Monatsarchiv für Juli 2013

 
 

Zugespitzte Zukunft und vermaledeite Intoleranz

Das Problem mit der Zukunft ist ja: Wenn sie erst einmal da ist, gibt es kein Zurück mehr. Aber Zukunft ist nicht gleich Zukunft: Auch sie hat eine Geschichte.

Seitdem die Menschen Zukunftskonzepte entwickelt haben, die auf “Wissen” und nicht auf “Glauben” (Mitte 18. Jahrhundert) beruhen, hat sich eines gezeigt: Wenn sich die Zeit zu beschleunigen und der Zukunftshorizont extrem zu verkürzen scheint - bis hin zur Erwartung einer nahen kosmischen, religiösen oder sozialen Katastrophe (Lucian Hölscher) - dann war die Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen Umbruchs immer auch besonders hoch.

Die Zukunft hat sich schon immer sowohl aus Prognosen als auch aus Utopien bzw. apokalyptischen Entwürfen zusammen gesetzt und pendelte stets zwischen diesen beiden Polen hin und her. Doch an dieser Stelle ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten: Während die Zahl der Prognosen ständig zunimmt und Sachzwänge produziert, wird über die Zukunft oder gar über Utopien so gut wie gar nicht mehr geredet.

Das Ergebnis ist ein gefährlich zugespitztes Entweder-Oder: entweder Bier oder Mate, Homöopathie oder Wissenschaft, Religion oder Freiheit, Menschlichkeit oder big data, offene Gesellschaft oder Überwachungsstaat, etc.

Das Ergebnis ist also kurz: Intoleranz, vermaledeite.

Das Individuum und die Freiheit

Für Georg Simmel gibt es zwei Formen des Individualismus: eine, die von der natürlichen Gleichheit der Menschen ausgeht, und eine, die deren Unterschiede betont. Die große Aufgabe der Zukunft sei eine Lebens- und Gesellschaftsverfassung, die eine positive Synthese der beiden Arten des Individualismus schaffe, schrieb er vor nunmehr 112 Jahren.

Auch im Netz gibt es theoretisch diese beiden Formen: die Aufmerksamkeitsökonomie und die Schwarmintelligenz. Wobei die Aufmerksamkeitsökonomie der Weisheit der Vielen langsam, aber sicher den Rang abzulaufen scheint. Das Dumme dabei ist nur, dass sie - einmal zur Maske erstarrt - sich selbst zu verspeisen droht.

(Ja, ich glaube tatsächlich, dass einseitig betriebene Aufmerksamkeitsökonomie eine Sackgasse und nicht die eigentliche Stärke des Internet ist (die ist eben doch Schwarmintelligenz, Weisheit der Vielen, Netzwerkeffekte oder wie immer man das nennen mag), sondern eine sonderbar riechende, Fleisch fressende Pflanze.)

Im Folgenden zitiere ich Simmel mit einem Extrakt aus seinem posthum erschienenen Essay-Fragment Das Individuum und die Freiheit:

Die italienische Renaissance hat das geschaffen, was wir Individualität nennen: die innere und äußere Gelöstheit des Einzelnen aus Gemeinschaftsformen. Das Individuum wollte auffallen, es wollte sich günstiger und beachtenswerter darstellen, als es in durchgehenden Formen möglich war.

Dieser Individualismus ließ in den Niederungen des Daseins so viele Unmöglichkeiten zurück, daß die Akkumulierung dieses Drucks noch einmal zu seiner Sprengung führte. Freiheit wird im 18. Jahrhundert zu der allgemeinen Forderung. In der Bedrücktheit durch Institutionen, die jedes innere Recht verloren hatten, entstand das Ideal der bloßen Freiheit des Individuums.

Der aufstrebende Individualismus hatte die natürliche Gleichheit der Individuen zur Grundlage. Das metaphysische Grundmotiv, das sich in der praktischen Forderung Freiheit und Gleichheit aussprach, war dies: daß der Wert jeder individuellen Gestaltung in ihr allein ruht, jeder einzelne Teil aber selbst bei völliger Unwiederholbarkeit seiner Form ein bloßer Schnittpunkt und auflösbares Zusammen allgemeiner Gesetze ist.

Dieser Individualitätsbegriff mündete nach der praktischen Richtung in den Laissez faire, laissez aller: Nachdem die prinzipielle Lösung des Individuums vollbracht war, wollen sich die Individuen auch voneinander unterscheiden: nicht mehr darauf, daß man überhaupt ein freier Einzelner ist, kommt es an, sondern daß man dieser bestimmte und unverwechselbare ist.

Sowohl dieser qualitative Individualismus des 19. Jahunderts als auch der numerische Individualismus des 18. Jahrhunderts streben in der modernen Kultur zur Ausgleichung: die Sehnsucht nach der selbständigen, in sich den Kosmos tragenden Persönlichkeit, deren Isolierung den großen Trost besitzt, in ihrem tiefsten persönlichen Kern allen anderen gleich zu sein; und die Sehnsucht nach der Unvergleichlichkeit des Einzig- und Anderssein, die für ihre Isolierung sich daran schadlos hält, daß nun jeder mit dem anderen ein Gut tauschen kann, das nur er besitzt und dessen Tausch beide in die Wechselwirkung organischer Glieder verwebt.

In der Ausgestaltung zu Wirtschaftsprinzipien hat das 19. Jahrhundert freilich beide zusammenwachsen lassen; denn ersichtlich ist die Lehre von Freiheit und Gleichheit die Grundlage der freien Konkurrenz, die der differentiellen Persönlichkeiten ist die Grundlage der Arbeitsteilung. Konkurrenz und Arbeitsteilung erscheinen so als die wirtschaftlichen Projizierungen der metaphysischen Aspekte des sozialen Individuums.

Das Opfer-Ich

Die ganzen Honks, die das Internet vollmeinen. Die Ichisten, die aus Egomanien in die Sozialen Netzwerke eingewandert sind. Die Aufmerksamkeitsökonomen, die ihr Qualia-Ich zum numeroiden skalieren wollen.

Sie opfern das Ich mit ihrem eigenen Fleisch. Die Diagnose lautet: autoaggressiver Narzissmus.

The Whole Earth

Meine Augen waren gestern im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Die Ausstellung: The Whole Earth. Das Thema laut Ausstellungstext: Im 20. Jahrhundert bricht die Welle der Expansion der westlichen Welt an der „Mauer des Pazifik“ (Lyotard) und schwappt zurück – in psychedelische Innenwelten, Phantasien von globaler Verständigung, kybernetischer Kontrolle und der Erlösung durch Technologie.

Es entsteht eine kulturelle Gegenbewegung, die sich inzwischen, rund 40 Jahre später, in den Köpfen der neuen, technokratischen Globalelite breit gemacht hat: mitsamt Ganzheitlichkeitsfetisch und Machbarkeitswahn. Von Kalifornien aus haben Technologien, Kulturtechniken und Bildökonomien die gesamte kapitalistische Welt erobert:

Dieser Internetpositivismus, dass man im Grunde genommen nur Wissen zugänglich machen muss und sich die Dinge dann von selbst erledigen, alles sich von selbst löst, das ist eine zentrale Idee (…). Eine Idee, die davon ausgeht, dass sie nicht ideologisch ist, sondern praktisch. Das ist genau der Punkt.

Am Anfang der Bewegung steht aber der Protest gegen eine andere, nicht weniger technokratische Elite, die aus der Industrie und den Massenmedien besteht:

Die 1950er Jahre standen in den USA im Schatten der nuklearen Bedrohung und des Ausbau des militärisch-industriellen Komplexes (…) Die Verbindung von Industrialisierung und Massenmedien hatte (…) zu einer auf Zwang zur Konformität aufgebauten, autoritären Gesellschaftsform geführt, die Differenz systematisch unterdrückte.

Der Trick der Gegenbewegung besteht nun darin, die Technologiefeindlichkeit zu überwinden und für ein neues Projekt einzuspannen: das Zeitalter globaler Planung.

Und das neue Zauberwort lautet: Information.

In den Wissenssystemen und der Technologie vollzog sich ein grundlegender Wandel. In dessen Zentrum standen die Informationstheorie, die Kybernetik und die Entwicklung der Computer. Information wurde zum vorherrschenden Realitätsprinzip.

Die Hoffnung war weitverbreitet, dass wissenschaftlicher Fortschritt und neue Technologien das alte, irrationale System rivalisierender Nationalstaaten bald ablösen und durch ein Zeitalter der technologisch-rationalen Kontrolle unterstellt werden könnte. Effizientes Management, nicht hierarchische Macht und Ideologie, lautete die Losung.

Überhaupt, die Kybernetik:

Die Kybernetik, die als Wissenschaft zwischen den Disziplinen angesiedelt war, wurde bis in die 1970er hinein zu einer neuen Art von Universalsprache. Auf den neuen begrifflichen Grundlagen von Information, Feedback und der Unterscheidung analog/digital wurde aus der Kybernetik eine universale Theorie der Regulation, Steuerung und Kontrolle, die für Lebewesen wie für Maschinen, für ökonomische wie für psychische Prozesse, für soziologische wie für ästhetische Phänomene zu gelten beanspruchte.

Und die Spieltheorie:

Die Spieltheorie wurde zur neuen Leitdisziplin der Modellierung von Wirklichkeit, speziell von Entscheidungssituationen. Was bestimmt “rationales” Verhalten in Konfliktsituationen, was bestimmt ökonomisches Verhalten?

The Whole Earth - das Konzept:

Es folgt eine historische Periode der symbolischen “Rückkehr zur Erde”, die aus kybernetischer Sicht gleichzeitig ein Prozess ist, bei dem wir Menschen lernen, uns immer schon als Teil von Systemen, als Knoten und Muster innerhalb von Energie- und Informationsströmen wahrzunehmen und innerhalb dieser zu agieren. (…) Die Menschen der westlichen Zivilisation, so ein weitverbreiteter, eng mit der Ökobewegung verbundener Glaube, müssen wieder lernen, sich in das als harmonisch und selbstregulierend vorgestellte Naturganze zu fügen.

Das Bild der ganzen Erde konnte natürlich niemals als Konzept ernst genommen werden, es war ein Bild, das alle möglichen Ideen, Utopien und Denkmöglichkeiten anregte. (…) Dass aber die Anrufung des gemeinsamen Interesses aller Menschen ohne gleichzeitige Anerkennung der politischen Ursachen ihrer Unter- und Geschiedenheit Ideologie bleiben muss, war nicht von Anfang an offensichtlich.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schien es vielen, als wäre die Vision der “einen Erde” in greifbare Nähe gerückt. Der neue universelle Diskurs der Globalisierung, des Netzwerks, des Austauschs, der Mobilität und der Kommunikation riss die alten Grenzen nieder. An die Stelle von Hierarchien und Ideologien schienen insbesondere in der New Economy neue, selbstregulierende und protodemokratische soziale Kollaborationen zu treten.

Viele der Ziele und Obsessionen der Counterculture kamen erfolgreich in der Mitte der Gesellschaft an - nicht zuletzt der Kult um das eigene Selbst:

Therapie und psychologische Selbstbeobachtung sind nicht mehr freiwillige Beschäftigungen (…), sondern notwendig, um im Arbeitsleben bestehen zu können. Von dieser in den letzten Jahren vielfach beschriebenen Entwicklung gibt es zwei Interpretationen. Die eine ist die pessimistische (…): Die Gegenkultur war nur eine Entwicklungsabteilung des Kapitalismus, die die kulturelle und immaterielle Produktion vorbereitet hat und zur Zerschlagung und Abwertung von Institutionen der alten Arbeiterbewegung beigetragen hat. Die andere ist weniger pessimistisch (…): Dieser Position zufolge stehen die weniger hierarchischen, immateriellen Arbeitsverhältnisse des Postfordismus zwar durchaus für ein neues Stadium kapitalistischer Wertschöpfung, sie stellen aber auch einen Fortschritt gegenüber fordistischer Industriearbeit dar.

Ritter von der traurigen Gestalt

Ob unseren Kindern in 20 Jahren erzählt wird, dass Edward Snowden ein purer Verräter oder der Initiator eines anthropologischen Befreiungsschlags war, ist noch nicht ausgemacht. Gemessen am Zustand der demokratischen Öffentlichkeit in Europa und den USA müssen wir aber befürchten, dass die letztere Variante die unwahrscheinlichere sein dürfte.

Ohnehin ist es zweifelhaft, ob es in Zukunft irre Erfolg versprechend sein wird, Whistleblowing in der Öffentlichkeit mit konkreten Personen zu verbinden. Snowden und auch Julian Assange sind Ritter von der traurigen Gestalt, die gegen machtvolle und intransparente Institutionen antreten, wie sie Kafka nicht besser hätte beschreiben können. So stehen dem individualisierten Idealismus (…) semi-anonyme Staatsapparate gegenüber, die nach vorgegebenen Regelwerken handeln - das Machtgefälle könnte also viel größer nicht sein.

Als solitärer Cryptohacker ist man dieser Maschinerie also ganz fix schutzlos ausgeliefert, wohingegen eine institutionalisierte Hydra-Organisationsstruktur eine solche mit potentiell zu köpfenden Redundanzen füttern könnte, bis sie unter Verstopfung leidet. Zumindest ist das eher vorstellbar, als auf einen Ritter zu hoffen, der ganz in weiß gekleidet ist.

Das glauben auch die politischen Eliten, wenn sie bei der Bewertung der weltweiten Proteste nach dem Grundsatz divide et impera vorgehen und vor allem deren Unterschiede betonen. Sie wissen: Die Zukunft der Proteste und die Frage, ob sie sich verstetigen und in eine konkrete politische Agenda gießen lassen können, hängt auch davon ab, ob sich bei den Demonstranten ein Common Sense für die Gemeinsamkeiten auf globalem Niveau erzeugen lässt. Selbst der Economist hat als eines der Leitorgane der Weltwirtschaftselite bereits festgestellt, dass die Proteste im Kontext einer sich institutionslos formierenden globalen Mittelklasse zu sehen sind.

Von einer Öffentlichkeit für diese globale Mittelklasse, in der ein solcher Common Sense entstehen könnte, sind wir allerdings noch weit entfernt. Schon die Politik scheitert derzeit vor allem daran, Probleme, die nach weltweiten Lösungen verlangen, mit nationalen Lösungen zu bekämpfen. Und die traditionellen Öffentlichkeiten der Massenmedien haben einen noch nationaler ausgerichteten Fokus als die Politik.

Im Vergleich dazu wird ja die digitale Öffentlichkeit gerne als erste wahre Welt-Öffentlichkeit gesehen, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne Bewusstsein dieses Planeten auch noch mit dem mächtigsten geisteskollektiven Knotenpunkt zu verknüpfen und Wirkung zu erzielen.

Doch bislang ist das lediglich Theorie. In der Praxis haben die personalisierten Netzwerkverknüpfungen der großen Sozialen Netzwerke, allen voran Facebook, noch nicht das Niveau der globalen Berichterstattung erreicht, wie es die Massenmedien bis vor wenigen Jahren hatten - in den Zeiten, in denen es für überregionale Zeitungen und Zeitschriften noch zum guten Ton gehörte, einen Stab an Auslandskorrespondenten zu beschäftigen.

Der Weg wird also kein leichter sein.

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