Monatsarchiv für April 2009

 
 

Nachtrag: Internet und Zensur

Im vorherigen Eintrag hatte ich geschrieben, dass Blogs die Berichterstattung zu den “Kinderporno-Sperren” differenzierter machen. Ich hätte hinzufügen sollen: leider nur für Blogleser. So kritisch und wichtig die jüngst erschienenen Texte sind - etwa von Ralf Bendrath, (der sich um die “Demokratiefähigkeit der kommenden Internet-Gesellschaft” sorgt), Marcell Weiss (der Deutschland auf dem besten Wege zum Techno-Entwicklungsland sieht) und Robin Meyer-Lucht (der der Medienelite “Unwillen” konstatiert, “sich auf die neue Wissensökonomie des Netzes einzulassen”) - in den etablierten Medien ist der Tenor ein ganz anderer, was an dieser Stelle zum Beispiel der Artikel Susanne Gaschkes zeigen möge. Matthias Schwenk bringt das auf den Punkt, wenn er schreibt:

“Es entbehrt nicht eines erheblichen Maßes an Ironie, dass die hervorragend vernetzte und extrem fachkundige Webelite es nicht schafft, einen Protest gegen das Vorhaben der Regierung so aufzubauen, dass er in der Gesellschaft Gehör findet und von der Politik nicht ignoriert werden kann.”

Das ist wohlgemerkt nicht wegen fehlender Argumente so; man denke nur an das Youtube-Video, das in weniger als 30 Sekunden demonstriert, wie die geplanten Sperren zu umgehen sind:

httpv://www.youtube.com/watch?v=1NNG5I6DBm0

Und so kann Ursula von der Leyen recht unbehelligt weiterwursteln und ihre Internet-Ressentiments pflegen, die sie inzwischen offensichtlich auf diejenigen übertragen hat, die sich im Netz eigentlich ganz wohl fühlen. Anders kann ich mir dieses Statement auf Radio eins jedenfalls nicht erklären:

“Wir wissen, dass bei den vielen Kunden, die es gibt, rund 80 Prozent die ganz normalen User des Internets sind. Und jeder, der jetzt zuhört, kann eigentlich sich selber fragen, wen kenne ich, wer Sperren im Internet aktiv umgehen kann. Die müssen schon deutlich versierter sein. Das sind die 20 Prozent. Die sind zum Teil schwer Pädokriminelle. Die bewegen sich in ganz anderen Foren. Die sind versierte Internetnutzer, natürlich auch geschult im Laufe der Jahre in diesem widerwärtigen Geschäft.”

Internet: Demokratie ex machina?

Martin Luther hat mit seiner Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache ja nichts anderes gemacht als Wissen zu demokratisieren - Menschen, die des Lateinischen nicht mächtig waren, konnten die Bibel nun - sofern sie es beherrschten - selbst lesen. Sich eine Meinung bilden. So ähnlich wirkt das Internet ja auch. Zumindest theoretisch.

“Die eigentliche Macht der Vernetzung liegt in der informatischen Kraft, die sie jedem von uns an die Hand gibt”,

schreibt Peter Glaser in diesem Luther-Bibel-Zusammenhang und erkennt im Internet ein historisches “Muster der Demokratisierung” wieder, das Wissen und damit Macht sukzessive von einzelnen Trägern auf die Masse zu übertragen hilft. Glaser äußerte diesen Gedanken in einem Vortrag auf der re:publica, der den Titel “In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben?” trug. Er redete also von der Zukunft und wie er sie sich wünscht. Er sagte nicht, dass Demokratisierung ein Selbstläufer ist.

Dafür ist die digitale Realität dann doch zu schal, als sie im gegenwärtigen Zustand für paradiesisch zu halten. Noch nicht einmal für demokratisch. Sonst dürfte es nach Glaser Google zum Beispiel nicht geben:

“Ich möchte in einer digitalen Gesellschaft leben, in der nicht eine einzige Firma nach intransparenten Kriterien darüber bestimmen kann, ob und wo etwas in einer Trefferliste auftaucht und sich das zum Beispiel auf Wohl und Wehe einer Biografie oder einer wirtschaftlichen Existenz auswirkt.”

Dass das Internet keine Demokratie-ex-machina ist, darauf hat neulich auch Evgeny Morozov hingewiesen. Morozov ist zurzeit Fellow am Open Society Institute George Soros´ und arbeitet an einem Buch, das sich mit dem Demokratisierungspotenzial des Internets in autoritär regierten Staaten beschäftigen wird. In der Boston Review hat er ein vorläufiges Fazit gezogen und wendet sich explizit gegen das, was er “Digitalen Determinismus” nennt,

“to which the Internet would be the hammer to nail all global problems, from economic development in Africa to threats of transnational terrorism in the Middle East. “

Morozov weist darauf hin, dass Blogs zum Beispiel in autoritären Staaten durchaus auch im Rahmen von Propaganda-Strategien zur Machterhaltung eingesetzt werden. Je nach Recherchezuschnitt sei es etwa möglich, auf die demokratischen Impulse iranischer Blogs hinzuweisen oder in der persischen Blogosphäre eine regierungsfreundliche Veranstaltung zu sehen.

Wenn Morozov zudem konstatiert, dass auch das Konzept der Digital Natives, das die erste Generation bezeichnet, die mit dem Internet aufgewachsen ist, in Ländern wie Iran, Russland oder China nicht im Entferntesten greife und man dort eher von Digitalen Gefangenen und Abtrünnigen (digital captives/renegades) reden müsste, ruft er uns in Erinnerung, dass es sich beim “Digitalen Determinismus” um US-amerikanisch und bestenfalls noch westeuropäisch geprägtes Denken handelt: Das Internet ist zwar ein global agierendes Medium; wie es eingesetzt wird, hängt aber auch von den gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Umständen in den jeweiligen Staaten ab. Das wird “im Westen” ja gerne vergessen.

Aufgrund neuer technologischer Möglichkeiten einen globalen Trend zur Demokratisierung zu sehen, erscheint aus dieser Perspektive vermessen. Zumal sich Demokratien ja gerade in Krisenzeiten als anfällig erwiesen haben.

Nicht nur in der Horizontalen, auch in der Vertikalen - in der eigenen Gesellschaft - ist Demokratie für lau nicht zu haben. Gegenwärtig driften die individualisierten Lebenswelten ja so weit auseinander, dass sich viele Leute gar nichts mehr zu sagen haben, weil ihre unterschiedlichen Erfahrungsräume keinen gemeinsamen Bezugspunkt mehr bieten. Da dies auch für die Chancenverteilung gilt, wird eine Demokratisierung der Arbeitswelten, wie sie gegenwärtig mit dem Begriff Enterprise 2.0 diskutiert wird, aller Voraussicht nach bei weitem nicht für alle gelten. Betrachtet man die Auswirkungen von Hartz IV auf die Einstellungen der Fallmanager in den Agenturen für Arbeit, spricht einiges dafür, dass sich aufs Ganze gesehen die berufliche Bewegungsfreiheit vieler Menschen eher einschränken als ausweiten dürfte.

So gesehen wäre es ein erster Schritt, wenn die deutsche Blogosphäre sich ein wenig politisieren würde. Für mehr Demokratie kämpfen würde. Beim Thema Datenschutz ist, wie ich finde, Potenzial zu sehen: Es gibt viele Blogs, die sich mit den “Kinderporno-Sperren” der Bundesregierung kritisch beschäftigen und damit die allgemeine Berichterstattung differenzierter machen. (Zum Beispiel die Texte des Anwalts Udo Vetter und der C´T. Auch Stefan Niggemeier ist - wie immer in solchen Fragen - engagiert bei der Sache.) Aber in diesem Fall trifft es ja die ureigensten Interessen der Blogosphäre.

Jetzt müssten aber auch einmal Themen an die Reihe kommen, die mit dem eigenen Milieus nicht unmittelbar etwas zu tun haben, aber gesamtgesellschaftlich genauso wichtig sind. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass es Signalwirkung hätte, wenn ein Ding mit der Funktion und der Popularität des Bildblog für Hartz-IV-Empfänger auftauchte. Nicht nur, dass das einige animieren könnte, selbst einen Blog aufzusetzen. Es würde auch Leute dazu bringen, Blogs zu lesen, die das vorher nicht taten.

Die Aussichten darauf, dass so eine Entwicklung tatsächlich stattfindet, schätzen die meisten Experten allerdings als gering ein: Felix Salmon von Reuters zum Beispiel schätzt die Möglichkeit einer starken (in diesem Falle Wirtschafts)-Blogfraktion in Deutschland aus zum Teil recht stereotypischen Argumenten ausgesprochen schlecht  (”very close to zero”) ein.

Es wäre schade, wenn er recht behielte.

Tanzeinlage II

Gregor Gysi hat mal sinngemäß gesagt, dass in Familien mit Kindern der Bedarf an Zweijährigen nie ausgehe. Er hat Recht. 

Außerdem kann man von Zweijährigen viel lernen. Na gut, sagen wir von Zwei- bis Sechsjährigen. Zum Beispiel gucken sie lustige Animationsfilme, Augsburger Puppenkiste aber höchstens Sonntags.

Kennt jemand Pocoyo?

httpv://www.youtube.com/watch?v=n0PBQH19jvc

Sinnstiftung und Wertebildung nachgefragt

Die Deutschen sind in der Mehrheit frustierter, als man ihnen unterstellt; sie glauben, dass die Ökonomisierung vieler Lebensbereiche in den vergangenen Jahren zu weit ging; und sie sind nicht politikmüde, wie gerne behauptet wird, sondern sie wollen und werden sich einmischen in gesellschaftliche Debatten. “Sie wollen Partizipation.” 

Interessante Ergebnisse, die nextpractice und Peter Kruse mit ihrer Studie für das Forum Demographischer Wandel des Bundespräsidenten vorgelegt haben. Die Studie beruht auf 111 so genannten Tiefeninterviews und trägt den Titel “Der demographische Wandel als gesellschaftliche Herausforderung“. (Hier ein gut gemachtes Interview als Podcast mit Kruse im Deutschlandfunk, in dem er die wichtigsten Punkte zusammenfasst.)

Hinter dem Wunsch nach Partizipation steht laut Kruse die Sehnsucht der Leute, sich nach einer Dekade, in der Leistung, Verwertbarkeit und Hyperindividualismus die ausgerufenen Maximen waren, wieder solchen Themen wie Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Respekt zu widmen. Es geht im Grunde um Wertebildung und Sinnstiftung. Die Frage ist nur wie. Und was passiert, wenn das nicht gelingt.

An der (alten) Staatsgrenze


Auf der Suche nach tief sitzenden Ost-West-Befindlichkeiten wird man in Berlin nicht groß fündig werden. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer muss man sich schon in die Provinz bemühen: an die alte Grenze der beiden deutschen Staaten. Die Osterfeiertage waren eine Gelegenheit, das wieder einmal zu tun.

In Stapelburg, einem Städtchen im sachsen-anhaltinischen Nordharz direkt an der Grenze zu Niedersachsen, steht neben dem Grenzmuseum der Imbiss “Rast an der Grenze”. Wanderer, Fahrradfahrer und Ortsansässige mit Sinn für das Absurde trinken hier bayrisches (!) Bier vom Fass, schlemmen Eis oder kosten von der “Ost-Speisekarte”: Bockwurst auf Brot zum Beispiel, oder “DDR-Jägerschnitzel”. Betritt man den kleinen Innenraum des Cafés, bleibt der Blick an einem DIN-A-3-Foto Erich Honeckers hängen, und über der Eistruhe hängt eine DDR-Fahne.

Klar, das Ambiente des Imbisses ist kein politisches Statement, sondern angesichts der Lage und der provisorischen Location höchstwahrscheinlich eine der wenigen Möglichkeiten, touristisch gegen den 50 Meter weiter bereits in Niedersachsen liegenden, gut bürgerlichen Eckerkrug anzustinken. (Eckertal, ein Stadtteil Bad Harzburgs, liegt direkt neben Stapelburg; die Mitte des Bächleins Ecker trennt Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.) Gleichwohl darf man diesem Ost-West-Gegensatz durchaus Symbolgehalt abgewinnen. Denn hier in dieser Gegend schätzen sich Wessis und Ossis nicht allzu sehr. Im Gegenteil.

Westlich der Ländergrenze werden die Ossis nicht Ossis, sondern “Zonis” genannt. Und das ist in aller Regel durchaus nicht schmeichelhaft gemeint. (Nicht dass es östlich der Ländergrenze keine Bollerköppe gäbe; aber ich beschränke mich jetzt mal mit der West-Perspektive, da ich dort mehr Leute kenne.) Mit “den Zonis” wollen viele einfach nichts zu tun haben. Das geht so weit, dass junge Familien auf der Suche nach einem schicken Eigenheim - etwa einem alten Bauernhof in einem Dörfchen mit Brockenblick - sich auf den westlichen Nordharz beschränken. Obwohl im Osten solche Objekte billiger zu haben sind. ”Nee, das geht nicht; das ist einfach eine andere Mentalität.” ”Die M. aus Goslar, die jetzt drüben in Wernigerode wohnt, die wird beim Einkaufen immer gefragt, ob sie aus dem Osten ist, weil Sie jetzt ein HZ-Nummernschild am Auto hat. Also, das will ich mir nicht antun!” “Auf ein Bierchen nach Ilsenburg? Lass mal, der Osten ist nicht so mein Ding.” Solche Sätze hört man dort zwar nicht alltäglich, so doch regelmäßig. Und durchaus nicht unbedingt von Leuten, denen es an der Bildung mangelt.

Es liegt eine Schärfe in vielen Äußerungen, die einen erstaunen lässt. Dabei hatte alles gut angefangen: Die Euphorie war groß wie überall nach der Maueröffnung. Es wurde ordentlich gefeiert; die Begrüßungsgeld-Schlangen vor den Rathäusern in den Städten reichten kilometerweit und waren voller Glückseligkeit. Vereins- und Dorfpartnerschaften wurden geschlossen und wiederbegründet. Es gab jährliche Mauerfall-Gedenkfeiern.

Dann kam die Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt und das große Handwerkersterben, weil die niedersächsischen Betriebe einen besseren Ruf hatten und die Aufträge bekamen. Die LPGs wurden größtenteils aufgelöst, und die Bauern aus dem Westen kauften so viel Ackerland, wie es Ihnen eben möglich war. Einige Jahre später folgte die Abwanderung vieler Touristen in das hübsch renovierte Sachsen-Anhalt, und es kam das große Handwerkersterben im Westen: Sie wurden im Preis unterboten, oft auch in puncto Engagement überboten. Der Rest ist Schweigen, eingeschlafene Partnerschaften. Es bleiben eigentlich nur noch wechselseitiger beruflicher Pendelverkehr und Spritztouren über die Landesgrenzen.

Das ist das Problem: Es gibt dort - sieht man von selbstverständlich durchaus bestehenden (familiären, freundschaftlichen, beruflichen) informellen Infoströmen ab - keine öffentliche Kommunikation. Die publizistische Trennung manifestiert sich im Nordharz nach wie vor in den Landesgrenzen: im sachsen-anhaltinischen Harz hat die Volkstimme ihre Monopolstellung, auf der niedersächsischen Seite regiert die Goslarsche Zeitung. Bis auf wenige Ausnahmen berichtet die eine Seite nicht über die andere. Auch die Eventkultur zum Beispiel ist komplett getrennt: In jedem Dorf in Niedersachsen wird für Partys und Konzerte im vielleicht 40 Kilometer entfernten Braunschweig plakatiert. Von Veranstaltungen in ähnlicher Preisklasse und Güte in Sachsen-Anhalt, die weitaus näher liegen, erfährt in der Regel keine Sau. Und umgekehrt natürlich. (Tatsächlich gab es Anfang der 90er den Versuch der Goslarschen Zeitung, sich im Osten zu verbreiten, indem eine Redaktion in Wernigerode unter dem Titel der alten Wernigeröder Zeitung arbeitete. Doch der Bauer-Verlag war im preislichen Wettbewerb um Anzeigenkunden ein paar Nummern zu groß, und viele Leute hielten an den wenigen Dingen fest, die noch Bestand hatten - und sei es der Name einer Tageszeitung.) So kann kein wahrer Austausch zustande kommen.

Selbst dass wahrscheinlich 75 Prozent der Zuschauer, die den Heimspielen des VFL Wolfsburg beiwohnen, aus Sachsen-Anhalt kommen, wird “den Zonis” krumm genommen. Denn der Nordharz ist das Einzugsgebiet der altehrwürdigen Fußballnudel Eintracht Braunschweig. Wobei das eher für die Älteren gilt. Die Jüngeren sehen natürlich nicht so recht ein, warum sie einen Drittligisten toll finden sollen, wenn direkt daneben ein Erstligist kickt.

Auf der Rücktour nach Berlin fahren wir am alten Grenzübergang Marienborn vorbei und machen noch einen Abstecher in die Gegend umOsterburg in der Altmark, die für ihren ausgezeichneten Spargel bekannt ist (siehe Spargelfeld-Foto), um mal von der Ost-Wahrnehmung der Nordharz-Niedersachsen (die wie gesagt an dieser Stelle auf der anderen Seite genauso von Ressentiment geprägt ist) auf die sachsen-anhaltinische West-Wahrnehmung zu kommen. Zumal beide Gegenden - der Harz und die Altmark - eine Verbindung haben: über Wolfsburg und Volkswagen als Arbeitgeber vieler Berufspendler. 

Die in der Nähe Osterburgs liegende Universitätsstadt Stendal zum Beispiel hat seit der Wiedervereinigung über 20000 Einwohner verloren. Bevölkerungsverluste durch Abwanderung sind normal in dieser Gegend. Es gibt kaum Arbeit. Es gibt auch soziale Probleme. In der Breite herrscht jedenfalls alles andere als Aufbruchstimmung: “Lausiges politisches Personal, weit verbreitete rechte bis rechtsradikale Gesinnungen, Dumpinglöhne und Gutsherrenmentalität der Unternehmer, SED-Aktivisten in leitenden Positionen - und wenn man mal ehrlich ist, haben außerdem viele das Prinzip des Kapitalismus gar nicht durchschaut: dass man zum Beispiel auch mal investieren muss, um selbst einen Auftrag zu bekommen. Statt dessen wollen hier alle immer nur alles selber machen…”, sagt mein Freund M. 

Das Image der Wessis sei übrigens im Laufe der Jahre besser geworden, schließlich gebe es ja auch viele Pendler. Aber eine gemeinsame thematische Ebene sei deshalb noch lange nicht vorhanden: Dass zum Beispiel Opel in Schwierigkeiten sei, bewege im Osten niemanden, so M.: “Nach der Wende gab es hier einen Haufen Opels.”

re:publica 09: Vielfalt und Willkür

Die Kritik an der Blogger-Konferenz re:publica ist oft harsch und geht zuweilen an der Sache vorbei. Dennoch sollten die Macher ernsthaft über eine (weitgehendere) Professionalisierung nachdenken. 

Die Eckdaten: Es gab mehr Besucher auf der Blogger- und Web-2.0-Konferenz als je zuvor: Rund 1500 nach etwa 1000 im vergangenen Jahr. Weil das die Kapazitäten der Kalkscheune überfordert, ist der Friedrichstadtpalast als Veranstaltungsort hinzugekommen. Das ist gewöhnungsbedürftig; das Revuetheater mit seinem ornamental-eklektizistischem Vorraum, seinem uniformierten Cateringpersonal, seiner über 2000 Quadratmeter großen Bühne und seinen 1895 Plätzen lässt einen unwillkürlich darüber sinnieren, ob dieser Rahmen angemessen ist. Egal. Liegt halt auch nah an der Kalkscheune. So um die 180 Vorträge, Diskussionen, Workshops laufen an drei Tagen an den beiden genannten Orten und zum Teil auch im New Thinking Store in der (etwas weiter entfernten) Tucholskystraße.

Die Themen: Die Veranstalter haben folgendes angekündigt:

Das Konferenz-Motto “Shift happens” (”Veränderung passiert”) steht für den rasanten Wandel des Mediensystems: Das Internet und neue Kommunikationsformen werden immer mehr in das Leben der Menschen integriert. Web-2.0-Anwendungen entwickeln sich zu Selbstläufern.

Von Kunst, Medien und Kultur über Politik und Technik bis zu Entertainment bietet die re:publica’09 ein breites Themenspektrum rund um die digitale Gesellschaft.

Das ist nicht zuviel versprochen: Denn das Programm lässt sich praktisch nicht umschreiben. Es wird einem in der Tat ein wahrlich bunter Strauß an Themen und fleischgewordenen digitalen Aktivisten offeriert. Wie man sich da durchlotst, ist jedem selbst überlassen. Die vier so genannten Subkonferenzen - die auch durch Kooperationspartner bzw. Geldgeber motiviert sind - bieten da auch nicht allzu viele zusätzliche, jedenfalls keine repräsentativen Orientierungsmöglichkeiten. 

Ich glaube, das ist eine vertane Chance: Mein Eindruck war, dass es eine Menge Leute gab, die ein wenig Orientierung durchaus hätten gebrauchen können. Aber es würde nicht reichen, ein paar fitte Studenten mit T-Shirts loszuschicken, die sich mit Themen, Abläufen und Lokalitäten auskennen. Ich denke, man müsste schon in der Planung Themen gezielter bündeln und dafür sorgen, dass Zusammenhänge erkennbar sind.

Ich will zum Beispiel nicht sagen, dass Tina Guenther und Christiane Link in der Subkonferenz zu “Internet und Ethik” schlecht waren. Aber Peter Glaser bewegte sich in seinem tollen Vortrag, der die Subkonferenz einleitete, auf einer anderen Ebene. Die drei hätten nicht nur vom Moderator thematisch zusammengebracht werden müssen, sie hätten sich auch über einen moderierenden Veranstalter besser aufeinander einstellen können. So blieben nur Einzeleindrücke: Glaser redet davon, in welcher digitalen Gesellschaft er leben will, Günther gibt einen soziologischen Abriss zur digitalen Identität, und Link schildert ihre Erlebnisse als bloggende Journalistin, die im Rollstuhl sitzt. Warum fasst das keiner zusammen und sorgt dafür, dass die drei hinterher noch miteinander reden?

(Das liegt nicht nur am schlechten Zeitmanagement während der re:publica, das sicherlich auch verbessert werden müsste. Übrigens: Das W-LAN sollte natürlich auch funktionieren.)

Ich verstehe zudem nicht, warum man sich am ersten Tag der Konferenz den Kritikern quasi zum Fraß vorgeworfen hat. Die Keynote Johnnie Häusslers war zwar unterhaltsam und kam sympathisch rüber, aber beim Treffen der “Blogger-Elite” will man eigentlich keine Dampfmaschinen-Computer-Analogien hören. Danach mappt John Kelly mit apfelmännchenähnlichen Strukturen durch die global blogosphere. Anschließend reden Alpha-Blogger (Knüwer, Niggemeier, Basic, Pallenberg, Beckedahl), ohne zu einem Ergebnis zu kommen.

Dementsprechend sind einige Reaktionen (hier und hier zum Beispiel). Die teile ich nicht und finde einige “Argumente” auch beknackt: den “Ahnungslose-Alte-Männer-Vorwurf” zum Beispiel. Allerdings finde ich auch, dass so eine Eröffnung für eine 1500-Leute-Konferenz zu wenig ist. Da hätte vor allem der Veranstalter mutiger sein müssen. Man muss ja jetzt nicht gleich ankommen, und die Rettung der Welt verkünden. Aber mit dem netten Wortspiel “Shift happens” lässt sich schon mehr anfangen als das, was dort geboten wurde.

Unverständlich ist mir auch, wie wenig unternehmensrelevante, ökonomische Themen auf der Agenda standen. Gerade wegen der Subkonferenz von IBM “Social Everywhere - Mitwirken im Unternehen” hätte man da ein Gleichgewicht schaffen müssen, indem das Thema auch sichtbar im übrigen Programm verankert worden wäre. Abgesehen davon ist einer der Hauptvorwürfe, die der re:publica gemacht wird, dass der ganzen Szene, die sich dort versammelt, eines gemeinsam sei: die Unfähigkeit, nachhaltigen finanziellen Gewinn zu erzielen.

Ich wünsche der re:publica also den nächsten Schritt: sowohl in der Organisation als auch in der Frage einer prägnanten und tragenden Themensetzung. Konkret: ähnliche Vielfalt, aber weniger Willkür.

hip, hipper, re:publica

“Scheiße, ich glaube, ich bin die einzige hier, die noch Fernsehen guckt.”

(Besucherin auf der Blogger-Konferenz re:publica in Berlin)

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