Monatsarchiv für Januar 2014

 
 

Tanzeinlage LXIII

Hey, Tanzen ist ne Lebenseinstellung - Musik hin oder her. Mario Wienerroither weiß das und zieht eben die Musik aus Musikvideos heraus. Dann vertont er diese nachträglich, je nachdem was in den Videos zu sehen ist. Hier am Beispiel Jamiroquais Virtual Insanity (via Kottke).

Betr.: Debattenkultur in Deutschland

In Deutschland fehlt die Tradition einer höfischen Gesellschaft. Anders als in den westlichen Vorbildnationen Frankreich und England haben wir keine literarische Adelskultur, die auf Eleganz, Fasslichkeit und Einfachheit des Ausdrucks größten Wert legt. Statt des homme des lettres und des Gentleman haben wir den Bildungsbürger, der sich als Weltwisser und Gottsucher aufführt. Die Bildungsbürger kommen aus den Beamten-, Handwerker- und Pfarrerhaushalten, sie träumen davon, alles in sich zu begreifen, schaffen es aber nicht, im wirklichen Leben die Rolle und den Platz zu wechseln. Es fehlt der Hof, der einem Takt zumutet, Indirektheit abverlangt und Nüchternheit gebietet. Daher kommt der bildungsbürgerliche Zug ins Innerliche und Tiefe, Prinzipielle und Radikale ebenso wie ins Abseitige und Abstruse.

Aus: Heinz Bude: Bildungspanik.

NSA und American Empire aus der Sicht Herfried Münklers

Die Überwachungs- und Spionage-Affäre um den US-Geheimdienst NSA hat ein globales Ausmaß und deshalb dürfte sie auch nur global zu verstehen sein. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat sich zuletzt in mehreren Interviews unter Bezugnahme auf seine Imperialismus-Theorie zu der Affäre geäußert - und diese Sichtweise wirft durchaus ein anderes Licht auf die ganzen Umstände, die auf den ersten Blick so unverständlich erscheinen: warum die USA nicht bereit sind, auch nur einen Jota von ihrer weltweiten und verdachtsunabhängigen Überwachungspraxis abzuweichen, warum weder die Europäische Union noch die deutsche Bundesregierung daraus nennenswerte politische Konsequenzen zieht und warum sich trotz der durchaus hartnäckigen Berichterstattung zumindest einiger Massenmedien die Empörung der Bürger der westlichen Hemisphäre in Grenzen hält.

Es sei naheliegend, schrieb Münkler in der Neuen Zürcher Zeitung, dass

die Art der offenbar global angelegten Überwachung mit der imperialen Rolle und dem entsprechenden Selbstverständnis der «Supermacht» in Verbindung zu bringen. Nach wie vor nämlich sind die USA der Garant der globalen Ordnung; daran haben der Aufstieg Chinas und das Wiedererstarken Russlands nichts geändert. Beide verfolgen bloss ihre jeweils eigenen Interessen. Das tun die USA zweifellos auch, aber darüber hinaus stellen sie die Einhaltung der Regeln sicher, nach denen diese Interessenverfolgung stattfindet. Es sind amerikanische Regeln, und sie sind so angelegt, dass die USA keinen prinzipiellen Nachteil davon haben. Aber die Alternative dazu sind nicht andere Regeln, es ist vielmehr der Regelverlust.

In der tageszeitung gab er zu Protokoll, dass es sich bei der NSA um eine “technische Kontrollagentur” handele, die

ein wesentliches Element imperialer Macht [ist]. Darin sind Elemente ökonomischer, kultureller und politischer Macht gebündelt. Es geht dabei auch um die Frage, was im 21. Jahrhundert eine Waffe ist. Und was die Räume sind, die man kontrollieren muss, um Herrschaft auszuüben. (…) Sie können Spähstrategien als Kompensation für Kriegsstrategien verstehen. Wir könnten auch hämisch sagen: Das ist die wahre Humanisierung des Krieges.

Solange Deutschland und Europa spähtechnologisch von den USA abhängig bleiben, sieht Münkler keine realistischen Möglichkeiten, die US-amerikanische Regierung zu einem Kompromiss unter gleichberechtigten Partnern zu bewegen:

Wer mit den USA auf Augenhöhe reden will, müsste im Prinzip die Möglichkeiten haben, auch Herrn Obama abzuhören – jedenfalls solange die USA die Fähigkeit haben, Politik und Wirtschaft in Europa auszuspähen. (…) Nicht Deutschland allein, aber Europa insgesamt muss in zentralen Fragen strategische Ziele formulieren können, ein strategisches Bewusstsein und strategische Fähigkeiten entwickeln. Es wird im 21. Jahrhundert weltweit vier oder fünf handlungsfähige Mächte geben, und die Europäer sollten ein Interesse daran haben, dabei zu sein und nicht überall betteln gehen zu müssen.

Kurzformel

radikale Privatisierung des Öffentlichen + radikale Öffentlichkeit des Privaten - Konformismus = das Web als inwendig gestülpte Gesellschaft.

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