Monatsarchiv für Februar 2012

 
 

Tanzeinlage LIII

Disco-Bollywood-Alarm mit der indischen Popsängerin Sharon Prabhakar.

(via PCL LinkDumb)

Beschleunigter Cyberpuls

Die Schrift hat uns von der Echtzeit unabhängiger gemacht und insofern ist das digitale Zeitalter, in der es nur noch ein “Jetzt” und ein “Nicht-Jetzt” gebe, ein Rückschlag, sagte David Gelernter gestern auf seiner Lesung bei den Berliner Lektionen im Renaissance-Theater.

Sein Mittel vor allem gegen den Geschwindigkeitsfetischismus der Echtzeit: Bücher (keine ebooks!) lesen und ein besseres Softwaredesign. Denn entgegen dem Tagesspiegel-Auszug seines Vortrags wirkte Gelernter trotz seiner Hommage an die Bücher und die “Würde des Wortes” nicht kulturpessimistisch - dass er den Bücher-Aspekt so betonte, dürfte auch damit zusammenhängen, dass er seinem bildungsbürgerlichen Publikum einen emotionalen Anschluss an seine dahinter liegende Frage bieten wollte: Wie bewahren wir uns die handwerklichen Tugenden von “Clear Writing” und “Good Reading” in der digitalen Sphäre?

Schreiben ist ein Handwerk, das in der modernen Gesellschaft noch etwas bedeutet. Ein Autor fügt ein Wort zum anderen und poliert das fertige Produkt. Auch heute kreieren die meisten Autoren ihre Essays und Geschichten auf die gleiche Weise, wie Steinmetze im 13. Jahrhundert eine gotische Fensterrose gemeißelt und poliert haben. Ihr Handwerk sollte überleben, das Rohmaterial – die Steine, die Sprache – sollte geschützt werden. Und als Leser sollten wir das Produkt der Schreiber so sorgsam behandeln, wie wir es auch bei anderen Objekten tun, die nach alter Sitte von Hand gefertigt sind.

Der Cyberpuls unserer Kultur wird sich weiter beschleunigen. Aber wir können die Folgen dieses steigenden Pulses mit Hilfe von Software kontrollieren, so wie wir Sonnenbrillen an einem sonnigen Tag benutzen können. Etwa mit Tools, die das Tempo der Informationsrate zu Stoßzeiten verlangsamen und wieder beschleunigen, wenn man weniger zu tun hat.

Gauck

Repost aus gegebenem Anlass.

Tanzeinlage LII

¡vaya!

Jose Maria, Flamenco Dancer from Andy Dubrowsky on Vimeo.

(Gesehen in der Glaserei.)

Russische Wurstparade

Gegen halb vier werde der Zug ankommen, sagte er mir gestern am Telefon - wie immer spontan und damit ziemlich überraschend: mein beruflicher Gegenpart eines Unternehmens mit Sitz in Warschau, das mit dem meines Arbeitgebers kooperiert. Halb vier am Berliner Hauptbahnhof, eine oder zwei Stunden Aufenthalt auf dem Weg von Karlsruhe nach Polen.

Ein geschäftliches Treffen, keine konkrete Agenda, nichtsdestotrotz einiges zu besprechen, was am besten in beidseitiger physischer Präsenz zu besprechen ist. Denn selbst Skype aka Bild und Ton fängt diese minimalen menschlichen Regungen nicht ein, in denen die gesprächspartnerschaftliche Chemie an der Oberfläche zwar gleich bleibt, aber dennoch mitschwingt, was der andere von dem Vorschlag hält, den man gerade unterbreitet hat.

Als er aus dem Zug aussteigt, erkenne ich ihn an seiner Mütze. Und alle anderen erkennen daran, dass er Russe ist. Wir umarmen uns, und ich schleppe ihn in das einzige Restaurant im Bahnhof, dass für sich in Anspruch nimmt, deutsche Küche und deutsches Bier zu bieten. Wir tauschen uns über das Wetter aus, über gemeinsame Bekannte und reden auch ein bisschen übers Geschäft. Nicht zu viel, wir wollen ja nichts überstürzen. Und da das Bier ganz gut schmeckt, beschließen wir, das für ihn spektakulärste Gericht auf der Speisekarte zu bestellen: die Wurstparade.

Zwei Bier später hat sich die Wurstparade als ein Parädchen entpuppt, und da wir noch Zeit und lange nicht alles besprochen haben, beschließen wir nach einem kurzen Gesprächsschwenker zu den besten chinesischen Restaurants der Stadt den Fast-Food-Chinamann am Ausgang in Richtung Kanzleramt zu testen. Auf dem Weg dahin fassen wir die wichtigsten geschäftsrelevanten Punkte des Gespräches während der Wurstparade zusammen und legen fest, worüber wir bei Gelegenheit auch noch einmal reden sollten. (Uns dämmert natürlich, dass es heute dazu nicht mehr kommen wird, zumal nur noch eine dreiviertel Stunde Zeit bleibt, bis der Zug in Richtung Warschau abfährt.)

Wir bestellen chinesisch Ente und Garnele, die wir später miteinander teilen werden, und er ordert zu meiner Verwunderung noch zwei Jasmintee. Der soll, wie sich gleich herausstellt, als Neutralisator des vorzüglichen badischen Kräuterschnappses dienen, den er aus der Tasche gezogen hat und wir dann gemeinsam mit dem Essen und dem Tee einnehmen. “Russian way of life”, lächelt er mich an - und übers Geschäft reden wir nun wirklich nicht mehr. Eigentlich machen wir nur noch Späße, und mit jedem Pappbecher Kräuter gnickern mehr in uns hinein.

Schließlich bringe ich ihn zum Zug; wir umarmen und verabschieden uns - und wenn ich nicht aufgepasst hätte, wäre er ohne Koffer eingestiegen. Danach schlappe ich zur S-Bahn, um zur Arbeit zurückzukehren, und merke nach drei, vier Stationen, dass ich in die falsche Richtung fahre. (Es ist aber auch schon egal, eigentlich.)

Was bleibt, ist ein geschäftliches Treffen der besseren Sorte (übrigens nicht nur, was den Wohlfühleffekt angeht.) Abgesehen davon, bedauere ich in diesen Momenten immer, wie dröge die deutsche Businesskultur eigentlich ist: mit ihrer verkrampften Aussperrung des Privaten, den ewig gleichen Keksen mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum und langweiligen Getränken auf den Konferenztischen. Mit fester Agenda, rigidem Zeitplan und eingebauter Spaßbremse.

Das müsste man doch ändern können, selbst wenn nur badischer Kräuterschnaps zur Hand ist.

Digitaler Klimawandel

Kurze Anmerkung zur gerade wieder stark blubbernden Urheberrechtsdebatte: “Wer die Markwirtschaft akzeptiert, aber Urhebern das Recht aufs Wirtschaften abspricht, ist ein Heuchler”, schreibt Konrad Lischka, und das hört sich wesentlich undiplomatischer an als neulich Sascha Lobo, der meinte: “Der Fortbestand des freien und offenen Netzes hängt auch davon ab, ob sich mit Inhalten ausreichend viel Geld verdienen lässt.”

Mein Problem mit Lischkas Quintessenz hat Benedikt Köhler auf Twitter auf den Punkt gebracht. Dort stellt er die künstliche Frontenstellung in Frage, die der Spiegelmann sich da zurechtgetastaturt hat:

“Moment mal, wer gegen ACTA ist, ist doch nicht zwangsläufig für Apple, Google und Megaupload?”, twittert Köhler und fügt daraufhin völlig korrekt an, dass es übrigens “auch Marktwirtschaften mit liberalen Fair-Use-Regelungen” gebe.

(Es sieht ganz danach aus, als ob sich in der Urheberrechtsdebatte ein Klimawandel ankündigt: Der Druck auf das freie und offene Netz steigt, da die vorhandenen digitalen Geschäftsmodelle bislang weder wirtschaftlich noch inhaltlich das halten, was sich viele Webevangelisten einst und immer noch von Ihnen versprochen haben. Wenn es sich nicht um so viel Geld und damit existenzielle (Geschäfts-)Interessen handelte, könnte man locker den Zeithorizont ausweiten und sagen: Ja nun, wird schon noch kommen.

So ist es aber nunmal nicht, und deshalb wäre es auch ziemlich bescheuert, wenn die digitalen Meinungsmacher unterdessen in der Mehrzahl so reagierten wie Lischka. Denn dann dürfte das Warten auf das neue, nachhaltige, smoothe und wirtschaftlich attraktive digitale Geschäftsmodell einen ziemlich unschönen Nebeneffekt haben: die Spaltung der so genannten Netzgemeinde, der ohnehin schwächsten Internet-Interessengruppe neben Content-Verwertern und Tech-Unternehmen.)

Aktualisierung: Na, hätte ich geahnt, dass Marcel Weiß und Sascha Lobo auf google plus eine solch spektakuläre Diskussion abliefern würden, hätte ich wohl geschwiegen.

Ein Brocken Kälte

Der Brocken bei gefühlten −273,15 °C, von Torfhaus, dem Ballermann des (West-)Harzes, aus gesehen.

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