Obwohl die deutsche Übersetzung des anonymen Manifestes L´insurrection qui vient (Der kommende Aufstand (pdf)) offen zu Sabotage und Umsturz aufruft und als linksradikales Machwerk angesehen wird, hat der Text nun auch in der bürgerlichen Presse Deutschlands (mit den besseren Texten bei der Frankfurter Allgemeinen und der Süddeutschen) Beachtung gefunden. Das hängt sicher unter anderem damit zusammen, dass er richtig gut geschrieben ist und in seinem ersten Teil eine soziokulturelle Kapitalismuskritik bietet, mit der auch Leute etwas anfangen können, die weit davon entfernt sind, sich selbst als linksradikal zu bezeichnen.
Der kommende Aufstand ist in Frankreich im Jahr 2007 von einem anonymen Autorenkollektiv geschrieben worden, nachdem es zwei Jahre zuvor Unruhen in Vororten französischer Städte gegeben hatte. Auch das dürfte einer der Gründe sein, warum der Text nicht nur in Frankreich Aufsehen erregte, sondern in seiner englischen Übersetzung zum Beispiel auch in den USA - und nun eben hierzulande diskutiert wird: Er spricht vieles deutlich aus, was an anderer Stelle erst nach der später einsetzenden Finanzkrise thematisiert wurde.

Und so stellen die Kritiker weniger den schwächeren zweiten Abschnitt des Werkes heraus, der Praktiken des Widerstands und der Aufruhr beschreibt (was sie ansonsten ganz sicher getan hätten und obwohl auch dieser Abschnitt diskussionswürdig ist: zum Beispiel in der Frage, ob ein handfester, “systemrelevanter” Aufstand tatsächlich in der Luft liegt und darüber hinaus überhaupt wünschenswert wäre; und wenn ja, ob ein Milieu, dass auf hierarchielose Organisation via Kommunenbildung setzt, tatsächlich in der Lage sein würde, in einem solchen Aufstand maßgeblich zu sein).
Der erste Abschnitt aber - durch und durch französisch von der Themensetzung bis zum deleuze-houllebecqschen Sprachgebahren - ist ein eindringlich geschriebenes Dokument der Entfremdung angesichts einer Wirtschaftsordnung, die bis in die letzten vermeintlich intimen Refugien menschlicher Existenz (Familie, Sexualität etc.) schon längst erfolgreich vorgedrungen ist. Dies beschreiben sie in sieben Kreisen (Dante, ick hör Dir trapsen), die ich im folgenden auf eine Zitat-Consommé runtergekocht habe. (Die Zwischentitel sind nicht die originalen, sondern von mir.):
Das Ich
Mein Körper gehört mir. Ich bin Ich, Du bist Du und es geht schlecht. Die Personalisierung der Masse. Die Individualisierung aller Bedingungen – des Lebens, der Arbeit, des Unglücks. (…) Es ist nicht das Ich, was bei uns in der Krise ist, sondern die Form, die man uns aufzuzwingen versucht. Es sollen wohl abgegrenzte, wohl getrennte Ichs aus uns gemacht werden, zuordenbar und zählbar nach Qualitäten, kurz: kontrollierbar.
Die Familie
Die Wahrheit ist, dass wir massenhaft aus jeder Zugehörigkeit gerissen wurden, dass wir von nirgendwo mehr herkommen, und dass sich daraus, gleichzeitig mit einer ungewöhnlichen Neigung zum Tourismus, ein nicht zu leugnendes Leiden ergibt. (…) Das Volk von Fremden, in deren Mitte wir leben, als »Gesellschaft« zu bezeichnen, stellt einen derartigen Betrug dar, dass sich sogar die Soziologen überlegen, sich von einem Konzept zu verabschieden, das ein Jahrhundert lang ihr Broterwerb war. Sie bevorzugen heute die Metapher des Netzwerks, um die Art und Weise zu beschreiben, wie sich die kybernetischen Einsamkeiten verbinden, wie sich die schwachen Interaktionen, bekannt unter den Namen »Kollege«, »Kontakt«, »Kumpel«, »Beziehung« oder »Affaire« verknüpfen. Dennoch passiert es, dass diese Netzwerke zu einem Milieu verdampfen, wo man nichts teilt außer Codes und nichts auf dem Spiel steht außer der unaufhörlichen Wiederherstellung einer Identität.
Die Arbeit
Arbeiten bezieht sich heutzutage weniger auf die wirtschaftliche Notwendigkeit, Waren zu produzieren, als auf die politische Notwendigkeit, Produzenten und Konsumenten zu produzieren, um mit allen Mitteln die Ordnung der Arbeit zu retten. Sich selbst zu produzieren ist dabei, zur vorherrschenden Beschäftigung einer Gesellschaft zu werden, in der die Produktion zwecklos geworden ist: wie ein Tischler, dem seine Werkstatt enteignet wurde und der in seiner Verzweiflung beginnt, sich selbst zu hobeln.
Die Metropole
Da war die antike Stadt, die mittelalterliche Stadt oder die moderne Stadt; die metropolitane Stadt gibt es nicht. Die Metropole strebt nach der Synthese aller Territorien. In ihr lebt alles zusammen, weniger im geographischen Sinn, als durch Verwebung ihrer Netzwerke. (…) Ihre netzartige Struktur, all ihre technologische Infrastruktur der Knoten und Verbindungen, ihre dezentralisierte Architektur möchte die Metropole vor den unvermeidlichen Betriebsstörungen schützen. Das Internet muss einem nuklearen Angriff standhalten. Die permanente Kontrolle der Flüsse von Informationen, Menschen und Waren muss die metropolitane Mobilität sichern, die Rückverfolgbarkeit, sicherstellen, dass niemals eine Palette im Warenbestand fehlt, dass niemals ein gestohlener Geldschein auf dem Markt zu finden ist oder ein Terrorist im Flugzeug. Dank einem RFID-Chip, einem biometrischen Pass, einer DNA-Datenbank.
Die Wirtschaft
Wir hatten uns doch ganz schön dran gewöhnt, an die Wirtschaft. Seit Generationen werden wir diszipliniert, befriedet, wurden aus uns Untertanen gemacht, auf natürliche Art produktiv, zufrieden mit dem Konsum. Und dann enthüllt sich alles, das wir uns bemüht hatten zu vergessen: dass die Wirtschaft eine Politik ist. Und dass diese Politik heute eine Politik der Selektion der Menschheit ist, die in ihrer Masse überflüssig geworden ist. (…) Die einzige Alternative zur vorrückenden Apokalypse: zurücknehmen. Konsumieren und weniger produzieren. Mit Freuden genügsam werden. Bio essen, mit dem Fahrrad fahren, aufhören zu rauchen und alle Produkte streng kontrollieren, die gekauft werden. Sich mit dem absolut Nötigen zufrieden geben. Freiwillige Anspruchslosigkeit. (…) Man zelebriert die Kommunion im berechtigten Gefühl, eine neue Menschheit zu bilden, die weiseste, raffinierteste, die letzte. Und man hat recht. Apple und die Wachstumsrücknahme sind sich erstaunlich einig über die Zivilisation der Zukunft. Die Idee der einen, von der Rückkehr zur Wirtschaft von einst, ist der günstige Nebel, in dem die Idee der anderen vom großen technologischen Sprung voranschreitet.
Die Umwelt
Geben wir es zu: diese ganze »Katastrophe«, mit der man uns so laut unterhält, berührt uns nicht. Zumindest nicht, bevor sie uns mit einer ihrer vorhersehbaren Konsequenzen schlägt. Sie betrifft uns vielleicht, aber sie berührt uns nicht. Und das gerade ist die Katastrophe. Es gibt keine »Umweltkatastrophe«. Jene Katastrophe ist die Umwelt. Die Umwelt ist das, was dem Menschen bleibt, wenn er alles verloren hat. (…) Was sich als Umwelt herauskristallisiert, ist ein Verhältnis zur Welt, das auf Verwaltung, also auf Fremdheit aufbaut. (…) Die Situation ist folgende: man hat sich unserer Eltern bedient, um diese Welt zu zerstören, nun möchte man uns an ihrem Wiederaufbau arbeiten lassen, und der soll noch dazu profitabel sein. (…) Wer behauptet, dass die verallgemeinerte Selbstkontrolle uns das Erleiden einer Umweltdiktatur ersparen wird, lügt: das Eine wird das Andere in die Wege leiten und wir werden beides kriegen.
Die Zivilisation
Das Abendland hat sich als besondere Zivilisation geopfert, um sich als universelle Kultur durchzusetzen. Das Vorgehen lässt sich wie folgt zusammenfassen: Ein im Sterben liegendes Gebilde opfert sich als Inhalt, um als Form zu überleben. Das in tausend Teile zerbrochene Individuum rettet sich dank der »spirituellen« Technik des Coaching als Form. (…) Der abendländische Imperialismus ist heute jener des Relativismus der »Sichtweise«, der böse Blick aus dem Augenwinkel, oder das verletzte Protestieren gegen alles, was dumm genug, primitiv genug oder selbstgefällig genug ist, um noch an etwas zu glauben, für irgendetwas einzustehen. Er ist jener Dogmatismus der Fragestellung, des komplizenhaften Augenzwinkern der universitären und literarischen Intelligentsia. Keine Kritik ist den postmodernen Denkern zu radikal, solange sie ein Nichts an Gewissheit umhüllt. Noch vor einem Jahrhundert lag der Skandal in jeder etwas auffälligen Verneinung, heute liegt er in jeder unerschütterlichen Behauptung.