Monatsarchiv für Dezember 2010

 
 

Nordharz/Nordwinter

89 Tage dauert so ein Winter auf der Nordhalbkugel; für meinen Geschmack etwa 59 zu viel. Denn leider sind nicht alle Tage so hübsch anzuschauen wie zum Beispiel die letzten beiden im Nordharz.

thorstena zwanzigzehn

Einige entzwirbelte Themenstränge des vergangenen Jahres, pur und ohne zeitlich weiter reichende Verknüpfung oder Einordnung:

Im Januar reiben sich noch alle an Frank Schirrmachers Wir-werden-uns-der-autoritären-Herrschaft-der-Maschinen-unterwerfen-Szenario, wobei eingewendet wird, dass Kulturpessimismus gegen Risiken und Nebenwirkungen des Internet nichts ausrichtet: Von einer wirksamen, rechtlich zugesicherten Teilhabe an der (Netz-)Politik hänge vielmehr alles ab - gerade weil kumulierte Daten gut zur Menschenkontrolle taugten. Dummerweise spricht just zu diesem Zeitpunkt Mark Zuckerberg vom Ende der Privatsphäre und befürwortet so ein zunehmendes Machtgefälle zwischen Datensammlern und -lieferern, was zunächst selbst techaffine Kommentatoren in den USA anmaßend bis scheinheilig finden. Es droht so etwas wie das Drama der Selbstrepräsentation in einer mentalkapitalistischen Aufmerksamkeitserheischungskultur, deren ökonomische Triebfeder die Werbeindustrie ist (siehe Grafik/Quelle: facebook).

Im Februar und im März wächst (I, II, III) der Unmut über die Internetionalisierungsdebattendefizite in deutscher Sprache. Gleichzeitig kommt eine Art technoider Determinismus en vogue: “Alles, was technisch machbar und auf diese Weise ökonomisch verwertbar ist, sollte auch stattfinden.” Also genau das, was Zuckerberg von Facebook und auch Schmidt von Google so gerne hätten.

Dann folgt die Bloggermesse re:publica im April, auf der Peter Kruse mit seiner Vision der politischen Partizipation via Netzwerke zum Posteronkel der Netzgemeinde hochgejazzt wird. Insgesamt profitiert die re:publica aber eher von den Anregungen internationaler Gäste - solchen Leuten wie Tim Wu beispielsweise, der anmerkt, dass Zensur in den westlichen Gesellschaften inzwischen eher von der Wirtschaft (Private Censorship) als vom Staat ausgehe. Die deutschsprachige Blogosphäre bekommt dagegen in der FAZ ein (vorzeitiges) Begräbnis erster Klasse bzw. wird von Marcus Jauer ungespitzt mäßig recherchiert in den Boden gerammt geschrieben.

Nach der re:publica schwant im Mai dann einigen, dass Posteronkel Kruse bei aller Expertise mitunter auch heiße Luft in die Öffentlichkeit hinauspustet. Sein Konzept, dass das Netz ein Kulturraum sei, eine Art achter Kontinent, auf dem “Digital Residents” und “Digital Visitors” und damit zwei Gruppen mit völlig gegensätzlichen Wertmaßstäben lebten, bleibt umstritten. Es wird ihm aber zugute gehalten, dass er mit diesem Konzept vor allem die Chancen einer digitalisierten Gesellschaft betont.

Im Juni fordert Martin Lindner dann die Cluetrainisierung Kruses ein - im Grunde also eine klarere Orientierung am Dialog mit Hilfe der neuen Kommunikationsmedien - und fragt sich nebenbei, warum professionelle Interneterklärer hierzulande freakig aussehen müssen (Lobo, Sixtus). Auf der Suche nach Knotenpunkten im Netz schaut er auf Blogger, die vor allem sprachlich, aber auch von der grundsätzlichen Herangehensweise her, den deutschen Webdiskurs weiterbringen könnten: “Tenor: Eine deutsche Websprache mit ganz eigenem Zungenschlag sei bislang nur in Ansätzen zu erkennen”, zum Beispiel bei Christian Heller, Michael Seemann, Felix Neumann und Markus Spath.

Im Juli stellt sich die Frage, was genau an der Cognitive-Surplus-These Clay Shirkys eigentlich neu ist: “Das Positive an den neuen Medien sehen, ihren emanzipatorischen Charakter betonen und hintenraus utopisch angehauchte Gesellschaftsmodelle am Horizont heraufziehen sehen: Das ist eine historische Haltung, die Intellektuelle schon immer gerne eingenommen haben.” (Ein re-gelesenes Büchlein Vilém Flussers bestätigt, dass Shirky alten Wein in neuen Schläuchen verkauft, sich das Web jeden Funken Theorie ausgetrieben hat (Spath), vielerorts im Internet lediglich “eine Kultur der Mittelmäßigkeit (…) – viele Kilometer breit, aber nur ein paar Zentimeter tief” (Carr) existiert.)

Im August mehren sich die Zweifel, ob die Nutzer über wirkmächtige Hebel verfügen, um gegenüber Politik und Wirtschaft die vermeintliche Neutralität des Internets zu verteidigen. Gleichzeitig zeigt Stuttgart 21, dass Protestpotential nicht nur in mehr oder weniger tolerierten Subkulturen, sondern auch bis in strukturkonservative, bürgerliche Milieus hinein vorhanden ist. Und beim Thema Streetview darf man noch die Meinung vertreten, dass die Monopolisierung des öffentlichen Raumes durch Unternehmen wie Google ebenso wenig eine begrüßenswerte Alternative sein sollte wie willkürliche staatliche Regulierung, ohne persönlich beleidigt zu werden. (Noch.)

Im September rücken einerseits massenpsychologische Phänomene ins Blickfeld: Rückkopplungseffekte in der digitalen Aufmerksamkeitserheischungskultur, die durchaus unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt (zB Shitstorms) Diskurse bestimmen können. Andererseits gibt es immer noch genug Leute, die digitalem Aktivismus und seinen Möglichkeiten skeptisch gegenüberstehen. (Am meisten Wirbel entfachte Malcom Gladwell mit seinem Text “Why the revolution will not be tweeted”.)

Unterdessen ist die Streetview-Debatte so ausgeufert, dass man sich im Oktober bereits fragen muss, ob das Netz nicht zu einer Skandalausspuckmaschine geworden ist, die nach immer heftigeren Skandalen verlangt. Und um letztendlich Langeweile zu verbreiten.

Wie das geht, führen dann Jens Best und wieder Seemann im November in Sachen Streetview vor, indem sie alle bislang geltenden (ungeschriebenen) Regeln der Diskussion im Netz konsequent in Richtung Vollpolemik verschieben. Wobei sie da mit Benedikt Köhler Freiheit (bzw. Öffentlichkeit) mit Freibier (bzw. Googles Datenbank) in einen Topf schmeißen. Und der Plot des Films “The Social Network” besteht darin, dass Facebooks Technologie im Grunde nichts Neues heraufbeschworen hat, sondern lediglich abbildet, was im Mikrokosmos einer renommierten US-Universität auf der sozialen Ebene bereits vorhanden war.

Ein Knall dann im Dezember: Wikileaks. Julian Assange, die “Single Person Organization”, ist “mit Klatsch und Tratsch aus diplomatischen Kreisen” im Bewußtsein des gesellschaftlichen Mainstreams und damit das Internet als Ganzes endgültig in der nationalen und internationalen Politik angekommen.

Mit Wikileaks könnte sich ein durchwachsenes Zwanzigzehn im Nachhinein ganz schnell als richtig wichtiges Jahr entpuppen.

Tanzeinlage XXXIII

An den 1980er Jahren hat mich einiges irritiert, vor allem aber diese merkwürdige Mode, die Hosen bis unter die Achselhaare hochzuziehen.

(via boing boing)

Lawinengefahr

Neulich bemerkte ein alter Bekannter, der die vergangenen zehn Jahre im Ausland verbracht hat, Deutschland habe sich irgendwie verändert. Vieles funktioniere nicht mehr so reibungslos wie früher - ob das nun der öffentliche Personenverkehr sei, behördliche Abläufe oder sonstwas. Von einem allgemeinen Willen zur Perfektion in Deutschland 2010 sei jedenfalls nicht mehr viel zu spüren.

Daran musste ich denken, als ich neulich dieses Schild in einer Berliner Grundschule sah, das Erst- bis ViertSechstklässler dazu anhält, der sekündlich drohenden Dachlawine per Hechtsprung aus dem Gebäude zu entkommen. Da meines Wissens die Schneemassen inzwischen vom Dach geräumt sind und kein Kind zu Schaden kam, ist das einen Schmunzler wert.

Wurstsalat

Was es im Grunde bedeutet, dass die Menschheit so etwas Merkwürdiges wie das Internet erfunden hat, ist ebenso schwer zu fassen wie umstritten. Insofern ist der Versuch Markus Spaths, die Bedeutung des Internets in Worte zu fassen allein deshalb spektakulär, weil er dafür gerade mal 14 derselben benötigt:

Das Web ist ein System, das es anderen Systemen ermöglicht, füreinander Umwelt zu sein.

Wobei, bei aller systemanalytischer Betrachtung, am Ende der Wurst immer ein Mensch stecke, schreibt Spath.

In einem Blogpost auf der Website der American Civil Liberties Union wird nun das Ende der Wurst ins Zentrum gerückt und eine Grafik aus einer Studie der US-amerikanischen Federal Trade Commission (pdf) zum Thema Privatsphäre (bzw. privacy) präsentiert. Diese zeigt anschaulich, wer welche personengebundenen Informationen über Internetnutzer zu welchem Zweck sammelt:

Fazit: “In concentric circles it explains the information ecology and reminds us that the flow of information about every one of us is largely unregulated.”

Ein schräges Leck

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass Wikileaks weder mit wirklich geheimen noch mit wahrhaft brisanten Daten mitten im Bewußtsein des gesellschaftlichen Mainstreams angekommen ist - sondern mit Klatsch und Tratsch aus diplomatischen Kreisen. Aber die Informationen zu Gaddafis üppiger Krankenschwester, Westerwelles überkandideltem Ego und Guttenbergs skrupelloser Dienstbarkeit haben vielen eine sehr plastische Vorstellung von den Möglichkeiten des Internets verschafft.

Man ahnt nun, was da noch kommen könnte, und glaubt denjenigen, die sagen, Wikileaks sei erst der Anfang. Vielmehr: Das Prinzip Wikileaks, das digitale Whistleblowing, sei erst der Anfang. (Und wenn man Assange so zuhört und ihm glaubt, was er sagt, dann ist allein von Wikileaks noch einiges zu erwarten; die US-Regierung kann ja schlecht alle Server dieser Welt von ihm fernhalten.)

Bleibt vorerst die Frage, welche Motive Wikileaks oder besser gesagt Assange wirklich hat, der ja laut Geert Lovink eine “typische Single Person Organization” ist. Niklas Hofmann hat sich in dieser Frage für die Süddeutsche Zeitung auf Spurensuche begeben und verortet Assanges Wertesystem irgendwo zwischen Anarchismus, Hackerehre, Aktionswillen - und zitiert ihn unter anderem mit einer Passage aus seinem (inzwischen verwaisten) Blog:

Je geheimniskrämerischer und ungerechter eine Organisation ist, desto mehr lösen Lecks bei ihrer Führung und in ihren Planungszirkeln Angst und Paranoia aus. Das muss zu einer Minimierung der effizienten internen Kommunikationsmechanismen (und einem Anstieg der kognitiven ,Kosten der Geheimhaltung’) führen, sowie zu einem daraus folgenden systemumfassenden kognitiven Rückbau, der wiederum dazu führt, dass ihre Fähigkeit, sich an der Macht zu halten abnimmt, da die Außenwelt ihnen Anpassung abverlangt.

Insofern, so Hofmann, sei Assange vom Nihilismus weit entfernt, sondern es gehe ihm vor allem um eine “radikale Veröffentlichung des Herrschaftswissens”, um vermeintlich illegitime Autoritäten zu schwächen.

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