Kreativität und Schwerkraft
Kurz nachdem ich hier Richard Sennetts Abhandlung zum Handwerk kommentiert hatte, eröffnete der Mann mit einem Vortrag die Bodybits-Reihe im Berliner Haus der Kulturen der Welt (Filme, Lectures, Panels zum Thema “Analoge Körper in digitalen Zeiten”). Ich bin dann da hin, und obwohl Sennett lediglich das näher ausführte, was er zuvor in der Zeit (Text ist leider nicht online) veröffentlicht hatte, war es natürlich ein Vergnügen, ihn leibhaftig zu sehen und zu hören.
Sennett variierte sein Kernthema, die menschliche Entfremdung in der kapitalistischen Arbeitswelt, indem er darauf hinwies, dass die Menschen in den westlichen Demokratien bislang viel zu wenig aus den technologischen Möglichkeiten machten, die zur Verfügung stehen, um ihre Gesellschaften zu modernisieren. Damit bestätige sich die alte Grundregel, wonach die Menschen allgemein zur Vereinfachung gerade der sozialen Beziehungen neigen, je komplexer die eingesetzten Technologien sind, sagte Sennett.
Der große Vereinfacher des Kapitalismus ist für ihn die Ungleichheit, die in den Unternehmen durch Hierarchien und Bürokratisierung hergestellt wird. Mit der unangenehmen Folge, dass sich “die da unten” mit “denen da oben” nicht austauschen können, obwohl sie oft schlauer sind. Denn Ideen, auch da spricht Sennett von einer alten Regel, würden nun einmal eher unten als oben entstehen bzw. in der Frühphase eines Unternehmens, und nicht, nachdem es sich bereits etabliert hat.
Das ist für mich der Kern des Unbehagens, den nicht nur Sennett bei der zunehmenden Quantifizierung dieser Welt verspürt: Dass sich das ewige Konkurrenzverhältnis zwischen dem Allgemeinen (dem statistischen Mittelwert, dem Qualitätsstandard, der Messung) und dem Besonderen (der individuellen menschlichen Erfahrung) einseitig zugunsten des ersteren gewendet hat.
Denn das, so Sennett, sei nicht allein ein Problem für die Wirtschaftsform, die diese Ungleichheit produziert. Es sei vor allem ein Problem für die Aufgabe, Wissen zu vermitteln und herzustellen - schlichtweg also der eigentliche Grund, warum wir gesellschaftlich hinter unseren technologischen Möglichkeiten hinterherhinken.
Wie Kreativität bzw. ein Intuitionssprung in der Praxis entsteht, warum Ideen der Schwerkraft nicht entgehen und Innovationen auf dem Wege vom Besonderen zum Allgemeinen und nicht umgekehrt (Induktion vs. Deduktion) entstehen, erklärt Sennett im angesprochenen Buch:
[W]ir können ganz konkret darstellen, wie ein Sprung in unserem Vorstellungsvermögen erfolgt: nämlich in vier Schritten. (…)
Die Phantasie beginnt mit dem Gefühl, dass etwas, das nicht ist, doch sein könnte. Wie spüren wir das? Beim technischen Können gründet das Gespür für Möglichkeiten in der frustrierenden Erfahrung der Beschränktheit eines Werkzeug, oder es wird durch dessen unerprobte Möglichkeiten ausgelöst. (…)
Wie organisiert nun der Gebrauch eines Werkzeugs diese Möglichkeiten? Im ersten Schritt zerbrechen wir die Prägeform des vorgegebenen Zwecks. (…) Wir können diesen (…) Schritt als Umformatierung bezeichnen. (…) Umformatierung ist nicht mehr und nicht weniger als die Bereitschaft, zu erproben, ob ein Werkzeug oder ein Verfahren sich in anderer Weise verwenden lässt.
Beim zweiten Schritt eines in der Phantasie vollzogenen Sprungs werden zwei Dinge einander angenähert. Zwei verschiedenartige Bereiche werden in enge Verbindung gebracht, und je enger die Verbindung erscheint, desto anregender die gleichzeitige Präsenz. (…)
Der eigentliche gedankliche Sprung über die Bereichsgrenzen hinweg erfolgt dann in zwei weiteren Schritten. Während man diesen Vergleich anstellt, weiß man noch nicht, was man damit anfängt. In diesem dritten Schritt beginnt man, zur Durchführung des Vergleichs impliziten Wissens ins Bewusstsein zu holen - und man ist überrascht. Überrascht sein heißt erkennen, dass etwas, das man zu wissen glaubte, auch anders sein kann, als man annahm. Viele Technologietransfers, die eigentlich nur die Übertragung eines Verfahrens auf einen anderen Bereich sein sollten, führen gerade in diesem dritten Schritt zur Erleuchtung. (…)
Der letzte Schritt ist die Erkenntnis, dass auch ein in der Vorstellung vollzogener Sprung nicht der Schwerkraft entgeht, hat noch weiter reichende Bedeutung, denn sie korrigiert eine weit verbreitete Illusion hinsichtlich des Technologietransfers, die Vorstellung nämlich, der Import eines Verfahrens werde ein vertracktes Problem lösen. (…)
[E]s fragt sich, warum man diesen kumulativen Vorgang als Intuitionssprung bezeichnen soll. Haben wir es nicht einfach mit logischem Denken zu tun? Es handelt sich in der Tat um einen logischen Schluss, allerdings nicht um Deduktion, sondern um eine spezielle Form der Induktion. (…) Der Intuitionssprung passt nicht recht ins Muster deduktiven, syllogistischen Denkens.





