Wenn Sozialhilfe nur in der Überweisung von Geld an die Bedürftigen bestünde, hätte die Bürokratie keine Möglichkeit, Einfluss auf die Gewährung von Respekt zu nehmen.
Professorbunsens Netzlabor hat neulich zwei Anmerkungen zum bedingungslosen Grundeinkommen gemacht, um mit einigen Vorurteilen aufzuräumen, die eine vernünftige Diskussion zum Thema behindern. Dabei handelt es sich um die beiden häufig zu hörenden Behauptungen, dass das Grundeinkommen ohnehin nur den vielen arbeitscheuen Menschen auf dieser Welt nützte und, damit zusammenhängend, es doch in dieser Gesellschaft immer noch so sei, dass das Einkommen mehr oder weniger der tatsächlichen Leistung eines (arbeitenden) Menschen entspreche.

Professorbunsens Netzlabor vermutet nun, dass es bei dem ganzen Groll, den Arbeitslose auf sich ziehen, im Grunde um einen sozialen Abwärtsvergleich geht, wofür tatsächlich eine ganze Menge spricht. Allerdings nimmt diese Sichtweise die Perspektive der Arbeitenden ein und sagt erst einmal nichts darüber aus, wie denn die Leute am anderen Ende der Wurst die Sache sehen.
Denn dort sitzen ja nun weniger Bohemiens aus Berlin Mitte oder so, die sich ihren Heititei-Lebensstil von Vater Staat subventionieren lassen möchten, sondern doch vor allem die Leute, die von den Arbeitsagenturen und Hartz IV so geknebelt und bis ins letzte (nicht nur finanzielle) Detail ausgeleuchtet werden wie derzeit lediglich BP Christian Wulff von der Bildzeitung und ihrem Chefredakteur (”Ein Aal ist ein Pelztier dagegen”).
Nun hat nicht jeder Hartz-IV-Empfänger und auch nicht jeder Bundespräsident die Hornhaut eines Märtyrers, um solche pervertierten Transparenz-Attacken auszuhalten, ohne Schaden zu nehmen. Das umgekehrte Modell aber, eine unpersönliche und nicht zuletzt deshalb eben bedingungslose Bereitstellung einer Geldsumme zur Deckung der elementaren Daseinskosten, ist nicht so neutral, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten könnte - und darauf spielt Richard Sennett in dem ganz oben geposteten Zitat an.

Sennett beschäftigt sich in Respekt am Rande auch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und kommt vor allem aufgrund seiner Erfahrungen aus der Organisationsforschung zu dem Schluss, dass die meisten Menschen neutrale, nicht an zwischenmenschliche Beziehungen gekoppelte Fürsorge nicht akzeptieren. Er hätte auch allgemeiner sagen können: Die Sachdimension wird immer durch die Sozialdimension entlastet werden müssen. (…) Glaubwürdigkeit ist eine notwendige und soziale Komponente.
In seiner historischen Entwicklung hat der Sozialstaat laut Sennett einige Aspekte militärischer und unternehmerischer Strukturen übernommen: nicht zuletzt das durch interne Hierarchien geordnete Zugehörigkeitsgefühl der Menschen, die sich in diesen Strukturen bewegen. So lebten Angestellte in hierarchisch organisierten Unternehmen - und das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen - in einer Dreiecksbeziehung zwischen Loyalität, Widerspruch und Rückzug, mit der die Abhängigkeit vom Arbeitgeber abgefedert werden könne (man darf manchmal widersprechen, aber nicht zu oft. Wenn man widersprechen will und weiß, dass das nichts bringt oder sogar Folgen haben könnte, hält man besser die Schnauze).
Die Abhängigkeit eines Arbeitnehmers wird nach dieser Lesart also nicht allein durch das Gehalt, sondern auch durch ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl erträglich gestaltet. Im besten Fall identifiziert er sich mit den Vorgaben und Zielen seines Unternehmens, und beide Seiten profitieren davon. Nur: Autonomie genießt der Arbeitnehmer deswegen noch lange nicht. Und an dieser Stelle liegt auch für Sennett der Hase im Pfeffer; er hält das Fehlen einer gleichwertigen Gleichheit, dass man also akzeptiert, was man im anderen nicht versteht, anstatt auf die Richtigkeit des eigenen Standpunkts zu pochen und diesen notfalls mithilfe der besseren Hierarchieposition durchzudrücken, für einen grundsätzlichen Bug in modernen Unternehmensstrukturen.
Wenn das stimmte, ginge mit der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens eine weitere gesellschaftliche Ungleichheitsschere auf: zwischen jenen, die etwas damit anfangen können, und denen, die gerade das nicht schaffen und eine Anleitung oder von mir aus Unterstützung benötigen, die sie dann aber nicht mehr bekämen.
Was nun besser wäre, Bevormundung oder als Freiheit verkleidete Ungleichheit, hängt dann ganz erheblich von der Art der Bevormundung ab.
Wenn also der Öffentliche Dienst mit dem neuen Tool BGE dann nicht erneut in den Gegensatz zwischen der “Elite” der Herrschenden und der “Masse” der Beherrschten schlittern will, müsste weit mehr passieren als geschultes Personal einzustellen, in die Infrastruktur zu investieren und langfristig zu planen. (Was ja schon absurd genug klingt, gemessen am Zustand öffentlicher Einrichtungen mitsamt ihren Personalschlüsseln.)
Der Öffentliche Dienst müsste seine gesamte Organisationskultur umkrempeln und nicht nur den Leistungs-Sendern, sondern auch den -Empfängern Autonomie einräumen. Anfangen müsste er bei seiner Art, Menschen miteinander kommunizieren zu lassen - möglicherweise ist die Internetkommunikation dafür ein super Experimentierfeld: Da fehlt nämlich die Chefetage, die die Rederegeln festsetzt.