Monatsarchiv für März 2011

 
 

Kreativität und Schwerkraft

Kurz nachdem ich hier Richard Sennetts Abhandlung zum Handwerk kommentiert hatte, eröffnete der Mann mit einem Vortrag die Bodybits-Reihe im Berliner Haus der Kulturen der Welt (Filme, Lectures, Panels zum Thema “Analoge Körper in digitalen Zeiten”). Ich bin dann da hin, und obwohl Sennett lediglich das näher ausführte, was er zuvor in der Zeit (Text ist leider nicht online) veröffentlicht hatte, war es natürlich ein Vergnügen, ihn leibhaftig zu sehen und zu hören.

Sennett variierte sein Kernthema, die menschliche Entfremdung in der kapitalistischen Arbeitswelt, indem er darauf hinwies, dass die Menschen in den westlichen Demokratien bislang viel zu wenig aus den technologischen Möglichkeiten machten, die zur Verfügung stehen, um ihre Gesellschaften zu modernisieren. Damit bestätige sich die alte Grundregel, wonach die Menschen allgemein zur Vereinfachung gerade der sozialen Beziehungen neigen, je komplexer die eingesetzten Technologien sind, sagte Sennett.

Der große Vereinfacher des Kapitalismus ist für ihn die Ungleichheit, die in den Unternehmen durch Hierarchien und Bürokratisierung hergestellt wird. Mit der unangenehmen Folge, dass sich “die da unten” mit “denen da oben” nicht austauschen können, obwohl sie oft schlauer sind. Denn Ideen, auch da spricht Sennett von einer alten Regel, würden nun einmal eher unten als oben entstehen bzw. in der Frühphase eines Unternehmens, und nicht, nachdem es sich bereits etabliert hat.

Das ist für mich der Kern des Unbehagens, den nicht nur Sennett bei der zunehmenden Quantifizierung dieser Welt verspürt: Dass sich das ewige Konkurrenzverhältnis zwischen dem Allgemeinen (dem statistischen Mittelwert, dem Qualitätsstandard, der Messung) und dem Besonderen (der individuellen menschlichen Erfahrung) einseitig zugunsten des ersteren gewendet hat.

Denn das, so Sennett, sei nicht allein ein Problem für die Wirtschaftsform, die diese Ungleichheit produziert. Es sei vor allem ein Problem für die Aufgabe, Wissen zu vermitteln und herzustellen - schlichtweg also der eigentliche Grund, warum wir gesellschaftlich hinter unseren technologischen Möglichkeiten hinterherhinken.

Wie Kreativität bzw. ein Intuitionssprung in der Praxis entsteht, warum Ideen der Schwerkraft nicht entgehen und Innovationen auf dem Wege vom Besonderen zum Allgemeinen und nicht umgekehrt (Induktion vs. Deduktion) entstehen, erklärt Sennett im angesprochenen Buch:

[W]ir können ganz konkret darstellen, wie ein Sprung in unserem Vorstellungsvermögen erfolgt: nämlich in vier Schritten. (…)

Die Phantasie beginnt mit dem Gefühl, dass etwas, das nicht ist, doch sein könnte. Wie spüren wir das? Beim technischen Können gründet das Gespür für Möglichkeiten in der frustrierenden Erfahrung der Beschränktheit eines Werkzeug, oder es wird durch dessen unerprobte Möglichkeiten ausgelöst. (…)

Wie organisiert nun der Gebrauch eines Werkzeugs diese Möglichkeiten? Im ersten Schritt zerbrechen wir die Prägeform des vorgegebenen Zwecks. (…) Wir können diesen (…) Schritt als Umformatierung bezeichnen. (…) Umformatierung ist nicht mehr und nicht weniger als die Bereitschaft, zu erproben, ob ein Werkzeug oder ein Verfahren sich in anderer Weise verwenden lässt.

Beim zweiten Schritt eines in der Phantasie vollzogenen Sprungs werden zwei Dinge einander angenähert. Zwei verschiedenartige Bereiche werden in enge Verbindung gebracht, und je enger die Verbindung erscheint, desto anregender die gleichzeitige Präsenz. (…)

Der eigentliche gedankliche Sprung über die Bereichsgrenzen hinweg erfolgt dann in zwei weiteren Schritten. Während man diesen Vergleich anstellt, weiß man noch nicht, was man damit anfängt. In diesem dritten Schritt beginnt man, zur Durchführung des Vergleichs impliziten Wissens ins Bewusstsein zu holen - und man ist überrascht. Überrascht sein heißt erkennen, dass etwas, das man zu wissen glaubte, auch anders sein kann, als man annahm. Viele Technologietransfers, die eigentlich nur die Übertragung eines Verfahrens auf einen anderen Bereich sein sollten, führen gerade in diesem dritten Schritt zur Erleuchtung. (…)

Der letzte Schritt ist die Erkenntnis, dass auch ein in der Vorstellung vollzogener Sprung nicht der Schwerkraft entgeht, hat noch weiter reichende Bedeutung, denn sie korrigiert eine weit verbreitete Illusion hinsichtlich des Technologietransfers, die Vorstellung nämlich, der Import eines Verfahrens werde ein vertracktes Problem lösen. (…)

[E]s fragt sich, warum man diesen kumulativen Vorgang als Intuitionssprung bezeichnen soll. Haben wir es nicht einfach mit logischem Denken zu tun? Es handelt sich in der Tat um einen logischen Schluss, allerdings nicht um Deduktion, sondern um eine spezielle Form der Induktion. (…) Der Intuitionssprung passt nicht recht ins Muster deduktiven, syllogistischen Denkens.

Tanzeinlage XXXVIII

Einfach fantastisch: Hindi-Ghettoblaster-Travolta-Jackson-Dancesmasher aus dem Film Dance Raja Dance (1987).

(via Glaserei/easydreamer)

Zurück zu den Dingen

Blogpost über die Auswüchse expertokratischer Sichtweisen.

Aktueller könnte ein Bucheinstieg angesichts der dahinschmelzenden Atombrennstäbe in Japan nicht sein: Richard Sennett nimmt in “Handwerk” die “Furcht vor selbstzerstörerischen materiellen Erfindungen” zum Anlass darüber nachzudenken, wie man die Menschen dazu bringen könnte, vernünftig und rechtzeitig über die Folgen ihres Tuns zu reflektieren. Denn, das dürfte derzeit klar sein: Allein in die Hände von statistischen Wahrscheinlichkeiten und spröden Technokraten sollte die Menschheit ihr Schicksal lieber nicht legen.

Für Sennett sind es die Technik und die Maschinen, die dem Quantitativen den Vorrang vor dem Qualitativen verschafft haben: In der Werkstatt werden die Dinge von Hand hergestellt, und jedes Produkt ist im Grunde ein Unikat; das notwendige Wissen dazu wird von Person zu Person weitergegeben. In der Fabrik dominiert dagegen die maschinelle Massenproduktion, und Wissensträger sind nicht mehr einzelne Menschen, sondern unpersönliche Pläne, Standards und Maßstäbe.

In dieser Trennung von menschlichen Fertigkeiten auf der einen Seite und Technologie auf der anderen, von individuellen Erfahrungswerten und abstrakten Qualitätsstandards, vom Verhältnis zwischen Menschen und Institutionen generell sieht Sennett den Keim grundlegender Probleme menschlicher Zusammenarbeit. Hier liegen für den US-Soziologen die eigentlichen Gründe, warum so viele Menschen sich von ihrer Arbeit entfremdet haben und darüber unmündig geworden sind bzw. gehalten werden.

Nehmen wir ein beliebiges Beispiel, um das zu illustrieren: Neulich hörte ich von einer Mitarbeiterversammlung in einem mittelständischen Verlagshaus, in der herausgekommen sein soll, dass etwa zwei Drittel der Angestellten unzufrieden mit Job und Betriebsklima sind. Woraufhin ein leitender Angestellter angeregt haben soll, sich doch einmal ähnliche Befragungen vergleichbarer Unternehmen anzuschauen; eventuell sei solch ein Ergebnis ja ganz normal. Das ist doch wirklich ein hübsches Beispiel für gelebte, sich in der Person eines Technokraten spiegelnder Entfremdung. Oder sagen wir so: Die Mitarbeiter dürften sich in diesem Moment irre ernst genommen gefühlt haben.

Nun ist Sennett kein Träumer und auch kein Romantiker: Er verklärt die Werkstatt des Handwerkers nicht, will die Maschinen nicht abschaffen und hat auch keinen revolutionären Gesellschaftsentwurf in der Westentasche. Aber er prangert den Fetisch der so genannten Qualifikationsgesellschaft an, ständig die Klugen von den Dummen trennen zu wollen - einer Gesellschaft, in der es, zum Beispiel bei der Ermittlung des Intelligenzquotienten, lediglich von einer statistischen Standardabweichung abhängen kann, ob man als High Potential oder doch nur als Mittelmaß angesehen wird.

Gegen diese zweifelhafte Form des Wirtschaftens bringt Sennett das Handwerk als Gegenentwurf in Stellung:

Wenn man kleine graduelle Unterschiede zu einem großen prinzipiellen Unterschied aufbläst, erhält man eine Legitimation für das System der Privilegien. (…) In der Wirtschaft benutzt man Tests heute zur Identifizierung angeborener Fähigkeitspotenziale, mit denen sich die schnell wechselnden Chancen der globalen Ökonomie nutzen lassen. (…) Tests, mit denen man die Fähigkeit eines Menschen misst, auf Kosten der Tiefe mit vielen Problemen umzugehen, passen zu einer Wirtschaftsform, die schnelles Lernen und oberflächliches Wissen honoriert. Die Fähigkeiten des Handwerkers, in die Tiefe zu gehen, bilden den Gegenpol zu einem so genutzten Fähigkeitspotenzial.

Sennett meint damit nun nicht, dass wir alle zu Hammer und Meißel zurückkehren sollten. Handwerk ist für ihn ganz allgemein der Wunsch, eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen, und er verweist auf die ethischen Bedeutungen, die sich daraus ergeben:

Ich behaupte nicht mehr und nicht weniger, als dass die Fähigkeiten unseres Körpers im Umgang mit materiellen Dingen dieselben sind wie jene Fähigkeiten, auf die wir uns in sozialen Beziehungen stützen.

Für Sennett hat also selbst der abstrakteste Gedankengang seinen Ursprung in einer körperlichen Tätigkeit, und er belegt das mit einer Fülle an Beispielen und Hinweisen zu Studien aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen, die diese Behauptung untermauern sollen. “Handwerkliches Können zeigt den kontinuierlichen Übergang zwischen Organischem und Sozialem gleichsam in Aktion”, schreibt Sennett. Aber leider habe dieser Übergang einen Haken, der nicht so recht in die gegenwärtig vom Menschen bevorzugte Wirtschaftsform passe: Dieser Übergang ist einfach zu ungeregelt, als dass er per ausgeklügeltem Qualitätsmanagementsystem objektiv abgebildet werden könnte. Vor allem aber kostet er viel Zeit.

10.000 Übungsstunden werden in der Regel dafür veranschlagt, um wahre Meisterschaft in einer handwerklichen Tätigkeit zu erlangen - egal ob es sich um Kochen, Klavierspielen oder Programmieren handelt. Die Kunst besteht laut Sennett darin, das Üben dem eigenen inneren Rhythmus anzupassen, damit wirklich etwas hängenbleibt und nicht zur öden Paukerei verkommt. Doch diese Zeit wird im Arbeitsleben weder häufig gewährt noch wird honoriert, wenn sie tatsächlich aufgewendet wurde:

Die Menschen sollen eine Reihe von Qualifikationen erwerben, statt wie einst im Verlaufe ihres ganzen Arbeitslebens eine einzelne Fertigkeit zu entwickeln. (…) Handwerkliches Können scheint besonders anfällig für diese Gefahr zu sein, da es auf langsamen Lernen und Gewohnheiten basiert. (…) Die Veränderung der Anforderungen ist in der modernen Wirtschaft eine ständige Realität. Herauszufinden, wie man auf vorhandenen Fertigkeiten aufbauen kann, indem man sie erweitert oder als Grundlage für den Erwerb anderer Fertigkeiten nutzt, ist eine Strategie, die den Menschen hilft, sich in der Zeit zu orientieren. Gut konstruierte Organisationen nutzen diese Strategie zu ihrer Selbsterhaltung. (…) Schlecht gestaltete Institutionen ignorieren diesen Wunsch ihrer Mitglieder.”

Sennetts Ansatz ist also ein zutiefst demokratischer und partizipativer: Wir alle sind fähig, gute Arbeit zu leisten, und wir alle sollten uns die Frage stellen, wo gute Arbeit aufhört und die Monstrositäten anfangen. Das ist immer noch keine Garantie für Fehlentscheidungen, aber immerhin ein wirksames Gegenmittel gegenüber den Auswüchsen expertokratischer Sichtweisen.

Tanzeinlage XXXVII

Beeindruckende Körperbeherrschung per Pantominen-Performance: Musikvideo einer japanischen Design-Combo für die Band Gaka.

(via boingboing)

zwo von fünf

Ich scheitere regelmäßig, wenn ich Twitter erklären möchte oder soll. 200 Millionen weltweite Nutzer hört sich zwar irre verbreitet an, aber ich kenne nicht allzu viele Leute, die das Microblogging-Portal wirklich nutzen. Ich kenne eher viele Journalisten, die es nicht nutzen, obwohl es doch eigentlich eine supereffiziente Nachrichtenquelle gerade für spezielle Interessen sein kann, sofern die eigene Timeline darauf eingerichtet ist. Trotzdem steht Twitter immer noch im Verdacht, im Grunde belanglos zu sein.

Das ist natürlich Quatsch, schließlich hat Twitter zum Beispiel bei den politischen Protesten in Ägypten gezeigt, dass es nicht nur sehr sehr schnell relevante Informationen verbreiten, sondern auch ebenso fix und flexibel allen möglichen Aktionen eine adäquate Koordinationsplattform sein kann. Folgerichtig also, dass Twitter zum 5. Geburtstag selbst von den deutschen Mainstreammedien gelobt wird. Und die stehen im Allgemeinen ja nicht gerade in dem Ruf, Netzavantgarde zu sein (siehe z.B. Spiegel, FAZ, Zeit).

Dass Twitter vielen unverständlich erscheint, hat für mich zwei ziemlich einfache und einleuchtende Gründe: Einmal ist der Dienst zwar kinderleicht zu benutzen, man muss sich aber schon eine Zeit lang mit ihm beschäftigen, bevor man aus dem ausufernden Informationsstrom einen maßgeschneiderten Infohäppchenticker für die eigenen Interessen gebastelt hat.

Zum anderen dürfte der Vergleich mit dem allgegenwärtigen Facebook Twitter nicht immer zum Vorteil gereichen: Facebooks Erfolg basiert nicht zuletzt auf der Möglichkeit, sich mit geographisch mehr oder weniger entfernten Bekannten und auch Freunden auszutauschen. Wer in diesem Kosmos heimisch geworden ist, fragt sich vielleicht, warum man ähnliches mit Fremden tun sollte. (Das ist natürlich viel zu kurz gegriffen bzw. trifft überhaupt nicht den Punkt, aber ich habe den Eindruck, dass gerade die im Vergleich zu Facebook schwächeren Bindungen, auf denen Twitter beruht, den Verdacht befeuern, dass es nicht ganz ernstzunehmen sei.)

Ich selbst bin nun unter Thorstena_bln seit zwei Jahren dabei und kann nur sagen, dass mir viele Texte, Anregungen, Quellen, Gestalten, Meinungen nie und nimmer untergekommen wären, wenn ich es gelassen hätte. Das ist auf jeden Fall ein Dankeschön und herzlichen Glückwunsch wert, würde ich meinen. (Übrigens kommt diese Sitte, mich mit irgendeinem gesichtsentstellenden Accessoire abzulichten und dieses Foto dann als Profilbild zu verwenden, aus meiner Angestelltenzeit bei einem Verlag, bei dem es vor zwei Jahren noch nicht ganz klar war, ob dieser solchen Spielereien wohlwollend gegenüber stehen würde. Inzwischen ist es eher Gewohnheit.)

Machen wir uns nichts vor XXX

Es muss endlich Schluss sein mit der pseudo-expertokratischen Debatte um die Nutzung der Kernenergie. Die Arroganz der Ingenieure baut damit einen Schutzwall auf, der suggerieren soll, dass Menschen ohne Diplom in Reaktortechnik zu einer ethischen Beurteilung nicht befugt sind. Kein Mensch braucht noch mehr Wissen über kerntechnische Anlagen, Kernphysik und Strahlenmedizin. Die ethische Beurteilung der Kernenergie kann längst vorgenommen werden, denn die prinzipiellen Eigenschaften des manipulierten Materials und seine biologischen Auswirkungen sind jedem Schulkind bekannt. (…)

Außerdem ist es ja gar nicht so, dass die Debatte von den Anwendern der Kerntechnik rational geführt würde: der ethischen und ökonomischen Bewertung weichen sie ja ständig aus. Wie werden denn die Kosten für den Rückbau von Kernkraftwerken und die Lagerung des Materials finanziert? Wie sieht das in 100 oder 200 Jahren mit der Finanzierung aus? Dazu gibt es weder Konzept noch Kommunikation.

Kernenergie ist geradezu ein Paradigma für Irrationalität.

Björn Haferkamp regt sich ebenso pointiert wie zurecht über die technische Hybris bzw. Selbstüberhebung der Technik-Elite auf.

we are the wine (not the bottle)

Erst war es die nackte Angst, dann kam die vage Hoffnung, und inzwischen sind daraus konkrete geschäftliche Erwartungen geworden: Geht es nach den Initiatoren des Digital Innovators’ Summit (der britische, global ausgerichtete Medienverband Fipp, der Verband deutscher Zeitschriftenverleger VDZ und die Marktforscher von emediaSF), der heute und gestern in Berlin stattfand, hat die Verlagsbranche zumindest mental die Kurve gekriegt und sieht die digitale Revolution endlich als das, was sie nun einmal ist: eine echte Herausforderung mit allen Risiken und Chancen.

Dieser Sinneswandel dürfte nicht zuletzt damit zusammen hängen, dass die Verlage sowohl im Mobile-Bereich als auch bei den Tablets/Apps die Chance zum Neustart sehen: In diesen digitalen Sparten soll Geld verdient und die Fehler der Vergangenheit vermieden werden, so der Tenor auf der recht international besetzten, englischsprachigen Veranstaltung (auf dem Foto: Tomorrow-Focus-CEO Stefan Winners, der übrigens den eCommerce-Bereich für finanziell wesentlich attraktiver hält als das Geschäft mit Online-Werbung).

Das hört sich keineswegs weltbewegend an, führte aber zu einer angenehm vorwärtsgerichteten Grundstimmung, die um die verlegerische Gretchenfrage herum scharwenzelte: Wie können die Verlage ihre alten analogen Netzwerke in der Digitalen nutzen, um ihre Inhalte zu finanzieren und darüber hinaus Geld damit verdienen?

Nachtrag: Gestern hatte ich hier ein Video gepostet, das vor dem eigentlichen Summit aufgenommen wurde. Da war ich etwas voreilig; wobei ich mich frage, warum die Veranstalter unter der Rubrik “Videos vom Summit 2011″ Sachen aus dem vergangenen Jahr posten. Na ja, ich hätte ja auch besser hingucken können.

Machen wir uns nichts vor XXIX

Es bringt nichts, sich über unpolitische Menschen mit einfacherer Bildung lustig zu machen.

Was sollen die daraufhin tun, plötzlich klug werden? Wie soll das gehen?

Stattdessen muss man sie da abholen und annehmen, wo sie sich emotional und intellektuell befinden. Das ist nicht die abstrakte Welt dröger Politik mit ihren ellenlangen Diskussionen und meterhohen Papierstapeln, sondern es ist die Welt des Events, der Tat, der bewegenden Bilder.

Wer nur Boulevardmedien konsumiert, aber kaum seriöse Zeitungen oder Bücher liest, für den ist alles unterhalb von Superstars, Sensationen und Riesenwirbeln jenseits der Wahrnehmungsschwelle, für den gibt es nur total toll oder total scheiße. (…)

Statt Häme über die Guttenberger auszuschütten, sollten sich Bildungsbürger und etablierte Parteien überlegen, wie sie die Alltagspolitik verständlicher, aber auch mal spannender und begeisternder verkaufen könnten, damit nicht nur Buchstabenfresser sich dafür interessieren, sondern auch Menschen mit weniger Abstraktionsvermögen. Warum kann eine Regierungserklärung nicht so mitreißend sein wie eine Apple-Keynote? (…)

Nehmen wir also die Trauer der Guttenberger ernst, sie haben wirklich etwas verloren. Und das Verlorene sollte man ihnen auch zurückgeben, aber nicht in der Person Guttenbergs, sondern indem man ein wenig vom Auftreten und vom Verkäufertalent Guttenbergs in die für viele allzu graue Politikwelt übernimmt. Man kann von Guttenberg durchaus lernen, wie man Begeisterung erzeugt, wie man Tatkraft ausstrahlt, wie man Menschen für sich gewinnt. Das sind Dinge, die auch ehrliche Politiker durchaus plagiieren dürfen, und dabei muss die politische Substanz keineswegs auf der Strecke bleiben.

Der Kommentar des haekelschweins war wahrscheinlich einer der besten, der zum Fall Guttenberg(s) abgegeben wurde. Einmal, weil er über die reine Betrachtung der Person Guttenberg hinausgeht. Vor allem aber, da er jenen eine lange Nase zeigt, die jetzt über die erstmals sicht- und spürbare Präsenz des “Volkes” im Internet auf Facebook die Nase rümpfen.

(Auf mich wirken auch die Leute, die bei der Facebook-Seite “Wir wollen Guttenberg zurück” partout an einen Fake glauben wollen, ziemlich verbissen. Jahrelang haben die Web-Aktivisten auf die Ankunft der Normalos im Internet gehofft; jetzt ist es vielleicht so weit, und schon wird sich fleißig abgegrenzt. Auch das Gefasele von Elite, das gerade stattfindet, dürfte damit zu tun haben. Deshalb finde ich es auch gut und in Ordnung, wenn einer wie Sascha Lobo zu dem Schluss kommt: “Die Facebook-Page “Wir wollen Guttenberg zurück” hat nach meiner Einschätzung weitgehend echte Fans.”)

Nicht allerorten

Ebenso wenig wie google überall die Suchmaschine Nummer eins ist (siehe etwa Russlands yandex), ist Facebook weltweit das meistgenutzte Netzwerk. Das mag in China aufgrund sprachlicher und auch politischer Hürden nicht weiter verwundern. Aber das Beispiel Brasilien mit dem portugiesisch geprägten Netzwerk Orkut zeigt, dass Facebook auch nicht alles ist. (Wobei, Orkut, das nicht nur in Brasilien, sondern auch in Indien ziemlich hip sein soll, gehört zu google - und so gesehen…).

Na ja, jedenfalls eine hübsche Infografik der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti.

(via Netzpolitik)

Ausblick

Einen netten Ausblick hat sie ja, die Terrasse des Soho House Berlin, das in der ehemaligen SED-Zentrale in Berlin Mitte laut Tagesspiegel “zum Sehnsuchtsort der Vernetzer aufgestiegen” ist.

Laut Website des Clubs will das Haus “Anlaufstelle und Konstante für aufgeschlossene Menschen aus der nationalen und internationalen Kreativszene” sein. Hört sich an wie Robinson Club für Haiopeis aus gutem Hause; aber es ist schon möglich, sich da wohlzufühlen. Das Haussteak ist jedenfalls ziemlich gut.

blogoscoop