Monatsarchiv für September 2013

 
 

Diskurshäuflein mit Katzenjammer

Ok, die Bundestagswahl hat uns also gezeigt, dass Deutschland ein strukturkonservatives Land ist, die Verletzung bestehender Grundrechte von Seiten der Geheimdienste niemanden interessiert, der Weg zur digitalen Gesellschaft weit und die Netzpolitik mitsamt Piratenpartei am Ende ist, während die Netzgemeinde kein Schwein ernst nimmt und am Diskurstropf der Massenmedien hängt - ohne Einfluss und ohne Macht, geschweige denn Geld, um das zu ändern.

Kurz: Die Bundestagswahl hat uns nichts gebracht, was wir nicht schon vorher gewusst haben, mindestens aber hätten wissen können.

Das vorläufige Fazit lautet mit Sascha Lobo also: Die Bürger fürchten den Veggie-Day in der Firmenkantine mehr als die Totalüberwachung des Internets. (…) Das ist demokratisch zu akzeptieren, so schwer es fällt. Was nicht bedeuten darf, netz- und gesellschaftspolitisch zu resignieren, so schwer es fällt.

Nun sind in den vergangenen Tagen eine ganze Reihe von Gründen angeführt worden, warum es denn in aller Welt so weit kommen konnte. Streichen wir dabei allerdings jene, die die Schuld bei den allesamt pöhsen Wählern, Politikern und Medien suchen, scheint sich vor allem eine Lesart des Geschehens herauszuschälen: Es mangelt allem Anschein nach an einer anschaulichen Geschichte, die deutlich macht, dass es für alle bald ans Eingemachte gehen könnte, nicht nur für irgendwelche exotischen Asylsuchende, die auf Namen wie Assange oder Snowden hören.

So meint Felix Schwenzel: was fehlt, um die themen der netzpolitik, der freiheit und der grundrechte nach vorne zu bringen oder zu einem wahlentscheidenden thema zu machen, so wie vor 20 oder 30 jahren die umweltpolitik, ist nicht aufklärung oder bessere vermittlung, sondern emotionale aufladung. betroffenheit kann man kaum intellektuell erzeugen, sondern eher emotional oder dramatisch.

Na gut, wovon reden wir hier eigentlich? Doch offensichtlich nicht von Formen des Netz-Protestes, auch nicht von Forderungen an die Netz-Politik, sondern von den Möglichkeiten, den Netz-Diskurs zu beeinflussen und in den der Massenmedien einzupflanzen. Wir reden also über Öffentlichkeit im Internetzeitalter.

Felix Schwenzel hat natürlich seinen Punkt, wenn er sich an der Umweltbewegung orientiert und meint, dass das geringe Interesse an Netzthemen an den fehlenden Emotionen liegt, die nun einmal am besten über Personen und ihren Geschichten hervorzurufen sind. Wobei ich nicht glaube, dass wir unbedingt ein paar neue Opfer benötigen, die den Leuten in Deutschland näher stehen als Assange oder Snowden, damit sie endlich schlucken, dass das Thema sie sehr wohl betrifft bzw. ganz schnell betreffen könnte. Die Umweltbewegung inklusive der Klimadebatte hat Emotionen und Identifikation zwar auch über eine Personalisierung der Themen, aber nicht über Opfer, sondern eher über prominente Köpfe hinbekommen: Al Gores An Inconvenient Truth mag zum Beispiel kein guter Dokumentalfilm über die globale Erwärmung sein. Wichtig war aber, dass Gore seinen Promikopf für diesen Film hergab und dieser so erst seine Wirksamkeit entfalten konnte.

Personalisierungen und Prominente allein werden dem Netz-Diskurs bestimmt nicht zu mehr Durchschlagskraft verhelfen. Dafür müssten sich schon einige Strukturen und Voraussetzungen ändern: Kurz gesagt, müsste der Netz-Diskurs unabhängiger von den Massenmedien werden und gleichzeitig seine Kanäle in dieselben ausbauen. Auf Anhieb fallen mir dazu drei Baustellen ein, die die Netzmenschen durchaus aus eigener Kraft schaffen bzw. unterstützen könnten: die Reanimierung der Piratenpartei, die Schaffung einer eigenen Diskurs-Plattform und die Beseitigung der blinden Flecken im eigenen Denken.

Reanimierung der Piratenpartei: Es ist zwar nicht ganz klar, was aus der Piratenpartei nach dem desaströsen Ergebnis bei der Bundestagswahl werden wird. Das ändert aber nichts daran, dass da gerade eine Generation erwachsen wird, die viele Ansichten der Piraten teilt und den Anspruch hat, die Gesellschaft mitzugestalten. Da wir die Piraten nun einmal haben und sie so heißen, wie sie dummerweise heißen, ist es wahrscheinlich das beste, wenn sie überleben, aus ihren Fehlern lernen und wieder neu angreifen. Allerdings wird das mit Sicherheit nicht funktionieren, wenn ihre Basis die in der Öffentlichkeit stehenden, führenden Köpfe der Partei weiterhin mobbt und grillt und fertig macht. Anders formuliert: Die Piratenpartei muss endlich ihre Ablehnung gegenüber jeglichen repräsentativen Funktionen überwinden und zu einer Organisationsform finden, die diesen Namen auch verdient. Dann kann sie auch wieder über Online-Mitgliederversammlungen und Liquid Feedback nachdenken. Im Schwenzelschen Personalisierungssinne müsste man sich als Sahnehäubchen obendrauf dann eigentlich noch Marina Weisband als Parteivorsitzende wünschen - ob sie sich das persönlich wirklich antun möchte, kann ohnehin nur sie selbst beantworten; für die Partei wäre sie mit Sicherheit keine schlechte Lösung.

Schaffung einer eigenen Diskurs-Plattform: Das letzte netzaktivistische Projekt, das wenigstens versuchte, vom Diskurstropf der Massenmedien wegzukommen, war telepolis, bevor der Heise Verlag die Sense ansetzte und das Geld kürzte. Das ist in etwa zehn Jahre her. Momentan gibt es neben netzpolitik, der Plattform mit kruden Texten und technischem Zuschnitt für den männlichen Nerd, nur perlentaucher und carta, die von den Journalisten der Massenmedien regelmäßig gelesen und verwurstet werden. (Der Rest besteht aus twitter, vielleicht noch rivva sowie einzelnen Autoren - man könnte auch sagen: Sascha Lobo.) Nun ist der perlentaucher eher ein Aggregator als eine Diskurs-Plattform. Und carta ist zwar kein reiner Aggregator, aber hat sich zu einer Plattform entwickelt, die alles veröffentlicht, was irgendwie Aufmerksamkeit verspricht und dadurch völlig beliebig wirkt: carta hat inzwischen den Charme einer Sauna für alte Männer, in der selbst entkleidete Mspro-Textkörper eine jugendliche Aura verströmen. Was fehlt, ist also ein Aggregator mit einem klaren inhaltlichen Konzept, einem formidablen Algorithmus, der die wichtigen Texte im Netz zum Thema herausfischt, und einigen guten Leuten, die in der Lage sind, Themen sinnvoll zu clustern, weiterzuentwickeln und eine Community bei Laune zu halten. Dann käme die Aufmerksamkeit der Massenmedien von ganz allein, und die so genannte Netzgemeinde hätte eine neue publizistische Heimat.

Beseitigung der blinden Flecken im eigenen Denken: Es fällt auf, wie sehr viele Netzaktivisten der kalifornischen Ideologie anhängen, die neben den ganzen freiheitlichen und bürgerrechtlichen Idealen eben auch tief sitzende libertäre Elemente hat: die Ablehnung von staatlichen Institutionen, von Regulierung und Einmischung. Dieser Internetpositivismus, dass man im Grunde genommen nur Wissen zugänglich machen muss und sich die Dinge dann von selbst erledigen, alles sich von selbst löst, das ist eine zentrale Idee (…). Eine Idee, die davon ausgeht, dass sie nicht ideologisch ist, sondern praktisch. Das ist genau der Punkt. Nun gehen die Meinungen darüber, wie diese aus der kalifornischen Ideologie kommende Internet-Gegenkultur zu bewerten ist: Steht sie für ein neues Stadium kapitalistischer Wertschöpfung im positiven Sinne, für mehr Freiheit und mehr Selbstbestimmung des Einzelnen oder ist sie doch nur eine perfide agierende Entwicklungsabteilung des Kapitalismus, die die kulturelle und immaterielle Produktion vorbereitet und zur Zerschlagung und Abwertung von Institutionen der alten Arbeiterbewegung beigetragen hat? Um diese Frage zu beantworten, müsste die Internetszene nicht nur kritisch mit “dem Staat”, sondern auch mit “der Wirtschaft” umgehen, die heiligen Kühe (google, apple, etc.) schlachten, sich aus der geistigen Abhängigkeit von der Techindustrie befreien - und damit sich den eigenen Biasen stellen. Das würde Glaubwürdigkeit schaffen.

tl;dr: Ey Netzgemeinde, Du hast genug gejammert. Mach mal was.

100 Jahre Willy

Ein Zeitalter, zwei Geschichten: Das Jahr 1913 ist der Vorabend der Katastrophe zweier Weltkriege, und das illustriert uns auf der einen Seite Florian Illies, “der empfindsame Diagnostiker des Zeitgeistes”, in seinem Sachbuch-Bestseller “1913″ anhand des Geisteszustandes der schreibenden Köpfe und Eliten des beginnenden Zeitalters der Extreme (Eric Hobsbawm).

Doch damit hatte auf der anderen Seite das Leben des im nördlichen Harzvorland gelegenen Lochtum am 22. September 1913, dem Geburtstag meines Großvaters, wenig bis gar nichts zu tun. In diesem Leben der Landwirte und Handwerker, Mägde und Knechte, der kleinen Händler und dünnes Bier verkaufenden Gastronomen, in der allein der Dorfschullehrer und der evangelische Pastor mit einem Bildungspaket jenseits der wenigen Jahre Volksschule ausgestattet waren, gab es vor allem eines im Überfluss: harte körperliche Arbeit. Feinere Klamotten wurden nur zu Feier- und Festtagen angezogen, dafür genügte den Männern ein einziger Sonntagsanzug - selbst wenn die Hosenbeine über die Jahre ein wenig zu kurz gewaschen worden waren. (Wobei das nun folgende Foto wohl in den 1970er Jahren aufgenommen worden ist …)

Auch diese Generation der Arbeiter und Landleute sollte im nächsten Krieg verheizt werden - genau wie die Generation davor: Mein Großvater verlor seinen Vater vier Jahre nach seiner Geburt; 1917 wurde er Opfer eigener Artilleriegeschosse in der Nähe von Riga. Es kann gut sein, dass der Tod seines Vaters meinem Großvater später das Leben rettete. Denn die Nationalsozialisten schickten die Kriegswaisen in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs nicht an die Front. Das kam erst später. Hinzu kam, dass er bis Anfang der 1940er Jahre regelmäßig seinen Bauernhof bewirtschaften durfte, um die Ernte einbringen zu können: Gerste, Weizen, Roggen, Hafer und Zuckerrüben in der Hauptsache.

Als er dann an die Front musste, hatte er erneut Glück: In Frankreich geriet er bei einem Spähgang in die Gefangenschaft kanadischer Soldaten. Daraufhin wurde er nach England verschifft , wo er bis Ende der 1940er Jahre als kriegsgefangener Erntehelfer in einer Gruppe als politisch harmlos eingestufter Arbeiter der englischen Landwirtschaft dienen musste. Von den Engländern sprach er immer mit großem Respekt, wobei er darauf pochte, das die den verdammten Krieg angefangen hätten. Da war mein Großvater deutschnational, wie es sich für einen ordentlichen Bauern gehörte; ein Nazi hingegen war er nicht, und wenn er auch kaum über sie zu sprechen bereit war, so gab es jedoch keinen Zweifel, dass er sie verachtete.

In der Gefangenschaft lernte er vor allem zwei Dinge: Schach und die englische Sprache. Letzteres nutzte er, um als Mittelsmann mit den Engländern die informellen Geschäfte auszuhandeln, um auch einmal an eine Extraportion Fleisch, eine Flasche Schnaps oder Tabak heranzukommen. Als Nichtraucher schickte er die Rationen immer nachhause zu seinem Schwiegervater, der sehr gerne paffte - ich kann mich erinnern, dass meine Großmutter eine plattgedrückte Zigarre aufgehoben hatte. Sie war so dünn gepresst, dass sie in einen Briefumschlag passte. Nur so durfte man berechtigte Hoffnung hegen, dass der Brief auch ungeöffnet seinen Weg in den Harz fand.

Meine Großmutter (weiter oben auf dem Foto die zweite Frau von links) war die Tochter einer Dorflehrer- und Gastwirtfamilie, die aus Aspenstedt bei Halberstadt gekommen war, um sich ein Haus zu kaufen und den Gasthof Lampe (oben auf der Postkarte) aufzumachen - eine kleine, quirlige Frau, die anzupacken wusste und die er zu Kriegsbeginn geheiratet hatte. Sie bekamen noch während des Kriegsgeschehens eine Tochter: meine Mutter.

Als er dann einige Jahre nach Kriegsende wieder nach Lochtum durfte, hatte das Dorf dreimal so viele Einwohner; allein in seinem Haus wohnten zwei schlesische Flüchtlingsfamilien und ein katholischer Geistlicher, der die Angewohnheit hatte, beim Koten die Tür des Plumpsklos nie abzuschließen und so manchmal peinliche Situationen entstanden. Es gibt die Geschichte, dass diese Marotte des Gottesmannes meinen Großvater so nervte, dass er kurzerhand die Tür der Toilette aushängte und wegschloss. Der Geistliche behalf sich danach mit einem aufgespannten Regenschirm, um seine Würde zu bewahren.

Im Laufe der nächsten Jahre gab es viel Hunger und Arbeit, aber nach und nach wurden die Flüchtlinge auf dem Hof weniger, die Kühe gaben mehr Milch, weil sie ordentliches Futter bekamen, und die Pferde und Ochsen wurden langsam, aber sicher von den Treckern abgelöst. Nebenbei half er bei den großen Festen auf dem Trinkstand meiner Urgroßmutter mit und stand dann gerne oben auf dem Fassbrausewagen, um den Überblick zu behalten …

Ende der 1970er Jahre hörte er mit der Landwirtschaft auf und überließ meinem Vater sein Land. Für meine Mutter war als Bauerntochter auch 1964 ein Bauernsohn vorherbestimmt. Bauer heiratet Bäuerin, so war das üblich. Er selbst machte weiterhin das, was er immer gemacht hatte: vor dem Morgengrauen aufstehen und sich Arbeit suchen. Er funktionierte wie ein Uhrwerk, war knorrig, eigensinnig und wenn er zornig war, war seinem Blick schwer standzuhalten. Er nieste ohrenbetäubend, wenn er angetrunken war, und er war unerbittlich, wenn es um die Bewältigung solch überaus unangenehmer Arbeiten wie Unkraut aus Zuckerrübenfelder hacken ging. Er brachte sich nach der Gefangenschaft Französisch bei, behielt sein Englisch und las viel. Er teilte sich das Abo für eine lokale Tageszeitung mit seinem Freund und Nachbarn und akzeptierte, dass er derjenige war, der die Zeitung mit einem Tag Verspätung bekam. Er brachte mir und meinem Bruder Skat und Schach bei.

Das Ende war traurig: Überrascht vom unerwarteten Tod meiner Großmutter, verlor er langsam, aber sicher seinen Lebensmut. Er starb einige Jahre später im Alter von 86 Jahren.

Willy Lohmann hieß mein Großvater. Aber alle nannten ihn Wilhelm. Am Sonntag wäre er 100 Jahre alt geworden.

Aufmerksamkeitsökonomistenbias

Jeder Diskurs wird nicht zuletzt von seinen materiellen Grundlagen mitbestimmt - das ist auch bei Intellektuellen nicht anders, obwohl gerade sie ihre Legitimation gerne mit geistiger Unabhängigkeit begründet sehen wollen.

In den 1920er-Jahren war es zum Beispiel die Presse, die Schriftstellern und Privatgelehrten, die weder mit Verkaufszahlen noch mit Anstellungen im akademischen Betrieb ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, ein meist bescheidenes, aber eben doch ein Auskommen ermöglichte - Siegfried Kracauer, Karl Kraus, Joseph Roth, Georg Simmel und wie sie alle hießen.

Henry Farrell hat sich nun unter dieser Perspektive das Wirken einiger “Technologie-Intellektueller” angeschaut, die in Nordamerika einen nicht unwesentlichen Einfluss auf öffentliche Diskussionen haben, die sich um Internet, Digitalisierung und damit verbundenen gesellschaftlichen Wandel drehen.

Seine These: Die Tech-Intellektuellen blenden zentrale, unmittelbar mit der Netzwirtschaft zusammen hängende sozio-ökonomische Realitäten wie zum Beispiel die reality of skyrocketing political and economic inequality aus, da sie am Tropf der Aufmerksamkeitsökonomie hängen. Stattdessen pflegten sie ihre wachsweiche rhetoric about the Internet’s openness to new and wonderful things, so Farrell:

Technology debate relies tacitly or indirectly on the tech industry for many things: funding of conferences, support of fellowship positions, speaking engagements, a purchasing public for technology books. And this reliance manifests itself in the culture of argument. Nearly all prominent technology intellectuals (Siva Vaidhyanathan and Susan Crawford are honorable exceptions) share technology entrepreneurs’ conviction that business has a crucial role to play either in pushing back government to make room for market-driven entrepreneurialism (the libertarian version) or working together with government to make balky bureaucracy more publicly responsive (the liberal-leaning-toward-left version).

Die Gedanken sind frei. Nicht.

Wenn wir David Cains fiktives Interview mit “The Man” (= dem Prototypen des US-amerikanischen Groß-Arbeitgebers) einen Augenblick lang für bare Münze nehmen, dann hat die Wirtschaft in den USA die Mittelklasse da, wo sie jene haben will: mit protestantischem Arbeitsethos ausgestattet, sich mit wenigen Tagen Urlaub im Jahr zufrieden gebend, auf den Konsum fixiert und Hilfe für die Ärmeren ablehnend gegenüber stehend.

Later is when life will be great - das ist das Motto, das vor allem die Jüngeren bei der Stange hält und sie glauben lässt, dass sie diesem Hamsterrad früher oder später entkommen werden, wenn sie sich nur genug anstrengen. Und der Kitt, der das gesamte Verblendungswerk zusammen hält, ist die Angst, nicht mehr dazu zu gehören.

Diese Angst kennt nicht nur die US-amerikanische Mittelschicht, sie ist allgegenwärtig: Laut Saskia Sassen sind sämtliche Proteste, die wir in den vergangenen zwei Jahren auf dem Globus gesehen haben, im Grunde Aufstände der Mittelschicht - junger Menschen, die ahnen, dass life für sie aller Voraussicht nach eben nicht great wird, auch nicht later.

Es ist nur scheinbar paradox, dass all diese Aufstände sich gegen “den Staat” richten, obwohl doch gerade dem globalen Mittelstand nichts mehr Verdruss bereitet als staatliche Institutionen: Vom Staat wird nichts erwartet, und die Trennung zwischen Bürger und Staat erscheint einigen Kommentatoren nach Edward Snowden endgültig. Aber dennoch gehen die Leute, wenn sie auf die Straße gehen, gegen den Staat auf die Straße. Trotz allem gilt: Wer sonst könnte Rechte garantieren?

Und um diese Rechte gilt es zu kämpfen, denn der imperiale Wissensdurst der westlichen Geheimdienste hat inzwischen dazu geführt, dass selbst die Gedanken nicht mehr frei sein sollen: Das ultimative Ziel des Ausspionierens des gesamten Internet, von Überwachung und Analyse ist es, nicht nur herauszufinden, was gesagt und getan, sondern auch, was gedacht wird.

Das Problem dabei: Wer bestraft wird, bevor er handelt, kann niemals seine Unschuld beweisen, kann niemals zeigen, dass gerade er eben nicht, wie vorhergesagt, gehandelt hätte. (…) Die Verlockung der Vorhersage, gepaart mit der menschlichen Neigung, Ursachen zu sehen, die keine sind, machen Big Data in der Hand unzureichend kontrollierter staatlicher Organe zu einer Bedrohung unserer Gesellschaft. Dagegen war die Stasi ein Witz.

Mit Snowden kommt das vernetzte Individuum als kollektives Thema zum Vorschein, einer Gemeinschaft von Individuen auf sämtlichen Netzebenen (Manuel Castells). Es zeigt, dass abweichendes Verhalten per se verdächtig ist und (Chelsea Manning) hart bestraft wird, sofern es die gegebenen Machtstrukturen im Netzwerk nachhaltig stört - sei es durch den Eigensinn oder durch die Aufsässigkeit der Menschen, die sich ein eigenes Urteil erlauben. Und selbst durch die Entscheidung, diesen ganzen Kram komplett zu ignorieren, scheint niemand mehr sicher.

(tl;dr: Ohne Gedankenfreiheit kein freier Wille. Eat this endlich.)

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