Im digitalen Fleischwolf: Ach, Adam!

Warum Adam Soboczynski sich mit seinem Artikel “Das Netz als Feind” blamiert hat.

Es gibt Ärzte, die keine Patienten mögen; Lehrer, die Schüler verachten; Vorgesetzte, die nach oben buckeln und unten treten; Verkäufer, die Kunden nicht mögen; Professoren, die Studenten für blöde halten, Staatsdiener, die Bürger gängeln; Politiker, die Wähler verkackeiern und und und.

Warum sollte es nicht auch Journalisten geben, die Leser nur dann toll finden, wenn sie die Schnauze halten? Ist doch ganz normal hierzulande.

Nur: Derzeit wird die Journaille an sich gerne mal durch den digitalen Fleischwolf gedreht, wenn einer ihrer Exponenten doch mal die Traute hat, seinen Vorbehalten freien Lauf zu lassen. Ich muss sagen: Schade, dass es nun ausgerechnet Adam Soboczynski trifft. Zurecht trifft. Denn eigentlich ist der Polski-Tango-Autor einer, den ich schätze. Mit seinem jüngsten Artikel in der Zeit, “Das Netz als Feind”, aber hat sich schlicht und ergreifend verhauen.

Soboczynski hat sich offenbar noch nicht damit abgefunden, dass auch bei der Zeit Leser Artikel kommentieren dürfen – und darüber hinaus auch von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Und so nahm er offenbar einen kritischen Leserkommentar zu einem seiner Artikel zum Anlass, diesem ganzen (aus seiner Sicht offenbar) egalitären Internetzmist in Bausch und Bogen zu verurteilen.

“Wurmfortsätze” seien die Kommentare zu Feuilletonartikeln typischerweise. “Antiintellektuelle Hetze” finde dort statt; Und “Unverstandenes” werde dort nicht als “Antrieb” begriffen, “Bildungs- und Konzentrationsdefizite zu beheben”.

Es zeigt sich recht deutlich, dass Soboczynski einen Internet-Führerschein gebrauchen könnte: Allein mit der Behauptung, das Internet kenne “kein Zusammenwirken von Texten unterschiedlichen Anspruchs und Zuschnitts zum höheren Ganzen”, würde er jedenfalls durch die theoretische Prüfung fallen.

(Gero von Randow hat – ebenfalls in der Zeit – den Artikel Soboczynski bereits in Gänze seziert. Es lohnt sich, auch diesen Artikel zu lesen.)

Es ist übrigens bezeichnend, dass Soboczynski folgenden Satz im Präsens geschrieben hat:

“Da der Intellektuelle aus der Mehrheitsdemokratie geistesaristokratisch herausragt, ist er der Einzige, der die Bedingungen der Staatsform, in der er lebt, zu reflektieren vermag.”

Da möchte man fragen: In welchem Jahrhundert lebst Du, Adam? Selbst im vergangenen gab es nicht allzu viele Intellektuelle (Havel vielleicht, oder Michnik), die sich von irgendeiner Staatsform “geistesaristokratisch” absetzten, geschweige denn von einer demokratischen. Aber im 21. Jahrhundert?

Soboczynski zitiert Adorno und Ortega y Gasset. Ich würde ihm als nächste Lektüre Bourdieux empfehlen. Vor allem die Passagen, in denen er Sprache als Herrschaftsinstrument beschreibt. Dann sähe er vielleicht, dass er einem Irrtum aufgesessen ist: “Der Intellektuelle” wird keineswegs “im Internet mit Hass verfolgt”. Es sind eher die Intellektuellen, die die so genannte Masse mit Hass betrachten und sich von ihr abgrenzen wollen – was ja nicht neu ist, wie Gero von Randow in seiner Entgegnung ganz richtig angemerkt hat.

Vor allem aber geht es im Internetz nicht um “das Diktat der Mehrheit”. Es geht vielmehr um Teilhabe. Oder um es mit Peter Kruse zu sagen:
Die Leute wollen Partizipation.”

Es wäre schade, wenn die Intellektuellen das nicht zu schätzen wüssten. Auch die selbst ernannten wie Adam Soboczynski.


 
 
 

2 Kommentare zu “Im digitalen Fleischwolf: Ach, Adam!”

  1. Thorstena » Ein wenig Balsam auf die Wunden
    2. Juni 2009 um 22:57

    [...] vor Vorurteilen und Ressentiments strotzte.  Das ist ein wenig Balsam auf die Wunden, die ihr die Soboczynskis und Welfings  in dieser Kontroverse zugefügt [...]

  2. Thorstena » Adam Soboczynski und die Antichambrierer
    22. Oktober 2009 um 18:22

    [...] Adam Soboczynski ist bereits im Frühjahr in den digitalen Fleischwolf geraten, als er in seinem Artikel “Das Netz als Feind” Leserkommentare zu [...]

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