Monatsarchiv für Juni 2009

 
 

“Experience is the new reality”

httpv://www.youtube.com/watch?v=xj8ZadKgdC0&eurl=http%3A%2F%2Fwordpress%2Etrier%2Dexcellence%2Ede%2Fwas%2Dist%2Dweb%2D20%2F&feature=player_embedded

Der Mensch, ein Titan wie Prometheus: Zukunftsszenario, das seine Wirkung entfaltet, weil es mit dem Aufhänger Medienrevolution in der Realität beginnt und dann ins Spekulative wechselt. Anregend und spooky zugleich; ich bin mir jedenfalls nicht sicher, ob ich meinem Kumpel mal kurz meine Erfahrungen per  USB-Holostick rüberschieben möchte. (Gefunden bei Michael Wald/Systemmedien.)

Tanzeinlage III

httpv://www.youtube.com/watch?v=o7mEQVWQgRA&eurl=http%3A%2F%2Fwww%2E3quarksdaily%2Ecom%2F&feature=player_embedded

Michael Jackson: R.I.P.

Axel Springer Polen vs. Blogerka Kataryna

Axel Springer Polen droht mehr oder weniger direkt, die Identität einer Bloggerin gegen deren Willen offen zu legen. Eine Anekdote aus der polnischen Blogosphäre, wiedergegeben nach dem Gewährsmannprinzip.

In Polen ist der Axel Springer Verlag ja groß im Geschäft. Anfang des Monats erst erfolgte die Meldung, man habe nun 49 Prozent an Infor Biznes, einem Tochterunternehmen von Infor PL, übernommen. Das Infor-PL-Wirtschaftsblatt Gazeta Prawna soll im Zuge dieses Deals mit der Springer-Zeitung Dziennik verschmelzen. Außer dem Dziennik, einer ”urbane(n) Autofahrer- und Aktienbesitzerzeitung“, gehört Axel Springer Polen unter anderem noch das Bild-Äquivalent Fakt, die polnischen Newsweek und Forbes sowie die tägliche Sportzeitung Przeklad Sportowy.

Der Dziennik ist von Springer generalstabsmäßig hochgezogen worden und trug vor seiner ersten Veröffentlichung den absurden bis geschmacklosen Tarnnamen (Arbeitstitel) “Operation Erich”. Selbst die FAZ befand: “Das klingt in polnischen Ohren nach Frühjahrsoffensive.” Ziel der Aktion war, mit den arrivierten Qualitätstageszeitungen Gazeta Wyborcza und Rzeczpospolita auf Augenhöhe zu kommen. (Das ist auch durchaus gelungen: Auflage März 2009: 151000 Exemplare.)

Gut bekommen sind die Sturm-und-Drang-Zeiten dem Dziennik aber offenbar nicht, begegnete er im Mai der sehr kritischen, anonym schreibenden Bloggerin (blogerka) Katazyna doch mit einer eigenartigen Attitüde. Kurz zusammengefasst (…für eine detailliertere Beschreibung fehlen mir leider die Sprachkenntnisse; da bin ich auf meinen Gewährsmann angewiesen…) kurz gesagt also recherchierte die Zeitung den Namen der unbequemen “blogerka”, rief bei ihr an, schrieb ihr eine Mail und veröffentlichte schließlich den Artikel “Wiemy kim jest Kataryna” - “Wir wissen, wer Kataryna ist”.

Wir wollen ihnen nicht schaden“, steht in der zuvor an Kataryna gesendeten Mail, in der sie doppelbödig-schmeichelnd angesprochen wird: Sie sei eine Bloggerin, die in schöner Regelmäßigkeit darüber befinde, was im Journalismus ethisch oder nicht sei. Gleichzeitig wird ihr die Pistole auf die Brust gesetzt: Sie könne gerne als Bloggerin beim Dziennik anfangen, ansonsten rate man ihr dringend, ihren Namen offen zu legen. Übrigens wisse man, dass auch “Fakt” ihre Identität bekannt sei…

Eine eigenwillige Methode, um Wertschätzung auszudrücken, finde ich. (Es ist wichtig zu erwähnen, dass in Polen weitaus sparsamer mit vollen Namen und Identitäten an die Öffentlichkeit gegangen wird als hierzulande. Es gibt zum Beispiel meist keine Tür- oder Klingelschilder. Auch der Anteil derjenigen in der Blogosphäre, in Foren oder den Kommentarfunktionen der Zeitungen, die dort ihren Namen preisgeben, ist geringer. Insofern berührte die Drohung des Dziennik größere Tabuzonen als das in einer ähnlichen Konstellation in Deutschland der Fall wäre.)

Ans Licht kam die Sache übrigens folgendermaßen: Der Artikel des Dziennik erfolgte als Reaktion auf einen Twitter-Post, in dem @katarynaaa Teile der Dziennik-Mail zitierte, mit der Begründung, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen. Kataryna sah die Aktion hingegen als Resultat einer missglückten Erpressung.

“Connecting knowledge to the people”

httpv://www.youtube.com/watch?v=RIMB9Kx18hw&eurl=http%3A%2F%2Fcarta%2Einfo%2F10534%2Fdas%2Dnetz%2Dbesteht%2Daus%2Dverbindungen%2Dnicht%2Daus%2Dabgeschotteten%2Dinseln%2F&feature=player_embedded

Der New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen über “the ethic of the link” (via Ulrike Langer auf carta). (Noch ein Interview mit Rosen hat gerade eben Ulrike Reinhard gepostet, in dem sie ihn unter anderem nach Twitter und der Rolle der neuen Medien im Iran fragt (”What do you make of what’s going on in Iran right now.”))

Galore letztmalig am Kiosk

Ich habe ja Mitte Mai schon einmal geschrieben, dass Galore in meinen Augen nicht die besten Voraussetzungen hat, um im Internet zu überleben. Nun ist die letzte gedruckte Ausgabe erschienen, und das, was Verleger Michael Lohrmann auf der Homepage der Zeitschrift kundtut, ist nicht dazu angetan, an meinem Standpunkt etwas zu ändern. Jammerschade, wenn es wirklich der Anfang vom Ende wäre; ich kann mich da nur wiederholen.

Lohrmann bestätigt, was seinerzeit geschrieben wurde: Galore stellt den Druck wegen sinkender Anzeigenerlöse ein und soll im Internet fürderhin als Marke bestehen bleiben. Dafür soll nun jeden Werktag täglich um 12 Uhr ein Exklusivinterview kostenlos online gestellt werden. (Auch das Interview-Archiv soll dann frei zugänglich sein.) Chefredakteur André Boße bleibt Galore als freier Mitarbeiter erhalten. Seinen Posten nimmt Gründungsmitglied Sascha Krüger ein.

Überzeugt ist Lohrmann von dieser Idee offenkundig aber nicht. Er schreibt:

“Ich möchte keinen Hehl daraus machen, dass ich es im Grunde aus tiefster Überzeugung ablehne, journalistische Inhalte kostenlos anzubieten.”

Der “Realitätssinn”, dass es mit Bezahlinhalten im Netz derzeit nicht klappen könne, mache diesen Schritt aber notwenig. Immerhin glaubt er, dass es

“durchaus Gründe für die Annahme (gibt), dass die Marke in der Welt der Bits & Bytes die Popularität und Reichweite erlangen kann, die ihr am Kiosk stets ein wenig verwehrt blieb.”

Aber wie genau, mit welchem Konzept dies jenseits des werktäglichen Interviews funktionieren könnte, lässt Lohrmann leider offen. Nur soviel: Am 6. Juli soll es losgehen.

Ich bin gespannt, wie die Galore-Website dann aussehen wird: Bislang war sie nur ein Anhängsel des Printproduktes. Das muss sich grundlegend ändern, will die Galore ihre selbstgesteckten Ziele erreichen. Ich zumindest möchte sie gerne auch digital weiterlesen und wünsche ihr allein deshalb viel Glück.

la blogosfera: Prisa macht die Schotten dicht

Ein kursorischer Blick über den Tellerrand: Der spanischen Mediengruppe Prisa wird in der blogosfera - der spanisch sprechenden Internet-Community - vorgeworfen, sie verhindere ungeliebte Artikel, und versuche, unbequeme Blogger mundtot zu machen. Es scheint in der Tat so zu sein, dass sich in Spanien in Sachen Internet die gleichen Fronten auftun wie hierzulande.

Obwohl Jens Bisky vor einigen Wochen in der Süddeutschen Zeitung davon schrieb, dass es allen Unkenrufen zum Trotz durchaus so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit gebe, konzentriert sich die deutschsprachige Blogosphäre darauf, die internetrelevanten Geschehnisse in den USA und auch Großbritannien zu verfolgen, sofern sie nicht gerade in den Spiegel guckt und Nabelschau betreibt. Da liegt doch eigentlich der Schluss nahe, mal woanders genauer hinzuschauen. Am besten natürlich dorthin, wo man die Sprache versteht. In meinem Falle bietet sich da zum Beispiel Spanien an. Also dann:

Zeitung im Stillstand: Impression aus Madrid.

Quelle: publikaccion, cc-Lizenz

Dass la blogosfera sich vor allem an Prisa reibt, kann kaum verwundern: Prisa ist der größte Medienkonzern in Spanien und Lateinamerika; dementsprechend mächtig ist er, und dementsprechend umstritten ist auch seine Machtfülle. Spätestens seitdem die Gruppe im Jahr 2000 an die Börse und anschließend auf Einkaufstour ging und in das TV-, vor allem das Pay-TV-Geschäft investierte.

Gerade letzteres erfüllte die Erwartungen überhaupt nicht - genau so wenig wie das Internet-Geschäft - und so brach der Gewinn des Medienkonglomerates im vergangenen Jahr um mehr als 50 Prozent ein; die Aktie verlor mehr als 80 Prozent. Was blieb, sind die Schulden, die bei der Expansion des Konzerns angehäuft wurden und die derzeit über 5 Milliarden Euro taxiert werden. Vielleicht ist es gar nicht unwichtig, darauf hinzuweisen, dass es Prisa genau so ergangen ist wie börsennotierten Medienhäusern bzw. Verlagen in den USA: Der Grund für den Absturz war nicht das Internet, sondern die “Geldsucht” und die Gesetze des Börsenwesens, wie Heribert Prantl jüngst auf der Jahrestagung 2009 des Netzwerks Recherche formulierte.

Dass der angesehenen Zeitung El País, dem tradtionsreichen Flagschiff der Prisa-Gruppe, plötzlich und ohne größeres eigenes Verschulden Sparzwänge auferlegt wurden, hatte mit dem Netz also weniger zu tun als mit Pech und Missmanagement. Jedenfalls fielen Stellen weg, wurden die Freien schlechter bezahlt und lag das Blatt fürderhin merklich schlanker an den Kiosken. Das merkte man sogar im Ausland, zum Beispiel auch in Deutschland; zumindest bei der taz, die über die Prisa-Krise mehrere Male berichtete.

Dennoch machte Prisa offenbar die Schotten dicht: El País verhinderte im März zum Beispiel den Abdruck einer Annonce von Le Monde diplomatique en español, die seit vier Jahren monatlich ihre Artikel in der Zeitung ankündigt. Grund war der Verweis auf einen Artikel Pascual Serranos, in dem der Autor sachlich und ausführlich über die finanziellen Probleme der Prisa-Gruppe und deren Gründe berichtete. Le Monde diplomatique en español sprach denn auch in Ihrer Stellungnahme von einem klaren Akt der Zensur (”un claro acto de censura“).

Es folgte Ende April der Nichtabdruck einer Kolumne Enric González’, in der dieser das Trash-Programm des nicht zu Prisa gehörenden TV-Kanals Telecinco beklagt und davon spricht, dass auf Kosten solcher Shows vielleicht “cualquier día, en cualquier empresa, van a rebajar el sueldo a los obreros para financiar la ludopatía bursátil de los dueños” - (frei) übersetzt: aber an irgendeinem Tag in irgendeinem Unternehmen sie den Arbeitern den Lohn kürzen würden, um die börsatile Spielsucht der Eigentümer zu finanzieren. Laut Ignacio Escolar, der den Vorgang auf seinem Blog dokumentiert hat, begründete El País den Nichtabdruck der Kolumne mit diesem Zitat, dass, obwohl es allgemein gehalten sei, den Prisa-Vorstand beleidige.

Selbst wenn nicht ganz klar ist, ob Prisa mit Fällen von Meinungsbeeinflussung und -unterdrückung etwas zu tun hat, wird der Name des Unternehmens sofort genannt: Im Mai schloss zum Beispiel Eduardo Madinaveitia sein Blog vorübergehend. Es hätte jemand seinen Abschuss im Unternehmen gefordert und das wolle er sich nicht antun, schrieb der oftmals kritisch, aber dem Anschein nach ohne jede Schärfe bloggende Medienspezialist und “digitale Immigrant” etwas nebulös. Sofort wurde mehr oder weniger deutlich darauf hingewiesen, dass höchstwahrscheinlich die Prisa-Gruppe dahinter stecke. Da wird einem als deutscher Blogger ganz warm um Herz: Journalismus versus Blogosphäre, alles wie gehabt.

Mit einer solchen Vorgehensweise dokumentiert die Prisa-Gruppe nun nicht gerade, dass sie verstanden hat, dass so etwas im Internetzeitalter schlecht funktioniert, und derart wird sie ihre wirtschaftlich nicht gerade beeindruckende Bilanz im Internet wohl kaum aufbessern können: Gerade einmal 1 Prozent der Einnahmen (ingresos) kam im Jahr 2008 aus dem Netz. (Zum Vergleich: 12 Prozent bei der New York Times.) Netzthematisch zeigt sich - an der Oberfläche jedenfalls - ein ähnliches Bild: Hier mal ein kritischer Artikel zu Ebay, dort ein eher altbackener Beitrag zu Wikipedia. In einem Vorabdruck einer Essay-Sammlung Juan Luis Cebriáns schlägt der CEO und Ex-Chefredakteur dann aber einen weiten Bogen von Horaz bis zum Internet, fühlt sich an die Anfänge des Journalismus zurück versetzt und kann sich sogar eine Zukunft ohne Zeitungspapier vorstellen.

Auch das kommt einem bekannt vor: In den Sonntagsreden ist gerne mal von einer “digitalen Revolution” die Rede; gehandelt wird danach aber nicht.

micro blogging

“mein vater twittert jetzt auch!”

diplix (Felix Schwenzel)

“Twitter Twitter Popitter”

Sascha Lobo

(Zeitungs-)Papier: Auslaufmodell oder “neues Vinyl”?

Am (Zeitungs-)Papier scheiden sich die Geister: Einerseits wird das Ende der Zeitung im gedruckten Format prognostiziert, andererseits kann man sich das Frühstücksei ohne flankierende Blattlektüre kulturtechnisch noch nicht so recht vorstellen. Auf jeden Fall ist die Zukunft des Papiers als journalistisches Medium ein Thema, das die Gemüter bewegt. Und deshalb immer wieder gerne hervorgeholt wird.

So zum Beispiel von Marcel Weiß, der auf netzwertig.com forsch titelte: “In zehn Jahren gibt es keine Tageszeitungen mehr” und diese seine These mit einem veränderten Nutzerverhalten der jüngeren Generation (Online statt Print) sowie mit einer einfachen betriebswirtschaftlichen Überlegung begründet, die er in folgenden Viersatz gegossen hat:

“Wir halten fest:
1. Aufmerksamkeit geht online
2. Werbung folgt der Aufmerksamkeit, die Verteilung der Werbebudgets verschiebt sich
3. Die größte Einkommensquelle für Print fällt weg
4. Print wird unwiderruflich defizitär”

Nun mutet der Weißsche Artikel ein wenig wie die Essenz eines BWL-Seminars an und man möchte fragen, ob der netzwertig-Chefredakteur schon einmal davon gehört hat, dass Marktteilnehmer sich nicht unbedingt immer rational im Sinne monetärer Kosten-Nutzen-Rechnungen verhalten. Schließlich ist die Zeitung in gedruckter Form nicht nur ein kapitalistisches Einnahmeinstrument, sondern auch ein Kulturgut, das mit nicht ganz unwichtigen Entitäten wie Demokratie verknüpft ist. Aber, das muss man sagen, der Autor befindet sich in bester Gesellschaft, wie zum Beispiel die jüngste Jahrestagung des Netzwerks Recherche zeigte, auf der Leute wie Urs Gossweiler oder Stephan Weichert die gleiche These vertraten.

Den Gegenpart dieser Anschauung verkörperte Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung in seiner lesenswerten Tagungs-Eröffnungsrede, in der er daran erinnerte, dass Philip Meyer bereits 2004 mit seinem Buch “The Vanishing Newspaper” das Ende der Tageszeitungen (allerdings erst für das Jahr 2043) angekündigt habe, sich diese Prophezeiungen sich aber als ebenso falsch entpuppen könnten wie seinerzeit Francis Fukuyamas “Ende der Geschichte” nach dem Zusammenbruch des Kommunismus.

Nebenbei zog Prantl eine interessante historische Parallele zwischen der digitalen und der 1848er Revolution:

“Das Revolutionsjahr 1848 steht für einen politischen Lernprozess, der hunderttausende von Menschen einbezog und ihnen Möglichkeiten zur politischen Partizipation gab. 150 Jahre später bietet die digitale Revolution diese Möglichkeit wieder, in nie gekannter Dimension.
Anders gesagt: Blogs sind “mehr Demokratie”, bei allen Unwägbarkeiten. Blogs bergen die Chance zu einer neuen bürgerlichen Revolution. Soll da wirklich der professionelle Journalismus die Nase hochziehen, so wie es vor 150 Jahren die etablierten fürstlichen Herrschaften und die monarchischen Potentaten getan haben?”

Und später:

“Das Internet schlägt gar nichts kurz und klein. Das ist doch auch die Lehre aus jeder mediengeschichtlichen Revolution: Kein neues Medium hat je die alten Medien verdrängt. Es kommt zu Koexistenzen.”

Clay Shirky, dem man ja nun wirklich nicht unterstellen kann, in dieser Frage Traditionalist zu sein (siehe “Newspapers and Thinking the Unthinkable”), scheint den Braten auch zu riechen, als er neulich bei metaprinter auf eine Mail des Schriftstellers Dave Eggers stieß, der - wie Prantl - von der Möglichkeit einer Koexistenz von Print und Netz überzeugt ist. Shirky bewies jedenfalls seinen Sinn für eingängige Formulierungen und twitterte den Kommentar:

“Hipness alert: Paper Is The New Vinyl”

Wie dem auch sei, momentan scheint mir jedenfalls die Koexistenz-Variante diejenige zu sein, auf die zumindest einige der Zeitungsmacher setzen. So zum Beispiel Der Freitag mit Jakob Augstein, der ja bekanntlich nicht nur mit dem Guardian kooperiert, sondern sich auch am Geschäftsmodell des britischen Blattes orientiert, was er im folgenden Video etwas näher ausführt.

   interview2: Jakob Augstein, der Freitag

 

Europa aus polnischer Perspektive

Der 4. Juni 1989, an dem das chinesische Militär das Massaker auf dem Tianamen-Platz verübte, war auch für Europa und nicht zuletzt für Deutschland ein geschichtsträchtiger Tag; das sollte man nicht vergessen. Schon gar nicht wenige Tage vor der Europa-Wahl.

In Polen wurde am 4. Juno vor 20 Jahren in halbfreien Wahlen, wie es so schön heißt, mit Tadeusz Mazowiecki der erste nicht-kommunistische Ministerpräsident der Warschauer-Pakt-Staaten gewählt. Mariusz Janicki und Wiesław Władyka haben sich in der polnischen Zeitung Polityka Gedanken darüber gemacht, warum sich in Polen niemand so recht über das Datum freuen kann - erfreulicherweise gibt es eine Übersetzung des Textes ins Deutsche.

“Paradoxerweise sagt uns nur noch der Verstand, dass an jenem Juni-Sonntag die Wende vollzogen wurde und dass wir uns darüber freuen sollten”,

schreiben die Autoren und beklagen, dass es Ministerpräsident Donald Tusk und seiner Bürgerplattform nicht gelungen sei, dem 4. Juni die angemessene historisch-politische Symbolik zurückzugeben, die ihm die Kritiker der Dritten Republik - namentlich die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) der Kaczyński-Brüder - genommen hätten. Das Polen des 4. Juni 2009 wird dem Leser so als zerissenes Land präsentiert, dem es an Enthusiasmus fehlt, den im übrigen seinerzeit Karel Wojtyla, hierzulande besser bekannt unter Johannes Paul II., gehabt habe, als er Polen kurz nach seiner Demokratisierung besuchte. (Ein Verweis auf den Papst und die katholische Kirche darf in Polen nach wie vor keinesfalls fehlen - siehe Fotos, aufgenommen in Kleinpolen in der Nähe Krakaus.)

Sehr polnisch mutet auch die Sehnsucht nach einer “heroischen Geschichtsversion” an, die die Autoren ansprechen. Wobei das folgende Zitat aus deutscher Sicht an ganz anderer Stelle interessant ist: Die Tatsache, dass der Berliner Mauerfall der Endpunkt, keineswegs der Anfang einer Entwicklung war, die eben in Polen ihren Ausgang nahm:

“Denjenigen, die mit der Dritten Republik unzufrieden sind, sehnen sich nach einer heroischen Geschichtsversion. Es fehlt ihnen ein deutliches Symbol, manchen gar Opferblut oder eine spektakuläre Rache. Der unscheinbare Wahl-Akt, an dem im Übrigen beinahe 40 Prozent der Gesellschaft gar nicht teilgenommen haben, kann sich so nicht mit dem Abriss der Berliner Mauer messen, nicht einmal mit der samtenen Revolution, mit den enthusiastischen Massen auf den Prager Straßen. Selbst die DDR-Stasi hat im globalen Bewusstsein unseren kaum bekannten Sicherheitsdienst übertroffen. Dabei war der Fall der Mauer in Berlin gar kein revolutionärer Akt, sondern Folge der Veränderungen vor allem in Polen. Den Deutschen drohte nichts mehr, weil das Regime im Zerfall begriffen war und sich herausgestellt hatte, dass die Kommunisten gar nicht mehr stark bzw. nicht offen für konfrontative Lösungen waren.”

Das wird zum Ärger der Polen ja gerne vergessen; nicht nur in Deutschland, auch in Europa, wie der Tagesspiegel zum Beispiel neulich berichtete. Unter dieser (historischen) Perspektive ist es geradezu beschämend, dass sich die Deutschen (und auch die Österreicher) noch immer nicht dazu durchgerungen haben, im eigenen Lande - zumal wider jeder wirtschaftlichen Expertise - den Polen das legale Arbeiten zu erlauben.

Schöne Europäer sind wir. . .

Ein wenig Balsam auf die Wunden

Da konnte man mal sehen, zu was Twitter imstande ist: Sascha Lobo (und andere, aber Lobo ist ja nun einmal der Twitter-Prinz…) wies auf einen Artikel in Spiegel Online hin, in dem Autor Christian Stöcker wohltuend ausgewogen über die Zensursula-Debatte und ihre Bedeutung schrieb - und schon konnte sich der gute cisstock über eine erkleckliche Anzahl neuer Follower freuen. Und Spiegel Online über Klicks. Und die “Generation C 64″ über einen Artikel zum Thema, der ausnahmsweise mal nicht vor Vorurteilen und Ressentiments strotzte.  Das ist ein wenig Balsam auf die Wunden, die ihr die Soboczynskis und Welfings  in dieser Kontroverse zugefügt haben.

(Marcel Weiß hat die erlittenen Verletzungen in einem guten Artikel zur “unerträglichen Seichtigkeit des deutschen Internets” zusammen gefasst; einige kritische Kommentare haben das Bild abgerundet und so einen noch besseren Text daraus gemacht - ja, das ist tatsächlich möglich.)

Dabei hat Stöcker auf SpOn eigentlich nur das aufgeschrieben, was eigentlich offensichtlich sein sollte: dass die Unterzeichner der Petition gegen die Änderung des Telemediengesetzes nicht für Kinderpornographie im Internet sind; dass der Widerstand, das Bundeskriminalamt in seiner zugedachten Rolle als Zensor zu akzeptieren, für das demokratische Bewusstsein der Unterzeichner spricht; dass es hier keineswegs um “Cyber-Anarchie”, sondern um “Freiheit, Bürgerrechte, Gewaltenteilung” geht.

Möglicherweise ist genau das - der stetige Verweis auf das demokratische Potenzial des Internets, möglichst mit konkreten Belegen - das Beste, was man machen kann. Aber so eine Diskussion lässt sich ja nicht beliebig herbeiwünschen, zumal da auch die andere Seite mitspielen müsste.

Wahrscheinlicher ist dann doch Schwarz-Weiß-Malerei. Ich freue mich schon auf CSU, sofern der US-amerikanische Disput über den Atlantik schwappen sollte, den neulich Kevin Kelly in Wired angestoßen hat. Kelly ruft da forsch bis ahnungslos einen “Neuen Sozialismus” aus, der aus der “globalen kollektivistischen Online-Gesellschaft” entstehe. (Lawrence Lessig vertritt den entgegen gesetzten Standpunkt.) Das wäre doch was für Dr. Markus Söder

blogoscoop