Monatsarchiv für Dezember 2008

 
 

Machen wir uns nichts vor IV

“Das Paradoxon der modernen Kultur liegt darin, daß wir die Geschichte als Fiktion zu betrachten beginnen, weil wir sie meist am Bildschirm sehen und nicht in der Wirklichkeit, im realen Kontext. Die fiktive Geschichte ist immer öfter die einzige Geschichte, die wir kennen. 

(…)

Mehr noch. Bisher drehte sich die Diskussion darum, in welchem Ausmaß die Medien (…) die Wirklichkeit wiedergeben. Heute sagt man schon, die Wirklichkeit, das sind die Massenmedien. Die Medien sind die Wirklichkeit.”

Ryszard Kapuściński

“Mut zur abweichenden Meinung”

Zu Hans-Werner Sinn, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung, und seiner Äußerung, ein “anonymer Systemfehler” habe das ganze Schlamassel verursacht, das uns die internationalen Finanzmärkte eingebrockt haben und noch einbrocken werden, ist mit dem Eintrag “Hans-Werner von Sinnen” von meiner Seite alles gesagt worden. Und mit “Der systemimmanente Lutscher-Effekt” und “Auswahl der Besten” kam noch der Versuch hinzu, die Angelegenheit in einen breiteren thematischen Kontext zu stellen.

Entgegen meiner ursprünglichen Vermutung hat die Rede vom “anonymen Systemfehler” auch Widerspruch aus den eigenen Reihen provoziert: Siemens-Chef Peter Löscher nimmt, denke ich, darauf zumindest implizit Bezug, wenn er explizit betont, die Krise sei von Menschen gemacht.

Und Miriam Meckel hat jetzt sogar ein Plädoyer “Lauter kleine Diederiche. Für den Mut zur abweichenden Meinung” geschrieben, welches wunderbar in die oben angeführte Reihe passt und ich nicht nur deshalb empfehlen möchte. Lustig, dass eine Professorin der Universität St.Gallen, die mit ihrem ausgezeichneten Ruf und ihrer Kunst der effizienten Netzwerkbildung unter Entscheidern ein gutes Stück europäischer Elitenbildung repräsentiert, in Sachen Konformitätsdruck und Hans-Werner Sinn zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt wie, nun ja, irgendein Blogger. Sie schreibt:

“Und es gibt sogar solche, die daran glauben, “anonyme Systemfehler” hätten den gegenwärtigen Kapitalmarktkollaps ausgelöst. Welches System? Woraus besteht es denn? Aus denen, die die Entscheidungen treffen zum Beispiel. Die Einschätzungen des Ökonomen Hans-Werner Sinn sind symptomatisch für die faule Stelle der politischen Kultur in Deutschland: Manager sind Sündenböcke, keine Sünder.”

(Eine Bemerkung am Rande: Gestoßen bin ich auf den Artikel nicht etwa beim Spiegel selbst, sondern bei Carta – dem “Mehrautoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie”, ein Projekt Robin Meyer-Luchts, das bislang gegensätzliche Reaktionen hervorgerufen hat: von der Sehnsucht nach einer deutschen Huffington Post bis zur Ablehnung des dort zu findenden “neologistischen Bombastes.”)

Allgemeines Unbehagen

Deutschland, Vorweihnachtszeit 2008: Kollektives Aufatmen, da das globale Finanzsystem nicht zusammengebrochen ist. Gleichermaßen aber auch kollektives Unbehagen, da noch nicht abzusehen ist, was die Krise an sozialen Verwerfungen mit sich bringen wird. Ergebnis: Alarmstufe gelb auf der Kapitalismus-Enterprise; gewisse Warnzeichen sind schließlich nicht zu übersehen: Marxens Kapital ist ausverkauft, Ypsilanti und Schäfer-Gümbel bereiten auf die Post-Steinmeier-Ära bzw. Wowereit vor, und Peter Sodann will Banker ins Gefängnis stecken.

Die etablierten Printmedien suchen nach Symptomen, die auf kommende Massenproteste hindeuten könnten. Das Ergebnis: fraktal. Bleibt die Frage, ob dies am beschränkten Blick liegt – oder die Symptome gar keine sind, sondern nur Dissonanzen in einer larmoyant vorgetragenen Melodie. Schauen wir auf einige Annäherungen:

  • zum Beispiel die Zeit mit “Wider den Kapitalismus“: Blick auf die Marxistische Leseschule Hamburg, Attac, Linkspartei, NPD. Und ein Professor für Wirtschaftstheorie, der gar nicht so schlecht finden würde, wenn sich Studenten auch mal mit alternativen Gesellschaftsentwürfen befassten. Ergebnis: “Allen großen Gegenentwürfen fehlt heute ein reales Vorbild. Es gibt kein sozialistisches Vorzeigeland und keine ökologische Musterrepublik.” Aber: Wer sich Proteste nur auf institutioneller Ebene vorstellen kann, dem mangelt es an Phantasie. 
  • zum Beispiel der Spiegel mit “Internationale der Steinewerfer“: Erklärung der Proteste mit einer europäischen Autonomenbewegung, die neben Antiamerikanismus, Antiimperialismus und Antikapitalismus die nackte Gewalt als einigendes Band zusammen halte. Unter diesem Blickwinkel erscheinen die Griechen dann als militante Speerspitze einer Bewegung, während die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Andersartigkeit  der Griechen betont und von einer europäischen Bewegung nichts wissen will. Dafür wird in  “Der Nepotismus ist das Lebensprinzip Griechenlands” der Soziologe Michael Kelpanidis interviewt, der sich wie Huntington in seinem Kampf der Kulturen anhört: Griechenland, das andere Wesen, das gar nicht so recht zu Europa passen mag. Ergebnis: Die Griechen seien mindestens historisch belastet, vielleicht sogar verrückt. Die Gefahr, dass sowas hierzulande passiert, sei aber gering. Aber: Aus der Vogelperspektive geschrieben und keine brauchbaren Hinweise auf Lebensrealitäten der Handelnden. (Allein der Spiegel erwähnt mit indymedia.org wenigstens eine alternative Informationsquelle).
  • zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung mit “In memoriam Che“: Deutung des lateinamerikanischen Sozialismus’ des 21. Jahrhunderts als notwendige Korrektur der allerschlimmsten ökonomischen Missverhältnisse durch volksnahe, mehr oder weniger glaubwürdige Handelnde (Morales, Chavez, Lula etc.). Das alles unter der Schirmherrschaft der fleischgewordenen Mythen des Kontinents, Guevara und Castro. Ergebnis: Das Beispiel Lula zeige, dass das System als solches nicht zur Debatte stehe, nicht zur Debatte stehen könne, da auch Leute wie Lula auf Investoren angewiesen seien. Aber: Wer sagt denn eigentlich, dass Lateinamerika Hinterhof der Geschichte sein muss und der Weg nicht doch zu einem ganz eigenen werden könnte?

Nochmal zum Mitschreiben: Die Linke: ohne Vorbild und Durchschlagskraft. Die Autonomen: verwöhnt und im Zweifel griechisch. Die Lateinamerikaner: vielleicht gar nicht sozialistisch, bestimmt aber ohne Belang.

Viel Druckerschwärze also um Nichts; gleichwohl bleibt es unbehaglich…

Guido Obama-Westerwelle

Wenn es in diesen Tagen einen Hoffnungsschimmer am tristen Himmel des politischen  und wirtschaftlichen Geschehens gibt, dann ist es - aus der Sicht der Medien jedenfalls - die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten. Indes, mitunter fragt man sich, ob auch immer die Richtigen daraus Kraft schöpfen.

Nehmen wir Guido Westerwelle: Der FDP-Vorsitzende hat jetzt im Stern bekräftigt, deutscher Außenminister werden zu wollen. Dieser Wunsch ist dem Wahlvolk ja durchaus seit längerem bekannt, aber Westerwelle hat sich nun offenbar endgültig entschlossen, nicht nur die Inhalte seiner Politik, sondern auch die seines Privatlebens in die politische Waagschale zu werfen. Jedenfalls präsentiert er im Stern seine Homosexualität als Ausdruck eines offenen Geistes, mit dem Deutschland in der Welt reüssieren könnte - wenn er denn das Land als Außenminister vertreten dürfte. Laut Stern sagte er:

“Die ganz große Mehrheit der Bevölkerung hat überhaupt kein Problem mit meinem Privatleben. Es würde unserer Außenpolitik übrigens gut anstehen, wenn sie diesen Geist der deutschen Toleranz in andere Länder tragen würde”.

Die Frage ist nur, ob es Deutschland gut tun würde, seine Außenpolitik in die Hände Westerwelles zu legen. Die Taz zum Beispiel hat das bereits hübsch beantwortet und fragt sich zurecht, ob Westerwelle verstanden hat, dass staatliche und persönliche Interessen nicht immer konform gehen. (Abgesehen davon, nimmt man es ihm nicht so recht ab, dass er plötzlich zum Kämpfer für Bürgerrechte geworden ist.)

Aber Westerwelle wäre nicht Westerwelle, wenn er Cem Özdemir nicht den Titel “Deutschlands Obama” streitig machen wollte. Auf diesen Rollenwechsel, der sich ja gerade mal ankündigt, darf man in den kommenden Monaten gespannt sein. Mal gucken, ob er dabei Konturen gewinnt. Momentan kopiert er fleißig, direkt von Obama, versteht sich. So hat er zum Beispiel auf youtube bereits einen “FDP-Channel” eingerichtet und wird abends bei der dritten Apfelschorle wohlig von den wundersamen Wirkungen des viralen Marketings raunen.

Bleibt zu hoffen, dass Westerwelle auf seine Art und Weise ein Unikat ist und kein Vorbote einer Politikergeneration, die zwischen der eigenen Person und der Funktion, in der sie steht, grundsätzlich nicht mehr unterscheidet. Aus gegebenem Anlass fällt mir da sofort Helmut Schmidt ein, der ja gerade ob seines bevorstehenden 90. Geburtstages ordentlich abgefeiert wird: Die Zeit hat der neuesten Ausgabe eine DVD mit Schmidt-Interviews beigelegt. Unter anderem findet sich dort ein Ausschnitt aus einer Talkshow, in der ihm von einer emotionalen Dame nahegelegt wird, dass Tränen einen Staatslenker menschlicher und vertrauenswürdiger machten. Schmidt nimmt das zur Kenntnis und teilt der Dame mit:

“Ich glaube Ihnen das. Auf der anderen Seite ist es nicht seine Aufgabe, Ihnen vertraut vorzukommen.”

Glück durch Unbekannte

Wer solches Schuhwerk trägt, ist mit Vorsicht zu genießen…

Autorität und Glaubwürdigkeit sind im digitalen Zeitalter nicht so einfach herzustellen, geschweige denn zu konservieren. So richtig fest im Sattel sitzen sie eigentlich nur noch in den Körpern und Köpfen einiger weniger Personen der Zeitgeschichte – Helmut Schmidt zum Beispiel. Oder im Dalai Lama. Auch die Wissenschaft gilt als glaubwürdig und besitzt somit einen gewissen Grad an Autorität. Und so ist es kein Zufall, dass inzwischen selbst die abseitigsten Texte ganz einfach mithilfe eines Hinweises auf wissenschaftliche Expertise geadelt werden.

(Nur mal kurz am Rande: Manche werden da gleich an die Schelsky-Habermas-Debatte aus den 60ern denken und sich fragen, ob Sachzwänge (Schelsky) oder doch konkrete gesellschaftliche Interessen (Habermas) hinter der wissenschaftlich-technischen Gestaltung der Lebensbereiche stehen.)

Bei vielen Untersuchungen, die es in die Massenmedien schaffen, hilft meist schon ein kurzer Blick ins Kleingedruckte, auf den Auftraggeber, und die eigentliche Intention liegt mehr oder weniger klar zutage. Spätestens dann, wenn der eigentliche Zweck aber mit der Studie an sich zusammenfällt, morphen Studien mitunter nicht nur ins monetär Motivierte, sondern ins schlichtweg Absurde. In den vergangenen Monaten sind mir jedenfalls einige wissenschaftliche Ergebnisse untergekommen, die einfach nur noch referiert statt besprochen, in einen weiter gefassten Kontext gestellt oder anderen, früheren Ergebnissen gegenübergestellt wurden. Von einer kritischen Reflexion der angewandten Methoden ganz zu schweigen. (Ich bin ja durchaus für die Präsenz der Wissenschaft in den Medien, aber damit tut sich der Wissenschaftsjournalismus keinen Gefallen).

Am besten, die Studie kann man dann noch irgendwie mit Themen koppeln, die leserwirksam oder klickträchtig sind, und schon ist alles gut, die Seite gefüllt, das allgemeine Interesse geweckt: Ich kann mich zum Beispiel an die Focus-Meldung “Kleidung signalisiert Fruchtbarkeit” entsinnen, in der die Männerwelt im Namen der Wissenschaft vor Frauen gewarnt wird, die allzu lange vor dem Kleiderschrank stehen oder statt der Latzhose plötzlich den Minirock bevorzugen. Denn in einem solchen Falle schließe einiges darauf,, dass die Protagonistin ihre fruchtbaren Tage habe. Achtung, Eisprung-Alarm, Männer! Wenn nicht schon die Frau, so führen doch ihre Hormone was im Schilde, die Evolution ist ja schließlich nicht von gestern:

“Manchmal waren die Unterschiede im Outfit so deutlich wie Cargohosen mit Bikerstiefeln gegenüber Rock und Twinset. Manchmal ganz subtil, wie bei einer Studentin in derselben schwarzen Hose mit Tanktop. Das Oberteil war allerdings in der unfruchtbaren Zeit weiß und schlicht, bunt, tiefer ausgeschnitten und mit einem Spitzenrand verziert in den fruchtbaren Tagen.”

Auch das jüngste Beispiel, das mir untergekommen ist, zeigt ein solches Muster: Das Internetmagazin edge.org - angetreten, um im Geiste des angelsächsischen Empirismus die Rolle zu übernehmen, die ehedem die Intellektuellen inne hatten, haben die beiden Wissenschaftler Nicholas A. Christakis und James H. Fowler eine Zusammenfassung über eine Studie geschrieben, die sie zuvor im British Medical Journal veröffentlicht hatten. Thema: Soziale Netzwerke und Glück.

Und Matthias Gräbner von Telepolis liest offensichtlich edge.org und hat daraus dann eine deutschsprachige Version - selbstverständlich mit eigenem Timbre, der in einem Distanz vermittelnden süffisanten Unterton besteht - daraus gemacht. Die Frage ist nur, ob Gräbner nicht noch Mehrwert hätte leisten können, statt sich auf einen besseren Übersetzerdienst zu beschränken. (Das würde ich mir wünschen, nicht nur von Matthias Gräbner, sondern vom Wissenschaftsjournalisten an sich.)

Das machte übrigens auch die Untersuchung an sich interessanter. Wie wäre es zum Beispiel damit: Den kritischen Punkt ihrer Studie erwähnen Christakis und Fowler selbst, indem sie betonen, von der Vermutung ausgegangen zu sein, die vorliegenden psychologischen Erkenntnisse für in der Realität existierende Netzwerke seien auf virtuelle übertragbar:

“To follow up this study, we have also been examining online social networks. Emotional clustering and contagion are so fundamentally rooted in our ancient evolutionary psychology that-we believe-they should carry over to the very modern online world of email, blogs, and social networking sites like MySpace and Facebook.”

Glück und Netzwerke, Netzwerke und Glück: Was hat es also damit auf sich? Der Physiker und Soziologe Christakis und der Politologe Fowler haben sich die Daten einer empirischen Langzeitstudie angeschaut und belegen das, was wir alle wissen: Wer sich mit glücklichen Menschen umgibt, hat bessere Chancen, auch glücklich zu sein, als jemand, der nur mit notorischen Miesepetern und Schwarzmalern umgeht. Und weil wir heutzutage ja in weit verzweigten, differenzierten Netzwerken leben, liegt auch ein weiterer Gedanke nahe, den die Studie ergeben hat: dass in Sozialen Online-Netzwerken “Happiness” nicht nur vom Glückslevel der Freunde, sondern auch von dem der Freunde der Freunde und sogar von dem der Freunde der Freunde der Freunde abhängt. Glück durch Unbekannte sozusagen. Glück soll so, ähnlich wie Gesundheit, als kollektives Phänomen etabliert werden, schreiben die Autoren.

So weit, so gut - und vielleicht gar nicht so belanglos, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. (Jedenfalls nicht so belanglos, wie die Eisprung-Studie; obwohl mir da mit Sicherheit viele widersprechen würden). Immerhin betonen die beiden Wissenschaftler, dass Glück in allen möglichen Zusammenhängen bereits erforscht worden sei und sie mit ihrer Studie dort ansetzten, wo es noch Bedarf gebe: in der Frage nämlich, wie andere Menschen und deren mentale Zustände das eigene Glück oder Unglück beeinflussen. Es gebe zwar das bekannte Phänomen der “mentalen Kontamination” (was soviel bedeutet, dass die Wissenschaft nachweisen kann, dass man Gefahr läuft, depressiv zu werden, wenn man sich mit Depressiven umgibt), insgesamt sei diese Frage aber nicht allzu präsent in der Glücksforschung.

Glück auf, kann man da nur sagen…

Machen wir uns nichts vor III

“Wer seine Herkunft nicht vergisst, kann vielleicht ein Arschloch sein, aber kein Snob.”

Gérard Depardieux

Von Ingo Schulze lernen

10 Ex-Warschauer-Pakt-Staaten sind seit 1994 in die Europäische Union eingetreten/wurden reingelassen; und es werden meistens die Vorteile thematisiert, die Polen, Ungarn, Bulgaren, Slowenen, Rumänen, Tschechen, Letten, Slowaken, Esten, Litauer vom Beitritt haben. Oder die Ängste vor billigen Arbeitsmigranten. Die Frage aber, was “die” denn “uns” bieten könnten - abgesehen von niedrigen Lohnkosten - wird kaum gestellt. Dafür wissen die meisten Leute zu wenig über Mittel- und Osteuropa. Je weiter westlich, desto weniger.

Da ja derzeit häufiger mal die Systemfrage gestellt wird und wieder öffentlich überlegt werden darf, ob der Kapitalismus (zumindest im gegenwärtigen Zustand) der Weisheit letzter Schluss sei, könnten die Menschen aus den “neuen” Mitgliedsstaaten etwas beisteuern, was den meisten aus den “alten” Staaten fehlt:  die Erfahrung, in unterschiedlichen Gesellschaftsentwürfen gelebt zu haben.

Adam Michnik und Václav Havel zum Beispiel, die beiden, mit Verlaub, Dissidenten par excellence, haben sich nun in der polnischen Gazeta Wyborcza unterhalten und sehen das offenbar ähnlich. (Das konnte ich nur lesen, weil die slowakische Website Salon richtig was gegen die Sprachbarriere tut und nach dem Vorbild des deutschen Perlentauchers Feuilleton- und Magazin-Rundschauen auch in englischer Sprache ins Netz stellt. Schwerpunkt sind die Presseerzeugnisse Mitteleuropas; einige Artikel werden komplett übersetzt.)

Der Pole Michnik und der Tscheche Havel unterhalten sich zum Beispiel über Russland und über Putin und konstatieren im Allgemeinen, die EU wisse zu wenig über Russland. (”It is Putinism. But its inventor is not Putin, it is Lukashenko, and Putin has just plagiarized him”, sagt Michnik, und Havel erzählt, er habe sich sagen lassen, Putin könne Lukashenko vor allem deshalb nicht leiden, weil er sich bewusst sei, dass der weißrussische Präsident wie eine Karikatur seiner selbst wirke.) Und sie haben angesichts der schnellen gesellschaftlichen Transformationen in ihren Ländern einen ganz anderen Blick auf alltägliche Phänomene, die hierzulande niemand mehr hinterfragen würde. Havel exerziert das am Beispiel des Konsumismus vor und sagt auch gleich was wir stattdessen brächten: nicht weniger als eine “existenzielle Revolution”:

“This growth of a global consumer society is accompanied by a growing number of people who do not create anything of value. They are just mediators, consultants, PR agents. (…) To me all this is extremely dangerous and I doubt that civilization can come to its senses unless some enormous shake-up or a tsunami takes place. In any case, I feel the need for some kind of an existential revolution. Something has to change in people´s awareness.”

Übrigens: Der erste Warschauer-Pakt-Staat, der der EU beitrat/reingelassen wurde, war die DDR. Und die angesprochenen unterschiedlichen Erfahrungswelten sind auch soundsoviele Jahre nach dem Mauerfall noch deutlich zu spüren. Ein Interview mit dem Schriftsteller Ingo Schulze (Ossi) und einem Redakteur der Süddeutschen Zeitung (mit Sicherheit Wessi) ist da nur ein willkürlich ausgewähltes Beispiel:

Schulze plaudert da ganz unbefangen, dass im Wechsel der Systeme sich häufig nur die Abhängigkeiten geändert hätten - es seien nun ökonomische statt ideologische. Sagt frei heraus, dass er sich die Bahn als ökologischen Konzern wünscht, der kostendeckend arbeitet (”Planwirtschaft”, seufzt der Redakteur sorgenvoll). Glaubt, dass Energieunternehmen dem Staat unterstehen sollten. Und fordert, wir müssten “endlich den politischen Willen aufbringen, uns der Ökonomisierung aller Lebensbereiche zu widersetzen”. (Und das Schöne daran ist, dass Heckenschützen den Ex-DDRler Schulze für seine Sichtweise nicht persönlich angehen könnten, ohne sich selbst zu desavouieren - die ganzen im Westen jahrzehntelang mit großem Aufwand gepflegten Anti-Kommunismus-Sozialismus-Reflexe würden an Schulzes Biographie einfach abperlen.)

Das symbolträchtige Techtelmechtel

Über die Titelgeschichten des Spiegel kann man ja vortrefflich streiten, aber dass sie humorvoll seien, hat in meiner Gegenwart ernsthaft noch niemand behauptet. Gleichwohl musste ich heute so richtig loslachen, als ich das Hamburger Nachrichtenmagazin zur Hand nahm und den Haupttext zur aktuellen Ausgabe “Angela Mutlos” las.

Merkel zaudere in einer Zeit, in der die Kunst der Krisenbewältigung gefragt sei und andere Staatsmänner durch entschlossenes Handeln glänzten. Dadurch habe sie Einfluss verloren, nicht zuletzt auch auf der europäischen Bühne, lautet die Botschaft des Artikels. Und derjenige, der das am deutlichsten ausgesprochen hat, ist - wie sollte es anders sein - Nicolas Sarkozy.

Neulich kolportierte die europäische Presse ja schon Gerüchte, der französische Präsident sei der deutschen Kanzlerin zu körperlich, aber das wurde noch in der Kategorie interkulturelle Unterschiede und daraus resultierende Missverständnisse verortet: fränkischer Latino versus ostdeutsche Protestantin. Nun schreibt der Spiegel aber ganz offen, die beiden könnten sich nicht leiden.

Egal ob Sympathie oder nicht, die beiden werden sich noch häufiger sehen, und so beschreibt der Artikel unter anderem auch, welche Studien Merkel über Sarkozys Charakter treibt, um ihn zu fassen zu kriegen, zu hinterfragen, ganz einfach besser zu verstehen - und so ihre Position in diesem symbolträchtigen Techtelmechtel zu stärken. Und da flutscht dann plötzlich so ein Absatz aus dem besagten Artikel, unvermittelt und noch nicht mal mit dem üblichen “so wurde in informierten Kreisen kolportiert”, geschweige denn im Konjunktiv oder anderen schreiberischen Verniedlichungs- und Distanzierungsstrategien. Ich zitiere:

“Zwar hat sie sich Filme mit Louis de Funès angeschaut, um mehr über zappelige Franzosen zu erfahren, aber etwas anderes als ewigen Gleichmut kann sie ihm nicht entgegensetzen. Die Faust ist geballt, bleibt aber in der Tasche.”

Ich vermag zwar nicht zu deuten, ob das ernst gemeint ist oder doch eine subtile Boshaftigkeit der Kanzlerin gegenüber, um ihre vermeintlich unzureichende Vorbereitung auf Treffen mit dem omnipotenten Sarkozy zu entblößen - dieser Abschnitt ist in jedem Falle einfach wunderbar: Allein die Vorstellung, Frau Merkel abends auf ihrem Sofa im Kanzleramt sitzend, “Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe” schauend und ihre Schlüsse aus den Dialogen zwischen pupsenden Franzosen und extraterrestrischen Teletubbies ziehend…

Wäre meine Wenigkeit außenpolitischer Berater Merkels, würde ich ihr allerdings eine Szene aus einem anderen Streifen empfehlen (und Ihr anschließend nahelegen, sich Sarkozys Charakter auf anderen Wegen zu nähern, nicht dass hier jetzt Missverständnisse aufkommen):

httpv://www.youtube.com/watch?v=Z-2yMBrWnds&feature=related

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