Monatsarchiv für April 2012

 
 

Links (29.04.2012)

Die Redakteure des Economist sind total fasziniert vom 3D-Drucker, sehen die Digitalisierung des Handwerks bereits im vollem Gange und rufen eine dritte industrielle Revolution aus. Das ist ihnen ein recht üppiges Special mit mehreren Artikeln wert:

Ask a factory today to make you a single hammer to your own design and you will be presented with a bill for thousands of dollars. The makers would have to produce a mould, cast the head, machine it to a suitable finish, turn a wooden handle and then assemble the parts. To do that for one hammer would be prohibitively expensive. If you are producing thousands of hammers, each one of them will be much cheaper, thanks to economies of scale. For a 3D printer, though, economies of scale matter much less. Its software can be endlessly tweaked and it can make just about anything. The cost of setting up the machine is the same whether it makes one thing or as many things as can fit inside the machine.

Wenn es um die Zukunft des Lesens und um die Zukunft des Lesens im Internet geht, werden überraschend häufig Plattformen genannt, die der langen Form einen gewissen Vorzug geben: zum Beispiel Byliner oder Atavist oder Readmatter oder Longform oder 40kbooks oder Longreads.

Die Piratenpartei hat einen neuen Vorsitzenden, dessen Name an den von Kurt Krömer erinnert. Außerdem atmen (fast) alle auf, dass es nicht Julia Schramm, die Jutta Ditfurth der Piraten, geworden ist. Melanie Mühl und Malte Welding, auf dessen Mist die Ditfurth 2.0 gewachsen ist, inklusive.

Außerdem ist nächste Woche Re:publica, machen wir uns nichts vor.

Von der unerträglichen Langsamkeit der Politik und der Frage, ob es wirklich eine kluge Idee ist, die Demokratie zu beschleunigen

Wenn zwei Geschwister von Ihrer Großtante 100.000 Euro unter der Bedingung bekämen, dass sie sich untereinander über die Verteilung des in Aussicht gestellten Geldes einigten, dann kann man mit der so genannten Nash-Formel ausrechnen, wie das Ergebnis ausfallen wird. Man muss nur ein bisschen über die beiden Geschwister wissen, zum Beispiel wie es gerade um ihre Finanzen bestellt ist: Der Geschwisterteil, der weniger auf der hohen Kante oder sogar Schulden hat, wird sich eher einen niedrigeren Betrag abhandeln lassen, als der Teil, der mehr Geld und deshalb weniger zu verlieren hat.

Das Ergebnis lautet dann in der Regel 70.000 zu 30.000 für das ohnehin begütertere der beiden Geschwister. Und man kann das in einer liberalen Sichtweise durchaus als neutral und somit in gewisser Weise als gerecht bezeichnen, weil es in einem Verhandlungsprozess zustande gekommen ist, in dem die Geschwister ihre Interessen rational gegeneinander abgewogen und sich auf einen Kompromiss geeinigt haben. Wobei dieses Konzept auf die lange Sicht den Reichen immer reicher und den Armen immer ärmer macht - der klassische Matthäus-Effekt also.

Ob die moralische Bewertung dieser Frage genauso ausfällt, ist also eine andere Frage: Schließlich steht nirgends geschrieben, dass Familienmitglieder wie Marktteilnehmer zu behandeln seien und sämtliche gesellschaftliche Teilsysteme rein ökonomischen Prämissen untergeordnet werden sollten.

Liberale Politik-Modelle wie zum Beispiel John Rawls einflussreiche Theory of Justice legen nahe, dass Gerechtigkeit und Moral unabhängig sein sollten “von allen konkreten empirischen Wünschen oder Zwecken, da diese notwendig partikularer Natur sind und die Interessen oder Rechte anderer verletzen könnten.” Die beiden Begriffe werden in dieser Theorietradition zugunsten einer möglichst weit reichenden Autonomie bzw. Selbstbestimmung der einzelnen Marktteilnehmer untergeordnet: Die Freiheit der Wahl ist das Ideal, das hinter dieser Gerechtigkeitskonzeption steckt.

Doch diese Konzeption mit ihrer Trennung von konkreten, individuellen Handlungsmotivationen und dem abstrakten, übergeordneten Ziel der Autonomie der Bürger hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass die Ziele des Staatsbürgers denen des Marktbürgers zunehmend zum Opfer gefallen sind: Die Menschen wechseln in die private Krankenkasse, obwohl sie gegen ein Zwei-Klassen-Gesundheitssystem sind. Sie schicken ihre Kinder auf die Privatschule, obwohl Sie für Chancengleichheit sind. Dass Gesundheits- und Bildungssystem in keinem guten Zustand sind, dafür können sie ja nichts: Es sind die ökonomischen Sachzwänge, die diese Entscheidungen alternativlos erscheinen lassen und damit de facto die eigentlich erstrebte Autonomie des Einzelnen einschränken.

Alternativlosigkeit aber ist eine Vorstellung, die, sobald sie häufiger kommuniziert wird, mit der Demokratie unvereinbar ist: Den Nationalstaaten in einer globalisierten Wirtschaft schrumpfen die Handlungsspielräume, die Einkommen und Vermögen der Bürger klaffen immer stärker auseinander. Und da die Erwartungen der Bürger trotz allem immer noch an den Staat adressiert werden, ist die Folge Politikverdrossenheit.

Es hat sich inzwischen die Einsicht durchgesetzt, dass einer der wichtigsten Gründe für diese Entwicklungen die Beschleunigung des wirtschaftlichen Lebens ist, mit der andere gesellschaftliche Teilsysteme nicht mithalten können. Allen voran die Politik: Immer komplexere Entscheidungen müssen in immer kürzeren Zeitspannen gefällt werden. Darauf ist die repräsentative Demokratie mit ihren oft langwierigen und ausgeklügelten Meinungsfindungsprozessen nicht eingestellt, weshalb große Teile der Politik bereits in andere Bereiche wie Expertenkreise und Sachverständigenräte outgesourct wurden. Und so verwandelt sich die demokratische Beteiligung der Bürger in eine Beurteilung von Entscheidungen, die längst getroffen und nur unter großen Anstrengungen oder auch gar nicht rückgängig zu machen sind.

Nun sind gerade die neuesten Beschleunigungen (…) dem Zeitalter der Digitalisierung voll zuzurechnen: Finanzmärkte SIND Information, Banken SIND Computer. (…) Die Entwicklung der Technik folgt dem Prinzip, dass alles, was „bewegt“ wird, freier fließen kann. So auch bei der Piratenpartei, die angetreten ist, die Politik per Digitalisierung zu beschleunigen: Sie IST ein Netzwerk, und es ist noch nicht ausgemacht, ob dieses jemals zu einer Partei werden wird. Deshalb ist ihre größte politische Konkurrenz keine andere Partei, sondern politische Netzwerk-Bewegungen wie Occupy. Ihre Vorläufer-Organisation sind weniger die Grünen als vielmehr die die Berliner Love Parade.

Die Piratenpartei stellt also einen Versuch dar, die Politik zu digitalisieren und damit zu beschleunigen. Ihr Gründungsmythos ist die Überzeugung, dass sich Politik als Markt gestalten lässt: Sie propagiert Ideen von Transparenz und Partizipation, die den Abgeordneten zu einem Menschen mit politischem Mandat degradieren, der wie ein Börsenhändler Order in Maschinen tippt und per Rückmeldung politische Handlungsbefehle erhält. Über diese politischen Entscheidungen ist dann nicht weiter zu sprechen, weil sie bereits entschieden wurden. Es ist dann im Weiteren nur logisch, dass sich die Piraten noch keine großartigen Gedanken darüber gemacht haben, wie das von ihnen verfolgte reine Prinzip der Mehrheitsentscheidung legitimiert werden kann, ob es Selbstbestimmung zulässt und was Mehrheitsentscheidungen im schlimmeren Fall für die Betroffenen bedeuten könnten.

Die Piraten sind somit ein Beispiel für die zunehmende Quantifizierung der Welt. Das ewige Konkurrenzverhältnis zwischen dem Allgemeinen (dem statistischen Mittelwert, dem Qualitätsstandard, der Messung) und dem Besonderen (der individuellen menschlichen Erfahrung) hat sich bei ihnen einseitig zugunsten des ersteren gewendet.

Nun ist es aber so, dass Ideen auch bei dem Wechsel ihres Anwendungsbereiches der Schwerkraft nicht entgehen, auch nicht bei einem Technologietransfer. Deshalb haben sich die Piraten mit ihrer hyperaffirmativen Haltung zum Marktgedanken einige Probleme in ihren Rucksack geladen, die der liberalen Politikideologie entstammen, und laufen so Gefahr, letztendlich das nur zu verstärken, was sie eigentlich rückgängig machen wollen: die Entfremdung des Bürgers von der Politik.

Politik lässt sich als Markt gestalten - der Gründungsmythos der Piratenpartei?

Mehrheitsentscheidungen gibt es natürlich schon heute. Aber nicht überall, sondern nur bei Wahlen und der parlamentarischen Rechtsetzung. Die inhaltliche Arbeit am Gesetzestext dagegen erfolgt in parlamentarischen Ausschüssen, in denen parteipolitische Grenzen an Bedeutung verlieren und persönliches Engagement, Vertrauen, Verhandlungsgeschick, Solidarität und Kollegialität, Hilfe und Achtung, Konflikt und Konkurrenz – die elementaren Verhaltensweisen gelingender Sozialität – in den Vordergrund treten. (…)

Lässt sich die mit vielen Problemen behaftete qualitative Arbeit am Gesetzestext substituieren durch das rein quantitiative Auszählen von Bürgermeinungen?

Die Piratenpartei bejaht dies und propagiert Ideen von Transparenz und Partizipation, die den Abgeordneten zu einem Menschen mit politischem Mandat degradieren, der wie ein Börsenhändler Order in Maschinen tippt und per Rückmeldung politische Handlungsbefehle erhält. Über diese politischen Entscheidungen ist dann nicht weiter zu sprechen, weil sie bereits entschieden wurden. Das dahinterliegende Problem, für das Demokratie und Transparenz die Lösung sind, hat man dabei übersehen. Kein Wort zu Legitimation, keine Diskussionen über Subsidiarität, keine Unterscheidung zwischen an der Politik partizipierenden Bürgern und von politischen Entscheidungen Betroffenen.

Stefan Schulz hat etwas für den Merkur geschrieben und glaubt nicht, dass das Internet, sondern eine gesellschaftliche Identitätskrise der Grund für die Erfolge der Piratenpartei sind. Dass sie die Lösung für die Krise sind, glaubt er aber auch nicht.

Links (22.04.2012)

Die Huffington Post ist weder Blog noch Portal, sondern ein Netzwerk, zusammen gekleistert mit Code und Geld, Prominenz und vertikalen Skalierungseffekten: Michael Shapiro hat nicht nur die HuffPo-Geschichte zusammengefasst, sondern zeigt in seinem langen Text auch noch, wie das eigentlich möglich war. Unwahrscheinlich, aber möglich. Quintessenz der Erfolgsgeschichte ist für ihn ein Begriff: Iteration. Keine Angst vor Fehlern also, sondern die bewusste Inkaufnahme derselben. (Was wohlgemerkt nicht heißt, dass alles zufällig ablaufen sollte - ein Rahmen wurde bei der HuffPo schon gesetzt.)

Urheberrecht ist das Thema der Stunde, um es mal so zu sagen: Kai Biermann hat die Frontverläufe der Debatte aufgezeichnet. Ansonsten versucht die Piratenpartei gerade klarzustellen, dass sie dieses nicht abschaffen, sondern ändern möchte. Malte Welding beschreibt eher literarisch die Befindlichkeitsebene der Urheber, und Christoph Kappes versucht, anhand der wirtschaftlichen Dynamik, die sich aus der Digitalisierung ergibt, einen klaren Kopf zu bekommen: Wahrscheinlich werden Intermediäre, Vermittler - vor allem heutige Verwerter - unter Druck geraten, weil mit digitalen Marktteilnehmern neue Torwächter entstehen. Ihre Leistungsketten brechen, und monolithische Organisationen verlieren ihre Grenzen.

Netzphilosophisch bleibt es erneut mit Christoph Kappes aber dabei: “Wir wollen alle, dass Daten ungehindert fliessen können, weil uns das nützt.”

Außerdem sollten unsere Daten (die, die wir bewusst ins Netz stellen) auch unter unserer Kontrolle sein, und deshalb hat auch Sascha Lobo wieder einmal eine wichtige Spon-Kolumne geschrieben: Eurer Internet ist nur geborgt.

Weitere lesenswerte Artikel:

Der Philosoph Hans Bernhard Schmid schreibt mit Homer über Gefühle als soziale Form, also eben nicht als höchstindividuelles Ding: Mitgefühl ist keine separate Extra-Fähigkeit, sondern eine Form unseres Fühlens überhaupt.

Martin Meyer schreibt über die Zukunft bzw. die Krise der Demokratie: Bis jetzt steht in den Sternen, mit welchen Mitteln es gelingen können sollte, emotional und geschäftsmässig konkret jene Bürgernähe wiederherzustellen, die – im Sinne Hannah Arendts – als vita activa selbstverantwortlichen Handelns immerhin noch normative Geltung beansprucht.

Und Alexandra Rojkov lässt anklingen, wie das in Deutschland amazon- und applemäßig aussehen würde, wenn die Buchpreisbindung fiele.

Tanzeinlage LV

60s shake, aus dem griechischen Film Oh, that wife of mine (1967).

(via PCL LinkDumb)

Machen wir uns nichts vor XXXIX

An verschiedenen Orten wird gemutmasst, ob die Piraten eine Partei seien. Sie sind die dialektische Aufhebung der Partei. Sie sind aber nicht nur eine Partei, die keine Partei ist, sie heben alle Parteien auf. Es ist leicht zu sehen, das sie sich jederzeit beliebig spalten und neuformieren werden. Diese Partei hat nicht kein Programm, sondern beliebig viele Programme, von welchen sie jederzeitein beliebiges aktualisieren wird, wodurch sich die Parteizusammensetzung jederzeit beliebig verändert. Dabei werden pro Aktualisierung beleibige Parteimitglieder von anderen Parteien mitmachen, was die anderen Parteien auch beliebig variieren lässt.

Die Piraten müssten sofort total ausgeschaltet werden - oder sie schalten die Parteienpolitik aus. Da ersteres nicht mal mit den somalischen Piraten möglich ist und Jonny Deep alle Herzen für Piraten geöffnet hat, sage ich das Ende aller Parteien an.

Wer von der Piraten-Partei spricht, hat das Zeichen der Zeit noch nicht verstanden.

Auch Rolf Todesco, der übrigens gern zum Thema Kybernetik bloggt (btw) hat auf google plus so seine Zweifel, ob die Piratenpartei tatsächlich eine Partei ist (siehe auch hier). Und die Frage ist: Verdient ein Ding eigentlich noch, Partei genannt zu werden, wenn es keinen Kern mehr zu haben und sich vielmehr der totalen Optionalität hinzugeben scheint?

Das Internet und die Folgen

Wolfgang Blau hat vor einigen Monaten einen Vortrag vor der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des deutschen Bundestages gehalten. Thema ist das Internet und seine gesellschaftlichen Folgen.

Sehr anschaulich, klar strukturiert und verständlich, was der Chefredakteur von Zeit Online da gesagt hat. Sein bevorzugtes Anschauungsmittel ist übrigens die Analogie zur Erfindung der Eisenbahn im beginnenden Indutriezeitalter; dafür hat er wohl in Wolfgang Schivelbuschs mentalitätshistorischer Geschichte der Eisenbahnreise geschmökert.

httpv://www.youtube.com/watch?v=LSeIoxz9Me0

Links (15.04.2012)

Ich werde versuchen, hier ab sofort wöchentlich bis regelmäßig auf mir interessant oder lesens- bzw. anschauenswert erscheinende Sachen aus dem Internet zu verweisen.

Johnny Haeusler hat einen guten Text zum Thema Urheberrecht geschrieben und liefert auch gleich den Grund dafür mit, warum das eine echte Leistung ist:

Es ist offenbar nicht mehr möglich, PRO Urheberrecht zu sein (was ich bin), ohne sich mit Artikeln gemein zu machen, die entweder pure Propaganda oder Panikmache vor einer Partei sind. Oder beides.

Sieht ganz nach Kulturkampf aus; und die Piraten stecken mittendrin - der ideologische Kern der Piratenpartei, “dieses irritierend schmerzfreie Bekenntnis zur Postideologie” mit eingebauter Relativismus-Gefahr, dürfte das eigentliche Ziel (erfolgter und kommender) Attacken sein, wie Harald Staun in der FAZ vermutet. Indes willigt Marina Weisband in unkonventionelle Interviewmethoden ein und gestattet Stefan Schulz, mit ihr ein ortloses Gespräch zu führen.

Komischerweise keinen Kulturkampf fürchten müssen US-Unternehmen wie google, apple, facebook oder amazon: Rudolf Novotny hat in der Berliner Zeitung eine lange Reportage veröffentlichen dürfen, in der es um Deutschlands einstigen Top-Amazon-Literaturkritiker und um das Interesse des Unternehmens geht, im Rahmen seiner Absatzoptimierungs-Politik vor allem positive Kritiken von seinen Nutzern zu bekommen. (Ich weiß grad nicht, was unsympathischer rüberkommt, die Nebenkerzen-Stellungnahmen Amazons oder die ignorante Beton-Haltung der Literaturkritikerin Sigrid Löffler.)

Das gute Leben à la Aristoteles ist zwar nicht systemrelevant, die taz hat ihm aber trotzdem ein ganzes Lab gewidmet, das hier nachzulesen ist.

Feynsinn hat auf eine Meldung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO verwiesen, die auf einen der größten europäischen Skandale der vergangenen Jahrzehnte verweist: die hohe, viel zu hohe, zum Teil (Spanien) absurd hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Professor Bunsen schwärmt von der magischen sozialen Alchemie seiner Timeline und schätzt den digitalen Graben, der die Gesellschaft teilt, mariannengrabentief ein.

Mindhacks macht auf einen Artikel in Slate aufmerksam. Der beschäftigt sich mit Fußgängerströmen und deren Mustern sowie Zonen des informellen menschlichen Austausches in einem solchen urbanen Kuddelmuddel (zum Beispiel Straßenecken, denen sich die Stadtforschung ja schon oft gewidmet hat). Dort ebenfalls verlinkt und lesenswert: ein älterer Artikel aus dem Economist: The wisdom of crowds. Wäre bestimmt interessant, anhand der Menschenströme in Mekka sich mal anzuschauen, was der alte Elias Canetti nicht herausfinden konnte, weil er nicht auf it-gestützte, in den Shopping Malls entwickelte Messmethoden zurückgreifen konnte. Und umgekehrt.

Und bereits vor einem Monat habe ich auf google plus einen Artikel in der NZZ empfohlen. Nur falls ihn noch jemand lesen möchte; ich textete seinerzeit:

In einem etwas länglichen Text beschreibt der Architekturtheoretiker Hans Frei, wie die Digitalisierung auch seine Branche verändert - sowohl in den Bauformen als auch (und wichtiger noch) in ihren grundsätzlichen Entstehungsbedingungen:

Entstehung:

Im digitalen Zeitalter kann die technische Fertigung nicht mehr so unangefochten wie bisher im Mittelpunkt des architektonischen Denkens stehen. (…) Architektur ist zuallererst aus dem Bedürfnis heraus entstanden, Menschen an einem Ort zu versammeln. Das Versammeln ist das, was zuerst kommt (griechisch: arche) und alles technisch Gefertigte (griechisch: techne) leitet.

In gewisser Hinsicht sind die Menschen, die heutzutage über internetfähige Geräte miteinander in Kontakt treten, in der gleichen Lage wie jene, die sich einst um das Feuer versammelt haben. Ohne Konkretisierung durch architektonische Mittel würden sich die zufälligen menschlichen Zusammenkünfte schnell in Rauch oder weisses Rauschen auflösen.

Formen:

Räume müssen nicht mehr unbedingt gebaut werden, um voneinander unterschieden zu werden. Im digitalen Zeitalter genügen Zulassungscodes und temporäre Atmosphären-Konstruktionen, um sie für bestimmte Zwecke einzustellen. Das beste Beispiel dafür sind elektronische Fussfesseln, mit denen sich der Bereich der Einschliessung individuell definieren lässt. (…)

Wo digitale Kontrollmechanismen das Sagen haben, verkommt die gebaute Realität zur hohlen Geste.

Die Mutter der Piraten?

Vielleicht sind die Piraten ja gar keine Partei, sondern einfach ein Schwarm, der durch die Geschichte stolpert, wie Kinder über einen Spielplatz, wie Stefan Schulz neulich gemutmaßt hat: Es sei eine große Frage, wie die Piraten so viel Selbstgewissheit zur Schau tragen können, ohne über nennenswerte Inhalte zu verfügen.

Möglicherweise ist das aber gar nicht die Frage, sondern bereits die Antwort: Die Piraten sind vielleicht so populär, weil sie keine Inhalte haben bzw. genauer: Inhalte keine großartige Funktion haben, weder für ihre eigene Identitätsbildung noch für die ihrer Anhänger.

Hartmut Rosa schreibt, dass das eigene Ich in der Welt, in der wir leben, inzwischen punktförmig auf einige Basics reduziert wird, von denen aus “alles andere zum Objekt der Gestaltung wird und damit kontingent, wählbar ist und instrumentalisiert werden kann: der Beruf, die Frau, die Religion, die Nationalität usw.”

Es kann also immer alles passieren. Aus einer piratigen Vermessungsmentalität heraus ist es dann nur konsequent, sich nicht festzulegen und gerade deshalb immer bereit zu sein.

Was dann noch bleibt, sind nicht etwa gewachsene Inhalte oder bleibende Positionen, sondern eine kollektive Ich-Bezogenheit - wie bei der Berliner Love Parade, die “eine beispiellose Selbstinszenierung gleichsam ohne materialen Inhalt” dargestellt habe, schreibt Rosa:

Hätte sie sich irgendeiner Idee, einer politischen oder religiösen Bewegung oder Ähnlichem verschrieben, wäre sie innerhalb weniger Monate veraltet, wenn sie überhaupt Zuspruch gefunden hätte.

Insofern ist die Berliner Love Parade möglicherweise die Mutter bzw. Vorläufer-Organisation der Piraten.

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