Monatsarchiv für Juli 2012

 
 

Verstand ist etwas für Anfänger

“Es folgt die Geschichte von meinem Verstand - wie er mir abhanden kam und wie ich ihn dann wiederfand.”

Mit bestem Dank an Ben Barks, der mich daran erinnert hat, der Fluss zu sein und nicht das Floß.

Menschen als Microcontent

Christoph Kappes hat auf Twitter einen Schnappschuss herumgereicht, der eine Figur mit einer Kamera als Kopf zeigt. Das Ding hat ihn an google glasses (siehe Video unten) erinnert, aber genauso gut hätte er auch darauf hinweisen können, dass das Kameraauge schon immer ein Sinnbild der Technisierung der Wahrnehmung war.

Alfred Nordmann beschreibt das in seiner einführenden Technikphilosophie so:

Die Kamera, das Kameraauge markiert das Reflexivwerden der Technik, ein technisches Auge, das die technisierte Welt in den Blick nimmt. (…) Die Kamera markiert womöglich den letzten Schritt in der fortschreitenden Geschichte unserer Fortbewegungsmittel: Jetzt haben nicht mehr nur unsere Gedanken Flügel, sondern auch unsere Wahrnehmungen. (…)

Ich gehe zu Fuß, fahre mit der Kutsche, dann mit der Eisenbahn, dann mit dem Auto, dann fliege ich mit dem Flugzeug, und schließlich reise ich mit der Kamera (…) - sei es, dass ich einen Bericht im Fernsehen sehe, sei es, dass ich telekommunikativ oder telepräsent - “virtuell” - (…) (oder) physisch mit dem Kameraauge unterwegs bin. (…)

Damit stellt sich also die Frage, was an google glasses, an diesem “jeder macht jeden sehen” eigentlich neu ist und worauf es dabei ankommt. Christoph Kappes und Hans Hütt haben sich dafür auf die Formel panta rhei geeinigt - das Strömen ist also das Entscheidende. Dass alles immer überall ist, sofort und in Lichtgeschwindigkeit.

Und dieses von Raum und Zeit abgekoppelte Baden im Stream erinnert wiederum an das Global-Village-Konzept Marshall McLuhans und seine Implosionsthese:

McLuhan nennt das elektronische Zeitalter auch „Zeitalter der Implosion“. Das steht im Gegensatz zur Gutenberg-Galaxis als Zeitalter der „Explosion“, das diesen bekam, da Informationen sich nun im Raum ausbreiten konnten. Das Zeitalter der Implosion hingegen ist so bezeichnet, weil durch die Gleichzeitigkeit der Telegrafie auch die Zeit keine Rolle mehr spielte, der Raum war nun implodiert, Informationen konnten nun ohne Zeitunterschied von Raum zu Raum transportiert werden.

Google glasses, als Massenhänomen gedacht, würde diese Gleichzeitigkeit und damit auch den Zwang unmittelbar spürbar machen, sich jederzeit mit Menschen und Dingen an den unterschiedlichsten Orten und Zeiten synchronisieren zu müssen.

Es wäre das Überschwappen von Wahrnehmungstechniken, die sich an den Screens herausgebildet haben, auf die Straße.

Die neuen Medien erfordern eine spezielle Synchronisationskompetenz, die darin besteht, gleichzeitig mit mehreren Zeiten umzugehen. (…) Neuartig ist die unmittelbare Wahrnehmung einer derartigen Gleichzeitigkeit. Was früher errechnet und koordiniert werden musste, wird nun zur sinnlichen Gewissheit,

schreibt dazu zum Beispiel Johannes Rohbeck.

Neu ist also nicht das Wissen um die gleichzeitige Ungleichzeitigkeit, sondern das Erleben derselben.

Das mag erst einmal ziemlich ungroovig sein, könnte aber einige interessante neue Perspektiven eröffnen: Es würde mich jedenfalls wundern, wenn es an den Menschen spurlos vorüber ginge, wenn die Gegensatzpaare “früher oder später”, “nah oder fern”, “klein oder groß”, “Mensch oder Ding”, etc. keine Bedeutung für die tagtägliche Informationsaufnahme hätten.

Dafür ist der Unterschied zu groß und der Weg zu weit: Im 18. Jahrhundert fingen die Gelehrten an, unterschiedliche Kulturen in Raum und Zeit miteinander zu vergleichen und wurden sich so des Phänomens der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit kultureller, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher Entwicklungszustände bewusst.

Mit google glasses kann jeder, der das möchte, jederzeit an jedem Ort unterschiedliche Micro-Kulturen (Menschen) beobachten.

(Als die Informationen entbündelt und Microcontent ins Internet gekippt wurden, kam das Konzept des menschlichen Filters auf, und die Empfehlungen von Freunden und Bekannten bestimmten zusehends, welche Informationen wir an uns heran lassen. Mit google glasses könnten ganze Milieus und Kulturen entbündelt werden und Menschen als Microcontent ausspucken - wenn wir die dann umgekehrt nach der Qualität der Informationen filtern, die sie bieten können, dann haben wir eine Aufmerksamkeitsökonomie geschaffen, die um einiges (ökonomisch) effizienter sein wird, als das, was uns heute in den Sozialen Netzwerken vorgesetzt wird.)

Tanzeinlage LVII

Ach ja, Sommer, wie hab ick Dir vermisst.

Bomba Estereo mit Reggaeton aus Kolumbien.

Zivilgesellschaft und Internet bei Windstärke 4

Ab Windstärke 4 bildet sich so langsam der weiße Schaum auf den Wellen eines Meeres aus, wenn sie vom Wind gepeitscht und von der Strömung massiert werden. Eine Schaumkrone bedarf also einer gewissen Unruhe, sonst denkt sie gar nicht daran, sich zu zeigen.

Die Öffentlichkeit ist wie die Schaumkrone der Demokratie. Sie entsteht genauso nur bei einer gewissen Unruhe, d.h. unterschiedliche Interessengruppen müssen erst einmal die Möglichkeit haben, sich öffentlich zu äußern, damit überhaupt so etwas wie eine Diskussion über entgegengesetzte Standpunkte entsteht. Ein solcher öffentlicher Diskursraum für möglichst viele gesellschaftliche Milieus ist unverzichtbar, um eine demokratische Ordnung lebendig zu erhalten.

Weil die klassischen Demokratieelemente wie Parlament und Parteien sowie etablierte Interessenverbände und Meinungsmedien die gesellschaftliche Wirklichkeit nur noch unzureichend abbildeten, wurde in den 1980er Jahren der Begriff Zivilgesellschaft aus der philosophischen Mottenkiste zurück in die Demokratiepraxis geholt.

Am nachdrücklichsten geschah das in den Staaten, die seinerzeit unter sowjetischer Herrschaft standen, Polen vor allem, aber auch die DDR. Im Realsozialismus ging es vor allem um Unfreiheit. Adam Michnik soll es einmal so formuliert haben, dass Zivilgesellschaft bedeute, dass die Gesellschaft sich selber entlang ihrer Konflikte, Partikularinteressen und unterschiedlichen Standpunkte organisieren und artikulieren könne.

Aber auch in der BRD erinnerte die “Zivilgesellschaft an die Selbstregulierung eines freien bürgerlichen Lebens als einer Ausnahme gegenüber den als immer übermächtiger empfundenen großen Systemen der bürokratisch-professionellen Politik und des dynamisierten Kapitalismus”, wie Paul Nolte in seinem jüngst erschienenem Abriss zur Geschichte und Gegenwart der Demokratie schreibt.

Nolte verortet die Vorläufer der Zivilgesellschaft in den Protestbewegungen nach 1945. Ihre Wurzeln liegen dabei aber nicht in den 1968er-Protesten, wie viele vielleicht annehmen, sondern gehen auf die großen Emanzipationsbewegungen zuvor zurück: auf den antikolonialen Widerstand Mahatma Gandhis und den Kampf der afro-amerikanischen Bevölkerung um Bürgerrechte in den USA unter Martin Luther King. In diesen Bewegungen entstanden Techniken der gewaltfreien Opposition gegen die herrschenden politischen Verhältnissen wie zum Beispiel Sitzblockaden, Sit-Ins, etc.

Insofern gibt es seit den 1970er-Jahren eine weltweite politische Bewegung, die die repräsentativen Strukturen der Demokratien um partizipatorische Elemente ergänzen will - und das Internet und seine Öffentlichkeit ist damit ein weiterer Baustein einer länger währenden Entwicklung, schreibt Nolte:

Alle Entwürfe der Zivilgesellschaft teilen (…) den Impuls der politischen Partizipation. Zivilgesellschaft, aktives Engagement und Demokratie gehören immer eng zusammen. (…) Nicht selten ist die Zivilgesellschaft geradezu identisch mit der Vorstellung von einer partizipatorischen Demokratie, welche die Bürgerinnen und Bürger unmittelbar, kontinuierlich und jenseits politischer Wahlen aktiv werden lässt.

Die Internetöffentlichkeit hat sich in den vergangenen Tagen gerne dafür gefeiert, mit den Protesten gegen das internationale Handelsabkommen Acta eine gesamteuropäische Öffentlichkeit aktiviert zu haben. Punktuell ist das nicht falsch, trotzdem ist der Weg zu der seit Jahren herbeigesehnten EU-Öffentlichkeit noch weiter, als vielen lieb sein kann.

Acta ist ein hochabstraktes Thema, und die Proteste betrafen ein Problem, das vor allem gut ausgebildete, internetaffine Leute betrifft. Angesichts der Tatsache, dass in einigen EU-Ländern die Zivilgesellschaft implodiert, wäre es also an der Zeit, dass solche Proteste häufiger auf die Beine gestellt werden - und zu Themen, die breitere Schichten der Bevölkerung direkt betreffen. In der politischen Krise, in der wir uns gegenwärtig befinden, brauchen wir eine funktionierende Zivilgesellschaft - mindestens bei Windstärke 4.

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