Microcontent, Textatome und Zitationskartelle

So etwas wie Microcontent (beim Twittern) oder von mir aus auch “Mediumcontent” (beim Bloggen) gibt es wahrscheinlich, seitdem Menschen miteinander per Sprache kommunizieren. Aus ihrem Kontext gelöste, für sich selbst stehende Sprachbilder hießen früher nur anders (Schlagzeile, Slogan, Schlachtruf). Neu ist eher, dass sich der Verbreitungskreis von Microcontent ins Globale gesteigert hat (Internet) und in einem zuvor nicht erreichten Ausmaß schriftlich festgehalten wird - was die Sache wesentlich bedeutendsamer macht.

Twittern, Bloggen, Bookmarken, Taggen sind zwar neue Kommunikationswerkzeuge, wie und was dort aber geredet bzw. geschrieben wird, ist so neu nicht, würde ich also behaupten. Daran musste ich denken, als ich neulich im Blog HEAD.Z einen Beitrag Mandy Schiefners las, in dem sie Rolf Schulmeister zitierte. Schulmeister, Pädagogik-Professor und E-Learning-Experte im Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Uni Hamburg, ist durch seine Studie ”Gibt es eine Net Generation?” und der wissenschaftlich fundierten Verneinung dieser Frage so etwas wie der erhobene Zeigefinger der Sozialwissenschaften, wenn es um die zukünftige Rolle des Internets für die universitäre Lehre und Forschung geht.

Ganz in dieser (skeptischen) Rolle hat nun Schiefner Schulmeister wiedergegeben:

“Die Technik des RSS Feed, auf der das „social tagging“ beruht, bietet sichtlich Vorteile für den schnellen Zugriff auf Quellen und stellt eine effiziente Methode für die Vernetzung untereinander dar – aber diese Methode der Netzbildung hat aus sozialwissenschaftlicher Sicht auch Nachteile und birgt Risiken: Man liest die Gedankenschnipsel der Geistesverwandten in Weblogs und nimmt sich kaum noch Zeit für die umfangreichen Originale und die anspruchsvollen Monographien. Was auf diese Weise entsteht, das sind nicht wissenschaftliche Schulen wie ehedem, auch nicht echte Diskurszirkel, sondern Zitationskartelle. Neue Pseudotheorien und Mythen und Moden entstehen in einer Geschwindigkeit, der die Bildung des kritischen Geistes nicht zu folgen vermag.”

In den Kommentaren zu diesem Post steht ganz richtig, dass ja auch dieses Zitat aus dem Zusammenhang gerissen wurde und so die Gefahr besteht, über etwas zu urteilen, das man gar nicht richtig einordnen kann, wenn man dazu Stellung nimmt. Aber dennoch möchte man Schulmeister entgegnen, dass sich in seine Äußerung eventuell ein ideologischer Restbestand, ein Spritzer Kulturpessimismus eingeschlichen hat. Zitationskartelle - zugegebenermaßen eine außergewöhnliche Wortschöpfung - gab es ja wohl schon immer und überall. Bestimmt auch in der Mensa der Uni Hamburg, wenn sich die Gelehrten beim Gulasch die Textatome um die Ohren hauen, um ihre Belesenheit zu dokumentieren. Heisenberg? Unschärferelation! - Sarah Kirsch? Wiepersdorf! - Derrida? Differenz! Für diese Gespräche muss man keine Studien, kein gelehrtes Buch gelesen haben. Sie dienen auch nicht dem Erkenntnisgewinn, sondern sind nur der Kitt, der eine Community nun einmal zusammen hält, indem sie Gemeinsamkeiten stiften.

Ein schönes Beispiel von Microcontent, Zitationskartellen und Textatomen findet sich in Tolstois Krieg und Frieden, das nun wahrlich ein Werk der Weltliteratur ist. Da twittert die gehobene russische Gesellschaft des beginnenden 19. Jahrhunderts, was das Zeug hält, nur das der Ort des Gezwitschers nicht das Internet, sondern - der damaligen Zeit angemessen - der Salon ist. Meisterhaft führt uns Tolstoi da in den ersten 20, 30 Seiten des Romans in die Gesellschaft, ihre Rankünen und gesellschaftlichen Verflechtungen ein, indem er ein Soiree bei Anna Pawlowna Scherer beschreibt, “Hofdame und Vertraute der Kaiserin Maria Fjedorowna”. Ihr erster Follower/Gast ist der Fürst Wassilij, den sie bei Laune hält, indem sie verspricht, seinen Sohn mit einer reichen Jungfrau zu verkuppeln. Denn Fürst Wassilij hat weit reichende Kontakte, die weitere Follower/Gäste versprechen. Und die lassen auch nicht lange auf sich warten:

“Der Salon Anna Pawlownas begann sich allmählich zu füllen. Die angesehensten Persönlichkeiten Petersburg fanden sich ein. Es waren dies Menschen von verschiedenem Alter und Charakter. Und doch war die gesellschaftliche Sphäre, der sie angehörten, die gleiche.”

Und später:

“Der Abend bei Anna Pawlowna wurde lebhaft. Von allen Seiten schnurrten die Spindeln gleichmäßig und ununterbrochen. (…) (D)ie ganze Gesellschaft hatte sich in drei Gruppen geteilt. In der einen Gruppe, die vorwiegend aus Herren bestand, führte der Abbé das Wort; er war der Mittelpunkt. Zu der zweiten Gruppe, die von der Jugend gebildet war, gesellte sich auch die Prinzessin Elena, die Tochter des Fürsten Wassilij, und die hübsche, blühende, für ihr Alter nur etwas zu starke, kleine Fürstin Bolkonskaja. In der dritten Gruppe führten Montemart und Anna Pawlowna das Wort.” 

Abgesehen von dem ganzen technischen Brimborium, das vielen Kritikern (Schulmeister ist da ja nur ein Beispiel) die Sicht auf den wahren Sinn und Unsinn digitaler Kommunikationsarten zu nehmen scheint, sind die Textstellen ein super Beispiel für - sprechen wir es aus, so komisch es auch klingt - Twittern im 19. Jahrhundert. Ein wenig wie auf einer Party “mit schnellen mündlichen Nebenbei-Kommunikationen unter Leuten, die man mag und interessant findet” (Martin Lindner). Ob zukünftig weniger wissenschaftliche Studien gelesen und tiefschürfende “Diskurszirkel” entstehen werden, hängt eher von der Zahl der Studierenden und der Qualität der Lehre ab als vom Nutzergrad digitaler Kommunikationswerkzeuge, würde ich sagen.


 
 
 

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