Monatsarchiv für Juli 2010

 
 

Tanzeinlage XXV

Gute-Laune-Clip

httpv://www.youtube.com/watch?v=XC7ucvAAVvw&feature=player_embedded
via Clint

Vilém Flusser: Der Mensch als digitales Projekt

Unterstützt das Internet vor allem demokratische Prozesse oder können von ihm ebenso totalitäre Regime profitieren? Stärkt es wirklich das Individuum, weil es mehr Transparenz und neue Partizipationsmöglichkeiten schafft, oder wird es etwa den global agierenden Datenkraken auf dem Silbertablett serviert? Gibt es überhaupt einen nachhaltigen Kontrollverlust, der alte Strukturen und Hierarchien hinweg fegt oder ist die Konterrevolution bereits auf den Weg gebracht?

Entlang dieser Linien verläuft so ungefähr die argumentative Wasserscheide, die Internet-Befürworter von Internet-Gegnern trennt. Und die Lektüre einiger Essays Vilém Flussers, der als einer der Klassiker der Medienkritik des 20. Jahrhunderts gilt, zeigt: Diese Fragen bestehen länger, als viele glauben dürften. (Was eine positive Antwort nicht unbedingt wahrscheinlicher macht.)

Die folgenden Zeilen sind der Versuch, die Gedankenwelten bzw. das Medienverständnis Flussers nachzuvollziehen und ab und zu als Folie auf den gegenwärtigen Webdiskurs zu legen.

Webdiskurs

Konzeptionell habe sich das Web jeden Funken Theorie ausgetrieben, hat Markus Spath in seinem klasse Rückblick zu fünf Jahren Web 2.0 (und fünf Jahren live.hackr) geschrieben. Allein bei Clay Shirky (Cognitive Surplus) und Umair Haque (Kapitalismus 2.0) seien in dieser Hinsicht Ansätze einer Theorie zu erkennen, “die konsequent den wirklichen Wert für den User (entlang des gesamten Spektrums Individuum – Gruppe – Gesellschaft – System) in den Mittelpunkt stellt.”

Es ist wirklich bemerkenswert, dass das Web einerseits schwer “vergisst“, seine User andererseits aber ziemlich geschichtsvergessen sind. Das kann nicht gut für die Qualität der Diskussionen und des Webdiskurses sein und bringt ihm darüber hinaus den Vorwurf der Oberflächlichkeit ein.

Um zwei Chefkritiker des Internets zu zitieren: “Ich merke immer häufiger, dass Netz-Diskurse nicht an die Quellen” gehen, warf Frank Schirrmacher einmal Benedikt Köhler im Rahmen der Isarrunde vor. Und Nicholas Carr äußert gerne die Befürchtung, dass das Web “nur eine Kultur der Mittelmäßigkeit (…) – viele Kilometer breit, aber nur ein paar Zentimeter tief” - erschaffen habe.

Flusser

Dieser Frust, den der Webdiskurs bisweilen produziert und die Frage, warum er denn hierzulande bloß so oft so schwachbrüstig daherkommt, hat dazu geführt, dass ich mir neulich einen Essayband Vilém Flussers (1920 - 1991) geschnappt und gelesen habe. Frei nach dem Motto: Mal gucken, was der alte Kommunikologe - dieser Pionier der Kritik an den Neuen Medien - bereits vor Jahrzehnten zu sagen hatte. (Die Wahl Flussers war Zufall; ich stand in einer mittelmäßigen Buchhandlung vor dem einschlägigen Regal und habe das gezogen, was mir am vielversprechensten erschien.)

Und - was soll ich sagen - der Schluck aus der Quelle war außerordentlich erfrischend. Ich will mal im Folgenden versuchen zu beschreiben, was ich aus diesem Buch (Vilém Flusser: Medienkultur, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1997) für mich und für gegenwärtige Debatten im Web herausgezogen habe. Wobei es natürlich eine Frechheit ist und Internet-Skeptikern eine Bestätigung für die Oberflächlichkeit des Webdiskurses sein dürfte, wenn da ein Blogger angeritten kommt und über Flusser rumphilosophiert, weil er ein 240-Seiten-Taschenbuch gelesen hat.

Kontext

Dennoch: Bevor ich hier jetzt loslege, müssen noch wenigstens ein paar Worte über Flusser und seine Bedeutung fallen. Nach Frank Hartmann kann man Vilém Flusser einer Richtung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kommunikationsmedien zuordnen, die “sich gegen die subjektzentrierte Auffassung von Geschichte und ihre Privilegierung von Geist und Bewußtsein stellt.” Stattdessen rücke nun die “Veränderung sozialer und psychischer Verhältnisse und Wahrnehmungen” durch die Medien in den Blick. Anders gesagt: “Technologie prägt die Kultur einer Gesellschaft.”

Für Hartmann ist Harold A. Innis - Begründer der Toronto School of Communication, der auch Marschall McLuhan angehörte - einer der Klassiker dieser Herangehensweise. Für die späten 1940er, frühen 1950er Jahre sei folgende Aussage Innis` “fast revolutionär” gewesen, so Hartmann:

Wir können wohl davon ausgehen, daß der Gebrauch eines bestimmten Kommunikationsmediums über einen langen Zeitraum hinweg in gewisser Weise die Gestalt des zu übermittelnden Wissens prägt. Auch stellen wir fest, daß der überall vorhandene Einfluß des Mediums irgendwann eine Kultur schafft, in der Leben und Veränderungen zunehmend schwieriger werden, und daß schließlich ein neues Kommunikationsmittel auftreten muß, dessen Vorzüge eklatant genug sind, um die Entstehung einer neuen Kultur herbeizuführen.

Flusser wiederum sehe, so Hartmann weiter, anders als zum Beispiel McLuhan eine zweite industrielle Revolution erst mit der “Elektrizität der Speicher- und Übertragungsmedien”, also nach dem Zweiten Weltkrieg, gegeben. Sein Ansatz sei dabei phänomenologisch, und seine Kommunikationstheorie “ziele auf die Veränderung des unsere Kultur bestimmenden alphanumerischen Codes.”

Codes

Alphanumerischer Code - das ist für Flusser die Schriftkultur des Westens, die nicht einfach alphabetisch heißen könne, da sie von Beginn an auch “formal-kalkulatorische” Elemente - sprich Zahlen - in sich aufgenommen habe, die sich der normalen, linearen Lesart von Texten widersetzten (zeitlos vs. linear). Denn das Neue an der Schrift sei im Kern das Aufrollen des vormodernen Bildes, zum Beispiel der Höhlenmalerei, in Zeilen bzw. Linien gewesen. Diese Linearität habe das Entstehen eines geschichtlichen Bewusstseins erst ermöglicht.

Doch dieses Bewusstsein, so Flusser, verflüchtige sich nun, da Techno-Bilder alphabetische Texte zunehmend ersetzten, die Gesellschaft aber von Texten programmiert sei. Dies sei eine revolutionär neue Lage:

Die gegenwärtig an der okzidentalen Gesellschaft Beteiligten (…) sind vorwiegend für lineare Codes programmiert - obwohl sie selbstredend auch Bildercodes, Raumzeitcodes usw. empfangen und senden können -, aber sie sind unfähig, die aus den Inseln der technischen Codes strömenden und sie täglich berieselnden Informationen zu speichern (…). Dadurch werden sie für diesen Typ von Informationen bloße Durchgangskanäle - nicht eigentlich Gedächtnisse, sondern Kanäle -, also das, was man gewohnt ist, “Empfänger der Massenmedien” zu nennen.

Mit dem Informationszeitalter und der Erfindung des Computers werde das prozessuale historische Denken (linear) nach und nach dem formal-kalkulatorischen (zeitlos) unterworfen - durch eine naturwissenschaftlich gebildete, neue Elite:

Eine Elite, deren hermetische Tendenz sich laufend verstärkt, entwirft Erkenntnis-, Erlebnis- und Verhaltensmodelle mit Hilfe sogenannter “künstlicher Intelligenzen”, welche von dieser Elite programmiert werden, und die Gesellschaft richtet sich nach diesen für sie unlesbaren aber befolgbaren Modellen.

Das elitäre Denken (…) erkennt, erlebt und wertet die Welt und sich selbst nicht mehr als Prozesse, sondern als Komputationen, etwa als Ausbuchtungen von Relationsfeldern.

Schaltpläne

Wie Flusser aus der Nummer mit den manipulierten Medienkonsumenten via Massenmedien herauskommen will, nimmt dann nicht nur den Grundgedanken Sozialer Medien vorweg, sondern verweist nebenbei auch noch auf das derzeit vielzitierte Konzept des Cognitive Surplus (Clay Shirky). Er will das Fernsehen (und die Computer sowieso) mit reversiblen Kabeln versehen, damit nicht alle stumpf und gleichgeschaltet vor dem Bildschirm sitzen, sondern gleichzeitig konsumieren, kommunizieren und produzieren können:

So wie sie gegenwärtig geschaltet sind, machen die neuen Medien Bilder zu Verhaltensmodellen und Menschen zu Objekten, aber sie können anders geschaltet werden und damit Bilder in Bedeutungsträger und Menschen zu gemeinsamen Entwerfern von Bedeutung verwandeln.

Leider verhindere aber die allgegenwärtige Tendenz, das Fernsehen und auch die Computer aus ihrem gesellschaftlichen Kontext zu reißen und zu mythologisieren - diese “Idolatrie”, Medien “zu einer Art selbständigen und selbstentscheidenden Götzen zu erheben” -, eine Änderung der Schaltpläne ernsthaft in Erwägung zu ziehen, schreibt Flusser. (Das mag sich geändert haben. “Idolatrie” oder technoider Determinismus aber sind weiterhin en vogue.)

Probleme

Für Flusser ist die Frage nach der Art der Schaltpläne nicht weniger als existenziell für den Fortbestand der Demokratie. Allerdings sieht er zwei Probleme, die zu lösen sind, wenn jeder mit jedem jederzeit und überall kommunizieren könnte.

Die an sich wünschenswerte Reversibilität der Medien würde zwar mehr Dialog produzieren - dies allerdings ginge dann auf die Kosten des Diskurses. Angesichts der angesprochenen Kritik am Webdiskurs lohnt es sich, das näher auszuführen: Flusser unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Kommunikationssystemen, die er einerseits Netz und andererseits Rundfunk nennt.

Im Rundfunksystem ist ein zentraler Sender strahlenförmig und eindeutig (”univok”) mit einer Anzahl von peripheralen Empfängern verbunden. Der Kommunikationsprozeß in solch einem System heißt “Diskurs”. Im Netzsystem ist eine Anzahl von Teilnehmern “bi-univok” so miteinander verbunden, daß alle Beteiligten senden und empfangen können. Der Kommunikationsprozeß in solch einem System heißt “Dialog”. Der Zweck des ersten Systems ist, vorhandene Informationen zu verteilen (…). Der Zweck des zweiten Systems ist, aus vorhandenen Teilinformationen neue zu synthetisieren.

(…) Die Verdrängung des Dialogs durch den Diskurs im Hinblick auf Elitebildung - Parlamente, Komitees, Studiengruppen, elitäre Ausstellungen usw. - ist überhaupt für die industrielle Revolution charakteristisch. Sie bedeutet das Ende der Volkskultur (Folklore) und das Aufkommen der manipulierten Masse.

In einer vernetzten Gesellschaft sieht Flusser das entgegengesetzte Problem: Die Förderung des Dialoges käme einer allgemeinen Politisierung der Menschen gleich, der mit einem Mangel an öffentlichen Diskurs bezahlt werden müsste. Denn früher seien Informationen im öffentlichen Raum publiziert worden, und die Menschen hätten ihr Heim verlassen müssen, um an diese heranzukommen. Heute aber würden die Informationen direkt von privaten Räumen aus in andere private Räume übertragen.

Der Mangel an öffentlichem Diskurs geht also laut Flusser mit einer Zerbröselung der Privatheit einher, da die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit nicht mehr funktional erscheint. Ein Beispiel dafür sei, dass Häuser immer weniger als Schutz vor der Außenwelt dienten, da materielle und immaterielle Kabel diese “wie einen Emmentaler” durchlöchert hätten. (An dieser Stelle dürften sich die Vertreter des Post-Privacy-Gedankens nicht gerade widerlegt fühlen.)

Diese Erosion der Privatheit verspreche auf der einen Seite mehr Freiheit, auf der anderen aber weniger Schutz für das Individuum. Und das sei deshalb problematisch, weil die Menschen für eine solche Situation kompetent sein müssten. “Und diese Voraussetzung ist nicht gegeben.”

Das ist nach wie vor ein brandaktuelles Problem. Vom Versagen der Universitäten in dieser Hinsicht ist schon oft geschrieben worden. Und die Forderung, in den Schulen ein Unterrichtsfach mit Namen “Online-Erziehung” einzuführen - was schon seit langem gefordert wird, zum Beispiel von Sascha Lobo - ist sicher keine schlechte Idee.

Menschenbild

Die “grundlegende Frage, vor der wir angesichts der neuen Technologien gestellt sind”, ist für Flusser also die nach der Schaltungsart der Kanäle - und was das aus den Menschen macht, wenn die Kabel in den Kanälen reversibel geschaltet sind. Denn dies würde ein Menschenbild “als Verknotung von Beziehungen” bedeuten:

Wir haben uns ein Netz von zwischenmenschlichen Beziehungen vorzustellen, ein “intersubjektives Relationsfeld”. Die Fäden dieses Netzes sind als Kanäle zu sehen, durch welche Informationen wie Vorstellungen, Gefühle, Absichten oder Erkenntnisse fließen. Diese Fäden verknoten sich provisorisch und bilden das, was wir “menschliche Subjekte” nennen. Die Gesamtheit der Fäden macht die konkrete Lebenswelt aus, und die Knoten darin sind abstrakte Extrapolationen. Das erkennt man, wenn man sie entknotet. Sie sind kernlos wie Zwiebeln. Anders gesagt: Das “Selbst” (”Ich”) ist ein abstrakter, gedachter Punkt, um welchen sich konkrete Beziehungen hüllen.

(…) Der Mensch muss als dichte Streuung von Teilchen gesehen werden.

Das liest sich auf den ersten Blich einigermaßen fantastisch, aber wenn man sich eine Bemerkung ansieht, die Kathrin Passig neulich mal in Bezug auf den Internet-User an sich gemacht hat, kommt man zu dem Schluss, dass das, was Flusser da ausspricht, in der Webgemeinde derzeit durchaus als Konsens zu bezeichnen ist. Sie schrieb im Merkur:

Der Mensch ist nicht das kleinste Modul. (…) [Im Internet gibt es] keine erwünschten oder unerwünschten Personen, es gibt nur erwünschte und weniger erwünschte Verhaltensweisen.

Darin sieht Flusser einen Paradigmenwechsel: Früher sei der Mensch das Subjekt und die ihn umgebene Welt das Objekt gewesen. Nun beginne der Mensch aber, formal und damit relativistisch (postmodern) zu denken:

Was wir real nennen und auch so wahrnehmen und erleben, sind jene Stellen, jene Krümmungen oder Ausbuchtungen, in denen die Partikel dicht gestreut sind und sich die Potentialitäten realisieren. (…) Wir haben uns selbst - unser “Selbst” - als eine derartige “digitale Streuung”, als eine Verwirklichung von Möglichkeiten dank dichter Streuung zu begreifen. (…) Wir sind nicht mehr Subjekte einer gegebenen objektiven Welt, sondern Projekte von alternativen Welten.

Denn die Unterscheidung von Subjekt und Objekt sei mit der Heisenbergschen Unschärferelation unsinnig geworden:

Was den Geist der Post-Moderne (…) vom modernen Geist wohl am deutlichsten unterscheiden wird, ist dieses bewusste Auf-sich-nehmen der Tatsache, daß wir absurderweise in einer absurden Welt da sind und daß wir nichts anderes tun können, als diesem Geheimnis des Sinnlosen einen Sinn zu verleihen. (…)

Wir werden erwachsen. Wir wissen, daß wir träumen. (…)

Dieses vorläufig unvorstellbare Weltbild ist jenes der zukünftigen Informationsgesellschaft.

Immaterielle vs. energetische Kultur

Der Informationsgesellschaft, bei “welcher Informationen ins elektromagnetische Feld eingetragen und dort übertragen werden”, wird ja gerne unterstellt, eine immaterielle Kultur zu haben. Flusser hält das für hanebüchen und spricht lieber von einer energetischen bzw. “verstofflichenden” Kultur.

Es hat keinen Sinn, fragen zu wollen, ob “1 +1 = 2″ auch um 4 Uhr nachmittags in Semipalatinsk wahr ist. Es hat aber ebensowenig Sinn, von der Formel zu sagen, daß sie “immateriell” sei. (…) Früher ging es darum, die gegebene Welt zu formalisieren, und jetzt, die entworfenenen Formen zu alternativen Welten zu realisieren. Das meint “immaterielle Kultur”, sollte aber eigentlich “verstofflichende Kultur” heißen. (…) Das Kriterium der Informationsgesellschaft ist (…) folgendes: Inwieweit sind die eingeprägten Formen mit Stoff auffüllbar, inwieweit sind sie realisierbar? Wie operativ, wie fruchtbar sind die Informationen?

“Die Abkehr von den Dingen” nennt Flusser das. Wertvoll sei allein die Information, das “Programm” in den Maschinen.

Ich bin mir da nicht ganz sicher, ob ich da die Kategorien durcheinanderwürfele. Jedenfalls musste ich bei diesen Zeilen an diejenigen denken, die die Formulierung “Diebstahl geistigen Eigentums” für reine Kampfrhetorik halten und diese gerne spitzfindig zu widerlegen suchen (Beispiel: “unautorisierte Distribution statt Diebstahl“).

Humanismus/Nächstenliebe

Flussers Weltbild ist nicht ohne Tücken. Wenn er zum Beispiel die Schriftkultur des Westens als Voraussetzung für historisches Bewusstsein sieht, schließt er gleichzeitig aus, dass andere, schriftlose Kulturen so etwas wie Geschichtsbewusstsein überhaupt haben können.

Ähnlich ist es mit seinem Bild, den Menschen als “digitale Streuung” und die Gesellschaft als naturwissenschaftlich geprägt zu begreifen:

Die Aufklärung beruht auf dem Glauben an die Fähigkeit der Vernunft - und vor allem der Logik und der Mathematik -, die Hintergründe zu erklären. Sie ist eine Tochter des Humanismus, der seinerseits auf dem Glauben beruht, der Mensch sei gut. (…) Wie Midas verwandelt die Vernunft [aber] alles, was sie berührt: zwar nicht in Gold, aber in Wertfreies, in ethisch Neutrales. Je weiter die Vernunft in die Hintergründe vordringt, desto mehr werden Ethik und Politik zugunsten einer Wissenschaft mit Totalitätsansprüchen abgesetzt: Einzig wissenschaftliche Erklärungen gelten. Und damit ist selbstredend sowohl der Aufklärung wie dem Humanismus der Boden entzogen.

Ohnehin passe angesichts der anzustrebenden (demokratischen) Medienkultur der reversiblen Kabel und der damit einhergehenden Dialogkultur der Rückgriff auf das jüdisch-christliche Konzept der Nächstenliebe besser.

Nichts gegen praktizierte Nächstenliebe. Aber Humanismus und Aufklärung als erledigt zu erklären, das ist schon - sagen wir - stark gewöhnungsbedürftig.

Sprache

Flusser ist nicht nur ein begnadeter, mehrsprachiger (deutsch, englisch, französisch, portugiesisch) Schreiber mit beeindruckendem philosophischen und etymologischen Wissen - der Mann konnte auch druckreif reden. Das vermittelt zum Beispiel nachstehendes You-Tube-Video, in dem er über den Menschen als digitale Streuung und die Zerbröselung des Privaten spricht (abgesehen davon hört man, dass Marcel Reich-Ranicki keinen hyperindividuellen Sprechduktus besitzt, sondern die Sprache eines intellektuellen (und zu großen Teilen jüdischen) deutschen Kulturmilieus, das in der Nazizeit praktisch ausgelöscht wurde.)

httpv://www.youtube.com/watch?v=evkYGYFSob8

Netzquellen

Im Netz gibt eine Menge Informationen zu Flusser, zum Beipiel an folgenden Stellen:

  • Die Flusser Files
  • Vilém Flusser Archive
  • Flusserstudies.net

    In der deutschsprachigen Blogosphäre bezieht sich übrigens meines Wissens zum Beispiel Benedikt Köhler regelmäßig auf Flusser.

    Und nun?

    Nun habe ich den mit Abstand längsten Post meines Bloggerdaseins geschrieben. Ich bewundere jeden, der bis hierhin durchgehalten hat.

    Die Essenz, die aus den Texten Flussers mitnehme, ist weder originell noch besonders kreativ: Wenn das Netz uns “als Bürgern” etwas bringen soll, dann müssen wir etwas dafür tun: Partizipation einfordern, Voraussetzungen schaffen (Bildung), Aufklären. Denn wie die Sache ausgeht, ist nicht ausgemacht. Bis dahin lohnt es sich aber, ab und zu die Klassiker zu lesen. Nach dem Motto: Das Netz vergisst vielleicht nicht, wir hingegen aber schon.

  • Ohnegleichen

    “Istanbul Suopping - crazy girls - ohne Baby” - und das offenbar unter dem Motto “Ohne”. Was soll uns das bedeuten?

    Gesehen in Kołobrzeg

    Zwischen Krautrock und Transhumanismus

    Das Schöne am Bloggen jenseits aller ökonomischen Interessen ist ja zum Beispiel, dass man ganz ungeniert auch mal knallharten Nepotismus betreiben darf. Nehmen wir zum Beispiel meinen Kumpel Ben Barks, der hier gerne und gut im Sinne seines Steckenpferdes, des Transhumanismus, kommentiert - ansonsten aber vor allem für eine Sache brennt: seine Musik.

    Ben spielte zusammen mit Tanja Geke und Steve Crock bei LongTrigger; und nun hat sich LongTrigger in LT-Royce umbenannt, weil Natti Reed zu der Gruppe hinzugestoßen und Tanja Geke erst aus- und nun wieder eingestiegen ist. Hört sich irre kompliziert an, aber hier hat auch noch niemand behauptet, dass das Leben unkompliziert sei. Auf jeden Fall ist die ganze Sache mehr als eine Umbenennung, weil sich auch die Musik geändert hat: mehr Rock, weniger Pop.

    Wie es dabei zum Namen LT-Royce kam, erzählt Ben am besten selbst:

    Es war im Sommer 2009. Tanja hatte uns zu einer Party eingeladen, auf der sie mit ihrer neuen Band “Tante Bob” auftreten wollte. Mitten im Herzen Berlins. Auf dem Dach eines Hauses. Nicht ganz neu, aber trotzdem, auch nach all den Jahren ein immer noch bestechendes Konzept.

    Ich fuhr mit Steve in dem verspiegelten Fahrstuhl nach oben. Dort erwarteten uns Batmans Erzrivale, der Joker, sowie Justus Jonas, Capt. Jack Sparrow und wie sie alle heißen. Nachdem ich die viel zu dunkle Sonnenbrille endlich von meinen Augen gepopelt hatte, konnte ich erkennen, dass wir jedoch lediglich auf dem Dach des audible.de Büros gelandet waren. Dort hörten wir brav der Band zu und lästerten über dieses und jenes bei Bier und Burgern.

    Dort kamen wir auf “LT” [für ehemals LongTrigger]. Die ersten Tracks waren da schon eingespielt (Last Night, A Little Left, Outback). Der Sound kam uns viel brachialer vor. Laut stampfend nahm da ein Monster Fahrt auf. Die Gitarren waren dichter als je zuvor bei LongTrigger und der Beat erinnerte an eine Lokomotive oder an einen wirklich teuren hubraumstarken Motor. “Mustang-LT?”, “LT-Dodge RAM?”, “Harley-LT?”, nee – zu rockig zu analog. Die elektronischen Komponenten, die wir zur Abrundung des Sounds eingesetzt hatten waren klarer, fast wie akustisches Chrom. “Hey, wie wär’s mit LT-Royce?”, fragte jemand, der nur Steve oder Ben sein konnte.

    Inzwischen sind aus den drei fertig gestellten Songs ein ganzes Album geworden, und da will ich selbstverständlich niemanden hier länger auf die Folter spannen: Jetzt gibt es erst einmal etwas für die Ohren, und den Rest dieses Blogposts kann der geneigte Leser dann durch den LT-Royceschen Klangteppich hindurch aufnehmen. (Falls es jemanden interessiert: Bei diesem Player-Widget kann man sich ja durch die Titel klicken. Mein Anspieltipp ist der 8. Song, Strange Lovers; das beste Intro hat für mich der 4., Somewhere.)

    Grundsätzlich ist das natürlich hochsympathisch, dass LT-Royce sich via Jamendo unter eine Creative-Commons-Lizenz begeben hat. Zumal da ein ganz konkreter Gedanke hintersteht, den sich auch die erratisch agierende Musikindustrie beizeiten mal aneignen könnte:

    Am meisten verkauft man sowieso direkt bei Konzerten. Da kann man den Fans ruhig die Downloads kostenlos zur Verfügung stellen, finden wir. Bei Jamendo gibt es übrigens auch ein kommerzielles Verwertungssystem. Unternehmen können für einen Obolus Stücke von Jamendo streamen. Die Künstler bekommen dafür dann einen kleinen Anteil. Damit werden europaweit vor allem Restaurants, Autohäuser und Hotels beschallt. Ist schon komisch, wenn man bedenkt, dass man plötzlich in einer Hotelhalle in Bratislava “Get up” hören könnte. Schöne neue Welt!

    Und die Mucke? Irgendetwas zwischen Krautrock und Transhumanismus. (Longversion: Leicht psychedelischer Elektrorock mit Indieelementen und einer Prise elektronisch getrocknetem Kraut - das Ganze im Spannungsfeld von Gitarre und Synthesizer sowie Perry-Rhodan-Aura.)

    So eine Art angerocktes Raumtauchen mit festen Songstrukturen als Flossen; die Texte unterstützen das:

    yeah the desert lies in front of me
    open legs between my bones
    well I hate you and your economy
    lonely soul between the stones

    Fazit: Weiter so. Da steckt ne Menge drin. Je länger man die Scheibe hört, desto interessanter wird sie. (Auf der nächsten wünsche ich mir noch mehr Mut zum Experiment: Songstrukturen weiter aufbrechen, den Tablaspieler von der Müllerstraße ab und zu mal mitspielen lassen, ein 15 Minuten wabernder Sphärentitel - so etwas würde mich interessieren.)

    Und jetzt will ich wissen, was Ihr live so macht! Hitzewelle und saisonbedingte Unclubbigkeit - Gründe der fehlenden Ankündigung an dieser Stelle - werden ja auch nicht ewig anhalten. Kann mir dann mal jemand Bescheid sagen, wenn es so weit ist?

    Machen wir uns nichts vor XIX

    Bedeutet die technische Entwicklung der Medien (…) nur eine Steigerung der Verblendungsmöglichkeiten und damit eine Depotenzierung aufklärerisch-emanzipatorischer Hoffnungen? Oder treten wir in eine geschichtlich neue Situation, die mit neuen Techniken auch neue Formen der ‘Mediatisierung’ bzw der neuen anthropologischen Situation der ‘Medienzivilisation’ schafft? Das ist, changierend zwischen Apokalypse und Integration, die ‘medienphilosophische’ Frage des zwanzigsten Jahrhunderts.

    Tja, so viel an dieser Einschätzung Frank Hartmanns hat sich auch im laufenden Jahrhundert bislang nicht geändert. Ansonsten will ich derzeit weder integrativ und schon gar nicht apokalyptisch werden, nur weil es gerade gefühlte 37 Grad heiß ist. Es ist eher so, dass ich gerade nach den Anfängen dieser ganzen Debatte um Neue Medien und Internet und Dings schaue, und dazu hat Hartmann auf seiner Seite übrigens einige sehr interessante Links und Verweise und Texte zusammengetragen.

    Cognitive Surplus als Label

    “Die Kommunikationsmaschinen bringen uns einander näher”, hat Peter Glaser neulich geschrieben, und diese Quintessenz seines Essays begründete er damit, dass im Netz “herkömmliche Signale der direkten Kommunikation wie Aussehen, Mimik oder Status keine Rolle mehr” spielten und es deshalb soziale Schranken aufhebe.

    Peter Kruse traut den Sozialen Medien zudem gesellschaftspolitische Relevanz zu:

    “Aufgrund des im Internet realisierten strukturellen und funktionalen Entwicklungsstandes entsteht ein generell wachsendes Bedürfnis der Menschen, sich aktiv an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen.”

    Glaser und Kruse befinden sich damit in bester Gesellschaft. Das Positive an den neuen Medien sehen, ihren emanzipatorischen Charakter betonen und hintenraus utopisch angehauchte Gesellschaftsmodelle am Horizont heraufziehen sehen: Das ist - auch wenn das jetzt bissig klang - eine historische Haltung, die Intellektuelle schon immer gerne eingenommen haben - siehe in Deutschland zum Beispiel Brecht mit seiner Radiotheorie.

    Insofern ist auch der Gedanke eines so genannten Cognitive Surplus nicht gerade neu: Dass neue Medien keineswegs zwangsläufig im dem Sinne funktionieren müssen, wonach ein Sender zwar viele Empfänger bedient, diese aber weder auf ihn reagieren noch andere Empfänger kontaktieren können, das hat nicht nur Brecht ausgesprochen. Und von der Zeit, die man dann gewinnen würde, wenn man - anstatt zum Beispiel stumpf vor der Glotze zu hängen - sich mit der Hilfe dialogzulassender und -fördernder Medien aktiv in gesellschaftliche Prozessen einbringen könnte, ist auch schon viel geredet worden.

    Ersteres ist die Voraussetzung eines Cognitive Surplus; letzteres die Grundidee dieses Konzeptes. Clay Shirky wiederholt im Kern also nichts weiter als Altbekanntes und hat es mit dem Label Cognitive Surplus fest im Webdiskurs positioniert (hier der Link zum Ted-Talk-Video, in dem er es präsentiert).

    Generell ist gegen diese Sichtweise überhaupt nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Wir sollten hoffen, dass es irgendwann funktioniert. (Was wäre denn die Alternative?) Vorsichtig sollte man vielleicht eher vor einer allzu instrumentellen Sicht auf das Internet sein: Die Kommunikationsmaschinen bringen uns nicht einander näher, sie geben uns lediglich die Möglichkeit dazu. Dass das Medium die Botschaft sei, ist nicht unbedingt wörtlich zu nehmen.

    Alles weitere dürfte erst einmal offen bleiben: Clay Shirky zum Beispiel ist von Evgeny Morozov unter vielem anderen auch dafür kritisiert worden, weil er den Punkt, der überschritten werden muss, um vom Medienkonsumenten zum -partizipanten zu werden, sehr niederschwellig ansetzt. (Shirky reicht es bereits, wenn man ein Lolcat-Bild kreiert und ins Netz hochlädt.)

    Aber solche kleinteiligen Aktionen, deren weiterer Nutzen auf den ersten Blick zweifelhaft ist, unterscheiden sich zum Beispiel auch nicht groß vom Betätigen des “Gefällt-mir-Buttons” bei Facebook. Atomarisierte Entscheidungsmöglichkeiten haben ihren Charme, da man unmittelbar einen Effekt erzielt. (Die Teilnahme an einer Bundestagswahl ist da schon abstrakter, wenn man die Wirkung der eigenen Stimme spüren möchte.) Ob der Nutzer solcher kleinstteiliger Entscheidungsmöglichkeiten dann auch in Gänze und als Gesamtperson kleinstteilig denkt, steht auf einem ganz anderen Blatt.

    Machen wir uns nichts vor XVIII

    Beim papiergebundenen Schreiben ist der Verleger ein Raster, ein Relais und eine Antenne. Die Strahlen der Texte kommen bei ihm an, er wählt unter ihnen jene aus, die “verlegt” werden sollen, er macht sie für ein Weiterstrahlen zurecht (”druckreif”) und strahlt sie dann als ein Bündel in den leeren Raum aus, um auf etwa vorbeigehende Empfänger (zum Beispiel in Buchläden) zu stoßen.

    Beim elektromagnetischen Schreiben wird der Verleger zum Brennpunkt des im Weben begriffenen Gewebes: zu einer Art von Datenbank, die mit immer neuen Informationen gefüttert wird, aus der diese Informationen rückgestrahlt werden und in der sie miteinander verglichen oder miteinander konfrontiert werden.

    Vilém Flusser (1987)

    Tanzeinlage XXIV

    Christopher Walken: geremixt tanzend.
    httpv://www.youtube.com/watch?v=4CBhadGku7U&feature=player_embedded#!
    Quelle: audioporncentral

    Minirant zum Megarauchverbot

    In Bayern darf in Zukunft weder in Restaurants und Gaststätten noch in Bierzelten gequalmt werden. Ohne Ausnahme: Weder in (ehemaligen) Raucherseparees noch in Eckkneipen, in denen kein Essen angeboten wird, soll Rauchen gestattet sein. Das ist bekanntlich das Ergebnis des bayerischen Volksentscheids zum Rauchverbot.

    Zwei Argumente, die von Nichtrauchern gerne gegen Raucher ins Feld geführt werden, gehen mir dabei auf den Keks, sofern sie in ihrer ganzen Totalität angeführt werden:

    Existenz und Nichtexistenz von Nichtraucherkneipen: Ein Verbot von Raucherkneipen zu fordern mit der Begründung, es gebe ja leider leider keine Nichtraucherkneipen, ist egozentrisch bis autoritär. Es hat sich keine “Nichtraucherkneipenkultur” entwickelt, weil offensichtlich keine Nachfrage besteht (Marktwirtschaft). Deswegen anderen Leuten verbieten zu wollen, dass sie sich in ihrer Freizeit oder als Arbeitskraft bewusst und selbstbestimmt in ein solches Ambiente begeben, kann ich nicht nachvollziehen. Sagen wir es mal passend für den Internethorizont, in dem wir uns hier bewegen: Wer einerseits den Verlagen ihre Sehnsucht nach einem Leistungsschutzrecht verübelt und fordert, sie sollten sich lieber mit den realen Marktbedingungen auseinander setzen, kann nicht ernsthaft ausgewiesene Raucherkneipen verbieten wollen.

    Tipp für militante Nichtraucher: sich in die Rolle der Spaßbremse fügen und einfach zu Hause bleiben. Wahlweise eine eigene Nichtraucherkneipe aufmachen.

    Das Totschlagargument Passivrauchen: Es ist nicht zu bestreiten, dass Passivrauchen gesundheitsschädlich ist. Raucher schaden also nicht nur sich selbst, sondern auch denen, in deren Umfeld sie qualmen. Ok. Nehmen wir einfach diese Argumentationsfolie: Es ist nicht zu bestreiten, dass die Bevölkerung der nördlichen Erdhalbkugel allein mit ihren Schadstoffemissionen der Bevölkerung auf der südlichen Erdhalbkugel Schaden zufügt. Ergo sollten alle, die für strikte Rauchverbote sind, mindestens auch für die Abschaffung der USA und Europas sein. Alles andere wäre spießig.

    Tipp für militante Nichtraucher: über den Tellerrand hinausdenken.

    Maradona

    Argentinien ist im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft ausgeschieden. Die Niederlage gegen Deutschland zeigte, dass im Nationalteam kein ausgewogenes Verhältnis zwischen Offensive und Defensive besteht. Insofern ist Diego Armando Maradona als Trainer der Albiceste gescheitert.

    Andererseits ist Maradona einer der großen Gewinner der WM: Vor dem Turnier wurde er als Marionette des argentinischen Fußballverbandes gesehen, der an der Seitenlinie stehen und nach den Spielen mit der Presse sprechen darf, während andere im Hintergrund die Strippen ziehen. Bei den Spielen aber wurde deutlich, dass Maradona dem Team durchaus seinen Stempel aufgedrückt hat und dass es für die Spieler Argentiniens eine Ehre ist, für ihr großes Idol zu kicken.

    Vor allem aber: Maradona verkörperte an der Seitenlinie die pure Freude am Fußball - abseits von Taktiktafeln, Fitnesswerten und einstudierten Laufwegen.

    “That enthusiasm reminds us that soccer is a simple game. (…) The further your team goes, the closer you get to stripping away the myth and mystique that team management is a science and that a manager can only succeed through years of study of the manual”,

    rief die New York Times Maradona zu und entschuldigte sich stellvertretend für die vielen Kritiker, die den großen Fußballromantiker für eine Fehlbesetzung hielten.

    Ja, es ist wahr: Für den Titel hat es zwar nicht gereicht. Die WM aber wäre unendlich ärmer gewesen ohne Maradona.

    blogoscoop