Katze in Schwanz
Nun wissen wir also Bescheid: google plus ist ein “Identitätsdienst”, sagt Eric Schmidt. Dafür sei nun einmal die Angabe des richtigen Namens eines jeden Nutzers notwendig; ansonsten könne man ja auch darauf verzichten, google plus zu nutzen, so der Chairman des selbsternannten Don´t-be-evil-Unternehmens.
Das kann man so sehen, wenn man google plus vor allem wirtschaftlich betrachtet - und selbst wenn man die Forderung googles, in seinem neuen Sozialen Netzwerk doch bitteschön offizielle Namen zu verwenden, für realitätsfremd bis undurchführbar hält.
Die Sache hat nur einen (altbekannten) Haken: Auf google plus findet Öffentlichkeit und Kommunikation statt, sprich: Gesellschaft. Und ob man google ohne Weiteres gestatten sollte, Gesellschafts- bzw. Öffentlichkeitsprivatisierer zu sein, das ist unklar.
Im Grunde gibt es derzeit zwei Varianten, wie mit dieser Frage umgegangen wird - und beide haben mit der Rolle des Staates bzw. der Politik zu tun.
So hat, erste Variante, Johnny Häusler sich gefragt, warum die Leute eigentlich Unternehmen häufig mehr Vertrauen entgegen bringen als “einer demokratischen Regierung nebst Kontrollinstanzen“. Die Antwort könnte lauten: Weil im Vergleich zur Wirtschaft immer noch der Staat dem Menschen mehr Leid zuzufügen in der Lage ist, allein weil er im Besitz des Gewaltmonopols ist. Darauf hat Christoph Kappes schon während der Streetview-Debatte häufig hingewiesen.
Dennoch steckt hinter Johnny Häuslers Frage eine Erkenntnis, die inzwischen bei vielen Leuten angekommen ist, zumindest in Europa aber lange Zeit aus historischen Gründen nicht präsent war: dass Zensur in den westlichen Gesellschaften inzwischen eher von der Wirtschaft (Private Censorship) als vom Staat ausgeht, eine Sichtweise, die zum Beispiel der US-amerikanische Juraprofessor Tim Wu seit einiger Zeit gerne anbringt.
Wenn also die Wirtschaft und nicht der Staat das Internet kontrollieren, wer kontrolliert dann die Wirtchaft, fragt Häusler - und stellt damit eine Frage, die nicht nur in Bezug auf das Netz hochaktuell ist.
Solch eine Sichtweise hat allerdings Konsequenzen, welche Mathias Richel in einem Kommentar zum Blogpost Häuslers nennt:
Wir müssen uns alle im Klaren darüber sein, dass die Antworten auf deine richtigen Fragen immer eine Regulierung des Netzes durch die Politik bedeuten. Markt-Regulierung (die es heute schon gibt) und Netz-Regulierung, die kommen wird.
Die Notwendigkeit regulatorischer Maßnahmen von Seiten des Staates anzuerkennen, damit haben einige Leute, zweite Variante, aber (und nicht ganz unverständlich) ein Problem. Einen interessanten und in diesem Zusammenhang ziemlich symptomatischen Blogpost zu diesem Thema hat zum Beispiel ein Blogger mit dem eingängigen Namen Crackpille geschrieben.
Crackpille sieht die ganzen Debatten um google und Datenschutz als geschickt-infamen Versuch der regulierungssüchtigen Politik, die Netzgemeinde zu spalten und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu untergaben. Wobei man ihm bei seinem Vorwurf in Richtung Politik, mit zweierlei Maß zu messen, nicht widersprechen kann:
Die Kampflinie Datenschützer vs. Staat haben die großen Parteien durch massives agenda-setting abgelenkt auf Datenschützer vs. Google und Facebook. Daraus resultiert auch die Heuchelei, die Erfassung von IP-Adressen als datenschutzwidrig darzustellen, während man gebetsmühlenartig eine Vorratsdatenspeicherung fordert die erst dafür sorgt, dass eine IP auf einen Anschluss zurückzuführen ist.
Nun bin ich mir ziemlich sicher, dass es wenig bis nichts bringt, die Politik bzw. den Staat als Feind zu betrachten. Oder gar als Gebilde, das seine beste Zeit bereits hinter sich hat und in dieser Frage ohnehin nicht mehr viel ausrichten kann, selbst wenn er es wollte, wie Michael Seemann in einem weiteren Kommentar unter den Blogpost Johnny Häuslers angemerkt hat:
Nationalstaaten sind allen wesentlichen Belangen gerade an ihre Grenzen gestoßen und in der bisherigen Form ein Auslaufmodell, vor allem was den Bezug zum Internet angeht.
Stattdessen müsse man halt “die Politik direkt in die Konzerne und deren Plattformen hereintragen. Dort spielt jetzt nämlich die Musik”, meint Seemann. Wie er das bewerkstelligen möchte, bleibt allerdings sein Geheimnis.
Oder, um nochmals Mathias Richel zu zitieren:
Legislative, Exekutive und Judikative ausklammern, bis Spackeria und Datenschutzarmee ihren Sieger ernannt haben? Ich kann mich irren, aber ich glaube, dass es dann mindestens zu spät ist …
Tja, und an dieser Stelle beißt sich die Katze dann spätestens in den eigenen Schwanz. Auch bei mir, denn damit komme ich zu genau dem Schluss, zu dem ich bereits vor drei Wochen mit Hilfe Felix Schwenzels gekommen bin:
eigentlich lauten die fragen doch nicht internet vs. privatsphäre, appstore oder google vs. transparenz, sondern AGBs vs. bürgerrechte.
Bzw.: Wenn Netzwerke wie Google Plus “mehr und mehr zu Strukturen (werden), die für ein öffentliches Leben notwendig sind”, dann fällt ihre Pflege “zunehmend in den Bereich öffentlich-staatlicher Aufgaben.”

