Monatsarchiv für Oktober 2011

 
 

Tanzeinlage XLVIII

Der österreichische DJ und Musiker Pavor Stelar gilt offenbar nicht nur als einer der “Pioniere des Electroswing“, sondern kann den auch ziemlich elastisch tanzen.

(via the big picture)

Google und Gedächtnis

Der Echtzeit-Kult findet in der Architektur Sozialer Netzwerke seine Entsprechung in eher unterentwickelten Archivierungs- und Suchfunktionen. Es ist alles auf die Gegenwart ausgerichtet, und Postings versickern innerhalb weniger Tage ins Nirgendwo.

Solche strukturellen Beschränkungen sollte man vielleicht im Hinterkopf behalten, wenn man diese Infografik zu den tools von Google anschaut, mit denen Gedächtnisfunktionen ausgelagert werden können.

Google and Memory
Research and Design by: Online Colleges Site

Mütter in Schwabylon

Seit Henning Sussebachs Zeit-Artikel Bionade Biedermeier ist über den Prenzlauer Berg eigentlich alles Nennenswerte geschrieben worden: diesen merkwürdigen Stadtteil Berlins, der sich zu der Projektionsfläche schlechthin für die Beschreibung einer dort vermeintlich entstehenden neuen Bürgerlichkeit entwickelt hat. (Wobei dann mit Oliver Gehrs immer noch die Frage bleibt, was daran eigentlich nennenswert sein soll.)

Ja nun, der Prenzlauer Berg ist nicht mehr das, was er einmal war; er ist gentrifiziert worden und wird es immer noch. Was zur Folge hat, dass inzwischen viele viele Akademikerkinder von Akademikereltern dort wohnen, vorzugsweise aus dem Westen stammend, nunmehr selbst Kinder bekommend, Funktionskleidung tragend und SUVs fahrend.

Wie sie dann letztendlich genannt werden, ist immer eine Frage des gerade aktuellen Empörungspegels. Ob Schwaben, Funktionskleidungsträger, Grünenwähler, Fahrradfahrer oder - wie derzeit in Mode - Mütter: Es sind immer dieselben Leute gemeint.

Welcome to Schwabylon.

An dem jüngsten Streit, in der es just um die vielen Prenzlauer-Berg-Mütter geht, die - so lautet der atemberaubende Vorwurf - mit ihren Kinderwagen die Bürgersteige blockieren und den ganzen Tag latteschlürfend-gelangweilt verbringen, während ihre Männer schlipsummantelt im Büro sitzen und den Kauf einer weiteren Eigentumswohnung oder die nächste Klage gegen nachbarliche Ruhestörung planen, lässt sich meiner Meinung aber noch ein bisschen mehr herauslesen als wahlweise Sozialneid oder Genervtheit darüber, dass “die Schwaben” dem gesamten Bezirk ihren Lebensstil aufdrücken.

Ich meine dieses ziemlich schwer zu fassende Soziale an den eben sozial genannten Medien, das dafür sorgt, dass die “zuvor im Print von den Menschen abgelösten Dokumente wieder in soziale Kontexte einbettbar” macht und Christoph Kappes zu der spannenden Frage veranlasst hat, ob wir denn überhaupt noch verstehen, “was seit ein paar Jahren passiert? Können wir noch beobachten - ohne zu werten?”

Die Diskussionen, die ein Artikel von Anja Maier in der taz in den dortigen Kommentaren und auch in einigen Blogs ausgelöst hat, sind auf jeden Fall feinste Trollkommunikation: eine (neue?) Kommunikationsform, in der es eher um die Einverleibung des vorliegenden Textes in das eigene Weltbild als um eine Auseinandersetzung mit dessen Inhalten geht. Die Kritik, die Zustimmung, das Beleidigen und Gegenbeleidigen - es ist vielleicht in der ersten Reaktion, letztendlich aber nicht wirklich persönlich gemeint, sondern dient eher als kommunikativer Brückenschlag in jede beliebige Richtung. (Systemtheoretisches Stichwort: Anschlussfähigkeit.)

Das scheint notwendig zu sein, da ein Zeitungsartikel oder überhaupt ein Dokument in den Kommentarmühlen der Sozialen Netze nicht sicher sein kann, dekonstruiert zu werden. Bekanntlich noch nicht einmal Doktorarbeiten.

Vor einigen Jahren hätte es vielleicht noch ausgereicht, darauf hinzuweisen, dass Anja Maier in ihrem Artikel, einem Buchauszug, die Aussage einer Cafébetreiberin im Gethsemanekirchenkiez protokolliert hat. Das hätte die Diskussionen, die sich vor allem um die ziemlich derbe Ausdrucksweise der Protokollierten drehen, deutlich entschärft. (Ja, es sieht wirklich so aus, als ob es sich hierbei um eine Abschrift handelt, die genau die Sprache mitsamt Dialekt dieser Frau wiedergibt. Ich kenne jedenfalls inzwischen mehrere Leute, die sich sicher sind zu wissen, um welches Café es sich da handelt und welche Frau sich über die Mütter im Prenzlauer Berg aufregt.)

Inzwischen ist es aber ganz offensichtlich nicht mehr möglich, auf eine Definition zu einigen, wie denn (zunächst einmal unabhängig vom Inhalt) der Text einzuordnen ist. Es kommt nicht mehr auf die Schublade an, sondern auf die Perspektive, in der man auf sie schaut.

Peter Praschl zum Beispiel nimmt es persönlich und sieht sich (und vor allem seine Frau) in die Arschlochecke gestellt.

Felix Schwenzel beurteilt den Text als Humorversuch und findet vor allem Pocher-Pointen.

Und dass Andrej Holm scheinbar noch nicht mitbekommen hat, dass in diesem Kontext der Ausdruck Schwaben nicht unbedingt Leute meinen muss, die in Baden-Württemberg geboren worden sind, verwundert mich am meisten. (Aktualisierung: Meine Verwunderung kam nicht von ungefähr: Ich habe mich da nicht nur ungenau ausgedrückt, sondern Andrej offensichtlich missverstanden - siehe Kommentar unten.)

Verstehen wir also, was eigentlich passiert?

eine kleine (gewertete) beobachtung

Die größte Veränderung, die in den vergangenen Jahren in der Fernseh-Unterhaltung stattgefunden hat, ist für TV-Dino Hape Kerkeling, “dass es früher schwer war, ins Fernsehen zu kommen. (…) Dafür war es, wenn man drin war, leichter, sich zu halten. Heute ist es umgekehrt.” Heute ist es im TV in Castingshows also ein bisschen wie in Sozialen Netzwerken: (Fast) jeder kann mitmachen; ob das aber für andere von Interesse ist - eventuell sogar auf Dauer - ist eine ganz andere Frage.

Der Unterschied zwischen traditioneller Fernseh-Unterhaltung und Trash-TV ist damit ein bisschen so wie zwischen traditioneller Presse und Sozialen Netzwerken - zumindest in der Frage, welche Inhalte Aufmerksamkeit bekommen und welche nicht: Das Publikum bzw. das Netzwerk entscheiden darüber; die Gatekeeper-Funktion des (vor-)filternden Redakteurs, der den Content seines Mediums mit Blick auf dessen Zielgruppe auswählt und aufbereitet, ist in sozialen Formaten nicht mehr vorgesehen.

Das heißt zum Beispiel für einen Blogpost (und auch für einen Zeitungsartikel), dass die Tatsache seiner Veröffentlichung noch nichts darüber aussagt, ob er eine Bedeutung hat. Die Bedeutung muss mitgeliefert werden, und zwar vom mitlesenden Netzwerk. Und das bedeutet wiederum, dass eher Meinungen ausgetauscht werden als Fakten. Es reicht nicht mehr darauf hinzuweisen, dass ein Artikel in der renommierten Zeitschrift XY erschienen ist, um ihn satisfaktionsfähig zu machen. Und sofern Kommentare zugelassen sind, muss eine Leseempfehlung begründet und manchmal auch verteidigt werden - und das geht ohne Meinung schlecht.

Das ist keine Geschmacksfrage, sondern hat Prinzip und ist in der Architektur Sozialer Netzwerke angelegt. Man darf sogar sagen, dass es sich dabei um das Entstehen neuer Kommunikationsformen handelt; es ist präzise zu fragen, ob wir verstehen, “was seit ein paar Jahren passiert? Können wir noch beobachten - ohne zu werten?

Fremdgegangen

Jede Gesellschaft kann nur weiterkommen und damit letztendlich überleben, wenn sie aus der Menge an Sinn, den ihr die zur Verfügung stehenden Verbreitungsmedien liefern, sich das Quantum herausnimmt, das für das Weiterkommen und Überleben notwendig ist. Laut Dirk Baecker ist das eine der spekulativsten und fruchtbarsten Thesen, die Niklas Luhmann formuliert hat.

Dies war der Anfang eines Blogposts, den ich vor einigen Wochen angefangen, aber nicht zuende geschrieben habe. Der Grund dafür war nicht zuletzt das Soziale Netzwerk google plus, das ich gerade ausprobiere und meine persönliche Internetzeit derzeit fast vollständig auffrisst. (Das soll nicht so bleiben; allein deshalb, weil Inhalte in Sozialen Netzwerken vielleicht mehr Aufmerksamkeit erregen, aber auch viel flüchtiger, also vergänglicher sind als in Blogs. Abgesehen davon kann man sich nie sicher sein, ob man aus den Netzwerken nicht auch schnell wieder rausfliegt; über das eigene Weblog hat man immerhin so etwas wie Kontrolle.)

Jedenfalls spukte mir die nächste Gesellschaft von Baecker, also dessen Buch, im Kopf herum, und statt den angefangenen Blogpost hier fertig zu schreiben, pickte ich mir vor einigen Tagen einen Aspekt des angedachten Textes heraus und postete ihn eben bei google plus. Ich finde, er ist es wert, hier noch einmal zu stehen - in der eigenen digitalen Hütte sozusagen. (Und nun wissen die Leute, die mich in den vergangenen Tagen und Wochen gefragt haben, was ich internetmäßig so treibe, auch Bescheid: Ich bin fremdgegangen.) Hier also der Post:

Rechner Mensch - das Menschenbild der nächsten Gesellschaft

Der Soziologe und Luhmann-Schüler Dirk Baecker ist ja Optimist, was ich gar nicht schlimm finde - ganz im Gegenteil. Aber auch Optimismus sollte immer mal wieder auf seinen Realitätsgehalt abgeklopft werden, und bei Baecker bietet sich da das Menschenbild an, dass er in seinen “Studien zur nächsten Gesellschaft” entwickelt.

Genauer gesagt ist es das Bild, das Baecker von Menschen zeichnet, die sich in den Unternehmen und Organisationen einer Gesellschaft bewegen, die weder groß auf stabile soziale Ordnungsmuster noch auf ebensolche gesellschaftliche Zusammenhänge wird setzen können (Status, Funktion, Hierarchie - funktioniert alles nicht mehr so recht).

Deshalb werde man die nächste Gesellschaft vermutlich dann am besten verstehen, wenn man sie als eine Population von Kontrollprojekten beschreibe, die sich “gegenseitig ergänzen, durchkreuzen und sonst wie in Anspruch nehmen”, so Baecker.

Die Ungewissheit über Aussichten und Ausgang jeweden Projektes wird also zunehmen, und die Betriebswirtschaft ist laut Baecker nicht mehr diejenige Disziplin, die den Unternehmen und Organisationen groß helfen könnte (”Sie ist es gewohnt, das Unbestimmte auszuschließen, nicht es in Rechnung zu stellen, also einzuschließen.”)

Der Schlüssel lautet demnach: “Rechner Mensch”:

“Hier hilft nur der Rechner Mensch, das heißt eine hochgradig komplexe Einheit, die wahrnehmungsfähig und kommunikationsfähig ist, die trainiert und ausgebildet werden kann und die bei all dem zusätzlich in der Lage ist, ihre eigenen Bedingungen zu beobachten, zu reflektieren und zu beschreiben. (…)

Damit vermengt Baecker den (unterschätzten) Menschen der Industriegesellschaft, der allein auf seine Arbeitskraft angewiesen war, mit dem (überhöhten) Menschen der Wissensgesellschaft, der sich beim Geld verdienen nebenbei noch selbst verwirklicht.

Was dabei wahrscheinlich herauskommt, ist aber weniger ein ganzheitlicher ‘nächster Mensch’,

“nicht die Einlösung humanistischer Versprechen und Bildungserwartungen, sondern die jeweils hochspezifische Form, in der die Kombination mentaler und sozialer Aufmerksamkeit in einem bestimmten Netzwerk der Organisation von Produktion, Verwaltung, Wissen, Politik oder Kunst gebraucht und gepflegt wird. (…)

Der Grundgedanke hierbei ist, dass nur der Mensch ein hinreichendes Verständnis von Kommunikation und hier vor allem von der Unmöglichkeit ihrer kausalen Kontrolle hat, und dass er genau hierin dem Computer (…) überlegen ist.”

Hört sich gut an, irgendwie “optimistisch” (siehe oben), aber gleichzeitig auch mentalkapitalistisch und durchrationalisiert bis zum Anschlag.

Hält man das auf Dauer überhaupt durch: ein (hohes, bisweilen an Maßstäben des Privatlebens orientiertes) Mindestmaß an standardisierter mentaler und sozialer Aufmerksamkeit (oder gefriert einem irgendwann unwiederbringlich das Lächeln zu einer Eismaske)?

Und vor allem: Für wen käme so etwas in Frage, für wen spricht Baecker da? (Doch wohl für das neobürgliche Akademikermilieu seiner nächsten Gesellschaft. Stellt sich also die Frage: Was ist mit dem Rest, keine Marktteilnehmer etwa?)

Drüben bei google hatte ich übrigens einen sehr interessanten Kommentarwechsel mit dem von mir hochgeschätzten Christorpheus Add, den ich wärmstens empfehlen kann. Ich habe kurzfristig überlegt, ob ich den hier auch poste, aber der Umfang des Blogposts hätte sich damit verdreifacht, gefühlt zumindest. Außerdem hätte ich C.A. fragen müssen, was aber wohl kein Problem gewesen wäre, denke ich. (Aber hier ist er ja wie gesagt nachzulesen.)

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