In einer Gesellschaft, in der sich die Wertschätzung des Individuums in der Weise zeigt, dass Autonomie und Selbstbestimmung von größter Wichtigkeit ist, kann es nicht überraschen, wenn man feststellt, dass es gleichzeitig keine Chance gibt, auch nur ein geringes Maß an individueller Autonomie zu garantieren, was sich darin niederschlägt, dass es nichts mehr gibt, was ein Individuum allein bewerkstelligen könnte. (…)
Dies nicht zu bemerken oder, wenn doch, dies mit allerlei Ausflüchten zu kommentieren, und ein „jetzt-erst-recht“ oder ein trotziges „dennoch“ zu wagen hieße, sich auf Weltfremdheit festzulegen. Und diese Weltfremdheit ist keine Ausnahmebeobachtung, kein seltener Fall von kognitiver Dissonanz, sondern eher der Normalfall einer Gesellschaft (…).
Klar, das dürften wir doch alle spüren: Einerseits sind wir gezwungen, die fleischgewordene Ich AG in uns zu füttern, andererseits steigt der psychologische Druck umso mehr je icher unsere AG ist.
Sozusagen eine Entfremdung 2.0, die da Klaus Kusanowsky mit Gewährsmann Marx vor Augen hat.
Aber was tun?
Welchen Aufwand müsste eine Gesellschaft erbringen, die anfängt, diese Weltfremdheit als merkwürdig und seltsam verstehbar zu machen? Dieser Aufwand dürfte kaum zu überschätzen sein, reichen doch alltäglich massenweise anfallende Beobachtungen nicht aus, um die Weltfremdheit der modernen Welt fremd werden zu lassen.
Dass wir noch nicht so weit sind, macht Kusanowsky an der Wortschöpfung “Identitätsdienst” fest, die google-Chairman Eric Schmidt neulich ins Spiel gebracht hat, um das Beharren auf die Pflicht zum Klarnamen für google-plus-Nutzer zu begründen. Und ja: Was soll man dazu noch sagen, wo so ein Wort doch alles sagen kann und höchstwahrscheinlich nicht viel weniger Interpretationen darüber tatsächlich im Umlauf sind.
Klaus Kusanowsky kommt damit im Grunde zu einem niederschmetternden Kommunikationsbefund, verfällt darüber aber gar nicht in Schwermut, ganz im Gegenteil. (Systemtheorie bringt einen dazu, scheinbar paradoxe Sachen ganz folgerichtig zu finden, finde ich jetzt für mich ganz persönlich.)
Er schreibt stattdessen, dass es erst einen vernünftigen Neuanfang geben kann, wenn kommunikativ alles auf Null gestellt wird. Und google, Schmidt und sein Identitätsdienst zeigten das ganz gut:
Solange noch irgendwer sich zutraut, über die Ereignisse auch nur ein verständiges Wort zu äußern, solange geht alles wieder auf Anfang zurück. (…) Streng genommen sollte man Grund zum Optimismus haben, wenn auf der Chefetage des erfolgreichsten Konzerns aller Zeiten die Trolle und Nonsense-Quatscher den Ton angeben.