weil Ackermann ja mit diesen Außerungen dem SYSTEM ja noch MEHR Vertrauen entziehe als ohnehin schon geschehen.

Wie sagte neulich Stephan A. Jansen, Präsident der Zeppelin University in Friedrichshafen, in der Brand Eins zur Finanzkrise und ihren Folgen, Zitat: “Abstrakt formuliert: Als post-postmoderne Gesellschaft arbeiten wir - Medien und Wissenschaft - an der Dekonstruktion von Systemvertrauen.”

Nicht nur die, nicht nur die.

Ostdeutsche Protestanten fummeln nicht gern

Abgreifen, antatschen, befingern, befummeln, betatschen, herumfingern, herumfummeln, nesteln: Das sind laut leo.org die möglichen Übersetzungen des spanischen Verbes manosear.

“A Merkel no le gusta que Sarkozy la manosee”

- Merkel mag es nicht, dass Sarkozy sie antatscht - schreibt El País, indem die spanische Zeitung sich auf eine Meldung des schweizerischen Blattes Le Matin beruft. (Dort habe ich den Text leider nicht gefunden). Sinngemäß heißt es in der Meldung, Merkel fühle sich von Sarkozy bedrängt, wenn dieser - laut País ganz Latino - ihr auf den Rücken klopfe, seinen Arm um die Schulter lege, ihren Arm ergreife oder ihr einen Kuss gebe.

 (Inzwischen hat El País ein Stück weit zurückgerudert und die Überschrift mit einem Fragezeichen versehen, nachdem die Bundesregierung sich offenbar bemüßigt gefühlt hat, diese Meldung zu dementieren…)

Indes, heißt es (nach wie vor) weiter, der Ärger der Bundeskanzlerin sei nicht persönlich gemeint; das alles sei eine Frage kultureller Unterschiede: Sarkozy verspüre das Bedürfnis, seine Gesprächspartner anzufassen und repräsentiere so den mediterranen Typus Mensch im Allgemeinen.

Merkel dagegen - und nun wird als Gewährsfrau die Pariser Taz-Korrespondentin Dorothea Hahn zitiert - komme nicht nur aus Deutschland, wo es nicht üblich sei, sich groß anzufassen, sondern aus Ostdeutschland, wo dies NOCH weniger üblich sei. Und als sei diese Begründung noch nicht krude genug, setzt Hahn laut Zitat noch einen drauf: Darüber hinaus, so wird sie wiedergegeben, sei Merkel auch noch Protestantin, was eine gewisse Distanz zwischen Individuen impliziere.

Fazit: Ostdeutsche Protestanten fummeln nicht gerne rum.

Oder: Frau Hahn (wenn Sie diesen Unsinn wirklich verbreitet hat) sollte mal darüber nachdenken, was unreflektiertes Nachplappern von Stereotypen anrichtet, zumal wenn man AUSLANDSkorrespondentin ist.

Blockbuster schlägt Long Tail

Chris Andersons “The Long Tail” ist momentan und immer noch der Katechismus des Silicon Valley und seiner Adepten. Mit seiner Grundthese, dass mit Hilfe des Internets Nischenprodukte (sprich der long tail) betriebswirtschaftlich an Bedeutung gewinnen werden, ist das Buch des Wired-Chefredakteurs für alle Internetaffinen und Web-2.0-Anhänger eine Verheißung.

Inzwischen gibt es Stimmen, die diese These bestreiten.

So zum Beispiel Harvard-Professorin Anita Elberse, die im Juli in der Harvard Business Review eine Untersuchung präsentiert hat, die Marketings- und Vertriebs-Verantwortliche davor warnt, sich von Nischenprodukten Umsatzsteigerungen zu erhoffen und ihre so genannten Blockbuster-Strategien über den Haufen zu werfen. Elberse hat sich die Verkaufzahlen einiger Musik- und Video-Unternehmen über mehrere Jahre hinweg angeschaut und zeigt, welche Auswirkungen eine Verbreiterung des Angebotes und eine vereinfachte Suche nach Produkten hat: Kurz gesagt, profitieren einige Nischenprodukte; wesentlich mehr allerdings gehen in der Masse völlig unter und werden gar nicht mehr erworben. Und, noch überraschender: Die Umsätze der Bestseller wachsen.

Unter dem Strich bestreitet Elberse nicht die Möglichkeiten, die das Internet auch abseitigen Geschäftsideen und nicht von vorneherein massenkompatiblen Produkten bietet. Doch ihre Message ist klar: Kunden und Umsätze werden über populäre Produkte erzielt, und in diese sollte man auch das Geld für Marketing investieren. Wer seine Vielkäufer bei Laune halten will, kann diesen ab und zu auch Nischenprodukte offerieren, aber nicht zu oft. (”Hit products are also liked better than obscure products. It´s a myth that obscure books, films, and songs are treasured”).

Und: Es darf auf keinen Fall viel kosten, am besten gar nichts.

Für Lee Gomes scheint die Sache klar, wie er in seiner Wall-Street-Journal-Online-Kolumne schreibt. “In retrospect. ‘The Long Tail’ seems to have followed the template of many Wired articles: take a partly true, modestly interesting, tech-friendly idea and puff it up to Second Coming proportions.”

Macht und Wesen der Maschinen

Die jüngste Geldverbrennungsaktion der Wall Street hat ein Thema hochgespült, das immer mal wieder auch in den Massenmedien auftaucht, zuletzt wahrscheinlich im Zuge der Matrix-Trilogie: Die Macht der Maschinen.

George Dyson, “Historiker unter den Futuristen”, hat auf edge.org einen hübschen Abriss über die Herkunft des englischen Begriffes Stock für Aktie und die Geschichte des Wertpapiers geschrieben, um schließlich zum eigentlichen Problem der globalen Finanzkrise vorzustoßen, die Abkoppelung des Geldsystems von der Realwirtschaft: “The unlimited replication of information is generally a public good (…). The problem starts, as the current crisis demonstrates, when unregulated replication is applied to money itself. Highly complex computer-generated financial instruments (known as derivates) are being produced, not from natural factors of production or other goods, but purely from other financial instruments.”

Richard Dooling nimmt diesen Faden in der New York Times auf und stellt sich die Frage “Just how much of the world´s financial stability now lies in the ‘hands’ of computerized trading algorithms?”, nachdem die “quantitative analysts (’quants’) and masters of ‘algo trading’” ein Kartenhaus errichtet hätten, dessen Statik nur noch Computer - sprich Maschinen - nachvollziehen können. Für ihn gibt es dafür nun einen kostenlosen Blick in den Abyssus. Fortsetzung folgt demnach wahrscheinlich.

Bei solch düsteren Gedanken kann man ja geradezu dankbar sein, dass es Norbert Bolz gibt. Der sieht die ganze Sache - wie sollte es anders sein - ungleich optimistischer und hat neulich im Merkur (na gut, sicherlich kein Massenmedium) den Essay “Der Prothesengott” veröffentlicht.

Technik ist doch gar nicht böse,

sagt er und fängt im Urschleim unserer Zivilisation - der Antike und dem Mittelalter - an, um den Technikbegriff der Neuzeit zu erklären. Entscheidender Wendepunkt dieser Entwicklung ist für Golz das Morphen des Freudschen Prothesengottes, der den modernen Menschen lediglich optimiert, zum Einbau der Technik in die Welt, “mit unvorhersehbaren Folgen”. Denn die Technik sei der Natur gegenüber gleichgültig und folge somit auch nicht dem Willen des Menschen. Durch diese Freiheit der kybernetischen Maschinen aber breche “sich eine Rationalität jenseits menschlichen Verstehens Bahn.” So weit ist er auf einer Linie mit Dyson und Dooling. Dann aber die Wende zum Guten.

Durch Kreativität.

Dieser Begriff sei “die offensive Antwort auf den fundamenalen Sachverhalt, dass der Prozess der Technisierung aller Lebensverhältnisse sich längst von der Natur des Menschen emanzipiert hat.” Also müsse man ein Stück weit das Spiel der Technik mitspielen, um ihr Wesen zu verstehen und so zu neuen Lösungen zu kommen. Es sei deshalb wichtig zu begreifen, dass “gerade die technische Beschränkung des Möglichen die Produktion des Neuen ermöglicht.”

Folgerichtig identifiziert Bolz zwei prototypische Figuren, die diesen Weg beschreiten: den Techniker und den Unternehmer. Gerade letzterer, der im Gegensatz zum Techniker das Neue nicht erfinde, sondern anwende, könne in einem schöpferischen Akt (Schumpeters Unternehmer-Künstler-Analogie wird bemüht) das Wesen der Maschinen erschließen - um letztendlich dem Menschen zu nutzen.

Na dann.

Thea hat ihre Ballerinas weggeschmissen

Was ich mag: Thea Dorn denkt sich Überschriften aus, die hängen bleiben. Unvergessen ist zum Beispiel Dorns ”Endlich Zeit für Apfelkuchen”, ein Artikel, mit dem sie im Spiegel den Rausschmiss Eva Hermans aus dem NDR kommentierte.

Was ich nicht mag: Ich habe noch kein Foto Dorns gesehen, auf dem sie normal guckt. Bei der Thea habe ich immer den Eindruck, sie wolle einen Tick zu viel in ihren Blick legen: Hintergründigkeit, ironische Distanz, einen spöttischen Zug, was auch immer - selbst auf den Umschlägen ihrer Bücher. Hat sie gar nicht nötig.

Denn die Frau kann ja was, zum Beispiel schreiben.

In der jüngsten Ausgabe des Spiegels beklagt Dorn, dass es hierzulande “keinen öffentlichkeitsrelevanten Intellektuellen unter sechzig mehr” gebe und glaubt, dies liege unter anderem daran, dass die Jüngeren nichts mehr richtig an sich ran lassen. Tenor: Erfahrungen sind nicht en vogue. Ähnlich wie bei den viel gescholtenen 68ern. “Nur, dass die Immunisierung keiner maoistisch-trotzkistisch-lenistischen Verblendung entspringt, sondern einer Lyotard-Baudrillard-Derridaschen.” (Warum musste ich da eigentlich gleich an Mercedes Bunz denken?)

Ihren anschließenden Appell an die Intellektuellen angesichts der schwerwiegenden gesellschaftlichen Probleme, zu denen derzeit Hinz und Kunz, aber scheinbar nur wenige Verstandesmenschen etwas zu sagen haben, “die Ballettschuhe aus[zu]ziehen und und in den Ring [zu] steigen”, statt “weiter (…) Pirouetten des Geistes zu drehen”, begeistert mich. Endlich fordert das mal wieder jemand ein, verdammt.

Die Gegner der Intellektuellen, die sie herausstellt, sind aber nicht immer meine. Prominente, die sich zu Dingen äußern, von denen sie keine Ahnung haben, gut. Experten, die keinen Widerspruch zulassen, weil sie glauben, Ahnung zu haben, einverstanden.

Aber die Laien untergraben die Autorität der Intellektuellen? Huh, da ist sie wieder mal, die Angst der Intelligenzler vor der Masse. Und wenn nicht davor, so doch zumindest vor Wikipedia (Stichwort Erfahrungen). Ich glaube, es ist genau so, wie Thea Dorn schreibt: “Zeitgeschehen zu analysieren und vor einem größeren Hintergrund zu interpretieren (…) ist keine Feierabendbeschäftigung, sondern eine echte Profession.” Genau. Auch Laien honorierten das, nähmen die Geistarbeiter sie nur auch mal ernst.

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