Was ist mit den Nichtwählern?
Wann, wenn nicht jetzt, wäre es geboten, sich mal mit den so genannten Nichtwählern auseinanderzusetzen? Die vielen fast schon beschwörenden Appelle vor der Bundestagswahl, sich doch bitteschön dem grauen Charme einer Wahlkabine in einer abgeranzten Grundschule, einer spröden Turnhalle oder im Dorfgemeinschaftshaus auszusetzen und auf einem länglichen Blatt Papier mit der Hilfe eines an einem Paketband befestigten, senfgrünen 50-Cent-Kugelschreibers seine beiden Kreuzchen zu setzen, haben nichts ausgerichtet.
Das Ergebnis: Die so genannten Nichtwähler vereinen im Zahlenspektrum aller Wahlberechtigten in Deutschland mit knapp 30 Prozent die meisten “Zweitstimmen”. Das sind gut 18 Millionen Stimmberechtigte (siehe Diagramm).

(Quelle: Erdgeist, der Zahlen des statistischen Bundesamtes visualisiert hat.)
Und die Reaktionen? Sind lau.
Die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel beschäftigt sich mit den Nichtwählern und wiederholt das, was schon im Fernsehen gesagt wurde: Umfragen zufolge (Infratest dimap) kommen die neuen unter den Nichtwählern besonders häufig von der SPD.
Und die Welt findet etwa in einem Kommentar alles gar nicht so schlimm und konstatiert:
“Wo steht eigentlich geschrieben, dass in einer Bevölkerung, die immerhin noch zu weit über zwei Dritteln an die Wahlurnen schreitet, antidemokratische Verwerfungen drohen?”
Und wenn man mal bei Google News schaut, welche überregionalen Blätter sich überhaupt dem Phänomen Nichtwähler widmen, ist einer der reflektierteren Texte ausgerechnet ein Artikel aus dem Feuilleton des Neuen Deutschland, der in der Analyse bei Politikverdrossenheit nicht stehen bleibt und in der Krise der parlamentarischen Demokratie endet:
“Der wahre Protest, so scheint es, liegt heute in der Verweigerung.”
Besser als die meisten anderen Zeitungen macht es ND jedenfalls, weil es erwähnt, dass keine gesicherten Erkenntnisse über die Gruppe der Nicht-zur-Wahl-Geher vorliegen. Vor allem aber gibt es einen wichtigen Hinweis: Einer der Hauptgründe, um nicht wählen zu gehen, sei “der Eindruck, dass viele Politiker in den Parlamenten kaum noch Repräsentanten des Wählerwillens sind, sondern einer eigenen Logik von Lobbyinteressen, internen Machtkämpfen und Eigennutz folgen.”
Die logische Konsequenz sei deshalb, endlich eine direktere Demokratie zuzulassen. Entscheidungen der Bürger zu wichtigen und handfesten Problemen einzuführen. Das ist wahr und überfällig. Die Menschen wollen Partizipation. Ob es dann tatsächlich “bindende bundesweite Volksentscheide – etwa über Bundeswehreinsätze im Ausland” sein müssen, wie ND vorschlägt, ist ja eine ganz andere Frage.
Und online? Es ist das Grauen.
Der Weblog-Twitter-Bereich ist erstmal beleidigt und jammert vorwiegend, es gebe überhaupt keine intelligenten Gründe, NICHT zur Wahl zu gehen.
Na ja, und das “Mehrautorenblog” Carta hat einen publizistischen Retweet in Form einer Zweitverwertung (via Cicero) gebracht, in dem Klaus-Peter Schöppner (Emnid) erst einmal blumig beschreibt, dass niemand was Genaues weiß, ihm dann aber ein Licht in Form von vier Gründen aufgeht: “Frust und Desinteresse, Politikerwut und Not.” Insgesamt seien Nichtwähler sowieso eher, man traut seinen Augen nicht, folgendermaßen:
“Der typische Nichtwähler dagegen ist werte- und damit orientierungslos. Wie keiner anderen Wählergruppe mangelt es ihr am Werteprofil. Schlimmer noch: Gerade wahlunterstützende Einstellungen wie Pflichtbewusstsein, Traditionsverbundenheit, Religiösität, werteorientiertes Handeln, Rationalität und kulturelles Interesse sind kaum vorhanden.”
Übrigens nennt oder verlinkt der Autor in seinem Artikel für keine der hier aufgeführten Meinungen konkrete Zahlen oder Quellen. Er stellt sie auch in keinen gesellschaftlichen Kontext. Das ist ärgerlich und für ein “Meinungsführer-Weblog”, das Carta bestimmt gerne sein möchte, zu wenig. (Was solls; wenn ich Carta lese, dann nicht nach Marke, sondern nach Namen.)







