Monatsarchiv für November 2014

 
 

Morphing Public Sphere

In dieser ganzen Kladderadatsch-Debatte um den Zustand des Journalismus und der politischen Öffentlichkeit gibt es vielleicht einen einzigen Lichtblick - und man sollte ja immer auch das Positive sehen: Bislang wurde dem Web und den Sozialen Netzen gerne der Status als fester Bestandteil der Öffentlichkeit gerne mal mit dem Hinweis abgesprochen, die Teilöffentlichkeiten dort seien zu klein, zu fraktal, zu zersplittert und zu sehr von privatem Mitteilungsmüll angefüllt, als dass sie irgendetwas Substantielles zur allgemeinen Meinungsbildung beizutragen hätten.

Nun aber kommen weder die Verlage noch die Feuilletonisten, die sich traditionell voller Hingabe und durchaus aus eigennützigen Motiven (Reputation, Deutungshoheit) um den Zustand der Öffentlichkeit sorgen, um das kommentierende Publikum mehr herum - und das (kommentierende) Publikum ist es ja, das hier mit den neuen Formen digitaler Öffentlichkeiten einen größeren Einfluss geltend macht, als dass bislang der Fall war.

Das war es dann aber auch schon mit den guten Nachrichten. Der Rest ist Fremdschämen: Die Journalisten verachten die Kommentatoren. Die Kommentatoren die Journalisten. Beide verachten die Verlage, wobei nur die Kommentatoren dies auszusprechen wagen. Und die Verlage: verachten die Welt, vor allem aber google.

Damit haben wir - kleiner geht es nicht - eine neue historische Situation, entstand doch im 18. Jahrhundert die Presselandschaft mit einem bis ins 21. Jahrhundert haltenden Pakt zwischen den Verlegern und dem Publikum: Erstere waren die Sachverwalter der letzteren, die auf diese Weise ihr wachsendes Bedürfnis an der Teilnahme am öffentlichen Leben befriedigen konnten. Und die Journalisten waren die Gatekeeper, die für das Funktionieren dieses Teilnahmesystems sorgten.

Dieser Pakt, so umstritten und fragil er immer war, er existiert nicht mehr.

Die Frage ist, wohin nun dieser Resonanzboden namens Öffentlichkeit morphen wird, der einmal durchaus mit Recht als nationale politische Öffentlichkeit bezeichnet wurde. Wahrscheinlich ist, dass er bestehen bleibt, aber weiter an Bedeutung verlieren wird.

Das läge imho aber weniger an pöbelnden Kommentatoren oder unfähigen Journalisten, eher schon an den Verlegern, die - eine These Wolfgang Blaus - immer noch nicht erkannt haben, dass nationale Öffentlichkeiten in einem zunehmend globalisierten Informationszeitalter keine Öffentlichkeiten mehr sind - sondern bestenfalls Interessenvertretungen für ein alterndes Klientel. (Bestimmt kein Zufall, dass in den vergangenen Tagen das Thema Europäische Öffentlichkeit wieder stärker in den Fokus gerückt ist.)

Zeitalter der Simulation

Das Zeitalter der Simulation wird überall eröffnet durch die Austauschbarkeit von ehemals sich widersprechenden oder dialektisch einander entgegengesetzten Begriffen: (…) die Austauschbarkeit des Schönen und Hässlichen in der Mode, der Linken und der Rechten in der Politik, des Wahren und des Falschen in allen Botschaften der Medien, des Nützlichen und Unnützlichen auf der Ebene der Gegenstände, der Natur und der Kultur auf allen Ebenen der Signifikation. Alle großen humanistischen Wertmaßstäbe, die sich einer ganzen Zivilisation moralischer, ästhetischer und praktischer Urteilsbildung verdanken, verschwinden aus unserem Bilder- und Zeichensystem. Alles wird unentscheidbar, das ist die charakteristische Wirkung der Herrschaft des Codes, die auf dem Prinzip der Neutralisierung und der Indifferenz beruht.

Jean Baudrillard (1982)

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