Monatsarchiv für Mai 2012

 
 

Spiele sind Regelsysteme

Durchaus faszinierend, welche Analogien zwischen Brettspielen und Gesetzen Marc-André Casasola Merkle da auf der re:publica 2012 dargelegt hat. Eine Einführung in einige Strukturprinzipien funktionierender sozialer Regelsysteme, zum Beispiel Netzwerken à la twitter.

Wer eine Stunde Zeit hat, kann sich das gut anhören. Allen anderen sei nochmals das Interview mit dem Spieleentwickler in der taz empfohlen.

Links (28.05.2012)

Die grösste Gefahr für das Web sind die Versuche grosser Unternehmen oder Regierungen, seine Nutzung zu kontrollieren, Zugänge zu blockieren oder das, was Nutzer im Netz machen, auszuspionieren, hat der World-Wide-Web-Begründer Tim Berners-Lee mal wieder betont und im NZZ-Interview mit Juliane Leopold davor gewarnt, “die Vorteile eines offenen, freien Internets als selbstverständlich” anzusehen.

Als tatsächlich offen und frei kann man zB die Sozialen Netze nicht bezeichnen, wenn google plus seine Nutzer zwingen kann, ihre im Ausweis stehenden Namen zu offenbaren, oder facebook einfach Fotos löscht, deren Vomnetznahme nicht einleuchtet (zB stillende Mütter). Felix Neumann greift deshalb die Regulierungsdiskussionen auf, die sich um die Social-Media-Unternehmen drehen, und denkt über die Grauzonen nach, die zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre bestehen: Die Frage sei, ob und worin sich die Regeln bürgerlicher Salons oder Kaffeehäuser, in denen Zeitung gelesen und Argumente ausgetauscht wurden und so Öffentlichkeit entstand, von denen der großen Sozialen Netze überhaupt unterscheiden: Diese Regeln, so Neumann,

sind nicht wesentlich verschieden von Kleiderordnungen und sprachlichen Codes, die bei Tisch und im Café einzuhalten sind: Bisweilen explizit, oft implizit, nicht immer und verläßlich, aber doch oft genug sanktioniert, durchsetzbar ohne wirklich funktionierenden Rechtsschutz, und durchgesetzt nicht etwa durch Beamte, sondern durch Angestellte.

Ändert sich das jetzt grundsätzlich, wenn unser Caféhaus nicht mehr am öffentlich zugänglichen Platz steht, sondern Facebook ist?

Die Kaffeehaus-Metapher greift auch Peter Glaser auf, dessen Kolumne in Futurezone übrigens zu den Perlen der Internetschreiberei in deutscher Sprache gehört:

Die Generation, die nun mit dem Internet aufwächst, lebt nicht mehr mit dem Netz, sie lebt im Netz. Diese neuartige Technosphäre nur als Nachrichten-Umschlagplatz oder digitales Gewerbegebiet zu betrachten, greift zu kurz. Im Netz sind Medien nicht mehr nur Dinge, die wir benutzen – wir leben heute in unseren Medien, auf Facebook, Twitter, in Foren und Blogs. Es sind Pendants zu Straßencafes, Wohngemeinschaften, Clubs.

Außerdem schrub ich auf google plus etwas zu einem meines Erachtens ziemlich kulturpessimistischen Pfingst-Essay, den Botho Strauss in der NZZ veröffentlicht hat:

Einen schwer verdaulichen Essay-Happen hat der immer mal wieder heftig umstrittene Dramatiker Botho Strauss da in der NZZ serviert, den man auf ganz unterschiedlichen Ebenen goutieren kann. Er ist zB durchaus als Bestätigung dessen zu lesen, was Perlentaucher Thierry Chervel neulich mutmaßte: dass die Autoren das Netz vor allem als Bedrohung sehen, weil sie es nicht verstanden haben.

Aber vielleicht wäre das auch ein bisschen sehr schlicht, und vor allem: Was sollte das bringen?

Auf das Internet bezogen - und ich kann da nicht umhin, zwischen den ganzen überbordenden Bildungsmetaphern und -anspielungen eine Kritik an demselben heraus zu lesen - birgt dieses Essay doch vor allem den Vorwurf, dass die Technik und das Wissen “unserer Tage” keinen Raum für Kultur böten und, schlimmer noch, keinen Ort für Kritik oder gar Widerstand.

Ich persönlich glaube an das Gegenteil, zumindest an meinen besseren Tagen. Aber solche Texte wie dieser hier von Strauss zeigen mir halt auch, dass “wir Internet-People” noch lange nicht zum Mainstream vorgedrungen sind, noch immer keine Erzählung anbieten können, um mehr Leute davon zu überzeugen, dass das Netz eben kein Feind des Geistes, der Kultur ist. Ganz und gar nicht.

Noch aber schreibt jemand wie Strauss:

In der virtuellen Welt kann durch Spiel und Abgleich der Geist ein höheres Risiko sowohl der Entfaltung wie der Verstrickung eingehen als durch irgendeine Form des Widerstands. (…)

Wer sich an technischen Neuerungen berauscht, ist ein Schwachkopf. Wer sich ihrer zu bedienen versteht, ist ein Alltagsmensch, aus dem noch einmal etwas Besonderes werden könnte, wie zu allen Zeiten. Der Bewegungsraum eines Menschen muss zu fünf Achteln anachronistisch sein und darf nur zu drei Achteln aus Unübersehbarem bestehen. (…)

Früher gab’s mehr von dem, was war. Heut gibt’s zu viel von dem, was wird. (…)

Wissen und Technik unserer Tage haben bisher keinen sprachbildenden Einfluss, scheinen nicht chiffrierfähig. (…)

Die ästhetischen Valeurs sind die bedrängtesten. Was interessiert es, ob millionenweis kommuniziert wird, wenn der Hort des unduldsam Schönen keine chaotischen Schwingungen mehr in die Social-Cloud absetzt?

Zuckerberg auf den Spuren Quételets

Der belgische Statistiker und Astronom Lambert Adolph Quételet (1796 - 1874) kann als der Begründer der modernen Sozialstatistik gelten. (…) Ausgangspunkt von Quételets Theorie war die These, daß die menschlichen Handlungen eine Struktur regelmäßiger Wiederkehr aufweisen. In seinem Hauptwerk (…) konstruierte er nun einen “homme moyen”, dessen wahrscheinliche Handlungen sich für die Zukunft ebenso voraussagen ließen, wie sie statistisch in der Gegenwart und Vergangenheit zu erfassen waren. (…)

Bei Quételets “mittlerem Menschen” handelte es sich (…) in Wahrheit um ein soziales Artefakt, das sich aus den statistischen Durchschnittseigenschaften einer empirisch umgrenzten Bevölkerungsmenge (…) zusammensetzte. (…) Damit schuf er die theoretische Grundlage für eine sozialpolitische Zukunftsvorsorge bislang ungekannten Ausmaßes (…) [,] zur “sozialen Physik”, das heißt zur umfassenden Theorie des sozialen Verhaltens.

Für Quételet und die ihm folgende Sozialstatistik schien der Erforschung der Zukunft seither keine Grenzen mehr gesetzt. Das Forschungsfeld sozialstatistischer Zukunftsaussagen glaubten sie sogar überhaupt nur noch durch die Menge verfügbarer Daten begrenzt.

Tja, der Börsengang Facebooks ist bislang beschissen bescheiden verlaufen. Möglicherweise ist die Vermessung des Menschen also weit weniger wert als allgemein vermutet. Aber es hätte ja auch etwas Beruhigendes, wenn der Herr Zuckerberg auch nicht weiter käme in seinen Bemühungen wie einer seiner Vermessungsurahnen, der Herr Quételet. (Quelle: Lucian Hölscher: Die Entdeckung der Zukunft; besten Dank für die Empfehlung an den Untoten Ostgoten.)

mein kind ist geiler als dein kind

Neobürgerliche Kinder-Erziehung mitsamt elterlicher Profilneurosen, auf den Punkt gebracht von Fil.

Links (21.05.2012)

Frank Riegers Roboterutopie in der faz für eine (bessere) Gesellschaft, in der Maschinen und Algorithmen Steuern zahlen und ihren Anteil am Gemeinwohl leisten, wird nicht zuletzt wegen ihres Erscheinungsortes (bürgerliche Presse) viel diskutiert. Eine lesenswerte Replik hat zum Beispiel Stefan Schulz geschrieben, die vor allem der Rehabilitierung des Menschen in einer automatisierten Gesellschaft dienen soll: So lange Maschinen an Nullen und Einsen (also an die Limitierungen von Syntax) gebunden sind, können sie nur an Geschwindigkeit aber nicht an Qualität zulegen.

Da Rieger alles und jeden über den Automatisierungskamm schert, sind wohl auch Zweifel an der wirtschaftlichen Aussagekraft des Artikels nicht unberechtigt. (Christoph Kappes hat aus dieser Perspektive eine Entgegnung angekündigt, die ich hier ggfs. nachtragen würde.) Meiner Meinung nach hat der Text aber vor allem eine gesellschaftspolitische Stoßrichtung:

Die derzeitige Finanzierung unseres Gemeinwesens beruht größtenteils auf der Besteuerung von menschlicher Arbeit und menschlichem Konsum. (…) Die zunehmende Automatisierung und Flexibilisierung der Produktion führt nun aber zwangsläufig dazu, dass immer weniger Menschen einen regulären Lohn beziehen. (…) Mit der bisherigen Steuerphilosophie kann die nächste Automatisierungswelle daher den sozialen und finanziellen Zusammenbruch von Staat und Gesellschaft innerhalb weniger Jahre verursachen. (…) Die Alternative: ein schrittweiser, aber grundlegender Umbau der Sozial- und Steuersysteme hin zur indirekten Besteuerung von nichtmenschlicher Arbeit und damit zu einer Vergesellschaftung der Automatisierungsdividende.

An dieser Stelle und hinsichtlich der Dividenden-Forderung trifft er sich übrigens mit Rainer Sommer und dessen Überlegungen zum bedingungslosen Grundeinkommen bei Telepolis.

Social Media und menschelnde SAPisierung

Die sozialen Medien perfektionieren die Vermessung des Menschen. Facebooks Börsengang wird zeigen, wie viel Geld das wert ist, hat Sascha Lobo neulich in seiner Spiegel-Kolumne geschrieben. Für diese Behauptung hat der einzige deutsche Internet-Popstar u.a. eine Untersuchung angeführt, die gezeigt hat, dass die professionelle Auswertung von Facebook allemal mehr bringt bei der Bewerbersuche der Wirtschaft als ausgeklügelt standardisierte Testverfahren.

So weit sind wir also bereits gekommen bei der Quantifizierung bzw. SAPisierung dieser Welt: Alles, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist, wird gemessen und in Prozesse gegossen. Schon lange nicht mehr nur in den börsennotierten Unternehmen, sondern auch in den kleinen Klitschen. Nicht mehr nur in der Architektur, sondern auch im Handwerk. Selbst die Politik wird gerade von einer gewissen Partei, die gerade sehr erfolgreich ist, auf ihre Vermessbarkeit hin getestet. Und nun also Social Media.

Interessant dabei ist, dass mehr Standardisierung gleichzeitig mehr Menschlichkeit erfordert. Nur Menschen sind in der Lage, die Verwerfungen der Standardisierung, die Grausamkeiten jeder einzelnen Excel-Datei wieder einigermaßen wettzumachen. Empathie-Schnittstellen können bis auf weiteres eben nur Menschen sein.

Auch eine Socialmediaisierung der Bildungslandschaft würde bedeuten, dass es (menschliche) Experten geben müsste, die Online-Kommunikation entsprechend auswerten und deuten könnten.

Der kanadische Wirtschaftsprofessor Joshua Gans nimmt die vielen Kurse, die von den verschiedensten Universitäten und Unternehmen derzeit online gestellt werden, zum Anlass, um über die Folgen der Digital Revolution in Education nachzudenken.

Seine Quintessenz: Noten und Abschlüsse werden an Bedeutung verlieren, und die stetig in Optimierung begriffenen standardisierten Assessments der Unternehmen reichen nicht mehr aus, um die für sie besten Absolventen herauszufiltern. Die Lösung liegt für Gans bei den Professoren, die den Online-Dialog mit ihren Studenten pflegen und diese dann nach bestimmten Kriterien bewerten sollen - ein Social-Media-System für die Schnittstelle Hochschulbildung und Wirtschaft, bestehend aus Likes und Dislikes sowie persönlichen Empfehlungen.

Das mag man gruselig finden, wenn man noch alte humboldtsche Bildungsideale im Kopf hat. Wahrscheinlich ist es aber gesünder und vor allem realistischer, das zur Kenntnis zu nehmen und das beste daraus zu machen. So wie Martin Lindner etwa, der neulich festgestellt hat, dass die Forderungen der neoliberalen, entsolidarisierten Welt und der kommunitaristisch vernetzten neuen Welt derzeit zusammen fallen. Es sei aber falsch, gute neoliberale Bildung aus moralischem oder bildungsbürgerlichem Dünkel abzulehnen. Richtig verstanden sei eine solche Bildung Ausbildung für den Guerillakampf. Dazu müsse man die Umwelt kennen, mit der man sich auseinandersetzt: “Nötig ist aber auch, die Punkte zu markieren, an dem beides eben NICHT zusammenfällt.”

Links (13.05.2012)

Inzwischen hat Spiegel Online die Vorträge Kathrin Passigs und Felix Schwenzels veröffentlicht, die mir beide vor allem deshalb gefallen haben, weil sowohl Kathrin Passig als auch Felix Schwenzel sich für eines noch mehr interessieren als für Internet und Technologie: für den Menschen dahinter (auch wenn das jetzt etwas pathetisch klingt).

Kai Biermann stellt das Handbuch für Datenjournalismus vor, an dem auch sein Brötchengeber, die Zeit, mitgearbeitet hat. Dass das Thema auf jeden Fall noch erklärungsbedürftig und auch umstritten ist, zeigt zum Beispiel dieser Text Randy Rolands, der sich über die Big-Data-Perspektiven der US-amerikanischen Wirtschaft Gedanken macht, einige interessante Projekte nennt und unter anderem auch den big-data-kritischen Marketingprofessor Peter Fader zitiert (siehe auch das komplette Interview mit Fader in der technology review):

Even with infinite knowledge of past behavior, we often won’t have enough information to make meaningful predictions about the future. (…) All the data in the world will never achieve that goal for us.

(Dass man auf so etwas überhaupt hinweisen muss, puh.)

(Was Big Data mit Journalismus zu tun hat und wie Journalismus mit Big Data umgehen könnte/sollte, wird in einem Text von Liliana Bounegru (die auch twittert) ganz gut beschrieben - in a brief history of data journalism, einem Auszug aus dem oben genannten Handbuch.)

Außerdem hat sich Frank Schirrmacher in die Urheberrechtsdebatte eingeschaltet und einen Vorschlag zur Güte und für die ersten Schritte heraus aus dem Hass gemacht:

Wenn wir fordern, die Produktionsbedingungen von Kunst zu respektieren, dann müssen wir auch ihre heutigen Rezeptionsbedingungen kennen und respektieren. (…)

Als Erstes die Steuereintreiber des Pharao identifizieren, und zwar dort, wo sie nicht hinter kommerziellen Anbietern her sind. (…)

Des Weiteren Druck auf die Industrie, dass sie komfortable Plattformen zum legalen Download bereitstellt und mit ihnen zu experimentieren beginnt. (…)

Das ist auch von der anderen Seite zu erwarten, und wenn eine Bewegung Partei wird, dann wäre diese Form der Vermittlung auch ihre wichtigste Aufgabe. Was wird aus File-Sharing, wenn, wie jetzt bekannt, Facebook das File-Sharing in seine Plattform integriert? Wird dann Facebook das, was Google mit erstaunlicher Rücksichtslosigkeit jetzt schon ist: der größte Verleger der Welt? Wollen wir in einer Welt der Selbstausbeutung für multinationale Konzerne leben?

Tanzeinlage LVI

Odissee remixt Marvin Gayes Ain´t that peculiar.

(via Thilo Specht)

Links (06.05.2012)

Joachim Paul aka Nick Haflinger, Spitzenkandidat der Piratenpartei in NRW, hat sich zu der Kritik an seiner Partei geäußert, dass allein netzbasierte, quantitative Verfahren der Meinungsfindung nicht ausreichen, um verantwortungsvolle Politik zu machen.

Diese Kritik findet Paul einseitig und verweist darauf, dass es das Verdienst der Piratenpartei sei, die Frage aufgeworfen zu haben,

was durch das weltumspannende elektromagnetische Kommunikationsfeld in Gestalt des Internet als technologische Ermöglichungsbedingung bereitgestellt ist, sowohl im Hinblick auf die Konstruktion weiterer darauf aufsetzender Kulturtechniken als auch für die Weiterentwicklung dessen, was wir heute Demokratie nennen – oder in Zukunft nennen wollen. (…)

Es ist bereits erwiesen, dass die Lösung komplizierter technischer Fragestellungen ohne weitgehende – statische – Hierarchien durch kleine und größere Gruppen von Konstrukteuren über das Netz möglich ist. Der weltweite Erfolg vieler Open-Source Software-Projekte belegt das eindrucksvoll. Daraus kann und muss nun die Frage abgeleitet werden, ob derartige Verfahren auch für die Inangriffnahme politischer Fragestellungen geeignet sind.

Wissen ist überbewertet, sagt David Weinberger, und damit meint der Netzphilosoph nicht das Wissen an sich, sondern das Wissen im Netzwerk, das eben nicht die eine richtige Lösung ausspuckt, sondern viele - je nachdem in welchem Kontext wir fragen:

For a couple of millennia, we assumed that saying that there is not a single right order would mark one as a lunatic. Chaos seemed to be the only alternative. For lots of reasons, we’ve come to accept that there are many right ways (…), and that the way that works for us in a given situation is dependent on that situation and our interests.

Now the Internet has given us an infrastructure that is perfectly designed for this sort of multi- and inter-subjective idea of knowledge.

Wie man aus diesem ständigen Strom und dieser Vielfalt an Informationen das im jeweiligen Fall nutzbare Wissen herauszieht, wie man es findet und letztendlich beurteilt, das ist für Weinberger die große Aufgabe, vor der die Bildungsexperten stehen:

Clearly, in a world so super-abundant with ideas and information, knowledge is knowledge if it is “good enough.” That’s the only way to gain the efficiency of knowledge that our old system of authority provided. But, it’s not always (or perhaps even usually) obviously what constitutes being good enough. Good enough for a weather forecast is different than good enough for brain surgery.

Educators and librarians need to aggressively teach students in this skill. Students need help in gaining the skill to discern what’s worth believing and what’s hucksterism and wish fulfillment. This is an age-old need exacerbated by the Net’s eroding of homogenous authority (for better and for worse).

Für Wolfgang Neuhaus müssen die Bildungsinstitutionen darüber hinaus eine Erzählung bereit stellen, die zum Lernen motiviert:

Die weit verbreitete Output-Orientierung im Bildungsdiskurs wird häufig dazu herangezogen, Zukunftsplanung aus den Ergebnissen empirischer Forschung heraus und entlang entsprechender Prognosen zu entwickeln. Bedeutet das aber nicht eine extreme Verengung unserer Bildungsperspektiven, wenn wir Zukunft reduzieren auf das Beheben statistisch erhobener Defizite oder die Planung entlang vorausgesagter Effekte? Wo bleibt dann die Intuition, die Kreativität, die kulturelle Vielfalt, die Potenzialentfaltung des einzelnen Menschen?

Mit Bruno Latour (u.a.) empfiehlt der Mediendidaktiker in einem Vortrag, den er noch im Mai auf einer öffentlichen Ringvorlesung an der Uni Köln halten wird, auf die Erzählung “Bildung als ein Vorgang permanenter Innovation” zu setzen und bringt als Beispiel das Internet:

Die Entstehung des Internet ist ein gutes Beispiel für einen kollektiven Bildungsprozess im Sinne des Vorgangs der permanenten Innovation. So war es die Vision eines »Intergalactic Computer Network« von J.C.R. Licklider, die 1963 den Ausgangspunkt bildete für die Entwicklung des Internets. (…) Bis zum Web 2.0, wie wir es heute nutzen, erleben wir einen höchst kreativen, kollektiven Bildungsprozess, der maßgeblich (nach der Ablösung vom amerikanischen Militär) von universitären Einrichtungen getragen und vorangetrieben wurde.

Ansonsten war ja bekanntlich die re:publica 2012, die für mich persönlich eher enttäuschend verlief. Der erste Tag ging zwar ganz gut los, und ich hatte einige nette Begegnungen und konnte ein paar interessante Vorträge hören. Insgesamt hatte ich aber zu wenig Zeit (Arbeitnehmerverpflichtungen), um mich einfach mal auf dem Gelände aufzuhalten und auch einmal spontan zu irgendwelchen Veranstaltungen zu gehen. Insofern kam für mich weniger dabei rum, als ich mir erhofft hatte. (Ein bisschen re:publica ist also wie ein bisschen schwanger.)

Deshalb maße ich mir hier kein Fazit an und verweise auf die ersten Videos, die bereits online zu finden sind, zum Beispiel auf einige Sachen von Philip Banse. Oder auch auf die Wetten-dass-Show jeder Re:publica: den Überraschungsvortrag Sascha Lobos.

Leider habe ich auch Marcel-André Casasola Merkle nicht sehen können. Aber nach dem sehr interessanten Interview in der taz, in dem der Spieleentwickler über Spiele, Regeln und Demokratie spricht, warte ich gerne noch ein wenig, bis sein Panel dann auch im Netz zu sehen sein wird.

Über das Risiko

Fibonaccis berühmtes Buch über das Risiko, Liber Abaci (1202), (…) behauptet den zufälligen Charakter aller Ereignisse, betont aber die menschliche Fähigkeit, Risiken zu berechnen. (…) Im berühmtesten Teil des Buches versuchte Fibonacci zu errechnen, wie viele junge Kaninchen in einem Jahr von einem einzigen Elternteil abstammen können. Aus solchen Reihenkalkulationen entwickelte sich die gesamte mathematische Wissenschaft der Vorhersage. (…)

Noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts versuchte man, das Risiko einfach durch den Austausch von Erfahrung und Information zu verstehen und zu vermindern. (…) Die von Fibonacci in Gang gebrachte Revolution ersetzte auf manchen Gebieten schließlich die Diskussion durch unpersönliche Statistiken.

Dennoch liegt die Furcht, das Schicksal herauszufordern, noch immer über der Risikoberechnung. Die Risikomathematik kennt keine Absicherung, und deshalb ist es ganz vernünftig, dass sich die Psychologie des Risikos auf mögliche Verluste konzentriert. (…) Allem Risiko wohnt die Drift inne, denn Drift ist die verbale Übersetzung der Regression zu einem Mittelwert. Anders ausgedrückt, dem Eingehen von Risiken fehlt mathematisch die Qualität einer Erzählung, bei der ein Ereignis zum nächsten führt und dieses bedingt.

(Aus: Richard Sennett Der flexible Mensch.)

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