Monatsarchiv für Mai 2013

 
 

Tanzeinlage LX


Lady Gaga ist ja gar nicht so beliebt, wie ich dachte - auch nicht bei Die Antwoort aus Südafrika.

(hey, ein Spruch, dat ist Metaphorik und Performance formerly known as Kunscht.)

Machen wir uns nichts vor XLV

Wenn sich beschleunigte Zeiten durch eins auszeichnen, dann durch eine Fülle von fesselnden Details, die den Einzelnen hypnotisch das Gesamtbild verschwinden lassen machen. In so einer historischen Situation ist es mitunter gut, sich heftig herauszuzoomen, förmlich vom Detailschlamassel zu dissoziieren um aus gehörigem Abstand mit genügend Popcorn und Neugier versorgt aus Bekanntem, Unbekanntem und 3 Schnurrhaaren ein unaufgeregtes, aber aufregendes Bild von allem zu machen.

Es gibt sie noch: Aphoristiker, die dem Manierismus unverdächtig sind. Siggi Becker zum Beispiel.

Profiling ist der gläserne Preis für die informationstechnische Freiheit des Einzelnen - und sei es für einen Twitter-Wetterbericht

Die digitale Öffentlichkeit ist die erste Öffentlichkeit, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne Bewusstsein dieses Planeten auch noch mit dem mächtigsten geisteskollektiven Knotenpunkt zu verknüpfen und Wirkung zu erzielen. Nicht nur für Stefan Heidenreich ist deshalb diese informationstechnische Freiheit des Einzelnen das entscheidend Neue im Web 2.0.

Heidenreich hielt auf der re:publica einen Vortrag zum Thema Netzwerkanalyse und politische Öffentlichkeit und berichtete dabei auch über ein Projekt, mit dem er sich gerade zusammen mit Kollegen, der Twitter-Kontextsuchmaschine Tame und der Unterstützung Twitters selbst vorgenommen hat, zur anstehenden Bundestagswahl eine Art politische Wetterprognose für die digitale Echtzeit-Anwendung zum Mikroblogging zu basteln. Der Vortrag wurde leider nicht per Video aufgezeichnet; immerhin gelang es aber Philip Banse, den Wissenschaftler und Medientheoretiker für dctp vor das Mikrophon zu bekommen.

Eine politische Wetterprognose für Twitter - das wäre ganz nach dem Geschmack der politischen Klasse, die natürlich auch mitbekommen hat, dass die Menschen, die das Internet bzw. Soziale Medien als Bestandteil ihres natürlichen Lebensraums betrachten, Fleisch gewordenes Stimmenpotential sind: Derzeit oszilliert dieses bekanntlich zwischen 10 Prozent (Piratenpartei im Zenit) und 20 Prozent (Grillo), zumindest in Westeuropa.

Nun stehen die Informatik und die Sozialwissenschaften bei der Entwicklung geeigneter Analyseverfahren für Netzwerke im Internet laut Heidenreich noch ganz am Anfang. Klar ist eigentlich nur, dass es etwas zu holen gibt, denn im Vergleich zu den herkömmlichen statistischen Verfahren ist es mit Netzwerkanalysen möglich, weit mehr über die Menschen zu erfahren: Jedes Nutzerprofil ist individuell und hat zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt eine ganz bestimmte Position im Netzwerk; das ist der gläserne Preis für die informationstechnische Freiheit des Einzelnen - und das macht das Profiling für unterschiedlichste Zwecke ebenso möglich wie attraktiv.

Heidenreich ist nun bei seinen Recherchen über mögliche Arten der Netzwerkanalyse für seine Zwecke an einem hochinteressanten Punkt angekommen: an dem Unterschied nämlich, ob man ein Netzwerk einfriert und in seiner Gänze sozusagen statisch betrachtet oder ob man sich auf die Veränderung desselben konzentriert und es ausschnittsweise im Zeitverlauf, also an den Stellen, wo Veränderungen stattfinden, analysiert.

Bei Heidenreich hat sich dabei inzwischen die Vermutung festgesetzt, dass die Dynamiken eines Netzwerkes spannender sind als das Netzwerk selbst: Nur bei einer dynamischen Netzwerkanalyse ist es vermutlich möglich zu beobachten, wie sich Informationen verbreiten, Meme bilden, Shitstorms und Informationskaskaden entstehen, etc.

Und wenn es richtig gut läuft, können daraus dann auch Prognosen entstehen, die voraussagen, welche Themen demnächst wichtig werden - und damit sind wir wieder beim Wetterbericht. (Ganz abgesehen davon, träumen natürlich viele Leute davon, einen Shitstorm vor seinem Entstehen zu identifizieren und dann auch nicht stattfinden zu lassen …)

Ein Wetterbericht für Twitter wäre also schon die hohe Schule, denn mit Stefan Heidenreich ist nicht die Aggregation von Informationen zu einem bestimmten Thema die eigentliche Schwierigkeit, sondern ihr qualitativer Umschlag: die Informationen sinnvoll zusammen zu stellen und die richtigen Schlüsse aus ihnen zu ziehen.

Placebo

Tipp an mich selbst: Öfter an diesen Spruch denken, wenn der Kopf mal wieder mit dunkler Materie angefüllt ist.

Monadenmenschen

Egon Friedell beschreibt in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit (1927 - 1931) das stark von den Gedanken Descartes bestimmte Weltbild des Barockzeitalters. Ähnlichkeiten zwischen den damaligen Monandenmenschen und heutigen Ichisten sind natürlich rein zufällig:

Der irrationalen Wirklichkeit hält der cartesianische Mensch sein magisches Koordinatenkreuz entgegen; und damit bannt er sie gleichsam in seine Gefolgschaft. (…)

Wie die Mathematik soll nun auch die Metaphysik aus unmittelbar durch sich selbst gewissen Prinzipien deduktiv ihre Sätze entwickeln. (…)

Nur die Mathematik hat die Möglichkeit, ihre Objekte in die letzten Bestandteile zu zerlegen, und nur sie ist imstande, an der Hand einer lückenlosen Kette von Beweisen und Schlüssen zu ihren letzten Erkenntnissen emporzusteigen. Im Grunde ist daher alles ein mathematisches Problem: die gesamte physische Welt, die uns umgibt, unser Geist, der sie aufnimmt, und sogar die Ethik. (…)

Kurz: alles ist ein Problem der Analysis, der analytischen Geometrie (…), der Kunst, Gesetz und Gestalt einer Sache zu finden, ohne hinzusehen: die Gleichung des Kreises, der Ellipse, der Parabel zu finden, ehe diese da sind, denn sie folgen ganz von selber aus der Gleichung, sie müssen folgen, logisch-mathematischen Gehorsam leisten. (…)

Da die Form in einem gewissen Grade erlernbar ist, so setzte sich damals die Ansicht fest, daß alles durch Fleiß und Studium erworben werden könne oder doch zumindest zum Gegenstand einer höchst bewußten, streng wissenschaftlich fundierten Virtuosität gemacht werden müsse. (…)

Die stärkste und wesentlichste Funktion des Verstandes besteht aber darin, daß er analysiert, und das heißt: auflöst, trennt, scheidet, isoliert. Und in der Tat kann man bemerken, dass es in jener Zeit eigentlich nur Individuen gibt. Die Menschen bilden untereinander bloße Aggregate, keine wirklichen Verbindungen.

Jeder war nur eine Welt für sich, aber eben eine Welt, ein Mikrokosmos. Das ganze Weltbild der Zeit ist ein Mosaik (…) aus unendlich kleinen Vorstellungen, und jeder Mensch ist eine Monade, in sich abgeschlossen, ohne Fenster (…).

Öffentlichkeit-Overloads und Total-Noise-Tsunamis

Für Lothar Müller markiert der 11. September 2001 den Durchbruch des Online-Journalismus. Alle, die damals halbwegs bei Bewusstsein waren, haben 9/11 in Echtzeit und damit auch den “Anfang vom Ende des Wettbewerbs um die rein temporale Aktualität” miterlebt, schreibt der Literaturwissenschaftler in seinem Essay zur Geschichte der Aktualität, der in der Aprilausgabe des Merkur erschienen ist. Online-Publikationen markieren, so Müller, den “Fluchtpunkt der größtmöglichen Annäherung von Ereignis und Nachricht”, mit denen weder Radio noch TV und schon gar nicht Zeitungen mithalten können.

Das ist seitdem vielfach bestätigt worden, und immer sind es große, häufig auch tragische Ereignisse (Terrorakte, Naturkatastrophen, politische Umwälzungen, Königshochzeiten, etc.), die das Interesse vieler Menschen auf sich ziehen und zeigen, dass die Online-Medien am äußersten Rand der Beschleunigungsskala angekommen sind.

Zuletzt haben wir das beim Bombenattentat erlebt, das während des Bostoner Marathons verübt wurde. Für den Wissenschaftsjournalisten James Gleick zeigt sich in der medialen Welle, die dieses Attentat auslöste, dass keine Grenzen mehr zwischen Cyberspace und realer Welt existieren: Die Massenmedien veröffentlichten fehlerhafte Meldungen unter dem Druck, schnell berichten zu müssen; die Polizei rief Twitterer dazu auf, nicht über ihre Aktionen zu posten, um zu verhindern, dass die Verdächtigen von diesen Informationen Gebrauch machten. Und die ganze Welt sah zu, wie sämtliche Einwohner der Stadt, sofern sie ein Handy in der Tasche hatten, für eine Berichterstattung in Echtzeit sorgten, mit der keine Institution und kein Massenmeidum mithalten konnte, schreibt Gleick:

We’ve entered the condition that David Foster Wallace called Total Noise: “the tsunami of available fact, context, and perspective.” (…) We’re starting to sense what may happen when everything is seen and everyone is connected.

Öffentlichkeit-Overloads solcher Art zeigen, dass gerade die traditionellen Massen-, aber auch die Online-Medien sich auf Dauer selbst schaden, wenn sie diesen “Wettbewerb um die rein temporale Aktualität” weiterführen. Lothar Müller spricht sich in seinem Essay dafür aus, ihn durch einen Wettstreit um “weiche Aktualität” zu ersetzen:

Die Formel dafür lautet: “nach einiger Zeit die beste Geschichte zu haben, die im Netz empfohlen, versendet, verlinkt wird.” (…) Darum ist die Zeitung im Printformat gegenüber der Fülle elektronischer Optionen nicht lediglich ein Mängelwesen. Für die aus ihren Produktionsbedingungen und ihrem Trägermedium resultierende Abgeschlossenheit werden sich in den Online-Formaten Entsprechungen bilden müssen, die sich der Abundanz (dem Überfluss) von Optionen entgegenstellen.

Sprich: Wir brauchen mehr und bessere Aggregatoren, um zu zeigen, dass die digitalen Öffentlichkeiten mehr zustande bringen als allein Extreme und Fluchtpunkte: fragmentierte Teilöffentlichkeiten auf der einen oder Öffentlichkeit-Overloads auf der anderen Seite der public sphere.

Links aus Mangel an Visionen/Internet und Postdemokratie

Wir brauchen wieder Visionen:

Visionslose Zeiten befördern ein Klima der Kontrolle, der Feindbilder und der regulatorischen Ansprüche. Gesellschaften wenden sich nach innen und suchen ihr Heil in der Verdichtung der Lebensregeln. (…)

Der bis in die entlegensten Randzonen öffentlich gewordene Planet erschöpft in den alt gewordenen Welten seine Energien auf Kosten einer Zukunft, die nicht deshalb nicht eintrifft, weil sie unbequem, ja gefährlich werden könnte. Visionen braucht die Epoche, Auferstehung täte not.

Ein Ostertext von NZZ-Feuilleton-Chef Martin Meyer.

Jean-François Lyotard hatte in Das postmoderne Wissen bereits 1979 (!) folgende Vision:

Die Öffentlichkeit müßte freien Zugang zu den Speichern und Datenbanken erhalten. (…) Denn die Spieleinsätze werden dann durch Erkenntnisse - oder, wenn man will, Informationen - konstituiert sein, und der Vorrat an Erkenntnissen, der der Vorrat der Sprache an möglichen Aussagen ist, ist unerschöpflich.

Diese Vision ist nach wie vor aktuell, obwohl die Formation einer globalen Netzwerkgesellschaft zu Macht- und damit Geldkonzentrationen geführt hat, die das Gegenteil befördern, wie zum Beispiel Markus Spath schreibt:

netzwerkeffekte (…) sind (…) zwar beachtlich (man denke an die ins immer absurdere abtriftenden unterschiede in den vermögensverhältnissen), aber nicht verwunderlich, die mathematischen modelle und prinzipien dahinter sind schon länger bekannt. ein in jedem fall von der gesellschaft zu behandelnder netzwerkeffekt ist, dass ‘gewinne’ in keiner relation mehr zu einer eigenen ‘leistung’ stehen, sondern eben nur effekte innerhalb einer statistischen verteilung sind. (…)

Historisch gesehen ist das äußerst problematisch, woran Ilja Trojanow erinnert:

Selbst wer den kausalen Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum leugnet, wird das historische Faktum nicht abstreiten können, dass materielle Ungleichheit zu sozialen Konflikten führt. Statt dies zu problematisieren, erklärt eine Armada von Analysten der Öffentlichkeit mit der Regelmäßigkeit einer Gelddruckmaschine, das Wohl der wenigen komme der Mehrheit zugute (der Trickle-Down-Effekt), eine Schutzbehauptung, die empirisch so eindeutig bewiesen ist wie die unbefleckte Empfängnis.

Das Problem ist, dass wir ist postdemokratischen Zuständen leben, in denen weder Politik noch Wirtschaft helfen können oder wollen; ja, inzwischen so untrennbar miteinander verwoben sind, dass die Gemengelage der Interessen gar nicht mehr zu unterscheiden ist, wie Henry Farrell beschreibt:

As one looks from business to state and from state to business again, it is increasingly difficult to say which is which. The result is a complex web of relationships that are subject neither to market discipline nor democratic control. Businesses become entangled with the state as both customer and as regulator. States grow increasingly reliant on business, to the point where they no longer know what to do without its advice. Responsibility and accountability evanesce into an endlessly proliferating maze of contracts and subcontracts.

Ob ausgerechnet das Internet unter diesen Umständen als “Öffentlichkeits- und Demokratisierungsinstrument” dienen kann, das sowohl vom Staat als auch von der Wirtschaft in die Zange genommen wird, ist so natürlich fraglich:

Die gesellschaftlichen Mechanismen, die eigentlich für einen Interessenausgleich und eine Beschränkung von Machtkonzentration sorgen sollten, funktionieren angesichts des doppelten Angriffs auf die Privatsphäre durch Staat und Internet-Großkonzerne nicht mehr.”

(Von Daten und Macht, Essay von Frank Rieger. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 15 und 16/2013 zum Thema Transparenz und Privatsphäre.)

Felix Stalder fragt zum Beispiel in diesem Zusammenhang:

Wie können wir sicherstellen, dass Community-Bereiche sich nach ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen entwickeln können, auch wenn starker Druck von außen, durch wirtschaftliche Ansprüche und endloses Security-Denken, auf allen Ebenen ausgeübt wird?

Und er antwortet sogleich:

Drei Dinge scheinen notwendig. Erstens, neue Gesetzgebung, die den Missbrauch der Macht durch deren Konzentration im Back End einschränkt. Zweitens, öffentlicher Zugang zu den Back End generierten Daten, oder zumindest deren Interoperabilität, um Monopole zu verhindern. Drittens, ökonomische Modelle, die es erlauben, die Dynamiken des Back Ends denen des Front Ends unterzuordnen (anstatt umgekehrt, wie es aktuell der Fall ist).

Noch grundsätzlicher wird Hans-Christian Voigt, der für die generelle Forderung auf gleichberechtigte Mitbestimmung bei der Regelung und Verwaltung des Internet plädoyiert:

Es bedarf der anerkannten und durchsetzbaren Teilhaberechte am Internet selbst. (…) Nur durch Rechte nicht allein auf sondern am Internet, wird Schutz vor staatlicher wie auch privatwirtschaftlicher Willkür, die Abwehr von Eingriffen in den geschützten Freiheitsbereich der Einzelnen abgesichert.

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