Monatsarchiv für April 2011

 
 

Machen wir uns nichts vor XXXI

Die Massenmedien sind so etwas wie die Medien der Gesellschaft (der Gesellschaft als eines Ganzen, als etwas Umfassenden, als eines großen Organismus, Mechanismus oder Systems), die Sozialen Medien — vielleicht sollte man besser von viralen Medien sprechen — sind die Medien der Vergesellschaftung oder Assoziation im Sinne eines laufenden Prozesses oder Flusses, der nicht teleologisch oder einheitlich ist, und in dem Verbindungen heterogener Bestandteile immer wieder produziert und aufgelöst werden. Gesellschaft durch Integration und Massenmedien hier, Gesellschaft durch Ansteckung und soziale Medien dort.

Heinz Wittenbrink tastet sich an die Gemeinsamkeiten heran, die einerseits im Verhältnis zwischen Massenmedien und Sozialen Medien, andererseits zwischen ganzheitlich und partikular orientierten Theorien der Gesellschaftswissenschaften bestehen - und stellt fest, dass auf beiden Themenfeldern allzu oft Äpfel für Birnen gehalten werden:

Zur Perspektive der Massenmedien auf die Gesellschaft gehört die Panoramaperspektive, der Blick auf das Ganze. Da wir in der Welt der Massenmedien leben, verwechseln wir tendenziell immer wieder die sozialen Medien mit Massenmedien (…). Etwas Ähnliches passiert, wenn man Messverfahren aus der Welt der Massenmedien auf soziale Medien anwendet und z.B. quantitativ nach Reichweiten fragt. Die sozialen Medien selbst bieten, z.B. mit Techniken wie dem sozialen Graph, viel differenziertere Möglichkeiten der Wirkungsanalyse.

Mitspracherechte in der Digitalen Gesellschaft

Von den ganzen Kritikpunkten, die dem neuen Lobbyverein Digitale Gesellschaft (#digiges) bislang um die Ohren gehauen worden sind, betrifft einer eine ziemlich grundsätzliche Diskussion: Die Frage ist, ob eine Organisation von Crowdsourcing profitieren sollte, wenn sie den Crowdsourcern keine nennenswerten Mitspracherechte einräumt.

#digiges versteht sich als Kampagnen-Infrastrukturdienstleister - eines der erklärten Vorbilder ist Greenpeace - und will eher klassischer Lobbyverein sein als avantgardistisches Werkzeug der Netzgemeinde. Zwar hat der Verein um Markus Beckedahl und netzpolitik.org sich beeilt einzuräumen, dass er den Teilnehmern in den einzelnen Kampagnen durchaus Mitspracherechte einräumen wolle. Und Stefan Schulz von den Sozialtheoristen meint darüber hinaus, dass eine Lobbyorganisation alter neuer Schule gerade auf der politischen Ebene der EU ein zeitgemäßes Instrument sei.

Aber es bleibt dabei: Die Auswahl der Kampagnen - die will #digiges offenbar schon allein treffen, obwohl man doch auf die Unterstützung “der crowd” angewiesen sein wird, wenn die geplanten politischen Kampagnen wirksam sein sollen.

Was dabei heraus kommt, wenn man auf Mitmachen setzt und die Mitsprache vernachlässigt, zeigt das Beispiel Huffington Post: Das US-Vorzeige-Weblog profitierte bislang in hohem Maße von den ganzen Bloggern, die dort für lau publizierten. Nun, nach dem Verkauf an AOL, hat sie eine Klage am Hals; und Gründerin Arianna Huffington muss sich als Sklavenhalterin beschimpfen lassen - weil sie ihre Gratis-Blogger wie eine amorphe Verfügungsmasse behandelt, der sie den Verkauf weder vernünftig kommuniziert, geschweige denn daran finanziell hat teilhaben lassen.

Klar, die ganz schlauen unter den betriebswirtschaftlich gestählten Netzbewohnern werden nicht müde zu betonen, wie blauäugig das ist, darauf zu hoffen, bei einem Verkauf der Huffington Post zumindest ein paar Brosamen abzubekommen. Die Klage, die keineswegs reine Show oder gar aussichtslos zu sein scheint, zeigt aber eines sehr deutlich: Wer was von der Crowd will, der muss auch auf sie eingehen - sonst geht sie früher oder später auf die Barrikaden.

Und deshalb trifft auch der Hinweis auf der #digiges-Seite den Punkt überhaupt nicht, dass “noch eine Mailingliste, noch ein Wiki, noch ein Adhocracy (…) unserer Ansicht nach die bestehende Bewegung nur verwässern” würde und deshalb “Austausch, Diskussion und Basisarbeit nicht als Hauptaufgaben für diesen Verein gewählt” worden seien.

Weil es so klingt, als ob man den Rahm der “digitalen Bewegung” abschöpfen, das Umrühren - zum Beispiel die Pflege eines anständigen Dialogs mit den Nutzern - aber anderen überlassen wollte.

(Abgesehen davon: Was ist das für ein Verein, für den bislang allein Markus Beckedahl bereit ist, öffentlich einzustehen? Und Falk Lüke sich stattdessen ziemlich larmoyant darüber Sorgen macht, ob seine Mitgliedschaft vielleicht doch seine berufliche Existenz als freier Schreiber gefährden könnte. Hätte ihm vielleicht mal jemand vorher stecken sollen, dass er als Mitgründer leicht recherchierbar ist.)

#rp11

Die re:publica wird es auch im kommenden Jahr in Berlin geben, allerdings an einem anderen Ort. Johnny Haeusler hat angekündigt, dass das Organisationsteam der “Bloggermesse” das größte Problem ihrer selbst aus dem Weg räumen will: ein Besucherwachstum, das die räumlichen Kapazitäten von Friedrichsstadtpalast, Quatsch Comedy Club und Kalkscheune ziemlich strapazierte und ab und zu auch sprengte. 3000 Leute sollen da gewesen sein; dafür, dass es im Jahr zuvor 2700 waren, kommt mir diese Zahl sogar untertrieben vor.

Vom Raumstress abgesehen war die re:publica mehr oder weniger dufte wie immer und wenn es sie nicht schon gäbe, müsste man sie erfinden und genau so einen Spagat zwischen Nerdtum, Business und soziokultureller Realität aka Alltag wagen. Björn hat das auf seinem Philoblog geschrieben, und ich gebe ihm darin nicht nur Recht, weil wir so eine nette Begegnung hatten. (Das Philoblog ist ein hübscher Name für ein Blog. Wollen andere bestimmt auch haben.)

Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass beim nächsten Mal 5000 Besucher oder sogar mehr kommen könnten, dürfen die Veranstalter von mir aus gerne auch inhaltlich stärker lenken, nicht nur infrastrukturell.

Björn zum Beispiel pickte sich die Diskussion um friends und follower bei facebook und twitter (und was das alles für soziale Kontakte und gesellschaftliche Entwicklung bedeutet) als Aufhänger heraus und sprach einfach mal eine dreiviertel Stunde über Freundschaftskonzepte aus der Philosophie: Aristoteles, Cicero, Schopenhauer, Simmel, Lobo (ach ne, der wurde nur zitiert). Motto: Man muss ja nicht immer das Rad neu erfinden, nur weil Social Media draufsteht.

Gerade diese kleinen Veranstaltungen, in denen man sich überraschen lassen kann, die Referenten nichts unmittelbar verkaufen wollen und die gerade deshalb manchmal richtig Atmo haben, sind für mich die eigentlichen Perlen, die die re:publica so ungewöhnlich machen.

Es wäre schade, wenn das verloren ginge.

Apropos Inhalte setzen, ein gezielter interdisziplinärer Ansatz wäre zum Beispiel interessant: Was hat die Disziplin XY zum Internet zu sagen. Müssen ja nicht gleich wieder 33 Neurowissenschaftler sein; es gibt ja auch Historiker, Geographen, Linguisten, Physiker, was weiß ich.

Mit Wissenschaftlern hat die re:publica ja ohnehin gute Erfahrungen gemacht: Im vergangenen Jahr war Peter Kruse der Star mit seinem Digital Residents vs. Digital Visitors. Für die #rp11 dürfte diese Rolle Gunter Dueck übernehmen, der im Friedrichsstadtpalast sowohl vom Stil als auch vom Inhaltlichen her einen bemerkenswerten Vortrag über das Internet als gesellschaftliches Betriebssystem hielt - verbunden mit einem Appell an die Netzgemeinde, sich nicht ins Wolkenkuckucksheim zu begeben, sondern sich zu engagieren.

Am bemerkenswertesten daran fand ich übrigens, dass Dueck im Grunde vor allem über Wissen sprach. Und darüber, dass das ja früher oder später komplett im Netz ist und deswegen die Berufe verschwinden und es ja dann auf Wissen gar nicht mehr so ankommt, sondern auf andere Dinge. (Es ist selten, dass jemand mit diesen Themen ein großes Publikum gut unterhalten kann, ohne große inhaltliche Abstriche zu machen, finde ich.)

httpv://www.youtube.com/watch?v=MS9554ZoGu8

re:publica balla balla hasskappenpogo

re:publica balla balla hasskappenpogo - dachte ich heute, als ich zusammen mit 100 Leuten vor der Kalkscheune stand und die Türsteher keinen mehr reinließen. Gestern, am ersten Tag der “Bloggermesse”, kam ich immerhin ins Gebäude rein, scheiterte dann aber an einem pickepacke vollgestopftem Workshopraum.

Es ist das dritte Mal, dass die re:publica im Berliner Friedrichsstadtpalast und der Kalkscheune stattfindet. Und bereits in den vergangenen beiden Jahren gab es Probleme mit überfüllten Räumen. (Allerdings nicht so heftig.) Stellt sich also die Frage, warum der Veranstalter so viele Tickets verkauft bzw. nicht die Location erweitert/gewechselt hat.

Es ist ärgerlich, nicht zu den Vorträgen gehen zu können, die man besuchen möchte. Einfach treiben lassen, weil man Zeit hat und sich überraschen lassen will, geht auch nicht, weil man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, dem prallen Besucherpulk zu entgehen. (Dass das Wetter kacke ist, macht es nicht besser.)

Jedenfalls war ich sauer und bin dann in den Friedrichsstadtpalast gegangen, weil man da ja noch reinkonnte. Da stellte dann Philip Banse vier Blogger vor, die in letzter Zeit von sich Reden gemacht haben. (Bei Banse habe ich manchmal das Gefühl, er geht sehr über den Kopf und würde gerne so etwas wie Günter Gaus 2.0 werden; aber live und speziell als Gastgeber dieser Session kam er supersympathisch rüber - gerade gegenüber Julia Probst.)

Und Julia Probst, der zweite Gast Banses, sorgte dann dafür, dass mein Laune wieder besser wurde. Probst setzt sich für (mediale) Barrierefreiheit ein und ist von Geburt an ohne Gehör. Sie wurde als “WM-Lippenleserin” bekannt, die die Worte der Trainer, Spieler und Schiedsrichter während des Spiels mit den Augen las - und diese dann via Twitter publizierte. Manchmal analysiert sie auch Politiker, indem sie Mimik, Gestik und Körpersprache den eigentlichen Aussagen gegenüberstellt. Jedenfalls war nicht nur Banse, sondern auch Probst supersympathisch. Da machte die re:publica mir das erste Mal ein warmes Gefühl. Abgesehen davon, dass ich nun weiß, wie Gehörlose Westerwelle (Pickelgesicht) und Guttenberg (Haupthaar-Nachhintenstreichler) bezeichnen.

(Ursprünglich wollte ich ja zu Markus Beckedahls Inauguration zum Funktionär mitsamt der Institutionalisierung von netzpolitik.org. Ich finde, eine Funktionärstätigkeit passt zu Beckedahl; er ist der blogosphärische Typus des geschäftstüchtigen Retro-Spießers.)

Und morgen gehe ich wieder hin zur re:publica, und hoffe, dass die Hälfte der Leute bereits abgereist ist - oder einfach was anderes machen.

Tanzeinlage XL

Berlin Mitte gutgelaunt aus japanischer Sicht und in ebensolchen Kostümen: “Ich bin Ausländer, leider zum Glück; ich geh irgendwann nach Hause zurück” - von den Torpedo Boyz.

Postdemokratische Systemrelevanz

Nö, es ist leider überhaupt nicht übertrieben, wenn nach der Systemrelevanz der Atomkraftwerke gefragt wird. Zwar können die Atomlobbyisten dieses Totschlag-Argument nicht nutzen wie seinerzeit die Finanzwirtschaft, um ihre ökonomischen Interessen geltend zu machen. (Weil das momentan gar nicht gut ankommen würde, noch nicht einmal bei der FDP.) Aber das ändert ja nichts daran, dass die Versicherungen es ablehnen, Atomkraftwerke unter ihre vertraglichen Fittiche zu nehmen.

Und damit ist klar, wer die Zeche zu zahlen hat, wenn etwas schiefgeht (wir, unsere Kinder, Kindeskinder und folgende Generationen). Klar ist auch, dass man deswegen von Systemrelevanz sprechen kann oder sogar sollte, wenn auch aus dem genannten Grunde bislang niemand auf die Idee gekommen ist, dieses “Argument” pro Atom in Stellung zu bringen.

Ein Auto darf man ohne Versicherung nicht fahren. Bei Atomkraftwerken springt - wie bei systemrelevanten Banken - im Katastrophenfall der Staat ein,

hat denn auch Risikogesellschaftler Ulrich Beck in der taz zu Protokoll gegeben und und kritisiert das Offensichtliche: Wenn dem so ist, wie kann es dann sein, dass niemand die Kontrolleure kontrolliert und “im Fall einer Katastrophe (…) die Regierung abhängig ist von den Informationen der privaten Betreiber”?

Tanzeinlage XXXIX

Einfach niedlich: We no speak americano von Yolanda Be Cool & Dcup, ein Song, der hier schon einmal als Sommerhit gepostet wurde, im Klatschtanzformat.

(Tipp von Clint Lukas)

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