Monatsarchiv für Oktober 2009

 
 

Digitale Entblätterung: Ab- oder Alpdruck?

Es ist ja nicht so, dass allein das Internet oder gar Soziale Medien im Speziellen die kostbare Ressource namens Privatsphäre schrumpfen ließe. Die Informationstechnologien an sich haben dafür gesorgt, dass wir alle ganz schön gläsern geworden sind - sofern wir etwa mit Kundenkarte einkaufen gehen, Autobahnen benutzen, mobil telefonieren oder uns einfach nur an öffentlichen Plätzen aufhalten. Also irgendwie wirklich alle.

Dennoch: Es dürfte kein Zweifel darüber bestehen, dass das Netz ein zentraler Bestandteil eines denkbaren Abdrucks wäre, der aus all den Daten, die über uns gespeichert werden, durchaus ein ziemlich exaktes Profil unserer Persönlichkeit abbilden würde.

“Ich glaube, wir werden an den Punkt kommen, wo alles, was du denkst, privat ist. Alles andere - was du jemals sagst oder tust - kann von anderen gesucht und gefunden werden”,

sagte Techcrunch-Gründer Michael Arrington im Januar auf 3sat.

Insofern scheint die Frage, ob man sich und seine Identität - auf einer Skala, die von der einfachen Namensnennung bis zur kompletten informationellen Selbstentblätterung reicht - im Netz offen preisgibt, keine groß entscheidende zu sein. Die eigentliche Frage wäre dann eher, ob die Quittung für Informationsfreiheit nicht zu happig ausfällt.

Die Einflussmöglichkeiten, die jeder einzelne durch Info-Zugänge erlangen kann, reichen ja nun nicht an die Macht heran, die andere über einen selbst potenziell ausüben könnten. Egal ob das der Staat ist oder Unternehmen. (Das dürfte einer der Gründe für die Sympathien sein, die der Piratenpartei von ganz unterschiedlichen Leuten - erst mehr, nunmehr schon weniger - bislang entgegengebracht wurden.)

Die Frage, ob und wie man sich digital entblättert, hängt auch davon ab, inwiefern man das Netz für vergesslich erachtet oder nicht: Netzpolitik hat neulich auf ein Interview des “Internet-Philosophen” David Weinberger verwiesen, in dem er Viktor Meyer-Schönberger zu dessen neuem Buch “Delete - The Virtue of Forgetting in the Digital Age” befragte. Netzpolitik zitiert:

“Author and Professor of Public Policy Viktor Mayer-Schönberger believes that digital memory is a little too perfect. Every word you post on the web, every picture, every video, tweet, and email is set in stone, archived, permanently findable. Like the proverbial elephant, the digital world doesn’t forget.”

Das Netz vergisst nicht? Die Kommentatoren des Netzpoltik-Posts sehen das ganz anders:

“Das Internet “vergisst” ständig, hat immer schon “vergessen”, weil Löschungen Alltag sind und wer jetzt mit Wayback Machine etc. argumentiert, hat vielleicht noch nie richtig gesucht”,

sagt einer, und ein anderer meint:

“Nach meiner Erfahrung sinkt im Internet sogar die Halbwertszeit von Informationen. Zum einen, was die auffindbaren Daten angeht, zum anderen, was die wahrnehmbaren Daten angeht. Das Netz fördert eine Kultur der totalen Gegenwart.”

Auch da ist etwas dran. Gegenwärtig. In Zukunft könnte das mit ausgefeilteren Filtermethoden allerdings nur mehr ein technisches Problem sein. Dann würde gelten: Im Leben sieht man sich immer zweimal; im Netz wann immer man will.

Tanzeinlage IX

httpv://www.youtube.com/watch?v=gKhjaGRhIYU&feature=player_embedded
Aus: Resilience. Queer in music video 1979-2009. (Musik: The Knife. Regie: Johan Renck. Gefunden via Observer_hh.)

Adam Soboczynski und die Antichambrierer

Zeit-Redakteur Adam Soboczynski ist bereits im Frühjahr in den digitalen Fleischwolf geraten, als er in seinem Artikel “Das Netz als Feind” Leserkommentare zu journalistischen Beiträgen als Wurmfortsätze bezeichnete und bedauerte, das Internet grabe den “geistesaristokratisch aus der Mehrheitsdemokratie herausragenden Intellektuellen” zugunsten dem “Diktat der Masse” das Wasser ab.

In der aktuellen Zeit-Ausgabe setzt sich Soboczynski nun unter dem Titel “Höfische Gesellschaft 2.0” mit Sozialen Netzwerken auseinander. Mit dem hübschen, durchaus nicht unpassenden Bild des adeligen Hofstaats vergleicht er das Nutzerverhalten in Sozialen Medien mit dem Gebahren der Günstlinge an den europäischen Höfen des absolutistischen Zeitalters. Soziale Netzwerke erzeugten einen neuen Menschentypus, lautet sein Fazit:

“den sozial hyperaktiven, den um Status und Witz kämpfenden Höfling, den reaktionsschnellen und bewertungssüchtigen, den geistreichen Parvenü.”

Kurz: Für Adam Soboczynski ist der digitale Antichambrierer Mitbringsel einer Zeit, die “eine neue Ordnung der Dinge” herbeiführe, welche “zunächst nichts als bloß den Untergang der alten” mit sich bringe. Insofern hat Soboczynski seit dem Frühjahr seine argumentative Stoßrichtung nicht geändert, sondern lediglich den Adressatenkreis seiner Web-2.0-Artikel erweitert: Nicht mehr “nur” die Intellektuellen sind dem Untergang geweiht, sondern nunmehr gleich “die Ordnung der Dinge” an sich.

Soboczynski spricht in seinem Artikel einerseits Dinge an, die in Zusammenhang mit Sozialen Netzwerken dringend zu diskutieren sind: etwa die unterstellte, aber per se keineswegs gegebene Demokratiefreundlichkeit des Web 2.0, die Ökonomisierung des Sozialen oder der Verlust der Privatsphäre. Andererseits enthält der lange Artikel, der als Aufmachertext das Feuilleton der aktuellen Zeitausgabe ziert, einige nicht nachvollziehbare thematische Zuspitzungen, einseitige Auslegungen und krude Szenarien - selbst wenn man dem Autor zugute hält, dass er nicht über das Internet an sich, sondern über Soziale Netzwerke schreibt. (Allerdings meint er mit Sozialem Netzwerk offensichtlich nur Facebook, was ja auch schon wieder eine nicht ganz astreine Zuspitzung ist.)

Folgende Passagen finde ich fragwürdig:

“Charisma lässt sich nicht mehr durch zeitweilige Abwesenheit steigern, sondern offenbar nur durch Dauerpräsenz in Dauerkommunikation. (…) Heute ist bekanntermaßen allumfassender sozialer Austausch das Paradigma der Zeit.”

Nein: Weder produziert “Dauerpräsenz in Dauerkommunikation” Charisma (auch wenn dies nicht wenige offenbar meinen) noch ist die Erzeugung von vermeintlichem Charisma alleiniger Grund für die Nutzung Sozialer Medien. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Soboczynski an keiner Stelle seines Textes darauf eingeht, dass viele Leute sich via Soziale Netzwerke Informationen beschaffen - mit der Hilfe von Empfehlungen anderer Netzwerkteilnehmer. (Aber auch für den Autor Soboczynski gilt: Jeder nutzt Soziale Netzwerke auf seine ganz eigene Art; allein: Diese Verallgemeinerung ist nicht statthaft.)

“Der Reiz sozialer Netzwerke ist unmittelbar einleuchtend. Die Freunde, die man dort versammelt, sind in der Regel sorgsam ausgewählt, nicht jeden lässt man hinein in seinen Freundeskreis. (…) Soziale Netzwerke sind in der Regel elitär: Die meisten Nutzer versammeln so an die 80 bis 150 ausgewählte Bekannte, denen sie Einblick in ihr Leben gewähren.”

Nein: Auch hier scheint der Autor von sich und seiner (Facebook-)Recherche auf andere zu schließen. Meine persönliche Beobachtung - auch, aber nicht nur bei Facebook - ist eine andere: Von insgesamt “sorgsam ausgewählten Kontakten” kann in Sozialen Netzwerken selbst bei wohlwollender Betrachtung nicht die Rede sein. Oder: Es gibt durchaus gute Gründe, Soziale Netzwerke als elitär zu betrachten, die von Soboczynski genannten gehören aber eher nicht dazu.

“Die Behauptung, dem Web 2.0 hafte Demokratiefreundlichkeit an, ist ein verlogenes Marketingversprechen, ist Teil eines utopistischen Verblendungszusammenhangs. (…) [Sozialen Netzwerken] ist eine negative Anthropologie unterlegt, die aristokratischen Selektionsmechanismen folgt: Missliebige Kontaktaufnahmen klickt man kalt weg, jene, die sich aufdringlich zu Wort melden, werden kommentarlos ausgeschaltet.”

Nein: Soboczynski sollte bedenken, dass ein Kontakt auf Facebook keinem Freund oder auch nur einem guten Bekannten im wirklichen (physischen) Leben entsprechen muss. Aber selbst so verstehe ich die Kritik nicht: Man nehme nur den Begriff “Berufsleben” und setze ihn im Zitat statt “Web 2.0″ ein. Wo ist der Unterschied? Abgesehen davon: Leute wie Evgeny Morozov oder Ethan Zuckerman weisen seit langem gebetsmühlenartig darauf hin, dass das Web 2.0 eben nicht automatisch mehr Demokratie bringt - wer also behauptet nach Meinung Soboczynskis, das Internet sei demokratiefreundlich? Da muss er schon Ross und Reiter nennen.

“Die Umwälzung des kollektiven Affekthaushalts ist eine Revolution, die mit handfesten politischen Forderungen flankiert wird. Es ist keineswegs kokett, dass die politisch bewegte Internetgemeinde, die immerhin auf Anhieb 2 Prozent der Stimmen bei der Bundestagswahl auf sich vereinen konnte, als Piratenpartei firmiert.”

Nein: Nicht alle, die sich der Internetgemeinde verbunden oder gar zugehörig fühlen, haben die Piratenpartei gewählt. Auch nicht alle der “politisch bewegten” Gemeindemitglieder. Bei weitem nicht.

“Die Netzgemeinde gibt sich betont egalitär und sucht die Oligarchisierung, die sich im Internet herausgebildet hat, zu verschleiern. Ihre Fürsten sind jene Betriebe, die erstmals in der Geschichte umfassend das Alltagsleben strukturieren. (…) [Facebook] formalisiert (…) für über 300 Millionen Nutzer das soziale Leben.”

Nein: Eine zielgerichtete Ökonomisierung des Privaten ist im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Netzwerke kaum zu bestreiten. (Sie ist nur folgerichtig zu Zeiten, in denen selbst Altenheime vor consultenden Unternehmensberatern nicht sicher sind.) Von einer Oligarchisierung des Internets und einer Formalisierung des Alltagslebens durch Facebook in solch allgemeinem Tonfall und vor allem mit dem Wörtchen “erstmals” zu sprechen, ist aber fragwürdig, wenn man sich im historischen Rückblick mal anschaut, was die Industrialisierung den Menschen so alles zugemutet hat. In dieser Zeit wurden Unternehmen Oligarchen und Monopolisten, wurde das Leben der Menschen formalisiert und ihnen die freie Zeit genommen, die später aus nicht zuletzt ökonomischen Gründen (Kino, Vergnügungsparks etc.) als Freizeit wieder (wohl portioniert) eingeführt wurde.

“Es nährte der Internetwahlkampf des Barack Obama kurzweilig die Illusion, das Internet tauge zum Verstärker althergebrachter politischer Institutionen und zur Steigerung des Charismas eines demokrarischen Anführers. (…) Derlei nützt sich ab und dürfte (…) kaum wiederholbar sein.”

Nein: Woher nimmt Soboczynski diese Gewissheit? Warum spricht er bei dieser Gelegenheit nicht an, dass Soziale Medien durchaus mehr direkte Demokratie-Elemente (zumindest erst einmal technisch) ermöglichen könnten? Es entsteht der Eindruck, hier ist eher der Wunsch der Vater des Gedankens.

Mein Fazit: Vielleicht sollte sich Adam Soboczynski einfach ein wenig intensiver mit Sozialen Netzwerken und dem Nutzerverhalten darin beschäftigen, bevor er sich zu solch expliziten Thesen versteift: Denn wenn die Grundannahmen nicht stimmen, sind meist auch die Konklusionen nicht schlüssig. Das gilt meines Erachtens auch in diesem Fall.

Ist gänzlich gläsern gut?

Für Thomas Pfeiffer sind Soziale Medien Ausdruck eines neuen Wertekanons, der theoretisch hierarchielose Kommunikation ermöglicht und unter anderem auf Offenheit und Transparenz beruht. Ob und wann sich dieser Kanon (im beruflichen Leben) aber auf breiter Basis durchsetze, sei eher eine Frage von Jahrzehnten als eines schnellen Umbruchs, gibt sich “Webevangelist” Pfeiffer gänzlich unmissionarisch.

Dafür müssten nicht nur die Unternehmen von ihrem hohen Ross runterkommen und Dialoge mit Mitarbeitern und Kunden auf Augenhöhe akzeptieren, sondern auch die in diesen Prozess involvierten Menschen mit der Kulturtechnik des neuen, digitalen Kommunizierens und Partizipierens langsam vertraut werden, sagt Pfeiffer:

httpv://www.youtube.com/watch?v=L_Ui_QGBwRU&feature=player_embedded#

In den USA ist in diesem Zusammenhang gerade eine Debatte hochgekommen, bei der auch die wahrscheinlich wichtigste Folge des konsequent gelebten Transparenz-Gedankens mitschwingt: die Einschränkung der Privatsphäre.

Lawrence Lessig, der nicht im Verdacht steht, Technologie-Skeptiker zu sein, verbannt in seinem Artikel “Against Transparency” in “The New Republic” den Transparenz-Gedanken zwar nicht in Bausch und Bogen. Er spricht sich aber (namentlich für die Politik) deutlich für subventionierte Kontroll- und Steuerungsmechanismen bei der Freigabe von Daten aus. Im Grunde argumentiert er, dass gerade bei komplexeren Fragen die notwendige Verarbeitung und Interpretation der dafür notwenigen Daten einzelne Menschen überfordere.

Das mag manchmal stimmen; David Weinberger weist in seiner Replik aber zu Recht darauf hin, dass der Ansatz Lessigs Transparenz tendenziell allzu skeptisch bewertet. Vor allem doch wohl deshalb, weil (auch und gerade auf politischer Ebene) von ausgeprägter Transparenz überhaupt noch nicht die Rede sein kann.

“In a transparent regime, agencies need no special justification to make something public, but do to keep something secret. Without this change in defaults, the decisions about what to make public are in the hands of those with the strongest incentive to keep the citizenry in the dark.”

Tanzeinlage VIII

Ein Klassiker: Uma Thurman und John Travolta tanzen in Quentin Tarantinos Pulp Fiction zu Chuck Berry. Großartig.

(Das Video ist auf youtube leider nicht mehr verfügbar.)

Schattenseite der Aufmerksamkeitsökonomie

Es bleibt dabei: Ich halte es für einen Fehler, wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern die Nutzung Sozialer Netzwerke einschränken, verbieten oder gänzlich sperren. Im Kern deshalb, weil ich glaube, dass Informationsbeschneidung und mangelnde Transparenz keine geeigneten Mittel sind, selbstständig denkende Menschen anzulocken. Und die braucht man.

Mit sinnlosem Rumdaddeln und kollektivem information overload sind die populärsten Argumente, die gegen die Nutzung Sozialer Netzwerke ins Feld geführt werden, vorgeschoben. Das sind Kinderkrankheiten digitaler Kulturtechnik, die mit ein wenig Medienkompetenz, Mut zur Komplexitätsreduktion und der Beherrschung einiger Filtertechniken überwunden werden können.

Jedes Kind weiß, dass man etwas, das einmal ins Internet eingeflossen ist, nicht mehr löschen kann“, sagt Kevin Kelly und nennt damit andererseits den Preis, der in der digitalen Welt immer bezahlt werden muss: die grenzenlose Kopierbarkeit fast aller Eingriffe - je aktiver, desto sichtbarer.

Im Umkehrschluss liegt es nahe, dem wenigen, was nicht kopierbar ist, gesteigerten (ökonomischen) Wert zuzuweisen: An dieser Stelle werden oft die Begriffe Reputation und Vertrauen gebraucht, die auf der persönlichen Schiene - SOZIALE Medien eben - zu erlangen sind.

Es ist deshalb nicht übertrieben zu sagen, dass die aktive Nutzung Sozialer Netzwerke immer auch ein Stückchen Ökonomisierung der Privatsphäre ist, ob das intendiert sein mag oder nicht. Auf Facebook zum Beispiel wird deutlich, dass es inzwischen durchaus üblich ist, das innere Freundes- oder zumindest Kollegen-Ranking mehr oder weniger subtil öffentlich zu machen - mit dem letztendlichen Ziel, selbst gut dazustehen: “Every profile is a carefully planned media campaign.”

Zwei gute Gründe werden so auch zukünftig viele Leute davon abhalten, Soziale Netzwerke aktiv zu nutzen (ob das der Jobgeber - sofern vorhanden - nun gerne sieht oder nicht): berufliches und privates Leben trennen und keinesfalls Protagonist einer Medienkampagne sein zu wollen. Und dagegen ist ernsthaft nichts einzuwenden.

Video zum Sonntag: Jesus 2000

Machen wir uns mal wieder nichts vor: Das Leben im “postindustriellen Kapitalismus” ist völlig auf den Moment fixiert und beschleunigt bis zum Anschlag - selbst Jesus himself käme mit dem Tempo auf Anhieb nicht wirklich klar…

JESUS2000 from jesus 2000 on Vimeo.

Gefunden bei Nerdcore

Soziale Netzwerke: Vorboten des Neohumanismus?

Die Web Security Dienstleister haben offenbar keine Krise: Soziale Netzwerke gelten in Unternehmen und Behörden oft als “Produktivitätskiller” - damit lässt sich Geld verdienen, indem der Zugang zu Information, Kommunikation, Unterhaltung via Social Networking eingeschränkt, gesperrt, blockiert, verboten wird.

So gab die weltweit tätige Securityfirma Scansafe eine Pressemitteilung heraus, in der vermeldet wird, dass Unternehmen den Zugang zu Sozialen Netzwerken für ihre Angestellten häufiger sperren als je zuvor. Soziale Netzwerkaktivitäten seien inzwischen beliebter bei den Mitarbeitern ihrer Kunden als die Gebiete Shopping, Waffen, Sport, Mailingdienste und Alkohol, heißt es in der Mitteilung. Und die Prognose des Produktmanagers lautet:

“(C)ompanies are increasingly taking a sterner approach to the sites that their employees are allowed to access. I imagine before long, social networking will be up there with pornography in terms of categories blocked.”

Das mag stimmen oder nicht; der Trend ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass der freie Zugang zu Sozialen Netzwerken während der Arbeitszeit stärker zur Disposition steht, als das bislang ohnehin der Fall war. Zumal ja allein die Nutzerzahlen Facebooks zuletzt richtig durch die Decke gingen, also immer mehr Leute Social Networking betreiben.

Ein Beispiel: In der Schweiz sind Soziale Netzwerke (namentlich Facebook) derzeit bei Unternehmen bzw. Institutionen wie UBS, Schweizer Bundesbahnen, Post und seit jüngstem auch in der Bundesverwaltung nicht zu erreichen.

Und in den USA machen derzeit etwa die Verlagshäuser von sich reden, die ihren angestellten Journalisten vorschreiben wollen, was sie so alles netzwerkend ansprechen dürfen und was nicht: Nach Associated Press, Wall Street Journal und New York Times hat nun auch die Washington Post sich entschlossen, ihren twitternden, facebookenden oder sonstwie netzwerkenden Journalisten eine so genannte Guideline aufzudrücken, die in einigen Punkten so restriktiv ist, dass einer der Angesprochenen meinte, er schreibe fürderhin besser nur noch über das Wetter und Dessertrezepte.

So lustig ist der Fall der Washington Post allerdings nicht, wenn man die Vorgeschichte bedenkt: Denn die Guideline wurde verfasst, nachdem sich die Washington Post offenbar genötigt sah, einem ihrer Angestellten nahe zu legen, seinen Twitter-Account zu schließen. Der Mann hatte sich dort unter anderem explizit für eine Gesundheitsreform in den USA ausgesprochen…

Paul Bradshaw nimmt dies zum Anlass, das endgültige Ende scheinbarer journalistischer Objektivität, auf die ja gerade in den angelsächsischen Ländern so großer Wert gelegt wird, zu verkünden. Soziale Netzwerke machten Aktivitäten von Journalisten nun messbar; und diese seien deshalb einfach besser beraten, ihre Quellen, Einstellungen und Kontakte transparent zu machen als sie zu verbergen. Das Ideal der Objektivität sei ohnehin schon immer das gewesen, was Ideale immer sind: Ein Gedankenkonstrukt, das in der Realität, in Reinform jedenfalls, nicht existiert:

“Objectivity is a construct of recent times. One reason for its rise in the journalism sphere has been the consolidation of newspapers and television into monopolies and oligopolies in the past half-century”,

zitiert Bradshaw Dan Gillmor.

Der bekannte spanische Blogger Enrique Dans nimmt die Guideline der Washington Post zum Anlass, um den konkreten Konflikt zwischen einem Verlag und seinen Angestellten generell auf die Arbeitswelt der Zukunft zu projzieren:

“Aufgrund der zunehmenden beruflichen Mobilität sind einzelne Personen keine bloße Erweiterung eines Unternehmens oder Produktes mehr; sie sind vielmehr Personen, die mittels der Werkzeuge des Social Webs ihre Individualität ausdrücken”,

schreibt Dans und spricht in diesem Zusammenhang vom “Vordringen des Neohumanismus“. Deshalb sei die restriktive Guideline der Washington Post schlicht und ergreifend “ein Fehler”.

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