Blockademeister Burda und Online-Geschäftsmodelle

Anfang des Jahres mutmaßten einige Auguren, dass 2009 blogosphärentechnisch langweilige zwölf Monate anstehen könnten. Aber dann folgten die Zensursula-Kampagne, der Aufstieg der Piratenpartei und die Wahlen und anschließenden Proteste im Iran. Mit der Folge, dass derzeit niemand mehr ernsthaft an der wichtigen und wachsenden Rolle des Internets für politisch-gesellschaftliche Willensbildungsprozesse zweifelt. Dass gleichzeitig wieder einmal laut über Geschäftsmodelle für die so genannte Kreativindustrie im Internetzeitalter nachgedacht wird, dürfte damit zusammen hängen.

Vor einigen Wochen war ich noch geneigt, den Artikel John Naughtons im Guardian “Control freaks don’t get it: the web works best in a free-for-all” als, sagen wir: etwas aufgeplustert abzuhaken. Aber vielleicht ist doch etwas dran an dem Gedankenexperiment des Autors, die berühmte, gerade 50 Jahre alt gewordene These CP Snows von der Trennung der Geistes- und Naturwissenschaften in zwei sich entgegen stehende, miteinander konkurrierende Kulturen auf die Gegner und Befürworter von Internettechnologien anzuwenden:

“In our case, the gap is not between the humanities and the sciences but those who are obsessed with lock-down and control, on the one hand, and those who celebrate openness and unfettered creativity on the other. The odd thing is that one finds arts and scientific types on both sides of this divide. (…) The cultures have changed, but the problem remains.”

Blockieren oder Vereinnahmen - das sind also demnach die beiden vorherrschenden Strategien, mit denen dem Netz und seinen Technologien begegnet wird.  Deutlich wird das, wenn man sich zum Beispiel die Diskussionen anschaut, die sich um die Frage ranken, wie man Kreativität zukünftig noch bezahlen soll, wenn die Geschäftsmodelle, die das bislang gewährleistet haben, durch die kinderleichte Reproduzierbarkeit kreativer Produkte wie Videos oder Musiktitel den Bach runtergehen. (Marcel Weiß zum Beispiel hat sich neulich erst in aller Ausführlichkeit mit dem drohenden bürokratischen Monster einer “Kulturflatrate” auseinander gesetzt, die dem “kleinen Kreativen” mit Sicherheit nicht helfen würde.)

Der Blockademeister der Woche ist aber eindeutig Hubert Burda, der in seiner Funktion als Präsident des Verbandes der deutschen Zeitschriftenverleger ein Leistungsschutzrecht gefordert hat, “das, im Unterschied zum Urheberrecht der Autoren, die Rechte jener schützt, die die Werke der Autoren vermitteln.” Wovor oder vor wem Burda geschützt werden möchte, ist vor allem ein Unternehmen: Google. Ulrike Langer zum Beispiel beurteilt diesen Vorstoß Burdas folgendermaßen:

“Der Verleger ist nicht per se dagegen, dass Suchmaschinen Links zu Verlagsinhalten setzen. Dass Google dann aber den Löwenanteil an Werbeeinnahmen aus diesem Konstrukt erzielt und die Verlage im Internet “nur lousy Pennies” verdienen – das sind Burda, Springer und Co. nicht gewohnt. Denn zu Vor-Internetzeiten waren sie es, die Anzeigenflächen zu horrenden Preisen vermarkten konnten. (…)
Dass diese seligen Zeiten für immer vorbei sind, das wissen Hurbert (sic) Burda oder auch Matthias Döpfner nur zu gut. Genau deshalb gibt es ja diese in immer kürzen Abständen zu lesenden Meinungsbeiträge. Sie stehen fast immer auf den Feuilletonseiten und nicht im Wirtschaftsteil, denn es geht ja vordergründig um den Erhalt des Qualitätsjournalismus, und nicht um Besitzstandswahrung.”

(Nicht nur Ulrike Langer, auch Anja Seeliger (Perlentaucher) und Matthias Schwenk zum Beispiel haben lesenswert zu diesem Thema geschrieben.)

Nun ist es müßig darauf hinzuweisen, dass der Journalismus die vierte Gewalt im Staate sein sollte und nicht die Verlagshäuser. Fakt ist aber, dass die “Blockierer” die “Vereinnahmer” mit diesem Holzhammerargument unter Druck setzen, ihrerseits Lösungen für die Frage anzubieten, wie denn Online mehr Geld zu verdienen sei. Und insofern hat das vielleicht auf dieser Seite einen positiven Effekt: den Verzicht auf ideologisch eingefärbte Thesen wie den nahenden Tod des Papiers als journalistisches Trägermedium und stattdessen die Konzentration auf das Wesentliche: auf die Modelle, die funktionieren. (Siehe etwa diese Zusammenfassung von Geschäftsmodellen für Online-Journalismus.) David Schlesinger, Editor-in-Chief von Reuters News, hat das neulich prägnant formuliert:

“The only question I ask is: So what can we do to survive, or more fundamentally, to stay relevant? (…) I think the only path is to embrace the change and embrace the new. Longing for the ways of the past will not work.”

Ein Beispiel für ein erfolgreiches Geschäftsmodell, das in jüngster Zeit des öfteren herangezogen wurde, ist der Economist. Ausgerechnet Jeff Jarvis, der ja auch sagt, dass die Zukunft des Journalismus “jenseits der Druckerpresse” liege, führt die jüngsten Umsatzentwicklungen des britischen Freihandels- und Wirtschaftsblatt mit globaler Ausrichtung auf und erklärt den Economist zur erfolgreichen und wünschenswerten Anomalie des Internetzeitalters:

“In news, the Economist is the exception that proves the rules. It doesn’t have the individual voices and brands that succeed elsewhere on the internet; it has a single, institutional voice (but a charming one). In a sense, it’s a general-interest publication in the age of specialization (and every other general-interest product, from Time to the metro daily is failing). It has built a strong online product but it’s still not known for that; it’s a magazine (pardon me, newspaper) that still relies on and succeeds in print.”

Michael Hirschhorn hält sich im Atlantic etwas länger mit dem Economist auf und glaubt, dass die  Gründe für den Erfolg des Blattes vor allem in seiner Qualität liegen und in folgender Eigenschaft (oder sollte man Alleinstellungsmerkmal sagen?):

The Economist has reached its current level of influence and importance because it is, in every sense of the word, a true global digest for an age where the amount of undigested, undigestible information online continues to metastasize. And that´s a very good place to be in 2009.”


 
 
 

Ein Kommentar zu “Blockademeister Burda und Online-Geschäftsmodelle”

  1. Matthias Schwenk
    1. Juli 2009 um 23:49

    “Blockademeister der Woche”, den Begriff werde ich mir merken (müssen). ;-)

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