Monatsarchiv für Januar 2009

 
 

Migrationshintergrund Harz

Ich hatte mal einen Kumpel, nennen wir ihn mal Jonas, der stammte aus Niederbayern und war nach Berlin gekommen. Er hatte eine scharfe Zunge und Übergewicht. Und er litt gerne. In Berlin litt er vor allem an bornierten Eingeborenen und zugezogenen Möchtegern-Indigenen, die sich weigerten, einen Dialekt sprechenden Bayern, einen wie ihn zu akzeptieren. Das war seine feste Überzeugung, zumindest was die Frauen betraf. Dabei waren die Zunge und das Gewicht an seinem durchaus zutreffend analysierten Status nicht ganz unschuldig.

Ich verlor den Kontakt zu Jonas. Und fand ihn dann in der Blogosphäre wieder - nicht leibhaftig (leibhaftig in der Blogosphäre, geht das überhaupt?), aber den Typus mit der scharfen Zunge und dem bayrischen Dialekt. Jedenfalls höre ich immer ein süddeutsches Timbre durch, wenn ich Don Alphonso lese, und eine scharfe Zunge hat er bekanntlich auch; zumindest schreibt er so. Don Alphonso hat übrigens mal eine Zeit in Berlin verbracht. Richtig glücklich wurde er da nach eigenem Bekunden aber nicht. Bei St.Burnster hat er das Gefühl beschrieben, wie es ist, ein Bayer in Berlin zu sein.

“Der Bayer, der weiss, wie grausam die Provinz und wie nichtig München sein kann, dann in Berlin landet und sich an dieser Stadt abarbeitet, die ihn ums Verrecken nicht haben will, weil er immer ein Bayer sein wird. Sie wird ihn in manches Bett und mitunter einen guten Tag haben lassen, aber am End spuckt sie einen aus wie eine Fliege im Bier, und dann hat sie einen sofort vergessen, weil wieder andere Bayern kommen und diese Erfahrung machen.”

(Mir kommt es so vor, als ob von den ganzen Schwaben und Bayern, die es nach Berlin verschlagen hat, nur die letzteren mitunter das Bedürfnis verspüren, in der Masse aufzugehen - ohne Dialekt und sonstige kulturelle Auffälligkeiten. Die Schwaben kommen nie auf den Gedanken, etwas anderes als Schwaben sein zu wollen. So gesehen sind sie die Türken des Prenzlauer Bergs; denen wird ja gerade mangelnde Integrationsfähigkeit nachgesagt. Übrigens eine Grenzüberschreitung des zuvor gültigen politisch korrekten Sprachgebrauchs, Migrationsproblematiken nicht auf kulturelle, sondern auf soziale Probleme zurückzuführen. Das Wörtchen Leitkultur regt heute ja auch niemanden mehr auf.)

St.Burnster ist damit meine dritte bajuwarische Bekanntschaft, mit der ich mich auseinandersetze, spätestens nachdem er seine persönliche Migrationsgeschichte offenbart hat, deren Ausgangspunkt Regensburg ist. St.Burnster lebt offenbar gerade – richtig – in Berlin, macht die am eigenen Leibe erfahrenen interkulturellen Unterschiede aber nicht an seinem Dialekt oder am Bayer-sein-an-sich fest, sondern an der Freude am Raufen, die ihm in Regensburg weitaus ausgeprägter erscheint als in Berlin. “Mein Migrationshintergrund” hat er seinen Text genannt, und bei diesem Aufhänger habe ich mich beschämt darin erinnert, dass ich mich selbst ab und an für originell hielt, als ich auf Multikultiparties, auf denen nach dem Motto “Mein Haus, mein Auto, meine Familie” das Smalltalkgeplänkel “Meine Herkunft, meine Sprachen, meine Kultur” ablief, von meinem persönlichen Migrationshintergrund sprach: dem Harz.

Nun brauche ich natürlich einen ebenso überzeugenden Grund wie den klar zu identifizierenden Dialekt oder die ausgeprägte Rauflust, um zu begründen, warum sich eine Sozialisation im Umfeld des Brockens von anderen Prägungen unterscheidet. Aber das ist kein Problem, da muss ich nur an die Leiden meiner Frau denken, wenn sie mit mir in meine Heimat fahren muss: Während ich dort in der Regel sofort von anderen Männern in die Nähe einer Theke geschleppt werde und Fleisch, Tabak, Bier und Schnaps konsumiere, sitzt sie mit den zu den Harzer Männern gehörenden Frauen beim Kräutertee in der Küche und muss sich über Backrezepte, Haushaltsutensilien und dörfliche Affären unterhalten.

Kurz, der Harz steht in meiner Familie für eine Geschlechtertrennung, die an adenauersche Zeiten gemahnt und jede(n) demotivierte(n) Gender-Studies-Studentin(en) wieder auf Trab bringen würde. Grund genug für meine Frau, ein dauerhaftes Leben in dieser traumhaft schönen Mittelgebirgslandschaft auszuschließen. Sie könnte auch sagen, ins Ausland gehe sie nicht.

“Hexenmeister, halber Chor:

Wir schleichen wie die Schneck im Haus,
Die Weiber alle sind voraus.
Denn, geht es zu des Bösen Haus,
Das Weib hat tausend Schritt voraus.

Andere Hälfte:

Wir nehmen das nicht so genau,
Mit tausend Schritten macht’s die Frau;
Doch wie sie sich auch eilen kann,
Mit einem Sprunge macht’s der Mann.”

Goethe, Faust I

 

Berlin im Januar. . .

. . . ist so schlimm, dass sogar mein bester Kumpel trübe aus der Wäsche guckt.

Falls ich diese Stadt in diesem Leben doch noch einmal verlassen sollte, würde ich IHN jedenfalls vermissen. Im Gegensatz zum Winter - oder sagen wir: zum Januar. Und zum Februar. Manchmal auch zum März.
So wie auf Anke Gröners ganz persönlicher Liste anlässlich ihres Abschieds aus “Balin”.

Indien oder Ikarus?

Bescheidene 4 Monate und 27 Einträge wird dieses Blog nun beschrieben, immer noch beta ist es, und wohin die Reise letztendlich gehen soll, ist auch noch nicht klar. Etwas klar geworden ist mir bei der Bloggerei bislang aber schon, beta hin oder her: Menschen, Personen, Individuen, Charaktere aus echtem Fleisch und Blut sind häufiger der Aufhänger der Einträge, kommen öfter vor als ursprünglich geplant. Und ich dachte vor 4 Monaten und 27 Einträgen noch, es solle hier eher um, hmmm, sagen wir Themen, Fakten, Zusammenhänge, Sachverhalte gehen.

Anfang der 90er Jahre saß ich schließlich noch in Proseminaren im Studienfach Geschichte rum und lernte von systemkritischen Hochsemestern, dass die Historie mitnichten auf Personen, Politik, Institutionen und Kriege zu reduzieren sei. Die Soziologie und die französische Annales-Schule hatte das Aufmerksamkeitsspektrum um Themen wie Wirtschaft, Gesellschaft, Klima, Mentalität erweitert. Das sah namentlich das ältere Lehrpersonal nicht unbedingt so, das war seinerzeit im Blauen Turm in Göttingen in der Regel stramm konservativ-bürgerlich, trug Namen wie Pistohlkors oder Gesichter mit Schmissen - und war, nun ja, einfach alt - aus meiner damaligen, jugendlichen Perspektive.

Warum also mehr Personal als gedacht? Da dürften einmal die Gesetze des Erzählens ihren Einfluss haben: Leo´ Charbonneau benennt im kanadischen Magazin University Affairs das Salz in der Suppe beim Storytelling am Beispiel des Wissenschaftsjournalismus:

“remember that the most important thing about story telling – that is what we’re doing, after all – is to tell a good story. Where’s the human interest, the challenges, the pitfalls, the dramatic story arc?

And who are the people involved?”

Mit den in die Historie Involvierten brauchte man linken Göttinger Geschichte-Studenten Anfang der 90er aber nicht kommen. Der Ausspruch des preußischen Gelehrten Heinrich von Treitschke, dass es vor allem die Männer seien, die die Geschichte machten, war verpönt. Der Historismus auch. Das prägt.

Insofern bin ich Alexander Demandt für seinen Beitrag in der Zeit dankbar, in dem er beiden Seiten Rechte einräumt, wenn er einerseits sagt:

“Gewiss kann man gegen Treitschke einwenden, dass Geschichte überhaupt nicht gemacht werden kann, sondern allenfalls das ist, was dabei herauskommt, wenn Männer versuchen, Geschichte zu machen, die Frauen erleiden müssen”,

andererseits aber betont,

“dass der individuelle Einfluss der großen Männer auf das Geschehen von der Wahrscheinlichkeit abhängt, mit der dieses zu erwarten war: geringer, wo man es kommen sah; größer, wo es überraschte.”

Als Beispiel nennt er unter anderem ganz klassisch Alexanders Indienritt: Da vor ihm kein Grieche je auf die Idee gekommen sei, gen Indien zu ziehen, sei es unwahrscheinlich, dass eben dies ohne den Großen vonstatten gegangen wäre, begründet Demandt seine Sichtweise. 

Andrew Sullivan bewegt sich in der Sunday Times auf einer ähnlichen Spur und wagt einen Blick auf die zukünftigen Aufgaben des gerade vereidigten 44. US-amerikanischen Präsidenten: Barack Hussein Obama.  Sullivan, der auch bloggt, wagt es tatsächlich, es für möglich zu halten, dass Obamas Führungsstil (und Charakter) alle brennenden Fragen der USA (und, nebenbei, der Welt) zwar nicht unbedingt auf die Schnelle, irgendwann aber doch lösen kann: die kulturelle Spaltung des Landes, die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, Guantanamo, vielleicht sogar den Konflikt im Nahen Osten. Obamas Integrität, seine Großherzigkeit, auch ehemalige Gegner ins Regierungsboot zu holen, seine Fähigkeit zuhören zu können, sein Pragmatismus und sein Mut, sich mit einem Haufen hoch geschätzter Experten zu umgeben, ohne um sein Ego zu fürchten, künde von einem fundamentalen Wechsel des politischen Führungsstils des Landes und sei mehr als eine reine Projektion von Hoffnungen, schreibt Sullivan.

Ist es aber nicht wahrscheinlicher, dass Obama in die gleichen Mühlen gerät wie andere Hoffnungsträger vor ihm und somit auch nicht anders ist als andere: als Clinton zum Beispiel:

“Clinton ist der Repräsentant einer neuen Generation von Politikern, die die Weltherrschaft antritt. Nach Jahren der Herrschaft massiger, düsterer, verbissener, mürrischer Ideologen bricht nun die Zeit der leichten Kaliber an, postmodernistischer Lockerheit, einer elastischen Linie. Wichtig sind die aktuelle Situation und die momentanen Interessen. Die Gegenwart regiert und entscheidet. Es werden Verpflichtungen ohne Bedeutung eingegangen und Versprechen gemacht, die nur ein Spiel sind”,

schrieb Ryszard Kapuściński in seiner bereits Anfang der 90er.

Doch gerade Clinton ist nach Sullivans Sicht Obama eben nur in einer Teildisziplin gewachsen, im Intellektuellen:

“Intellectually, Obama is in Bill Clinton´s league. But what he has over Clinton is emotional intelligence to buttress his grasp of policy.”

Emotionale Intelligenz ist zwar sicher wichtig und kann eine immense Rolle spielen; eine Idee, die etwas Großes ins Rollen bringen kann, ist sie aber nicht, möchte man Sullivan mit Demandt entgegnen. Wollen wir mal hoffen, dass Obama wird nicht zum Ikarus statt zum Indienreiter.

Einführung in die Verhaltens-Obamanomie

Der christdemokratische Asket Heiner Geißler geißelt ja schon seit Jahren “das verheerende Versagen der Wirtschaftswissenschaften“: Deren Konzepte zur Gestaltung der Globalisierung ließen humane Gesichtspunkte außer acht und orientierten sich vor allem an den Kapitalinteressen. Mit fatalen Folgen, da sich die gegenwärtige Politikergeneration als “unfähig” erweise, globalem ökonomischem Agieren ebenso weltweites politisches Handeln entgegen zu setzen. Nun, für diesen Vorwurf dürfte das Attac-Mitglied Geißler wohl kaum die Urheberrechte beanspruchen dürfen; und dass er die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten begrüßt, überrascht genau so wenig. Dennoch ist es durchaus vorstellbar, dass Geißler nicht nur aus den üblicherweise vorgetragenen Gründen den Ausgang der US-Wahl gut findet. Denn Obama hat auf beide der angesprochenen Sphären – auf die Politik ja sowieso, aber augenscheinlich auch auf die (Wirtschafts-)Wissenschaften – einen alles andere als unerheblichen Einfluss. Zum Beispiel, indem er im Gegensatz zu seinem Vorgänger Wissenschaftlern nicht nur zuhört, sondern auch und darüber hinaus in seine Regierungsmannschaft holt. Und offenbar gedenkt, deren Konzepte in die Tat umzusetzen, wenn diese denn für gut befunden wurden.

Zweifel am menschlichen Zutun angesichts des Klimawandels? Propagierung sexueller Enthaltsamkeit, anstatt sich auf vulkanisierten Kautschuk in kondomischen Formen und Farben zu verlassen? Kein Geld für Stammzellenforschung aus religiösen Motiven? Unterdrückung wissenschaftlicher Expertisen, sofern diese nicht genehme Ergebnisse beinhalten? Nicht mit Obama, frohlockt etwa der Economist, und sieht zum Beispiel in der Nominierung des Nobelpreisgewinners, Physikprofessors und Klimaschützers Steven Chu für das Amt des Energieministers ein klares Indiz für einen “shift in political attitudes towards scientific advice”. Das sieht die Wissenswerkstatt auch so und verweist auf den Umstand, dass einige hoch gehandelte Wissenschaftler nicht zuletzt aus diesem Grunde sich im US-Präsidentschaftswahlkampf für einen Regierungswechsel eingesetzt hatten. Das Blog konstatiert denn auch erleichtert, dass Obama offenbar entschlossen ist, in dieser Angelegenheit Wort zu halten.

“Wissenschaftlichen Rat” bekommt Obama auch vom Ökonomie-Professor Austan D. Goolsbee, der für das Regierungsteam im Bereich Wirtschaft vorgesehen ist, Obama aber bereits wesentlich länger – seit 2004 – mit wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen versorgt. Der mit 39 Jahren für einen Professor junge Goolsbee steht für eine neue Generation von Wirtschaftsexperten, “die sich auf das Internet konzentrieren, Netzwerkeffekte, Verhaltensökonomie und Neuroökonomie untersuchen”, schreibt Mark Williams in der Technology Review und bescheinigt Obama, sich einen Berater ins Boot geholt zu haben, “dessen Fähigkeiten und Ansichten die eines Wirtschaftswissenschaftlers des 21. Jahrhunderts sind.” (Die US-Amerikaner sind also sozusagen bereits bei Bert-Rürup-2.0…; der Finanz- und Wirtschaftsprofessor Rürup ist Vorsitzender der fünf Wirtschaftsweisen Deutschlands, deren Weisheit sich in der Regel ja eher nicht in zutreffenden Prognosen zu bevorstehenden wirtschaftlichen Entwicklungen ausdrückt.) Der Chicagoer Proff Goolsbee jedenfalls steht laut Williams zusammen mit anderen Wissenschaftlern - zum Beispiel Richard Thaler, einem der Begründer der Verhaltensökonomie bzw. der Behaviorial Economics – für zwei grundlegende Herangehensweisen an seine Arbeit:

“Als erstes setzen sie empirische Studien ein, um bestimmte Verhaltensmuster unter eingeschränkten Bevölkerungsgruppen zu untersuchen, weil sich in solchen mikroökonomischen Zusammenhängen solche Daten sehr einfach erheben lassen und sie oft erstaunliche Ergebnisse zeigen. Und als zweites borgen sich die Forscher Erkenntnisse aus der Verhaltenspsychologie und den Neurowissenschaften aus.”

Nun ist die Verhaltensökonomie nicht gerade eine neue wissenschaftliche Disziplin. Im Grunde arbeitet sie sich seit Jahrzehnten an dem prototypischen Modell der klassischen ökonomischen Lehre ab, das menschliche Verhaltensweisen abbilden soll: am Homo Oeconomicus, der Entscheidungen immer rational und nach wirtschaftlichen Kriterien fällt – nicht nur für Verhaltensökonomen meist ganz im Gegensatz zum “Homo Normalo”. Sendhil Mullainathan und Richard Thaler zum Beispiel markieren in ihrer Einführung in die Behavioral Economics drei Einschränkungen, die menschliche Verhaltensweisen in Entscheidungssituationen kennzeichneten, die die klassische ökonomische Theorie aber nicht beachte, nämlich…

  1. unbegrenzte Rationalität
  2. unbegrenzte Willensstärke
  3. unbegrenzter Eigennutz

Kritik am Homo Oeconomicus und die Differenzierung dieses Modells durch psychologische Erkenntnisse machen also das Wesen der Verhaltensökonomie aus. Nun weiß jeder, der über einen Funken Beobachtungsgabe und Selbstreferenzialität verfügt, dass bei menschlichen Handlungen an sich mindestens hinsichtlich der Ratio und des Willens (und mitunter sogar in puncto Egoismus) von unbegrenzten Möglichkeiten nicht die Rede sein kann – gleichwohl ist man immer wieder erstaunt, wie irrational sich Menschen in alltäglichen Situationen verhalten können. So ähnlich ist es mit der Verhaltensökonomie auch: Ihre empirischen Belege und Grundgedanken muten meist einleuchtend und geradezu schlicht an; ihre Ergebnisse können jedoch schnell verblüffend evident sein.

Interessant wird es, wenn die Ideen der Verhaltensökonomen in der Praxis ausprobiert werden. Richard Thaler steigerte zum Beispiel in einem Pilotprojekt in US-amerikanischen Unternehmen den Anteil der Mitarbeiter, die an einem betrieblichen Altersvorsorge-Programm teilnahmen, ganz erheblich, wie zum Beispiel Jean Uwe Heuser in der Zeit berichtet hat. Dafür änderte er nicht etwa die Bedingungen des Programms an sich, sondern lediglich die Form, in der es angeboten wurde: So mussten die Mitarbeiter das Programm nicht mehr wie zuvor üblich bei der Personalabteilung ihres Unternehmens anmelden, sie mussten bei den Personalern lediglich dann vorbeischauen, wenn sie ausdrücklich nicht teilnehmen wollten. Grund genug für Obama, sich diese Erkenntnisse zu eigen zu machen und anzukündigen, Arbeitnehmer fürderhin im Sinne dieses Modellprojektes zur Teilnahme am staatlichen Vorsorgeprogramm zu animieren zu wollen.

“Libertäter Paternalismus” nenne man das, meint Alain Zucker im Schweizer Das Magazin:

“Wir bewahren unsere individuelle Wahlfreiheit, aber die Behörden legen uns bestimmte Lösungen mehr ans Herz als andere. Das Risiko besteht darin, dass die Verhaltensökonomie zwar auf unsere Macken und Schwächen Rücksicht nimmt, aber jene der Behörden und Politiker möglicherweise unterschätzt, die über diese sanfte Bevormundung entscheiden müssen. Deren Bilanz der Volksbeglückung ist bisher nicht berauschend.”

Ein beliebtes Beispiel für die Irrationalität und, deren Berechenbarkeit vorausgesetzt, Manipulierbarkeit menschlicher Verhaltensweisen, die die Verhaltensökonomie durch Studien nachgewiesen hat, ist das so genannte Ultimatum Game. Dieses Modell beschreibt zwei Personen, von denen eine über die Summe X verfügt und von dieser der anderen Person einen in der Höhe selbst festgelegten Anteil abgeben muss. Die andere Person muss zustimmen, ansonsten erhält keiner der beiden auch nur einen Cent. Legt man das Homo-Oeconomicus-Modell für eine Prognose zugrunde, müsste die zweite Person auf jeden Fall die Offerte annehmen - egal wie hoch oder niedrig die in Aussicht gestellte Summe auch sein mag. Denn wenig ist demnach doch immer noch besser als nichts. Doch die Annahme stellt sich schnell als falsch heraus: Niedrige Offerten wurden von den Probanden regelmäßig abgelehnt, die Verhaltensökonomen vermuten, der Ärger über die in ihren Augen ungerechte Verteilung und der daraus entstehende Wille, dem Gegenpart einen auszuwischen, führe zu dieser Handlungsweise.

Die Neurowissenschaften haben das Ultimatum Game auch gleich nachgespielt und per Magnetic Resonance Imaging (MRI) in die Gehirne von Ultimatum-Game-Probanden geschaut und tatsächlich in der Hirnregion, die für das Belohnen und Bestrafen zuständig gilt, erhöhte Kreislaufaktivitäten festgestellt, schreibt erneut der Economist - und bescheinigt den Neuro-Ökonomen gleich mehr Potenzial, um zu bedeutenden Ergebnissen zu gelangen als den Behavioral Economics, in deren Kielwasser dieser junge Wissenschaftszweig derzeit schwimmt. Das mag sogar stimmen, auf die lange Sicht, sicher ist jedenfalls, dass das offene Ohr Obamas sich durchaus nicht als Einbahnstraße erweisen sollte, von der allein die US-Regierungsgeschäfte profitieren werden. Für das Standing (und auch die finanzielle Ausstattung) der Verhaltensökonomie, die ja auch gerne kritisch beäugt wird, dürfte sich die unerwartete Ehre, an höchster (Regierungs-)Stelle gehört zu werden, auf jeden Fall auszahlen. Die Praxis ruft also.

 

Aphorismen-Alarm mit . . .

Elias Canetti

Heute: Aus der Sicht eines Angestellten

“Die Zonen des Respekts, den man für sich erwartet, begrenzen. Das meiste freihalten.

Langsam stirbt die Einbildung in dir ab und du wirst schlicht und nützlich. Da es sehr schwer war, so zu werden, ist es nicht überflüssig.

Man ist nur frei, wenn man nichts will. Wozu will man frei sein?

Man kann nur leben, indem man oft genug nicht macht, was man sich vornimmt.
Die Kunst besteht darin, sich das Richtige zum Nichtmachen vorzunehmen.
Es erstickt, wer sich gehorcht, nicht weniger, als wer anderen gehorcht. Nur der Inkonsequente, der sich Befehle gibt, denen er ausweicht, erstickt nicht.
Manchmal, unter besonderen Umständen, ist es richtig zu ersticken. 

Das Wichtigste: Gespräche mit Idioten. Aber sie müssen es wirklich sein, nicht dazu von dir ernannt werden.

Es ist ihm zumute, als bestünde er aus zehn Gefangenen und einem Freien, der ihr Aufseher ist.

Denk viel. Lies viel. Schreib viel. Äußere dich zu allem, aber schweigend.

Wenn Du etwas um keinen Preis tun willst, steht es dir schließlich bevor.

Sehr viele Leute können nur in Namen leben. (…) Namen sind ihre Spirituosen.”

Quelle: Elias Canetti: Das Geheimherz der Uhr. Aufzeichnungen 1973 bis 1985.

“Too depressed to be sexually active”

Eigentlich wollte ich im neuen Jahr die Krise ja Krise sein lassen, aber diese Meldung ist es wahrlich wert, von den guten Vorsätzen abzusehen: Larry Flynt, US-amerikanischer Verleger unter anderem des Hustlers, und Girls-Gone-Wild-CEO Joe Francis – einer Internet-Plattform, die Videos produziert, indem Kamerateams auf Partys junge Frauen filmen, die bereit sind, sich auszuziehen und mitunter sogar das vor laufender Kamera vollziehen, was in den USA so gerne euphemistisch als intercourse bezeichnet wird – haben den US-Kongress um eine Unterstützung (bailout) für die Pornoindustrie in Höhe von 5 Milliarden US-Dollar ersucht.
Laut CNN räumten Flynt und Francis ein, dass die “adult entertainment industry” im Zuge der Finanzkrise zwar in keine fundamentalen Schwierigkeiten geraten sei, sie aber wie jeder andere ökonomische Zweig auch finanzielle Einbußen habe hinnehmen müssen und deshalb ebenso wie zum Beispiel die Autoindustrie ein Recht auf einen Bailout habe. Oder, in Flynts eigenen Worten:

“People are too depressed to be sexually active. This is very unhealthy as a nation. Americans can do without cars and such but they cannot do without sex. With all this economic misery and people losing all that money, sex is the farthest thing from their mind. It’s time for congress to rejuvenate the sexual appetite of America. The only way they can do this is by supporting the adult industry and doing it quickly.”

Wenn das kein gutes Zeichen ist: Die Amis haben die Selbstironie wiederentdeckt! Der deutschen Presse scheint allerdings entgangen zu sein, dass es sich bei dieser Aktion der beiden Adult-Entertainment-Experten wohl eher um eine öffentlichkeitswirksame Politaktion als um ein ernsthaftes Anliegen handelt: Anders kann ich mir jedenfalls die bierernsten Meldungen des Spiegels und der Gala nicht erklären. Dabei spürt man meines Erachtens selbst in der oben verlinkten CNN-Tickermeldung das Vergnügen, das dem Schreiber das Verfassen der Nachricht bereitet hat.

Mit Ordnungssinn gen Osten

Edward Lucas, Economist-Korrespondent für Mittel- und Osteuropa, hält das Verhältnis Deutschlands zu Putins Russland für das “rätselhafteste und problematischste Merkmal der modernen europäischen Politik.” Wie das?

Vorneweg: Lucas müsste wissen, wovon er spricht. Der Mann berichtet seit über 20 Jahren über Mittel- und Osteuropa (auch in seinem Blog), studierte unter anderem in Krakau und beherrscht neben dem Polnischen auch das Russische - und das Deutsche. Ein Mann vom Fach sozusagen. Also hören wir mal hin, was er zu sagen hat. Kann ja nicht schaden, mal einen Blick auf die britische Sicht der Dinge zu werfen.

Im Kern schreibt Lucas, dass die Deutschen hinsichtlich der viel diskutierten Frage, welches Maß an Repressivität des Putinschen Russlands tolerierbar sei, um dessen (allseits gewünschte) wirtschaftliche Integration in die westliche Hemisphäre zu fördern, die Grenzen allzu lax gesetzt haben. Er fragt sich, warum, und schreibt:

“Are the Germans deluded? Or just ill-informed? Have they been bought by the profits from ballooning exports? Is their unwillingness to confront Russia the result of historical trauma - the defeat, destruction, rape and looting of the Soviet march westwards? Is it guilt about the mass murder that accompanied Germany’s attack on the Soviet Union? Or is it deeper - the echoes of a frustrated colonial relationship that goes back to the days when the German-born Tsarina Catherine the Great invited German farmers to settle on the Volga?”

Um dies heraus zu finden, hat Lucas das neue, in englischer Sprache erschienene Buch Michael Stürmers, Putin and the rise of Russia, gelesen. (Ob Stürmer, Jahrgang 1938, emeritierter Professor für Geschichte, ehemaliger Berater Helmut Kohls und seit 1989 Chefkorrespondent der Welt, wirklich der richtige Mann ist, um den Deutschen an sich zu repräsentieren und Lucas´ Frage zu beantworten, sei dahingestellt.) Dass er die problematischen Seiten des Putinschen Russlands offenbar als unerfreuliche, aber unvermeidliche Geburtswehen eines Territoriums interpretiert, das erst auf dem Weg zu einem stabilen Staat mit einer funktionierenden Zivilgesellschaft sei, passt Lucas aber in jedem Fall gut ins Konzept. Denn diese Sicht hält er für falsch:

“Stuermer ignores the way in which the Kremlin has created a powerful lobby in European countries, including his own (…). It appears not to trouble him in the least that the EU’s efforts to diversify away from gas, to diversify its sources of gas, and to reform its gas market to make it less vulnerable to Russian manipulation, are all blocked or delayed thanks to a Kremlin veto. He ignores the scandalous (and largely invisible) use of Russian money to influence opinion in Brussels, in the decision-making bodies of the EU. (…) His biggest misapprehension is the repeated assertion that Russia has no grand design.”

Die Deutschen nehmen die Gefahren, die im Kontakt mit autoritären Staaten entstehen, Lucas´ Auffassung nach also nicht ernst genug. (Ja ja, mit China und den Saudis auf der einen und “dem Westen” auf der anderen Seite sei es ja so ähnlich gelaufen; aber das hieße ja noch lange nicht, dass man die gleichen Fehler mit den Russen auch machen müsse.) Und weil ein vernunftbegabter Mensch ja gar nicht anders kann, als sich der Lucasschen Meinung anzuschließen, ist er gezwungen, bei den Mutmaßungen, warum die Deutschen das anders sehen und praktizieren, im Trüben zu fischen – in den Tiefen vermeintlicher kultureller Prägungen zum Beispiel. Woher kommt also die deutsche Russenliebe? Ganz klar: Zwanghafter Ordnungssinn und die Sehnsucht nach Spontanität treiben die Deutschen ostwärts:

“Germany is Russia’s biggest trading partner. It needs German investment, German habits, German management, German values. Just as German visitors to scruffy homes in Britain sometimes feel an irresistible urge to tidy the messy closets and cupboards, so Germans in Russia feel an almost mystical duty to set things in order. Never mind the corruption, the bellicose rhetoric, the dreadful unpunctuality - just get going and set an example. In return, Russia offers what Germany lacks: wide open spaces (don’t call it Lebensraum though); a sense of fun, of spontaneity, of a different and less dull outlook on life. On top of all that, the profits are colossal.”

Mmmh. Nehmen wir mal an, Lucas hat Recht. Nicht mit seinen Deutschen-Klischees und auch nicht damit, einen emeritierten Prof. zum Gewährsmann für die öffentliche Meinung in Deutschland zu machen. Sondern Recht darin, dass “die Deutschen” vor allem aufgrund wirtschaftlicher Interessen die jüngste Entwicklung Russland unkritischer verfolgen als andere Nationen. Andere Nationen des so genannten alten Europas, versteht sich. (Die Meinung der mitteleuropäischen Staaten zu Russland ist ja eindeutig kritischer, und Lucas wirft Stürmer denn auch vor, die Interessen dieser Staaten gar nicht zu berücksichtigen).

Da gab es zum Beispiel kurz nach dem Beginn der jüngsten Krise in Georgien die Geschichte mit Thomas Roth und Vladimir Putin: Roth, ausgewiesener Russland-Experte und momentan vielleicht der deutsche TV-Journalist überhaupt, durfte Putin etwa 30 Minuten lang interviewen – ohne thematische Einschränkungen, wie Roth durchaus stolz verkündet hatte. Was dann aber in der ARD zu sehen war, beschränkte sich auf einen zehnminütigen Ausschnitt aus diesem Gespräch (was in der journalistischen Praxis nicht ungewöhnlich ist). Merkwürdig waren aber die Stellen, wo gekürzt wurde: Gerade die Aussagen Putins in Richtung Europa und der USA, die besonders kritisch waren, wurden nicht gesendet, wie zum Beispiel der Spiegelfechter anschaulich vorführte. Erst nach einigen Protesten, die erfolgten, stellte die ARD dann die komplette Fassung des Gesprächs online.

Und Mary Dejevski beleuchtet im Independent, auf Michael Stürmer zurückkommend, in ihrer Kritik zu “Putin and the rise of Russia” die Sache eigentlich nur von der anderen Seite: Sie sieht gerade in Stürmers wohlwollender Russland-Rhetorik das Gewinnbringende an der Lektüre des Buches und meint:

“Most of all, his book provides a salutary corrective to the transatlantic assumptions underlying so much writing in English, where the West is a monolith on one side opposed to a Russian monolith on the other. Stuermer’s European and German prism is less ideological, more practical and more conscious of proximity. The other great merit of his book is his acceptance of Putin for what he is, someone both shaped by his Russian experience and a conscious shaper of Russia’s future – not just, as in too many Western interpretations, a diehard KGB man true only to Soviet-era roots.”

Kommt halt doch nicht nur alles auf die Fakten an, sondern vielmehr auf die Interpretation derselben und wie man sich diese zurecht legt. Irgendwo habe ich mal gelesen, dies nenne man den historischen Koeffizienten - wenn die Meinung der Analyse vorausgeht, im Nachhinein die Sache aber so dargestellt wird, als ob die Analyse zur Meinung geführt hätte. Ein gutes Argument, sich auf möglichst viele Quellen zu berufen…

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