Monatsarchiv für März 2012

 
 

Machen wir uns nichts vor XXXVIII

Ich glaube, ich habe eine Identitätskrise, btw.

Wir haben uns ein Netz von zwischenmenschlichen Beziehungen vorzustellen, ein “intersubjektives Relationsfeld”. Die Fäden dieses Netzes sind als Kanäle zu sehen, durch welche Informationen wie Vorstellungen, Gefühle, Absichten oder Erkenntnisse fließen. Diese Fäden verknoten sich provisorisch und bilden das, was wir “menschliche Subjekte” nennen. Die Gesamtheit der Fäden macht die konkrete Lebenswelt aus, und die Knoten darin sind abstrakte Extrapolationen. Das erkennt man, wenn man sie entknotet. Sie sind kernlos wie Zwiebeln.

Vilém Flusser

In der transparadigmatischen Sackgasse

Die Piratenpartei ist doch kein rein großstädtisches Polit-Phänomen, das ist mit ihrer Wahl in den Landtag des Saarlandes endgültig klar geworden. Wenn ihr dieses Kunststück nun auch am 13. Mai im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen gelänge, müssten die arrivierten Parteien die Piraten als ernstzunehmende politische Kraft eigentlich anerkennen. Doch danach sieht es zur Zeit nicht aus, ganz im Gegenteil.

Am Interessantesten sind die Reaktionen in den bürgerlichen Parteien CDU/CSU und FDP. Dort entspricht die Trennung zwischen den Piraten- bzw. Internet-Skeptikern und -Befürwortern offenbar der zwischen Funktionären und Karrieristen, wie sie Frank Lübberding beschrieben hat: Funktionäre repräsentieren traditionell unabhängig von der eigenen Position und Qualifikation Wählergruppen, die für einen Wahlerfolg mobilisiert werden mussten und sich daraufhin mit ihren politischen Positionen in der Person eines oder mehrerer Funktionäre wiederfinden können; die Funktionäre sind aber im Laufe der Zeit zunehmend von Karrieristen abgelöst worden, die sich weniger am Wählerwillen als vielmehr an der eigenen Laufbahnplanung orientieren.

Es dürfte also inzwischen weit mehr Patrick Dörings und Ansgar Hefelings als Peter Altmaiers geben: Altmaier will verstehen, was bei den Piraten und mit der Gesellschaft im Netz passiert, für Döring und Hefeling sind beide kein Bestandteil der beruflichen Karriereplanung und damit lästig bis unangenehm. Nicht zuletzt weigern sie sich zu sehen, dass nun auch die Politik digitalisiert wird.

Leider dürfte das weniger das Ende der Generation Karriereplan bedeuten, sondern erst einmal den Beginn einer transparadigmatischen Kommunikations-Sackgasse.

Die Lebenswelt eines FDP-Karrieristen unterscheidet sich so grundlegend von der eines Piraten, dass sich beide nicht nur nichts mehr zu sagen haben, sondern sie darüber hinaus gar nicht mehr in der Lage sind, sich überhaupt irgendetwas mitzuteilen. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht in diesem Zusammenhang mit Thomas Kuhn von “massiven Kommunikationsstörungen”, die “beim Versuch transparadigmatischer Verständigung” auftreten, da “jedes Paradigma seine eigene Sprache, seine eigenen Rätsel, Lösungswege und Rationalitätsstandards produziert.”

So geschehen bei der Bemerkung Patrick Dörings, als er der Piratenpartei vorwarf, der Tyrannei der Masse zu huldigen: Weder Döring selbst noch seine Kritiker waren während des anschließenden Shitstorms in der Lage, sich gegenseitig über ihr zweifellos vorhandenes Demokratieverständnis in Kenntnis zu setzen.

Bei den Piraten sind diese Kommunikationsstörungen gerade besonders gut zu beobachten: Auch die Feuilleton-Skandalnudel Ulf Poschardt, in seiner Vanity-Fair-Zeit den Movern und Shakern der Republik besonders zugetan, ist ihnen auf dem Leim gegangen, als er in der Welt den Piraten fehlende Inhalte und unangemessene Garderobenauswahl vorwarf - und damit nur seine Hilf- und Geschmacklosigkeit demonstrierte, die Partei mit anderen als seinen eigenen (Casting-)Kriterien zu bewerten.

Auch das Urheberrecht ist übrigens so ein Thema, an dem sich inzwischen Debatten entwickeln, die überall und nirgends hinführen, nur nicht zu irgendeinem Ziel. Darauf hat Johnny Häusler hingewiesen, als er über das Bohei um den Wutausbruch des Sängers und Autoren Sven Regener nachdachte:

Spätestens nach dem Rant von Sven Regener im Zündfunk und den darauf folgenden Reaktionen könnte man die Debatte ums Urheberrecht und um Unterhaltungsinhalte im Netz als abgeschlossen ansehen. Denn sie tritt auf der Stelle: Die Fronten sind verhärtet, alle haben Recht und die jeweils anderen haben keine Ahnung. Deswegen glaube ich auch sagen zu können, was sich an der aktuellen rechtlichen Situation ändern wird: Sehr wenig.

Und genau das ist das Problem mit den transparadigmatischen Sackgassen: Es passiert nichts - bis es dem Stärkeren zu bunt und eine Entscheidung getroffen wird. Ich bin nicht sicher, ob die so genannte Netz-Öffentlichkeit gut beraten ist, es auf einen solchen Kampf ankommen zu lassen.

Tanzeinlage LIV

Ok, es ist Frühling, und heute Nacht wird die Uhr auf Sommerzeit zurückgestellt. Es ist an der Zeit, etwas beschwingter an die Sache heran zu gehen. So à la Adriano Celentano.

#design

Eigentlich werden ja Begriffe umso schwächer, je häufiger sie verwendet werden. Nachhaltigkeit war zum Beispiel einmal ein richtig kräftiges Schlagwort, das eine ökologisch-soziale Wende im wirtschaftlichen Denken markieren sollte und inzwischen zur Worthülse der Werbetreibenden und Tschakka-Prediger geworden ist - nach dem Motto: Trinkt mehr Krombacher und es wird schon wieder werden mit dem Regenwald.

Dem Wörtchen Design scheint seine zunehmende Verbreitung aber wenig auszumachen. Ganz im Gegenteil: Es hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur von der Oberfläche in die Tiefenstrukturen der Produktion vorgearbeitet, sondern seinen Anwendungsbereich auch von alltäglichen Objekten in nahezu jeden wirtschaftlichen Bereich, in dem irgendwie geplant wird, ausgeweitet. Selbst Innovation wird inzwischen designt, in Deutschland zum Beispiel vom Hasso-Plattner-Institut unter dem Label Design Thinking.

Folgerichtig hat sich der französische Soziologe Bruno Latour für eine Umarmungsstrategie dem Design-Begriff gegenüber entschieden. Mehr noch: Er hängt ihn in einem Papier (pdf), das ich via @kusanowsky fand, direkt unter den Himmel und überlegt, wie Designer helfen könnten, “die gänzlich verschiedenen Reihen von Gefühlen, Leidenschaften und Antrieben, die durch die beiden alternativen »großen Erzählungen« der Moderne ausgelöst werden, miteinander [zu] versöhnen – die der Emanzipation (die offizielle Geschichte) und die der Bindung (die verborgene Geschichte)?”

Begründung: “Die typisch modernistische Wasserscheide zwischen Materialität auf der einen Seite und Design auf der anderen löst sich langsam auf. Je mehr Objekte zu Dingen gemacht werden – das heißt, je mehr neutrale Tatsachen in uns angehende Sachen umgewandelt werden – desto mehr werden aus ihnen Design-Objekte durch und durch.”

Die Transformation von Objekten in Zeichen wurde stark beschleunigt durch die Ausbreitung der Computer. Es ist offenkundig, dass die Digitalisierung viel dazu beigetragen hat, die Semiotik bis ins Zentrum der Objektivität hinein auszuweiten: Wenn nahezu jede Eigenschaft digitalisierter Artefakte in Code und Software »geschrieben« ist, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Hermeneutik tiefer und tiefer in die Definition der Materialität eingedrungen ist.

Nach dieser Lesart gibt es keine objektiven Tatsachen mehr, sondern nur noch designbare Strukturen, die Macht zu- und verteilen. (Liquid Democracy ist zum Beispiel einer der augenfälligeren Versuche, solche Strukturen flüssiger und damit durchlässiger zu gestalten.)

Und die Frage Latours an die Designer lautet folgerichtig: “Wo sind die Visualisierungswerkzeuge, mit denen sich die widersprüchliche und kontroverse Natur von uns angehenden Sachen repräsentieren lässt?”

Latour nennt 5 Punkte, die die Bedeutungsausweitung des Designbegriffes umreißen:

1. “Genau in dem Moment, von dem an die Dimensionen der anstehenden Aufgaben durch die verschiedenen ökologischen Krisen phantastisch vergrößert worden sind, wird das öffentliche Bewusstsein (…) dafür eingenommen, was es bedeutet, zu handeln.”

2. “Das sich ausweitende Konzept von Design zeigt eine tiefgehende Verschiebung in unserem Gefühlshaushalt an, die sich genau in dem Moment ereignet, von dem an die Skala dessen, was überarbeitet oder neu gemacht werden muss, unendlich viel größer geworden ist – kein politischer Revolutionär, der die kapitalistische Produktionsweise in Frage stellte, zog je in Betracht, das Erdklima zu redesignen.”

3. “Wenn man über Artefakte in Begriffen von Design nachdenkt, begreift man sie immer weniger als modernistische Objekte, sondern zusehends als »Dinge«. (…) Wenn man Dinge als gut oder schlecht designt ansieht, dann erscheinen sie nicht länger als unabänderliche Tatsachen.”

4. “Es gibt stets die Versuchung, Design als nachträglichen Einfall zu sehen, als sekundäre Aufgabe, als eine weniger ernsthafte Aufgabe im Vergleich zu der des Ingenieurbüros, der Geschäftsabteilung oder der Wissenschaft –, doch darin liegt ebenso ein gewaltiger Vorteil, verglichen mit dem Gedanken der Schöpfung. Design ist nie Schöpfung aus dem Nichts.”

5. “Als fünfter und entscheidender Vorteil des Design-Begriffs lässt sich anführen, dass er notwendig eine ethische Dimension beinhaltet, die verbunden ist mit der offensichtlichen Frage nach gutem versus schlechtem Design. (…) »Wir sind da, ob es euch gefällt oder nicht«. Aber es ist leicht zu verstehen, dass man mit der Aussage, etwas sei »designt« worden, die Frage nicht nur autorisiert, sondern geradezu erzwingt, ob es gut oder schlecht designt worden ist.”

Robotronaldinho

Dieser junge Mann Roboter ist zwar eher als Haushaltshilfe gedacht, der Saft reicht und Eier pfleglich behandelt, aber gewisse seiner Funktionen könnten bei den Roboter-Fußballern eingesetzt werden, die beim Robocup 2050 gegen eine Mannschaft aus echtem Fleisch und Blut antreten sollen.

Davon ist jedenfalls einer der Informatiker vom Karlsruher Institut für Technologie überzeugt und schätzt die sportliche Potenz der Robotkicker der Zukunft “besser als Ronaldinho” ein.

Motorisches und taktiles Vermögen in Robotern zu implementieren sei tatsächlich kein großes informationstechnisches Problem mehr, sagte er zu mir, als ich die automatische Haushaltshilfe auf der Cebit betrachtete - das Problem seien eher die Speicherkapazitäten; schließlich könnten zum Beispiel die Robotkicker schlecht komplett verkabelt vor sich hin dribbeln.

Und eine allgemeine Einschätzung zur Zukunft der Robotik konnte ich ihm im Small Talk auch noch abverlangen: Die Japaner seien führend im motorischen Bereich; die Europäer hingegen seien auf der kognitiven Ebene besser. Künstliche Intelligenz und technische Singularität halte er aber Stand heute immer noch für utopisch.

Robotmania

Kinder sind Robotern gegenüber generell aufgeschlossen bis enthusiastisch eingestellt. So lange Roboter keine ruckartigen Bewegungen oder merkwürdigen Geräusche machen, üben sie nach meiner Beobachtung so ab dem dritten Lebensjahr eine gewaltige Faszination aus - übrigens auf Jungen und auf Mädchen.

Das liegt natürlich daran, dass Kinder auf Sachen abfahren, die berechenbar sind. Und für Kinder tun Roboter normalerweise genau das, was man von ihnen erwartet. In einer Welt, in der es täglich mehr Neues als Bekanntes zu entdecken gilt, ist das ein unschätzbarer Hort an Stabilität. Nur die Verlässlichkeit eines Kuscheltieres ist höher einzuschätzen.

Eine Studie der Knowledge-Agentur Latitude mit dem Lego-Learning-Centre und Ideen-Consultant Projekt Synthesis zeigt zum Beispiel, dass Schulkinder den Gedanken ziemlich anregend finden, einen Roboter (robot teacher) als Lehrer zu haben. 350 Kinder (kid innovators) aus sieben Ländern partizipierten an dieser Untersuchung, und ihre Erwartungen an den idealen Roboter-Pädagogen sind ebenso hoch wie selbstverständlich. Er sollte halt einfach perfekt sein:

The robot teacher would have all the time and patience to explain a problem and concept over and over again until the kid got it. But there won’t be any harsh judgement or shame involved like in a “normal” classroom setting. The robot teacher/tutor would be supportive and understanding.

Das “Ergebnis” dieser Studie ist natürlich ein wenig albern, weil die Kinder ja nicht von ihren Erfahrungen mit echten Robotern erzählt haben, sondern von ihrer Vorstellung, wie es sein sollte, wenn sie mit einem robot teacher zu tun hätten. Es handelt sich um ein Wunschbild, dass die Kinder wahrscheinlich analog zu ihrem Bild eines perfekten Erwachsenen gebildet haben, das wunderbar in die Marketing-Strategie der Studienmacher passen dürfte.

Den Robotern dürfte das herzlich egal sein. Der Umgang mit Menschen ist aus der maschinellen Perspektive heraus eher eine kommende Nischenkommunikation: Cisco geht zum Beispiel davon aus, dass in den nächsten Jahren gerade der Datenaustausch von Maschine zu Maschine (M2M) für wachsenden Internet-Traffic sorgen wird.

Robot-Org, die globale non-profit Interessenvertretung für non-intelligente und quasi-intelligente Maschinen, begründet diesen Paradigmenwechsel mit der höheren Effizienz rein maschineller Informations-Austauschsysteme: Im Gegensatz zu Mensch-Maschine-Verbindungen oder gar rein menschlichen Beziehungen muss die Sachdimension nicht durch die Sozialdimension entlastet werden.

Die alte Frage, warum die Menschen ihre kommunikativen Mittel, die sie an der Hand haben, nur völlig unzureichend ausschöpfen, wird also einfach outgesourct und ist bald kein zentrales Problem mehr.

tl;dr: was mein robot teacher sagt.

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