Monatsarchiv für Juni 2012

 
 

Von der Massen- zur Schwarmgesellschaft

Gestern sind bei mir zwei Texte hochgeploppt, die unterschiedlicher kaum sein können. Weil sie aber ganz gut zwei Enden einer Diskussion markieren, haben sie doch etwas miteinander zu tun: Es geht um das Internet bzw. die digitale Öffentlichkeit und wie diese zu bewerten ist - als Chance oder als Bedrohung.

Für Rolf Schwartmann ist “die Netzgemeinde” - also die Öffentlichkeit im Internet - eine Bedrohung. Bedroht sieht der Medienrechtler nicht weniger als das Grundgesetz und damit die Demokratie. Als das Grundgesetz entstand, habe es noch kein Internet gegeben, in dem sich Massen nach kaum kalkulierbaren Prozessen selbst organisieren und mobilisieren. Nun betreibe aber die Netzgemeinde “Lynchjustiz” an der Eigentumsordnung und stelle in den Diskussionen um das Urheberrecht “die Technik” vor “das Recht”.

Und weiter:

Wie verhält sich das Gericht, wenn die Netzgemeinde Fakten schafft und wenn sie das Volk mehr zu repräsentieren scheint als das Parlament? Für das Grundgesetz jedenfalls repräsentieren die Parlamentarier das Volk. Nach den verheerenden Erfahrungen des Dritten Reiches mit Schwarmverhalten pflegt es eine besondere Zurückhaltung gegenüber unmittelbaren demokratischen Entscheidungen. In ihm ist das Gesetz der kleinen Zahl verankert, von dem jede Entscheidung lebt.

Felix Stalder sieht das Internet hingegen als Chance, unter Umständen sogar als Utopie, die wahr werden könnte. Für den Medientheoretiker bewegt es sich in jeweils verschiedenen Phasen und verschiedenen Ausbreitungsgraden – also gleichzeitig und ungleichzeitig zugleich – im gesellschaftlichen Spannungsfeld zwischen Autonomie und Kooperation.

Stalder beschreibt die Entwicklung eines Traumes, in dem es um die Erweiterung bestehender menschlicher Kooperationsformen geht – und damit um die Erweiterung der Partizipationsmöglichkeiten, wie ihn Ingenieure hervor gebracht haben, die seit den 1960er Jahren an den Grundlagen der Netzwerktechnologie arbeiteten, auf die Gesellschaft als Ganzes:

Alle Formen klassischer, formaler Hierarchien, insbesondere auch die Unterscheidung zwischen einer Mehrheit, die ihre Ansichten durchsetzen kann, und einer Minderheit, die ihre Niederlage akzeptieren muss, wurden abgelehnt. Stattdessen wurde auf eine Pragmatik der offenen Kooperation gesetzt, die sich an zwei Leitplanken orientierte. Zum einen an der Notwendigkeit eines „groben Konsenses“ („rough consensus“), was zum Ausdiskutieren von unterschiedlichen Auffassungen zwingt, aber keine Blockade ganzer Gruppen durch einzelne zulässt. Ausführbare Software („running code“), zum anderen, verweist auf den Fokus der Kooperation, der – in klassischer Ingenieurstradition – auf konkreten Lösungen lag, die aufgrund klarer Kriterien gegeneinander abgewogen werden.

Ein bisschen spooky beim Vergleichen dieser beiden Texten ist, dass weder Schwartmann noch Stalder wirklich neue Positionen zu einem ebenso neuen Phänomen vorbringen. Eigentlich wiederholen sie nur alte Argumente für ein bekanntes Phänomen, das sich durch die Internetöffentlichkeit verstärkt hat.

Ebenso wie heute bildete sich auch am Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Massengesellschaft ein neuer kultureller Aggregatzustand heraus. Seinerzeit ließen nicht zuletzt die neuen Kommunikations- und Verkehrsmittel (Eisenbahn, Telefon, etc.) sowie die entstehenden Massenmedien (überregionale Zeitungen, Radio, etc.) einen Öffentlichkeitsrahmen entstehen, der entschieden größer war und weitere Teile der Gesellschaft umfasste, als das bislang der Fall war. In der Regel fielen seine Grenzen mit denen der jeweiligen Nation zusammen.

Heute sorgt das Internet dafür, dass diese Grenzen überschritten und erneut Teile der Gesellschaft in die öffentlichen Debatten (re-)integriert werden. Man denke nur an die arabische Revolution oder an die Piratenpartei. Insgesamt scheint jedenfalls Konsens darüber zu bestehen, dass das Internet sowohl horizontal als auch vertikal andere und weiter führende Möglichkeiten der politischen Partizipation bereit stellt – nur wie diese Möglichkeiten bewertet werden, ist dann Ansichtssache.

Historisch gesehen ist die Sache tatsächlich nicht so eindeutig zu beantworten, wie es vielleicht scheinen mag, was zum Beispiel Paul Nolte festhält:

Aber die Erfahrungen der Massengesellschaft waren ambivalent, und längst nicht alle Konsequenzen, die daraus am Beginn des 20. Jahrhunderts gezogen wurden, führten in eine demokratische Richtung. (…) Was man zunächst als eine demokratische Erweiterung breiterer, auch ärmerer Schichten verstehen kann (…), verknüpfte sich zugleich mit der Idee eines Aufgehens individueller Freiheit im Rausch des Kollektivs und mit einer Neigung zur Aktion als Selbstzweck: Die Masse richtete sich, zum Befreiungsschlag formiert, gegen scheinbar verkrustete Institutionen, selbst wenn es sich um Institutionen der Demokratie handelte.

Nun bestreitet der Historiker nicht, dass wir uns seit dem späten 20. Jahrhundert (…) vollkommen andere kulturelle Reaktionen auf Phänomene der Masse, des Chaos, des Durcheinander angewöhnt haben. Aber er hält fest, dass die Massengesellschaft den Trend zur Demokratisierung in zwei Richtungen gezogen habe: in Befreiung bzw. Partizipation auf der einen und in der Bildung neuer Führungsstrukturen und der Betonung des ehernen Gesetzes der Oligarchie auf der anderen Seite.

An diesen beiden Enden der Wurst sitzen nun auch Schwartmann und Stalder sich gegenüber: Während Stratmann – deutlich polemischer (”Lynchjustiz”) als Stalder, aber darum geht es hier ja nicht – die Angst der Eliten vor dem eigenen Bedeutungsverlust und der Tyrannei der Masse verkörpert, sieht Stalder in der digitalen Öffentlichkeit die Chance zur weiteren Demokratisierung. Während der eine um die Prinzipien der repräsentativen Demokratie fürchtet, betont der andere neue Möglichkeiten zur politischen Teilhabe.

Beide beschäftigen sich mit einer alten Frage, die nie gelöst worden ist und sich mit der Weiterentwicklung der Kommunikationsmöglichkeiten immer wieder neu stellt: In welcher Ausprägung sind Führungsstrukturen notwendig, um den organisatorischen Notwendigkeiten gerecht zu werden, die eine gesellschaftliche Ordnung am Laufen halten?

Eure Öffentlichkeit

Jetzt schreit ihr alle wieder, weil ein Leistungschutzrecht kommen soll: Die Blogs sollen sich stärker vernetzen. Und die das am lautesten schreien, haben immer schon nur auf die drei, vier Alphaärsche verwiesen, die das auch für Euch tun.

Mit Kritik könnt ihr nicht umgehen. Wenn Euch etwas nicht in den Kram passt, ist es Feuilleton. Ihr geschichtsvergessenen Muttermörder: Ohne die Entwicklung Feuilleton wäret ihr und eure öffentliche Position gar nicht denkbar.

Ohnehin pinkelt ihr den Verlagen immer nur so lange richtig ans Bein, bis sie euch dafür bezahlen, was ihr vorher umsonst machen musstet.

Es gibt zu viele Ideologen unter euch.

Und zu viele Kindsköpfe.

Inzwischen überlege ich, ob ich Teil Eurer Öffentlichkeit sein will: Ich will keine Partei ergreifen, niemanden wegbeißen und ich will auch kein Geld vom Internet. Aus welchen Gründen also bleiben?

Machen wir uns nichts vor XL

Während die technisch-ökonomische Zivilisation einer gigantischen Systemintegration unterworfen ist, wird derselbe Prozeß aus kulturkritischer Perspektive als Desintegration, Differenzierung und im besten Falle noch als Individualisierung beschrieben. Während die elektronisch vermittelte Gleichzeitigkeit und die Fülle der Informationen immer mehr Wissen über die Erde verfügbar macht, ist von Unübersichtlichkeit und Orientierungslosigkeit die Rede. Während die Erdteile zusammenrücken, stellt sich das Bild totaler Auflösung ein. (…)

Wenn die technisch-ökonomische Integration auf dem Globus nicht als kulturelles Phänomen gedeutet wird, dann wird auch die Tendenz zur Globalisierung verkannt. Das Symbol mangelt es an einer sinnstiftenden Symbolwelt. Kurz: Die globale Zivilisation ist ohne Kultur.

Johannes Rohbeck tritt in Technik - Kultur - Geschichte an, um die Geschichtsphilosophie zu retten, und bietet dabei (mitunter etwas sperrig zu lesende) Einblicke in die Geschichte des Fortschritts, der Globalisierung, der Technikphilosophie von 1750 bis 2000 (via Untoter Ostgote).

Links (03.06.2012)

Kathrin Göring-Eckhardt hat in der Zeit mit Giovanni di Lorenzo und Frank Schirrmacher die beiden wohl derzeit maßgeblichsten Journalisten zum Gespräch über Politik, Internet und Öffentlichkeit gebeten.

Andrian Kreye, ebenfalls kein unbedeutender Journalist, hat einen desillusionierten Text zum Internet geschrieben: zu den religiösen Zügen der Technologie-Euphorie, zu Assange, Liquid Democrazy und Singularity.

Und Carlo Rovelli macht sich Gedanken darüber, warum die Quantenphysik in den vergangenen Jahren nicht so recht voran gekommen ist, hat aber eigentlich einen wirklich großartigen Text über das Denken geschrieben.

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