Monatsarchiv für November 2008

 
 

Galopp ins Nirgendwo

 

Der Springer-Verlag hat seinen Schrecken für links der Mitte stehende Kreise ja schon längst verloren; und es dürfte den, sagen wir nach 1980 Geborenen schwer fallen sich vorzustellen, dass im Journalismus ein Wechsel von der Bild zur Süddeutschen oder von der Taz zur Welt außergewöhnlich, schwer möglich, auf jeden Fall aber anrüchig war. Einmal Springer, immer Springer hieß es. Und wer sich auf eine Weltanschauung festlegte, musste tunlichst dabei bleiben - oder brandmarkte sich als Publizistik-Luder. (Inzwischen ist Springer, vor allem aber das Springerblatt mit den 4 Buchstaben dermaßen salonfähig geworden, dass man Niggemeier und Co. dankbar sein muss, das Bildblog zu betreiben, obwohl er dafür auch schonmal ordentlich einen verpasst bekommt.)

Salonfähigkeit hin oder her, gewisse Reflexe Boulevardblättern gegenüber haben sich ganz gut konserviert, und dazu gehört der, von der Qualität des Inhalts auf die Kompetenzen der Produzierenden zu schließen und so einer nicht angemessenen Unterschätzung der Wirkung gewisser Blätter Vorschub zu leisten. Diesen Eindruck hatte ich zum Beispiel bei Robert Basics Bericht zu seinem Besuch bei der Axel-Springer Akademie, in dem er sich angesichts der dort angetroffenen jungen, offenbar eloquenten Nachwuchsjournalisten des Eindrucks nicht erwehren kann, dass der Verlag “Personal mit einem jungen, eigenen Kopf an Bord geholt hat”. (Was hat er denn vermutet? Dass da nur Vollpfosten rumhängen?)

Was Basic gleichwohl vermisst - und da wird die ganze Sache spannend - ist die noch nicht ansatzweise erschütterte oder porös gewordene Zuversicht der Nachwuchs-Springer, an den entscheidenden Hebeln der Informationsauswahl, -aufbereitung und -wertung zu sitzen. Oder, in Basics eigenen Worten:

“Es fällt ihnen schwer, sich eine mögliche Zukunft vorzustellen, in der unternehmerisch zentralisierte Nachrichtenproduzenten durch noch wesentlich leistungsfähigere Netzmechanismen als heute über eine dezentrale Informationsaggregation, -filterung und -synthese in ihren Grundfesten erschüttert werden könnten.”

Basic führt zwei Bereiche an, in denen genau das bereits geschehe bzw. geschehen sei, nämlich die Finanzbranche und die Gamer-Community. (Wäre mal eine Aufgabe, diese beiden Gruppen in ihrer Struktur zu vergleichen; könnte mir vorstellen, dass da mehr Ähnlichkeiten bestehen als man auf den ersten Blick annimmt: Oder kennen Sie viele Investmentbanker jenseits der 40 ?) In diesen beiden Bereichen gebe es, so Basic, “zunehmend bessere Systemiken (Mischung aus Netzkultur, Webservices und arbeitsteiliger Collaboration), wo sich Peergroups untereinander informieren” und Zeitungen nicht mehr als Hauptinfoquelle fungierten, aus Mangel an Tiefe fungieren könnten.

Den kritischen Punkt an diesem Szenario erwähnt Basic selbst: die Frage, wie man angesichts der dräuenden dezentralen Informationsstrukturen denn Vertrauen schaffen und erhalten kann. Und bringt ein ökonomisches Argument: “Das Problem Trust wird gelöst werden, ganz einfach, weil es ein Problem ist, das man lösen will.” (Und man will es lösen, weil der Markt Interesse hat; und wenn der Markt Interesse hat, fließt Geld; und wenn Geld fließt, wird entwickelt; und wo entwickelt wird, gibt es früher oder später Lösungen.) Ganz einfach.

Wirklich so einfach? Mir ist das zu schwarz-weiß gedacht. Sicher kann man auch in dezentralen Strukturen Vertrauen aufbauen, und Basic benennt ja auch einige Ansätze dazu. Aber geht ein Spezialisierungsvorsprung, den er sich von solchen Strukturen verspricht, nicht immer auch zu Lasten des Horizonts? Wird den handelnden Personen der Finanzbranche, die er ja selbst als Vorreiter dieser Entwicklung sieht, nicht auch von wohlwollenden Kritikern Geschichtsvergessenheit, Einseitigkeit und mangelnder Weitblick vorgeworfen? Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass sie häufig zwar gut, aber vor allen Dingen monothematisch vernetzt sind.

Wie schwierig es mit dem Erhalt von Vertrauen bestellt ist, bekommen ja seit einigen Jahren gerade die Zeitungen bzw. die etablierten Medien als solche zu spüren: Es ist unbestritten, dass die Konzentration unterschiedlicher Medien in global agierenden Konzernen à la Murdoch der Pluralität nicht förderlich ist. Insofern ist das Wachsen des dezentralen Informationssektors mit seinen Blogs und Netzwerken etc. nur eine Kompensationserscheinung.

Und wer sagt eigentlich, dass die Verlage nicht doch in der Lage wären, sich neu zu erfinden? So ist sich der (immer so unheimlich selbstsicher wirkende) Medienberater Robin Meyer-Lucht sicher, dass Qualitätsjournalismus auch im Internet der Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Und Juan Luis Cebrián, Gründer der wichtigsten spanischen Tageszeitung El País und als Präsident der Prisa-Verlagsgruppe global agierender Zeitungsmacher, würde heute das Pferd nach herkömmlicher Sichtweise von hinten aufsatteln, wenn er nochmal von vorne anfinge: die País im Netz gründen und dann eine Zeitung machen, die auf diesem Fundament steht. Doch ein Pferd ohne Reiter galoppiert ins Nirgendwo, so wie Wert und Valenz einer Nachricht ohne Vermittlung und Erklärung schwer zu bestimmen sind.

Cebrían meint, die Funktion eines Journalisten der Vergangenheit werde die gleiche sein wie die der Zukunft: “Ich glaube weiterhin, dass der Journalist jemand ist, der den anderen erzählt, was Sache ist.” (”Sigo creyendo que el periodista es un señor que cuenta a los demás lo que pasa”.) Nur wo, wie, für welches Gehalt und unter welcher Bezeichnung er dann arbeitet, ist eine ganz andere Frage. Bis die beantwortet ist, werden wir uns mit Sicherheit noch einige sterbenslangweilige Journalisten-gegen-Blogger/Blogger-gegen-Journalisten-Debatten anhören müssen - wetten?

Immer schön auf dem Teppich bleiben

Was das Informationszeitalter mit seinem Internet so alles in unseren Köpfen anstellt, ist ja noch nicht ausgemacht. Man weiß es halt noch nicht. Also guckt man auf die Jugend, die ja so ganz anders mit digitaler Technologie umgeht und an der folglich abzulesen sein müsste, wohin die Reise im neuronalen Sinne geht. Die Metadiskussion dreht sich dann aber zumeist nicht mehr um Jugendliche, Kinder und kommende Generationen; die Geister scheiden sich am Grundsätzlichen: Ist das Internet gut? Oder doch böse?

Die Fronten sind bereits gezogen: Es gibt Technologie-Apologeten, und es gibt Technologie-Kritiker. Der Economist hat zum Beispiel gerade ein neues Buch eines prominenten Befürworters der netzbasierten Zukunft vorgestellt und titelte erleichtert: “The kids are allright“. Es handelt sich um “Grown Up Digital” von Don Tapscott, dem kanadischen Unternehmer, Management-Professor und Ausdenker des Begriffes net generation. Und Tapscott hat gute Nachrichten: Aus einer Befragung von nahezu 8000 Menschen in 12 Ländern habe der Autor das Bild einer “unterhaltsamen, optimistischen und überzeugenden Generation” gezimmert, schreibt das Blatt und referiert die Quintessenz des Tapscottschen Werks:

Die Angehörigen der net generation, die
“Net Geners value freedom and choice in everything they do. They love to customise and personalise. They scrutinise everything. They demand integrity and openness, including when deciding what to buy and where to work. They want entertainment and play in their work and education, as well as their social life. They love to collaborate. They expect everything to happen fast. And they expect constant innovation.”

Wenn man sowas hört, geht sofort die Hype-Alarmlampe an. Sooo toll ist also die net generation und so umwälzend werden die Veränderungen sein, zum Beispiel im Arbeitsleben und im Bildungssystem, die diese Generation mit stetig vermehrten und tiefer dringenden Einflussmöglichkeiten nach und nach durchsetzen wird? Mag sein, dass der Artikel einseitig ist, ganz bestimmt ist er wohlwollend (wobei man anmerken sollte, dass auch zwei kritische Konklusionen erwähnt werden, die Tapscott in seinem Buch vermerkt: die Probleme derjenigen, die den Anschluss an den digitalen Pfad verloren haben, ferner der weitgehende Verzicht der Net Geners auf eine Privatsphäre), aber unter dem Strich bleibt der Eindruck bestehen: Das hört sich nach Hype an, aber gewaltig.

Oder wie George Siemens auf seinem “Connectivism Blog” formuliert hat: “The over-hyped ‘I´ve fallen in love’ mindset often presented in relation to technology helps to drive hype for a while, but in the long run, the impact of this approach damages future – less hyped – approaches to learning and technology.”

Don Tapscott ordnen wir also bis auf weiteres in die Kategorie Technologie-Apologeten ein; den Journalisten Nicholas Carr indes in die der Technologie-Kritiker (Hier zwei Interviews in deutscher Sprache, die den thematischen Horizont der beiden aufscheinen lassen, eines mit Tapscott in brand eins, eines mit Carr auf medienlese.com, hier der Teil 2). Auch Carr brachte kürzlich ein Buch zum Thema auf den Markt, “The Big Switch“, in dem er vor gesellschaftlichen Verwerfungen warnt, die durch die Computerisierung der Gegenwart entstehen könnten. Auch bei Carrs Buch flimmert, wenn schon nicht die Hype-Alarmlampe, so doch wenigstens die Untergangsszenario-Kontrollleuchte: massive Arbeitsplatzverluste, groß angelegte Manipulationen der Verbraucher, weitere Aushöhlung der Privatsphäre, Verlust des Kontaktes zu Mitmenschen und zur Natur bis zu dem Punkt, an dem das Netz nicht von uns programmiert wird, sondern wir vom Netz: Das sind Entwicklungen, die Carr fürchtet, wenn der “große Schalter” umgelegt wird.

Für publizistische Furore hat der ehemalige Harvard-Business-Review-Chefredakteur Carr neulich mit einem anschaulich geschriebenen Artikel im US-amerikanischen Atlantic gesorgt: “Is Google making us stupid?“, fragt er da und berichtet, dass er seit einigen Jahren den Eindruck habe, irgendwer oder irgendetwas bastele an seinem Gehirn, pole seine neuronalen Schaltkreise um, programmiere sein Gedächtnis neu. Der Übeltäter sei das Netz, das seine Konzentrations- und Nachdenk-Kapazitäten zu zerbröseln scheine. Carr macht diesen seinen Eindruck an veränderten Lesegewohnheiten fest, zitiert seine These erhärtende Studien und bringt seine Gedanken auf den Punkt, indem er bezweifelt, ob heutzutage solch ein Schinken wie Tolstois “Krieg und Frieden” überhaupt noch gelesen werden könne.

(Die Debatte kochte hoch und schäumte just an dieser Stelle über: Clay Shirkey, enerviert vom Skeptiker Carr und selbst eher der Apologeten-Ecke zugehörig, blaffte zurück, Tolstois Roman lese sowieso niemand und obendrein sei er “not so interesting”, also: so what? Der Disput erreichte selbst Deutschland - der Spiegel brachte eine an den Carr-Artikel so deutlich angelehnte Titelgeschichte, dass er sich Plagiatsvorwürfe einhandelte. Doch hierzulande wird diese Debatte häufig nur unter den Aspekten “Ballerspiele, Pro und Contra” oder “Bildschirm versus Buch” geführt. Schön zu sehen ist das zum Beispiel in der jüngsten Zeitausgabe, wo Susanne Gaschke vielversprechend anfängt, um zum Ende ihres Artikels dann doch in bildungsbürgerliche Bildschirm-Buch-Metaphern-Welten einzutauchen.)

Egal ob man nun den Apologeten oder den Kritikern zuneigt, diese Debatte zeigt auch, was das Netz schon so alles verändert hat: in diesem Falle den öffentlichen Diskurs. Autorität oder gar Deutungshoheit kann niemand mehr qua Amt oder Status beanspruchen; alle dürfen mitreden, um exponierte Plätze rangeln und sind zwangsläufig Verkäufer der eigenen Sache. Das allgegenwärtige Lobbyistentum hat zudem dafür gesorgt, dass man in diesem ganzen Durcheinander nicht nur auf die Verpackung, sondern tunlichst auch auf das Kleingedruckte achten sollte. Kaum ein längerer Artikel, der Seriosität beansprucht, kommt ohne die Erwähnung einer wissenschaftlichen Studie aus, auf die das Ganze fußen soll. Wie wäre es zum Beispiel mit folgender Expertise: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) meint herausgefunden zu haben, dass Deutschland jährlich mehrerer Milliarden Euro verlustig gehe, da zu wenig in Fortbildungen zu IT-Themen investiert werde. Und nun das Kleingedruckte: Auftraggeber der Studie ist die Initiative IT-Fitness der Firma Microsoft.

Die Übertreibungen der Technologie-Kritiker, vor allem aber der Technologie-Apologeten haben Professor Rolf Schulmeister vom Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung der Universität Hamburg zu einer Fleiß- und Grundlagenarbeit animiert, die der Frage nachgeht, ob eine net generation überhaupt existiert. In seiner Arbeit “Gibt es eine ‘Net Generation’?” stellt er die unterschiedlichen Meinungslager vor und hinterfragt empirische Studien zum Thema – eine bibliographische Sisyphus-Aufgabe, die er mit seiner im September erschienenen “2.0-Version” trotz stetig neu erscheinender empirischer Studien für abgeschlossen erklärt hat.

Schulmeister weist die These zurück, es gebe eine net generation, und wehrt sich so (in seiner Funktion als Hochschulprofessor) gegen die Forderungen der Technologie-Apologeten, die Erziehungssysteme der westlichen Gesellschaften komplett umzukrempeln, um den vermeintlichen Bedürfnissen der vermeintlich anderen Generation entgegen zu kommen. Die Existenz der Net Geners werde gerne an Indizien wie veränderte Mediennutzung oder sich wandelnde soziale Einstellungen festgemacht. Doch die ausgewerteten Studien zeigten, dass die Mediennutzung der jüngeren Generation immer noch eher TV- als PC-dominant sei. Und die Art der Nutzung der (neuen) Medien verdeutliche, dass die sozialen Einstellungen der Jugendlichen auch nicht anders seien als sonst auch: Der Kontakt zur peer group, zu den Altersgenossen, sei der Treiber für den Einsatz der neuen Technologien des Netzes.

Interessant ist auch die Aussage Schulmeisters, dass es beim Medieneinsatz eher auf Qualität als auf Quantität ankomme: So seien die Mediennutzungsraten von Jugendlichen aus unterprivilegierten Milieus nicht selten hoch, “produktiv-gestaltete Computer- und Internettätigkeiten” führten sie dabei aber in der Regel nicht aus und überbrückten demzufolge auch nicht “die digitale Kluft”, die Gebildete und Ungebildete scheidet. Digitale Kompetenzen für alle sozialen Milieus sind also gefragt, ist man da geneigt zu konstatieren. Doch Gabi Reinmann hält das für zu kurz gegriffen. Die Medienpädagogik-Professorin schreibt auf ihrem Blog zum Thema digitale Kompetenzen und Computer literacy:

“Ich glaube aber, dass es hier (…) um etwas viel Grundsätzlicheres geht: Kinder und Jugendliche müssen lernen, die Sprache als zentrales Handwerkszeug zu beherrschen. Nur auf der Basis können sie sich ausreichend informieren, effektiv kommunizieren und am virtuellen Geschehen wirkungsvoll partizipieren. Wir müssen Sprach-, Kritik- und Urteilsvermögen fördern – was wahrlich nicht neu ist.”

Und ihre Einschätzung klingt wohltuend ausgewogen, kein Aufflackern der Hype-Alarmlampe oder der Untergangsszenario-Kontrollleuchte:

“Die Situation ist ein bisschen paradox: Die digitalen Technologien sind nämlich Mittelpunkt und Peripherie zugleich: Sie sind Mittelpunkt, weil sie unser Leben verändern (…). Sie sind Peripherie, weil sie nicht an sich, sondern als Teil von Information, Kommunikation und Partizipation wirken. Und darauf müssen wir unsere Kinder und Jugendlichen vorbereiten.”

Machen wir uns nichts vor II

“Man versteht die Ideologie oft nicht als ein Instrument der Kontrolle, sondern eher als eine Rechtfertigung für Kontrollen, doch sie dient einem sehr praktischen Zweck. Die Ideologie ist eine Waffe zur Entwaffnung einer potenziellen Opposition.”

Norman Davies

Eier vs Dekolleté

Wenn Politiker sich von ihrer menschlichen Seite zeigen wollen, geht das nicht selten in die Hose: Rudolf Scharping badete mit einer Gräfin im Pool, während deutsche Soldaten im Einsatz waren; Helmut Kohl zwang wahrscheinlich selbst eingeFLEISCHte Vegetarier, Pfälzer Saumagen zu verspeisen; Ole von Beust wollte Volksnähe demonstrieren, indem er auf Sylt Polohemden erwarb; Guido Westerwelle fuhr mit seinem Guidomobil durchs Land, während Gerhard Schröder in Gummistiefeln an der Oder stand und nicht zuletzt deshalb die anschließende Wahl gewann.

So ganz nebenbei sagen solche Inszenierungen ja auch etwas aus über die Stimmung im Lande, werden sie doch häufig von den PR-Auguren der Politikarbeiter ersonnen, die meinen weitaus näher am Volk zu sein als ihre Vorgesetzten. Das mag sein, aber meist kommt dann eher etwas dabei raus, was nach der Meinung der Fachkräfte en vogue sein sollte, weniger, was tatsächlich gerade Sache ist.

Wie dem auch sei, das Monsterdekolleté Angela Merkels, mit dem sie den ausgesuchten Mikrokosmos der Bayreuther Festspielgemeinde irritierte und die Boulevardpresse obendrein, könnte in diesem Sinne als Versuch gedeutet werden, das Wunschbild eines neuen, offenen, toleranten, ja sinnenfreudigen Deutschland ausgerechnet in der Oberweite einer konservativen Staatslenkerin Fleisch werden zu lassen.

Das wirkt geradezu rührend im Vergleich zu den Posen von Politikern in anderen Ländern. Wladimir Putins denkwürdige Oben-Ohne-Bilder beim Angeln und bei der Jagd transportieren da zum Beispiel ganz andere Botschaften. Und verdeutlichen Unterschiede besser als manch fundierte Expertise interkultureller Unterschiede: Putin, ein ganzer Mann. Das bekam auch Nicolas Sarkozy zu spüren, als er sich beim G-8-Gipfel in Heiligendamm 2007 nach einer Unterredung mit Putin den Fragen der Presse stellte. Da war er voll wie 1000 Russen, wie der Volksmund ja zu sagen pflegt:

httpv://www.youtube.com/watch?v=OGnB3D2LI1c&feature=related

Nun hat Sarkozys außenpolitischer Berater ein Detail ausgeplaudert, das eher in die Kategorie Realpolitik als politisches Posertum fällt: Putin habe jüngst gegenüber dem französischen Staatspräsidenten geäußert, er wolle den georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili am liebsten an den Eiern aufhängen.

Da bleibt einem das Frühstücksei im Halse stecken und man erinnert sich mal wieder daran, das viele mittel- und osteuropäischen Länder, namentlich Polen und die baltischen Staaten, gute Gründe haben, Russland zu misstrauen. Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk macht sich gerne lustig über die Faszination, die die Russen und ihre sagenumwobene Seele auf die Deutschen ausüben, und mutmaßte sinngemäß, dies liege bestimmt daran, dass sie im Zweiten Weltkrieg ordentlich auf den Sack bekommen hätten.

Es wird ja oft geschrieben, man dürfe nicht vergessen, dass an Russland die Aufklärung vorbeigegangen sei. Klar, lange her. Aber Mentalitäten leben nunmal lange. Weit entfernt von der Einschätzung eines US-amerikanischen Diplomaten der 40er Jahre, die Eric Hobsbawm in seinem “Zeitalter der Extreme” wiedergibt, scheint mir die Gegenwart jedenfalls gar nicht zu sein: Russland werde von Männern geführt, “die sich schon immer selbst von der Außenwelt abgeschnitten hätten; die schon immer Autokraten gewesen seien; schon immer die ‘Sicherheit’ ihres Landes angestrebt hätten, indem sie einen geduldigen und tödlichen Kampf um die totale Zerstörung der rivalisierenden Macht geführt hätten und niemals, indem sie an Verträge oder Kompromisse glaubten; und die daher schon immer nur der ‘Logik der Gewalt’ und niemals der Vernunft gewichen waren.”

So, und weil dieser Text gar nicht in ein Russenbashing münden sollte und Angela Merkels Büstier für mich als Beweis noch lange nicht ausreicht, um die neue Friedfertigkeit Deutschlands zu belegen, zitiere ich jetzt noch eine kurze, aber vielsagende Stelle aus Tolstois “Krieg und Frieden”:

“Der Deutsche drischt sein Getreide mit dem Beilrücken.”

Machen wir uns nichts vor I

“Für mich sind Zigaretten eine Art, mit Depressionen fertig zu werden. Mir hilft das. Ich rauche, wenn ich arbeite, ich rauche jetzt, wo wir reden. Das Problem ist nur: Die Zigaretten bringen dich um. Aber wer weiß, ob ich mich ohne das Rauchen nicht längst selbst umgebracht hätte.”

Kurt Vonnegut

Auswahl der Besten

 

Peu à peu ist sie wieder salonfähig geworden, so ab den späten 90ern: Deutschlands Elite. Ihre Liaison mit der braunen Bestie war lange her, und das Land nach seiner Wiedervereinigung in einer neuen Situation. Und weil die Deutschen sich ja gerne an anderen Nationen orientieren, um einen Normalitäts-Backup zu haben, und weil Eliten in Ländern wie Frankreich offensichtlicher und selbstbewusster als hierzulande gesellschaftliche Schlüsselpositionen besetzen, gabs bald einen neuen Konsens: Elite, wir brauchen Dich! Man denke nur an die Exzellenz-Initiative zur Förderung universitärer Forschung, für die  Bund und Länder bis 2011 knapp 2 Milliarden Euro auf den Tisch legen. Da wurden die Geldströme ganz im Sinne des neuen Konsenses kanalisiert.

 

Nebenbei: Dieser Konsens wurde von oben nach unten gebildet. Die Personen in den Funktionen, die das dafür notwenige Umdenken und neue Meinungsbildungsprozesse steuern können - und die Elite im Allgemeinen - entstammen ganz überwiegend ein und demselben sozialen Milieu, dem (groß-)bürgerlichen. Womöglich wurde nach dem Motto gehandelt: Bleibt ja eh in der Familie. Und diese homogene Einheit koppelt sich zusehends vom Rest der Gesellschaft ab, wie zum Beispiel der Elitenforscher und Soziologie-Professor Michael Hartmann angemerkt hat – weitaus deutlicher übrigens als in anderen europäischen Ländern (Was ist mit dem Backup?)

 

Spätestens seitdem die vermeintlich fleischgewordene Harmlosigkeit Klaus Zumwinkel nur nicht wegen Steuerhinterziehung eingebuchtet wurde, weil er offenbar einen Haufen Asche für eine “Sicherheitsleistung” übrig hatte, wird das neue Konzept der Elite aber wieder in Frage gestellt. Viel diskutiert wurde zum Beispiel Julia Friedrichs Selbstversuch zur Elitebildung in ausgewählten Lehranstalten, “Gestatten Elite”, die mit journalistischen Mitteln auf die gleichen Ergebnisse kam wie der Wissenschaftler Hartmann. Dennoch wurde mitunter die “Versuchsanordnung” Friedrichs in Zweifel gezogen.

 

War schon interessant, wer von vornherein nicht mitspielen wollte: Der Historiker Paul Nolte zum Beispiel kritisierte, dass Friedrich die Selbstbeschreibung einer Gruppe mit den wahren Eliten verwechselt habe  – der Nolte übrigens, dem wir den Begriff Unterschichtenfernsehen zu verdanken haben und der bildungsfernen Milieus auch schon mal nahe gelegt hat, sich auf andere Dinge als Bier oder Lotto zu konzentrieren. Das hörte sich so an wie der Neid eines Bücherwurms auf Leute, die auch mal loslassen können. Ich kann mir jedenfalls schwer vorstellen, dass Nolte die Unterschicht besser kennt als Friedrich die Elite, nur weil er methodisch besser aufgestellt sein mag.

 

Vorstellbar jedenfalls, dass es ihm wie William Deresiewicz ergehen könnte, wenn er mal wirklich in Kontakt mit denen kommt, über die er doziert. Deresiewicz, ehemals Dozent in Yale, hat im American Scholar eine alltägliche Situation mit einem Klempner beschrieben, der einst seine Küche reparierte. Da sei ihm plötzich klar geworden: Er hatte keinen Schimmer, wie und worüber er mit diesem Mann sprechen sollte. Diese Szene nimmt der Autor zum Anlass, über elitäre Ausbildungs- und Erziehungsinstitutionen wie Yale nachzudenken und nennt einige problematische Effekte auf die Lernenden in solchen Anstalten, zum Beispiel die Unfähigkeit, mit Menschen anderen Bildungsstandes zu kommunizieren oder der Glaube, ein hoher IQ bedeute automatisch einen ebensolchen Charakter.

 

Schuld daran seien, so Deresiewicz, die Strukturen solcher Eliteschmieden, die bei den Lernenden das Bewusstsein produzierten, zu Höherem geboren zu sein. Und das hänge auch damit zusammen, dass allein der Eintritt in eine solche Schmiede bessere Chancen verheiße, einmal auf einen prestigeträchtigen, gut dotierten Posten zu landen. Ein klientelwirtschaftliches System sozusagen, was sich zum Beispiel daran zeige, dass auch den Mittelmäßigen unter den Auserwählten eine endlose Reihe zweiter Chancen geboten werde, bis sie endlich ihr berufliches Ziel erreicht hätten (George Bush, “the apotheosis of entitled mediocrity”, sei ein herausragendes Beispiel).

 

Der Preis für dieses vermeintlich bequeme Polster ist der systemimmanente Lutschereffekt: ein Konformitätsdruck, der die belohne, die mit dem Strom schwimmen, der Absolventen hervorbringe, die nicht gewohnt sind, über den Tellerrand zu schauen, und der Fächer wie Wirtschaft, Medizin, Jura einseitig bevorzuge. Wirtschaftsgeschichte gehört offenbar nicht mehr dazu, anders ist es nicht zu erklären, dass Wall-Street-Manager vom Entstehen, Platzen und den Folgen der Internetblase 2000 keine Kenntnis besitzen.

 

Obama, zur eierlegenden Wollmilchsau hochgejazzt, könnte auch hier Wirkung zeigen: Im New Yorker hat sich jetzt Malcolm Gladwell Gedanken über eine neu erschienene Biographie Sydney Weinbergs gemacht, der Goldmann-Sachs-Chef war, aus unterprivilegierten Verhältnissen stammte und als Straßenzeitungsverkäufer sein erstes Geld verdiente. Er macht daraus die allgemeine Frage, welche Vorteile man in der Businesswelt als Außenseiter hat und wie die Businesswelt von den Außenseitern profitiert. Der Autor hält in den USA die gelebte Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Einstellung für längst vergangen und meint, dass man heutzutage der Armut zu entfliehen sucht, indem man sich ihrer Insignien zumindest nach außen hin möglichst komplett entledigt. Konvertierung zur Leitkultur sei die Devise. Dumm nur, dass die totale Anpassung es schwierig macht, authentisch zu sein und seine Stärken einzubringen

 

Wie es Sydney Weinberg geschafft hat, abgesehen von dem ganzen Mehl, das nötig ist? “Weinberg was not a financial wizard. His gifts were social.” Ich finde, das klingt einleuchtend. Raftingausflüge für Führungskräfte kompensieren soziale Inkompetenz - wenn sie denn vorhanden ist - nunmal nicht wirklich.

Der systemimmanente Lutscher-Effekt

Es lässt mich ja nicht los, das Thema Hans-Werner von Sinnen: Dieses Jammern, die Manager badeten einen “anonymen Systemfehler” aus und seien die Sündenböcke der Nation. Mein Mitleid hält sich in Grenzen; als Journalist weiß ich auch, wie das ist, einer nicht gerade angesehenden Berufsgruppe anzugehören. (Gut bezahlt wird man dafür aber nur selten - im Gegensatz zu den ‘Anonyme-Systemfehler-Ausbadern’.)

Also, mal von vorne und vereinfacht: Grundsätzlich ist ein System eine Menge aufeinander bezogener, in Wechselwirkung stehender Elemente, die eine Einheit bilden. Und die so genannte Systemtheorie wiederum untersucht Funktionsweisen und Strukturen von Systemen, um komplexe Zusammenhänge offen zu legen, zu beschreiben und zu interpretieren.

Naiv formuliert hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass man es in der gegenwärtigen Welt - im Informationszeitalter, in der Wissensgesellschaft - mit der Analyse von Einzelphänomenen nicht weit bringt, nicht der Komplexität dieser Welt gerecht wird, gerecht werden kann. Es kommt eben auch immer auf den (systemischen) Zusammenhang an, in dem ein Phänomen steht, um diesem auch gerecht zu werden.

Diese Einsicht ist bereits Mainstream, was man zum Beispiel daran sieht, das momentan alles und jeder als System aufgefasst werden kann und wird - von der Heizungsanlage über das Finanzwesen bis zur Familie. Selbst die Karriereseiten der Tageszeitungen transportieren die Auffassung, es komme nicht mehr nur auf den einen entscheidenden Skill mehr an, sondern darauf, möglichst viele Schnittstellen zu anderen Bereichen möglichst sinnvoll miteinander zu verknüpfen (und das auch kommunizieren zu können: Soft Skills!), in den öffentlichen Diskurs. Die Devise lautet also, Verbindungen zu schaffen, in Netzwerken zu arbeiten, interdisziplinär zu denken - und darüber zu sprechen und sich auszutauschen. Deshalb sind derzeit auch Hybridberufe wie Mechatroniker nachgefragt und werden systemische Tätigkeiten (systemischer Coach, Berater, Therapeut…) als zukunftsweisend gepriesen.

Weil aber die Systeme komplex und die Lebenswelten unübersichtlich sind - so komplex und unübersichtlich, dass es der menschliche Intellekt häufig nicht mehr fassen kann - muss der Mensch sein Grundvertrauen in diese Welt, in der nunmal lebt, von sich selbst und den Menschen, die ihn umgeben, auf die Systeme als solche transferieren - sonst würde er nicht weit kommen. Systemvertrauen nennt man das dann: Generalisiertes  Vertrauen, aus der Erfahrung gespeiste Glaubwürdigkeit - wenn man zum Beispiel in ein Flugzeug steigt und guten Mutes ist, dass schon alles gut gehen wird, obwohl man keine Ahnung hat, wie so ein Flugzeug wirklich funktioniert und welchen Menschen man gerade sein Schicksal in die Hand gegeben hat.

Man kann sich vorstellen, dass man Probleme bekommt, wenn das Misstrauen Systemen gegenüber zu weit geht. Im Grunde ist man dann handlungsunfähig. Und das ist, glaube ich, auch der Punkt des bereits an anderer Stelle erwähnten Stephan A. Jansen, Gründungs-Präsident der Zeppelin University in Friedrichshafen, der durch die, wie er behauptet, Unterminierung des allgemeinen Systemvertrauens durch Wissenschaft, Medien und Web 2.0 Tendenzen befördert sieht, die der Funktionstüchtigkeit unserer Welt nicht gerade zuträglich sind.

Um das ein wenig näher zu betrachten, verweise ich erneut auf ein Interview Jansens in der brand eins. Im Kern sagt er dort, dass es innerhalb von Systemen, in denen etwas schiefgelaufen ist, in der Tat nicht möglich ist, konkret einen oder mehrere Schuldige zu benennen; das zeige zum Beispiel die Korruptionsforschung, in der der systemische Zusammenhang eine allgemeine Kultur des Mauschelns zustande gebracht habe, die auf die Schnelle jedenfalls nicht personalisiert werden könne. (Da kann man dann höchstens sagen: Alle in einen Sack und draufjehauen, aber wozu würde das führen?) Deshalb sei die Benennung von Sündenböcken auch kontraproduktiv: Einer wurde geopfert, das System arbeitet unverändert weiter.

Wenn das Systemvertrauen aber dekonstruiert wird, kommt es zwangsläufig zu der Angst vor Fehlern und davor, Entscheidungen zu treffen - zuallererst und mit den einschneidendsten Folgen bei denen, die innerhalb solcher Systeme agieren, gerade in den komplexeren.

Das blöde ist daran laut Jansen, dass sich dann gerade die Köpfe, die eigentlich qua Ausbildung und Fähigkeiten dafür prädestiniert sind, sich gar nicht mehr in derartige Systemmühlen begeben möchten, nicht die Last der Entscheidungen und ihrer Folgen zu tragen bereit sind. Ein Grund zum Beispiel, warum jetzt alle NGOs so sexy finden - da ist man auf der sicheren, sprich guten Seite. Und da komme dann das Paradoxe dieser Entwicklung zum Tragen: Systeme brauchen einerseits eigenständige Köpfe, die Risiken in Kauf nehmen, um etwas voranzubringen, doch werden diese andererseits von den Systemen selbst abgestoßen.

Mal kurz am Rande, ohne eine Anmerkung zur allgegenwärtigen Finanzkrise gehts ja derzeit nicht: Tom Wolfe hat in einem Interview im New Yorker Observer neulich diesen Umstand, ich nenne ihn mal den systemimmanenten Lutscher-Effekt, schön beschrieben, indem er das Personal von Investmentbanken und Hedgefonds verglich. Denn, so Wolfe, welcher smarte und ambitionierte Nachwuchsökonom wolle denn schon bei einer Bank angestellt sein, in der er den Angestellten und Direktoren ständig das Händchen halten, darüber hinaus jederzeit freundlich und die richtigen Klamotten tragen müsse, wenn sie anderenorts in kleinen, effizienten Teams am ganz großen Rad drehen könnten. Das sei der Grund, warum das Personal der Investmentbanken eben nur aus “second ratern” bestehe -im Gegensatz zu dem der Hedge Fonds.

Was brauchen wir also: Menschen, die den Spagat beherrschen, sich in Systemen ein-, ja auch unterzuordnen, oder sagen wir neutraler zu integrieren, ohne den eigenen Kopf zu opfern, das Hirn auszuschalten, den permanenten Kotau zu machen. Dafür braucht es Cojones, Eier - einerseits. Andererseits bräuchten wir aber auch die Strukturen, die solchen Typen auch den Platz einräumten, den sie benötigen. Das ist mindestens genau so schwierig, so lange nur Betriebswirtschaftler und Juristen an den (ökonomisch entscheidenden) Hebeln sitzen, Qualifikationen so viel mehr zählen als Kompetenzen, Stromlinienförmige belohnt werden, und Unkonventionelle rasiert.

Denn, und das ist ja wohl der eigentliche Kern des Problems: Die Hebelwirkung von Systemen ist ungleich größer als die von Individuen. Die Finanzkrise ist allerdings, denke ich, kein besonders gutes Beispiel, um die Gefahren dieser Hebelwirkungen zu verdeutlichen. Dafür ist Geld einfach zu abstrakt.  Also nehmen wir die Holzhammermethode, sprechen von Menschenleben und nehmen als Gewährsmann den englischen Historiker Eric Hobsbawm, der sich seine Gedanken zu der Tatsache gemacht hat, warum die Kriege im 20. Jahrhundert so unvergleichlich viel mehr Tote und Zerstörungen brachten als zuvor in der von Kriegen vollen menschlichen Historie. Für Hobsbawm begann 1914 das “Zeitalter der Massaker.” Ich zitiere aus seinem Buch Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts:

“Ein (…) Grund für die Brutalisierung war (…) die neue Unpersönlichkeit der Kriegsführung, die das Töten oder Verstümmeln auf einen Akt reduzierte, der sich auf das Drücken einer Taste oder Bewegen eines Hebels beschränkte. Technologie macht ihre Opfer unsichtbar. (…) Die schlimmsten Grausamkeiten unseres Jahrhunderts waren die unpersönlichen, die systematisch oder routiniert aus der Ferne entschieden wurden - besonders dann, wenn sie als bedauerliche, aber unumgängliche Handlungen gerechtfertigt werden konnten.”

Und das ist es, was mich an Hans-Werner Sinns Rede vom anonymen Systemfehler so sackig macht, sackiger noch als sein unsäglicher Juden-Manager-Vergleich: Wie kann es sich jemand in einer derartigen Position mit einem so weit reichenden Blick in das “Wirtschafts- und Finanzsystem” so leicht machen? Das ist ja wohl das angesprochene Sündenbock-Syndrom, dass Sinn ganz offensichtlich heraufbeschwören will, um bloß nichts am bestehenden System zu ändern.

Was bleibt also, wenn die Hoffnung auf andere Strukturen, und wenn nicht das, zumindest auf eine andere Perspektive, eine veränderte Mentalität oder neue Zielsetzungen für die Katz sein wird? Wenn - was damit nicht wenig zusammen hängt - auch die Hoffnung, die wirklich Fähigen träumten demnächst nicht mehr nur davon, entweder Banker oder Maria Theresa zu werden, trügerisch ist?

Nicht viel bleibt dann. Ich kann mir jedenfalls momentan schwer vorstellen, dass die ganzen alternativen Nischen, die derzeit hoffnungsvoll diskutiert werden, irgend wann einmal so etwas wie gesellschaftliche Sprengkraft entwickeln werden - ob die Nische nun digitale Boheme, long tail, Netzwerkkultur oder sonstwie heißt. Dafür sind mir die Exponenten dieser “Digibabble”-Community (nochmal Tom Wolfe) viel zu selbstverliebt und hedonistisch - einfach zu satt.

Digitaler Maoismus in der Wissenschaft

... Schwer zu identifizieren, und der Meta-Wahn ist schuld: individuelle Urheberschaft im Netz

 

 

 

 

 

Wie es Wikipedia mit “der Wahrheit” hält, ist ja schon länger umstritten. Und dass dieses ‘kollektivistische Lexikon’ im wissenschaftlichen Milieu nicht gerade everbody´s darling ist, überrascht auch nicht wirklich. Wohltuend unaufgeregt kommt deshalb das Weblog Wissenswerkstatt daher, in dem Marc Scheloske nach der Zitierfähigkeit der Wikipedia in wissenschaftlichen Publikationen fragt.

Scheloske nimmts pragmatisch und hält es schlichtweg für falsch, Wikipedia als seriöse Quelle für die Wissenschaft von vorneherein auszuschließen. Wichtig sei zum Beispiel vielmehr, dass Autoren ihre Quellen und Informationen vernünftig einzuschätzen wissen. Ich zitiere: “Jedes Zitat ist ein Verweis auf die Aussagen und Erkenntnisse von dritter Seite. Eine kritische Prüfung auf Plausibilität, Vollständigkeit und Objektivität ist immer erforderlich. Dies gilt für Informationen und Textstellen aus der Wikipedia, wie für alle anderen Quellen.”

Doch das Handwerk des Zitierens wird ja nicht nur vom wissenschaftlichen Nachwuchs nicht immer beherrscht; Journalisten zum Beispiel tun sich damit auch mitunter schwer. Obwohl Scheloske fast schon irrtiert in den Raum stellt, dass es ja wohl nicht so schwer sein könne, “den Studenten beizubringen, daß die Bezugnahme und der Verweis auf Quellen (egal welcher Provenienz) das Ergebnis eines nüchternen Abwägungsprozesses ist.”

Auch das ist ja im Grunde nichts Neues: Dass es in der Wissensgesellschaft sehr wichtig ist, die Relevanz und Güte von Informationen realistisch einschätzen zu können, ist bereits zum Festtagsreden-Topos geronnen.

Anhand des Beispieles Wikipedia habe ich mich mal wieder an den viel diskutierten Essay Jason Laniers, “DIGITAL MAOISM: The hazards of the New Online Collectivism“, erinnert. Auch Lanier lehnt Wikipedia durchaus nicht ab, sieht jedoch ein grundsätzliches Problem: “No, the problem is in the way the Wikipedia has come to be regarded and used; how it’s been elevated to such importance so quickly. And that is part of the larger pattern of the appeal of a new online collectivism that is nothing less than a resurgence of the idea that the collective is all-wise (…).”

Im Kern weist Lanier auf den Umstand hin, dass Informationen, die im Netz zu finden sind - seien diese auch noch so metamäßig eruiert und aufbereitet - letztendlich von Individuen Menschen  stammen. Und weder von einer anonymen Masse noch von einer intelligenten digitalen Maschinerie selbstständig generiert werden. So schreibt er insbesondere den Anhängern der AI deutliche Sätze ins Stammbuch: “The beauty of the Internet is that it connects people. The value is in the other people. If we start to believe that the Internet itself is an entity that has something to say, we’re devaluing those people and making ourselves into idiots.”

Und das sollte sich dann der wissenschaftliche Nachwuchs und alle anderen, die sich mit der Technik des Zitierens schwer tun, tunlichst hinter die Ohren schreiben (ich bemühe nochmals Jason Lanier): “The best guiding principle is to always cherish individuals first.” Nicht nur beim Zitieren.
blogoscoop