Monatsarchiv für Juli 2009

 
 

Nischenjournalismus

Die Zeitung der Zukunft sollte im Kern “die erschöpfende Antwort auf eine zentrale Frage” geben. So einfach und einprägsam wie Robin Meyer-Lucht, Leiter des Berlin Institutes und Herausgeber des grimmepreisgekrönten Non-Profit-Mehrautoren-Blogs Carta, formulieren nur wenige Medienexperten, wenn sie die Frage gestellt bekommen, wie sich die Verlage im Internet positionieren sollten, um das eigene Überleben zu sichern.

Meyer-Lucht plädiert bekanntermaßen für den Wandel der Verlage zu “zentralen Akteuren in Netzwerkkommunikationen”, indem sie “die Masse der Informationen, die im Internet potenziell vorhanden ist, zu einem individuellen Informationsprodukt verdichten.”

Dafür schweben ihm vier Säulen vor, auf dem zukünftiger Journalismus ruhen soll:

  • einem journalistischen Kern
  • den Nutzern, die sich in die Diskussionen einbringen
  • Experten, die Themen aus anderer, z.B. wissenschaftlicher Perspektive betrachten
  • und weiteren relevanten Inhalten aus dem Netz, die automatisiert auf die eigene Seite laufen

Diesem Modell liegt die Sichtweise zugrunde, dass sich der Medienmarkt zusehends ausdifferenziert hat und dadurch Nischenmärkte entstanden sind, die es zu bedienen gilt. Wobei solche Nischen durchaus auch groß sein können, wie das gegenwärtig gerne angeführte Erfolgsbeispiel des britischen Globalwirtschaftsblatts Economist zeigt.

Allein, diese Ausnahme bestätigt die derzeit geltenden Regeln nicht, und es herrscht eher Ratlosigkeit, wenn es darum geht, geeignete Geschäftsmodelle für Online-Content in der marktwirtschaftlichen Realität zu kreieren.

“Ich bin durchaus skeptisch, dass es vernünftige Modelle für Websites gibt, die rein und ausschließlich Content bieten und damit soviel verdienen können, dass sie diesen Content auf eine vernünftige, unseren bisherigen Standards entsprechenden Weise bezahlen können”

 

sagte zum Beispiel Tempo-Gründer und Beckmann-Talk-Redaktionsleiter Markus Peichl Anfang des Jahres im Interview just mit Robin Meyer-Lucht (siehe youtube-Video, das so ab Minute 1:30 interessant wird).   

httpv://www.youtube.com/watch?v=TsnvrlL0zjk&feature=channel_page

Meyer-Lucht setzt in dieser Frage zum Beispiel auf Werbeeinnahmen und finanzielle Unterstützung von Institutionen und Think Tanks sowie neuartige Bezahlsysteme (siehe Kommentar unter dem Carta-Post von Wolfgang Michal). Es bleibt jedoch dabei, dass es ein Standardfinanzierungsmodell für Online-Content noch nicht gibt und weiterhin in Frage steht, ob es ein solches jemals geben wird.

Das spiegelt sich schön wider in der Situation der Beschäftigen auf diesem Markt, denen das Gleiche geraten wird wie den Verlagen auch: Ausdifferenzierung. Der Journalist der Zukunft soll sein Geld nicht nur mit Journalismus verdienen.

Tanzeinlage IV

httpv://www.youtube.com/watch?v=iQvxQshKFmY&fmt=22

Gefunden in Fefes Blog

Fünf kursorische Thesen zum Internet

Endlich hatte ich mal Urlaub. Auch vom Netz, da ich auf dem Land war und mein dortiger Freund und Nachbar sein Wlan nicht in den Griff bekam. Und das Bloggen via Modem oder mit dem I-Phone meiner Frau keine wirkliche Alternative darstellte. Das reichte nur für einige wenige Twitter-Einträge. Also ließ ich meine digitale Identität vor sich hin trudeln und konzentrierte mich aufs Grillen. Das schafft Abstand.

Und ist eine Gelegenheit, zum eiswürfelgesättigten Cuba libre, den ich mir zur Feier des Tages zusammengemixt habe, hier einige kursorische Thesen zu posten, die mit dem Internet zusammenhängen. Die mich in den vergangenen Wochen und Monaten beschäftigt und nicht wirklich losgelassen haben. Einige will ich so endlich loswerden, zumindest vorübergehend; auf andere würde ich in Zukunft gerne noch einmal genauer eingehen. Auf jeden Fall wird es eine kurze Liste werden, die aus dem Bauch heraus geschrieben ist. Die keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Tiefe hat. Kursorische, transitorische Thesen eben, die in der Blogosphäre präsent sind und an denen ich mich gerne mal geistig abarbeite:

1. Die Blogosphäre ist eine Ansammlung pubertärer Egomanen

Klar, das könnte man denken. Ist aber Blödsinn. Der Eindruck drängt sich nur auf, weil durch Web 2.0 einfach mehr Leute die Möglichkeit haben, ihre Befindlichkeiten in die Welt hinaus zu posaunen. Grundsätzlich glaube ich aber nicht, dass etwa ein Haufen Automanager, die sich ihre Mails noch ausdrucken lassen und sich auf Messen kurz über die neuesten Vergasermodelle unterhalten, um danach die anwesenden Bikinimädchen der Eventagenturen in ihren hormonellen Fokus zu nehmen, mehr IQ-Potenzial zusammen bringen als - sagen wir - die Kommentatoren eines durchschnittlichen Spiegelfechter-Posts.

2. Das Netz ist demokratisch bzw. befördert Demokratie

Diese Aussage ist in ihrer Totalität leider Quatsch. Das Netz bzw. das Web 2.0 ist sicher ein Set von Werkzeugen, das demokratische Prozesse - etwa die verstärkte Beteiligung von Bürgern an politischen Diskussionen bzw. Entscheidungen - unterstützen kann. Eine Garantie für einen dahingehenden Gebrauch dieser Werkzeuge gibt es aber nicht. So profan das ist, so wichtig ist es auch, das immer im Hinterkopf zu behalten. Ein willkürlich ausgewähltes gegoogeltes Beispiel aus dem deutschen Internetkosmos sind die Manipulationen von Wirtschaftsunternehmen bei Wikipedia. Andererseits gibt es auch viel versprechende Ansätze zur Formierung einer demokratischen (Gegen-)Öffentlichkeit im Netz. Man denke nur an die Zensursula-Debatte. Die internationale Perspektive zeigt außerdem, dass man immer auch genau auf die Wirkungsweisen und -richtungen digitaler Öffentlichkeiten schauen sollte: So wies Ethan Zuckerman am Beispiel des Iran darauf hin, dass die ganzen Twittermeldungen aus dem und über das Land eher eine  grenzüberschreitende, globale Öffentlichkeit formiert haben als sozialen Protest im Lande  selbst zu organisieren. Wichtig ist meiner Meinung nach auch Zuckermans Hinweis auf die fehlende Repräsentativität der Twittermeldungen aus dem Iran - die Internetöffentlichkeit ist nun einmal nicht die Öffentlichkeit in Gänze, weder im Iran noch hierzulande.

3. Das Internet gräbt der Kreativindustrie das Wasser ab und erodiert den Journalismus

Ja, ok, dieses Thema ist ein ganzes Buch wert - je nach Ausrichtung eines auf Papier oder eines als E-Paper. Mich interessiert daran vor allem ein Aspekt: die Aufgabe, die ob dieses so gewiss nicht richtigen Vorwurfs der so genannten Online-Community in Gänze zukommt, nämlich über Geschäftsmodelle für Online-Content nachzudenken. Woher sollen solche sonst kommen? Von Herrn Burda doch wohl nicht. (Das ist einer der Gründe, warum ich zum Beispiel Matthias Schwenk so gerne lese - der schafft es tatsächlich, in dieser Hinsicht immer konstruktiv zu sein.) 

4. Das Internet ist ein Ökosystem

Auch mit diesem Thema bin ich wohl lange noch nicht fertig. Einerseits kann man sicher anschaulich verdeutlichen, dass das Netz kein fertiges Etwas ist, sondern etwas, was noch im Entstehen begriffen ist, indem man es als System beschreibt, das sich sukzessive ausdifferenziert und sich zu immer höheren Stufen (Emergenz) entwickelt. Ein Werdendes, dessen Endzustand - sofern es so etwas überhaupt einmal geben sollte - so weit weg ist, dass wir es uns noch nicht im Entferntesten vorstellen können. Andererseits kommt mir diese Beschreibungsart verdächtig dominant vor: Inzwischen kommt auch in der deutschsprachigen Blogosphäre kaum ein seriöser Text, der sich in irgendeiner Form mit der Zukunft des Webs beschäftigt, ohne Schlagworte wie “Ökosystem” oder “evolutionäres Denken” aus. Ich habe hier schon einmal über meine Aversion gegen Biometaphern geschrieben: Im Grunde bin ich einfach misstrauisch gegenüber Analogien, die Entwicklungen nahe legen, die niemand wirklich voraussagen kann. Sprich, ich habe manchmal den Eindruck, dass diese Biometaphern mehr Propaganda- als Veranschaulichungsinstrument sind. Anders gesagt: Ich habe bislang die Systemtheorie so verstanden, dass der Begriff der Selbstorganisation ursprünglich für biologische Systeme gilt. Und für mich ist noch lange nicht klar, ob sich das Netz wirklich zu einem “autopoietischen System” entwickelt. (Bin ich nun ein “Technologie-Skeptiker”?)

5. Sascha Lobo ist ein eitler Pfau

Evolutionsbiologisch ist der Vergleich der Loboschen Frisur mit der Schleppe des männlichen Pfaus sicher nur insoweit zulässig, als das zum Beispiel auch eine Alge mit dem Menschen verwandt ist, diese Verwandtschaft aber nichts über die unterschiedliche Komplexität der beiden Lebensformen aussagt. Außerdem geht es ja nicht um die Optik, sondern um den Charakter, und da sind die Vorzeichen sicher umgekehrt. Aber nichts-desto-Trotz: Lobos Selbstinterview auf seinem Blog, das er anlässlich seiner Rolle in der bis zum Überdruss diskutierten Vodafone-Werbekampagne gespielt hat und spielt, lässt die Vermutung zu, dass er nicht gerade ein Selbstzweifler und vor Blasiertheit nicht gefeit ist. Aber ich kenne Sascha Lobo nicht persönlich und lasse mich gerne eines Besseren belehren. Vielleicht darf ich ja mal mit ihm einen Kaffee trinken…

Machen wir uns nichts vor VII

Es geht uns um die Vision einer Welt, in der die am schwersten zu vereinbarenden Elemente menschlichen Handelns miteinander verbunden sind, kurz, es geht uns um Güte ohne Nachsicht, Mut ohne Fanatismus, Intelligenz ohne Verzweiflung und Hoffnung ohne Verblendung. Alle anderen Früchte des philosophischen Denkens sind unwichtig

Leszek Kołakowski (1927 - 2009)

Tja - Vodafone - So

Ich habe keine Lust, mich mit der Vodafone-Werbekampagne groß zu beschäftigen. Aber irgendwie kommt man da ja trotzdem nicht drumherum.

Siehe Überschrift: Nico Lummas Rechtfertigungsversuch aus Scholz-&-Friends-Sicht mit denkwürdigem Einstieg (”Tja”) und ebensolchem Ausstieg (”So”).

Besser noch ist Felix Schwenzels Verwurstung des Lumma-Posts.

Höhepunkt aus meiner persönlichen Sicht ist aber ein Zitat Schwenzels an anderer Stelle zum Plakat, das Sascha Lobo zeigt:

“besonders peinlich finde ich einen bekennenden iphone-fan und t-mobile-kunden wie sascha lobo auf ein vodafone plakat zu kleben, in einem bus (!), obwohl jeder der ihn kennt weiss, dass sascha nur in äussersten notfällen in einen bus oder eine tram steigt und das einzige öffentliche verkehrmittel das er benutzt taxen sind. davon abgesehen, dass das hintergrundbild, das offenbar berlin darstellen soll, auch noch wie von einem praktikanten mit microsoft paint einmontiert aussieht und sascha lobo ein bisschen wie zonen-gabi im glück mit seinem ersten hanuta wirkt, scheint mir diese kampagne doch sehr lieblos zusammengestückelt.”

Und hier ist das dazugehörige Foto:

So sieht das also aus, zumindest auf einem Plakat aus diesem,... on Twitpic

Den grandiosen Werbespot poste ich jetzt aber nicht, ist auf youtube ohnehin leicht zu finden, falls ihn irgendjemand noch nicht gesehen haben sollte.

“God is creativity”

Allzu vielen Leuten braucht man mit dem Thema Religion derzeit ja nicht zu kommen. Religion ist nicht hip. Zumindest nicht in der vermeintlich aufgeklärten, neubürgerlichen Szene, in der ich mich alltäglich bewege. Obwohl gerade hier viele auf Sinnsuche sind. 

Religion ist reaktionär und von gestern, im schlimmsten Fall auch noch gefährlich: Diese Haltung verstellt aber den Blick auf die Antworten und auch auf die Fragen, die Religionen zu geben versuchen bzw. stellen - das demonstriert diese hochinteressante Interview mit Gordon Kaufman, einem US-amerikanischen Theologen und ehemaligen Harvard-Dozenten.

Kaufman bezeichnet sich nicht nur als Evolutionisten und mag an einen Gott menschlicher Gestalt nicht glauben. Er hat auch etwas zu Themen wie Glauben, Bewusstsein, Ethik und Kreativität zu sagen. 

“It does make sense to ask the question of where did all this come from. And where it came from, in my view, is simply the mystery of creativity. Creativity is a profound mystery, we don´t know”

beschreibt Kaufman zu Beginn des Interview seinen persönlichen Zugang zu Gott. 

Gut 50 Minuten, die zeigen, wie Theologie (und auch Philosophie) hochaktuelle Debatten um globale Ethik, Ökologie, Politik, Gesellschaft bereichern und die gegenwärtig mehr im Fokus stehenden technisch-naturwissenschaftlichen Wissenschaften ergänzen könnten. Gut 50 Minuten, die ich wider eigenes Erwarten (Microcontent-Kosmos) komplett geguckt habe…

 

Von Ulrike Reinhard u.a., gefunden via twitter.

Ziel erreicht, Gregor

Gregor Gysi ist und bleibt ein exzellenter Rhetoriker; egal was man sonst von ihm halten mag. Das zeigt das Interview, das er dem Spiegel für dessen jüngste Ausgabe gegeben hat. Ist zum Beispiel schon lustig, wie er selbst die größte Schwäche seiner Partei - keine Spur von einem schlüssigen Konzept zu haben - in eine vermeintliche Stärke ummodelt: Festzuhalten sei doch, dass die Linke die einzige Partei im Bundestag sei, die sich als eine Art soziales Korrektiv zur derzeitigen politischen Stoßrichtung aufgestellt habe. Und das allein zähle in dieser Situation.

Eine echte Perle der Schlagfertigkeit liefert Gysi mit seiner Entgegnung auf die Frage, warum denn die so genannten Sektierer in seiner Partei so viel programmatischen Einfluss hätten:

“Ich erkläre Ihnen mal, wie man Sektierer wird. Man ist 19 Jahre alt, man will die Welt umkrempeln. Also sucht man Gleichgesinnte. Man hockt zusammen, schlechtester Rotwein, alles vollgequalmt, ein bisschen Petting, am Ende verabschiedet man ein Papier von 35 Seiten, in der die Welt analysiert ist, aber haarscharf. Vom amerikanischen Präsidenten bleibt da nichts übrig. Das Problem ist nur: Der liest das nicht. Das nächste Problem ist: auch keine andere Partei. Der SPIEGEL druckt es auch nicht. Wenn man Pech hat, interessiert sich nicht mal der Verfassungsschutz für einen.”

Wenn man das gelesen und geschmunzelt hat, interessiert eine wirkliche Antwort auf die Frage im Grunde nicht mehr. Ziel erreicht, Gregor.

Nachtrag: Ich habe gerade noch einmal nachgeschaut, ob das Interview nun online ist. Ist es offenbar nicht, wohl aber eine kurze Zusammenfassung, in der unter der Dachzeile “Partei-Ärger” steht, Gysi habe seine Partei mit diesen Worten “ungewöhnlich scharf” kritisiert. Ich glaube, da hat jemand etwas falsch verstanden, aber na gut: Über Humor lässt sich ja bekanntlich streiten.

Microcontent, Textatome und Zitationskartelle

So etwas wie Microcontent (beim Twittern) oder von mir aus auch “Mediumcontent” (beim Bloggen) gibt es wahrscheinlich, seitdem Menschen miteinander per Sprache kommunizieren. Aus ihrem Kontext gelöste, für sich selbst stehende Sprachbilder hießen früher nur anders (Schlagzeile, Slogan, Schlachtruf). Neu ist eher, dass sich der Verbreitungskreis von Microcontent ins Globale gesteigert hat (Internet) und in einem zuvor nicht erreichten Ausmaß schriftlich festgehalten wird - was die Sache wesentlich bedeutendsamer macht.

Twittern, Bloggen, Bookmarken, Taggen sind zwar neue Kommunikationswerkzeuge, wie und was dort aber geredet bzw. geschrieben wird, ist so neu nicht, würde ich also behaupten. Daran musste ich denken, als ich neulich im Blog HEAD.Z einen Beitrag Mandy Schiefners las, in dem sie Rolf Schulmeister zitierte. Schulmeister, Pädagogik-Professor und E-Learning-Experte im Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Uni Hamburg, ist durch seine Studie ”Gibt es eine Net Generation?” und der wissenschaftlich fundierten Verneinung dieser Frage so etwas wie der erhobene Zeigefinger der Sozialwissenschaften, wenn es um die zukünftige Rolle des Internets für die universitäre Lehre und Forschung geht.

Ganz in dieser (skeptischen) Rolle hat nun Schiefner Schulmeister wiedergegeben:

“Die Technik des RSS Feed, auf der das „social tagging“ beruht, bietet sichtlich Vorteile für den schnellen Zugriff auf Quellen und stellt eine effiziente Methode für die Vernetzung untereinander dar – aber diese Methode der Netzbildung hat aus sozialwissenschaftlicher Sicht auch Nachteile und birgt Risiken: Man liest die Gedankenschnipsel der Geistesverwandten in Weblogs und nimmt sich kaum noch Zeit für die umfangreichen Originale und die anspruchsvollen Monographien. Was auf diese Weise entsteht, das sind nicht wissenschaftliche Schulen wie ehedem, auch nicht echte Diskurszirkel, sondern Zitationskartelle. Neue Pseudotheorien und Mythen und Moden entstehen in einer Geschwindigkeit, der die Bildung des kritischen Geistes nicht zu folgen vermag.”

In den Kommentaren zu diesem Post steht ganz richtig, dass ja auch dieses Zitat aus dem Zusammenhang gerissen wurde und so die Gefahr besteht, über etwas zu urteilen, das man gar nicht richtig einordnen kann, wenn man dazu Stellung nimmt. Aber dennoch möchte man Schulmeister entgegnen, dass sich in seine Äußerung eventuell ein ideologischer Restbestand, ein Spritzer Kulturpessimismus eingeschlichen hat. Zitationskartelle - zugegebenermaßen eine außergewöhnliche Wortschöpfung - gab es ja wohl schon immer und überall. Bestimmt auch in der Mensa der Uni Hamburg, wenn sich die Gelehrten beim Gulasch die Textatome um die Ohren hauen, um ihre Belesenheit zu dokumentieren. Heisenberg? Unschärferelation! - Sarah Kirsch? Wiepersdorf! - Derrida? Differenz! Für diese Gespräche muss man keine Studien, kein gelehrtes Buch gelesen haben. Sie dienen auch nicht dem Erkenntnisgewinn, sondern sind nur der Kitt, der eine Community nun einmal zusammen hält, indem sie Gemeinsamkeiten stiften.

Ein schönes Beispiel von Microcontent, Zitationskartellen und Textatomen findet sich in Tolstois Krieg und Frieden, das nun wahrlich ein Werk der Weltliteratur ist. Da twittert die gehobene russische Gesellschaft des beginnenden 19. Jahrhunderts, was das Zeug hält, nur das der Ort des Gezwitschers nicht das Internet, sondern - der damaligen Zeit angemessen - der Salon ist. Meisterhaft führt uns Tolstoi da in den ersten 20, 30 Seiten des Romans in die Gesellschaft, ihre Rankünen und gesellschaftlichen Verflechtungen ein, indem er ein Soiree bei Anna Pawlowna Scherer beschreibt, “Hofdame und Vertraute der Kaiserin Maria Fjedorowna”. Ihr erster Follower/Gast ist der Fürst Wassilij, den sie bei Laune hält, indem sie verspricht, seinen Sohn mit einer reichen Jungfrau zu verkuppeln. Denn Fürst Wassilij hat weit reichende Kontakte, die weitere Follower/Gäste versprechen. Und die lassen auch nicht lange auf sich warten:

“Der Salon Anna Pawlownas begann sich allmählich zu füllen. Die angesehensten Persönlichkeiten Petersburg fanden sich ein. Es waren dies Menschen von verschiedenem Alter und Charakter. Und doch war die gesellschaftliche Sphäre, der sie angehörten, die gleiche.”

Und später:

“Der Abend bei Anna Pawlowna wurde lebhaft. Von allen Seiten schnurrten die Spindeln gleichmäßig und ununterbrochen. (…) (D)ie ganze Gesellschaft hatte sich in drei Gruppen geteilt. In der einen Gruppe, die vorwiegend aus Herren bestand, führte der Abbé das Wort; er war der Mittelpunkt. Zu der zweiten Gruppe, die von der Jugend gebildet war, gesellte sich auch die Prinzessin Elena, die Tochter des Fürsten Wassilij, und die hübsche, blühende, für ihr Alter nur etwas zu starke, kleine Fürstin Bolkonskaja. In der dritten Gruppe führten Montemart und Anna Pawlowna das Wort.” 

Abgesehen von dem ganzen technischen Brimborium, das vielen Kritikern (Schulmeister ist da ja nur ein Beispiel) die Sicht auf den wahren Sinn und Unsinn digitaler Kommunikationsarten zu nehmen scheint, sind die Textstellen ein super Beispiel für - sprechen wir es aus, so komisch es auch klingt - Twittern im 19. Jahrhundert. Ein wenig wie auf einer Party “mit schnellen mündlichen Nebenbei-Kommunikationen unter Leuten, die man mag und interessant findet” (Martin Lindner). Ob zukünftig weniger wissenschaftliche Studien gelesen und tiefschürfende “Diskurszirkel” entstehen werden, hängt eher von der Zahl der Studierenden und der Qualität der Lehre ab als vom Nutzergrad digitaler Kommunikationswerkzeuge, würde ich sagen.

Blockademeister Burda und Online-Geschäftsmodelle

Anfang des Jahres mutmaßten einige Auguren, dass 2009 blogosphärentechnisch langweilige zwölf Monate anstehen könnten. Aber dann folgten die Zensursula-Kampagne, der Aufstieg der Piratenpartei und die Wahlen und anschließenden Proteste im Iran. Mit der Folge, dass derzeit niemand mehr ernsthaft an der wichtigen und wachsenden Rolle des Internets für politisch-gesellschaftliche Willensbildungsprozesse zweifelt. Dass gleichzeitig wieder einmal laut über Geschäftsmodelle für die so genannte Kreativindustrie im Internetzeitalter nachgedacht wird, dürfte damit zusammen hängen.

Vor einigen Wochen war ich noch geneigt, den Artikel John Naughtons im Guardian “Control freaks don’t get it: the web works best in a free-for-all” als, sagen wir: etwas aufgeplustert abzuhaken. Aber vielleicht ist doch etwas dran an dem Gedankenexperiment des Autors, die berühmte, gerade 50 Jahre alt gewordene These CP Snows von der Trennung der Geistes- und Naturwissenschaften in zwei sich entgegen stehende, miteinander konkurrierende Kulturen auf die Gegner und Befürworter von Internettechnologien anzuwenden:

“In our case, the gap is not between the humanities and the sciences but those who are obsessed with lock-down and control, on the one hand, and those who celebrate openness and unfettered creativity on the other. The odd thing is that one finds arts and scientific types on both sides of this divide. (…) The cultures have changed, but the problem remains.”

Blockieren oder Vereinnahmen - das sind also demnach die beiden vorherrschenden Strategien, mit denen dem Netz und seinen Technologien begegnet wird.  Deutlich wird das, wenn man sich zum Beispiel die Diskussionen anschaut, die sich um die Frage ranken, wie man Kreativität zukünftig noch bezahlen soll, wenn die Geschäftsmodelle, die das bislang gewährleistet haben, durch die kinderleichte Reproduzierbarkeit kreativer Produkte wie Videos oder Musiktitel den Bach runtergehen. (Marcel Weiß zum Beispiel hat sich neulich erst in aller Ausführlichkeit mit dem drohenden bürokratischen Monster einer “Kulturflatrate” auseinander gesetzt, die dem “kleinen Kreativen” mit Sicherheit nicht helfen würde.)

Der Blockademeister der Woche ist aber eindeutig Hubert Burda, der in seiner Funktion als Präsident des Verbandes der deutschen Zeitschriftenverleger ein Leistungsschutzrecht gefordert hat, “das, im Unterschied zum Urheberrecht der Autoren, die Rechte jener schützt, die die Werke der Autoren vermitteln.” Wovor oder vor wem Burda geschützt werden möchte, ist vor allem ein Unternehmen: Google. Ulrike Langer zum Beispiel beurteilt diesen Vorstoß Burdas folgendermaßen:

“Der Verleger ist nicht per se dagegen, dass Suchmaschinen Links zu Verlagsinhalten setzen. Dass Google dann aber den Löwenanteil an Werbeeinnahmen aus diesem Konstrukt erzielt und die Verlage im Internet “nur lousy Pennies” verdienen – das sind Burda, Springer und Co. nicht gewohnt. Denn zu Vor-Internetzeiten waren sie es, die Anzeigenflächen zu horrenden Preisen vermarkten konnten. (…)
Dass diese seligen Zeiten für immer vorbei sind, das wissen Hurbert (sic) Burda oder auch Matthias Döpfner nur zu gut. Genau deshalb gibt es ja diese in immer kürzen Abständen zu lesenden Meinungsbeiträge. Sie stehen fast immer auf den Feuilletonseiten und nicht im Wirtschaftsteil, denn es geht ja vordergründig um den Erhalt des Qualitätsjournalismus, und nicht um Besitzstandswahrung.”

(Nicht nur Ulrike Langer, auch Anja Seeliger (Perlentaucher) und Matthias Schwenk zum Beispiel haben lesenswert zu diesem Thema geschrieben.)

Nun ist es müßig darauf hinzuweisen, dass der Journalismus die vierte Gewalt im Staate sein sollte und nicht die Verlagshäuser. Fakt ist aber, dass die “Blockierer” die “Vereinnahmer” mit diesem Holzhammerargument unter Druck setzen, ihrerseits Lösungen für die Frage anzubieten, wie denn Online mehr Geld zu verdienen sei. Und insofern hat das vielleicht auf dieser Seite einen positiven Effekt: den Verzicht auf ideologisch eingefärbte Thesen wie den nahenden Tod des Papiers als journalistisches Trägermedium und stattdessen die Konzentration auf das Wesentliche: auf die Modelle, die funktionieren. (Siehe etwa diese Zusammenfassung von Geschäftsmodellen für Online-Journalismus.) David Schlesinger, Editor-in-Chief von Reuters News, hat das neulich prägnant formuliert:

“The only question I ask is: So what can we do to survive, or more fundamentally, to stay relevant? (…) I think the only path is to embrace the change and embrace the new. Longing for the ways of the past will not work.”

Ein Beispiel für ein erfolgreiches Geschäftsmodell, das in jüngster Zeit des öfteren herangezogen wurde, ist der Economist. Ausgerechnet Jeff Jarvis, der ja auch sagt, dass die Zukunft des Journalismus “jenseits der Druckerpresse” liege, führt die jüngsten Umsatzentwicklungen des britischen Freihandels- und Wirtschaftsblatt mit globaler Ausrichtung auf und erklärt den Economist zur erfolgreichen und wünschenswerten Anomalie des Internetzeitalters:

“In news, the Economist is the exception that proves the rules. It doesn’t have the individual voices and brands that succeed elsewhere on the internet; it has a single, institutional voice (but a charming one). In a sense, it’s a general-interest publication in the age of specialization (and every other general-interest product, from Time to the metro daily is failing). It has built a strong online product but it’s still not known for that; it’s a magazine (pardon me, newspaper) that still relies on and succeeds in print.”

Michael Hirschhorn hält sich im Atlantic etwas länger mit dem Economist auf und glaubt, dass die  Gründe für den Erfolg des Blattes vor allem in seiner Qualität liegen und in folgender Eigenschaft (oder sollte man Alleinstellungsmerkmal sagen?):

The Economist has reached its current level of influence and importance because it is, in every sense of the word, a true global digest for an age where the amount of undigested, undigestible information online continues to metastasize. And that´s a very good place to be in 2009.”

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