Monatsarchiv für August 2012

 
 

An Quantitäten orientiert

Nachtrag zum vorherigen Post: Das Berufsbild der nächsten Gesellschaft, das ich dort versucht habe, herauszuschälen, ist nicht ganz unbeeinflusst von einem Text im Washington Monthly, der neben der Digitalisierung (und damit Demokratisierung) der Hochschulbildung auch anschaulich beschreibt, wie die Start Up-Entrepreneure und Risikokapitalgeber im Silicon Valley ticken, woran sie sich orientieren.

Im Kern sind das der Glaube an die Macht der Daten in einer global gedachten Gesellschaft in einem global gedachten Markt: Es wird alles daran gemessen, ob es skalierbar ist. Und das Mittel der Umsetzung ist vorzugsweise die Plattform, die - weil virtuell und nicht physisch - mit vergleichsweise geringen Kosten aufgebaut werden kann. Das wiederum hat dazu geführt, dass die Kapitalgeber auf viele Pferde/Geschäftsmodelle zu setzen in der Lage sind (”iterate like crazy”) und dementsprechend viele Start Ups auf Venture Capital hoffen dürfen.

Sie sind wie gesagt die vanguards of their generations’ and our culture’s reorientation from lived to statistical experience.

Auf google plus schrub ich dazu:

Kevin Carey, Direktor des Education Policy Program der New America Foundation, hat im Washington Monthly einen #longread veröffentlicht, der das Wettrennen im Silicon Valley beschreibt, wer denn nun zuerst “the dominate higher education platform” bauen wird. Sind es doch die Elite-Universitäten mit ihren Onlinekursen for free, ist es Udacity oder Udemy oder Minerva oder gar Peter Thiel?

Sehr informativ, und nebenbei erklärt Carey auch noch, wie das Valley gerade tickt bzw. woraus es seine Motivation letztendlich bezieht: Es sind demnach

- der Fetisch der Skalierung
- und die Orientierung am Plattformgedanken

Skalierung:

scale is the oxygen feeding the combustible mix of money, ambition, and technology-driven transformation in the valley. Low margins, uncertain business models, limited marketing budgets—all of these limitations and more can be overcome by scale. And the rapid growth of mobile telecommunications technology means that the number of people in the world who are potential customers is quickly moving toward the number of people in the world.

Plattform:

Making a lot of money on the Internet tends to involve building platforms for electronic commerce. The great thing about it is that you don’t have to build thousands of different platforms that are physically located near your customers. You only have to build one. EBay? A platform for auctions and person-to-person sales. Amazon? First a platform for books and now for a great many other things. Craigslist is a platform for buying and selling things that are inherently local, like concert tickets, apartment rentals, used stereo equipment, and prostitutes. Netflix is a platform for buying and selling movie rentals, iTunes for music, the iPhone for apps. The platform builders are kings of the virtual universe. And, of course, Facebook: the social platform.

Facebook is different. Its pays nothing for the untold terabytes of valuable information exchanged on its platform. The users generate it themselves. It doesn’t pay for the telecommunications infrastructure needed to exchange information—that’s between users and giant telecoms like Verizon, Comcast, and AT&T. The only cost to Facebook is software development and data storage, which becomes ever cheaper as Moore’s law and its storage equivalents march on.

Diese beiden Gedanken zusammen genommen, zeigen, warum (neben health) gerade die akademische Bildung ein (ökonomisch) lohnendes Ziel der Digitalisierung sein könnte:

So the VC guys and the start-ups look at K-12 and higher education, which between them cost over $1 trillion per year in America, and much more around the world. They see businesses that are organized around communication between people and the exchange of information, two things that are increasingly happening over the Internet. Right now, nearly all of that communication and exchange happens on physical platforms—schools and colleges—that were built a long time ago. A huge amount of money is tied up in labor and business arrangements that depend on things staying that way. How likely are they to stay that way, in the long term?

Der Excelant

Nicht der Informatiker oder Hacker ist das emblematische Berufsbild der nächsten Gesellschaft, sondern der Excelant.

Der Excelant ist die Mainstreamversion des Informatikers/Hackers. Eine vermasste, oberflächliche Version eines Datenexperten.

Er durchdringt die Daten nicht, sondern benutzt sie lediglich. Nimmt sie aus der Black Box.

Der Excelant repräsentiert den Shift unserer Kultur von gelebter zu statistischer Erfahrung. Daten sind sexy, und jede Skalierung verspricht einen Höhepunkt. Im Beruf genauso wie am eigenen Körper.

Excelanten übertracken sich mit Daten und glauben an das Konzept des Quantified Self.

Es ist das alte, technikphilosophische Motiv der Entfremdung vom eigenen Ich, das bereits von Rousseau, Marx oder Heidegger verwendet wurde und jeder Abiturient aus dem Homo Faber von Max Frisch kennt:

Technik als Kniff, die Welt so einzurichten, dass wir sie nicht erleben müssen.

Aber die gelebte Erfahrung schläft nicht. Der Excelant wird ihr früher oder später zum Fraß vorgeworfen. Spätestens mit seinem Tod.

Meistens wirft er sich ihr aber zuvor selbst zum Fraß vor. Irgendwann. Will die Lust. Will den Schmerz. Will etwas spüren.

Irgendwas. Möglichst stark.

Ein Opfer.

small pieces loosely joined

Kolumnismus ist nicht die Lösung.

Das Internet hat Inhalte entbündelt und personalisiert. Und dabei heraus gekommen ist ein digitales Schimmern der Autorenschaft und der Kolumne.

Aber mit Kolumnen ist es so: Sie sind nicht skalierbar

In a world of functionally infinite content, relying on authorship doesn’t scale. We need people to mash things up, to point things out, to sample, to remix.

(Es ist zu heiß, um lang zu schreiben.)

Nachtrag:
Auf google plus hat sich eine Diskussion zu diesem Post entwickelt, die sich vor allem um die Zukunft der Autorenschaft dreht.

Machen wir uns nichts vor XLI

Wie bekommen wir das denn nun hin - eine digitale Öffentlichkeit, die diesen Namen auch verdient? Bekommen wir das überhaupt hin?

Markus Spath glaubt jedenfalls nicht, dass es ein abstraktes soziales gibt, das eine öffentlichkeit sucht und möchte nicht immer wie das Kaninchen auf die Schlange (bzw. GAFA: Google, Apple, Facebook und Amazon) schauen, denn

das soziale ist nicht die ursache für, sondern der effekt von webanwendungen. jede erfolgreiche plattform erzeugt ihr soziales objekt aus dem nichts. (es gibt kein ungebundes soziales, das an keine konkrete formation gebunden ist. sozial ist im web immer an eine konkrete formation gebunden.)

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