Wer solches Schuhwerk trägt, ist mit Vorsicht zu genießen…

Autorität und Glaubwürdigkeit sind im digitalen Zeitalter nicht so einfach herzustellen, geschweige denn zu konservieren. So richtig fest im Sattel sitzen sie eigentlich nur noch in den Körpern und Köpfen einiger weniger Personen der Zeitgeschichte – Helmut Schmidt zum Beispiel. Oder im Dalai Lama. Auch die Wissenschaft gilt als glaubwürdig und besitzt somit einen gewissen Grad an Autorität. Und so ist es kein Zufall, dass inzwischen selbst die abseitigsten Texte ganz einfach mithilfe eines Hinweises auf wissenschaftliche Expertise geadelt werden.
(Nur mal kurz am Rande: Manche werden da gleich an die Schelsky-Habermas-Debatte aus den 60ern denken und sich fragen, ob Sachzwänge (Schelsky) oder doch konkrete gesellschaftliche Interessen (Habermas) hinter der wissenschaftlich-technischen Gestaltung der Lebensbereiche stehen.)
Bei vielen Untersuchungen, die es in die Massenmedien schaffen, hilft meist schon ein kurzer Blick ins Kleingedruckte, auf den Auftraggeber, und die eigentliche Intention liegt mehr oder weniger klar zutage. Spätestens dann, wenn der eigentliche Zweck aber mit der Studie an sich zusammenfällt, morphen Studien mitunter nicht nur ins monetär Motivierte, sondern ins schlichtweg Absurde. In den vergangenen Monaten sind mir jedenfalls einige wissenschaftliche Ergebnisse untergekommen, die einfach nur noch referiert statt besprochen, in einen weiter gefassten Kontext gestellt oder anderen, früheren Ergebnissen gegenübergestellt wurden. Von einer kritischen Reflexion der angewandten Methoden ganz zu schweigen. (Ich bin ja durchaus für die Präsenz der Wissenschaft in den Medien, aber damit tut sich der Wissenschaftsjournalismus keinen Gefallen).
Am besten, die Studie kann man dann noch irgendwie mit Themen koppeln, die leserwirksam oder klickträchtig sind, und schon ist alles gut, die Seite gefüllt, das allgemeine Interesse geweckt: Ich kann mich zum Beispiel an die Focus-Meldung “Kleidung signalisiert Fruchtbarkeit” entsinnen, in der die Männerwelt im Namen der Wissenschaft vor Frauen gewarnt wird, die allzu lange vor dem Kleiderschrank stehen oder statt der Latzhose plötzlich den Minirock bevorzugen. Denn in einem solchen Falle schließe einiges darauf,, dass die Protagonistin ihre fruchtbaren Tage habe. Achtung, Eisprung-Alarm, Männer! Wenn nicht schon die Frau, so führen doch ihre Hormone was im Schilde, die Evolution ist ja schließlich nicht von gestern:
“Manchmal waren die Unterschiede im Outfit so deutlich wie Cargohosen mit Bikerstiefeln gegenüber Rock und Twinset. Manchmal ganz subtil, wie bei einer Studentin in derselben schwarzen Hose mit Tanktop. Das Oberteil war allerdings in der unfruchtbaren Zeit weiß und schlicht, bunt, tiefer ausgeschnitten und mit einem Spitzenrand verziert in den fruchtbaren Tagen.”
Auch das jüngste Beispiel, das mir untergekommen ist, zeigt ein solches Muster: Das Internetmagazin edge.org - angetreten, um im Geiste des angelsächsischen Empirismus die Rolle zu übernehmen, die ehedem die Intellektuellen inne hatten, haben die beiden Wissenschaftler Nicholas A. Christakis und James H. Fowler eine Zusammenfassung über eine Studie geschrieben, die sie zuvor im British Medical Journal veröffentlicht hatten. Thema: Soziale Netzwerke und Glück.
Und Matthias Gräbner von Telepolis liest offensichtlich edge.org und hat daraus dann eine deutschsprachige Version - selbstverständlich mit eigenem Timbre, der in einem Distanz vermittelnden süffisanten Unterton besteht - daraus gemacht. Die Frage ist nur, ob Gräbner nicht noch Mehrwert hätte leisten können, statt sich auf einen besseren Übersetzerdienst zu beschränken. (Das würde ich mir wünschen, nicht nur von Matthias Gräbner, sondern vom Wissenschaftsjournalisten an sich.)
Das machte übrigens auch die Untersuchung an sich interessanter. Wie wäre es zum Beispiel damit: Den kritischen Punkt ihrer Studie erwähnen Christakis und Fowler selbst, indem sie betonen, von der Vermutung ausgegangen zu sein, die vorliegenden psychologischen Erkenntnisse für in der Realität existierende Netzwerke seien auf virtuelle übertragbar:
“To follow up this study, we have also been examining online social networks. Emotional clustering and contagion are so fundamentally rooted in our ancient evolutionary psychology that-we believe-they should carry over to the very modern online world of email, blogs, and social networking sites like MySpace and Facebook.”
Glück und Netzwerke, Netzwerke und Glück: Was hat es also damit auf sich? Der Physiker und Soziologe Christakis und der Politologe Fowler haben sich die Daten einer empirischen Langzeitstudie angeschaut und belegen das, was wir alle wissen: Wer sich mit glücklichen Menschen umgibt, hat bessere Chancen, auch glücklich zu sein, als jemand, der nur mit notorischen Miesepetern und Schwarzmalern umgeht. Und weil wir heutzutage ja in weit verzweigten, differenzierten Netzwerken leben, liegt auch ein weiterer Gedanke nahe, den die Studie ergeben hat: dass in Sozialen Online-Netzwerken “Happiness” nicht nur vom Glückslevel der Freunde, sondern auch von dem der Freunde der Freunde und sogar von dem der Freunde der Freunde der Freunde abhängt. Glück durch Unbekannte sozusagen. Glück soll so, ähnlich wie Gesundheit, als kollektives Phänomen etabliert werden, schreiben die Autoren.
So weit, so gut - und vielleicht gar nicht so belanglos, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. (Jedenfalls nicht so belanglos, wie die Eisprung-Studie; obwohl mir da mit Sicherheit viele widersprechen würden). Immerhin betonen die beiden Wissenschaftler, dass Glück in allen möglichen Zusammenhängen bereits erforscht worden sei und sie mit ihrer Studie dort ansetzten, wo es noch Bedarf gebe: in der Frage nämlich, wie andere Menschen und deren mentale Zustände das eigene Glück oder Unglück beeinflussen. Es gebe zwar das bekannte Phänomen der “mentalen Kontamination” (was soviel bedeutet, dass die Wissenschaft nachweisen kann, dass man Gefahr läuft, depressiv zu werden, wenn man sich mit Depressiven umgibt), insgesamt sei diese Frage aber nicht allzu präsent in der Glücksforschung.
Glück auf, kann man da nur sagen…