Monatsarchiv für Januar 2012

 
 

Machen wir uns nichts vor XXXVII

Ich kann doch nicht einen Satz wie: “Die architektonische Offenheit des Netzes führte zu seiner weltweiten Verbreitung” stehen lassen, ohne die gewaltigen Investitionen in Netzinfrastruktur und die damit verbundenen kommerziellen Gewinnerwartungen zu bedenken; noch weniger die staatlichen Regulatorien, die diese Gewinne erst garantieren: MCI in den USA zum Beispiel hat seinen Unternehmenssitz nach Washington verlegt, damit ihre Lobbyisten es nicht so weit zur FCC haben, die folgerichtig das gesamte Backbone MCI überlassen haben. In Deutschland ähnlich, aber darüber redet niemand. Stattdessen immer diese religiöse Scheiße von Wohlfahrt und Demokratie und Kreativität und was weiß ich.

Ausnahmslos Zustimmung hat sie nicht gerade hervorgerufen, die neue Internetversteherbroschüre für Internetausdrucker der Digitalen Gesellschaft. Das zeigt der Kommentar-Rant des Untoten Ostgoten auf google plus ganz, äh, anschaulich.

Tja, wie komplex oder eben unterkomplex so eine Darstellung sein sollte, ist die Frage: Die Digitale Gesellschaft konzentriert sich mehr oder weniger ganz auf die Perspektive (und Nutzerbedürfnisse) der eigenen Klientel (Netzaktivistenfraktion). Christoph Kappes zum Beispiel guckt da schon wesentlich weiter über den Tellerrand hinaus und beschreibt in seinen Thesen die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Politik und damit auch auf die Gesellschaft. Was fehlt, und da hat die Kritik natürlich ihren Punkt, ist ein von “den” Netzaktivisten kommender Diskurs über die großen Linien, die die Grenzen des globalen Digitalisierungsmarktes markieren und die Interessen der beteiligten Kräfte offenlegt: Regulatorien, Kapitalströme, Lobbyisten, wirtschaftliche und politische Interessen, gesellschaftliche Auswirkungen, etc.

Nicht doch

Tanzeinlage LI

He is zwar a lonely boy - aber sowas von locker.

The Black Keys - Lonely Boy from wbrdigital on Vimeo.

(via Machtdose)

Sach- und Sozialdimensionen des bedingungslosen Einkommens #Sennett(3)

Wenn Sozialhilfe nur in der Überweisung von Geld an die Bedürftigen bestünde, hätte die Bürokratie keine Möglichkeit, Einfluss auf die Gewährung von Respekt zu nehmen.

Professorbunsens Netzlabor hat neulich zwei Anmerkungen zum bedingungslosen Grundeinkommen gemacht, um mit einigen Vorurteilen aufzuräumen, die eine vernünftige Diskussion zum Thema behindern. Dabei handelt es sich um die beiden häufig zu hörenden Behauptungen, dass das Grundeinkommen ohnehin nur den vielen arbeitscheuen Menschen auf dieser Welt nützte und, damit zusammenhängend, es doch in dieser Gesellschaft immer noch so sei, dass das Einkommen mehr oder weniger der tatsächlichen Leistung eines (arbeitenden) Menschen entspreche.

Professorbunsens Netzlabor vermutet nun, dass es bei dem ganzen Groll, den Arbeitslose auf sich ziehen, im Grunde um einen sozialen Abwärtsvergleich geht, wofür tatsächlich eine ganze Menge spricht. Allerdings nimmt diese Sichtweise die Perspektive der Arbeitenden ein und sagt erst einmal nichts darüber aus, wie denn die Leute am anderen Ende der Wurst die Sache sehen.

Denn dort sitzen ja nun weniger Bohemiens aus Berlin Mitte oder so, die sich ihren Heititei-Lebensstil von Vater Staat subventionieren lassen möchten, sondern doch vor allem die Leute, die von den Arbeitsagenturen und Hartz IV so geknebelt und bis ins letzte (nicht nur finanzielle) Detail ausgeleuchtet werden wie derzeit lediglich BP Christian Wulff von der Bildzeitung und ihrem Chefredakteur (”Ein Aal ist ein Pelztier dagegen”).

Nun hat nicht jeder Hartz-IV-Empfänger und auch nicht jeder Bundespräsident die Hornhaut eines Märtyrers, um solche pervertierten Transparenz-Attacken auszuhalten, ohne Schaden zu nehmen. Das umgekehrte Modell aber, eine unpersönliche und nicht zuletzt deshalb eben bedingungslose Bereitstellung einer Geldsumme zur Deckung der elementaren Daseinskosten, ist nicht so neutral, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten könnte - und darauf spielt Richard Sennett in dem ganz oben geposteten Zitat an.

Sennett beschäftigt sich in Respekt am Rande auch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und kommt vor allem aufgrund seiner Erfahrungen aus der Organisationsforschung zu dem Schluss, dass die meisten Menschen neutrale, nicht an zwischenmenschliche Beziehungen gekoppelte Fürsorge nicht akzeptieren. Er hätte auch allgemeiner sagen können: Die Sachdimension wird immer durch die Sozialdimension entlastet werden müssen. (…) Glaubwürdigkeit ist eine notwendige und soziale Komponente.

In seiner historischen Entwicklung hat der Sozialstaat laut Sennett einige Aspekte militärischer und unternehmerischer Strukturen übernommen: nicht zuletzt das durch interne Hierarchien geordnete Zugehörigkeitsgefühl der Menschen, die sich in diesen Strukturen bewegen. So lebten Angestellte in hierarchisch organisierten Unternehmen - und das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen - in einer Dreiecksbeziehung zwischen Loyalität, Widerspruch und Rückzug, mit der die Abhängigkeit vom Arbeitgeber abgefedert werden könne (man darf manchmal widersprechen, aber nicht zu oft. Wenn man widersprechen will und weiß, dass das nichts bringt oder sogar Folgen haben könnte, hält man besser die Schnauze).

Die Abhängigkeit eines Arbeitnehmers wird nach dieser Lesart also nicht allein durch das Gehalt, sondern auch durch ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl erträglich gestaltet. Im besten Fall identifiziert er sich mit den Vorgaben und Zielen seines Unternehmens, und beide Seiten profitieren davon. Nur: Autonomie genießt der Arbeitnehmer deswegen noch lange nicht. Und an dieser Stelle liegt auch für Sennett der Hase im Pfeffer; er hält das Fehlen einer gleichwertigen Gleichheit, dass man also akzeptiert, was man im anderen nicht versteht, anstatt auf die Richtigkeit des eigenen Standpunkts zu pochen und diesen notfalls mithilfe der besseren Hierarchieposition durchzudrücken, für einen grundsätzlichen Bug in modernen Unternehmensstrukturen.

Wenn das stimmte, ginge mit der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens eine weitere gesellschaftliche Ungleichheitsschere auf: zwischen jenen, die etwas damit anfangen können, und denen, die gerade das nicht schaffen und eine Anleitung oder von mir aus Unterstützung benötigen, die sie dann aber nicht mehr bekämen.

Was nun besser wäre, Bevormundung oder als Freiheit verkleidete Ungleichheit, hängt dann ganz erheblich von der Art der Bevormundung ab.

Wenn also der Öffentliche Dienst mit dem neuen Tool BGE dann nicht erneut in den Gegensatz zwischen der “Elite” der Herrschenden und der “Masse” der Beherrschten schlittern will, müsste weit mehr passieren als geschultes Personal einzustellen, in die Infrastruktur zu investieren und langfristig zu planen. (Was ja schon absurd genug klingt, gemessen am Zustand öffentlicher Einrichtungen mitsamt ihren Personalschlüsseln.)

Der Öffentliche Dienst müsste seine gesamte Organisationskultur umkrempeln und nicht nur den Leistungs-Sendern, sondern auch den -Empfängern Autonomie einräumen. Anfangen müsste er bei seiner Art, Menschen miteinander kommunizieren zu lassen - möglicherweise ist die Internetkommunikation dafür ein super Experimentierfeld: Da fehlt nämlich die Chefetage, die die Rederegeln festsetzt.

Das große Chippen

Es hat schon begonnen.

Mehr Schnaps im Dienst und umgekehrt #Sennett(2)

Die Trennung zwischen Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, sie funktioniert nicht mehr - und zwar endgültig. Klar zu sehen ist das bekanntermaßen bei Christian Wulff, dem Bundespräsidenten, eigentlich aber am Politiker an sich: Er benötigt schon, so lange es keine neuen Normen des Anstands oder auch nur des Verhaltens in einer solchen Welt gibt, das Leben eines Heiligen oder die Hornhaut eines Märtyrers, um überhaupt noch Politik betreiben zu können. Am Politiker, so kann man es sagen, wird eine paradoxe Seite der modernen Forderung nach Informationsfreiheit sichtbar: die damit verbundene Auflösung der Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Leben.

So langsam schwant mir, was Byung-Chul Han damit meint, wenn er etwas nebulös von der Gewalt der Transparenz spricht und von drohenden totalen Kontrollmöglichkeiten, die unerquickliche Gleichheitszwänge hervorbringen. (Kachelmann habe ich noch aus Selbstschutz als Boulevardphänomen abgetan; aber es war im Grunde genau das Gleiche beim Wettermann wie nun beim Präsidenten.)

“Egalitäre Solidaritätsdogmen gehören seit der Französischen Revolution zu den großen Prüfsteinen sozialer Repression”, beschreibt Richard Sennett in Respekt die “zersetzende Kraft” solcher Gleichheitsdogmen, und die Frage dürfte sein, ob es zwischen rückwärts gewandtem Kulturpessimismus und der willfährigen Umarmung dieses Kontrollverlustes noch einen anderen Weg gibt, der halbwegs gangbar sein könnte. Sprich: Wie könnten mit Felix Neumann neue “Normen des Anstands oder auch nur des Verhaltens in einer solchen Welt” zustande kommen?

Für Sennett lautet das Schlüsselwort, das bei Gebrauch ein mächtiges Instrument einer Gleichheit ist, die keinen Druck ausübt, sondern gegenseitig und auf Augenhöhe stattfindet, schlicht Autonomie:

Statt einer Gleichheit des Verstehens, einer transparenten Gleichheit, bedeutet Autonomie, dass man akzeptiert, was man im anderen nicht versteht - eine opake Gleichheit. Damit behandelt man die Autonomie des anderen als der eigenen gleichwertig.

Ooch ja, das hört sich ja eigentlich ganz hübsch an, und auf den ersten Blick könnte man vielleicht denken, dass eine solche Herangehensweise ohnehin west- bis mitteleuropäischer Benimmstandard sein sollte.

Tatsächlich gibt es aber einen “Konflikt zwischen der Gewährung solcher Autonomie und dem Glauben an ein rationales Urteil” (Sennett). Und das ist gerade sehr schön anhand der Kommunikation zu beobachten, die im Internet zur Beobachtung freigegeben ist: Einerseits sind im Netz erst einmal irgendwie alle gleich, wie übrigens Christopher Lauer vor dem Berliner Abgeordnetenhaus sehr anschaulich erklärt hat. Leider will andererseits immer noch die Mehrheit der Internetkommunizierer letztendlich vor allem Recht behalten, und begründet dies gerne mit der Richtigkeit und Rationalität ihrer Meinungen.

Insofern ist das Plädoyer zwingend: Fürderhin mehr Schnaps im Dienst und auch Dienst im Schnaps - das ist meine kommunikative Losung der Stunde.

#transparenztücken

Richard Sennett sieht in der Verknüpfung des faktischen Zustands der Abhängigkeit von anderen mit der Scham darüber, dass es soweit kommen konnte, eine kulturspezifische Form einer westlichen Überzeugung, die im politischen Liberalismus ihren Ursprung hat.

Zum Beispiel bei John Locke:

Der Lockesche Liberalismus legt großen Wert auf die Transparenz der politischen Beziehungen und fürchtet vor allem, dass der Staat seine Macht vor dem Blick der Bürger verbirgt. Lockes Ideens sind zum Beispiel eine wichtige Quelle für moderne Forderungen nach Informationsfreiheit. Doch sein Vermächtnis besitzt auch eine paradoxe Seite, etwa wenn man soziale Beziehungen ebenso transparent gestalten möchte wie politische. (…)

Es gehört zu den kulturellen Folgen dieser Tradition, dass Menschen sich tatsächlich gedemütigt fühlen, wenn sie um Hilfe bitten oder ihre Schwächen offenbaren müssen.

(Quelle. Sennett/Respekt)

((btw: es fehlt ein Standardtext zum Thema Transparenz.))

Tanzeinlage L

1960er Retroalarm: Komme gerade aus dem Möbelhaus. Sah genauso aus da, nur die Leute waren nicht so hübsch.

(via Torrid Luna)

#soziologie

“Obwohl es für Menschen unerträgliche Wirklichkeiten gibt, können sie diese mit den Mitteln der Soziologie wahrnehmen.”

Alexander Kluge im dctp-Gespräch mit Dirk Baecker über Gabriel de Tarde, Émile Durkheim, Max Weber, Georg Simmel, Niklas Luhmann und die Soziologie an sich.

(via Michael Wald)

Machen wir uns nichts vor XXXVI

Alle Akteure einer Gesellschaft verfügen (…) über einen gemeinsamen Stamm von grundlegenden Wahrnehmungsmustern, deren primäre Objektivierungsebene in allgemein verwendeten Gegensatzpaaren von Adjektiven vorliegt, mit denen Menschen wie Dinge der verschiedenen Bereiche der Praxis klassifiziert und qualifiziert werden. Dem weitläufigen Netz der Gegensatzpaare wie hoch (oder erhaben, rein, sublimin) und niedrig (oder schlicht, platt, vulgär) (…) - diesem Netz als einer Art Matrix aller Gemeinplätze, die sich nicht zuletzt so leicht aufdrängen, weil die gesamte soziale Ordnung auf ihrer Seite steht, liegt der primäre Gegensatz zwischen der “Elite” der Herrschenden und der “Masse” der Beherrschten zugrunde, jener kontingenten, amorphen Vielheit einzelner, die austauschbar, schwach und wehrlos, von lediglich statistischem Interesse und Bestand sind.

Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede.

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