Monatsarchiv für Februar 2014

 
 

Machen wir uns nichts vor XLIX

Es ist eine Eigenart digitaler Technologie, dass jede Handlung, die wir durch sie und mit ihr ausführen, gleichzeitig auf zwei Ebenen stattfindet, auf der menschenlesbaren Ebene der Kommunikation und der maschinenlesbaren Ebene der Daten. (…) In der ersten Phase des Internets wurden nun alle Eigenschaften der Kommunikation extrem erweitert. (…) Flexible, einbeziehende, offene Strukturen, die bisher nur in kleinen Gruppen funktionierten, wurden auf viel größere übertragen. (…) Das Symbol der zweiten Phase ist nicht mehr die Community, sondern das Datencenter - eine Blackbox mit industriellen Dimensionen, kapitalintensiv, komplex und opak. (…) Es ermöglicht das “Profil”, das zunehmend bestimmt, wie wir uns durch Welt (offline und online) bewegen können, und es brachte den “großen Bruder” zurück, jene allwissende Obrigkeit, von der wir glaubten, wir hätten sie hinter uns gelassen. (…) Repression ist aber die Ausnahme. Mit großen, gut organisierten Datenmengen lassen sich Menschen steuern, ohne dass ihnen diese Steuerung bewusst wird. Die Polizei wird nur im Notfall, wenn alles andere versagt hat, losgeschickt. (…) In der Folge entsteht ein neues Machtgefälle zwischen denen, die Zugang zu den Daten und damit den entsprechenden Wissensvorsprung besitzen, und denen, die auf der Ebene der Kommunikation verharren müssen. Unterm Strich kommt heraus, dass zwar die Kommunikationsmöglichkeiten extrem ausgeweitet wurden, Kommunikation als solche aber an Bedeutung verliert. (…) Die Gewichtsverschiebung von der Kommunikation zu den Daten ist keineswegs auf das Internet beschränkt. In unseren zunehmend postdemokratischen Gesellschaften kommuniziert Macht nicht mehr, sie managt, möglichst ohne wahrgenommen zu werden.

Felix Stalder stellt Kommunikation gegen Daten und erklärt so, warum Öffentlichkeit zur Soap gemorpht ist.

Tanzeinlage LXIV

Reggie Watts - “Fuck Shit Stack” from Benjamin Dickinson on Vimeo.

Reggie Watts ist ein coole Sau, loves the concept of a woman and don´t give a fuck. (Außerdem ist er unheimlich lustig, obwohl er in Stuttgart geboren wurde.) Was will man mehr?

Facebook ist eine Stadt und Frösche platzen, wenn sie aufgeblasen werden

Jürgen Osterhammel unterscheidet in der Verwandlung der Welt, seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts, Verstädterung bzw. Urbanisierung von Industrialisierung und meint, es sei seinerzeit ein wahrlich globales Phänomen gewesen, dass es die Menschen in die Stadt zog. So schafften sie es, “Räume gesteigerter menschlicher Interaktion entstehen zu lassen, in denen Informationen schnell ausgetauscht und optimal genutzt und neues Wissen geschaffen werden konnte.”

Das geschah schon immer am intensivsten in den großen Städten: Babylon soll bereits 1700 v. Chr. 300.000 Einwohner gehabt haben, Rom 200 n. Chr. die erste Millionenstadt gewesen sein. Die Neuzeit erreichte in Gestalt von Peking die Millionengrenze erst wieder im späten 18. Jahrhundert. Seitdem ist die Urbanisierung anscheinend unaufhaltsam unterwegs wie allein der Vergleich der jeweils bevölkerungsreichsten Großstädte zwischen 1800 und 2010 zeigt:

Städte um 1800:

1. Peking (1 Mio.)
2. London
3. Kanton

Städte um 2000 (inkl. Ballungsräume):

1. Tokio (35 Mio.)
2. Mexiko City
3. New York

Urbanisierung bzw. Verstädterung verdichten und beschleunigen menschliche Gesellschaften und sorgen für neue Möglichkeiten, Erfahrungen und Abwechslung. Städte sind soziale Netzwerke. Und Soziale Netzwerke sind insofern auch wie Städte - auch wenn der Vergleich oberflächlich sein mag.

Ein Vergleich der derzeit größten Städte und der größten Sozialen Netzwerke auf dem Globus macht imo dennoch ganz offensichtlich: Da ist eine Macht herangewachsen, die sich ihrer selbst überhaupt noch nicht bewusst geworden ist:

Städte um 2000 (inkl. Ballungsräume):

1. Tokio (35 Mio.)
2. Mexiko City
3. New York

Soziale Netzwerke 2014:

1. Facebook (1 Mrd.)
2. Twitter
3. Google Plus

Im globalen Mikrokosmos Deutschland wird die Macht der Masse im Moment bevorzugt eingesetzt, um wahlweise Politiker oder Fernsehmoderatoren zu grillen. Aber das ist Kinderkram und erinnert mich an die bösen Jungs damals auf dem Spielplatz, die Frösche fingen, ihnen hinten Strohhalme reinsteckten und dorthinein bliesen, bis sie zerplatzten.

Die Macht der Masse ist aber viel viel größer, und der Sturm auf die Bastille ist bis heute das Sinnbild schlechthin für die Eliten geblieben, um sich immer daran zu erinnern, dass sie die Menschen fürchten und kontrollieren müssen.

Momentan haben ja ganz ähnlich wie im 19. Jahrhundert wieder einige Leute feuchte Träume, dass es Grundformeln einer sozialen Physik geben könnte, die eine von vorne bis hinten gelenkte Massengesellschaft ermöglichen.

Weiß nicht. Ich mochte Wahrscheinlichkeiten noch nie; deshalb setze ich auf schwarze Schwäne und die Kräfte menschlicher Entscheidungen, weil die immer so schön unlogisch sind.

Und überhaupt: Ich glaube an die Liebe. Das ist ja nun ein zutiefst irrationales Konzept, machen wir uns nichts vor.

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