Monatsarchiv für Februar 2011

 
 

parole parole

Da man sich dieser Tage dem Thema Guttenberg ohnehin nicht entziehen kann, erlaube ich mir, den derzeitigen Stand der Diskussion metaphorisch aufzubereiten: Mina Lupo macht ihrem Theodor Alberto klar, was sie von seinen Ausflüchten hält: alles leere Worte, parole parole eben.

Wagner hat unrecht

Gut. Wer A sagt, muss auch B sagen: Während Franz-Josef Wagner mit seiner ersten Guttenberg-Kolumne einen Ton traf, der mich zu einem Rant über die Verhältnismäßigkeit der Mittel in der politischen Bekämpfung des Barons trieb, ist seine zweite Kolumne zu einer unappetitlichen PR-Mitteilung seines Stammblattes geraten.

Was soll dieser Mann für seine Ehre tun?“, fragt Wagner rhetorisch, bringt aber die naheliegende Antwort - z u r ü c k t r e t e n - gar nicht erst ins Spiel.

Was mir aber nach wie vor Bauch- und Kopfschmerzen bereitet, ist die Gleichsetzung der proguttenbergschen Bildkampagne mit dem Willen “des Volkes” auf der Basis fadenscheiniger und pseudorepräsentativer Meinungsumfragen.

Das ist ja ganz praktisch für die Selbstbestätigung der intellektuellen Elite des Landes, weil sie den Fall Guttenberg als Zäsur für die politische Kultur des Landes und weiteres Indiz für fortschreitenden gesellschaftlichen Verfall deuten kann. Der Preis dafür ist allerdings die kampflose argumentationslose Aufgabe des so genannten gesellschaftlichen Mainstreams, der der Sucht nach Populismus bezichtigt wird. (Der “Masse” trauen die Intellektuellen nicht; sie haben es nie getan, und immer ging es dabei auch um Abgrenzung.)

Übrigens: Was bislang fehlt in diesem ganzen Artikel-, Kommentar- und Blogpost-Gewitter, ist ein Stück, das ernsthaft auf die Frage zu antworten versucht, warum Guttenberg überhaupt (und der Fall Guttenberg im Speziellen) so gut ankommt. Und was das über Einstellungen zur Politik und zur gesellschaftlichen Verfasstheit aussagt.

Nachtrag: Michalis Pantelouris hat einen solchen Text geschrieben.

Indignez-vous!

Nur wenige Seiten lang ist das Traktat Stéphane Hessels, mit dem der in Berlin geborene Franzose und ehemalige Widerstandskämpfer gegen die Nazis für Furore gesorgt hat. Dabei ist das, was der 93-jährige zu sagen hat, weder neu noch besonders originell (also kennen auch die Franzosen so etwas wie den Helmut-Schmidt-Effekt): Die Empörung sei es ganz im Gegensatz zur Gleichgültigkeit, die Engagement gegen nicht hinnehmbare gesellschaftliche Zustände überhaupt erst ermögliche. Hessel schreibt:

Man wagt uns zu sagen, der Staat könne die Kosten sozialer Errungenschaften nicht mehr tragen. Aber wie kann heute das Geld dafür fehlen, da doch der Wohlstand so viel größer ist als zur Zeit der Befreiung, als Europa in Trümmern lag? Doch nur deshalb, weil die Macht des Geldes (…) niemals so groß, so anmaßend, so egoistisch war wie heute (…). Noch nie war der Abstand zwischen den Ärmsten und den Reichsten so groß. Noch niemals war der Kampf um das goldene Kalb - Geld, Konkurrenz - so entfesselt. (…)

Um wahrzunehmen, dass es in dieser Welt auch unerträglich zugeht, muss man genau hinsehen, muss man suchen. Ich sage den Jungen: Wenn ihr sucht, werdet ihr finden. ‘Ohne mich’ ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann. Den ‘Ohne mich’-Typen ist eines der absolut konstitutiven Merkmale des Menschen abhanden gekommen: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement.

Wagner hat recht

Scheiß auf den Doktor” hat Bild-Kolumnist und Boulevard-Urgestein Franz-Josef Wagner geschrieben, und damit hat er seinen Job als emotionales Pulsband des Volkes richtig gut erledigt. Denn, machen wir uns nichts vor: Der allgemeinen Beliebtheit des Stand-by–Doktoren und Freiherrn Karl-Theodor von und zu Guttenberg wird der Vorwurf, er habe seine Promotionsschrift abgekupfert oder gar abkupfern lassen, keinen Abbruch tun.

Das Dumme ist, dass Wagner das (womöglich gar nicht aus eigener Feder stammende) Plagiat mit seinem flapsigen Spruch zwar verharmlost, aber (womöglich ungewollt, aber wer weiß) damit irgendwie doch an der Verhältnismäßigkeit der Mittel zweifelt, die gegen Guttenberg angewendet werden.

Immerhin steht Dr. Aalglatt seit Monaten im Fokus, hat bundeswehrreformmäßig nicht viel vorzuweisen, fährt in Sachen Krieg in Afghanistan eine Salamikommunikationstaktik, garniert diese mit Kerner am Hindukusch und bedauert gegenüber der US-Diplomatie, dass er gerne mehr Menschenmaterial in den erwähnten Krieg geschickt hätte als Westerwave bereit war zu gewähren. (Bislang haben das von den deutschlandweit berichtenden Zeitungen und Zeitschriften online bislang lediglich die taz und die Zeit einigermaßen klargestellt.)

Allein deshalb ist es zwiespältig, dass er nicht etwa auf der Kippe steht, weil er politisch fragwürdig wäre, sondern weil er sich seinen kack Doktor, der ihm wahrscheinlich aus familiären Erwartungen und karrieretechnischen Emo-Zwängen notwendig erschien, erschlichen und für diesen Mist auch noch ein summa cum laude erhalten haben könnte.

Deshalb: Scheiß auf den Doktor. Wagner hat recht.

betriebsblind und/oder kommerzgetrieben

Keine Ahnung, ob das Zufall ist oder mehr als das, aber in den vergangenen Wochen bin ich des öfteren auf die Behauptung gestoßen, im Umfeld des Web 2.0 gebe es keine Ideale. Überhaupt sei die Generation, die das Internet als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Lebenswirklichkeit sieht, tendenziell wenig idealistisch.

Da nach meiner Wahrnehmung besonders gerne die Hardcore-Digitalisten auf dieser Behauptung bestehen, kann ich daraus nur zweierlei schließen: Entweder sind da einige Jungs betriebsblind oder sie haben - bewusst oder unbewusst - die Marketingstrategien der ITK-Wirtschaft bereits soweit verinnerlicht, dass sie im Stadium kommerzgetriebener Sprechautomatismen angekommen sind. (Oder beides.)

Nehmen wir das Beispiel der Hackerethik. Felix Neumann hat einmal den Begriff Hacken anhand des (seinerzeit vorläufigen) Kodexes der Piratenpartei erklärt und zitiert:

Mit “System hacken” meint man nicht, dass es zerstört wird, sondern einfach nur komplett verstanden. Erst wenn man ein System komplett versteht, sieht man die Schwachstellen/Fehler.

Es ist schon erstaunlich, dass einige Webaktivisten sich offenbar noch nicht einmal an die elementaren Punkte der Hackerethik erinnern mögen. Denn von den Grundsätzen dieser Ethik (etwa Freiheit der Informationen oder Ideal der Wissensteilung) dürften zweifelsohne auch die Webzwonuller etwas mitgenommen haben. (Wobei natürlich klar ist: Wer selbst am liebsten viele bestehende Werte über Bord werfen will, der dürfte nicht gerne an die eigenen erinnert werden. Das macht angreifbar, und mit Kritik haben es einige Vertreter unserer selbsternannten Digitalelite ja nicht so.)

Ein positives Beispiel in dieser Hinsicht ist für mich Constanze Kurz, Wissenschaftlerin an der HU Berlin und Sprecherin des Chaos Computer Clubs - eben eine Person aus Fleisch und Blut, die über Technik sprechen will, dies aber tiefenentspannt und geerdet auf der Basis eines bestehenden und individuell durchwirkten Wertesystems tut. Wie man im Folgenden Video gut beobachten kann, hilft das offensichtlich, den Humor zu bewahren und weder sich noch die Technik zu überschätzen. Sehr sympathisch.

(Via Netzpolitik und auch Spreeblick; das Interview ist übrigens eines aus dem Berliner “Video-Interview-Magazin” Folge, das einen näheren Blick lohnt.)

Boulevard V

“Die Revolution - wir haben sie so sehr geliebt”, sagte einmal Daniel Cohn-Bendit in der Retrospektive über die aufregenderen Tage seines Lebens irgendwann um das Jahr 1968 herum. Also bevor er dank seines Privilegs der Zweisprachigkeit und doppelten Staatsangehörigkeit wahlweise in Deutschland oder in Frankreich fürs elaborierte Polit-Schwafeln Honorar bekam und bekommt - und schon lange lange Teil des politischen Establishments geworden ist.

Dass Intellektuelle oder Menschen, die sich für Intellektuelle halten, gerne und häufig politische Rohrkrepierer vom Allerfeinsten sind, wird übrigens selbst von Geistesmenschen wahrer Größe nicht bestritten: Hannah Arendt etwa sagte einmal, dass gerade die gebildete Schicht in Deutschland nach 1933 besonders nazi-willfährig gewesen sei und sich von jüdischen Freunden und Kollegen mit einer außerordentlich bemerkenswerten Konsequenz abgewendet habe, weil es eben gerade die Intellektuellen seien, die sich mit ihren feinziselierten Gehirnwindungen irgendwie alles alles alles vorstellen könnten.

Aber gut, ist schon eine ganze Weile her. Und die Ägypter, die in den vergangenen Wochen nun wahrlich etwas riskiert und erreicht haben, werden es uns schon nicht übel nehmen, dass sich einige Webaktivisten an diese Bewegung virtuell ranschleimen und salonrevolutionäre Phrasen raushauen. Ist ja schließlich die internationalistische Digitalbohème, zu der wir alle gehören; da macht es eigentlich keinen großen Unterschied mehr, ob wir in einer reformbedürftigen Demokratie oder in einem langjährigen autoritären Regime leben, das tagtäglich und systematisch Menschenrechtsverletzungen beging.

Und wenn wir den tumben Mainstream, der sich zum Beispiel in Stuttgart frierend vor eine Bahnhofsbaustelle stellt und (wenn schon nicht mehr geht) einige Bäume retten möchte - wenn wir also diesen bescheuerten Mainstream, der noch nicht mal Bourdieu gelesen hat und auch ansonsten sowas von ungebildet ist, nicht davon überzeugen können, uns täglich mit Honigmelonen zu versorgen, dann…

Dann finden wir das ganz schön doof. Aber wirklich.

Tanzeinlage XXXVI

Tanzt, tanzt - sonst sind wir verloren.

Pina Bausch (via fnart.org)

Hyperindividuell

Ich würde nicht unbedingt allen Ernstes sagen, dass emergent das neue originell ist. Aber der Begriff Emergenz - das Herausbilden neuer Eigenschaften eines Systems durch das Zusammenspiel der Elemente desselben - ist schon schwer in Mode und wird IMHO häufig geradezu synonym mit dem altbackenen Begriff der Originalität gebraucht.

Richard Senett weist in seiner Abhandlung Handwerk darauf hin, dass der Begriff der Originalität eine zeitliche Dimension hat:

‘Originalität’ hat seinen Ursprung in dem griechischen Wort poesis, das Platon und andere im Sinne von ‘etwas, wo vorher nichts war’, verwendeten. Originalität setzt eine zeitliche Markierung. Plötzlich erscheint etwas, wo vorher nichts war (…). In der Renaissance verband man das plötzliche Entstehen von etwas mit der Kunst - oder, wenn man so will, dem Genie - eines Individuums.

Mit einigen wenigen Umstellungen könnte man das auch vom Begriff der Emergenz behaupten - der ja ebenfalls von seiner zeitlichen Dimension, dem Vorher und dem Nachher, lebt:

Emergenz‘ ist abgeleitet vom lateinischen emergere (auftauchen lassen, auftauchen, entstehen). Emergenz setzt eine zeitliche Markierung. Plötzlich erscheint etwas, wo vorher nichts war (…). Im Informationszeitalter verbindet man das plötzliche Entstehen von etwas mit dem Netzwerk - oder, wenn man so will, der Intelligenz - eines Kollektivs.

Andererseits wird damit auch deutlich, wo die Unterschiede zwischen diesen beiden “Konzepten” im Kern liegen: Während die Renaissance vor allem dem Künstler - als Individuum in seiner höchsten Ausprägung - Originalität zuschrieb, setzen die Vordenker des Informationszeitalters auf Netzwerkeffekte, in denen das Individuum lediglich als Teil eines aus vielen Individuen bestehenden, sozusagen hyperindividuellen Datensatzes vorkommt - und ettikettieren diese Effekte gerne mit dem Modewörtchen emergent.

Dafür also diese ganze Haar- und Wortspalterei: Ich denke, wir befinden uns gerade in einer neuen Phase der Quantifizierung dieser Welt. Und an deren extremen Enden wird wertemäßig vor dem Menschen kaum haltgemacht werden: Ich bin gespannt, welcher technoide Determinist als erster darüber nachdenken wird, ob das strafrechtliche Quantifizierungsverbot eigentlich überhaupt noch Sinn ergibt.

Machen wir uns nichts vor XXVIII

Das Web ist im Tiefsten seiner digitalen Seele Anarchie pur. Die Herrscher (aus Politik und Kommerz) machen, was sie am besten können. In allen Staaten mit demokratischen Strukturen, versuchen Struktur-Technokraten der Anarchie einen Riegel vorzusetzen. Wer Freiheit predigt, sollte gut genug wissen, dass Freiheit immer mehrere Seiten hat. Je größer die Abhängigkeit von einem Freiheits-Infrastruktur-Bereitsteller ist, desto größer ist die Gefahr, in Gefangenschaft zu geraten. Und das ist beim WWW der Fall.

Roman Geyer

(Das ist doch mal ein Kommentar mit Schmackes; wobei das jetzt nicht der eigentliche Grund ist, warum ich diesen hiermit hervorhebe, es ist eher ein Reflex auf den vorvorherigen Blogpost und meinen geistigen Ausflug in die Internet-Revolution-Debatte, während dem ich in der webaktivistischen Ecke auch auf die Bemerkung gestoßen bin, dass Google und Twitter so etwas wie natürliche politische Verbündete auf dem Weg in die bzw. beim Erhalt der Freiheit seien. (Ich hab kein großes Problem mit US-amerikanischen Internetunternehmen; aber diese Annahme ist wirklich unglaublich naiv. Jedenfalls glaube ich, dass die Menschen sich nicht auf die Hilfe “der Wirtschaft” verlassen sollten, sofern es um Freiheiten geht.)

The revolution will be live

The revolution will not be retweeted televised (Gil Scott-Heron/1970; der Songtitel dürfte Malcolm Gladwell auf die Idee zu der Überschrift seines umstrittenen Artikels über das revolutionäre Potenzial sozialer Netzwerke gebracht haben.)


The Revolution Will Not Be Televised
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