Monatsarchiv für Februar 2009

 
 

“Surrealism in Overdrive”

Und das ist ob der stepptanzenden Indianer noch nicht einmal übertrieben…

httpv://www.youtube.com/watch?v=zbR6YZs8hqs

Magie 2.0: Hasenpest und Hasensilvester*

Aufzuschreiben, wie die Geschichte der eigenen Familie in den vergangenen zwei, drei, vier Generationen verlaufen ist und welche Schicksale den Mitgliedern der Familienbanden widerfahren sind, ist ja vor einigen Jahren in Mode gekommen. Und so habe auch ich mir bisweilen schon Gedanken gemacht, wie ein solches Unterfangen bei mir persönlich vonstatten gehen müsste. Die grundsätzliche Schwierigkeit dürfte darin bestehen, die unterschiedlichen Familienstränge so zurecht zu knüpfen, dass eine wirkliche Geschichte, eine Story, entsteht - und keine Chronologie unverbunden aneinandergereihter Tatsachen.

Eine nachhaltige Erwähnung wert ist zum Beispiel ein Ahne, mit dem ich die väterliche Linie meiner mütterlichen Seite einführen könnte: Ein Bauer im Nordharz, der eine Wette gewann und dafür sterben musste. Das muss Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts gewesen sein. Vielleicht war es so, dass der Mann im Sommer mit seinen Erntehelfern in der Feldmark im Schatten saß. Die Arbeit war für das Erste getan, die Sonne brannte und die Hitze machte träge. Ein Feldhase hoppelte unweit der Männer auf der Suche nach Essbarem durch das gerade abgeerntete Stoppelfeld und ließ sich in einer flachen Mulde nieder. Einer der Männer zuckte, stand langsam auf, nahm seine Schaufel und ging langsam, ruckartige Bewegungen vermeidend, in weitem Bogen auf das Stoppelfeld. Die anderen taten es ihm nach, bis sie einen weitläufigen Kreis um die Mulde geschlagen hatten, in dem der Hase seine Rast machte. Für die Männer ist der gemeine Rammler ein Parasit, der ihre Ernteerträge schmälert. Also ziehen sie die Schlinge zu, kommen langsam näher, und der Hase sieht in einem solchen Fall zwar die Gefahr, doch da sie von allen Seiten kommt, weiß er nicht, wohin, und erstarrt wie das Kaninchen vor der Schlange. Und wird erschlagen.

Was tun mit dem erschlagenen Hasen? Ein Hase für fünf Männer ist selbst als Suppengrundlage lächerlich. Er wird gescherzt, gelacht. Die Männer stacheln sich gegenseitig an, was man so machen könnte mit dem Hasen, um sich den Abend im Gasthaus von den anderen freihalten zu lassen. Mein Ahnherr behauptet letztendlich, den Hasen auf der Stelle mit Haut und Haar verzehren zu wollen. Er tut dies - und stirbt in einer der darauf folgenden Nächte.

Kaum denke ich mal wieder an diese Tragödie, stoße ich in einer der Harzer Regionalzeitungen auf einen Artikel, der über die Gefahren der Hasenpest informiert. Die Erkrankung, die ohne die Einnahme von Antibiotika tödlich sein könne, werde durch das “höchst infektiöse Bakterium” Francisella tularensis verursacht. Vor allem in Feldhasen und Wildkaninchen sitzend, könne es “in gefrorenem Hasenfleisch bis zu drei Jahre” überleben. Eine mögliche Todesursache, wo man gar keine explizite braucht, wenn ein Hase unbehandelt und mit allem drum und dran herunter geschluckt wird.

Im Harz werden in dieser Jahreszeit die letzten Hasenbraten verzehrt, die man mit einigem guten Willen als frisch bezeichnen kann: Mitte Januar begann die Schonzeit für die Nager. In dieser Zeit feiern die Jäger dann Hasensilvester. Sie treffen sich in Gaststätten und essen und trinken. (Und wenn es statt Hasen doch Schmaltier gibt, ist auch niemand böse, glaube ich. Wenn es keinen Schnaps gäbe, wäre es jedenfalls schlimmer.)

Hasensilvester ist allein deshalb nicht so populär wie meinetwegen das Osterfeuer, weil es mehr Trinker als Jäger gibt: Für die Jagd braucht man einen Schein. Für das Trinken (noch) nicht. Dass der Jagdschein, so wird zumindest gesagt, ungleich anspruchsvoller ist als - sagen wir - der Angelschein, ist historisch gesehen folgerichtig. Bei der Jagd kumulieren zwei Rechte, die ursprünglich in der Hand der dörflichen “Gemeinschaften” liegen: das Recht auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen (in diesem Falle Fleisch) mit dem Recht auf Waffenbesitz und -gebrauch (Da ist das Fehderecht eine eigene Geschichte). Bis heute ist das Jagdrecht an den Grundbesitz gekoppelt.  Beides Rechte, die die Obrigkeit - Fürsten, Herzöge, Staaten - der gemeinen Bevölkerung Stück für Stück nahmen. Die Jagd als blaublütige Veranstaltung ist zum Beispiel eine feudale, mittelalterliche Erfindung, der die Herrschenden dieser Welt bis heute frönen. Das jüngste Beispiel ist Putin mit seinen PR-Urlaubsfotos.

* Na super, welch ein Jagdexperte! Ich meinte natürlich Hasensilvester, nicht wie ursprünglich geschrieben Hasenhochzeit…

Tom Selleck meets Andy Warhol

Selleck hat einen Oberlippenbart, und Warhol war ein Arsch, glaube ich. Aber für ein bisschen Beachfeeling tut man zu dieser Jahreszeit (fast) alles - selbst Urlaubsfotos mit Hilfe des neuen Warholizers von shadowfire aufpeppen. Macht immerhin warme Gefühle.

Algorithmen sind politisch

Wenn in Wikipedia ein Fehler verortet wird, ist der mediale Aufschrei immer groß. Das war neulich wieder der Fall, als ein Scherzkeks den gefühlten 95000 Vornamen des neuen Wirtschaftsministers Guttenberg einen weiteren (falschen) hinzufügte: Wilhelm. Zum Willy machte sich aber weniger die “Freie-Inhalte-Enzyklopädie”, deren Anfälligkeit für gezielt gesteuerte fehlerhafte bzw. verfälschende Einträge durch Einzelne bekannt sein dürfte, sondern eine Reihe bekannter Online-Präsenzen deutscher Verlagshäuser, die den Fehler offenbar ungeprüft abschrieben und so ein schlechtes Licht auf ihre Recherchepraktiken gestatteten.

Das tut den traditionellen Informationswächtern weh im Kampf gegen alternative Infokanäle, und verbale Rückzugsgefechte, die mit der Taktik geführt werden, den schwarzen Peter wieder an Wikipedia zurückzugeben, machen die Sache nur noch schlimmer, wie Stefan Niggemeier anhand des Beispiels Spiegel Online schön dargelegt hat. Dennoch ist die ganze Debatte irgendwie Spiegelfechterei, zeigt der multiplizierte Fehler doch nur, dass man sich generell nie nur auf eine Quelle verlassen sollte - und das schließt Wikipedia genau so ein wie zum Beispiel die Enzyclopaedia Britannica.

Worüber aber beim Thema Wikipedia oder allgemeiner beim Web 2.0 gestritten werden müsste, ist die Frage, wie Informationen generell einzuordnen sind, die aus kollaborativen Generierungsverfahren stammen. Sicher, die Idee einer sozialen Enzyklopädie, an der jeder mittun kann und die so die “Weisheit der Massen” abbildet, ist etwas anderes als der Pagerank-Algorithmus, mit dem Google die Relevanz von Webseiten berechnet. Zumal Jason Lanier in seinem viel zitierten Essay darauf hingewiesen hat, dass die Urheberschaft von Informationen in Wikipedia häufig zum Autor zurückverfolgt werden kann und somit die eigentlichen Quellen der Einträge (noch) sichtbar sind. Im Grunde geht es aber um dieselben Prinzipien, wie Kritiker nicht müde werden zu betonen, zum Beispiel um den Einsatz kollektiver Intelligenz (die laut Wortschöpfer Tim O´Reilly eine von insgesamt sieben Maximen ist, die das Web 2.0 ausmachen). In drastischer Form drückt dies der Soziologe Rudi Schmiede in der üppigen Google-Beilage der Schweizer Wochenzeitung aus:

“Zwei Milliarden Fliegen können nicht irren. Demnach schmeckt Scheiße gut. Das ist das Grundprinzip von Web 2.0.”

Schmiede, Professor an der Technischen Universität Darmstadt, möchte mit seiner pointierten Äußerung offensichtlich auf die wichtige Unterscheidung zwischen Information und Wissen hinaus: Während man der (statischen) Information durchaus eine technische Gestalt geben könne, sei dies beim (dynamischen) Wissen nicht möglich, da zum Wissen Urteilskraft gehöre, die eine Maschine aber nun einmal nicht besitze. Deshalb könne, so Schmiede, eine Maschine nur Material für den Wissenserwerb liefern, zum Beispiel mithilfe komplexer Wahrscheinlichkeitsberechnungen – mehr aber auch nicht.

Das ist keine rein akademische Überlegung, was Praktiker durchaus bestätigen, zum Beispiel der Weiterbildungsexperte Jochen Robes, der auf seinem Blog seufzend einen Beitrag auf den Seiten der Gesellschaft für Wissensmanagement verlinkt, weil er an Diskussionen denken muss, in denen die Problematisierung des Gegensatzes Information vs. Wissen offenbar kontraproduktiv wirkten. Wie dem auch sei, Wolfram Schäfer gibt in dem GfWM-Beitrag zu Bedenken, dass Wissen mehr ist als die Summe der Informationen, die ihm zugrunde liegen: Wissen sei vielmehr “verstandene Information” – das Wissen erscheint hier als emergente Eigenschaft.

Dass es beim Wissen nicht um die Anhäufung möglichst vieler Informationen ankommt, sollte man sich zum Beispiel vor Augen führen, wenn das semantische Web mal wieder zur kommenden Killerapplikation des Internets hochgejazzt wird. Aber machen wir uns nichts vor: Auch das semantische Web ist nur ein Tool. Eines, das bestimmt dabei helfen kann, große Informationsmengen zu be- und verarbeiten; aber keines, das dem Nutzer die Einordnung und Bewertung der zur Verfügung gestellten Infos abnimmt, abnehmen kann. So gesehen hat der Begründer des “semantic web”, Tim Berners-Lee, Recht, wenn er sagt, der Begriff “Data Web” sei eigentlich passender. An der entscheidenden Rolle der Sprach- und Informationsverarbeitungskompetenzen der Nutzer wird also auch das semantische Web nichts ändern.

(Wobei die Gefahr bestehen dürfte, dass das semantische Web, wenn es sich denn auf breiter Ebene oder gar als Quasi-Standard in der Hand ausgewählter Unternehmen à la Google durchgesetzt haben sollte, die Datenmenge des so genannten Deep Web ausweitet. Dann würden die Informationen, die wir zum Wissenserwerb aus dem Netz ziehen, also noch gefilterter sein, als dies ohnehin schon der Fall ist.)

Quantität bleibt also etwas anderes als Qualität, und die Herausforderung dürfte zukünftig auch darin bestehen, die wachsenden Datenmengen, die verarbeitet werden können, und die ausgefeilten Algorithmen (Brand eins beschreibt hier die Arbeit so genannter Algorithmen-Designer), die Infos aus diesen Daten herausfiltern, in realistischem Licht zu sehen. Das fiel zum Beispiel bei Chris Andersons Vorstoß im Wired Magazine noch leicht, als der Long-Tail-Theoretiker kurzerhand die wissenschaftliche Methode für obsolet erklärte und deren Aufgaben komplett der Mathematik zuschustern wollte; das war zu viel Effekthascherei und zu wenig Inhalt:

“Scientists are trained to recognize that corellation is not causation. (…) There is now a better way. Petabytes allow us to say: “Correlation is enough.” (…) We can throw the numbers into the biggest computing clusters the world has ever seen and let statistical algorithms find patterns where science cannot. (…) The new availability of huge amounts of data, along with the statistical tools to crunch these numbers, offers a whole new way of understanding the world.”

Die Aufgabe an sich ist aber dennoch mehr als anspruchsvoll: Sie bedeutet, nach wie vor grundsätzlich jede Quelle auf ihre (faktische und potenzielle) Aussagekraft hin zu hinterfragen. Bei Informationen, die mit Hilfe eines Algorithmus zusammen getragen worden sind, betrifft das zum Beispiel nicht nur die Beurteilung der gelieferten Informationen, sondern auch die (zumindest theoretische) Berücksichtigung fehlender, heraus gefilterter Fakten: Denn Maschinen seien mitnichten neutral und darüber hinaus Algorithmen politisch, sagt Rudi Schmiede und gibt zu Bedenken:

“In den Auswahlalgorithmus selbst gehen ja (…) quantitativ gefasste soziale Kriterien ein. Und gerade im Bereich des Wissens und der in ihm verarbeitenden Informationen liegt die Wahrheit keineswegs immer bei der Mehrheitsmeinung.”

Magie 2.0 - Präludium

“Auch in jedem bloß technischen Werkzeug, in jedem Gebrauch eines materiellen Dinges im Dienste des menschlichen Willens, schlummert die Kraft des Logos.”

Ernst Cassirer

 

 

 

 

 

 

 

 

“Die Begleitung des Werkzeuggebrauchs durch mythisch bzw. religiöse Ideale hält in der Geschichte der Menschheit lange an. Noch heute lassen sich rudimentäre Formen solcher magischen Praktiken aufweisen, auch wenn sie ihren weltbildlichen Gehalt verloren haben mögen. Zu denken wäre etwa an die feierliche Grundsteinlegung und an das Richtfest beim Hausbau oder an die Taufe eines Schiffes. Eine magische Praktik scheinen auch diejenigen auszuführen, welche die Geburtsdaten ihrer Lieben beim Lottospielen ankreuzen. Der lange geschichtliche Weg zeigt, wie genau Cassirers Formulierung ist.”

Peter Fischer: Philosophie der Technik

 

War Haider ein Faschist?

In “Die Arbeit der Nacht” des Schriftstellers Thomas Glavinic geht es um einen Mann, der in Wien aus seinem Bett steigt und feststellen muss, allein auf dieser Welt zu sein. Und zwar ganz allein. Dabei verliert er sich, nach und nach, über 400 Seiten lang. Das ist mitunter nicht nur für den Protagonisten anstrengend, sondern auch für den Leser. Für mich hat sich das Lesen dennoch gelohnt. (Obwohl ich die ersten 120 Seiten zu kämpfen hatte, muss ich sagen, das mich der Roman irgendwann doch noch in seine Bahnen zog, und mich das Buch in der Tat beschäftigt hat, gar “existenzielle Fragen” aufwirft, wie mancher Kritiker schrieb; nur den mitunter bemühten Vergleich mit Kafka finde ich dann doch abwegig; dafür ist die Sprache zu krude, zu modern).

Irgendwo in der Mitte des Buches stehen zwei Absätze, die untypisch für den Roman sind und daran erinnern, dass der Autor aus Österreich stammt - abgesehen davon, dass die Geschichte zu großen Teilen in Wien spielt. Glavinic bringt so etwas wie ein verstecktes Statement zur Verfassung des Landes in seinem Text unter, und das ist untypisch, weil sein Romanheld etwas anderes zu tun hat, als sich über Österreich und die Welt Gedanken zu machen. Jedenfalls erinnert er sich in einer Szene an einen Freund, der Interesse an der Wissenschaft von den Hunden, der Kynologie hatte, und ihm erklärte, warum seiner Auffassung nach

“so manch kleiner Hund ungeachtet des Risikos auf einen viel mächtigeren Artgenossen losging. Dem lag Verzüchtung zugrunde. Die Rasse des Hundes war einst eine weit größere gewesen. Im Bewußtsein des Hundes hatte sich noch nicht festgesetzt, daß er von der Schulter bis zur Pfote nicht mehr 90 Zentimeter maß. Der kleine Hund glaubte gewissermaßen, so groß zu sein wie der andere, und ging ohne Rücksicht auf Verluste gegen diesen vor.
(…) Mit den Österreichern verhielt es sich genauso wie mit diesen Hunden.”

Selbst wenn man in diesen Sätzen ein Körnchen Wahrheit vermutet, muss natürlich gesagt werden, dass Österreich bei weitem nicht das einzige Land ist, das ob seiner ehemaligen Größe und Bedeutung mitunter Phantomschmerzen hat. Die Franzosen zum Beispiel können auch ein Lied davon singen. Aber dennoch: Als ich diesen Satz las, musste ich an die Scharmützel denken, die in Österreich nach dem Tode Jörg Haiders stattfanden. Und da konnte man sich mitunter wirklich nicht des Eindrucks erwehren, dass da ein Land um seine Identität bzw. um mögliche Auslegungen seiner Identität rang - immer im Spiegel des bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Kärntener Landeshauptmanns.

So richtig schön fetzten sich die Intellektuellen des Landes. Ob der Zeit seines politischen Lebens umstrittene Haider nun Faschist war oder doch nicht, war die Gretchenfrage. Nehmen wir zum Beispiel die Kontroverse in der konservativen Die Presse und den dort erschienenen Artikel des Schriftstellers Robert Menasse, der Haider einen “unerkannten Austrofaschisten” nannte und in dem Politiker eine Mischung aus NS-Versteher (familiäre Prägung) und Alt-68er-Krawallo (generationale Prägung) machte, der gerade in dieser Kombination Anhänger fand und letztendlich auch Anerkennung in Form von landesweiter Regierung: durch die Koalition “seiner” FPÖ mit der ÖVP unter Schüssel, der “Nachfolgepartei der alten Austrofaschisten”. (Hintergrund: Der Begriff Austrofaschismus bezeichnet das autoritäre Regime in Österreich, das sich 1933, 1934 an die Macht putschte und bis zum Einmarsch der deutschen Nationalsozialisten dort blieb.) Jedoch, so Menasse:

“Das Problem des Austrofaschismus ist, dass er, anders als der Nationalsozialismus, nie sanktioniert und aufgearbeitet wurde. Die Arbeitermörder und Demokratiezerstörer mussten sich nie fragen lassen, ob sie nicht auch Fehler oder gar Verbrechen begangen hatten, im Gegenteil: da sie als konkurrierender Faschismus gegen den Nationalsozialismus und gegen Hitler waren, standen sie nach 1945 plötzlich als Widerstandskämpfer und Antifaschisten da. Während die Nazis „umerzogen“ wurden, konnten sie ungebrochen ihre Weltanschauung in die wiedergegründete österreichische Republik mitnehmen.”

So ein Statement konnte nicht ohne Widerspruch bleiben, und so meldete sich zum Beispiel ebenfalls in Der Presse ein altbekannter Menasse-Kontrahent (zum Beispiel in Fragen des Stils und der Vetternwirtschaft) zu Wort, Michael Amon, ebenso Schriftsteller wie Menasse. Amon hält den Menasseschen Gedankengang für alles andere als originell und darüber hinaus für schlichtweg verfehlt:

“Der Begriff des Austrofaschismus war von Anbeginn polemisch, da dem Regime eine wirksame Massenbasis fehlte. Außerdem unterschied sich der Austrofaschismus in einem wesentlichen Merkmal von anderen rechtsradikalen Bewegungen jener Zeit: Er stand in engem Bündnis mit der katholischen Kirche, weshalb er auch Klerikalfaschismus genannt wurde.
Mit gutem Grund unterschlägt Menasse diese Bezeichnung, da sie seine These des Haider’schen Austrofaschismus sofort als Unsinn decouvrieren würde. Denn bei all seinen Verkleidungen – die des katholischen Pfarrers hatte Haider nicht im Repertoire.”

Und so kommt er zu dem Schluss:

“Was Menasse hier beweist, ist jedoch etwas völlig anderes: die Unbrauchbarkeit bereits verwendeter, festgelegter historischer Begriffe für die Bezeichnung gegenwärtiger politischer Strömungen. (…)
Das essayistische Universum „Menasse“ ist offenbar ein quantenmechanisches. Erst wenn Menasse beobachtend auf die Teilchen seiner imaginierten Welt blickt, werden sie zu dem, wofür er sie hält.”

Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zu der Reaktion, die der Journalist Christian Ortner in einem Kommentar in Der Presse schrieb. Ortner nennt Menasse einen Feigling, da er nicht zufällig erst nach dem Tode Haiders diesen als Faschist bezeichnet habe. Denn einen Prozess gegen den lebendigen Haiser hätte, so Ortner, Menasse mit einiger Sicherheit verloren. Und dann lässt Ortner seinem Zorn freien Lauf:

“Dem Dichter Menasse verdanken wir den schmucken Romananfang: “Die Schönheit und Weisheit des Zölibats verstand ich zum ersten Mal, als Christa Chili-Schoten zwischen den Händen zerrieb, mich danach masturbierte und schließlich wünschte, dass ich sie – um es mit ihren Worten zu sagen – in den Arsch ficke“. Die Schönheit und Weisheit seiner politischen Analyse hätte uns der Fachmann für Anales beweisen können, hätte er sich die Behauptung, Haider wäre ein Faschist gewesen, zölibatär in genau jene Körperöffnung gesteckt, anstatt sie öffentlich zu machen.”

Hätte nicht gedacht, dass Vergangenheitsbewältigung in Österreich so unterhaltsam sein kann. . .

Expertisen mit kurzer Halbwertzeit

Vor nicht allzu langer Zeit war es noch undenkbar, Grüner zu sein und die Atomkraft zu befürworten. Das ist jetzt anders. Die Debatten um das Klima und eventuell ein Schuss postmoderner Relativismus haben geholfen, einige grüne Atomlobbyisten hervorzubringen - zum Beispiel die Umweltschützer für die Kernenergie, eine internationale Organisation, die inzwischen rund 9000 Mitglieder zählt und ihren Hauptsitz in Paris hat. Das ist bemerkenswert, gehört doch die Ablehnung der Atomkraft zu den Grünen wie - sagen wir - der Feminismus zu Alice Schwarzer, der Tennisschläger zu Boris Becker oder die FDP zu Guido Westerwelle.

Die britische Wissenschaftsjournalistin Angela Saini hat die Existenz der grünen Kernkraftbefürworter nun zum Anlass genommen, im New Humanist und auch auf ihrem Blog ihre Sicht der Dinge darzulegen - und die ist eindeutig pro Atom. Saini begrüßt die Entscheidung der britischen Regierung, bis 2020 mit einer neuen Generation von Atomkraftwerken ans Netz zu gehen und nennt Gründe, warum es keinen Sinn ergebe, gegen diese Technik zu sein:

  • Atomkraft sei nach der Katastrophe in Tschernobyl 1986 und dem Störfall in Three Mile Island 1979 die “regulierteste Energiequelle” überhaupt und nach den Worten des in ihrem Artikel zitierten Physikers Robin Grimes “idiotensicher” (womit er wohl auf das menschliche Versagen rekurriert, das sich in Tschernobyl so verheerend auswirkte)
  • Zudem sei Atomkraft mindestens langfristig billiger als fossile Brennstoffe oder erneuerbare Energien
  • Und auch das Problem der atomaren Endlagerung müsse gar keines sein, schließlich habe doch die “Nuclear Decommissioning Authority (NDA)“, laut eigenen Angaben “UK based independent radioactive waste consultants” zusammen mit den besten Geologen und Ingenieuren die Jagd auf einen neuen Müllabladeplatz eröffnet. (Denn auch die Briten haben bislang noch kein geeignetes Endlager für hochradioaktive Abfälle gefunden; laut Wikipedia hat das noch keines der insgesamt 41 Länder hinbekommen, die Atomkraftwerke am Netz haben)

Ich möchte hier jetzt keine detaillierte Abhandlung zum Für und Wider der Atomkraft schreiben; mir geht es um diesen einen Artikel. Und zu dem muss ich sagen: Das ist für mich kein Journalismus. Das ist bestenfalls PR, vor allem weil Frau Saini den Standpunkten von Atomkraft-Gegnern und -Befürworten jeweils entgegen gesetzte Konnotationen unterschiebt: Während sie den Gegnern Irrationalismus attestiert, gilt für die Befürworter das Gegenteil:

“For scientists like Grimes, the nuclear debate has become a simple matter of education. The green shift in the nuclear direction is, however marginal, a triumph of rationalism over fear.”

Na gut, das ist zwar tendenziös, aber das kann Journalismus auch sein, mag man nun einwenden. Doch wenn man sich so weit aus dem Fenster lehnt und obendrauf mit Rationalismus vs. Irrationalismus kommt, sollte man auch rationale Argumente bringen. Aber das, was Saini zu bieten hat, ist kein Argument, ist eher Naivität (oder eben PR oder knallharter Nepotismus oder wie auch immer), zum Beispiel wenn sie sagt, die Experten im Umfeld der NDA seien

“entirely confident (as are those engineers constructing similar repositories in the US and Finland) that the waste will be safely contained. In fact their working timescale is a million years, which means that the repository will outlast not only our progeny, but probably also human civilisation”,

und das offenbar und ostentativ für bare Münze nimmt. Vielleicht sollte Frau Saini mal eine Reise nach Wolfenbüttel machen und sich das ehemalige Salz- und Kalibergwerk Asse II angucken. Laut Bundesamt für Strahlenschutz wurde Asse II von 1965 bis 1992 “genutzt, um die Handhabung und die Lagerung von radioaktiven Abfällen in einem Endlager zu erproben. Zwischen 1967 und 1978 wurden 46.930 radioaktive Abfälle eingelagert.”

Asse II galt als sicher, dauerhaft sicher, über einen für das menschliche Vorstellungsvermögen unglaublich langen Zeitraum sicher. Nur stellte sich leider heraus, dass auch Expertisen kurze Halbwertzeiten haben können: Statt einer Ewigkeit hielt das Bergwerk gerade ein paar Jahrzehnte. Nun droht es einzustürzen; außerdem ist Salzlösung in den Stollen eingetreten. Ein Glaubwürdigkeitsdesaster für alle Umweltministerien, die während der Erprobungszeit des Bergwerks im Amt waren und an erster Stelle für den ehemaligen Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München. Nun soll, MUSS Asse II geschlossen werden. In Sainis Lesart wahrscheinlich ein Sieg des Irrationalismus. . .

Ach so, mit der Einschätzung, für die Grünen sei der Kampf gegen die Atomkraft kein Dogma mehr, hat Angela Saini durchaus Recht: Der Präsident des angesprochenen Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, ist Mitglied bei den Grünen.

blogoscoop