Monatsarchiv für Mai 2010

 
 

Öfter mal abbiegen vom Pfad

Der Soziologe Dirk Baecker hat der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bzw. Thomas Strobl ein Interview gegeben, in dem er seine These erläutert, dass das Internet “das Verbreitungsmedium der ‘nächsten Gesellschaft’ sei, an deren Schwelle wir uns gerade befänden.” Diese Gesellschaft beschreibt Baecker als heterogene Netzwerkkultur, in der man sich mit einer Komplexität anfreunden müsse, “mit der man die Berührung suchen muss, ohne auf ein Verstehen rechnen zu können.” (Aktualisierung: Text ist nun online.)

Das klingt nicht gerade viel versprechend und vertraut zugleich - anonyme Systemfehler sind ja seit einiger Zeit durchaus en vogue.

Allerdings ist es bei Baecker so, dass nicht nur wir die Maschinen nicht verstehen; die Maschinen ihrerseits verstehen uns ebenso wenig. Sagt Baecker und widerspricht damit ein Stück weit allen, die mit erhobenen Zeigefinger sagen, wir seien in unserer ganzen Individualität weitaus vorhersagbarer als wir meinen:

“Ich finde den Erfolge der sogenannten Soziophysik in den letzten Jahren sehr interessant. Sie hat eine Art Epidemiologie der Kommunikation entwickelt, also Prozesse der Ansteckung im Konsumverhalten, (…) bei der Ausbreitung politischer Meinungen beobachtet. Allerdings wird dabei die andere Hälfte der Soziologie vergessen, nämlich die Beschreibung der Mechanismen, die menschliche Gesellschaften entwickelt haben, um der Ansteckung zu entgehen. (…) Wenn ich (…) weiß, was ihre Freunde tun, weiß ich nur, daß Sie auch bald etwas tun werden, aber ich weiß nicht, ob Sie auf denselben Pfad einschwenken oder gerade jetzt einen anderen wählen.”

Coke and Tarts

Es war mir selbstverständlich eine Ehre, meinem Kumpel Dominik Lukas, der in seiner schriftstellerischen Tätigkeit inzwischen unter dem Kampf Künstlernamen Clint auftritt, beim Dreh seines Films “Coke and Tarts” als Komparse zur Seite zu stehen. Um so schöner, dass ich tatsächlich im Trailer des (noch nicht ganz fertig gestellten Streifens) zu sehen bin - wenn auch nur gaaanz kurz…

httpv://www.youtube.com/watch?v=RKlPaYDLynw
Official trailer of shortfilm “COKE AND TARTS” directed by Dominik Lukas, going to festivals by september 2010.
CAST: Ruben Garcia, Arijana Antunovic, Lars Pape, Johannes Richard Voelkel and Adolfo Assor.
PRODUCER: Lukas & Levi Filmproduktion.

Machen wir uns nichts vor XV

“der epistemologische test: bei jedem kulturbezogenen argument ‘brain’ streichen und prüfen, ob dann etwas fehlt. es fehlt nie etwas.”

Martin Lindner glaubt anlässlich seiner Kritik an den Positionen Peter Kruses nicht, dass Neurowissenschaften und Biometaphern taugen, um Web 2.0 zu erklären.

Tanzeinlage XXI

Fette Beats, fette Tanzeinlage.

Quelle: Dailymotion, via Nerdcore.

Leben ist nicht planbar

Während hierzulande Businessmenschen noch Geld dafür bezahlen, um in die Geheimnisse und Vorzüge der Intuition und ihren Nutzen für den erhofften geschäftlichen Erfolg eingewiesen zu werden, sind die US-Amerikaner in dieser Hinsicht bereits ein gutes Stück weiter: Denn wer sich nicht auf die vagen Andeutungen des Unterbewussten verlassen mag, der kann es ja einfach ans Tageslicht holen, jedenfalls ein bisschen.

Self Tracking soll genau das ermöglichen, und diese datentechnische Erfassung des eigenen Selbst wurde jüngst in einem langen Essay in der New York Times von Gary Wolf beschrieben und übrigens von Jörg Wittkewitz bereits vor anderthalb Jahren zu einem neuen US-Volkssport ausgerufen. Self Tracking ist die Vermessung des eigenen Selbst mithilfe von vornehmlich digitalen Signalverarbeitungstechniken und statistischen Analysetools: sei es, um die Pulshistorie beim Joggen, das eigene Schlafverhalten, mitunter auftretende Stimmungsschwankungen oder den tagtäglichen Kaffee, Alkohol- und Zigarettenkonsum zu erfassen.

Und fürderhin besser in den Griff zu bekommen, um ein besserer besser funktionierender Mensch zu werden.

Was mich an der ganzen Sache, an diesem ganzen Essay stört, ist die Tatsache, dass Wolf zwar in der Pose des neutralen Berichterstatters auftritt, aber als Mitbetreiber einer Metawebsite zu “personal data projects” mit Namen the Quantified Self alles andere als ein solcher ist. (Immerhin erwähnt er das in seinem Text.)

Dass er scheinbar ausgewogen über Möglichkeiten und Grenzen des Self Tracking schreibt, aber seinen Textfluss in ein affirmatives Rinnsal leitet, das das zarte Data-Pflänzchen offenbar nähren soll.

Denn, so Wolf, wer wollte denn allen Ernstes auf die Vorzüge verzichten, die die Quantifizierbarkeit des eigenen Selbst mit sich bringe:

“If you want to replace the vagaries of intuition with something more reliable, you first need to gather data. Once you know the facts, you can live by them.
(…)
Once you start gathering data, recording the dates, toggling the conditions back and forth while keeping careful records of the outcome, you gain a tremendous advantage over the normal human practise of making no valid effort whatsover.
(…)
We need help from machines.”

Wolf legt Wert auf die Feststellung, dass Self Tracking mehr sei als das übliche Streben nach Effizienz. Schließlich impliziere Effizienz einen schnellen Fortschritt in Richtung eines gesteckten Zieles; für viele “Self Trackers” sei ein Ziel aber unbekannt. Und mehr noch: “Self Trackers” glaubten häufig, dass die Daten zum eigenen Selbst Geheimnisse ans Tageslicht brächten, die sie nicht ignorieren könnten - inklusive Antworten auf Fragen, die sie nie gestellt hätten.

Im Gegensatz zu der althergebrachten Technik, Selbstanalyse vornehmlich mit den Mitteln des Wortes und der Schrift zu betreiben, liefere die Methode, Daten zum eigenen Selbst zu dokumentieren, quantitative Signale, die uns über unser Verhalten informierten, schreibt Wolf weiter. Und das sei auch der eigentliche Grund, warum Self Tracking per Datensammelei Einsichten in Bewusstseinsebenen erlaube, die unseren biologischen Sinnen ansonsten verschlossen blieben.

Ich möchte Wolf ja gar nicht vorwerfen, dass er mögliche Nachteile eines umfassend praktizierten Self Trackings nicht problematisiert (Datenschutz?). Aber dieser Text wirft hinsichtlich seiner Frontenstellung Daten versus Intuition dennoch Fragen auf:

Wie weit von der eigenen Mitte entfernt muss man sein, um Intuition als minderwertig zu erachten und sie gegen naturwissenschaftliche Methoden ersetzen zu wollen? Wie leichtfertig muss man sein, um den Kontrolleffekt solcher Tools, sei es von außen oder per geistiger Zwangsjacke aus sich selbst heraus, zu missachten? Und vor allem: Wie muss man das Leben sehen und welchem Machbarkeitswahn muss man verfallen sein, wenn man es für quantifzierbar und damit in letzter Konsequenz offenbar für planbar hält?

Machen wir uns nichts vor XIV

Facebook has fallen into its own advertisement trap. You can’t protect privacy on behalf of your user base, if your core business model is advertisement.

Alexander van Elsas nennt das Dilemma, in dem Zuckerbergs Facebook steckt, beim Namen. Bleibt die Frage, was nun besser ist, wenn man nicht gut findet, dass Internet-Unternehmen wie Facebook aus wirtschaftlichen Interessen ein Post-Privacy-Zeitalter ausrufen und gesellschaftliche Kollateralschäden billigend in Kauf nehmen: Account abmelden oder Protest anmelden.

Tanzeinlage XX

Kann man von der Blogosphäre nicht behaupten: Joi Lansing/Trapped in a Web of Love.

httpv://www.youtube.com/watch?v=Kbv8p1YfJbI&feature=player_embedded
Gesehen bei trixietreats.

Über die Weisheit

Prominente People, die ihren 65. bereits hinter sich haben, erzählen, was Weisheit für sie bedeutet.

Wisdom - Introduction from State Library of New South Wales on Vimeo.

Gesehen in der Glaserei.

Freie Kultur: Netzbasierte Ökosysteme im Dienste globaler Wissenskonzerne?

“Fostering an ecosystem and then making money in various other ways”: Das ist laut Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales die wirtschaftliche Essenz einer offenen Internetkultur, die frei von restriktiven Urheberrechtsbestimmungen Kreativität fördert. Dementsprechend kommen die Kritiker dieses Modells, das dem “Free-Culture-Konzept” des US-Juristen Lawrence Lessig viele Anregungen verdankt, aus den Reihen der Copyright-Lobbyisten, namentlich den Verlagen und der Musikindustrie.

Interessant ist, dass inzwischen nicht mehr nur analoge Betonköpfe, sondern auch netzaffine Figuren Zweifel an dem Free-Culture-Konzept äußern - und das mit Begründungen, die Lessig ursprünglich den Copyright-Verteidigern entgegenhielt: Die meisten Nationen seien durch multinationale Konzerne vereinnahmt worden, deren Interesse eher in der Anhäufung von Kapital als im freien Austausch von Ideen liege. Mit dem Ergebnis, dass Machtkonzentrationen bei der Nutzungskontrolle über Produkte der Kreativindustrie niemals zuvor so unangezweifelt akzeptiert worden seien wie heutzutage.

Wenn zum Beispiel Matteo Pasquinelli nun sagt, Free Culture sei eine Methode, “um lebendiges Wissen in einem rückversichernden juristischen System für globale Monopole zu vereinnahmen”, dann hört sich das verdammt ähnlich an, nur dass er nicht pro, sondern contra Free Culture argumentiert. Pasquinelli spricht in diesem Zusammenhang von Digitalem Feudalismus und sagt, dass Netzkooperationen nicht “unabhängig von der materiellen Wirtschaft und Marktgesetzen” funktionierten und der “Unterschied zwischen gewinnorientiert und nicht-gewinnorientiert (…), wenn er auf das Internet angewendet wird, irreführend” sei.

“Der Punkt ist, dass diese Kultur sehr leicht intellektuelles Eigentum oder symbolisches Kapital für das Geschäft oder die Hardware von jemand anderem werden kann. (…) Wir haben bereits eine gigantisch große digitale Klasse nicht gewinnorientierter Kulturarbeiter”,

sagt Pasquinelli. Bezogen auf Wikipedia spricht Christian Fuchs dann das konkret aus, was Pasquinelli abstrakt umreisst:

“Würde (…) die Lizenz von Wikipedia plötzlich in normales Urheberrecht umgewandelt, so würde die gesamte Arbeit von Millionen von Menschen plötzlich in unbezahlte, Mehrwert generierende Arbeit transformiert, wodurch hohe ökonomische Profite erzielt werden könnten.”

Somit wird klar, wie netzaffine Figuren so etwas wie Digitalen Feudalismus als existierend ansehen, warum sie an Free Culture ihre Zweifel haben können: Es geht um die (wirtschaftliche und politische) Macht globaler Konzerne, die sich die Errungenschaften einer freien Internetkultur langsam, aber sicher einverleiben. So wie es Facebook zum Beispiel seit einiger Zeit mit den privaten Daten seiner Nutzer vorexerziert.

Warum der globalisierten Wirtschaft derzeit mehr noch als der Politik zugetraut wird, Internetraubbau zu betreiben und die zarten Früchte dieser vergleichsweise jungen Kultur zu schlucken, verdeutlicht Fuchs, Privatdozent an der Uni Salzburg, in einer Schrift, die den theoretischen Rahmen seiner Habilitation “Internet and Society: Social Theory in the Information Age” umreisst. Darin geht er davon aus, dass “es notwendig ist, eine große Theorie der Gesellschaft und der kapitalistischen Gesellschaft auszuarbeiten, um darauf aufbauend verstehen zu können, wie heute Technik und Medien die Gesellschaft (und umgekehrt) prägen”.

Und der Dreh- und Angelpunkt seiner Argumentation ist “die unheimliche ökonomische Macht der Wissenskonzerne”, deren ersten 6 (AT&T, Vodafone, Verizon, Deutsche Telekom, Nippon, Telefónica) im Jahr 2007 über mehr Kapital verfügten als gesamte Bruttoinlandsprodukt Afrikas zusammengenommen:

“Als zentrale Kategorie [einer dialektischen Analyse der Gesellschaft, die zugleich reale Gefahren und potenzielle Chancen aufzeigt] erscheint mir daher jene des transnationalen informationellen Kapitalismus angebracht, um die Veränderungen und Kontinuitäten zu erfassen: Akkumulation, Herrschaft, Macht, Ausbeutung, Hegemonie, Gegenmacht, Ökonomie, Politik und Kultur bauen heute auf transnationalen Organisationsmodellen auf, die Inklusion und Exklusion ins vernetzte Sozialsystem ist global und dynamisch. Die zugrundeliegenden Dynamiken werden durch IKT vermittelt und verstärkt (…).”

Und weiter:

“Es war ein Irrtum von Bertolt Brecht, Walter Benjamin und Hans-Magnus Enzensberger, dass die Emergenz des Prosumenten [der Verschmelzung von Produzenten und Konsumenten] zu einer Mediendemokratie jenseits des Kapitalismus führen würde. (…) Dass dies ein Irrtum war, zeigt die kapitalistische Realität des Web 2.0, in der die Tendenz zum Prosumenten nicht automatisch zur Emanzipation vom Kapitalismus führt, sondern eingebettet ist in einen antagonistische Dialektik von Kooperation und Konkurrenz, also zugleich Keimform einer kooperativen Gesellschaft und repressiv ist.”

Vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen gleicht die Gegenüberstellung der Möglichkeiten von Prosumenten auf der einen und der global agierenden Wissenskonzerne auf der anderen Seite also dem Kampf Davids gegen Goliath. Kann nicht schaden, sich dessen bewusst zu sein.

Internet: Massenmedium, Kulturraum oder Werkzeugkiste?

Das Internet ist nach herkömmlicher Lesart ein gigantisches Computernetz-Netzwerk und als solches zum Massenmedium geworden. Nun hat Peter Kruse einen anderen Vorschlag gemacht, was das Netz sein und vor allem bedeuten könnte.

Kruse ist Geschäftsmann, Organisationspsychologe, Honorarprofessor, Unternehmensberater. Und er ist auch der - ich wiederhole mich da gerne, weil ich die Bezeichnung so niedlich finde - “graubärtige Posteronkel der Netzgemeinde“. Kruse hielt auf der re:publica 2010 einen viel beachteten und ebenso gelobten Vortrag, in dem er in der Heftigkeit, in der das Thema Internet diskutiert wird, einen “Indikator für die Existenz unzureichend reflektierter Wertedifferenzen” sah.

Diese Differenzen bestehen laut Kruse zwischen “Digital Residents” und “Digital Visitors”, also denen, die den “Kulturraum Internet”, den so genannten achten Kontinent, bewohnten, und denen, für die dieser neue Raum weitestgehend noch terra incognita sei. Das Netz ist für Kruse also mehr als ein Medium, es ist ein Kulturraum.

Na gut, die meisten Netzbewohner fanden diese These allein deshalb gut, weil damit das Internet mehr als irgendetwas sei, in diesem Falle als ein Medium. Dennoch wurden auch Zweifel an diesem Konzept geäußert: Jörg Wittkewitz zum Beispiel schreibt, Kruses Ansatz erscheine ihm ein wenig “verstaubt”; für ihn sei das Internet eher so etwas wie ein Werkzeugkoffer, und was es mit dessen Instrumenten zu entdecken gelte, sei vor allen Dingen das eigene Selbst. (Jens Jessen, Feuilletonchef der Zeit, meinte gar, Kruses Trennung in Visitors und Residents sei “rassistische Rhetorik”, aber dazu was zu sagen, ist mir nun wirklich zu blöd.)

Kruse setzte jedenfalls via Twitter einen Tweet ab, der wie eine Entgegnung auf Wittkewitz wirkte: “Wette: Die instrumentelle Haltung zum Netz unterstellt hinter jedem Hype reflexartig persönliches Machtstreben, Manipulation und Eigennutz.” Wenn ich das richtig verstanden habe, meint er also, dass mit seinem Kulturraum-Konzept die Möglichkeit besteht, neben den zweifellos vorhandenen Risiken auch die Chancen einer digitalisierten Gesellschaft zu sehen.

Das wäre durchaus ehrenwert, dennoch ist die Unterscheidung zwischen Visitors und Residents aus meiner Sicht nicht viel mehr als die altbekannte Trennung zwischen Digital Natives und Digital Immigrants - mit dem Unterschied, dass nun nicht mehr das biologische Alter der Internetnutzer, sondern deren Vernetzungsgrad und Fähigkeit zum Umgang mit digitalen Techniken das Kriterium für drin sein und draußen sein ist.

Zumal die Rede vom Kulturraum und achten Kontinent dazu verleiten könnte, außer Acht zu lassen, dass die Art und Weise, wie dieser Raum besiedelt wird, von den Netzbewohnern nicht frei ausgehandelt werden kann. Siehe zum Beispiel die aktuelle Debatte um Netzneutralität. Oder die Tatsache, dass das Netz eben nicht unabhängig von der materiellen Wirtschaft und deren Marktgesetzen funktioniert, wie manche vielleicht träumen.

Wenn ich jedenfalls sehe, was zum Beispiel Jörg Tauss offensichtlich aus dem Kulturraum-Konzept folgert, zweifele ich an der Fruchtbarkeit dieses Denkmodells: Sein Einwurf, dass analog zur amerikanischen Geschichte die Netzbewohner die Indianer seien und die Bundesregierung die Siedler, ist in meinen Augen hanebüchen unpassend und (Achtung: Scherz) eventuell übermäßigem Club-Mate-Genuss geschuldet.

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