Galopp ins Nirgendwo
Der Springer-Verlag hat seinen Schrecken für links der Mitte stehende Kreise ja schon längst verloren; und es dürfte den, sagen wir nach 1980 Geborenen schwer fallen sich vorzustellen, dass im Journalismus ein Wechsel von der Bild zur Süddeutschen oder von der Taz zur Welt außergewöhnlich, schwer möglich, auf jeden Fall aber anrüchig war. Einmal Springer, immer Springer hieß es. Und wer sich auf eine Weltanschauung festlegte, musste tunlichst dabei bleiben - oder brandmarkte sich als Publizistik-Luder. (Inzwischen ist Springer, vor allem aber das Springerblatt mit den 4 Buchstaben dermaßen salonfähig geworden, dass man Niggemeier und Co. dankbar sein muss, das Bildblog zu betreiben, obwohl er dafür auch schonmal ordentlich einen verpasst bekommt.)
Salonfähigkeit hin oder her, gewisse Reflexe Boulevardblättern gegenüber haben sich ganz gut konserviert, und dazu gehört der, von der Qualität des Inhalts auf die Kompetenzen der Produzierenden zu schließen und so einer nicht angemessenen Unterschätzung der Wirkung gewisser Blätter Vorschub zu leisten. Diesen Eindruck hatte ich zum Beispiel bei Robert Basics Bericht zu seinem Besuch bei der Axel-Springer Akademie, in dem er sich angesichts der dort angetroffenen jungen, offenbar eloquenten Nachwuchsjournalisten des Eindrucks nicht erwehren kann, dass der Verlag “Personal mit einem jungen, eigenen Kopf an Bord geholt hat”. (Was hat er denn vermutet? Dass da nur Vollpfosten rumhängen?)
Was Basic gleichwohl vermisst - und da wird die ganze Sache spannend - ist die noch nicht ansatzweise erschütterte oder porös gewordene Zuversicht der Nachwuchs-Springer, an den entscheidenden Hebeln der Informationsauswahl, -aufbereitung und -wertung zu sitzen. Oder, in Basics eigenen Worten:
“Es fällt ihnen schwer, sich eine mögliche Zukunft vorzustellen, in der unternehmerisch zentralisierte Nachrichtenproduzenten durch noch wesentlich leistungsfähigere Netzmechanismen als heute über eine dezentrale Informationsaggregation, -filterung und -synthese in ihren Grundfesten erschüttert werden könnten.”
Basic führt zwei Bereiche an, in denen genau das bereits geschehe bzw. geschehen sei, nämlich die Finanzbranche und die Gamer-Community. (Wäre mal eine Aufgabe, diese beiden Gruppen in ihrer Struktur zu vergleichen; könnte mir vorstellen, dass da mehr Ähnlichkeiten bestehen als man auf den ersten Blick annimmt: Oder kennen Sie viele Investmentbanker jenseits der 40 ?) In diesen beiden Bereichen gebe es, so Basic, “zunehmend bessere Systemiken (Mischung aus Netzkultur, Webservices und arbeitsteiliger Collaboration), wo sich Peergroups untereinander informieren” und Zeitungen nicht mehr als Hauptinfoquelle fungierten, aus Mangel an Tiefe fungieren könnten.
Den kritischen Punkt an diesem Szenario erwähnt Basic selbst: die Frage, wie man angesichts der dräuenden dezentralen Informationsstrukturen denn Vertrauen schaffen und erhalten kann. Und bringt ein ökonomisches Argument: “Das Problem Trust wird gelöst werden, ganz einfach, weil es ein Problem ist, das man lösen will.” (Und man will es lösen, weil der Markt Interesse hat; und wenn der Markt Interesse hat, fließt Geld; und wenn Geld fließt, wird entwickelt; und wo entwickelt wird, gibt es früher oder später Lösungen.) Ganz einfach.
Wirklich so einfach? Mir ist das zu schwarz-weiß gedacht. Sicher kann man auch in dezentralen Strukturen Vertrauen aufbauen, und Basic benennt ja auch einige Ansätze dazu. Aber geht ein Spezialisierungsvorsprung, den er sich von solchen Strukturen verspricht, nicht immer auch zu Lasten des Horizonts? Wird den handelnden Personen der Finanzbranche, die er ja selbst als Vorreiter dieser Entwicklung sieht, nicht auch von wohlwollenden Kritikern Geschichtsvergessenheit, Einseitigkeit und mangelnder Weitblick vorgeworfen? Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass sie häufig zwar gut, aber vor allen Dingen monothematisch vernetzt sind.
Wie schwierig es mit dem Erhalt von Vertrauen bestellt ist, bekommen ja seit einigen Jahren gerade die Zeitungen bzw. die etablierten Medien als solche zu spüren: Es ist unbestritten, dass die Konzentration unterschiedlicher Medien in global agierenden Konzernen à la Murdoch der Pluralität nicht förderlich ist. Insofern ist das Wachsen des dezentralen Informationssektors mit seinen Blogs und Netzwerken etc. nur eine Kompensationserscheinung.
Und wer sagt eigentlich, dass die Verlage nicht doch in der Lage wären, sich neu zu erfinden? So ist sich der (immer so unheimlich selbstsicher wirkende) Medienberater Robin Meyer-Lucht sicher, dass Qualitätsjournalismus auch im Internet der Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Und Juan Luis Cebrián, Gründer der wichtigsten spanischen Tageszeitung El País und als Präsident der Prisa-Verlagsgruppe global agierender Zeitungsmacher, würde heute das Pferd nach herkömmlicher Sichtweise von hinten aufsatteln, wenn er nochmal von vorne anfinge: die País im Netz gründen und dann eine Zeitung machen, die auf diesem Fundament steht. Doch ein Pferd ohne Reiter galoppiert ins Nirgendwo, so wie Wert und Valenz einer Nachricht ohne Vermittlung und Erklärung schwer zu bestimmen sind.
Cebrían meint, die Funktion eines Journalisten der Vergangenheit werde die gleiche sein wie die der Zukunft: “Ich glaube weiterhin, dass der Journalist jemand ist, der den anderen erzählt, was Sache ist.” (”Sigo creyendo que el periodista es un señor que cuenta a los demás lo que pasa”.) Nur wo, wie, für welches Gehalt und unter welcher Bezeichnung er dann arbeitet, ist eine ganz andere Frage. Bis die beantwortet ist, werden wir uns mit Sicherheit noch einige sterbenslangweilige Journalisten-gegen-Blogger/Blogger-gegen-Journalisten-Debatten anhören müssen - wetten?



