Monatsarchiv für Februar 2010

 
 

Machen wir uns nichts vor XI

“Die ganze Naturwissenschaft rechnet mit Durchschnittswerten. Mit ihrer Annahme hat man aber die Welt der reinen Faktizität verlassen. Bliebe man bei ihr, dann müsste man an den faktisch gefundenen Einzelergebnissen festhalten. (…) Man setzt hier eine ideale Welt ein. (…) So ist es bei allen naturwissenschaftlichen Feststellungen, also nicht nur in den Idealwissenschaften.”

“Allein für die moderne Naturwissenschaft und Technik hat sich das induktive Verfahren fast immer bestätigt, und so bleibt man dabei, wenn es auch strenggenommen theoretisch anfechtbar ist.”

Johannes Hirschberger

Doktrinärer Katzenjammer

Um es mal ganz krude zu formulieren: Die deutschsprachige Blogosphäre kaschiert ihre Minderwertigkeitskomplexe mit Selbstüberschätzung. Diese Hybris ist aber lediglich eine Oberfläche, die schnell den Blick auf die eigentlichen Empfindlichkeiten freigibt, sofern sie in ihrer Herrlichkeit mit Kritik konfrontiert wird.

Wenn gepiekst wird, dann wird auch gezetert - am Augenfälligsten nutzt die Blogbar Don Alphonsos diese Regel. Immer wenn es Rainer Meyer zu bunt wird, steigt er vom Rodel und lässt seine Kunstfigur einen Rant raushauen. Und weil er dabei gerne Namen nennt, ist der Aufschrei meistens recht groß - zuletzt mit einem eher seicht-analytischen Artikel in der FAZ, dem ein furor-fäkalsprachlicher Eintrag im Blog folgte. Thema: Die vermeintliche Vetternwirtschaft einer vornehmlich in Berlin sitzenden Clique “mittleren Alters” namens Digitale Bohème, die ihre ökonomische Inkompetenz wiederholt unter Beweis gestellt habe.

Ich bin kein Don-Alphonso-Fan; einiges bei ihm scheint mir auch von ganz persönlichen Ressentiments und Erfahrungen getragen zu sein. (Er lebte zum Beispiel ja auch eine Zeit in Berlin.) Ich verstehe auch, dass einige Lieblingsopfer Don Alphonsos, denen er seit Jahren verbal ans Bein pinkelt zusetzt, nicht (mehr) bereit sind, sich mit ihm auseinanderzusetzen - zumal er ganz offensichtlich keinen Wert darauf legt. (An Sascha Lobos Stelle etwa würde ich das auch nicht machen.)

Aber ich denke nach wie vor, dass einer wie Meyer/Don Alphonso solange sein Publikum finden wird bzw. seine Funktion hat, bis die Blogosphäre in Deutschland so erwachsen geworden ist, substantielle (im Sinne von an die Substanz der eigenen Wahrnehmung gehende) Kritik von außen nicht als blasphemischen Akt hinzunehmen. Und Kritiker in solchen Fällen nicht einfach in irgendwelche Schubladen zu stecken, um sich bloß nicht mit ihnen auseinandersetzen zu müssen:

Don Alphonso - ein Troll

Frank Schirmacher - ein ahnungsloser populistischer Konservativer

Lanier und Lovink - Gestrige

Ursula van der Leyen - das Böse

und so fort…

Ja klar, DIE Blogosphäre gibt es nicht. Es gibt durchaus nachdenkliche Töne von nachdenklichen Leuten, die zum Beispiel mit der Diskussionskultur in den Sozialen Medien nicht einverstanden sind oder die einräumen, dass Schirrmacher nicht durchweg ahnungslos und daneben argumentiert. Im Großen und Ganzen aber sind das - nach meiner Wahrnehmung jedenfalls - bei weitem nicht so viele wie die, die die Aufmerksamkeitserheischungskultur bereits soweit verinnerlicht haben, als dass sie nicht mehr in der Lage zu sein scheinen, Meinungen zu vertreten, die nicht mit denen der Platzhirsche unter den Webzwonullern übereinstimmen.

Das ist ein wichtiger Grund für die angesprochene Selbstüberschätzung. So richtig nach hinten losgegangen ist das zum Beispiel im vergangenen Jahr, als Stefan Niggemeier, Mercedes Bunz, Sascha Lobo, Robin Meyer-Lucht, Markus Beckedahl, Thomas Knüwer und andere ihr Internet-Manifest veröffentlichten und dafür scharf angegriffen wurden, da sie sich anmaßten, für die gesamte Internet-Gemeinde zu sprechen. Aber das war eine Ausnahme.

Die Regel ist vielmehr, bei abweichenden Meinungen darauf zu verweisen, dass die Kontrahenten keine Ahnung vom Internet hätten. Weit verbreitet - interessanterweise gerne und häufig auch auf Techblogs - ist zudem die Unterstellung, die wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht zu verstehen. Das nimmt dann auch mal doktrinäre Züge an.

Um nur ein Beispiel zu nennen, ohne jemanden vorführen zu wollen (und es wird hoffentlich vorerst mein letztes Payback/Schirrmacher-Beispiel sein): Tim Cole hat neulich Hans Olaf Henkel zum Opfer Schirrmacherscher Meinungsmachtmethoden stilisiert.

Henkel sei

“einer der geachtesten Manager Deutschlands, langjähriger Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und der Leibnitz-Gesellschaft, Träger des Internationalen Buchpreises Corine für sein Buch „Die Ethik des Erfolgs“, ausgerechnet ihn stellte Schirrmacher an den Pranger als einer derjenigen, die ein “Zeitalter des Unglücks” über Deutschland hereinbrechen ließen, indem sie uns sehenden Auges in die größte Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit manöverierten.”

Dass für diese Behauptung durchaus einiges spricht und Henkel selbst in den USA von einigen als “Radikaler” gesehen wird, erwähnt Cole allerdings nicht. Das wird woanders geschrieben.

Ausgerechnet Hans Olaf Henkel ist also eines der Opfer des “Systems Schirrmacher”. Mir kommen echt die Tränen: Da soll offenbar der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden.

Tanzeinlage XVII

Ich will jetzt endlich Sonne, Licht, Energie. Und dann gehe ich auch tanzen.


Wieder mal bei Nerdcore gesehen.

Im eigenen Saft

Deutsche “Blogs sind selbstreferentielle Nische, fühlen sich da pudelwohl, aber bleiben bei allem vehement formulierten Anspruch irrelevant“, hat Nico Lumma neulich geschrieben und damit wahrscheinlich gar nicht unrecht, obwohl er das natürlich polemisch und ungenau formulierte. Dass Lumma damit in der Blogosphäre nicht besonders gut ankam, lag eher am elegischen Ton seines Posts und natürlich an der Message an sich.

Einen ganz anderen Ton schlug einige Tage später Robert Basic an, als er “Warum nur jammern sich manche den Wolf, dass Blogs nix bringen, nicht wirklich einen Platz neben der ARD, der BILD und dem Deutschlandfunk gefunden haben? Fuck this!” in die Tasten haute. Und irgendwie wirkte es wie an Lumma persönlich gerichtet, als er später schrieb: “Im Großen und Ganzen gehen mir diese Kritiker richtig auf den Sack. Nicht, weil sie so schlau sind, sondern so richtig dämlich sind und jedes Maß für Relationen verloren haben.”

Auch Social-Media-Harlekin Basic hat durchaus recht und eher meine Sympathie als Lumma, weil er sich gegen eine Beurteilung von Blogs nach vorgestanzten Erwartungskategorien (ökonomische Verwertbarkeit, gesellschaftliche Relevanz etc.) wendet.

Unter dem Strich bleibt festzuhalten: Sowohl Basics als auch Lummas Post wurden viel besprochen und zitiert, was als Beleg für eine ausgeprägte Selbstreferenzialität der Blogosphäre gelten darf. Nach dieser Lesart briete die deutsche Webgemeinde tatsächlich im eigenen Saft.

Wir sind, das müssen wir uns endlich mal eingestehen, bei weitem nicht so relevant, wie wir es gerne wären“, hat Sachar Kriwoj dazu gepostet und nach der Lektüre von Frank Schirrmachers Payback festgestellt:

“Das Digitale ist die Zukunft. Dabei setzen wir uns mit den immer gleichen Problemen, siehe die oben angeführte Diskussion, also Datenschutz und Medienkompetenz, auseinander, ohne dass wir sie lösen, ohne dass wir neue Probleme definieren. Nicht nur Schirrmacher, auch wir sind gestrig.”

Aber wenn wir schon bei Relevanz sind: Ist im Moment eigentlich auch ziemlich Egal.

Tanzeinlage XVI

Ich habe dieses Video bereits einmal gepostet, aber seinerzeit gab es die Tanzeinlagen-Serie noch nicht. Die stepptanzenden Pseudoindianer gehören da aber rein. Also, noch einmal und nun als hochoffizielle Tanzeinlage: Der “War Dance of the Wooden Indians” vom Raymond Scott Quintette.

httpv://www.youtube.com/watch?v=zbR6YZs8hqs

Tagebuch eines Klugscheißers

Dominik Lukas kann Dialoge schreiben, und nicht nur die. Wer mit ihm kickert, weiß über seine Qualitäten als Liebhaber Bescheid. Wenn er Klavier spielt, liegen ihm die Frauen zu Füßen. Und wenn er Taxi fährt, verbreitet er Verschwörungstheorien.

Ab und zu liest er auch aus dem “Tagebuch eines Klugscheißers” vor; das nächste Mal will er so dem Vernehmen nach im Kaffee Burger (Berlin Mitte) die Geschichte von Horst Lindenbügel erzählen. Hier zitiere ich mit seiner Erlaubnis eine Stelle aus “Die Zicke und der Zausel”:

Es hatte einen Tag gegeben, an dem der alte Zausel und ich uns gut verstanden. Bis zu seiner Erkrankung war er Lehrer für Deutsch und Geschichte an einem Hamburger Gymnasium gewesen. Wir spazierten gerade die Sonnenallee hoch und runter, das heißt, ich spazierte und schob ihn im Rollstuhl vor mir her, als er wieder einen Tobsuchtsanfall bekam und anfing, sich über die vielen Anglizismen in der deutschen Sprache aufzuregen.
„Jetzt schau dir das an. Back Factory. Als ob es nicht genug wäre, dass die jungen Leute nur noch chillen und chatten und shoppen und dissen. Das ist doch furchtbar, furchtbar.“
„Na ja, so ist das halt.“
„Häh?“
„Ich sage, so ist das eben.“
„Pah! Dir ist das natürlich egal. Du hast ja auch das Temperament eines Laubfroschs.“
„Ich reg mich nur nicht darüber auf.“
„Das solltest du aber. Die besiegeln da drüben das Schicksal unserer Sprache und du spielst hier den Toleranten. Back Factory! Dass ich nicht lache.“
„Ich find es ja auch dämlich. Die Leute sind eben dumm. Aber ist doch deshalb nicht gleich ein Komplott gegen die deutsche Hochkultur.“
Er lachte laut und trocken auf.
„Mit so einem Klugscheißer schicken die mich auf die Straße.“
„Ich würde ja gern sagen, ich hab’s mir auch nicht ausgesucht. Aber das stimmt ja nicht.“
„Ein Samariter und ein Klugscheißer.“
Er senkte die Stimme ein wenig.
„Hör mal, findet deine Freundin es nicht auch merkwürdig, was du hier machst?“
Das war eine Sache, die die alten Leute alle gemeinsam hatten. Sie setzten es als
selbstverständlich voraus, dass man mit jemandem liiert war.
„Ich hab keine Freundin.“
„Na, dann eben dein Mädchen oder was. Wie sagt ihr denn jetzt dazu?“
„Ich bin ungebunden.“
„So?“
Er drehte sich halb zu mir herum.
„Na, wundern tut’s mich nicht. Wir müssen übrigens noch Kuchen kaufen, meine Tochter besucht mich nachher.“
„Sollen wir dafür in den Supermarkt. Oder tut’s auch die Back Factory?“
„Sehr witzig.“
Er hielt eine Weile lang den Mund.
„Strange“, sagte er dann wieder. „Das ist das Wort, nicht wahr? Es ist strange, dass du lieber einen alten Deppen durch die Gegend fährst, als dir eine Freundin anzulachen.“
„Ach, bei den Schwesternschülerinnen komme ich ganz gut an damit.“
„Ja?“
„Es irritiert sie ein wenig. Aber wenn ich dann auch noch anfange, Klavier zu spielen…“
„Wirklich?“
Das schien ihm zu gefallen. Ich sah von hinten, wie er grinste.
„Aber die sind ja auch nicht hübsch, oder? Zu mir kommt immer nur diese dicke Nudel.“
„Welche?“
„Die, die immer alles fallen lässt.“
„Ach so, na ja.“
„Jedes Mal haut sie irgendwas runter.“
Ich musste lachen.
„Und die gefällt dir?“
„Geht so. Aber es gibt ja auch noch andere.“
„So? Und wieso kommen die nicht zu mir?“
„Tun sie. Aber nur, wenn Sie schlafen.“
Er stieß wieder laut die Luft aus.
„An eine tolle Truppe bin ich da geraten.“
„Sie können ja den Pflegedienstleiter darum bitten, dass er hübschere Schwestern zu Ihnen schickt.“
„Das werde ich. Und ich werde ihm sagen, was für ein abgebrühter Schürzenjäger du bist.“
Er grinste, als er das sagte. Ich schob ihn zurück zum Hospiz.

Ach was!

Die Liebe ist stärker als jeder Winter!

Nuit Blanche from Spy Films on Vimeo.

Gesehen in der Glaserei.

War es der Winter oder war es die Liebe?

Auf jeden Fall keine Winterliebe (am Bahnsteig des U-Bahnhofes Schönhauser Allee, Berlin).

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