Eigentlich werden ja Begriffe umso schwächer, je häufiger sie verwendet werden. Nachhaltigkeit war zum Beispiel einmal ein richtig kräftiges Schlagwort, das eine ökologisch-soziale Wende im wirtschaftlichen Denken markieren sollte und inzwischen zur Worthülse der Werbetreibenden und Tschakka-Prediger geworden ist - nach dem Motto: Trinkt mehr Krombacher und es wird schon wieder werden mit dem Regenwald.
Dem Wörtchen Design scheint seine zunehmende Verbreitung aber wenig auszumachen. Ganz im Gegenteil: Es hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur von der Oberfläche in die Tiefenstrukturen der Produktion vorgearbeitet, sondern seinen Anwendungsbereich auch von alltäglichen Objekten in nahezu jeden wirtschaftlichen Bereich, in dem irgendwie geplant wird, ausgeweitet. Selbst Innovation wird inzwischen designt, in Deutschland zum Beispiel vom Hasso-Plattner-Institut unter dem Label Design Thinking.
Folgerichtig hat sich der französische Soziologe Bruno Latour für eine Umarmungsstrategie dem Design-Begriff gegenüber entschieden. Mehr noch: Er hängt ihn in einem Papier (pdf), das ich via @kusanowsky fand, direkt unter den Himmel und überlegt, wie Designer helfen könnten, “die gänzlich verschiedenen Reihen von Gefühlen, Leidenschaften und Antrieben, die durch die beiden alternativen »großen Erzählungen« der Moderne ausgelöst werden, miteinander [zu] versöhnen – die der Emanzipation (die offizielle Geschichte) und die der Bindung (die verborgene Geschichte)?”
Begründung: “Die typisch modernistische Wasserscheide zwischen Materialität auf der einen Seite und Design auf der anderen löst sich langsam auf. Je mehr Objekte zu Dingen gemacht werden – das heißt, je mehr neutrale Tatsachen in uns angehende Sachen umgewandelt werden – desto mehr werden aus ihnen Design-Objekte durch und durch.”
Die Transformation von Objekten in Zeichen wurde stark beschleunigt durch die Ausbreitung der Computer. Es ist offenkundig, dass die Digitalisierung viel dazu beigetragen hat, die Semiotik bis ins Zentrum der Objektivität hinein auszuweiten: Wenn nahezu jede Eigenschaft digitalisierter Artefakte in Code und Software »geschrieben« ist, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Hermeneutik tiefer und tiefer in die Definition der Materialität eingedrungen ist.
Nach dieser Lesart gibt es keine objektiven Tatsachen mehr, sondern nur noch designbare Strukturen, die Macht zu- und verteilen. (Liquid Democracy ist zum Beispiel einer der augenfälligeren Versuche, solche Strukturen flüssiger und damit durchlässiger zu gestalten.)
Und die Frage Latours an die Designer lautet folgerichtig: “Wo sind die Visualisierungswerkzeuge, mit denen sich die widersprüchliche und kontroverse Natur von uns angehenden Sachen repräsentieren lässt?”
Latour nennt 5 Punkte, die die Bedeutungsausweitung des Designbegriffes umreißen:
1. “Genau in dem Moment, von dem an die Dimensionen der anstehenden Aufgaben durch die verschiedenen ökologischen Krisen phantastisch vergrößert worden sind, wird das öffentliche Bewusstsein (…) dafür eingenommen, was es bedeutet, zu handeln.”
2. “Das sich ausweitende Konzept von Design zeigt eine tiefgehende Verschiebung in unserem Gefühlshaushalt an, die sich genau in dem Moment ereignet, von dem an die Skala dessen, was überarbeitet oder neu gemacht werden muss, unendlich viel größer geworden ist – kein politischer Revolutionär, der die kapitalistische Produktionsweise in Frage stellte, zog je in Betracht, das Erdklima zu redesignen.”
3. “Wenn man über Artefakte in Begriffen von Design nachdenkt, begreift man sie immer weniger als modernistische Objekte, sondern zusehends als »Dinge«. (…) Wenn man Dinge als gut oder schlecht designt ansieht, dann erscheinen sie nicht länger als unabänderliche Tatsachen.”
4. “Es gibt stets die Versuchung, Design als nachträglichen Einfall zu sehen, als sekundäre Aufgabe, als eine weniger ernsthafte Aufgabe im Vergleich zu der des Ingenieurbüros, der Geschäftsabteilung oder der Wissenschaft –, doch darin liegt ebenso ein gewaltiger Vorteil, verglichen mit dem Gedanken der Schöpfung. Design ist nie Schöpfung aus dem Nichts.”
5. “Als fünfter und entscheidender Vorteil des Design-Begriffs lässt sich anführen, dass er notwendig eine ethische Dimension beinhaltet, die verbunden ist mit der offensichtlichen Frage nach gutem versus schlechtem Design. (…) »Wir sind da, ob es euch gefällt oder nicht«. Aber es ist leicht zu verstehen, dass man mit der Aussage, etwas sei »designt« worden, die Frage nicht nur autorisiert, sondern geradezu erzwingt, ob es gut oder schlecht designt worden ist.”