Monatsarchiv für August 2009

 
 

Gut beraten mit Piraten?

Meinungen, die Piraten bei der Bundestagswahl zu wählen. Und Meinungen, sie nicht zu wählen. Aber keine Empfehlung.

Als ich neulich mit meinem Kumpel Dr. E auf dessen Balkon saß und die Sprache auf die kommende Bundestagswahl kam, sagte E, er habe sich bereits entschieden und werde die Piratenpartei wählen. Ich war geneigt zu erwidern: “Ick fall vom Klo!”, so wie er das mal mir gegenüber machte, als ich ihn überrascht hatte. Stattdessen guckte ich wahrscheinlich nur blöd, was aber nicht schlimm war; es war ja schon längst dunkel.

Ein E macht noch lange keinen Trend, ist schon klar. Aber E ist Ökonom durch und durch. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung ist bei ihm immer mit im Spiel, selbst bei der Wahl seiner Frühstücksmarmelade. Insofern gibt es drei Möglichkeiten, seinen Entschluss zu deuten: Entweder sieht er keinen Sinn darin, eine der Parteien zu wählen, die in den Bundestag einziehen werden. Oder er sieht die Möglichkeit, dass die Piratenpartei es tatsächlich schaffen könnte. Oder von beidem ein bisschen - und ganz entgegen der Prognosen, die sich nun wahrscheinlich auch nicht entscheidend verändern werden, weil die Piraten bei den Kommunalwahlen in NRW Stadtratssitze in Münster und Aachen gewonnen haben (Stand: Sonntag Abend nach der Wahl). Mario Sixtus postete auch gleich im süffisanten Tweeterton: “Die Frage bleibt natürlich, was ein Pirat im Stadtrat eigentlich will. Über Umgehungsstraßenplanungen twittern?”

Da klingt gleich die Kritik durch, die am Programm der Piraten häufig festgemacht wird: Es beziehe sich nur auf einige wenige Bereiche der gesellschaftlichen Gesamtrealität. Nur Internet und die Rechte darin sei zu wenig, um wichtig oder gar bundespolitisch relevant zu werden. Johannes Boie hat auf seinem Blog mal die Punkte aufgelistet, die im Piratenprogramm NICHT vorkommen, und hat damit eine rege Diskussion angeregt, die vor allem, wie sollte es online anders sein, von grundsätzlich internetaffinen Leuten geführt wurde. Der Tenor war, dass man eine Partei, die gerade erst angefangen hat, wohl kaum ein schmales Programm vorwerfen könne. Es kam auch der Hinweis auf transparente und basisdemokratische Parteistrukturen bei den Piraten - im Gegensatz zur “Lobbyismus-Politik” der Etablierten:

“Da ist es dann eine Spur weit weniger verlogen, wenn man sich insoweit gar nicht erst festlegt, aber konsequent ansagt, wo es keine Kompromisse geben wird.”

Und die Netzeitung hat mal einige bekanntere Blogger gefragt, wie sie die Sache sehen. In ihrer grundsätzlichen Haltung geben da Chris Sickendieck (F!mbr) und René Walter (Nerdcore) die Gegenpole. Sickendieck sagt:

“Ich finde viele meiner netzpolitischen Ansichten durchaus im Wahlprogramm wieder, doch gibt es in unserem Land weitere, mitunter wichtigere Probleme. (…)  Die Piratenpartei ist in ihrer derzeitigen Verfassung Protestpartei, aber keine Alternative. Und dafür ist die Bundestagswahl zu wichtig, als dass man sie wählen könnte.”

Und Walter, laut Artikel Mitglied bei den Piraten, meint die Kritik an den Inhalten sei

irrelevant, denn solange diese Themen in meinem Leben den größeren Stellenwert haben, als, sagen wir mal, Rentenpolitik, ist die Wählbarkeit dieser Partei niemals in Frage gestellt.

Aber was ist eigentlich, wenn es gar nicht so sehr um Inhalte ginge, wie viele glauben? Die Grünen weisen ja nicht zu Unrecht darauf hin, dass die meisten Themen der Piraten für sie keine neuen sind. Und selbst SPD und FDP beschäftigen sich gezwungenermaßen mit den Piraten. Sickendieck hat es selbst ausgesprochen: Es geht auch um Protest. Das kann ja auch ein erfolgreiches Metaprogramm sein - siehe Die Linke im Osten (und im Saarland). Vielleicht könnte ein solches Metaprogramm auch verstärkt andere Leute anziehen als vor allem linuxlastige Männer. Nichts gegen linuxlastige Männer, aber dann gäbe es mehr potenzielle Wähler. So wie Dr. E zum Beispiel, der zwar männlich, aber nicht linuxlastig ist. Gar nicht auszudenken, wenn die Frauen auch Geschmack an der Sache fänden… (So wie Anke Gröner beispielsweise.)

Aus der Perspektive ist es nicht nur völlig egal, ob die Piratenpartei ein schmales Programm und 15 Kandidaten, von denen 10 aus IT- oder zumindest Technik-Berufen kommen, die beiden Studenten und der ohne Berufsangabe nicht mitgerechnet. Es wäre auch gar nicht so wichtig, ob die Piraten die 5-Prozent-Hürde nehmen, solange das Ergebnis so weit sichtbar ist, dass es noch Aufsehen erregt.

Es wäre ein Signal eines im Großen und Ganzen wohl relativ homogenen Gesellschaftsmilieus, aus dem etwas Produktives entstehen könnte. Ich gebe zu, das ist eine romantischere Variante als zu sagen, der Vorsprung der schwarz-gelben Koalition dürfte ohnehin groß genug sein, da muss man Stimmen nicht unnötig verpulvern. (Ich kann mir selbst Leute vorstellen, die sagen, die FDP werde schon dafür sorgen, dass CDU/CSU nicht den Internet-Rambo macht.)

Nur mal so am Rande:

Das Thema Internet in den Programmen der Parteien, die derzeit im Bundestag vertreten sind:

  • CDU: “Das Internet ist kein rechtsfreier Raum”
  • SPD: “Wir setzen uns für die Prüfung einer Kultur-Flatrate ein”
  • FDP: “Das Internet darf kein urheberrechtsfreier Raum sein”
  • Die Linke: “In der digitalen Welt gilt es, den offenen Zugang zu Informationen zu verteidigen”
  • Die Grünen: “Wir Grüne wollen eine freie Internetkultur”

Was ich gelernt hab

Ich muss ja sagen, dass ich als Kind vom Lande immer ganz normal fand, dass man Schweine schlachtet, Hühnern den Kopp abhaut und überzählige Katzenjungen “beseitigt”.

Insofern ist mein erster Impuls bei der Behandlung von Tieren nicht moral-, sondern nutzwert-orientiert. Als ob man vor der Entscheidung steht, einen nicht ins Gartenensemble passenden Obstbaum zu fällen oder nicht.

Nach der Prägung schaltet sich dann aber der Kopf ein, Insekten mal ausgenommen.

Jetzt ist unser Kater Kiraly gestorben, der nach dem ungarischen Torwart Gabor Kiraly benannt wurde. In der Zeit, in der er bei Hertha BSC Berlin spielte. (Nein, ich bin kein Herthafan.)

Lichtenberger Straßenkater, verhaltensauffällig, aus dem Tierheim geholt.

Machs jut, Kiraly!

Was ich gelernt mir vergegenwärtigt hab?

  • Dass Sterben an sich scheiße ist, wenn Bewusstsein im Spiel ist.
  • Und dass man Vegetarier werden müsste, wenn man konsequent wäre.
Im Ernst. Andererseits könnte ich auch erst einmal damit anfangen, mit dem Rauchen aufzuhören.

Revolution der Kunst

“Kunst ist niemals Religion, aber jede Religion ist Kunst”, sagt Jonathan Meese und beschreibt in diesem Interview mit Hermann Vaske seine persönliche Sicht zum Wesen, Revolutions- und Herrschaftspotenzial der Kunst und welche Rolle das Chaos und Individualität dabei spielen.

httpv://www.youtube.com/watch?v=3GZL1ZdWGTU&NR=1

“Ich möchte nicht, dass mir irgendjemand erzählt, die Revolution von morgen besteht aus nostalgischen Prozessen”, sagt er und und ist deshalb für die “Revolution der Kunst” - in einer vom Buddhismus beeinflussten Färbung, würde ich sagen.

Das Interview ist übrigens Teil eines (keineswegs neuen, 2000 fertig gestellten) Projektes des Autors, Regisseurs und Produzenten Vaske, in dem er prominente Leute aus den unterschiedlichsten mehr oder weniger künstlerischen Richtungen die Frage stellte, warum sie kreativ seien. Einige davon sind auf seiner Seite zu sehen. Das mit David Bowie oder das mit Daniel Libeskind zum Beispiel ist ebenfalls sehenswert. Und das mit Benjamin Palmer, der erklärt, was Kreativität mit Netzneutralität zu tun hat. Insgesamt ein kleiner Schatz an Gedanken und Assoziationen zum Thema Kreativität.

Korn

Wurde am Wochenende in meiner Auffassung bestätigt, dass man im Norden etwas von Schnaps und Korn versteht. Im Praxistest: die Mackenstedter Kornmanufaktur.

Fazit: Kein Kater.

Freiheit und Verantwortung

Ich bin mir nicht sicher, ob die Temperaturen der vergangenen Tage das Nachdenken erschwert oder die Konzentration auf das Wesentliche erleichtert haben. Fakt dürfte aber sein, dass Wolfgang Kleinwächter, Professor für Internet-Politik und Regulierung an der Universität Aarhus, die Vorzüge einer Klimaanlage genießen durfte, als er den Text “Websperren: Internetpolitik von Gestern” für Telepolis schrieb. Denn dieser konzentriert sich nicht nur auf das Wesentliche, sondern stellt es auch in einen größeren Zusammenhang.

Die folgende Passage dürfte so etwas wie die Quintessenz des Textes sein:

“Das Internet eignet sich nicht für ideologische Grabenkämpfe. Entscheidungsmacht gehört dort hin, wo fachliche Kompetenz, soziale Verantwortung, wirtschaftliche Vernunft und politische Weisheit zu Hause sind. Eine solche Politik kann nicht “von oben” diktiert oder per Mehrheitsbeschluss durchgeboxt werden. Sie benötigt einen transparenten und offenen Politikentwicklungsprozess “von unten”, der den mündigen Bürger, den technischen Experten, den innovativen Unternehmer und den gewählten Repräsentanten gleichermaßen einschließt.

(…) Auf den mündigen Bürger wird gerne in Sonntagsreden abgehoben, wenn er sich aber tatsächlich zu Wort meldet, ist das Erschrecken groß.”

Ich denke, das ist es, was im Grunde viele so aufregt und sich in der derzeitigen Debatte um Internetrechte kristallisiert: Verantwortung wird von der politischen Seite den Bürgern gegenüber seit Jahren eingefordert. Doch mit der Freiheit, die sie dafür in der Regel verspricht, meint sie es offenbar nicht ganz so genau. Dafür gibt es genügend Beispiele, nicht nur das der Internetrechte: etwa das Hartz-IV-Motto “Fordern und Fördern”, in dem die zweite Komponente bekanntermaßen ja auch deutlich zu kurz gekommen ist.

Freemium im Praxistest

Zeit:

“Was sagen Sie Verlegern, die Sie treffen?”

Anderson:

“Nicht jammern. Wir müssen wie Gründer denken. Das wird nicht gehen, indem wir uns über das Internet beschweren oder um staatliche Subventionen bitten.”

Spiegel:

“But where’s the Web-based business model for it?”

Anderson:

“We’re still figuring that out.”

Ich will ja nicht sagen, dass Fred Wilsons nicht wirklich neues Freemium-Geschäftsmodell für Online-Content, das Chris Anderson so effizient vermarktet, eine schlechte Idee ist. Aber es ist schon bezeichnend, dass Springer und offenbar in irgendeiner Form auch Murdoch jetzt den Praxistest auf breiter Ebene machen.

Die großen Verlagshäuser scheinen es eilig zu haben. Hoffentlich verballern sie nicht alle Kohle in mobilem paid content.

Doppelmoral à la Wiwo

Fünf fette Seiten widmet die neueste Wirtschaftswoche der, so der Tenor, wachsenden Entfremdung zwischen Managern und Politikern in Deutschland. Zeilen satt für “Wirtschaftswoche-Reporterin Cornelia Schmergal”, Autorin des Textes. Warum die “neue Managergeneration” die Politik nicht versteht, macht sie unter anderem an einer laut Artikel (der, wenn ich das richtig sehe, online bislang nicht verfügbar ist) noch nicht veröffentlichten Studie des Max-Planck-Institutes fest.

Die Studie beschäftige sich mit den Karrierewegen der deutschen Spitzenmanager und zeige, dass “die juristische Ausbildung (…) in der Wirtschaftselite deutlich an Relevanz” verliere. Demnach geben mehr als zuvor Betriebswirte und Techniker den Ton an in der deutschen Wirtschaft. Doch das sei schlecht für das Verständnis zwischen Politik und Wirtschaft, seien es doch vor allem die Juristen, deren Ausbildung ein besonderes Verständnis für politische Fragen produziere.

Da hätte ich gerade der angelsachsen-affinen Wirtschaftswoche mehr zugetraut: Wer sagt denn eigentlich, dass die maßgeblichen Personen großer Wirtschaftsunternehmen sich nur aus Betriebswirtschaftlern, Technikern und Juristen zusammensetzen sollten? Ist es nicht vielmehr so, dass gerade im internationalen Vergleich - oder genauer: im Vergleich mit den von der Wiwo regelmäßig gelobten angelsächsischen Wirtschaftsverhältnissen - in Deutschland die Vertreter anderer Ausbildungswege krass unterrepräsentiert sind?

Dazu noch nicht einmal ein Nebensatz von Frau Schmergal: Das nenne ich Doppelmoral.

Der Bürger als fleischgewordener DPA-Ticker

Thomas Knüwer hat Robert Basic zu seinem Buzzriders-Konzept befragt. Das passt ja, nachdem ich im vorherigen Post kurz meine Zweifel dazu angedeutet habe. In diesem Fall kommt Basic aber keineswegs unstrukturiert rüber, sondern erläutert den Grundgedanken von Buzzriders - mehr abzubilden, als es den (Lokal)Zeitungen derzeit möglich ist - durchaus anschaulich.

Think local, act global

Warum lokale Berichterstattung plötzlich Thema ist

Über Lokaljournalismus wird normalerweise nicht groß geredet, geschweige denn geschrieben. Lokaljournalismus - ist einfach da. Christian Jakubetz hat nun auf seinem Blog eine Ausnahme gemacht und einen langen Riemen zum Thema Zustand und Zukunft des Lokaljournalismus gepostet. Zusammen mit den Kommentaren zum Artkel ist das einer der interessantesten Texte zum Thema, die ich dazu jemals gelesen habe.

Das liegt unter anderem daran, dass das Stück “Wir waren Heimat” einerseits tiefe Einblicke in die Welt des Ressorts Lokales gewährt, andererseits aber über sich selbst hinausweist. Denn Jakubetz geht es im Grunde um die Zukunft, wie er ganz zuletzt noch einmal in aller Deutlichkeit schreibt:

“Noch freilich gibt es für Verlage und Sender wenig Gründe umzudenken. Noch lesen die Menschen notgedrungen die Lokalblätter, weil es wenig Alternativen gibt. (…) Aber was machen die eigentlich alle, wenn irgendjemand mal begreift, dass man auch im Lokalen mit digitalen, umfangreichen, schnellen, nutzerfreundlichen und vor allem deutlich kostengünstigeren Medien Inhalte für alle produzieren kann? Die Struktur des heutigen Lokaljournalismus trägt keine zehn Jahre mehr. Irgendwann kommen solche, die es verstanden haben. Die jetzigen Verlage und Sender dürften dann allerdings Auslaufmodelle sein.”

Und wenn ich das richtig verstanden habe, geht es Jakubetz nicht “nur” um die Zukunft des Lokaljournalismus, sondern auch und vielleicht sogar vor allem um die Zukunft des Journalismus ganz generell. Schließlich könnte man das obige Zitat auch ganz gut auf Verlagshäuser und Sender münzen, die nicht lokal, sondern regional, national, international, global berichten. Tun ja nicht alle so fortschrittlich wie etwa Reuters.

Folgerichtig fragt auch Jörg Wittkewitz in den Kommentaren zum Wir-waren-Heimat-Post beim Autor nach, woher er denn “eigentlich die Chuzpe” nehme, so nur den Lokaljournalismus zu beschreiben und nicht alle anderen Formen des Journalismus auch.

Und das ist, glaube ich, tatsächlich der Punkt: Hier geht es nicht darum, Lokaljournalismus schlecht zu reden, wie zum Beispiel Kommentator Ulli Tückmantel offenbar meint und prompt zum Gegenschlag ausholt:

“Man kann Ihrem Text vieles vorwerfen, aber nicht, dass Sie sich nicht alle erdenkliche Mühe gäben, von keinem Lokaljournalisten ernst genommen zu werden. Sie waren selbst mal bei N24 und – sorry – entblöden sich nicht, die ‘Unart der ‘verkauften’ Beiträge’ im Lokaljournalismus zu verorten?”

Es geht vielmehr darum, dass man den neu-alten Glauben an die Nische, in die die Medienhäuser sich zurückziehen sollten, um auch zu Internetzeiten gedeihen zu können, auf Lokaljournalismus einfach besser projizieren kann als auf Reise- oder Wirtschaftsjournalismus, obwohl die beiden letztgenannten sicher eher mehr als weniger Dreck am Stecken haben. Im Lokaljournalismus ist einfach klar, wer die Community ist bzw. sein sollte, die viel beschworene. Von daher liegt es nahe, ihn als Modellfall für den Nischenjournalismus der Zukunft (dann natürlich auf ganz anderen Ebenen) anzuführen - nach dem Motto think local, act global.

Das schwingt jedenfalls mit bei den Statusreports zum Zustand und Zukunft des Lokaljournalismus, die plötzlich zum Thema geworden sind (siehe Carta, Forbes, die Zusammenstellung lokaler Blogs von Hugo E. Martin oder der buzzridernde Robert Basic, dessen unstrukturierte und nebulöse Antworten neulich im Interview mit Peter Löwenstein mich allerdings eher abgeschreckt als überzeugt haben).

Tanzeinlage V

httpv://www.youtube.com/watch?v=bhdBo_tXc54

Willy de Ville (1950 - 2009)

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