Monatsarchiv für März 2013

 
 

Netzöffentlichkeit: Wer sich klein macht, kann schlecht groß denken

Über die fehlende politische Schlagkraft der Netzgemeinde ist in den vergangenen Tagen mehr als genug geschrieben worden. Hans Hütt, von dem das unten stehende Zitat stammt, ist aber der einzige, der das Verständnis von Öffentlichkeit, das die Netzgemeinde mehr oder weniger bewusst mit sich herumschleppt, als Voraussetzung ihrer Bedeutungslosigkeit benannt hat.

Um nur drei Beispiele zu nennen:

1. Sie hat die Annahme, dass kleinteilige, fragmentierte Öffentlichkeiten wie auf Twitter grundsätzlich problematisch, minderwertig, nicht der Rede wert sind, widerspruchslos geschluckt und hält starrköpfig an alten massenmedialen Bewertungskonzepten wie Resonanz und Reichweite fest. (Long Tail? Ach was, gilt doch nur für Waren.)

2. Sie schluckt den turbokapitalistischen Dummbackenscheiß der googles und facebooks dieser Welt, ohne mit der Wimper zu zucken, und regt sich höchstens mal auf, wenn jemanden religionskritische Kommentare gelöscht werden. (Hey, Nicht etwa Taxi-Sixtus, sondern Google selbst soll während der Leistungsschutzrecht-Debatte Astroturfing betrieben haben - ach was, kann gar nicht sein, das sind doch die Guten.)

3. Sie ist theoretisch in der Steinzeit des Internets stehen geblieben und glaubt immer noch, dass der Shift von Institutionen zu Personen ihnen auf Dauer einen Vorteil verschaffen wird. In den USA sind sie da schon weiter und haben bemerkt, dass Personen nicht skalieren. Da wird an neuen Konzepten gebastelt. (Neue konzepte, wtf?)

Fazit:

Faktisch sind wir völlig irrelevant, ob wir dafür Hundekekse vorgesetzt bekommen oder nicht, ändert daran nichts. Diese Irrelevanz ist voraussetzungs- und folgenreich, nicht mit Geltungsansprüchen, Wortgefechten, Duell-gleichen Attacken, sondern infolge eines implizit gesetzten Verständnisses von Öffentlichkeit, das hier unter unseren Augen und unter Mitwirkung vieler Stimmen Gestalt annimmt.

Tanzeinlage LIX

Asta Nielsen tanzt einen Mann an - Szene aus ihrem ersten Film Afgrunden (1910).

Hinter dem Horizont

Nehmen wir einmal an, das Bewusstsein eines einzelnen Menschen wäre im Grunde das, was die Öffentlichkeit für viele Menschen ist: eine Technik, um sich mit anderen Menschen über das zu verständigen, was alle angeht. Nehmen wir also an, dass die Evolution uns ein individuelles Bewusstsein herbei entwickelt hat, damit wir zusammen mit anderen Menschen Herausforderungen in beidseitigem Einvernehmen und zu ebensolchem Nutzen meistern können.

Dann wäre das Bewusstsein ein Werkzeug der gegenseitigen Verständigung und eine ursprüngliche Form der Öffentlichkeit. Und Öffentlichkeit wäre eine Weiterentwicklung dessen: ein Produkt der kulturellen Evolution, das es den Menschen gestattet, über ihre biologischen Grenzen hinaus Millionen, ja Milliarden von Menschen in Gesellschaften mehr oder weniger identitätsstiftend zusammenzuhalten.

Öffentlichkeit wäre damit mit ihrer neuen digitalen Form nach einigen 1.000 Jahren dort angekommen, wo das Bewusstsein schon immer war: Die digitale Öffentlichkeit wäre die erste Öffentlichkeit, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne Bewusstsein dieses Planeten auch noch mit dem mächtigsten geisteskollektiven Knotenpunkt zu verknüpfen und Wirkung zu erzielen.

Die digitale Öffentlichkeit wäre also, um es kurz zu sagen, Weltöffentlichkeit.

Die elektronischen Medien (…) belegen, wie eng die öffentlichen Prozesse der Information und Kommunikation mit den Leistungen des Einzelbewusstseins verknüpft sind.

(Parafrisierung des Grundgedankens von Volker Gerhardt, Philosophie-Professor an der Berliner Humboldt-Uni, in seinem Buch Öffentlichkeit: Gerhardt weitet darin den Beobachtungshorizont für Öffentlichkeit weitest möglich aus und betrachtet den Menschen als Homo Publicus - als Lebewesen, das ohne Öffentlichkeit nicht überleben kann.)

Foto: Nordkap/Mark Jetzkowitz (Creative Commons)

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