Monatsarchiv für Juni 2013

 
 

Die Welt als virtuelle Repräsentation

Die von der Natur erfundene Form von virtueller Realität ist das bewusste Erleben - ein Echtzeit-Weltmodell, das man als eine fortlaufende Online-Simulation sehen kann, die Organismen dabei hilft, auf elegante Weise mit der Welt und miteinander zu interagieren.

Das bewusste Erleben ist eine Schnittstelle, ein unsichtbares, perfektes inneres Medium, das einem Organismus erlaubt, auf flexible Weise mit sich selbst in Wechselwirkung zu treten. Es ist ein Kontrollinstrument, und funktioniert, indem es eine innere Benutzerschnittstelle erzeugt, eine ‘Als-ob’-(sprich: virtuelle) Realität. Es filtert Informationen, besitzt eine hohe Bandbreite, ist unmissverständlich, widerspruchsfrei und zuverlässig; und es erzeugt ein Gefühl der Anwesenheit. Und was noch wichtiger ist: Es generiert auch ein Selbstgefühl. (…)

Das Ego ist ein besonderer Teil dieser virtuellen Realität. Indem es ein inneres Bild des Organismus als Ganzem erzeugt, erlaubt es dem Organismus, sich seine eigene Hardware anzueignen. Es ist die Antwort der Evolution auf die Notwendigkeit, sich seine eigenen inneren und äußeren Handlungen zu erklären, das eigene Verhalten vorauszusagen und kritische Systemeigenschaften ständig zu überwachen. Schließlich erlaubt es dem System auch, die Geschichte seiner Handlungen innerlich als seine eigene Geschichte dazustellen. (…)

Wenn das virtuelle Selbst besonders gut funktioniert, wird der Organismus, der es benutzt, sich seines ‘Als-ob’-Wesens vollkommen unbewusst sein.

Thomas Metzinger behauptet, dass “das phänomenale Erleben aus der Erste-Person-Perspektive und das Erscheinen eines bewussten Selbst komplexe Formen von virtueller Realität sind.” (Aus: Thomas Metzinger - Der Ego-Tunnel.)

blogoscoop