Monatsarchiv für Juni 2010

 
 

Lucky Looser

Machen wir uns nichts vor XVII

“Der Mensch ist nicht das kleinste Modul. (…) [Im Internet gibt es] keine erwünschten oder unerwünschten Personen, es gibt nur erwünschte und weniger erwünschte Verhaltensweisen.”
Kathrin Passig im Merkur

Das alte Verlagsschiff und ein Seemann in der Spätpubertät

Die Online-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat das Blog Michael Seemanns (CTRL-Verlust) vom Netz genommen. Anlass war der (lässige) Umgang des Autors mit Bilderrechten. Der Eindruck drängt sich aber auf, dass sich die FAZ bei passender Gelegenheit eines unliebsamen freien Mitarbeiters entledigt hat.

So weit, so alltäglich.

Der Aufschrei in der Blogosphäre ist dennoch groß - selbst bei Facebook hat sich bereits eine Gruppe formiert, die gegen die Aktion der FAZ protestiert. Und Carta erklärt die Sache gar zum Präzedenzfall für den “Clash publizistischer Kulturen“.

Ich glaube, das ist nicht nur stark übertrieben. Ich glaube vor allem, dass man Michael Seemann keinen Gefallen tut, für ihn und seinen Blog Welpenschutz zu fordern oder ihn gar als fleischgewordene “publizistische Kultur” hochzujazzen.

Denn es ist nicht nur die FAZ, die bei dieser Sache schlecht aussieht. Auch Seemann sollte sich in einigen Dingen hinterfragen.

Bei der FAZ rächt sich, dass man für die Blogsparte zwar Geld (für Autoren) in die Hand genommen hat, auf eine übergeordnete Moderation derselben aber verzichtete. Eine solche Instanz wäre prädestiniert dafür gewesen, den Lesern die Gründe dafür zu nennen, warum das Blog vom Netz genommen wurde. (Abgesehen davon ist es ohnehin ein Armutszeugnis der FAZ, Content einfach “abzuschalten”, ohne irgendeine Begründung zu liefern.)

Seemann hingegen sollte sich fragen, warum er offenbar davon ausgegangen ist, dass er anders behandelt wird als jeder andere freie Schreiberling auch: Wenn er gemeint haben sollte, seine Beiträge seien so wichtig, überschätzte er sich. Wenn er gemeint haben sollte, FAZ-Blogs flottierten frei von der FAZ-Marke, war er einfach nur naiv.

Michael Seemann wehrt sich dagegen, in irgendwelche Erwartungsschubladen gesteckt zu werden. Das ist durchaus sympathisch, aber auch realitätsfremd: Wenn man bei der FAZ schreibt, und sei es “nur” für ein Blog, werden nun einmal Erwartungen geweckt - allein weil FAZ drübersteht. Und wer “Fickt Euch” schreibt, läuft Gefahr, beizeiten selbst gefickt zu werden.

Es reicht auf Dauer nicht zu sagen:

“Insgesamt habe ich (unbewusst) immer mein Leben danach ausgerichtet, von anderen nicht beurteilt werden zu können. (…) Insgesamt ist eine Strategie Beurteilungen, bei denen andere den Maßstab vorgeben, aus dem Weg zu gehen.”

In diesem Fall hat das die FAZ für ihn erledigt. Das war zwar dirty, aber so ist das Leben. Nicht mehr und nicht weniger.

Anmerkung: Das Wort Spätpubertät in der Überschrift kommt von Martin Lindner, der der deutschen Blogosphäre insgesamt dieses Attribut verpasst hat. Und nein, dieser Blogpost hat nichts mit Seemann persönlich zu tun und auch nichts mit Schadenfreude: Er wurde hier schon gelobt und kritisiert. Siehe oben: Wer sich öffentlich äußert, wird zwangsläufig bewertet, kategorisiert, beurteilt - ob man will oder nicht.

Nachtrag: Es gibt nun eine Stellungnahme der FAZ.

Protokoll

Manchmal frage ich mich, warum die Blogosphäre Web-Intelligentsia Institutionen so reserviert bis ablehnend gegenübersteht. Ein Essay von Vilém Flusser, den der “Medienphilosoph” 1978 geschrieben hat, zeigt in dieser Frage einen Zugang auf. Um das kurz zusammenzufassen:

Die kodifizierte Welt”” heißt das gute Stück, in dem Flusser sich mit der “geheimnisvollen Fähigkeit” des Menschen beschäftigt, “nicht nur ererbte, sondern auch erworbene Informationen an künftige Generationen weiterzugeben.”

Und das mache der Mensch mit Hilfe von Symbolen bzw. Symbolsystemen, sprich Codes. Ein Code in diesem Sinne stellt zum Beispiel magische Szenen voller Bedeutung bereit: Höhlenmalereien, Fresken, Kirchenfenster. Abgelöst, wenn auch nie wirklich komplett verdrängt, wurde dieser Code durch einen namens Schrift, der die Einzelteile einer Szene in eine lineare Reihenfolge brachte und den Betrachter so zwang, bis zum Ende zu lesen, wenn er die Botschaft vollständig verstehen wollte.

“Mit der Erfindung der Schrift beginnt die Geschichte, nicht weil die Schrift Prozesse festhält, sondern weil sie Szenen in Prozesse verwandelt. Sie erzeugen das historische Bewusstsein.”

Und genau dieses Bewusstsein sei gerade im Begriff sukzessive zu zerbröseln durch “Techno-Codes” wie “Fotografieren, Filmen, Videomachen oder analoges Programmieren.”

“Die Techno-Codes sind ein (…) Schritt weg von den Texten, denn sie erlauben, sich von Begriffen Bilder zu machen. (…) Der ‘Glaube an Texte’ - an Erklärungen, Theorien, an Ideologien - geht verloren, weil die Texte, wie einst die Bilder, als ‘Vermittlungen’ erkannt werden. (…) Das ist es, was wir mit Krise der Werte meinten: daß wir aus der linearen Welt der Erklärungen hinausschreiten in die techno-imaginäre Welt der ‘Modelle’. (…) Das ist eine ‘Krise’, weil nämlich mit dem Überschreiten der Texte alte Programme wie zum Beispiel Politik, Philosophie, Wissenschaft außer Kraft gesetzt werden, ohne von neuen Programmen ersetzt zu werden.”

Ihr Tröten!

Stichwort Vuvuzela: Was ist das eigentlich für eine Haltung, verbieten zu wollen, was einem nicht in den Kram passt? Hat jemand 2006 ein Bratwurstverbot gefordert? Nein? Na also.

Allen Vuvuzela-Hassern wünsche ich einen temporären Tröten-Tinnitus, auch hier an dieser Stelle.

Tanzeinlage XXIII

Ähem, ich habe ja lange gezögert, Alexander Marcus hier als Tanzeinlagler zu posten, aber eine WM erfordert besondere Maßnahmen. Zumal er in diesem Song deutsches Liedgut so herrlich verwurstet, dass Uli Hoeneß seine helle Freude hätte.

Ich zitiere:

“1,2,3
oh, Du wunderschöne Loreley
endlich gehts nach vorne.
Schwarz-Rot-Gold,
das sind unsere Farben.
Der Wagen rollt.”

httpv://www.youtube.com/watch?v=jJq8OkDYVyE&feature=related
Ach so, getanzt wird übrigens so ab 3:00.

Geschäft ist Geschäft

Auf der Suche nach Knotenpunkten

Die deutschsprachige Blogosphäre ist ein Dorf, der Webdiskurs, der in ihr stattfindet, ist lausig, und überhaupt sind uns in dieser Hinsicht gerade die Angelsachsen weit voraus. Das findet nicht nur Martin Lindner, doch die “Sphinx von der Isar” hat das Offensichtliche einfach mal deutlich ausgesprochen.

Und Namen genannt, was die Sache natürlich interessant macht: Es sei erstaunlich, dass in Deutschland allein Sascha Lobo und Mario Sixtus in ihrer Rolle anerkannt seien, dem Mainstream das Internet zu erklären. Bemerkenswert sei auch, dass Peter Kruse, der sich mit seinem bejubelten re:publica-Vortrag sowie einem gemeinsam mit Sixtus und Lobo absolvierten TV-Auftritt ebenfalls in einer solchen Rolle wiederfinde, genauso wie die beiden erstgenannten optisch ziemlich schräg daherkomme.

Hierzulande muss man sich als Freak verkleiden, um Stimme des Web sein zu können“, sagt Lindner deshalb - und angesichts der Bedeutung, die die digitale Revolution unbestritten besitzt, sei das kaum zu glauben.

Doch nicht nur dem Mainstream gegenüber, auch innerhalb der Netzgemeinde sieht Lindner hinsichtlich der Debattenkultur und der inhaltlichen Tiefe Defizite. Allerdings gebe es durchaus viel versprechende Ansätze: Via Twitter (@martinlindner) nannte er aus einem “idiosynkratischen Gefühl” heraus einige Namen, die in seinen Augen für einen neuen Zugang zu Netzthemen in deutscher Sprache stehen: Christian Heller (@plomlompom), Felix Neumann (@fxneumann), Michael Seemann (@mspro) und Markus Spath (@hackr).

Interessant dabei ist, dass Lindners Namensreihe offenbar eher durch sprachliche als durch inhaltliche Eigenheiten zustande gekommen ist, wie im folgenden, höchst unterhaltsamen Videointerview mit Lutz Berger gut nachzuvollziehen ist. Tenor: Eine deutsche Websprache mit ganz eigenem Zungenschlag sei bislang nur in Ansätzen zu erkennen. (Interessante Analogie: In dieser Hinsicht gehe es ihr heute so ähnlich wie ehedem den deutschen Popmusiktexten auf ihrem langen Weg von Drafi Deutscher zu Tocotronic.)

httpv://www.youtube.com/watch?v=_EjcZ1XB7r8&feature=player_embedded
(Quelle: Lutzland)

Lindner sieht - da ist er ganz wohlwollender Mentor - der kommenden “Web-Intelligentsia” mitunter inhaltlich auftretende spätpubertäre Anwandlungen nach - wichtiger erscheint ihm offenbar, dass sich eine solche Gruppierung überhaupt etabliert. (Mit Peter Kruse ging er in dieser Hinsicht kritischer um und mahnte unter anderem eine konsequente Cluetrainisierung “Professor Silberzunges” an.)

Auffallend ist auch, dass er von vorneherein nach Individuen sucht und bestehende Gruppierungen (um von Institutionen noch gar nicht zu sprechen) wie zum Beispiel die Piratenpartei oder den Chaos Computer Club nicht in seine Überlegungen miteinbezieht. Martin Lindner ist also auf der Suche nach Knotenpunkten, die sich in einzelnen, für den Webdiskurs wichtigen Personen manifestieren. (Dass solche Individual-Knotenpunkte mitunter hohen Belastungen ausgesetzt sind, die von den jeweiligen Personen nicht immer ausgehalten werden, hat jüngst der öffentliche Rückzug des Wissenschaftlers Christian Spannagel aus zahlreichen Sozialen Netzwerken sehr plastisch demonstriert.)

Was aber verbindet nun Christian Heller, Felix Neumann, Michael Seemann und Markus Spath wenn schon nicht inhaltlich, so doch von der Herangehens- und Schreibweise ihrer Texte? Welche Auswahlkriterien abseits der spontanen Wahl aus dem Bauch heraus verbergen sich hinter der wunderbaren Lindnerschen Formulierung von der aus ideosynkratischen Gefühlen gespeisten Reihe? (Ich persönlich hätte Heller und Seemann durchaus zusammengebracht, Felix Neumann aber nicht in diese Reihe sortiert, da beim letzteren weit weniger Futurologie und Fantastismus im Spiel sind als bei den beiden erstgenannten. Über Spath kann ich nicht viel sagen; dafür habe ich zu wenig von ihm gelesen.)

Meine These: Abgesehen davon, dass alle Genannten wohl aus dem Mittelstand stammende (abgeschlossene oder abgebrochene) Akademiker sind, die über ein gewisses Maß an Crosswissen (Technik- plus Geisteswissenschaften) verfügen, ist es für mich die Herangehensweise an die jeweiligen Themen. Pathetisch gesagt: Sie könnte durchaus die Überzeugung einen, dass die gesellschaftlichen Umwälzungen, die da fürderhin passieren werden, im Brennglas der digitalen Revolution schneller passieren und besser sichtbar sind als in anderen gesellschaftlichen Milieus. Dementsprechend ist die Bereitschaft groß, ohne Scheuklappen und Denkverbote an die Sache heranzugehen und auch scheinbar Unumstößliches in Frage zu stellen. Augenfälligstes Beispiel ist da Christian Heller mit seinen ebenso geistreichen wie frechen Post-Privacy-Vorstößen. (Das ist dann selbst Sascha Lobo zu viel).

Und noch eine Bemerkung am Rande: Implizit schwingen da auch ein wenig die ökonomischen Bedingungen mit, wenn von der Web-Intelligentsia die Rede ist. Schließlich bezeichnete der Begriff ursprünglich eine soziale Klasse, die (zumindest in der UdSSR) gewissen Produktionsbedingungen unterlag. Anders gesagt: Je mehr Leute Geld verdienen mit ihrem Internetgeschwurbel, desto fruchtbarer dürfte der Webdiskurs werden - einfach weil sie dann mehr Zeit haben nachzudenken.

Tanzeinlage XXII

Ja, endlich! Endlich ist es klimamäßig so weit, dass zum Beispiel Dachterrassen nicht nur als transitorische Aussichtsplattformen mit eingebauter Kaltwindanlage, sondern auch als komfortable Aufenthaltsorte zum Chillen in Betracht zu ziehen sind. Da kann man sich dann einfach mal hinstellen und profanes Zeug ins Mikro säuseln. Solange die Moves stimmen: “Soy como soy, y no voy a cambiar.” Ich bin wie ich bin - und werde mich nicht ändern. Na!

httpv://www.youtube.com/watch?v=yMrzyzSJYVo&feature=player_embedded
Ja, ja, immer wieder Nerdcore, dieses Mal via audioporncentral.

Machen wir uns nichts vor XVI

“In Berlin wohnen ist wie Tuba spielen: Hauptsache, Du pupst ordentlich rum!”
Wolli

blogoscoop