Monatsarchiv für September 2011

 
 

Killerapp-Coda

Unser Problem ist, dass schon das Wort Fortschritt schwere Zuckungen in Feuilletons auslöst und in der Old Economy zu gern scheitert. Dort sind die Blockaden: Der Motor der Old Economy möchte bleiben, wie er ist, und unser geistiges Benzin ist moralisch und ideologisch gefärbt (von allen Seiten übrigens).

Ziemlich treffende Beschreibung, wie die Killerapp-Debatte verlaufen ist, mit der Frank Schirrmacher eine Diskussion über konservativ-bürgerliche Werte im Finanzmarkt-Zeitalter nach Deutschland getragen hat. Obwohl Christoph Kappes diesen Satz in einem ganz anderen Zusammenhang in einer Kritik an der deutschen Erstlingsausgabe der Techpop-Zeitschrift Wired untergebracht hat.

Wie oben beschrieben: Das Feuilleton griff das Thema auf, vor allem Springer setzte es auf die alte Rechts-Links-Politspur, und schlussendlich tauchte es im bundespolitischen Parlament als Rede der Partei Die Linke auf.

Dass Gregor Gysi ein glänzender Redner ist, macht die Sache zwar unterhaltsam. Aber das Thema ist in der falschen politischen Schublade verstaut worden.

Tanzeinlage XLVII

Hully Gully, dieser tollnamige Tanz aus den 1960ern, kommt vom Twist und aus den USA, wie ich gerade gelernt habe - kann aber ganz offensichtlich auch ziemlich französisch daherkommen.

(via PCL Link Dumb)

Machen wir uns nicht vor XXXIV

In einer Gesellschaft, in der sich die Wertschätzung des Individuums in der Weise zeigt, dass Autonomie und Selbstbestimmung von größter Wichtigkeit ist, kann es nicht überraschen, wenn man feststellt, dass es gleichzeitig keine Chance gibt, auch nur ein geringes Maß an individueller Autonomie zu garantieren, was sich darin niederschlägt, dass es nichts mehr gibt, was ein Individuum allein bewerkstelligen könnte. (…)

Dies nicht zu bemerken oder, wenn doch, dies mit allerlei Ausflüchten zu kommentieren, und ein „jetzt-erst-recht“ oder ein trotziges „dennoch“ zu wagen hieße, sich auf Weltfremdheit festzulegen. Und diese Weltfremdheit ist keine Ausnahmebeobachtung, kein seltener Fall von kognitiver Dissonanz, sondern eher der Normalfall einer Gesellschaft (…).

Klar, das dürften wir doch alle spüren: Einerseits sind wir gezwungen, die fleischgewordene Ich AG in uns zu füttern, andererseits steigt der psychologische Druck umso mehr je icher unsere AG ist.

Sozusagen eine Entfremdung 2.0, die da Klaus Kusanowsky mit Gewährsmann Marx vor Augen hat.

Aber was tun?

Welchen Aufwand müsste eine Gesellschaft erbringen, die anfängt, diese Weltfremdheit als merkwürdig und seltsam verstehbar zu machen? Dieser Aufwand dürfte kaum zu überschätzen sein, reichen doch alltäglich massenweise anfallende Beobachtungen nicht aus, um die Weltfremdheit der modernen Welt fremd werden zu lassen.

Dass wir noch nicht so weit sind, macht Kusanowsky an der Wortschöpfung “Identitätsdienst” fest, die google-Chairman Eric Schmidt neulich ins Spiel gebracht hat, um das Beharren auf die Pflicht zum Klarnamen für google-plus-Nutzer zu begründen. Und ja: Was soll man dazu noch sagen, wo so ein Wort doch alles sagen kann und höchstwahrscheinlich nicht viel weniger Interpretationen darüber tatsächlich im Umlauf sind.

Klaus Kusanowsky kommt damit im Grunde zu einem niederschmetternden Kommunikationsbefund, verfällt darüber aber gar nicht in Schwermut, ganz im Gegenteil. (Systemtheorie bringt einen dazu, scheinbar paradoxe Sachen ganz folgerichtig zu finden, finde ich jetzt für mich ganz persönlich.)

Er schreibt stattdessen, dass es erst einen vernünftigen Neuanfang geben kann, wenn kommunikativ alles auf Null gestellt wird. Und google, Schmidt und sein Identitätsdienst zeigten das ganz gut:

Solange noch irgendwer sich zutraut, über die Ereignisse auch nur ein verständiges Wort zu äußern, solange geht alles wieder auf Anfang zurück. (…) Streng genommen sollte man Grund zum Optimismus haben, wenn auf der Chefetage des erfolgreichsten Konzerns aller Zeiten die Trolle und Nonsense-Quatscher den Ton angeben.

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