Abgesehen davon, dass Frank Schirrmacher und Clay Shirky unter anderem selbst geschriebene Texte publizieren, verbindet die beiden erst einmal nicht viel.
Shirky wirkt vornehmlich in New York als Kommunikationswissenschaftler, und neben dem Schreiben ist er beruflich als Redner und Berater tätig. Sein Thema ist das Internet, und es kommt vor, dass er als “Social Media Guru” bezeichnet wird.
Schirrmacher, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist Hesse, gerade 50 geworden, der “Dirty Harry des Feuilletons” und dazu Bestsellerautor. Sein Thema ist die Fragmentarisierung der Gesellschaft - ob durch Demographie (Methusalem-Komplott), Kleinfamilie (Minimum) oder Internet (Payback).
Neben dem Schreiben verbindet die beiden aber noch etwas. Das, was Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung Schirrmacher mit dem Erscheinen seines neuesten Buches Payback attestiert: Seine “publizistische Stärke ist es, den intellektuellen Wissensdurst eines Universalgelehrten mit den Jagdinstinkten eines Boulevardjournalisten zu verbinden.”
Das könnte man eben auch von Clay Shirky sagen, der gerne mal - öffentlichkeitswirksam - mit Begriffen wie Revolution oder Chaos jongliert, um anschließend zu erklären, wie er das eigentlich gemeint hat. Jüngstes Beispiel: Mit einem seiner letzten Posts auf seinem Blog hat Shirky den Begriff “Algorithmic Authority” platziert.
Algorithmische Autorität ist für Shirky der publikumsträchtige Begriff für die Tatsache, dass viele Leute, die im Internet unterwegs sind, Informations-Aggregatoren und -Filtern wie Wikipedia, Twitter oder Google inzwischen so viel Vertrauen entgegen bringen, dass sie die auf diese Art gelieferten Infos in ihrer Auswahl und Richtigkeit nicht mehr in Frage stellen.
Jedoch - und nun relativiert Shirky nach bewährtem Muster - sei der Begriff “Algorithmic Authority” eigentlich irreführend, da er impliziere, das Problem daran sei allein die Technik (Aggregatoren und Filter). Der “Faktor Mensch” spielt - je nach Spielart mehr oder weniger - halt doch mit rein: Es gebe schließlich einen Unterschied zwischen dem PageRank-Algorithmus und den durchaus auch aus Menschen bestehenden Kontrollmechanismen (”human vetting”) anderer Konzepte wie zum Beispiel Wikileads.
(Abgesehen davon: Jeder Algorithmus ist vom Menschen gemacht und damit letztendlich politisch.)
Den eigentlichen Kern seiner Ausführungen sieht Shirky also keineswegs in einer Problematisierung erweiterter technologischer Möglichkeiten (”It’s also worth noting that algorithmic authority isn’t tied to digital data or even late-model information tools. “) Sein Thema ist vielmehr der Autoritätverlust, dem die Institutionen, die bislang Kraft ihrer schieren Existenz Glaubwürdigkeit verkörperten, ausgesetzt sind:
“[T]he core of the idea is this: algorithmic authority handles the ‘Garbage In, Garbage Out’ problem by accepting the garbage as an input, rather than trying to clean the data first; it provides the output to the end user without any human supervisor checking it at the penultimate step; and these processes are eroding the previous institutional monopoly on the kind of authority we are used to in a number of public spheres, including the sphere of news.”
Ohne den Begriff “Algorithmic Authority” zu verwenden, treibt auch Schirrmacher die Frage um, wie die Menschen im Internetzeitalter an Informationen kommen, diese verarbeiten und schließlich auf der Basis dieses kognitiven Prozesses konkrete Entscheidungen treffen. Nur hält er sich weitaus länger mit dem “‘Garbage In, Garbage Out Problem” auf als Shirky.
Auf seiner Promo-Tour für sein neues Buch - egal ob auf Edge, im Spiegel oder gar bei Bild - stellt Schirrmacher eine direkte thematische Verbindung her, die vom selbst eingestandenen “information overload” über die Veränderungen, die diese Infoflut in unseren Gehirnen verursachen wird, bis zu dem Punkt her, an dem wir die Fähigkeit verloren haben werden, selbstständig zu denken. Und das ist dann laut Schirrmacher der Moment, an dem die Maschinen die Macht über uns ergriffen haben werden.
[W]ir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen. (…) Das Gefühl, dass das Leben mathematisch vorbestimmt ist und sich am eigenen Schicksal nichts mehr ändern wird, ist einer der dokumentierten Effekte der Informationsüberflutung.
(…)
Auch wenn die meisten Leute es gern anders hätten, müssen wir akzeptieren, dass wir durch unsere Kommunikation mit Computern berechenbar werden.
(…)
Der Mensch ist eine statistische Datenmenge, die bei genügender Dichte nicht nur Rückschlüsse auf sein bisheriges, sondern auch auf sein zukünftiges Verhalten ermöglicht.”
Pointiert zusammengefasst könnte man also sagen: Während also Clay Shirky einen Bedeutungsverlust der Institutionen konstatiert, sieht Frank Schirrmacher gleich den freien Willen des Menschen an sich flöten gehen.
Da Schirrmacher aber selbst als Herausgeber einer überregional erscheinenden Tageszeitung einer Institution angehört, deren Macht laut Shirky bröckelt, erscheint die Vermutung, er überreiße seine Argumentation bewusst, um von seinem eigentlichen Problem abzulenken, nicht allzu weit hergeholt: Er könnte also durchaus von der Gefahr schreiben, in der sich der freie Wille vermeintlich befindet - und letztendlich sich selbst und seinen Einfluss meinen.
Das erklärte zumindest, warum ausgerechnet ein konservativer deutscher Intellektueller Informationstechnologien einen höheren Stellenwert für die gesellschaftliche Entwicklung zuspricht als ein US-amerikanischer “Social Media Guru”.