Monatsarchiv für November 2009

 
 

“The Post-Everything Economy”

“The web is the single most valuable human artefact that is ever been created”, sagt Stowe Boyd im Interview mit Ulrike Reinhard und lässt damit keinen Zweifel daran, für wie wichtig er das Internet für - ja, man kann geradezu pathetisch sagen - die Zukunft der Menschheit in einer globalisierten Welt hält.

Gleichwohl wirkt Boyd, Experte für Soziale Medien, wohltuend geerdet in seinen Ausführungen, glaubt nicht an irgendwelche “magischen Abrakadabra-Effekte”, die das Netz herbeizaubern könnte, und hat ganz konkrete Vorstellungen davon, was etwa Social-Media-Dienste bereits bewirkt haben und in Zukunft noch bewirken werden.

Kurz: Einmal mehr ein richtig gutes, interessantes Interview von Ulrike Reinhard!

Neue Formen, etwa wie Menschen zusammenarbeiten oder wie Probleme angegangen und gelöst werden, bringt Boyd dabei auf die gleichermaßen lustige wie griffige Formel der “Post-Everything Economy” - eine Formel, die anzeigen soll, dass das Netz das Tool “einen neuen Ära” ist, die gerade erst an ihrem Anfang steht.

Sehr interessant ist zum Beispiel allein der sehr systemisch geprägte Zugang, den Boyd bei der Benennung der Probleme hat, die aus seiner Sicht am dringendsten angegangen werden müssten: Das eigentliche Problem sei, so Boyd, dass wir uns in Zusammenhängen (Wirtschaft, Ökologie etc.) bewegten, die zu komplex seien, um sie verstehen zu können, und plädiert deshalb eher für systematische Komplexitätsreduzierungen als für Kontrollmechanismen des Unkontrollierbaren.

Und auch das, was das Netz für Boyd im Innersten zusammenhält und seine Wirkungen entfalten lässt, leuchtet unmittelbar ein: Offenheit, zum Beispiel für Informationen (wobei er den Begriff Demokratie in diesem Zusammenhang ausdrücklich für falsch hält), und - so banal es klingt - geringe Kosten.

Und noch ein Tipp für alle, die keine knappe Stunde Interview investieren mögen: Ulrike Reinhard hat ihr Interview auf ihrem Blog aufbereitet, die Kernfragen und -antworten zusammengefasst und zudem in einem kurzen zusätzlichen Videopost zusammen geschnitten.

Gegoogelte Gourmet-Gäste

Schirrmacher hin oder her: Während die vermeintlichen Segnungen des Sematischen Webs weiter auf sich warten lassen, nimmt das Pragmatische Web Konturen an.

Was das sein soll? Sozusagen ein Mitbringsel Sozialer Medien, das um so differenzierter eingesetzt werden kann, je mehr Leute diese nutzen.

“[W]ith the rise of the social Web, we see that what truly makes our online experiences meaningful is not necessarily the Web’s ability to approximate human language or to return search results with syntactical exactness. (…)
Rather, meaningful and relevant experiences now are born out of the context of our identities and social graph: the pragmatics, or contextual meaning, of our online identities. My Web experience becomes more meaningful and relevant to me when it is layered with contextual social data based on my identity. This is the pragmatic Web.”

Kontext ist ja schön, aber es ist ja immer die Frage, wer wie warum man einen solchen in der Praxis einsetzt.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie verspeisen in einem Nobelrestaurant - so wie es gerade (zumindest in Berlin) hip zu sein scheint - das Züngchen eines Seeigels (Bildquelle: Wikipedia).

Der Kellner begrüßt Sie mit Namen: Das ist guter Service; Sie haben ja schließlich reserviert. Zwischen dem zweiten und dritten Gang aber erwähnt er Ihren Arbeitgeber und lobt dessen Serviceleistungen. Und während des fünften Gangs kommt er unvermittelt auf die Bürgerinitiative zu sprechen, der sie sich jüngst angeschlossen haben.

Und der Mundschenk fragt Sie, ob sie von Ihrem jährlich stattfindenden Südafrika-Aufenthalt auch immer einige Flaschen Roten vom Kap mitbringen.

Und auf die Frage, woher er das weiß, sagt er: “Wir googeln alle unsere Gäste, die reserviert haben.”

Also, mir würde der Seeigel schwer im Magen liegen, wenn ich beim Essen ungefragt auf Sachen angehauen werde, die ich mit Fremden vielleicht gar nicht besprechen möchte. Ich weiß aber, dass das in einem Berliner Restaurant der gehobenen Küche so gehandhabt wird. (Wahrscheinlich - ich hoffe es zumindest - etwas diskreter als in der vorgestellte, rein fiktiven Szene.)

Fazit: Es kommt auch beim Pragmatic Web immer darauf an, wie man die Tech-Tools nutzt, wenn man sie nutzt. (Womit wir wieder bei Schirrmacher wären; hab das Buch gelesen: war ein Fehler.)

Technologiebewertung: Shirky und Schirrmacher

Abgesehen davon, dass Frank Schirrmacher und Clay Shirky unter anderem selbst geschriebene Texte publizieren, verbindet die beiden erst einmal nicht viel.

Shirky wirkt vornehmlich in New York als Kommunikationswissenschaftler, und neben dem Schreiben ist er beruflich als Redner und Berater tätig. Sein Thema ist das Internet, und es kommt vor, dass er als “Social Media Guru” bezeichnet wird.

Schirrmacher, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist Hesse, gerade 50 geworden, der “Dirty Harry des Feuilletons” und dazu Bestsellerautor. Sein Thema ist die Fragmentarisierung der Gesellschaft - ob durch Demographie (Methusalem-Komplott), Kleinfamilie (Minimum) oder Internet (Payback).

Neben dem Schreiben verbindet die beiden aber noch etwas. Das, was Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung Schirrmacher mit dem Erscheinen seines neuesten Buches Payback attestiert: Seine “publizistische Stärke ist es, den intellektuellen Wissensdurst eines Universalgelehrten mit den Jagdinstinkten eines Boulevardjournalisten zu verbinden.

Das könnte man eben auch von Clay Shirky sagen, der gerne mal - öffentlichkeitswirksam - mit Begriffen wie Revolution oder Chaos jongliert, um anschließend zu erklären, wie er das eigentlich gemeint hat. Jüngstes Beispiel: Mit einem seiner letzten Posts auf seinem Blog hat Shirky den Begriff “Algorithmic Authority” platziert.

Algorithmische Autorität ist für Shirky der publikumsträchtige Begriff für die Tatsache, dass viele Leute, die im Internet unterwegs sind, Informations-Aggregatoren und -Filtern wie Wikipedia, Twitter oder Google inzwischen so viel Vertrauen entgegen bringen, dass sie die auf diese Art gelieferten Infos in ihrer Auswahl und Richtigkeit nicht mehr in Frage stellen.

Jedoch - und nun relativiert Shirky nach bewährtem Muster - sei der Begriff “Algorithmic Authority” eigentlich irreführend, da er impliziere, das Problem daran sei allein die Technik (Aggregatoren und Filter). Der “Faktor Mensch” spielt - je nach Spielart mehr oder weniger - halt doch mit rein: Es gebe schließlich einen Unterschied zwischen dem PageRank-Algorithmus und den durchaus auch aus Menschen bestehenden Kontrollmechanismen (”human vetting”) anderer Konzepte wie zum Beispiel Wikileads.
(Abgesehen davon: Jeder Algorithmus ist vom Menschen gemacht und damit letztendlich politisch.)

Den eigentlichen Kern seiner Ausführungen sieht Shirky also keineswegs in einer Problematisierung erweiterter technologischer Möglichkeiten (”It’s also worth noting that algorithmic authority isn’t tied to digital data or even late-model information tools. “) Sein Thema ist vielmehr der Autoritätverlust, dem die Institutionen, die bislang Kraft ihrer schieren Existenz Glaubwürdigkeit verkörperten, ausgesetzt sind:

“[T]he core of the idea is this: algorithmic authority handles the ‘Garbage In, Garbage Out’ problem by accepting the garbage as an input, rather than trying to clean the data first; it provides the output to the end user without any human supervisor checking it at the penultimate step; and these processes are eroding the previous institutional monopoly on the kind of authority we are used to in a number of public spheres, including the sphere of news.”

Ohne den Begriff “Algorithmic Authority” zu verwenden, treibt auch Schirrmacher die Frage um, wie die Menschen im Internetzeitalter an Informationen kommen, diese verarbeiten und schließlich auf der Basis dieses kognitiven Prozesses konkrete Entscheidungen treffen. Nur hält er sich weitaus länger mit dem “‘Garbage In, Garbage Out Problem” auf als Shirky.

Auf seiner Promo-Tour für sein neues Buch - egal ob auf Edge, im Spiegel oder gar bei Bild - stellt Schirrmacher eine direkte thematische Verbindung her, die vom selbst eingestandenen “information overload” über die Veränderungen, die diese Infoflut in unseren Gehirnen verursachen wird, bis zu dem Punkt her, an dem wir die Fähigkeit verloren haben werden, selbstständig zu denken. Und das ist dann laut Schirrmacher der Moment, an dem die Maschinen die Macht über uns ergriffen haben werden.

[W]ir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen. (…) Das Gefühl, dass das Leben mathematisch vorbestimmt ist und sich am eigenen Schicksal nichts mehr ändern wird, ist einer der dokumentierten Effekte der Informationsüberflutung.
(…)
Auch wenn die meisten Leute es gern anders hätten, müssen wir akzeptieren, dass wir durch unsere Kommunikation mit Computern berechenbar werden.
(…)
Der Mensch ist eine statistische Datenmenge, die bei genügender Dichte nicht nur Rückschlüsse auf sein bisheriges, sondern auch auf sein zukünftiges Verhalten ermöglicht.”

Pointiert zusammengefasst könnte man also sagen: Während also Clay Shirky einen Bedeutungsverlust der Institutionen konstatiert, sieht Frank Schirrmacher gleich den freien Willen des Menschen an sich flöten gehen.

Da Schirrmacher aber selbst als Herausgeber einer überregional erscheinenden Tageszeitung einer Institution angehört, deren Macht laut Shirky bröckelt, erscheint die Vermutung, er überreiße seine Argumentation bewusst, um von seinem eigentlichen Problem abzulenken, nicht allzu weit hergeholt: Er könnte also durchaus von der Gefahr schreiben, in der sich der freie Wille vermeintlich befindet - und letztendlich sich selbst und seinen Einfluss meinen.

Das erklärte zumindest, warum ausgerechnet ein konservativer deutscher Intellektueller Informationstechnologien einen höheren Stellenwert für die gesellschaftliche Entwicklung zuspricht als ein US-amerikanischer “Social Media Guru”.

Es ist tatsächlich Herbst

Die so genannten Rübenkampagnen - also der Zeitraum, in dem die Zuckerfabriken Rüben annehmen und verarbeiten - dauern meist von September bis in den Dezember oder gar Januar hinein. Das ist dann die Zeit, in der nicht etwa Reichstage, sondern Rübenmieten verhüllt werden: meist mit weißem Vlies.


Vlies hat sich offenbar als der beste Stoff erwiesen, um die Rüben vor zweierlei zu schützen: vor dem drohenden Frost in der kalten Jahreszeit, der die Rüben gänzlich wertlos frieren kann, und auch vor übermäßiger Wärme unter den Abdeckungen, die die Rüben schwitzen und damit Zucker (also Wert) verlieren lässt. Nebenbei wird auch die bei übermäßigem Niederschlag drohende Fäulnis der Zuckerrüben durch die Vliesabdeckungen vermieden.

Tanzeinlage XII

Theorie quasi in Echtzeit in die Praxis umgesetzt: Dancing Lessons mit Mr. James Brown.

httpv://www.youtube.com/watch?v=Zdz88MBWomo&feature=player_embedded
Gesehen bei den fatfunkfuckers.

Das Internet und das Geistesleben

Georg Simmel schrieb 1903 einen Text, der bis heute als einer der Klassiker der Stadtsoziologie gilt: Die Großstädte und das Geistesleben. Meines Wissens war Simmel der erste deutschsprachige Autor, der seine Sichtweise auf das enorme Anwachsen der Städte im 19. Jahrhundert nicht mit den unter Intellektuellen weit verbreiteten Ressentiments gegenüber den städtischen Menschenmassen verknüpfte. Allein dass er darauf verzichtete, Urbanisierung und Städte - entgegen den damaligen Gewohnheiten - als Organismus zu beschreiben (Straßen als Adern, die Kanalisation als Verdauungssystem etc.), war richtungsweisend für die Stadtforschung.

Für Simmel ist die Großstadt “der Schauplatz der Moderne (…), der Ort, an dem die gesellschaftlichen, in der Geldwirtschaft angelegten Tendenzen ihren Ausdruck finden” (Rolf Lindner). Das könnte man mit einigem Recht im 21. Jahrhundert auch über das Internet sagen. Deshalb habe ich mir den Spaß gemacht und Zitate aus dem Simmelschen Essay (geringfügig) bearbeitet: Im Grunde streiche ich immer das Wort Großstadt und schreibe Internet hin.

Das Ergebnis ist verblüffend, finde ich: In dieser stark eingedampften Version ist dieser in Gänze übrigens absolut lesenswerte Text ein hübscher Baukasten für ambitionierte Feuilletonisten, die über das Internet schreiben wollen.

Die Großstädte Das Internet und das Geistesleben

(…)
Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer im Internet vernetzter Individualitäten sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht.
(…)

Es gibt vielleicht keine seelische Erscheinung, die so unbedingt der Großstadt dem Internet vorbehalten wäre, wie die Blasiertheit.
(…)

Während das Subjekt diese Existenzform ganz mit sich abzumachen hat, verlangt ihm seine Selbsterhaltung gegenüber der Großstadt dem Internet ein nicht weniger negatives Verhalten sozialer Natur ab.

Die geistige Haltung der Großstädter Internet-Netzwerker zu einander wird man in formaler Hinsicht als Reserviertheit bezeichnen dürfen.
(…)

Diese Reserviertheit mit dem Oberton versteckter Aversion erscheint aber nun wieder als Form oder Gewand eines viel allgemeineren Geisteswesens der Großstadt des Internets.

Sie gewährt nämlich dem Individuum eine Art und ein Maß persönlicher Freiheit, zu denen es in anderen Verhältnissen gar keine Analogie gibt: sie geht damit auf eine der großen Entwicklungstendenzen des gesellschaftlichen Lebens überhaupt zurück, auf eine der wenigen, für die eine annähernd durchgängige Formel auffindbar ist.
(…)

Die Notwendigkeit, die Leistung zu spezialisieren, um eine noch nicht ausgeschöpfte Erwerbsquelle, eine nicht leicht ersetzbare Funktion zu finden, drängt auf Differenzierung, Verfeinerung, Bereicherung der Bedürfnisse des Publikums, die ersichtlich zu wachsenden personalen Verschiedenheiten innerhalb dieses Publikums führen müssen.

Und dies leitet zu der im engeren Sinne geistigen Individualisierung seelischer Eigenschaften über, zu der die Stadt das Internet im Verhältnis ihrer seiner Größe Veranlassung gibt.

Eine Reihe von Ursachen liegt auf der Hand.

Zunächst die Schwierigkeit, in den Dimensionen des großstädtischen im Internet vernetzten Lebens die eigene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen.
(…)

Der tiefste Grund indes, aus dem grade die Großstadt das Internet den Trieb zum individuellsten persönlichen Dasein nahe legt - gleichviel ob immer mit Recht und immer mit Erfolg - scheint mir dieser.
(…)

Übersehen wir etwa die ungeheure Kultur, die sich seit 100 Jahren in Dingen und Erkenntnissen, in Institutionen und Komforts verkörpert hat, und vergleichen wir damit den Kulturfortschritt der Individuen in derselben Zeit - wenigstens in den höheren Ständen - so zeigt sich eine erschreckende Wachstumsdifferenz zwischen beiden, ja in manchen Punkten eher ein Rückgang der Kultur der Individuen in Bezug auf Geistigkeit, Zartheit, Idealismus.
(…)

Es bedarf nur des Hinweises, dass die Großstädte die eigentlichen Schauplätze das Internet der eigentliche Schauplatz dieser, über alles Persönliche hinauswachsenden Kultur sind ist.
(…)

Quelle des Originaltextes: Soziologisches Institut der Universität Zürich.

H1N1 - Nachtrag

Die Zeit hat Erhellendes zum Thema Schweinegrippe gebracht: Schuld an dem ganzen Chaos einschließlich der vermeintlich besseren Impfstoffe für Staatsdiener ist demnach - der Föderalismus. Dass Bund und Bundesländer unabhängig voneinander, nach unterschiedlichen Prämissen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Substanzen geordert haben, sei “der Preis, den man für ein föderales Gesundheitssystem zahlt.” (Der Artikel ist mit “Der Preis der Freiheit” betitelt.)

Welche Vorteile ein föderales Gesundheitssystem hat oder zumindest theoretisch haben könnte, wird leider nicht erläutert.

Das Thema Kinder und Schweinegrippe dürfte aber kein Pro-Föderalismus-Gesundheitssystem-Argument sein:

“Gerade die Empfehlungen für Kinder tragen zur Verunsicherung bei. So rät etwa die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland, nur ‘Personen ab einem Alter von 6 Monaten mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung’ impfen zu lassen. Wolfram Hartmann dagegen, Präsident des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendärzte, empfahl vergangene Woche, auch gesunde Kinder unter drei Jahren zu impfen. (…)
In dieser unübersichtlichen Gemengelage müssen sich Ärzte und Eltern dann aussuchen, ob sie eher ihrem Arzt, dem Berufsverbandspräsidenten oder der Stiko folgen wollen.”

Der Preis der Freiheit des Chaos also.

Tanzeinlage XI

Respekt.

httpv://www.youtube.com/watch?v=CyOXivZcXJw&feature=PlayList&p=90ACFF2899EC911D&playnext=1&playnext_from=PL&index=29
Tipp von .

H1N1: Staatsdiener offenbar wichtiger als Kinder

Gestern habe ich im Radio gehört, dass in Deutschland nur jede dritte schwangere Frau gegen Schweinegrippe geimpft werden kann.

Keine Ahnung, wie viele Frauen hierzulande derzeit ein Kind erwarten. Aber für eine grobe Schätzung könnte die Info sorgen, dass im Jahr 2007 rund 580.000 Kinder in Deutschland geboren worden sind. Macht etwa 48.000 Geburten plus ungefähr 384.000 Schwangere pro Monat. Wenn momentan also 432.000 Frauen ein Kind erwarteten, hätten nur so 144.000 von ihnen die Möglichkeit, sich gegen den Erreger H1N1 zu impfen.

Immerhin tauchen Schwangere in den Empfehlungen wissenschaftlicher Institute zur Impfpolitik als zu bevorzugende Bevölkerungsgruppe auf. (Geholfen hat offenbar nicht wirklich.) Die Kinder sind aber eher kein großes Thema; wenigstens sind die Impfstoffe laut Verlautbarkeitsorganen der Ärztevereinigungen für sie verträglich. Man fragt sich aber schon, warum es keine Impfungen zu geben scheint, die auf Verträglichkeit für Kinder zugeschnitten sind. Stattdessen hat man sich im Gesundheitsministerium offenbar eher der Kopf darüber zerbrochen, den vermeintlich besseren zweier zur Verfügung stehender Impfstoffe nicht doch bevorzugt an Staatsdiener - namentlich “Mitglieder der Bundesregierung und der Bundesbehörden sowie Bundeswehrsoldaten” auszugeben.

Und überhaupt: Die Informationspolitik öffentlicher Stellen zum Thema ist diffus - in der Praxis ist sie oft ein Desaster: Schweinegrippe-Vorfall in der Schule? “Ja, bei uns ist die Krankheit ausgebrochen. Eine Klasse haben wir erst einmal nach Hause geschickt. Ansonsten müssen wir die weitere Entwicklung abwarten.”

Fazit: Deutschland ist ein kinderfreueindliches Land.

Info-Adipositas - Risiken und Nebenwirkungen

Moderne Gesellschaften müssen stetig beschleunigt werden, wenn sie stabil gehalten werden sollen, sagt Hartmut Rosa. Laut dem Soziologen und “Beschleunigungsexperten” macht sie dieses Moment und dessen Verknüpfung mit der “Idee der Selbstbestimmung” einzigartig gegenüber allen anderen sozialen Gebilden der menschlichen Historie.

Mit der Beschleunigungsmaschinerie namens Internet ist dieses komplexe Wechselspiel der Kräfte (zumindest aus Sicht der so genannten Technologie-Kritiker) durcheinander geraten: Der technische hat sich vom sozialen Fortschritt entkoppelt - das zeigen laut Rosa zum Beispiel die internationalen Finanzmärkte, die “im Computerzeitalter keine Geschwindigkeitsgrenze mehr” kennten.

Unmittelbar spürbare Folgen technologiegetriebener Beschleunigungen sind die inflationäre Vermehrung der Optionen, die man so hat, um mit seinem Leben dieses oder jenes anzustellen. Doch solch eine Gesellschaft in Warp-Geschwindigkeit produziert weniger Freiheit (wie man auf den ersten Blick vermuten könnte) als vielmehr den Druck, das Richtige tun zu müssen. (Rosa: “Habe ich den richtigen Handytarif? Finde ich das beste Pflegeheim für meine Eltern? Sind meine Kinder auf der besten Schule? Es ist unmöglich, das alles zu erfüllen.”)

Das Gefühl, aufgrund überbordender Komplexität die Kontrolle über die eigene Lebensführung zu verlieren, produziert dann eher Schuldgefühle als gefühlte Freiheit. Das liegt unter anderem daran, dass Beschleunigung und Fragmentarisierung zusammen hängen. Wir leben in einer schnelllebigen Häppchenkultur. Nehmen wir zum Beispiel Info-Häppchen: Da hat sich inzwischen Twitter zum McDonalds der Info-Imbiss-Anbieter gewandelt; hart bedrängt von Facebook (Burger King).

Die Frage ist nun: Droht den Nutzern bei übermäßigem Gebrauch dieser Häppchen Info-Adipositas? Jeff Jarvis schließt jedenfalls nicht aus, dass die Informations-Verdauung per Twitter Nebenwirkungen haben könnte. Neben der Gefahr, bei aller Zerstreutheit der zur Verfügung gestellten Infos (”distraction”) den Blick für das Wesentliche zu verlieren, sieht Jarvis vor allem ein Problem: dass Infobreite auf Kosten der Infotiefe gehen könnte:

“Twitter is temporary. Streams are fleeting. If the future of the web after the page and the site and SEO is streams – and I believe at least part of it will be – then we risk losing information, ideas, and the permanent points – the permalinks – around which we used to coalesce. In this regard, Twitter is to web pages what web pages are to old media. (…)
I think we’re going to need to find new ways to hold onto memories and make memes happen.”

Auch Nicolas Carr, laut der Zeit “einer der renommiertesten amerikanischen Kritiker des Internets”, beschreibt ein ähnliches Zukunftsszenario:

“Es könnte sich herausstellen, dass die Kultur der Vielfalt, die das Internet erschaffen hat, in Wirklichkeit eine Kultur der Mittelmäßigkeit ist - viele Kilometer breit, aber nur ein paar Zentimeter tief.”

Obwohl ich finde, dass bei Carr immer die alten, offenbar tief sitzenden Ressentiments intellektueller Milieus durchschimmern, muss man das ernst nehmen und fragen, ob wir womöglich an einer Kultur der Oberflächlichkeit werkeln.

Um eine konträre Position zu bringen: Benedikt Köhler glaubt nicht daran, dass das Internet “der große Gleichmacher” ist und verweist darauf, dass kluge Menschen sich bereits beim Aufkommen des Fernsehens ähnliche Gedanken gemacht haben. Zudem weist Köhler darauf hin, dass - selbst wenn wir alle das Gleiche sähen - wir noch lange nicht ähnlich wahrnehmen würden:

“Das Internet und auch das Web 2.0 ist keine globale Monokultur. Natürlich ist es potentiell möglich, dass, wie Reuter sagt, ‘letztlich alle wissen, was irgendwo passiert und was irgendwer macht’. Nur bleibt diese Tatsache immer im Konjunktiv. De facto nutzen wir Plattformen wie Twitter, Facebook oder auch Blogs tendenziell eher tribalistisch als esperantistisch.”

Bedeutet: Wir legen die Nutzung Sozialer Medien nicht auf (womöglich noch repräsentative) Reichweite aus, sondern greifen die Themen auf, die uns ohnehin angehen. Und wir besprechen sie mit Menschen, die uns tendenziell ähneln - etwa von der Herkunft oder dem Bildungsstand her. Köhler spricht in diesem Zusammenhang blumig von “Stammes-Partikularismen vor einem universalistischen techno-politischen Hintergrund.”

Hört sich ein bisschen wie digitales “Lagerfeuer der dritten Art” an. Dennoch: Die Frage, wie man die Info-Häppchen-Kultur bewertet, ist kein akademischer Schnickschnack. Je nachdem man sie beantwortet, dürften auch die weiteren Meinungen, die mit der Digitalisierung des Alltäglichen zusammen hängen, gefärbt sein. (Eine Schlüsselfrage wäre etwa, wie es das Netz mit der Demokratie hält. Aber das wäre dann ein anderes Posting.)

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