Monatsarchiv für Mai 2011

 
 

Schluck aus der Postdemokratie-Pulle

Wenn ein US-Urheberrechts-Experte wie Lawrence Lessig sich darüber wundert, dass ein westeuropäischer Staatschef wie Nicolas Sarkozy zu einer Konferenz einlädt, um Unternehmer unverblümt zu fragen, wie das Internet zu ihren Gunsten reguliert werden sollte, kann diese Konferenz nur ein kräftiger Schluck aus der Postdemokratie-Pulle sein - vor allem wenn der Staatschef dabei die Interessen der Zivilgesellschaft ebenso unverblümt nicht berücksichtigen will.

So geschehen auf der alternativen Pressekonferenz der eG8-Internetkonferenz, die Sarkozy vor dem G8-Gipfel in Frankreich auf die Beine stellen ließ: Bei dieser PK saßen die Enttäuschten auf dem Podium, die für sich in Anspruch nehmen, die Interessen der zivilen Gesellschaft zu vertreten, und erkennen mussten, dass ihre Meinung nicht wirklich gefragt war.

Die Runde auf dem Podium meinte schließlich unisono, es sei sicher kein Zufall, dass die Geschäftsmodelle gerade einiger großer IT-Unternehmen auf staatlich festgesetzten Restriktionen fußen. Und dass die Zivilgesellschaft einem Interessen-Venture zwischen Wirtschaft und Staat derzeit nicht viel entgegenzusetzen hat.

Lobbyistisch gesehen ist sie um Lichtjahre zurück. In Deutschland sowieso; der Verein Digitale Gesellschaft dämpft große Erwartungen derzeit mit dem letztendlch deprimierenden Hinweis: Geduld Geduld, wir machen das ja alle in unserer Freizeit.

Bleiben die Protestformen. Bei denen aber das uralte Problem auftaucht, dass selbst der kräftigste Protest sich nicht so einfach verstetigen lässt und in spürbare Änderungen mündet. (Von Revolutionen jetzt mal abgesehen.)

Interessant finde ich auch die spanische Initiative #nolesvotes (Wählt sie nicht), die sich vorwiegend an die Nichtwähler richtet und sie davon zu überzeugen versucht, bei Wahlen gezielt kleinen Parteien ihre Stimme zu geben, um die Macht der etablierten Parteien zu schwächen. Das wäre doch auch hierzulande ein sensationelles Projekt: die Repolitisierung der Nichtwähler mit Hilfe des Partizipationsgedankens.

Nicht von ungefähr

Wenn wir verhindern wollen, dass Soziale Netzwerke zu stupiden Echokammern werden, in denen man nur im eigenen Meinungssaft schmort bzw. dem des eigenen Bekanntenkreises, ist ein Blick in die Großstadtforschung ganz nützlich, meint Ethan Zuckerman, Harvard-Wissenschaftler und Mitgründer des Blogs Global Voices.

Zuckerman schreibt dies in einem klasse Text anlässlich seiner Keynote für die Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI) in Vancouver, in der er seine Rede mit einem Grundgedanken unterlegte: Der Vergleich von Sozialen Netzwerken und Großstädten zeige, dass man die Menschen zwar nicht zwingen könne, auch mal über den Tellerrand zu schauen. Man könne aber sehr wohl dahingehend planen und Strukturen - online wie offline - dementsprechend anlegen. Dann sei die Wahrscheinlichkeit größer, dass die gewünschten Effekte auch eintreten. (Serendipity nennt Zuckerman das dann - ein Begriff, der irgendwo zwischen glücklicher Fügung und folgerichtigem Resultat eines ausgeklügelten Planes changiert: je besser der Plan, desto wahrscheinlicher und nicht von ungefähr die Fügung.)

Und der Vergleich Sozialer Netzwerke mit Großstädten ist dabei für Zuckerman mehr als naheliegend:

Cities are (…) also a powerful communication technologies. Cities enables realtime communication between different individuals and groups and the rapid diffusion of new ideas and practices to multiple communities. Even in an age of instantaneous digital communications, cities retain their function as a communications technology that enables constant contact with the unfamiliar, strange and different.

Wenn man sich aber das Handy-Bewegungsprofil eines US-Amerikaners in einer Großstadt anschaue, dann sei zum Beispiel recht schnell zu erkennen, welcher sozialen und auch welcher ethnischen Gruppe er angehöre, schreibt Zuckerman. Und diese Berechenbarkeit komme nun einmal zustande, weil sich der Mensch an sich im Normalfall vorzugsweise in geordneten Bahnen und Rhythmen bewege - und somit in der Großstadt viele kleine Parallelwelten nebeneinander lebten, ohne viel voneinander zu wissen. (Stadtplanerisch könne man aber eine ganze Menge machen, um die unterschiedlichen Gruppen zur gegenseitigen Kontaktaufnahme zu ermutigen - oder zu entmutigen.)

Das ist in Sozialen Netzwerken ja nicht anders. Also kommt es für Zuckerman darauf an, ob die Webtools der Sozialen Netzwerke solche Membranen bereitstellen, die einen Kontakt über die Grenzen des eigenen Netzwerkes hinaus ermöglichen. So ungefähr wie das die trending topics bei Twitter versuchen: Immerhin bekommt man auch mal ein Schlagwort mit aus anderen Kommunikationsuniversen, das einen zum Hinschauen bringen kann. Der Trend geht aber gerade in die andere Richtung: Facebook mainstreamisiert mit dem Like-Button den Bekanntenkreis als Informationsfilter. Aber wer hat schon einen Bekanntenkreis, der in allen möglichen und unmöglichen Themen Anspruch auf Repräsentativität erheben kann?

Da ist der Hinweis sicher nicht ganz falsch, sich doch besser an Stadtplanung und -forschung als an die jüngsten Reste von MySpace oder Geocities zu halten, falls man auf der Suche nach Referenzen oder sogar Vorbildern sein sollte. (Georg Simmel zum Beispiel wird da häufiger genannt.) Abgesehen davon ist der Hinweis wahrscheinlich sogar wichtig, da bei der Softwareentwicklung häufig immer noch zu technologisch und zu wenig vom späteren Nutzer her gedacht wird (aktuell betrifft das zum Beispiel die Apps).

democracia real ya

Charlie Chaplin steht hier im Video als großer Diktator Pate für die Bewegung democracia real, die tausende Menschen auf die Plätze großer spanischer Städte gebracht hat. Sehen wir auf der Iberischen Halbinsel etwa den Beginn einer europäischen Protestbewegung, die das bestehende Politik- und Wirtschaftssystem attackiert? Oder ist es vielleicht nur eine geschickte Politaktion, um die anstehenden Kommunalwahlen in Spanien zu beeinflussen?

Erst einmal habe ich aber übersetzt, was der Mann da eigentlich sagt. Ich denke übrigens nicht nur wegen meiner Übersetzung, dass man das Gesagte nicht wörtlich, sondern emotional nehmen sollte. Es hört sich auf Spanisch ohnehin viel besser an. (Inhaltlich haben sich mit der Sache bislang zum Beispiel Metronaut und Spreeblick beschäftigt.)

Das Internet lässt uns mehr Nähe spüren. Die wahre Natur dieser Erfindung verlangt Menschlichkeit, verlangt das universelle Mandat, das uns alle vereint.

Dank der Neutralität des Netzes kann meine Stimme Millionen von Personen erreichen. Millionen von verzweifelten Männern, Frauen und Kindern. Opfer eines Systems, das die Reichen bereichert und den Rest verarmt.

Denjenigen, die mich hören können, sage ich: Verliert nicht die Hoffnung, das Elend, unter dem wir leiden, ist nichts weiter als der vorübergehende Drang, ist die Bitterkeit der Männer, die dem Weg des menschlichen Fortschritts folgen müssen.

Die Gier dieser Männer wird vorübergehen, und die Korrupten werden fallen. Und die Macht, die sie dem Volk beschnitten haben, wird es sich zurückholen. Solange der Mensch besteht, wird die Freiheit nicht untergehen.

Bürger, gebt nicht auf gegenüber diesen Leuten, unterwerft euch nicht denen, die euch in Wahrheit gering schätzen, versklaven, euer Leben reglementieren. Sie sagen uns, was wir sagen, denken und fühlen sollen. Sie verseuchen euer Gehirn, sie mästen euch, sie behandeln euch wie Kanonenfutter.

Seht diese Individuen nicht als Menschen; es sind Maschinenmenschen mit Gehirnen und Herzen aus Maschinen. Ihr seid keine Maschinen, ihr seid kein Vieh - ihr seid Menschen. Ihr tragt die menschliche Liebe in euren Herzen, nicht den Hass. Nur solche, die nicht lieben, hassen. Nur die, die nicht lieben - und die Unmenschen.

Bürger, kämpft nicht für die Sklaverei, sondern für die Freiheit. In Kapitel 17 des heiligen Lukas steht zu lesen: Das Königreich Gottes ist im Menschen - nicht in einem Menschen, nicht in einer Gruppe von Menschen, sondern in allen Menschen.

Ihr, das Volk, habt die Macht. Die Macht, Maschinen zu erschaffen, die Macht, Glück zu erschaffen. Ihr, das Volk, habt die Macht, das Leben frei und schön zu machen und in ein wundervolles Abenteuer zu verwandeln.

Demokratie: Lasst uns diese Macht gebrauchen, um alle gemeinsam zu agieren. Lasst uns für eine neue Welt kämpfen. Würdig und nobel, so dass den Menschen Arbeit garantiert wird, der Jugend eine Zukunft, den Alten Sicherheit.

Mit dem Versprechen dieser Dinge haben die Ratten die Macht erlangt. Aber sie haben gelogen. Sie haben ihre Versprechen nicht gehalten und werden sie nie halten. Sie kuschen vor den Banken und Unternehmen, aber sie versklaven das Volk.

Wir kämpfen nun, um die Versprechungen wahr werden zu lassen. Um dem Volk Freiheit zu geben und um die etablierte Parteiendemokratie zu beseitigen. Um die Korruption zu bekämpfen - und die Inkompetenz und die Lügen. Wir kämpfen für eine lebenswerte Welt, eine Welt, in der die Wissenschaft, in der der Fortschritt uns alle zum Glück führt.

Bürger, im Namen der Demokratie müssen wir uns alle zusammen tun.

Es gibt da übrigens noch eine zweite Initiative in Spanien. Sie heißt #nolesvotes (#wähltsienicht) und versucht die Nichtwähler zum Wählen zu kriegen. Nur das sie weder die etablierten Parteien wählen noch ungültige Stimmen abgeben sollten. Das Ziel: Die Macht der beiden großen, dominierenden spanischen Parteien der Sozialisten und der Konservativen zu verringern. Ich weiß nicht, ob die beiden Bewegungen etwas miteinander zu tun haben. Aber die Aktion am 15. Mai von democracia real war vielleicht auch eine Art Testlauf für die Wahlen am 22.

Machen wir uns nichts vor XXXII

Behauptung:

Einmal in Kommunikation verstrickt, kommt man nie wieder ins Paradies der einfachen Seelen zurück.

Beispiel:

Aufrichtigkeit ist inkommunikabel, weil sie durch Kommunikation unaufrichtig wird.

Begründung:

Man kann gleichwohl nicht sagen, daß man meint, was man sagt. Man kann es zwar sprachlich ausführen, aber die Beteuerung weckt Zweifel, wirkt also gegen die Absicht. Außerdem müßte man dabei voraussetzen, daß man auch sagen könnte, daß man nicht meint, was man sagt. Wenn man aber dies sagt, kann der Partner nicht wissen, was man meint, wenn man sagt, daß man nicht meint, was man sagt. Er landet beim Paradox des Epimenides.

Niklas Luhmann (Soziale Systeme).

Tanzeinlage XLII

Cellist Yo-Yo Ma und Tänzer Lil Buck performen den Schwan von Camille Saint-Saëns.


httpv://www.youtube.com/watch?v=

(Gesehen in der Glaserei.)

Die neue Macht

In der FAZ stand neulich sinngemäß, dass ein großer Anteil der unter 30jährigen in Deutschland nicht mehr bereit sei, demokratische Entscheidungen und höchstrichtliche Bestätigungen derselben als gegeben (und im Normalfall unumstößlich) hinzunehmen. Das war nicht ohne Häme geschrieben, ging es doch um die baden-württembergische Regierungspartei Die Grünen. Frei nach dem Motto: Nun werdet mal schön fertig mit den partizipativen Geistern, die ihr gerufen habt.

Nun ist die FAZ das paternalistischste Blatt unter den wichtigeren, überregional berichtenden Zeitungen Deutschlands. Insofern überrascht es nicht, dass es sich nicht gerade als Speerspitze der Forderung nach direkter bürgerlicher Beteiligung an politischen Entscheidungen geriert. Andererseits zeigt so ein Satz (den zu zitieren nicht wirklich nottut, da sich ständig ähnliche dort finden) die Ratlosigkeit, die den so genannten Wutbürgern und anderen einmischungsfreudigen Leuten entgegengebracht wird.

Ratlosigkeit, weil partizipative die alten repräsentativen Prinzipien langsam ablösen. Oder zumindest dort einen gleichberechtigten Platz einfordern, wo bislang mehr oder weniger repräsentative Funktionsträger Problemlösungen untereinander und hinter verschlossenen Türen ausgekungelt haben.

Wie man sich das zum Beispiel im Medienbereich konkret vorzustellen hat, beschreibt Günter Gaus in seinen (unvollendet gebliebenen und postum veröffentlichten) Erinnerungen. Dort gibt einer der herausragenden Journalisten der Nachkriegszeit ein (noch heute vielerorts gültiges) Paradebeispiel der Austarierung unterschiedlicher Interessen zum gegenseitigen Vorteil aus seiner Zeit bei der Badischen Zeitung in den 1950er Jahren:

Im Lokalteil der Zeitung herrschte ganz unangestrengt und selbstverständlich ein Tonfall, der den Vereinen und Anzeigenkunden gefällig sein sollte - ohne deren volle Zufriedenheit immer erringen zu können. Dann und wann mußte vom Verlagsgeschäftsführer und einem allgemein besonders respektierten Redakteur in einem gutbürgerlichen Freiburger Lokal (…) ein Versöhnungsessen für Kinobesitzer gegeben werden, die allwöchentlich inserierten und mit einigen Filmkritiken nicht zufrieden gewesen waren. Die Gespräche bei geschabtem Spätzle und zwei, drei Schoppen Markgräfler Rotem oder Weißem endeten stets schiedlich-friedlich. (…)

Beide Seiten trafen sich am Ende in der Übereinstimmung, daß nicht jeder Film rezensiert werden müsse. Die Anzeigenkunden hatten nicht auf Lob für jedwedes Machwerk beharrt; der Verlagsgeschäftsführer sah die Pressefreiheit mit der Veröffentlichung der Inserate gesichert; der Redakteur wußte, abgeklärt, aber nicht abgestumpft, daß er auch künftig nicht jedem Kritiker in den kämpferischen Schreibarm fallen würde. Notfalls würde es nach einiger Zeit ein weiteres Waffenstillstandsmahl geben.

Solche Konsensfindungsveranstaltungen - im alten Westdeutschland zumeist aus Parteien, Institutionen, Unternehmen und damit einer Art Exklusiv-Triumvirat der gesamtgesellschaftlichen Entscheidungsgewalt bestehend - haben ihre Legitimation größtenteils eingebüßt.

Deshalb wollen die Menschen mehr Partizipation: Weil viele Entscheidungsprozesse inzwischen eher postdemokratisch als demokratisch anmuten - das ist alles andere als die von der FAZ unterstellte Nichtbereitschaft zur Demokratie.

Mehr war nicht

Ja, ich räume gerne und unumwunden ein, dass ich von dem Vortrag Gunther Duecks auf der re:publica angetan war. Ist ja kein Geheimnis, und der einzige, dem es so ging, war ich auch nicht. Und genau das scheint mir das Problem zu sein, das einige mit Dueck plötzlich haben: das etwas unkritische Lob der Vielen für einen Vortrag, der für viele gemacht war.

Dueck, Ex-Mathematik-Professor und nun Chief Technology Officer von IBM Deutschland, hat ziemlich genau das praktiziert, wofür Peter Kruse auf der re:publica 2010 so gelobt worden war: Er appellierte an das Gemeinschaftsgefühl der Anwesenden, der Netzgemeinde, der digitalen Bewegung - und betonte damit deren Bedeutung. Wir und die anderen; Identitätsstiftung und Bauchpinselei statt tiefer gehender oder gar besonders anspruchsvoller Darlegung von Inhalten.

Dueck zog diese Gegenüberstellung sogar noch ein wenig größer auf als Kruse, der seinerzeit von digital residents auf der einen und digital visitors auf der anderen Seite gesprochen hatte. Professionals und Non-Professionals, Menschenbild X (hierarchische Industriegesellschaft) und Menschenbild Y (vernetzte Wissensgesellschaft) lautet die Duecksche Lagerbildung, mit der er seine Zuschauer im Berliner Friedrichstadtpalast in Entertainermanier aus der Reserve lockte und dies mit einem Appell verband: Es werde auf Dauer nicht reichen, ein wenig am Urheberrecht herumzudoktern; wenn man ein gewisse Vorstellung davon habe, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen solle, müsse man sich schon gesamthaft dafür einsetzen.

Tut was, ihr seid tatsächlich wichtig, sagte also Dueck. Und das hörten selbstverständlich alle gern.

Dass sein Vorschlag mit der Forderung verbunden war, erst einmal kräftig in IT-Infrastruktur zu investieren wie einst das Wirtschaftswunderland Bundesrepublik in den Verkehr, war dann der PR-relevante Teil seiner Ausführungen. Übrigens stand während des Vortrags das IBM-Firmenlogo dick drüber; insofern finde ich die häufig vorgebrachte Kritik nicht besonders überzeugend, Duecks Publikum sei dessen PR-Masche auf dem Leim gegangen.

Wobei sich bei der ganzen Geschichte sehr wohl die Frage aufdrängt, ob sich ausgerechnet ein Mitarbeiter IBMs als gesellschaftlicher Vorreiter in Sachen Arbeitsgesellschaft der Zukunft präsentieren sollte. Es ist ja nicht wirklich umstritten, dass die global operierenden Kapitalgesellschaften aus dem Technologiebereich nicht gerade dazu beigetragen haben, Rechte und Löhne der Arbeitnehmer zu stärken bzw. zu sichern.

An dieser Stelle ist es also legitim und notwendig, die Glaubwürdigkeit Duecks zu hinterfragen. Das zeigen zum Beispiel die sehr kritischen Kommentare, die sich Zeit online jüngst einheimste, als dort ein sehr unkritisches Interview mit Dueck zu seinen Kernthesen erschien.

Dass jetzt einige Netztheoretiker die Nase über die inhaltliche Qualität des Vortrags und die Begeisterung des Publikums rümpfen, wirkt trotzdem ziemlich unentspannt. So nach dem Motto: Es ist ja wirklich erschreckend, wie unreflektiert einige sind und gleich in Begeisterungsstürme verfallen, nur weil da irgendein Professor von IBM eine akzeptable Performance liefert.

Verstehe ich das jetzt richtig und beschwert sich da eine Webelite, die das Buzzword Partizipation wie eine Monstranz vor sich herträgt, über die Verführbarkeit und geistige Beschränktheit des Mainstreams? (Ich dachte, den braucht man ganz dringend, wenn man gesellschaftspolitisch etwas erreichen möchte.)

Na, ich könnte mich jetzt super über die alte, tief sitzende Aversion der Geistesarbeiter gegenüber der Masse auslassen. Aber da draußen die Sonne scheint, sage ich lieber: Bleibt mal locker. Es war nur ein Vortrag, Dueck war unterhaltsam, und das Publikum hat es ihm gedankt.

Mehr war nicht.

Spargel

Etwa 90.000 Tonnen Spargel werden hierzulande jedes Jahr zwischen April und Juni geerntet, und es gibt unzählige Anbauregionen. Sandig sollte der Boden sein, recht viel Sonne und recht wenig Wind sollten die Pflanzen abbekommen; dann gedeihen die Stangen am besten.

Im Grunde pocht jede Spargelregion für sich darauf, den besten überhaupt anzubauen. Zwischen den vieren, aus denen sich mein Spargelkonsum speist, gibt es aber auf jeden Fall deutliche Unterschiede: In meiner persönlichen Rangliste stehen der im Berliner Raum allgegenwärtige Beelitzer ebenso wie der Nienburger eher hintenan, da vergleichsweise geschmacksarm. Eine besondere Note besitzt dagegen der Braunschweiger, wobei ich bei dem aus lokalpatriotischen Gründen (Heimatnähe) wahrscheinlich nicht ganz neutral bin.

Der beste Spargel, den ich kenne, kommt allerdings aus der Altmark.

Für großstädtische Verhältnisse fast schon utopisch preiswerte 3,50 bis 5 Euro hat dort das Kilo am vergangenen Wochenende gekostet. Frisch vom Feld, wie das sein muss; denn dann schmeckt Spargel mit Abstand am besten. Jedenfalls gilt das besonders für den weißen, der laut englischsprachiger Wikipedia eine ziemlich deutsche (oder sagen wir zumindest mitteleuropäische) Kultivierungsform zu sein scheint. (Ansonsten wird Spargel eher grün geerntet.) Beim Weißen schützen gereihte Erdanhäufungen, in denen sie in aller Bleichheit gedeihen können, die Pflanzen vor der Sonne, machen sie milder und zarter. (Spargel an sich ist sowieso ein globales Gewächs; das größte Anbaugebiet hat China, der größte Exporteur ist Peru. Bereits die Ägypter schätzten das Staudengewächs, ebenso die alten Griechen. Die Römer haben es dann als erste kultiviert.)
Die Zubereitung ist nicht besonders anspruchsvoll; die größte Hürde für Anfänger dürfte das Schälen sein. Denn schlecht geschälter Spargel schmeckt holzig. Der wohlschmeckende Kopf der Spargelstange wird übrigens nicht geschält, sondern in die Hand genommen, um dem Rest der Stange dann per Spargelschäler gleichmäßig die Haut abzuziehen. Die Enden werden dann kurz abgeschnitten bzw. händisch abgeknipst.

Ob man ihn dann kalt aufsetzt oder in kochendes Wasser (mit Salz, etwas Zucker, einer Scheibe Zitrone (oder auch Orange)) legt, ist eine Glaubensfrage. Jedenfalls kocht man ihn kurz (auf), um ihn dann bei geschlossenem Deckel etwa 20 Minuten ziehen zu lassen. Wenn er sich danach beim Hochnehmen leicht zur Seite neigt, ist er genau richtig - und nicht “lätschig”.
Was normalerweise auf keinen Fall auf dem Spargel fehlen darf, sind die Semmelbrösel (Sauce Hollaindese passt nicht dazu, finde ich). Die gehören gesalzen und in schäumender Butter untergebracht, bis sie bräunlich geworden sind. Ob man sie so lange auf dem Herd lässt, bis sie krümelig geworden sind oder doch noch etwas in flüssiger Form von der Butter haben möchte, ist wieder Geschmackssache. Klassische Beilagen sind Kartoffeln und Schnitzel. Ich persönlich mag dazu am liebsten Schinken, am besten einen soliden Koch- sowie einen nicht zu herzhaften Landschinken.

Muss ich noch erwähnen, dass ich gerne Spargel esse?

Tanzeinlage XLI

Was die Klamotten angeht, waren die 80er Jahre ganz schön grello: Schön und als modisches Konzentrat zu bewundern im Video zu Miracles Club’ Church Song, das Judah Switzer gedreht hat. Irgendwas hat er da am Tempo des Clips verändert bzw. schnitttechnisch etwas gemacht; irgendwas irritiert - oder ist es tatsächlich allein der 80er-Style?

MIRACLES CLUB - “CHURCH SONG” from Mexican Summer on Vimeo.

(Tipp von Gökhan)

Romelus Baby

Nach Matthias Schwenk ist dem Mehrautorenblog Carta mit Christoph Kappes nun der zweite Herausgeber binnen kurzer Zeit verlustig gegangen. Die etwas nebulös angekündigte Neuaufstellung Cartas hat bislang also (von außen betrachtet) nicht mehr gebracht als die Atomisierung der Herausgeberschaft. Im Boot bleiben Gründer Robin Meyer-Lucht und Wolfgang Michal. (Erinnert sich jemand daran, dass Mercedes Bunz und Stefan Heidenreich einst ebenfalls diese Funktion innehatten?)

Gut, ich kenne weder Interna noch handelnde Personen: aber im Gegensatz zum eher zurückhaltenden Statement Schwenks bietet Kappes genug inhaltlichen Stoff zur Interpretation.

Also dann, Christoph Kappes schreibt:

Erstens hat sich für mich nicht der Freiraum ergeben, den ich vor einem halben Jahr nach schriftlichen Ankündigungen von Robin Meyer-Lucht zu seinem Rückzug erwartet hatte (vgl. dazu auch Matthias Schwenck zur Niederlegung seiner Herausgeberschaft). Die von mir geplanten konzeptionellen Änderungen zur Neuausrichtung von Carta.info können nun nicht umgesetzt werden.

Sprich: Robin Meyer-Lucht betrachtet Carta in erster Linie als sein Baby Projekt und ist letztendlich nicht wirklich willens, Verantwortung zu delegieren.

Ferner schreibt Kappes:

Zweitens möchte ich keine Rolle als „Herausgeber“ bei einer publizistischen Aktivität, die an andere höchste Ansprüche stellt, selbst aber keine personelle oder zumindest irgendwie geartete strukturelle Trennung von inhaltlicher Ebene und der Finanzierung der beteiligten Personen vornimmt.

Sprich: Der Hase liegt just an der Stelle im Pfeffer, wo inhaltliche Linie und Finanzierung sich nach professionellen Standards scheiden sollten - da Meyer-Lucht (@romelu) diese Trennung für sich selbst nicht akzeptieren möchte (siehe oben).

Eine knackige Stellungnahme Robin Meyer-Luchts wäre jetzt natürlich spannend; ich lasse mich bei meiner Kaffeesatzleserei gerne eines besseren belehren.

(Nebenbei bemerkt: Es geht mir nicht darum, hier jemanden durch den Kakau zu ziehen, und ich würde es begrüßen, wenn Carta ein wichtiger Anlaufpunkt in der deutschsprachigen Blogosphäre bliebe. Aber bei der Rumeierei der vergangenen Monaten bleibt - wie gesagt immer von außen betrachtet - der Eindruck hängen, dass es eher um persönliche als um inhaltliche Konflikte gehen könnte.)

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