Aufmerksamkeitsklimmbimm
Ist schon bestechend, wie pragmatisch Leute aus dem angelsächsischen Raum die Welt erklären können. Faulheit, Habgier und Angst sind zum Beispiel für den Historiker Ian Morris die entscheidenden Treiber der Weltgeschichte. Dabei ist es eine ziemlich delikate Frage, welche menschlichen Eigenschaften eigentlich allen Menschen zu Eigen sind - unabhängig von der Zeit und den Umständen, in denen sie lebten oder leben. (Dass etwa Religion eine so genannte anthropologische Konstante ist, dürfte etwas weniger umstritten zu sein als - sagen wir - Macht.)
Venkatesh Rao (Venkat) wiederum hält sich auf seinem Blog gar nicht erst mit menschlichen Grundeigenschaften auf und greift gleich zur Physik und den Elementen: Demnach kann man die menschliche Welt (”human world”) auf die vier fundamentalen Bereiche Kultur, Politik, Krieg und Wirtschaft reduzieren. Wobei die Wirtschaft, oder besser: das Geschäft (”business”) zwar nicht der mächtigste, wohl aber der dynamischste aller Bereiche sei. Weil dort der Mensch auf die Technologie treffe (im Gegensatz zum Krieg auf weniger zerstörerische Weise).
Also beschäftigt sich Venkat in seinem sehr ausführlichen Blogpost mit der Wirtschaft und dem Business, genauer: mit der Geschichte der Großunternehmen. Und die haben für ihn ihren Zenit überschritten und werden in einigen Jahren so dastehen, wie derzeit zum Beispiel die religiösen Institutionen: weiterhin groß und monolithisch, aber bei weitem nicht mehr mit so viel Einfluss und Macht versehen wie ehedem. Ihre Hochzeit hätten die Großunternehmen in den 1980er Jahren gehabt, als sie in den USA 80 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung beschäftigten. Seitdem kündige sich langsam, aber sicher ihr Niedergang an.
Chronologisch ordnet Venkat die Geschichte der Großunternehmen in eine merkantilistische Epoche, in der es darum gegangen sei, Raum zu erobern (Kolonialzeit); in eine moderne Epoche, in der der Westen große Produktivitätssteigerungen aufgrund der Verwissenschaftlichung und der Verallgemeinerung des (eigentlich individuellen) Konzeptes Zeit erreicht habe; und nun - da die begrenzte Ressource Zeit inzwischen aufgebraucht sei - habe die Epoche begonnen, in der der Kampf um Aufmerksamkeit zu einer Individualisierung der Perspektiven führe: Nicht mehr das Unternehmen bestimme darüber, wofür sich ihre Mitarbeiter Zeit nehmen, sondern jeder einzelne Mitarbeiter selbst. (Was dann zwangsläufig die Bedeutung der Unternehmen schwinden lasse.)
Mit dem Ökonomen Ronald Coase nennt Venkat diese neue Business-Epoche dann das Zeitalter “Coseanischen Wachstums”:
Without realizing it, the hundreds of entrepreneurs, startup-studios and incubators, 4-hour-work-weekers and lifestyle designers around the world, experimenting with novel business structures and the attention mining technologies of social media, are collectively triggering the age of Coasean growth.
Womit wir dann endgültig bei der Aufmerksamkeitsökonomie und bei Wir nennen es Arbeit angekommen wären. Fragt sich nur, ob so viel weltgeschichtliches und wirtschaftshistorisches Klimmbimm notwendig gewesen wäre, um ein neues, technologie- bzw. internetgetriebenes Zeitalter der Individualisierung auszurufen.
Es ist nicht so, dass der Blogpost Venkats an sich Klimmbimm wäre: Er ist gut geschrieben und enthält viele Fakten und originelle Ideen zur Geschichte der Unternehmen. (Abgesehen davon habe ich den Text natürlich stark verkürzt zusammen gefasst.) Aber er ist klar aus angelsächsischer, um nicht zu sagen US-amerikanischer Perspektive geschrieben und unterstellt der skizzierten Entwicklung eine Zwangsläufigkeit, die meiner Meinung nach so nicht zu begründen ist. (Man könnte mit einer nahezu identischen Argumentation auch behaupten, die Konzerne hätten für ein neues Milieu eine vermeintlich zukunftsträchtige, in Wahrheit aber vor allem selbstausbeuterische Nische geschaffen, aus der sie zu ihren Gunsten Nutzen ziehen.) Vor allem aber hat Venkat nicht viel dazu zu sagen, wie denn dieses neue Zeitalter genau aussehen soll und wer denn wie genau in einer globalisierten Wirtschaft die Funktionen in Zukunft ausfüllen wird, wenn die Unternehmen dazu nicht mehr in der Lage sind; er ist sich lediglich sicher, dass es kommt:
How do we measure Coasean growth? I have no idea. I am open to suggestions. All I know is that the metric will need to be hyper-personalized and relative to individuals rather than countries, corporations or the global economy.



