(Zeitungs-)Papier: Auslaufmodell oder “neues Vinyl”?
Am (Zeitungs-)Papier scheiden sich die Geister: Einerseits wird das Ende der Zeitung im gedruckten Format prognostiziert, andererseits kann man sich das Frühstücksei ohne flankierende Blattlektüre kulturtechnisch noch nicht so recht vorstellen. Auf jeden Fall ist die Zukunft des Papiers als journalistisches Medium ein Thema, das die Gemüter bewegt. Und deshalb immer wieder gerne hervorgeholt wird.
So zum Beispiel von Marcel Weiß, der auf netzwertig.com forsch titelte: “In zehn Jahren gibt es keine Tageszeitungen mehr” und diese seine These mit einem veränderten Nutzerverhalten der jüngeren Generation (Online statt Print) sowie mit einer einfachen betriebswirtschaftlichen Überlegung begründet, die er in folgenden Viersatz gegossen hat:
“Wir halten fest:
1. Aufmerksamkeit geht online
2. Werbung folgt der Aufmerksamkeit, die Verteilung der Werbebudgets verschiebt sich
3. Die größte Einkommensquelle für Print fällt weg
4. Print wird unwiderruflich defizitär”
Nun mutet der Weißsche Artikel ein wenig wie die Essenz eines BWL-Seminars an und man möchte fragen, ob der netzwertig-Chefredakteur schon einmal davon gehört hat, dass Marktteilnehmer sich nicht unbedingt immer rational im Sinne monetärer Kosten-Nutzen-Rechnungen verhalten. Schließlich ist die Zeitung in gedruckter Form nicht nur ein kapitalistisches Einnahmeinstrument, sondern auch ein Kulturgut, das mit nicht ganz unwichtigen Entitäten wie Demokratie verknüpft ist. Aber, das muss man sagen, der Autor befindet sich in bester Gesellschaft, wie zum Beispiel die jüngste Jahrestagung des Netzwerks Recherche zeigte, auf der Leute wie Urs Gossweiler oder Stephan Weichert die gleiche These vertraten.
Den Gegenpart dieser Anschauung verkörperte Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung in seiner lesenswerten Tagungs-Eröffnungsrede, in der er daran erinnerte, dass Philip Meyer bereits 2004 mit seinem Buch “The Vanishing Newspaper” das Ende der Tageszeitungen (allerdings erst für das Jahr 2043) angekündigt habe, sich diese Prophezeiungen sich aber als ebenso falsch entpuppen könnten wie seinerzeit Francis Fukuyamas “Ende der Geschichte” nach dem Zusammenbruch des Kommunismus.
Nebenbei zog Prantl eine interessante historische Parallele zwischen der digitalen und der 1848er Revolution:
“Das Revolutionsjahr 1848 steht für einen politischen Lernprozess, der hunderttausende von Menschen einbezog und ihnen Möglichkeiten zur politischen Partizipation gab. 150 Jahre später bietet die digitale Revolution diese Möglichkeit wieder, in nie gekannter Dimension.
Anders gesagt: Blogs sind “mehr Demokratie”, bei allen Unwägbarkeiten. Blogs bergen die Chance zu einer neuen bürgerlichen Revolution. Soll da wirklich der professionelle Journalismus die Nase hochziehen, so wie es vor 150 Jahren die etablierten fürstlichen Herrschaften und die monarchischen Potentaten getan haben?”
Und später:
“Das Internet schlägt gar nichts kurz und klein. Das ist doch auch die Lehre aus jeder mediengeschichtlichen Revolution: Kein neues Medium hat je die alten Medien verdrängt. Es kommt zu Koexistenzen.”
Clay Shirky, dem man ja nun wirklich nicht unterstellen kann, in dieser Frage Traditionalist zu sein (siehe “Newspapers and Thinking the Unthinkable”), scheint den Braten auch zu riechen, als er neulich bei metaprinter auf eine Mail des Schriftstellers Dave Eggers stieß, der - wie Prantl - von der Möglichkeit einer Koexistenz von Print und Netz überzeugt ist. Shirky bewies jedenfalls seinen Sinn für eingängige Formulierungen und twitterte den Kommentar:
“Hipness alert: Paper Is The New Vinyl”
Wie dem auch sei, momentan scheint mir jedenfalls die Koexistenz-Variante diejenige zu sein, auf die zumindest einige der Zeitungsmacher setzen. So zum Beispiel Der Freitag mit Jakob Augstein, der ja bekanntlich nicht nur mit dem Guardian kooperiert, sondern sich auch am Geschäftsmodell des britischen Blattes orientiert, was er im folgenden Video etwas näher ausführt.

8. Juni 2009 um 20:42
“Schließlich ist die Zeitung in gedruckter Form nicht nur ein kapitalistisches Einnahmeinstrument, sondern auch ein Kulturgut, das mit nicht ganz unwichtigen Entitäten wie Demokratie verknüpft ist.”
Das was Du meinst, ist der Journalismus, nicht die papierne Zeitung.
Und die Koexistenz-These hört man auch immer wieder. Richtig wird sie davon nicht. Werde ich bei uns drüben wohl mal debunken müssen. :)
8. Juni 2009 um 20:54
Nein, Marcell, meine ich nicht. Ich meine nur, dass Du ein wenig vorschnell die “papierne Zeitung” abschreibst. Ich würde den Hinweis Prantls z.B. nicht einfach so wegwischen, dass historisch gesehen noch kein neues Medium ein älteres komplett weggewischt hat.
Bin jedenfalls gespannt auf Dein angekündigtes Koexistenz-Debunking!
8. Juni 2009 um 21:05
Übrigens: Sorry für die falsche Schreibweise Deines Namens - hab ich im Text korrigiert…
8. Juni 2009 um 21:29
Auf Papier gedruckte Nachrichten sind für Demokratien nicht wichtig. Journalismus schon. Man muss beides von einander trennen.
8. Juni 2009 um 21:43
Das mag sein, bedeutet aber nicht zwangsläufig das baldige Ende der Zeitungen.
1. Juli 2009 um 23:22
[...] Seite einen positiven Effekt: den Verzicht auf ideologisch eingefärbte Thesen wie den nahenden Tod des Papiers als journalistisches Trägermedium und stattdessen die Konzentration auf das Wesentliche: auf die [...]