Ein kursorischer Blick über den Tellerrand: Der spanischen Mediengruppe Prisa wird in der blogosfera - der spanisch sprechenden Internet-Community - vorgeworfen, sie verhindere ungeliebte Artikel, und versuche, unbequeme Blogger mundtot zu machen. Es scheint in der Tat so zu sein, dass sich in Spanien in Sachen Internet die gleichen Fronten auftun wie hierzulande.
Obwohl Jens Bisky vor einigen Wochen in der Süddeutschen Zeitung davon schrieb, dass es allen Unkenrufen zum Trotz durchaus so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit gebe, konzentriert sich die deutschsprachige Blogosphäre darauf, die internetrelevanten Geschehnisse in den USA und auch Großbritannien zu verfolgen, sofern sie nicht gerade in den Spiegel guckt und Nabelschau betreibt. Da liegt doch eigentlich der Schluss nahe, mal woanders genauer hinzuschauen. Am besten natürlich dorthin, wo man die Sprache versteht. In meinem Falle bietet sich da zum Beispiel Spanien an. Also dann:

Zeitung im Stillstand: Impression aus Madrid.
Quelle: publikaccion, cc-Lizenz
Dass la blogosfera sich vor allem an Prisa reibt, kann kaum verwundern: Prisa ist der größte Medienkonzern in Spanien und Lateinamerika; dementsprechend mächtig ist er, und dementsprechend umstritten ist auch seine Machtfülle. Spätestens seitdem die Gruppe im Jahr 2000 an die Börse und anschließend auf Einkaufstour ging und in das TV-, vor allem das Pay-TV-Geschäft investierte.
Gerade letzteres erfüllte die Erwartungen überhaupt nicht - genau so wenig wie das Internet-Geschäft - und so brach der Gewinn des Medienkonglomerates im vergangenen Jahr um mehr als 50 Prozent ein; die Aktie verlor mehr als 80 Prozent. Was blieb, sind die Schulden, die bei der Expansion des Konzerns angehäuft wurden und die derzeit über 5 Milliarden Euro taxiert werden. Vielleicht ist es gar nicht unwichtig, darauf hinzuweisen, dass es Prisa genau so ergangen ist wie börsennotierten Medienhäusern bzw. Verlagen in den USA: Der Grund für den Absturz war nicht das Internet, sondern die “Geldsucht” und die Gesetze des Börsenwesens, wie Heribert Prantl jüngst auf der Jahrestagung 2009 des Netzwerks Recherche formulierte.
Dass der angesehenen Zeitung El País, dem tradtionsreichen Flagschiff der Prisa-Gruppe, plötzlich und ohne größeres eigenes Verschulden Sparzwänge auferlegt wurden, hatte mit dem Netz also weniger zu tun als mit Pech und Missmanagement. Jedenfalls fielen Stellen weg, wurden die Freien schlechter bezahlt und lag das Blatt fürderhin merklich schlanker an den Kiosken. Das merkte man sogar im Ausland, zum Beispiel auch in Deutschland; zumindest bei der taz, die über die Prisa-Krise mehrere Male berichtete.
Dennoch machte Prisa offenbar die Schotten dicht: El País verhinderte im März zum Beispiel den Abdruck einer Annonce von Le Monde diplomatique en español, die seit vier Jahren monatlich ihre Artikel in der Zeitung ankündigt. Grund war der Verweis auf einen Artikel Pascual Serranos, in dem der Autor sachlich und ausführlich über die finanziellen Probleme der Prisa-Gruppe und deren Gründe berichtete. Le Monde diplomatique en español sprach denn auch in Ihrer Stellungnahme von einem klaren Akt der Zensur (”un claro acto de censura“).
Es folgte Ende April der Nichtabdruck einer Kolumne Enric González’, in der dieser das Trash-Programm des nicht zu Prisa gehörenden TV-Kanals Telecinco beklagt und davon spricht, dass auf Kosten solcher Shows vielleicht “cualquier día, en cualquier empresa, van a rebajar el sueldo a los obreros para financiar la ludopatía bursátil de los dueños” - (frei) übersetzt: aber an irgendeinem Tag in irgendeinem Unternehmen sie den Arbeitern den Lohn kürzen würden, um die börsatile Spielsucht der Eigentümer zu finanzieren. Laut Ignacio Escolar, der den Vorgang auf seinem Blog dokumentiert hat, begründete El País den Nichtabdruck der Kolumne mit diesem Zitat, dass, obwohl es allgemein gehalten sei, den Prisa-Vorstand beleidige.
Selbst wenn nicht ganz klar ist, ob Prisa mit Fällen von Meinungsbeeinflussung und -unterdrückung etwas zu tun hat, wird der Name des Unternehmens sofort genannt: Im Mai schloss zum Beispiel Eduardo Madinaveitia sein Blog vorübergehend. Es hätte jemand seinen Abschuss im Unternehmen gefordert und das wolle er sich nicht antun, schrieb der oftmals kritisch, aber dem Anschein nach ohne jede Schärfe bloggende Medienspezialist und “digitale Immigrant” etwas nebulös. Sofort wurde mehr oder weniger deutlich darauf hingewiesen, dass höchstwahrscheinlich die Prisa-Gruppe dahinter stecke. Da wird einem als deutscher Blogger ganz warm um Herz: Journalismus versus Blogosphäre, alles wie gehabt.
Mit einer solchen Vorgehensweise dokumentiert die Prisa-Gruppe nun nicht gerade, dass sie verstanden hat, dass so etwas im Internetzeitalter schlecht funktioniert, und derart wird sie ihre wirtschaftlich nicht gerade beeindruckende Bilanz im Internet wohl kaum aufbessern können: Gerade einmal 1 Prozent der Einnahmen (ingresos) kam im Jahr 2008 aus dem Netz. (Zum Vergleich: 12 Prozent bei der New York Times.) Netzthematisch zeigt sich - an der Oberfläche jedenfalls - ein ähnliches Bild: Hier mal ein kritischer Artikel zu Ebay, dort ein eher altbackener Beitrag zu Wikipedia. In einem Vorabdruck einer Essay-Sammlung Juan Luis Cebriáns schlägt der CEO und Ex-Chefredakteur dann aber einen weiten Bogen von Horaz bis zum Internet, fühlt sich an die Anfänge des Journalismus zurück versetzt und kann sich sogar eine Zukunft ohne Zeitungspapier vorstellen.
Auch das kommt einem bekannt vor: In den Sonntagsreden ist gerne mal von einer “digitalen Revolution” die Rede; gehandelt wird danach aber nicht.