Monatsarchiv für Juni 2011

 
 

Aufmerksamkeitsklimmbimm

Ist schon bestechend, wie pragmatisch Leute aus dem angelsächsischen Raum die Welt erklären können. Faulheit, Habgier und Angst sind zum Beispiel für den Historiker Ian Morris die entscheidenden Treiber der Weltgeschichte. Dabei ist es eine ziemlich delikate Frage, welche menschlichen Eigenschaften eigentlich allen Menschen zu Eigen sind - unabhängig von der Zeit und den Umständen, in denen sie lebten oder leben. (Dass etwa Religion eine so genannte anthropologische Konstante ist, dürfte etwas weniger umstritten zu sein als - sagen wir - Macht.)

Venkatesh Rao (Venkat) wiederum hält sich auf seinem Blog gar nicht erst mit menschlichen Grundeigenschaften auf und greift gleich zur Physik und den Elementen: Demnach kann man die menschliche Welt (”human world”) auf die vier fundamentalen Bereiche Kultur, Politik, Krieg und Wirtschaft reduzieren. Wobei die Wirtschaft, oder besser: das Geschäft (”business”) zwar nicht der mächtigste, wohl aber der dynamischste aller Bereiche sei. Weil dort der Mensch auf die Technologie treffe (im Gegensatz zum Krieg auf weniger zerstörerische Weise).

Also beschäftigt sich Venkat in seinem sehr ausführlichen Blogpost mit der Wirtschaft und dem Business, genauer: mit der Geschichte der Großunternehmen. Und die haben für ihn ihren Zenit überschritten und werden in einigen Jahren so dastehen, wie derzeit zum Beispiel die religiösen Institutionen: weiterhin groß und monolithisch, aber bei weitem nicht mehr mit so viel Einfluss und Macht versehen wie ehedem. Ihre Hochzeit hätten die Großunternehmen in den 1980er Jahren gehabt, als sie in den USA 80 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung beschäftigten. Seitdem kündige sich langsam, aber sicher ihr Niedergang an.

Chronologisch ordnet Venkat die Geschichte der Großunternehmen in eine merkantilistische Epoche, in der es darum gegangen sei, Raum zu erobern (Kolonialzeit); in eine moderne Epoche, in der der Westen große Produktivitätssteigerungen aufgrund der Verwissenschaftlichung und der Verallgemeinerung des (eigentlich individuellen) Konzeptes Zeit erreicht habe; und nun - da die begrenzte Ressource Zeit inzwischen aufgebraucht sei - habe die Epoche begonnen, in der der Kampf um Aufmerksamkeit zu einer Individualisierung der Perspektiven führe: Nicht mehr das Unternehmen bestimme darüber, wofür sich ihre Mitarbeiter Zeit nehmen, sondern jeder einzelne Mitarbeiter selbst. (Was dann zwangsläufig die Bedeutung der Unternehmen schwinden lasse.)

Mit dem Ökonomen Ronald Coase nennt Venkat diese neue Business-Epoche dann das Zeitalter “Coseanischen Wachstums”:

Without realizing it, the hundreds of entrepreneurs, startup-studios and incubators, 4-hour-work-weekers and lifestyle designers around the world, experimenting with novel business structures and the attention mining technologies of social media, are collectively triggering the age of Coasean growth.

Womit wir dann endgültig bei der Aufmerksamkeitsökonomie und bei Wir nennen es Arbeit angekommen wären. Fragt sich nur, ob so viel weltgeschichtliches und wirtschaftshistorisches Klimmbimm notwendig gewesen wäre, um ein neues, technologie- bzw. internetgetriebenes Zeitalter der Individualisierung auszurufen.

Es ist nicht so, dass der Blogpost Venkats an sich Klimmbimm wäre: Er ist gut geschrieben und enthält viele Fakten und originelle Ideen zur Geschichte der Unternehmen. (Abgesehen davon habe ich den Text natürlich stark verkürzt zusammen gefasst.) Aber er ist klar aus angelsächsischer, um nicht zu sagen US-amerikanischer Perspektive geschrieben und unterstellt der skizzierten Entwicklung eine Zwangsläufigkeit, die meiner Meinung nach so nicht zu begründen ist. (Man könnte mit einer nahezu identischen Argumentation auch behaupten, die Konzerne hätten für ein neues Milieu eine vermeintlich zukunftsträchtige, in Wahrheit aber vor allem selbstausbeuterische Nische geschaffen, aus der sie zu ihren Gunsten Nutzen ziehen.) Vor allem aber hat Venkat nicht viel dazu zu sagen, wie denn dieses neue Zeitalter genau aussehen soll und wer denn wie genau in einer globalisierten Wirtschaft die Funktionen in Zukunft ausfüllen wird, wenn die Unternehmen dazu nicht mehr in der Lage sind; er ist sich lediglich sicher, dass es kommt:

How do we measure Coasean growth? I have no idea. I am open to suggestions. All I know is that the metric will need to be hyper-personalized and relative to individuals rather than countries, corporations or the global economy.

Tanzeinlage XLIII

Theorie: Hip Hop Dance Moves.

Erste Anzeichen von Altersweisheit

Mit 30 dachte ich, Rückenschmerzen seien das Ergebnis von schlechter Sitzhaltung, zu wenig Sport und schlechter Ernährung. Heute weiß ich, dass der Körper schon zu einem Zeitpunkt stehenbleiben will, an dem der Verstand noch Lösungsräume durchschreitet. Und stehen bleibt der Körper, weil es zwei Kräfte gibt, die miteinander widerstreiten. Fundamentale Konflikte wollen entschieden werden.

Und wenn sie nicht (rechtzeitig) entschieden werden, verpasst einem der Körper ein bleibendes Andenken in Form von chronischen Beschwerden, möchte ich Christoph Kappes hinzufügen.

Mein persönliches Rückenleiden habe ich einer abhängigen Beschäftigung zu verdanken, die im Nachhinein zwei oder drei Jahre zu lange gedauert hat. Wie das so ist mit dem Arbeiten in bürokratischen Apparaten: Sie muss gar nicht per se stumpfsinnig und/oder sinnlos sein. Es kommt darauf an, ob die zugewiesene Stelle und deren Zuständigkeitskonstellationen, die - Apparat hin oder her - letztendlich doch von persönlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen abhängen, es einem erlauben, sich eine Nische einzurichten, in der man vernünftig arbeiten kann.

Wenn man so eine Nische nicht findet, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: sich damit abfinden oder gehen. (Oder - aber das kommt (siehe Rückenleiden) nicht wirklich in Frage - man entschließt sich, mit einer dauerhaften Schieflage durch das Berufsleben zu surfen.)

Auf der Suche nach Knotenpunkten II

Es gehört inzwischen zum guten Ton bei den Leuten, die im Internet aktiv kommunizieren, sich in regelmäßigen Abständen der gegenseitigen Bedeutungslosigkeit zu vergewissern. Das muss nicht zwangsläufig persönlich gemeint sein; es ist das Privatmeinungsinternet an sich, das nicht halten will, was es versprochen hat. Und das drückt bei einigen offenbar auf die Stimmung.

Vor einem Jahr machte sich zum Beispiel Martin Lindner noch ganz optimistisch auf die Suche nach Leuten, die den deutschen Webdiskurs sprachlich und inhaltlich prägen könnten - sowohl bei den Diskursteilnehmern als auch dem gesellschaftlichen Mainstream gegenüber. Mittlerweile muss man sich schon Gedanken darüber machen, ob der Auftrag an Thomas Knüwer, einmalig eine it-affine Beilage für ein Männermagazin (die “deutsche Wired”) zu produzieren, nicht doch auch etwas Gutes an sich hat.

Diese Meldung hat jedenfalls in wenigen Tagen für weitaus mehr Aufsehen gesorgt als der sang- und klanglose Abschied von Carta. Das sich selbst so genannt habende Mehrautorenblog wurde von Robin Meyer-Lucht in den einstweiligen Ruhestand versetzt, und es bleibt einigermaßen unverständlich, warum Carta nicht wenigstens einen ernsthaften Versuch unternommen hat, sich noch einmal neu zu erfinden und dabei auch das liebe Geld zu bedenken, das nun einmal nötig ist, um Qualität zu liefern.

Dabei dürfte doch inzwischen allen klar sein, dass zwar jeder ins Internet schreiben darf, das aber nicht die einzige Voraussetzung dafür ist, außerhalb des eigenen Dunstkreises auch gelesen und gehört zu werden. Selbst wenn wir alle glaubten, dass jeder einzelne von uns ein One-Man-Think-Tank wäre, der das schon ganz allein gewuppt bekommt. (Und selbst wenn sich rivva, die Blog- und Social Media-Suchmaschine, nach ihrem Neustart wesentlich verbessern sollte, könnte sie allein die atomisierten Infohäppchen in der Digitalen auch nicht wieder sinnvoll zusammenkleistern. Obwohl es natürlich erfreulich ist, dass rivva wieder läuft.)

Na gut, das Informations-Ökosystem im Netz muss sich erst einmal entwickeln, die Leute sind noch nicht erfahren genug darin. Das kann man so sehen. Strukturell ist von einer eigenständigen Entwicklung aber herzlich wenig zu erkennen: Das einzige, was derzeit sichtbar wächst, ist die Social-Media-Marketingblase.

Inhaltlich scheint bis auf weiteres nur die Hoffnung zu bleiben, dass Konstantin Neven DuMont so viel Geld in den Ring wirft und darüber hinaus mit einem überzeugenden Konzept aufwartet, damit im Netz doch einmal eine Art Leuchtturmprojekt entsteht, das erfolgreich ist und nachhaltig Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das mag verwegen klingen, hat aber allemal mehr Erfolgsaussichten als gut gemeinte Hobbygründungen ohne Netz (Geld) und doppelten Boden (Konzept) - Digitale Gesellschaft, ick hör dir trapsen..

Digitale Grenzgänger/Boulevard VII

Jörg Wittkewitz hat einen kritischen Text zu den 15 Thesen Dirk Baeckers (pdf) veröffentlicht, die eine so genannte nächste Gesellschaft skizzieren sollen. Einige seiner Kommentatoren sind mit dem Blogpost nicht einverstanden, und so kam es, wie es meistens kommt: Die Diskussion kippte vom Inhaltlichen ins Persönliche.

Klaus Kusanowsky hat sich Text und Kommentare im Nachhinein angesehen und konnte der gekippten Debatte - offenbar ganz im Gegensatz zum Autor und zu den Kommentatoren - etwas Positives abgewinnen:

Das ist im Ganzen eine sehr gelungene Diskussion; dafür möchte ich mich gern bei allen bedanken. (…)

Jedenfalls lässt die Internetkommunikation nicht mehr das zu, was ehedem die Anschlussmöglichkeiten einschränken konnte, dass man sich nämlich in separierbare Räume aufteilte, für die Zugangsregeln ermittelt und vermittelt werden konnten. Man konnte sich einfach aus dem Wege gehen: der Feuilletonist bliebe dem wissenschaftlichen Gespräch fern, der Wissenschaftler dem Feuilleton. Aus diesem Grunde reagierten beide Seiten hoch empfindlich auf Grenzüberschreitungen: wenn Wissenschaftler anfingen, fürs Feuilleton zu schreiben, schrie man Verrat an der Wissenschaft; schrieben Feuilltonisten wissenschaftlich, schrie man entsetzt ob des Verlusts von Auflage. Daraus resultierende Grenzkonflikte sind immer noch nicht abgearbeitet, aber dieser Abarbeitungsprozess lässt sich in dieser Diskussion en miniature verfolgen.

Solche Diskussionen sind ein Fortschritt, weil sie die Unhaltbarkeit von Erwartungen an Rationalität verstärken. Gewiss wird man wieder lernen, sich aus dem Wege zu gehen, aber die Flecken dieser Erfahrung sind nicht abwaschbar.

Klaus Kusanowsky gelingt es mit dieser wunderbar salomonischen Einschätzung, der destruktiven Kraft des Konfliktes etwas entgegenzusetzen: und sei es nur die theoretische Möglichkeit, in den Sozialen Medien jenseits der üblichen gesellschaftlichen Grenzziehungen jederzeit kommunikativ erreichbar zu sein und etwas daraus zu lernen. Etwas, dessen “Flecken nicht abwaschbar” sind, man also auch nicht einfach wieder wegwischen kann.

Nun ist die Frage, wie jeder einzelne von uns, sofern er daran interessiert ist, die Chancen auf produktiven Informationsaustausch in der Digitalen erhöhen kann. Ob das überhaupt möglich ist, und wenn ja, wie: Daran schieden sich dann aber erneut die Geister. Mein etwas altbackener Hinweis, dass es für einen fruchtbaren Fortgang einer Diskussion bestimmt nicht schlecht sei, auch ein gewisses Maß an Empathie für die Gegenseite aufzubringen, wurde auf jeden Fall zwar durchaus wohlwollend, dennoch aber recht skeptisch aufgenommen.

Es ist schon klar: Selbst bei der etwas idealtypischen Konstellation zweier Diskutanten mit gegensätzlichen Meinungen hat jeder Diskutant die Art und Weise des Fortgangs der Diskussion nur zur Hälfte in der Hand. Fängt die andere Seite an zu trollen, nutzt einem Empathie wenig. Es nutzt einem auch nicht viel, vorher eine gewisse Debattenkultur ausgehandelt zu haben, wenn sich hinterher auch nur einer nicht daran hält. Insofern hat Klaus Kusanowsky nicht nur eine originelle Formulierung parat, sondern auch noch Recht, wenn er sagt, “es ist die Fortsetzung die darüber entscheidet was ausgehandelt wurde“.

Umgekehrt heißt das aber auch nicht, dass man als Einzelner nun gar keinen Einfluss auf den Fortgang einer Diskussion hat. Und Empathie, also grob gesagt, die Fähigkeit und der Wille, sich auf sein Gegenüber einzulassen und sich ein Stück weit in ihn hineinzuversetzen, erhöht nun einmal die Chance, ebenso behandelt zu werden. Das ist nun wirklich eine Binsenweisheit.

Es gibt in der Soziologie ja das Konzept des kulturellen Grenzgängertums, das mir erstmals vom inzwischen emeritierten Soziologie-Professor Rolf Lindner erklärt wurde. Lindner bezieht laut der Zeit dieses Konzept in seiner Geschichte der Stadtforschung auf die Entstehung der Großstädte im 19. Jahrhundert:

Lindners Aufmerksamkeit gilt all jenen Professionen, Bilderproduzenten und »geborenen« Grenzgängern, die mit den Metropolen entstanden sind und sie zugleich verkörpern: Kriminalisten, Reporter, Stadtplaner, Literaten, Missionare, Fotografen, Ethnologen, Sozialarbeiter oder die Bohemiens und Künstler der Avantgarde.

Kurz: Lindner interessiert sich also für die Leute, die nach Simmel mit einer Gleichzeitigkeit aus Nähe und Ferne in mehr als einer Welt zu Hause sind.

Ich habe ja neulich schon gepostet, dass man bei der Ausgestaltung digitaler Kommunikationsräume auch mal an die Stadtforschung denken könnte. Das gilt in diesem Zusammenhang sicher auch für den Blick auf die Professionen und Typen, für die Lindner sich so interessiert: die in der Großstadt entstanden sind und die über dort bestehende kulturelle Grenzen hinweg operieren.

In der digitalen Öffentlichkeit gibt es jedenfalls nur wenige, die willens und in der Lage sind, sich zur Not auch als kommunikatives Schmiermittel zur Verfügung zu stellen; es gibt noch viel zu wenige digitale Grenzgänger, finde ich.

Hunger?

Sieht zwar merkwürdig aus, ist aber essbar: Snack auf einem Flug mit Ukrainien Airways.

Boulevard VI

Der Soziologe Stefan Schulz und der Marketing-Unternehmer Martin Oetting liefern sich gerade ein Blog-Scharmützel mit ein paar interessanten, die Internet-Debattenkultur betreffenden Aspekten.

Was ist passiert?

Schulz hat sich einen Vortrag im Netz angeschaut, den Oetting auf dem Scholz and Friends Digital Camp für Werber gehalten hat, und diesen mit deutlichen Worten kritisiert.

Thema des Vortrags: das Internet und wie es die Welt des Marketings verändert. Werber guckten in der Welt der alten Massenmedien aus der Vogelperspektive auf ihre Kunden; im Internet hingegen seien sie mit ihnen auf Augenhöhe - und dies berge insbesondere in den Sozialen Medien ganz neue, vor allem kommunikative Herausforderungen, auf die Werber sich ernsthaft einlassen sollten. Das war im Kern die Botschaft, die Martin Oetting rüberbrachte.

Einer der zentralen Gründe dieser Entwicklung ist für Oetting der Wegfall der Filterfunktionen traditioneller Massenmedien, da die Produktionskosten für Inhalte im Internetzeitalter praktisch nicht mehr existent sind.

Inhaltlich widerspricht Schulz just auch an diesem Punkt und hält Oetting eine arg verkürzte Sicht auf die digitalen Dinge vor: Journalistische Redaktionen haben die Welt niemals gefiltert, sondern konstruiert, schreibt Schulz und mag im Gegensatz zu Oetting nicht daran glauben, dass wir es beim Internet mit einem Paradigmenwechsel zu tun haben.

Martin Oetting findet seinerseits die Kritik unangebracht und erklärt sie kurzerhand für irrelevant - sowohl für seine Zwecke (Marketing) als auch für sein Publikum (Werber). Was dann wiederum Schulz zu einer Replik auf die Replik veranlasst, in der er Oetting kopfschüttelnd uneinsichtig nennt.

Netzdebattentechnisch heißt das?

Dass man eine Entscheidung trifft, wenn man in den Sozialen Medien präsent ist. Die Entscheidung, grundsätzlich für jeden in kommunikativer Hinsicht erreichbar zu sein. Ein bisschen schwanger geht halt nicht. Das gilt gerade für die Verfechter des Social-Media-Gedankens, und deshalb muss sich Martin Oetting schon fragen, ob er glaubwürdig agiert - einerseits dafür plädieren, sich auf digitale Kommunikationsformen einzulassen, und andererseits Kritik, die über einen solchen Kanal reingekommen ist, als irrelevant abzutun. (Ich finde, Oetting reagiert sehr menschlich, bleibt überdies höflich und ärgert sich offenbar und durchaus verständlich über den teilweise besserwisserischen (”uneinsichtig”) Schreibstil, den Schulz gewählt hat. Es ändert aber nichts: Seinen im Vortrag erläuterten Prinzipien bleibt er dabei nicht wirklich treu.)

Dass in mehr oder weniger Echtzeit-Kommunikation häufig so etwas wie Asynchronität auftaucht: unterschiedliche, kommunikativ nicht mehr überbrückbare Unterschiede zwischen Lebensanschauungen und -stilen. Man hat sich nichts zu sagen. Vorausgesetzt, man weiß überhaupt voneinander. (Immerhin ist in Sozialen Netzwerken die Chance, dass man voneinander weiß, größer. Und damit wohl auch die Wahrscheinlichkeit, dass es auch einmal zu produktiven Konfrontationen kommen kann.)

Und dass immer noch die alte Regel gilt, wonach der Autor mit dem Erscheinen seines “Textes” die Rechte an der Art der geistigen Verwendung aus der Hand gegeben hat. Schluss, aus, vorbei.

Machen wir uns nichts vor XXXIII

Journalistische Redaktionen haben die Welt niemals gefiltert, sondern konstruiert. Die (Motiv-)Unterstellung, die darin besteht anzunehmen, dass es hinter der journalistisch gefilterten Welt, wie sie in den Zeitungen steht, eine gesellschaftlich folgenreiche wirkliche Welt gibt, entfällt. Streng genommen liest man Zeitung nicht um sich zu informieren, was in der Welt passiert. Man liest Zeitung um sich darüber zu informieren, worüber andere sich informieren, wenn sie in der Zeitung lesen, was in der Welt passiert. Und diese Funktion wird durch das Internet nicht ersetzt.

Stefan Schulz kritisiert einen Vortrag Martin Oettings und damit eines der beliebtesten Argumente der pessimistischen Verlags-Auguren: dass der Verlust des Monopols für Filterfunktionen, um gesellschaftlich relevante bzw. gewollte Informationen zu erlangen, Zeitungen in der hergebrachten Form letztendlich überflüssig mache.

(Überhaupt habe ich den Eindruck, dass in den Netzdebatten der vergangenen Wochen die Stimmen aus der soziokybernetischen Ecke deutlicher zu hören waren als zuvor. Wäre super, wenn das stimmt und insgesamt ein wenig mehr inhaltliche Substanz in die Blogosphäre fließen würde; mir hängt #postprivacy jedenfalls in der Ist-Form langsam auch zum Hals raus.)

Odessa

Hafenstädte sind immer wieder toll. Sie sind wuseliger als ihre Schwestern im Landesinneren, und ihre Bewohner sind im Laufe der Jahrhunderte aus allen möglichen Richtungen und Gegenden in die Stadt gespült worden. Ihre Geschichte ist meist bewegt und an jeder Straßenecke zu spüren. Und wenn sich einem dann noch die salzige Luft auf die Haut legt und das Leben einen anlacht, dann hat man sich flugs in sie verguckt.

So geschehen in Odessa und mit ihren Einwohnern, den Odessiten. Wobei das Wahrzeichen der Stadt, die Potemkinsche Treppe, die ihre Berühmtheit Sergei Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin verdankt, so irre spektakulär gar nicht ist. Aber das ist ja bei den meisten vom Reiseführer gerühmten Sehenswürdigkeiten so. Wobei die perspektivische Bauweise der Treppe schon etwas hat: Sie ist unten einige Meter breiter gebaut als oben, was sie von dort, vom Hafen und damit vom genuinen Zugang zur Stadt, wesentlich mächtiger aussehen lässt als sie eigentlich ist.

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